Die Warte des Tempels
Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 180/2 - Februar 2024

 

 

Hoffnung - das trutzige Dennoch des Glaubens - Karin Klingbeil

Werft euer Vertrauen nicht weg - Jörg Klingbeil

Ein spektakuläres Zeichen interreligiöser Toleranz im Nahen Osten - Jörg Klingbeil

Diskussionen um den Weltgebetstag 2024 - Jörg Klingbeil

Gaza - dicht besiedeltes Kriegsgebiet am Mittelmeer - Katja Dorothea Buck

Die Hamas - Religiöse Bewegung, polit. Partei, Terrorgruppe - Katja Dorothea Buck

An den Frieden glauben - Luise Rinser

Hoffnung - das trutzige Dennoch des Glaubens

Vergangene Woche traf der Gemeindebrief der Erlöserkirche Jerusalem Nr. 4, Dezember - Februar 2024, bei uns ein. Wir erhalten ihn regelmäßig im Austausch mit unserer »Warte«. Die ganze Ausgabe steht unter dem Thema, mit dem dieser Beitrag überschrieben ist: Hoffnung - das trutzige Dennoch des Glaubens. Eigentlich hatte diese Ausgabe ein Festjournal werden sollen, da ja die Begehung des 125jährigen Jubiläums der Erlöserkirche am Reformationstag, dem 31. Oktober, geplant war. Ein umfangreiches Festprogramm war geplant gewesen, der Geburtstag hatte fröhlich gefeiert werden sollen. Aber nach dem 7. Oktober, dem furchtbaren Angriff der Hamas, war nichts mehr möglich - fast nichts mehr.

Gemeindebrief der Erlöserkirche Jerusalem Nr. 4,
 Dezember - Februar 2024 (Quelle: Evangelisch in  Jerusalem)
Quelle: Evangelisch in Jerusalem

In ihrem Editorial schreibt die Pfarrerin Ines Fischer: »manch­mal gibt es keine Worte mehr für das, was geschehen ist. Die furchtbaren Massaker an Menschen aus Israel vom 7. Oktober gingen mit absoluter Menschenverachtung und grauenhaftem Vernichtungswillen einher. Jüdische und palästinensische Freun­dinnen und Freunde berichten uns, was diese Ereignisse in ihren Gemeinschaften in Israel, im Gazastreifen und im Westjordan­land für Auswirkungen haben. Die Traumata und Narrative der letzten Jahrzehnte verfestigten sich und sind schmerzhafter denn je. Ich merke, dass der Respekt vor jedem einzelnen Menschen­leben es mir verbietet, zu kontextualisieren. Vielmehr steht in diesen Tagen zuallererst die Solidarität mit all denen im Zentrum, die sich gegen Gewalt nicht wehren konnten und können oder in unmenschliche Situationen hinein gebracht wurden und wer­den.«

Die Wahl des Themas »Hoffnung« für diese Ausgabe hatte vor dem 7. Oktober stattgefunden, aber trotz der aktuellen Situa­tion, in der viele Menschen viel mehr Verzweiflung als Hoffnung spüren, war es wichtig, an die­sem Thema festzuhalten, weil sie auf dem »Trotzdem« gründet. Aber dieses »Trotzdem« müssen wir Menschen füllen, und Ines Fischer schließt: »Möge es eine gemeinsame Hoffnung geben, die uns in der Zukunft trägt. Mögen wir einander daran immer wieder erinnern und so auch zu einer Quelle werden, die anderen Kraft gibt. ...«

Zu Beginn schreibt Propst Joachim Lenz in seinem »Freundesbrief«: »Der Terror der Hamas am 7. Oktober hat in Israel einen Horror ausgelöst, der auch viele Wochen später in Gesprä­chen deutlich spürbar ist. Palästinenserinnen und Palästinenser sind von den furchtbaren Zahlen der Kriegsopfer zutiefst erschüttert. Inmitten zweier traumatisierter Völker leben wir.« Es herrsche eine Sprachlosigkeit im Land, die es oft sehr schwer oder sogar unmöglich ma­che, die bisherigen Kontakte zu pflegen - auch wenn sie bewährt und von Freundschaft und Respekt geprägt gewesen seien.

Und dennoch beschreibt der Propst, was an Außergewöhnlichem trotzdem um den 125. Ge­burtstag der Erlöserkirche geschah: am Sonntag vor dem Reformationstag kam der Benedikti­nerabt der Dormitio-Abtei als Gastprediger, ein Zeichen für die tragfähige Ökumene. Am Re­formationstag selber war der Anglikanische Erzbischof in Jerusalem, Dr. Hosam Naoum, ein­geladen, die Festpredigt zu halten - und er kam trotz des Krieges - und als nie vorher dagewe­senes Zeichen beschlossen er und der lutherische Bischof Sani Ibrahim Azar, die Abend­mahlsgemeinschaft gemeinsam zu vollziehen. Auch, dass außerdem der griechisch-orthodoxe Patriarch von Jerusalem, H.B. Theophilus III., ebenfalls an diesem Gottesdienst teilnahm und mit betete, hat es zuvor nie gegeben. So, meint der Propst, wurde zum Jubiläum der Erlöser­kirche zweimal Kirchengeschichte geschrieben - und war aus ökumenischer Sicht ein Leucht­feuer in schwieriger Zeit und ein Riesenschritt nach vorn.

