Die Warte des Tempels
Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 178/7+8 - Juli/August 2022

 

 

Vom Hungern und Sattwerden - Wolfgang Blaich

Der Eckstein eines neuen Glaubens - Jörg Klingbeil

Fundsache aus Odessa - Peter Lange

Johannes Seitz 1839-1922 - Dr. Jakob Eisler

Vorkämpfer für religiöse Toleranz - Jörg Klingbeil

Buchvorstellung: Umdenken! - Karin Klingbeil

Buchvorstellung: Was hat die Mücke je für uns getan? - Hannelore Oetinger

Vom Hungern und Sattwerden

Ist das wieder eine der biblischen Wundergeschichten, welche Jesus zugeschrieben wurden? Meine erste Reaktion auf diese Erzählung war ganz eindeutig, dass die geschilderte Begeben­heit realistisch betrachtet physisch unmöglich ist - jede Hausfrau weiß genau, dass fünf Brote und zwei Fische gerade mal für eine große Familie reichen könnten. Aber 5.000 Menschen damit zu versorgen, so dass sie nicht nur satt werden, sondern auch noch körbeweise Reste übrigbleiben, ist schlichtweg unerfüllbar. Und selbst wenn ich auch in Betracht ziehe, dass Zahlen in der Bibel nicht jeder realistischen Zählung standhalten, also vielleicht nicht 5.000, sondern 1.000 Menschen da waren, bleibt eine sättigende Speisung der Menge doch weiterhin sehr fraglich. Der Verfasser dieses Evangeliums muss sich ja auch dessen bewusst gewesen sein.

So stellt sich die Frage, was diese wundersame Geschichte im Neuen Testament bedeuten soll? Muss ich eine andere Sichtweise, einen anderen Zugang, eine andere Interpretation an­streben?

Dazu gilt zunächst einmal zu bedenken, dass genau diese Geschichte in allen vier Evange­lien zu finden ist, und zwar für Bibelverhältnisse relativ deckungsgleich. Diese Tatsache legt nahe, dass es sich um eine zentrale Botschaft zum Wirken und Wesen des Jesu von Nazareth handeln muss. Und dieser Gesichtspunkt hat mich dann doch bewogen, mich mit dieser für heute vorgesehenen Erzählung auseinanderzusetzen.

Ich habe mir aus verschiedenen Quellen einige Informationen zum Inhalt und Hintergrund der vier Evangelientexte in Bezug auf diese Erzählung zusammengesucht. Das hilft die Ge­meinsamkeiten der Textstellen zu sehen, deswegen werde ich hier einige wenige Auszüge schildern.

Wie bereits erwähnt, erzählen alle Evangelisten (Matthäus, Markus, Lukas, Johannes) von einem Speisungswunder, bei dem eine Menge von angeblich 5.000 Menschen satt geworden ist. Hierbei sind in unterschiedlichem Ausmaß Anklänge an die alttestamentlichen Spe]sungs­wunder zu erkennen, bei denen Gott die Israeliten in verschiedenen Notlagen (im Sinai, in der Wüste ...) durch Wunder rettet, und ihnen damit seine Fürsorge, seinen Schutz und seine Treue beweist.

Die Speisung der 5.000 im Neuen Testament geschieht an einer einsamen Stätte, an der sich nicht ohne weiteres Nahrung beschaffen lässt. Dass der Evangelist Johannes einen Berg als Ort des Geschehens erwähnt, steht im Zusammenhang mehrerer Anspielungen auf die Exodus- und Sinai-Ereignisse.

Viele Menschen sind also gekommen, um Jesu Lehren zu hören oder um von ihm geheilt zu werden. Der Tag neigt sich, womit sich die Frage nach der Versorgung der Menge stellt. Bald wird klar: Zur Verfügung stehen fünf Brote und zwei Fische, was natürlich für die versammelte Menschenmenge in keiner Weise für eine sättigende Mahlzeit ausreichen kann.

Die Menge lagert sich auf Geheiß Jesu in bestimmten Gruppen zu 50 oder 100 Personen - wie in Tischgemeinschaften. Er nimmt das Brot, dankt, segnet es und teilt es aus bzw. lässt es durch die Jünger austeilen. Dasselbe geschieht mit den Fischen.