Einen politischen Beitrag »Was gibt es da noch zu hoffen?« schrieb Georg Rössler, der seit 1988 in Jerusalem lebt und zum Gemeinderat der Erlöserkirche gehört. Er schaut zurück auf die ersten neun Monate des vergangenen Jahres, in denen die Regierung Netanjahu versuch­te, die israelische Demokratie zu einer Autokratie umzugestalten. Aber da sie, durch den über­wältigenden Wahlerfolg bestätigt, ihr Vorhaben einer Neutralisierung der israelischen Judikati­ve gleich zu Beginn der Regierung öffentlich ankündigte, war die israelische Öffentlichkeit recht­zeitig gewarnt. Nun erlebte Israel über neun Monate lang einen Aufstand der Zivilgesell­schaft, die verstanden hatte, dass es sich um eine grundsätzliche Veränderung der Demokra­tie in der israelischen Gesellschaft handelte. Für die landesweiten Massendemonstrationen von Millionen Menschen, die bei jedem Wetter auf die Straßen zogen, Geld spendeten, um die Kosten der Großveranstaltungen zu decken, gibt es in der Geschichte, in der Relation zur Bevölkerung Israels, keinen vergleichbaren Widerstand gegen eine Regierung.

In der Folge zog sich der zentrale Sponsor für das Kohelet-Forum, ideologische Basis der Regierungsreformen in Israel, zurück; es entstanden landesweite und internationale Netzwer­ke, hunderte Organisationen und tausende von Whats-App-Gruppen, die eine schnelle Mobili­sierung ermöglichten, außerdem konzentrierte sich alles auf ein Thema, nämlich den Schutz der unabhängigen israelischen Judikative.

Mit dem »legislativen Putsch« Netanjahus kam in der vorwiegend säkular-liberalen israeli­schen Gesellschaft ein Weckruf an, der sie einte und in ihr die Zuversicht entstehen ließ, dass Veränderung möglich ist. Der Autor ist der Meinung, dass in der Vergangenheit große Krisen - zumindest in Israel - immer wieder auch zu einer Aufbruchstimmung und einem Paradigmen­wechsel führten, zu der Möglichkeit, sich aus eingeübten Mustern zu befreien, etwas völlig Neues zu denken - und dann auch entstehen zu lassen. Er schließt mit folgendem Gedanken: »Das Heilige Land als historische Landbrücke war seit Beginn der Menschheitsgeschichte und mehr als jeder andere Raum auf dieser Welt durch Krieg und Konflikt bestimmt. Seine geopoli­tische Lage ist die Folie, auf der uns Glaubenserfahrungen von Menschen über einen Zeitraum von 3000 Jahren übermittelt werden. Es ist dieses umkämpfte Land, von dem dann auch die Vision eines unendlichen Friedens und einem Reich Gottes ausgeht. Der gegenwärtige Kon­flikt kann uns vielleicht diese Vision als das große Ziel der Menschheitsgeschichte erneut in Erinnerung rufen. Hoffen wir darauf.«

Auch die Feier zum 60. Geburtstag der christlichen Siedlung Nes Ammim, die ebenfalls im vergangenen Herbst gefeiert werden sollte, fiel wegen des Krieges aus. Nes Ammim, was übersetzt »Zeichen der Völker« (Jesaja 11,10) heißt, sollte nach den Schrecken des Nationalsozialismus ein Zeichen der Solidarität mit dem jüdischen Volk sein und der Beginn einer neuen Beziehung zwischen Christen und Juden. Die Festpredigt schrieb Pfarrer i.R. Dr. Rainer Stuhlmann, der von 2011 bis 2016 Studienleiter in Nes Ammim war. Sie ist ebenfalls im vorliegenden Heft abgedruckt unter dem Titel »Bleiben Sie zuversichtlich!« - jenem allabend­lichen Wunsch des Moderators Ingo Zamperoni, mit dem er die Tagesthemen beschließt. Für den Autor sind diese drei Worte das ganze Evangelium - mit einem leisen Trotz, einem Hauch von Protest und mit einem überraschenden, trostreichen Zuspruch nach all den schlechten Nachrichten des Tages.

Dabei ist »Zuversicht« eher ein doppeltes Widerwort: »Ein Widerwort gegen den Pessimis­mus, der glaubt, dass morgen alles noch schlechter wird als heute, und am Ende in Resigna­tion versinkt. Und ein Widerwort gegen den Optimismus, der das Böse bagatellisiert, schön redet oder verdrängt mit der naiven Erwartung, dass morgen alles besser wird als heute, und am Ende in untätiger Gemütlichkeit versinkt. Zuversicht - das ist die unaufgeregte Gelassen­heit, die sich auf Überraschungen gefasst macht und dabei Enttäuschungen in Kauf nimmt.« Dieser Betrachtung des Wortes »Zuversicht« folgt die Auslegung eines Textes aus dem Hebrä­erbrief »Werft eure Zuversicht nicht weg!« und dem Textabschnitt aus der Torah, 5. Mose 32,48-52, in dem es um das Ende des Zugs durch die Wüste geht.

Diese Kette von Passionsgeschichten, Um- und Irrwegen versteht das Judentum als fort­währende Rettung aus aussichtslosen Situationen. Dadurch wird das Vertrauen in Gott gestärkt, einen »Gott, der mitgeht, auch wenn seine Unsichtbarkeit und Unverfügbarkeit ihn oft in Frage stellen.« Diese Geschichten leugnen Leid und Unglück nicht, rücken aber das Schei­tern in das Licht des Gelingens, die von den unvorhersehbaren Überraschungen Gottes erzählen. Was wir aber daraus lernen können, ist, dass unsere Möglichkeiten begrenzt sind, dass wir in einer Welt voller Verwüstungen und Bruchstücken leben, derer wir nicht Herr werden können. Aber: »Wir müssen das Meer des Elends nicht ausschöpfen. Wir haben nur eine kleine Kelle in der Hand. Nur was wir in unseren Grenzen und Beschränkungen tun kön­nen, das sollen wir tun. Und das können wir tun, wenn wir uns von dem, was uns überfordert, nicht lähmen lassen.«

Dass Mose am Ende seiner langen Wanderung nur bis zum Berg Nebo kommt und das ge­lobte Land nur sehen darf, ist »das Lob des Unvollendeten. Die Bruchstücke des Lebens beja­hen. Das Unvollendete wahr sein zu lassen, Trümmer und Ruinen als ‚Aufforderung zum Auf­bau‘ statt als Katastrophe zu sehen. Das ist die große Lernaufgabe. Dazu gehören Schmer­zen: schmerzlich loslassen, Abschied nehmen, frei geben. Das ist immer wieder noch einmal zu lernen. Es ist die Kunst des Lebens. Zuversicht wächst aus dem Abschied vom Vollkom­menen und aus der Würdigung des Fragments.«

Beeindruckend auch der Beitrag von Maryléne Schultz, die ein Waisenhaus in Bethanien geleitet hat und auch Mitglied der Erlösergemeinde ist: »Hoffnung sind Worte und Taten«. Sie meint, dass wir hoffen können, hoffen müssen. Sie beschreibt ihr Privileg, palästinensische und jüdische Israelis zu kennen, die sich nicht scheuen gegen den Strom zu schwimmen, indem sie tätig werden - Hoffnung sind Worte und Taten. Einige dieser ihr bekannten Taten be­schreibt sie. So die sogenannten »Frauen in Schwarz«, die seit 1988 an Straßenkreuzungen oder Plätzen stehen, um so ihre Regierung darauf aufmerksam zu machen, dass die un­menschliche Besatzung des anderen Volkes aufhören muss. Das verlangen sie nicht nur um der Palästinenser willen, sondern damit ihre eigenen Söhne und Töchter nicht als ‚gehorsame Soldaten‘ jungen revoltierenden Palästinensern gegenüber gewalttätig werden. Eine Freundin nahm sie zum Einsatz einer anderen Gruppe von Aktivisten mit: im Süden von Hebron holte die Gruppe Tayoush aus einer Zisterne Unrat und Felsbrocken heraus. In der C-Zone, die 61% des besetzten Palästina umfasst, zerstört die Armee Wasserzisternen, um die dort lebende meist ländliche Bevölkerung von der israelischen Behörde abhängig zu machen, die die Was­serzufuhr verwaltet. Dadurch soll die seit Jahrhunderten dort lebende Bevölkerung zum ‚frei­willigen‘ Verlassen ihrer Wohnstätten, Gärten und Felder gezwungen werden. Würde diese Gruppe von israelischen Juden die Zisternen nicht wieder reparieren, gäbe es hier keine Pa­lä­stinenser mehr. Das ist schwere körperliche Arbeit; außerdem schützen diese Aktivisten Bauern und Hirten auf ihren eigenen Feldern - ohne sie würden sie von extremen Siedlern belästigt. Bedauernd stellt die Autorin fest, dass viel zu wenige Palästinenser wissen, dass es jüdische Israelis gibt, die aktiv sind und nicht viele Worte darüber verlieren.

Außerdem gibt es viele engagierte Menschen, Israelis und Palästinenser, die gemeinsam et­was bewegen wollen: die Hand-in-Hand-Schule, Neve Shalom, Break the Silence, Rabbis for Human Rights, die jedes Jahr bei der Olivenernte helfen, jüdische Frauen, die sich mit arabi­schen Frauen von ‚Women of the Sun‘ treffen; 2017 haben hunderte Frauen bei einem Treffen am Toten Meer ihre Regierung aufgefordert, Friedensinitiativen zu ergreifen. Dabei hindert die Mauer viele Palästinenser daran, mit Freunden in Israel zusammenzukommen. Beziehungen werden verhindert, aus Feinden können keine Freunde werden - sie werden zu Fremden, vor denen man sich fürchtet! Aber viele haben bereits verstanden, dass gute Beziehungen möglich sind, und so lange sich alle bewusst werden, dass es nur eine gemeinsame oder keine Zukunft gibt, besteht Hoffnung!

Aber viele Initiativen sind unterbrochen, wenn nicht sogar zerbrochen. Das Projekt Feelbeit, ein Kulturhaus an der Grenzlinie zwischen Ost und West in Jerusalem, hat israelische und pa­lästinensische Mitglieder, die versuchen, durch ein breites Spektrum künstlerischer Disziplinen - Musik, Theater und Film, digitale Kunst, Podcasts - Grenzen in Jerusalem zu überwinden. Sie empfangen Menschen und Gemeinschaften aus Jerusalem, Israel und der ganzen Welt, um einander kennenzulernen und sie an den einzigartigen kulturellen Veranstaltungen teilha­ben zu lassen. Wie es weitergehen soll/kann, ist völlig unklar ...

Alle Beiträge dieses Gemeindebriefes lassen den tiefen Schock der aktuellen Geschehnisse spüren, die völlige Hoffnungslosigkeit auslösten - wäre da nicht das trutzige Dennoch des Glaubens.

Karin Klingbeil

BIBELWORTE - KURZ BETRACHTET

Werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat

(Hebräer 10,35)

»Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser« lautet ein Sprichwort, das Lenin zugeschrieben wird. Viele können das nachvollziehen, denn es ist nicht immer angezeigt, anderen Menschen blind zu vertrauen. Oft genug liest man ja von Menschen, die Böses im Schilde führen. Deswegen schärfen wir auch unseren Kindern ein, nicht zu fremden Menschen ins Auto zu steigen, auch wenn diese freundlich aussehen und Süßigkeiten anbieten. Wir müssen ihnen erst beibringen, misstrauisch zu sein. Gerade kleine Kinder sind von Natur aus vertrauensselig und können sich gar nicht vorstellen, dass es jemand böse meinen könnte. Sie sind so voller Vertrauen, dass sie Misstrauen zunächst lernen müssen.