Die Evangelien stellen einheitlich fest, dass alle satt werden, und darüber hinaus beim Ein­sammeln der Reste nach der Mahlzeit 12 Körbe voll werden. (Die Größe der Körbe bleibt un­geklärt.)

Soweit einige Fakten und Erläuterungen zu den Texten in den Evangelien. Daraus er­schließt sich aber für mich immer noch nicht das eigentliche Anliegen der Aussagen. Wenn vier Bibelstellen diese Speisungsgeschichte so ausführlich berichten, dem Leser aber klar ist, dass es sich um ein wundersames Ereignis handelt, für das es aber realistisch betrachtet keine physische Erklärung gibt, bleibt immer noch die Frage nach einem tieferen Sinn, einer tieferen Bedeutung. Was also ist die Botschaft?

Oft sind es Schlüsselworte, welche uns helfen können, den Inhalt biblischer Texte zu ver­stehen. Ich greife einige Schlüsselwörter aus dem Markustext heraus:

- Jesus wurde von Mitleid ergriffen »mich jammert des Volkes, denn es sind schon drei Ta­ge, dass sie bei mir aushalten.« Er nimmt die Menschen nicht nur wahr, sondern auch ernst, er schickt sie nicht einfach weg, wie das seine Jünger vorschlagen, sondern ist fürsorglich be­müht um sie.

- Die Menschen folgten Jesus zu Fuß, denn sie sind hungrig nach seinen Lehren und sei­nen Heilungen.

- Jesus stieg auf einen Berg und redete zu ihnen vom Reich Gottes - hier wird eine Parallele zur Bergpredigt hergestellt, einer zentralen Stelle des Neuen Testaments.

- Durch die Zeremonie des Brotbrechens - Danksagung und Segen - erhält die Erzählung ei­nen geistigen Aspekt in dem Sinne, dass es letztendlich nicht um die leibliche Sättigung geht: ... und sie aßen alle und wurden satt.

Zusammengefasst gibt es nach meinem Verständnis drei zentrale Begriffe, die den Kern der Botschaft des Textes tragen: sie waren hungrig - er lehrte sie - sie wurden alle satt.

Wenn es heißt, sie waren hungrig, gilt es zu fragen: wonach? Hungrig zu sein stellt ein Defi­zit dar, nämlich nicht satt und zufrieden, nicht glücklich, nicht in innerem Gleichgewicht. Diese Menschen sind geistig, seelisch hungrig. Sie suchen Erfüllung für ihr seelisches, geistiges Le­ben. Und Jesus lehrt sie, er füllt ihre Gedanken und Emotionen mit Bildern vom Reich Gottes. Die Verheißung eines erfüllten geistigen Lebens macht diese Menschen satt. Ihr Leben und Lebensziel erhält eine erfüllende Perspektive, das macht das Herz und die Seele satt.

Die Evangelientexte sprechen eine tiefe Lebenswahrheit an. Sie weisen auf die eigentliche Existenz des Menschen hin. Nahrung aufnehmen, satt werden, wachsen und sterben - das ist der Kreislauf physischen Lebens. Der Mensch übersteigt aber diesen biologischen Kreislauf. Er verlangt nach anderer Speise - das besagt schon die Weisheit aus dem Alten Testament: der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Was dem Menschen sein menschliches Dasein ermög­licht, kommt aus einer anderen Dimension als die Speise, die er sich selbst verschafft.

Jesus sättigt die noch geistig hungernden Menschen, er lehrt sie, er gibt ihnen Lebenshilfe, Hoffnung, Mut und Lebenskraft für ein geistig-seelisch erfülltes Leben. Ihr Hunger nach Liebe, Geborgenheit, Vertrauen in Gottes Führung, Güte und Barmherzigkeit wird erkannt und gestillt. Alle wurden satt!

Kein Wunder, dass die Speisungsgeschichte auch auf einen Berg gelegt wird - die Assozi­ation zur Bergpredigt ist klar erkennbar und gewollt. Jesus gibt den Zuhörern geistige Nah­rung, die für ein Individuum und auch für Mitglieder einer menschlichen Gemeinschaft oft wich­tiger für ein friedvolles, erfülltes und harmonisches Leben ist, als physische Nahrung.