Bei uns Erwachsenen ist es häufig umgekehrt. Wir haben Misstrauen längst verinnerlicht. Telefonanrufe, die große Geldgewinne versprechen oder zu Kautionszahlungen wegen eines Unfalls naher Angehöriger auffordern, erkennen wir (hoffentlich) als plumpe Betrugsmasche, obwohl die Methoden erstaunlich erfolgreich sein sollen. Bei Bettlern auf der Straße arg­wöhnen wir, dass sie eine Notlage nur vortäuschen. Misstrauen ist vielfach so selbstverständ­lich geworden, dass es schwerfällt, anderen Menschen zu vertrauen. Hier müssen wir Ver­trauen wieder neu lernen, u.U. auch in Gott. Glauben wir wirklich uneingeschränkt, dass Gott es gut mit uns meint, auch wenn im Leben nicht alles gut läuft und wir Verluste und Schmerz erleben?

Der (unbekannte) Verfasser des Hebräerbriefes will seiner Gemeinde, die offenkundig im Glauben müde geworden ist, auch mit seiner Ermahnung Mut machen und sie zum Durchhal­ten ermuntern. Sie soll weiterhin auf die Heilszusage Gottes, wie sie sich in Jesus offenbart habe, vertrauen, sich aber zugleich in Geduld üben und so den Willen Gottes tun. Auf diese Wei­se werde sie schließlich das Verheißene empfangen.

Dass sich Vertrauen lohnen kann, zeigen übrigens auch wissenschaftliche Studien: Im All­tag brauchen wir Vertrauen, um überhaupt kooperieren zu können; es ist der Kitt für den Zu­sammenhalt der Gesellschaft. Zwar bestehe der Kern des Vertrauens aus Unsicherheit, denn wer vertraue, lasse sich auf eine risikoreiche Vorleistung ein. Die Einschätzung der Vertrau­enswürdigkeit anderer hänge dabei wesentlich von den eigenen Erfahrungen und der Offen­heit für neue Erfahrungen ab.

Forscher haben nun gezeigt, dass die Vertrauenswürdigkeit anderer regelmäßig unter­schätzt wird. Sie kommen daher - auch in Anbetracht moderner Arbeitsprozesse - in Umkeh­rung des Lenin-Zitats zu dem Schluss »Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser«. In Bezug auf Gott glaube ich ohnehin, dass uneingeschränktes Vertrauen immer angebracht ist.

Jörg Klingbeil

Ein spektakuläres Zeichen interreligiöser Toleranz im Nahen Osten

Während in Stuttgart das Projekt Haus Abraham unter dem Dach des Stuttgarter Lehrhauses zwar fortbesteht, aber ambitionierte Neubaupläne vorerst aufgegeben hat, ist in einem ande­ren Teil der Welt, in dem man es nicht unbedingt vermutet hätte, eine spektakuläre Umsetzung gelungen, über die mehrere überregionale Tageszeitungen berichteten. In Abu Dhabi, der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), ist am 1. März 2023 ein interreligiöser Neubaukomplex eingeweiht worden, der unter der Bezeichnung »Abrahamic Family House« eine einzigartige Mischung religiöser Kultstätten beherbergt. Darunter befindet sich mit der Moses-Maimonides-Synagoge die erste Synagoge, die seit 100 Jahren auf arabischem Boden errichtet wurde. Der orthodoxe Rabbi stammt aus den USA; seine Gottesdienste werden aber auch von konservativen und liberalen Juden besucht, zumeist sog. Expats aus westlichen Län­dern, die vorübergehend am Persischen Golf leben und arbeiten. In den sieben Emiraten der VAE gibt es schätzungsweise 3000 Juden, die meisten in Dubai, wo es aber keine Synagoge gibt. Neben den ca. 300 Angehörigen der eigenen Gemeinde kümmert sich Rabbi de Toledo in Abu Dhabi auch um die zahlreichen jüdischen Besucher aus aller Welt. Der Besucherstrom aus Israel ist zwar seit dem 7. Oktober 2023 abgerissen; inzwischen haben die meisten Fluggesellschaften ihre täglichen Passagier- und Frachtflüge zwischen Tel Aviv und den Emi­raten aber wieder aufgenommen. Besondere Sicherheitsvorkehrungen gibt es an der Synago­ge übrigens nicht; nur vor der Tiefgarage steht ein Streifenwagen.

Abrahamic Family House,
 Aufnahme vom November 2023 (Quelle: Wikimedia Commons)
Quelle: Wikimedia Commons

Neben der neuen Synagoge stehen auf dem Are­al des »Hauses der Abrahamitischen Familie« die ebenfalls neu errichtete Kirche des heiligen Franzis­kus und die neue Ahmad-al-Tayyib-Moschee, ferner ein Besucherzentrum, eine Bibliothek, ein Souvenir­laden und ein Café. Bis zu 7000 Besucher kommen jede Woche. Weit schweift der Blick über den an­schließenden Kulturdistrikt mit dem bereits 2017 fer­tiggestellten Louvre Abu Dhabi und den noch im Entstehen begriffenen und von internationalen Star­architekten entworfenen weiteren Museen, dem Za­yid-Nationalmuseum (Entwurf Norman Foster), dem Guggenheim-Museum (Entwurf Frank Gehry) und dem Naturkundemuseum.

Das kleine Emirat Abu Dhabi ist dabei, das Erbe früherer Zentren des religiös-kulturellen Lebens im Orient wie Kairo, Damaskus oder Bagdad anzutreten. Die Idee, jeweils ein Gottes­haus der drei abrahamitischen Religionen (Judentum, Christentum und Islam) in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander als Zeichen der religiösen Toleranz und der Weltoffenheit zu errichten, kam nach dem historischen Besuch von Papst Franziskus in den Emiraten im Jahr 2019 auf. Damals unterzeichneten der Papst und der sunnitische Großscheich der Al-Azhar-Universität (Kairo) ein »Dokument über die Brüderlichkeit aller Menschen für ein friedliches Zusammenleben in der Welt«. Darin wird betont, dass die Vielheit und die Verschiedenheit »in Bezug auf Religion, Hautfarbe, Geschlecht, Ethnie und Sprache einem weisen göttlichen Willen entsprechen, mit dem Gott die Welt erschaffen hat«, und dass »die Religionen niemals zum Krieg aufwiegeln und keine Gefühle des Hasses, der Feindseligkeit, des Extremismus wecken und auch nicht zur Gewalt oder zum Blutvergießen auffordern« dürfen. Unumstritten ist das Dokument nicht: Kritiker sehen Widersprüche etwa zwischen dem Bekenntnis zur gottgewollten Religionsvielfalt und dem christlichen Missionsbefehl oder den muslimischen Apostasiegesetzen, wonach der »Abfall vom Islam« mit der Todesstrafe zu ahnden ist - übri­gens auch in den Emiraten, wenngleich dort noch nie jemand aus diesem Grund hingerichtet wurde.

Verwirklicht wurde das »Haus der Abrahamiti­schen Familie« von dem ghanaisch-britischen Ar­chitekten Sir David Adjaye. Die drei Gotteshäuser sind aus demselben Material und haben exakt die gleichen Abmessungen; es sind Kuben von 30 Me­tern Länge, Breite und Höhe. Daneben steht jeweils eine 30 Meter hohe Stele mit einem Davidstern, ei­nem Kreuz und einem Halbmond - kein Gebäude soll das andere überragen. Die Kirche, die etwa 300 Plätze aufweist, ist in Richtung Osten zum Sonnen­aufgang ausgerichtet, die Synagoge (200 Plätze) nach Jerusalem und die Moschee für rund 320 Besucher nach Mekka. Es lohnt sich, die spektakuläre Architektur (innen wie außen) im Internet näher zu betrachten, beispielsweise auf der Homepage der Einrichtung selbst oder im größten deutschsprachigen Online-Architekturmagazin BauNetz.

Man mag einwenden, dass die drei Gotteshäuser quasi »aus der Retorte« sind und dass sie ihre Entstehung nur dem örtlichen Monarchen verdanken - nicht etwa einer gemeinsamen Initiative der ansässigen Religionsgemeinschaften. Sie sind aber dennoch ein hoffnungsvolles Zeichen religiöser Toleranz. So ist etwa der Rabbi Angestellter des Kulturministeriums der VAE, deren Staatsreligion der Islam ist. Für sein Gehalt und alle anderen Kosten zum Betrieb der neuen Synagoge kommt das muslimische Herrscherhaus von Abu Dhabi auf. Das ist in Zeiten der Bedrohung Israels durch islamistische Terroristen und des wachsenden Antisemitis­mus in vielen Teilen der Welt ein Zeichen der Versöhnung der drei monotheistischen Religio­nen, die zu einem gemeinsamen Stammvater namens Abraham bzw. Ibrahim aufschauen kön­nen. David Adjaye ist jedenfalls optimistisch: »Unsere Hoffnung ist, dass in diesen Gebäuden Menschen aller Glaubensrichtungen und aus allen Gesellschaftsschichten zusammenkom­men, von- und miteinander lernen und sich für eine Mission des friedlichen Miteinanders der kommenden Generationen engagieren.« Möge die weitere Entwicklung ihm recht geben und das Motto der Einrichtung »Diverse in our Faiths - Common in our Humanity - Together in Peace« mit Leben erfüllt werden.

Jörg Klingbeil

Diskussionen um den Weltgebetstag 2024

Am ersten Freitag im März findet schon seit fast 100 Jahren der Weltgebetstag der Frauen statt, in diesem Jahr also am 1. März. In jedem Jahr befasst sich die weltumspannende Ver­anstaltung mit der Lebenssituation von Frauen eines anderen Landes, das schon einige Jahre vorher ausgewählt wird. Christliche Frauen aus diesem Land wählen dann Texte, Gebete und Lieder für die weltweit stattfindenden Gottesdienste aus, die vor Ort von Frauen unterschied­licher christlicher Konfessionen weiter umgesetzt werden; allein in Deutschland besuchen Jahr für Jahr rund eine Million Menschen die Veranstaltungen rund um den Weltgebetstag. Die dabei gesammelten Spenden kommen vor allem Frauen- und Mädchenprojekten in aller Welt zugute. Die Verfasser der jährlichen Gottesdienstordnung greifen in ihrer Liturgie in der Regel die Situation in dem jeweiligen Schwerpunktland auf.