Und was sagt meine Lebenserfahrung? Wodurch kann ich seelisch und geistig satt werden? Ist die Speisung einer solchen Menge illusorisch?

Nein! Meine Lebenserfahrung zeigt mir was anderes.

Musik ist für mich ein überzeugendes Beispiel dafür, dass die Harmonie der klangvoll-mitrei­ßenden Musik ganze Konzertsäle, Opernhäuser, Freilichtbühnen füllen und Menschen »satt« werden lassen kann. Die Natur kann ein weiterer Ort des Labsals für das Gemüt sein. Das Zusammensein in der Familie, erfüllende Begegnungen und Gespräche können satt machen - überall in diesen Beispielen kann geschehen, dass Zeit und Raum aufgehoben werden, tritt - weil Entlastung geschieht - Weite und Freiheit ein. Ich erlebe, dass ich darin mein ganzes Wesen erkennen darf und dadurch ein tragendes Gefühl der Geborgenheit im ganzen Kreis der Schöpfung gewinne. Die Gewissheit, ein Teil der Schöpfung zu sein und Gottes Führung und Fürsorge zu erhalten, das sättigt mich. Überall, wo innere Ruhe, inneres Gleichgewicht und Harmonie eintreten, stellt sich das Gefühl von Zufriedenheit, Glück und seelischem Frie­den ein. Eins sein mit mir und der Schöpfung. Nicht Defizit bestimmt dann mein Lebensgefühl, sondern Erfülltsein.

Wolfgang Blaich, aus der Saalansprache vom 8. Mai 2022

BIBELWORTE - KURZ BETRACHTET

Der Eckstein eines neuen Glaubens (Markus 12,1-12)

»Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden.«

Mit diesem Zitat aus Psalm 118 beendet Jesus eine verbale Auseinandersetzung mit den Schriftgelehrten kurz nach seinem Einzug in Jerusalem. Vorangegangen war die gewaltsame Vertreibung der Händler aus dem Tempelbezirk, was finanzielle Einbußen für die Funktionäre des Tempelkults bedeutete. Schließlich erzählt Jesus das Gleichnis von den bösen Weingärt­nern, das mit unserem Satz schließt: Ein Weinbergbesitzer hatte sorgfältig einen Weinberg angelegt und diesen verpachtet. Die undankbaren Pächter wollen aber nicht zahlen, sondern verprügeln und ermorden die vom Weinbergbesitzer entsandten Boten, am Ende sogar den Sohn des Eigentümers, um sich den Weinberg selbst unter den Nagel zu reißen. Jesus meint, der Herr des Weinbergs werde nun die Pächter umbringen und den Weinberg anderen geben. Die Schriftgelehrten wollen ihn daraufhin ergreifen, »denn sie verstanden, dass er auf sie hin das Gleichnis gesagt hatte.« Wegen des Volkes scheuen sie aber davor zurück.

Den Weinberg kennen die Schriftgelehrten zur Genüge; bei Jesaja wird ausdrücklich das Volk Israel als Gottes undankbarer Weinberg bezeichnet. Die Boten sollen Gottes Propheten entsprechen und die bösen Weinbergpächter den Schriftgelehrten selbst. Mit traditionellen Deutungsmustern macht Jesus also klar, wer gemeint ist und welche Folgen zu erwarten sind. Und wenn er ankündigt, dass der Herr die untreuen Pächter töten und den Weinberg anderen Pächtern geben werde, dann kann man sich unschwer vorstellen, wie dem jüdischen Estab­lishment der Schrecken in die Glieder gefahren ist.

Mit einem »Eckstein« kann der Stein eines Fundaments gemeint sein, auf dem die Last des Bauwerks ruht, oder der Schlussstein, der einem Torbogen Halt gibt und ohne den der Bogen zusammenbrechen würde. Dieses Bild wurde im Neuen Testament gerne auf Jesus bezogen, der eben vom Volk Israel verkannt, aber von Gott bestätigt wurde. Deshalb wird Israel ver­worfen, der ermordete Sohn aber zum Fundament der neuen Gottesherrschaft. Manche Kom­mentare sehen darin einen Abgrenzungsversuch der jungen Kirche, der gegenüber dem Judentum leider lange fortgesetzt wurde. Jesus selbst wollte keine Kirche gründen, sondern ein neues Verhältnis zwischen Mensch und Gott begründen. Zudem: In der hebräischen Bibel gilt der Weinberg nicht nur als Sinnbild für das Volk Israel, sondern generell als Symbol für das, was Gott den Menschen anvertraut hat. Auch wir stehen vor der Frage, wie wir mit dem, was uns anvertraut wurde, verantwortungsvoll umgehen und Rechenschaft ablegen können.