Weltgebetstag der Frauen am 1. März 2024 (Quelle: Weltgebetstag der Frauen - Deutsches Komitee e. V.)
Quelle: Weltgebetstag der Frauen - Deutsches Komitee

Das Schwerpunktland des Weltgebetstags der Frauen ist 2024 Palästina. Dementsprechend war auch die Liturgie von palästinensischen Christinnen erarbeitet worden, übrigens unter Federführung der palästinensischen Pastorin Sally Azar (vgl. Warte vom Februar 2023). Das Motto des Weltgebets­tages lautet » ...durch das Band des Friedens« (vgl. Epheser 4,3). Die Liturgie stieß allerdings nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 auf Kritik. So wurde in einem offenen Brief an die Generalsynode der EKD behauptet, die für den Weltgebetstag vorgesehenen Texte und Bilder würden Israel »dämoni­sieren«. Zuvor hatte bereits die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit die Orga­nisatoren aufgefordert, das bisherige Material zurückzuziehen und die Texte so zu überarbei­ten, dass sie »den Opfern des Gaza-Krieges gerecht« werden. Sie enthielten, soweit bisher bekannt, »falsche und tendenziöse politische Aussagen, die im Zusammenhang als antisemi­tisch zu klassifizieren« seien. Das Titelbild der Künstlerin Halima Aziz wurde daraufhin zurück­gezogen; der in Gaza aufgewachsenen jungen Künstlerin war vorgeworfen worden, sie habe sich nach den Anschlägen in sozialen Medien mit der Hamas solidarisch gezeigt.

Das deutsche Organisationskomitee kündigte außerdem eine Überarbeitung der Materialien an, stellte aber auch klar, dass es nicht um Zensur, sondern um eine andere Einordnung in den spezifisch deutschen historischen Zusammenhang gehe. Bereits vor dem 7. Oktober sei die Diskussion zu Palästina schwierig und teilweise polarisierend gewesen; die Kernfrage »Kann man für Palästina beten, ohne sich damit gegen Israel zu stellen?« habe man aber mit einem eindeutigen Ja beantwortet. Gleichzeitig habe man aber wegen der neuen Situation eine Überarbeitung der Gottesdienstordnung beschlossen. »Angesichts von Gewalt, Hass und Krieg in Israel und Palästina ist der Weltgebetstag mit seinem diesjährigen biblischen Motto aus dem Brief an die Gemeinde in Ephesus so wichtig wie nie zuvor«, erklärte die Vorsitzende des deutschen Organisationskomitees. »Der Terror der Hamas vom 7. Oktober jedoch und der Krieg in Gaza haben die Bereitschaft vieler Menschen in Deutschland weiter verringert, palästi­nensische Erfahrungen wahrzunehmen und gelten zu lassen. Die neuen Erläuterungen sollen dazu beitragen, die Worte der palästinensischen Christinnen trotz aller Spannungen hörbar zu machen.«

In der aktualisierten Version sollen nun z.B. die Fürbitten durch eine Bitte für alle, die seit dem Angriff in Israel und den palästinensischen Gebieten »in unvorstellbarem Ausmaß unter Terror, Not und Krieg und sexualisierter Gewalt leiden«, ergänzt werden. Außerdem werde auf die Zusammenarbeit von palästinensischen und israelischen Frauen in Friedensinitiativen hin­gewiesen. Die deutschen Organisatorinnen verschweigen nicht, dass es Differenzen mit ihren palästinensischen Partnerinnen und auch dem in den USA angesiedelten internationalen WGT-Komitee gegeben habe. Auf der deutschen Internetseite des Weltgebetstages ist in­zwischen ein Briefwechsel zwischen dem palästinensischen Organisationskomitee und dem deutschen Pendant veröffentlicht worden, um die unterschiedliche Sichtweise transparent zu machen. Außerdem wurden erläuternde Informationen zum Gaza-Krieg und zur Hamas aus der Feder der Tübinger Nahostexpertin und epd-Korrespondentin Katja Dorothea Buck, deren Artikel schon mehrfach auch in der Warte zu lesen waren, eingestellt, um den Organisations­teams Material für die schwierige Diskussion vor Ort an die Hand zu geben. Die Artikel zu den Themen »Gaza« und »Hamas« sind hier auch für unsere Leser angeschlossen.

Jörg Klingbeil

Gaza - dicht besiedeltes Kriegsgebiet am Mittelmeer

Der Gazastreifen (kurz: Gaza) ist ein dicht besiedeltes Küstengebiet, das formal palästinensi­sches Autonomiegebiet ist. Gaza-Stadt ist das namensgebende Zentrum dieses Gebiets. Sei­nen Namen und seine Form als schmaler Streifen hat er erst durch das Waffenstillstandsab­kommen nach dem Ersten Arabisch-Israelischen Krieg (1948/49) bekommen. Damals fanden in Gaza viele PalästinenserInnen Zuflucht, die aus ihren Dörfern und Häusern vertrieben wur­den. Noch heute sind mehr als die Hälfte der rund 2,3 Millionen Menschen Nachkommen der damaligen Flüchtlinge. Sie leben in den acht offiziellen Flüchtlingslagern in Gaza. Das ge­samte Gebiet zählt zu den am dichtesten besiedelten Gebieten der Welt.

Gaza ist etwa 40 km lang und zwischen sechs und 14 km breit. Mit 360 km² ist es etwa so groß wie München oder Bremen. Der gesamte Gazastreifen ist von seinen Nachbarn durch ei­ne Sperranlage in Form eines Zaunes getrennt, im Süden von Ägypten, im Osten und Norden von Israel. Das Mittelmeer im Westen wird von Israel kontrolliert. Die Bevölkerung ist bis auf wenige Christen (weniger als 1000) einheitlich sunnitisch-muslimisch.

Mit dem Waffenstillstandsabkommen 1949 zwischen dem jungen Staat Israel und seinen arabischen Nachbarn kam Gaza unter ägyptische Verwaltung. Nach dem Sechstagekrieg 1967 besetzte Israel den Gazastreifen genauso wie die Westbank, Ost-Jerusalem, den Sinai und die Golanhöhen. In Gaza begannen jüdische Siedler mit dem Bau von Siedlungen auf rund 40 Prozent des Territoriums, vor allem im Süden des Gaza-Streifens.

Ab 1994 (Gaza-Jericho-Abkommen im Rahmen der Osloer Friedensverhandlungen) stand der Gazastreifen überwiegend unter der Verwaltung der Palästinensischen Autonomiebehörde. Mit Ausbruch der zweiten Intifada im September 2000 kam es immer häufiger zu blutigen Aus­einandersetzungen zwischen israelischen Soldaten und Palästinensern. Auch wurde der Ga­zastreifen mehr und mehr zur Hochburg für den arabisch-islamischen Fundamentalismus der Hamas. 2005 zog Israel seine Soldaten aus Gaza ab und begann mit dem Abbau der 21 isra­elischen Siedlungen. Alle 8500 jüdischen Siedlerinnen und Siedler mussten das Gebiet ver­lassen.

Die Grenzen blieben unter der alleinigen Kontrolle Israels. Wer über die Grenze darf, be­stimmt die israelische Militärverwaltung. Auch welche Waren offiziell in den Gazastreifen ein­geführt werden dürfen, legt bis heute Israel fest, genauso wie es zu großen Teilen die Wasser- und Stromversorgung für die Bevölkerung in Gaza kontrolliert, sowie weite Bereich der Tele­kommunikation.

Anfang der 2000er Jahre entbrannte innerhalb Gazas der Kampf um die politische Macht zwischen der säkularen Fatah und der islamistischen Hamas, welchen die Hamas nach dem Wahlsieg 2006 und der Vertreibung der Fatah-Führer aus Gaza für sich entschied. Seit 2007 ist die Hamas die alleinherrschende Partei in Gaza.

Seit vielen Jahren beschießt die Hamas aus Gaza heraus israelische Städte mit sogenann­ten Qassam-Raketen, die nach Izz-ad-Din al-Qassam benannt sind, einem islamischen Geistli­chen, der sich Anfang des 20. Jahrhunderts massiv gegen die britische Kolonialmacht und den Zionismus stark machte. Die nach ihm benannten Raketen sind einfache Stahlkonstruktionen mit Sprengköpfen, die kein aktives Leitsystem haben. Obwohl sie technisch weit hinter moder­nen Waffensystemen liegen, können Qassam-Raketen ähnlich wie Splitterbomben vor allem bei Menschen schwere Verletzungen verursachen. In den letzten Jahren hat die Hamas mas­siv aufgerüstet und setzt gegen Israel auch modernere Raketen mit größerer Reichweite ein. Seit der Machtübernahme der Hamas 2006 hat es fünf Kriege mit Israel in Gaza gegeben. Der jetzige Krieg ist der blutigste überhaupt.

Katja Dorothea Buck

Die Hamas - Religiöse Bewegung, politische Partei, Terrorgruppe

Die Hamas entstand im Dezember 1987 zu Beginn des ersten palästinensischen Aufstands (Intifada). Das arabische Wort »Hamas« bedeutet »Eifer« und ist gleichzeitig die Abkürzung für »Harakat al-muqawama al-islamiya«, was wörtlich übersetzt »Bewegung des islamischen Widerstandes« heißt. Hervorgegangen ist die Hamas aus dem palästinensischen Zweig der Muslimbruderschaft, deren Ursprünge auf die Ideen des Ägypters Hassan al-Banna zurück­gehen. Dieser hatte als Reaktion auf die wirtschaftliche, politische und technologische Überle­genheit der westlichen Kolonialmächte 1928 die Bewegung unter dem Leitsatz »Der Islam ist die Lösung« ins Leben gerufen. Auf die Muslimbruderschaft gehen heute zahlreiche andere islamistische Gruppierungen weltweit zurück.

Von Anfang an trat die Hamas als Gegenpol zur Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) auf und wurde als solche von der israelischen Regierung geduldet und teilweise auch gestärkt mit dem Ziel, dass die beiden palästinensischen Autonomiegebiete Gaza und West­jordanland politisch unterschiedliche Wege gehen würden und nicht mehr mit einer Stimme sprechen können.

Für die Hamas ist die Palästinafrage eine religiöse Frage. Es geht ihr weniger um einen pa­lästinensischen Staat als vielmehr um einen islamischen Staat. Anders als die PLO erkennt die Hamas den Staat Israel nicht an. Auch lehnt sie Friedensverhandlungen mit Israel wie bei­spielsweise die Osloer Verträge Mitte der 1990er Jahre ab.

In ihrer Gründungscharta bezieht die Hamas sich immer wieder auf den Islam als solchen. In Artikel 4 heißt es beispielsweise »Die Islamische Widerstandsbewegung heißt jeden Muslim willkommen, der ihren Glauben annimmt.« Sie versteht sich als eine islamische Partei, als »ein Glied in der Kette des Dschihad in der Konfrontation mit der zionistischen Invasion.« (Art. 7) Gemeint ist damit, dass sie die gesamte islamische Welt in der Verantwortung sieht, Palästina von Israel zu befreien. Palästina ist für die Hamas ein »islamisches Waqf-Land«, also ein Land, das Gott den Muslimen zur treuhänderischen Verwaltung zum Wohle des Islam und der Muslime übermacht hat »bis zum Tage der Auferstehung« (zitiert nach Helga Baumgarten: Hamas - Der politische Islam in Palästina. München 2006). Ein Existenzrecht Israels ist auf dieser Grundlage ausgeschlossen.