Jörg Klingbeil

Fundsache aus Odessa

Als ich vor einigen Tagen in meinem Arbeitszimmer am Sortieren der vielen herumliegenden Papiere war, fiel mir ein mehrseitiges Schriftstück auf, das ich nicht sofort einordnen konnte. Die Mitteilung darin war in deutscher Sprache verfasst, mit der Überschrift »Die Templer in Russland« versehen und mit A.S. unterzeichnet. Ich vermutete sogleich, dass diese Mitteilung irgendwie im Zusammenhang mit meinem Erzählbuch »Damals am Kaukasus« (2001, Tempel­gesellschaft in Deutschland, Stuttgart) steht. Jedoch konnte ich mir nicht erklären, wie das Schriftstück auf meinen Schreibtisch gekommen war. Es war spannend für mich, der Herkunft und Bedeutung auf den Grund zu gehen und den geschichtlichen Zusammenhang aufzuspü­ren.

Als Erstes machte mir die Entstehung der Mitteilung neugierig, wie sie auf dem Blatt ganz oben angezeigt war: »1905, No. 142, Odessaer Zeitung«. Die gegenwärtigen politischen Er­eignisse forderten mich geradezu heraus, den Bezug zur Stadt Odessa herauszufinden. Wie ich durch Internet-Recherchen erfuhr, war die »Odessaer Zeitung« in der damaligen Zeit die einzige deutschsprachige Wochen- und später Tageszeitung gewesen, die bis 1915 in Odessa für die deutschsprachige Bevölkerung in den Siedlungsgebieten im Süden des Russischen Kaiserreichs herausgegeben worden war. Odessa genoss damals den Ruf einer modernen, weltoffenen und vielseitigen Stadt. Ihr Hafen war dank seiner Lage am Schwarzen Meer - das wissen wir durch die derzeitigen Ereignisse im Krieg zwischen Russland und der Ukraine nur allzu deutlich - der ideale Ankunfts- und Abreise-Ort für die Schifffahrtslinien in europäische und asiatische Länder. In Odessa befand sich auch das sogenannte »Fürsorgekomitee«, das staatliche Büro für bürgerliche und konsularische Angelegenheiten der deutschen Siedler in Südrussland. Sein Zuständigkeitsgebiet reichte bis zu den entfernten deutschen Siedlungsor­ten im Kaukasusgebiet.

Zum Inhalt des erwähnten Fundstücks ist es wichtig zu wissen, dass in den Sechzigerjahren des 19. Jahrhunderts an einem Nebenflüsschen der Kuma am Kaukasus durch Ansiedlung von Einwanderern teils mennonitischer, teils württembergischer Herkunft auf Pachtland die landwirtschaftlichen Siedlungen Tempelhof und Orbelianowka entstanden waren.

In dem Fundpapier heißt es diesbezüglich: »Es wird den Lesern erinnerlich sein, dass die äußere Existenz dieser Kolonien eine sehr schwere und sorgenvolle war, und zwar der klimati­schen Verhältnisse wegen. Trotzdem bestand dort einmal acht Jahre lang ein Progymnasium, erbaut und unterhalten von den ‚Templern‘ (damals das einzige in einer deutschen Kolonie Russlands). Es gelang dann diesen Kolonien, sich Kronsland zu verschaffen, auf welches sie im Jahr 1897 umsiedelten und die zwei neuen Kolonien Romanowka und Olgino gründeten. Von dieser Zeit an hat man von den ‚Templern‘ nicht mehr viel gehört, weil die Übersiedlung selbst diese Leute vollständig in Anspruch nahm. Nachdem jetzt das Schwerste überwunden war und die Ansiedler wirtschaftlich auf solideren Füßen standen, konnte man sich wieder darauf besinnen, was etwa notwendig wäre, um die neuen Gemeinden geistig lebendig zu erhalten und weiter zu führen. Erwähnt sei hier noch, dass früher auch in Kirk auf der Krim eine kleine Tempelgemeinde bestand, welche sich vor vier Jahren in einiger Entfernung von den neuen Kolonien Romanowka und Olgino auf eigenem Land angesiedelt und ihrer kleinen Kolonie den Namen Iwanowka gegeben hatte. Außer diesen Tempelgemeinden bestehen noch zwei kleinere Tempelgemeinden, eine in Wohldemfürst/Alexandrodar am Kuban und die ande­re in Pjatigorsk.«