Die Hamas propagiert offenen Antisemitismus. Sie unterscheidet nicht zwischen dem Staat Israel und »den Juden«. Beides gilt es zu eliminieren. Sie folgt dabei Verschwörungstheorien aus dem europäischen Antisemitismus wie zum Beispiel der Unterstellung, »die Juden« wür­den danach streben, materielle Reichtümer anzuhäufen, um so die internationalen Medien kontrollieren zu können und dann die Weltherrschaft zu erlangen.

Der militärische Flügel der Hamas - die sogenannten Qassam-Brigaden - wurde bewusst gegründet, um den bewaffneten Kampf gegen Israel zu führen mit dem Ziel der Befreiung des historischen Palästinas. Immer wieder greifen militante Hamas-Kämpfer israelische Soldaten, Siedler und Zivilisten sowohl in den besetzten palästinensischen Gebieten als auch in Israel an. Deswegen wird die Hamas von Israel, den Vereinigten Staaten, der Europäischen Union und anderen Staaten wie Kanada, Ägypten und Japan als Terrororganisation eingestuft. Im Januar 2006 gewann die Hamas die Wahlen im Gazastreifen gegen die Fatah, die bis dahin stärkste Partei. Nach einem kurzen Bruderkrieg wurden alle Fatah-Führer aus Gaza verbannt. Seit 2007 ist die Hamas Alleinherrscherin in Gaza und regelt seither nach ihren Vorstellungen das gesamte gesellschaftliche und politische Leben. Mit Sozialhilfeprogrammen für arme Mus­lime und für Opfer der israelischen Besatzung hat sie sich innerhalb der Gesellschaft Ansehen verschafft.

Am 7. Oktober 2023 hat die Hamas mit äußerster Brutalität das schlimmste Massaker an Jüdinnen und Juden angerichtet seit dem Holocaust. Mehr als 1200 Menschen allen Alters wurden auf bestialische Weise ermordet, Frauen vergewaltigt und mehr als 240 Menschen wurden in den Gazastreifen entführt. Damit hat die Hamas einen Krieg gegen Israel begonnen, der auf palästinensischer Seite so viele zivile Opfer fordert, wie noch nie seit 75 Jahren. In ihrer Kriegsstrategie hatte die Hamas die vielen Opfer in Gaza mit einkalkuliert. Durch die Bilder von dem unglaublichen Leid der Menschen in Gaza soll Israels Ruf weltweit beschädigt werden und bisherige Unterstützerstaaten wie die USA und westliche Länder in Zugzwang gebracht werden, gegen Israel Position zu beziehen. Dass diese Strategie aufgeht, ist nicht ausgeschlossen. Viele Experten bezweifeln zudem, dass die Hamas überhaupt militärisch besiegt werden kann. Als politisch-religiöse Bewegung, deren Führung zudem im sicheren Ausland (Qatar) sitzt, ist sie trotz allem und nach wie vor stark in der palästinensischen Bevöl­kerung in Gaza verankert.

Katja Dorothea Buck

An den Frieden glauben

Haben wir eine Garantie dafür, dass unser Hoffen erfüllt wird? Haben wir überhaupt einen Anlass zu hoffen? Haben wir nicht vielmehr allen Anlass, eben nicht zu hoffen? Scheint uns nicht die Erfahrung zu lehren, dass das Leben tief schmerzlich ist und ins Dunkle zielt und dort versinkt? Ist nicht die Verzweiflung der uns angemessene Zustand? Erhalten wir irgendeine sichere, hoffnungweckende Antwort etwa auf die Frage nach dem Sinn des menschlichen Leids? ( ...)

Des Fragens dieser Art ist kein Ende. Die Antwort aber bleibt uns. Wir schreien ins Dunkle. Bisweilen hören wir Versuche des tröstenden Erklärens; aber sie treffen nicht ins Zentrum unserer Frage. Die eigentliche Antwort bleibt aus.

Wie nun, wenn dieses Schweigen die Antwort wäre? Wenn uns dieses Schweigen nur da­rum als Schweigen erschiene, weil es allein die vollkommene Antwort sein kann auf unsere ins Unermessliche zielende Frage und weil jede uns fassbare Antwort nur eine Teilantwort wäre und uns nicht zufriedenstellen würde, vielmehr das Inadäquate von Frage und Antwort uns nur noch weit schmerzlicher erscheinen ließe, als es das absolute Schweigen tut? Wie, wenn der Unermesslichkeit der einzigen, der ewigen Antwort nichts anderes zu entsprechen vermöchte als die Unermesslichkeit dessen, was wir die scheinbar antwortlose Hoffnung nennen? Wenn diese unermessliche Leistung der Hoffnung schon die Antwort in sich trüge? Wenn die reine Tatsache ihrer Existenz (und diese können wir nicht leugnen, da wir ja, leugneten wir sie, nicht zu leben vermöchten) die Verheißung dafür wäre, dass es für diese Hoffnung eine Erfüllung gibt? Denn das bloße Nichts erzeugt nichts, auch keine Hoffnung. Es ist kein Grund für irgend­etwas. Da es aber Hoffnung gibt, muss es einen Grund für sie geben und eben einen Grund, der zu dieser unermesslichen Hoffnung berechtigt. Der Gläubige nennt diesen Grund Gott. (...)

Luise Rinser, zitiert nach: Friedrich Schorlemmer: Das soll Dir bleiben, RADIUS-Verlag, Stutt­gart, 2012 (Originaltext aus dem Sammelband »An den Frieden glauben« S.Fischer-Verlag, Frankfurt a.M. 1990)

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