Die Mitteilung der Odessaer Zeitung kommt jetzt zum Kern ihrer Zuschrift: »Mit dem Jahre 1897 ließ die gegenseitige Berührung der Gemeinden untereinander mehr und mehr nach und war eine solche in den letzten Jahren fast ganz eingeschlafen. Im letzten Herbst wurde nun die Frage angeregt, ob es nicht Zeit wäre, wieder einen engeren Zusammenschluss anzubahnen, und die Anregung fand allseitige Zustimmung. In diesem Frühjahr wurde zu diesem Zweck ei­ne allgemeine Konferenz vorgeschlagen. Dieser Vorschlag wurde freudig begrüßt und dann bestimmt, dass eine solche in Romanowka/Olgino stattfinden solle. Hierauf erging an alle Gruppen die Aufforderung, Programmpunkte für die Konferenz anzumelden, was dann auch geschehen ist.« Punkt 6 des Programms lautete: Gründung einer Zentralschule in Romanowka oder Olgino, und Punkt 7: Bildung eines Gesellschaftskapitals. Es soll noch kurz erwähnt werden, dass die Versammlung bei der einberufenen Konferenz dem Punkt »Gründung einer Zentralschule« voll zustimmte, mit dem wichtigen Vorziehen von »Arbeiten vorbereitenden Charakters, nämlich 1. Bildung eines Schulfonds, 2. Erweiterung der Gemeindeschulen in Ro­manowka und Olgino in Dreiklassenschulen, und 3. Einrichtungen zur Aufnahme auswärtiger Schüler.« Paul Sauer erwähnt dazu in seiner Templer-Chronik »Uns rief das Heilige Land« (1985, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart), dass es um die Jahrhundertwende Bestrebungen un­ter den deutschen Kolonien im Kaukasusgebiet gegeben habe, eine gemeinsame höhere Schule zu errichten, leider sei jedoch nichts daraus geworden (S. 227, 2. Abs.).

Ich möchte es bei dieser abgekürzten Berichterstattung der »Fundsache aus Odessa« be­lassen. Die Darstellung weitergehender Entwicklungen in den Tempelgemeinden am Kaukasus kann an anderen Orten erfolgen. Interessant in der »Fundsache« ist es noch, dass nach Dar­stellung des Autors A.S. der »Gesellschaft der Templer« (im Kaukasusgebiet) etwa 130 Familien angehörten. Außerdem erwähnt er, dass die Templer von Kaiser Alexander III. als »Mennoniten-Kolonisten« bezeichnet wurden (was jedoch nur für einen Teil der Siedler zutrifft, den anderen Teil könnte man vielleicht als »Kirschenhardthöfer Kolonisten« oder »Jerusalems­freunde« bezeichnen).

Peter Lange

Johannes Seitz 1839-1922

Johannes Seitz in seinem Studierzimmer,
 um 1918 (Quelle: Sammlung Jakob Eisler)
Quelle: Sammlung Jakob Eisler

Johannes Seitz wurde 6. Februar 1839 in Neuweiler im württembergischen Schwarzwald geboren. Durch seine Eltern kam er mit der Lehre Johann Christoph Blumhardts des Älteren (1805-1880) in Berührung, die ihn stark beeinflusste. In jungen Jahren hatte sich Seitz so außerordentlich schwer am Arm ver­letzt, dass eine Amputation drohte. In seiner Not schwor er, ähnlich wie Luther, sein Leben lang Gott zu dienen, sollte das Schlimmste abgewendet wer­den können und der Arm wieder heilen. Nach einem halben Jahr heilte der Arm tatsächlich aus und Seitz fand zum Glauben. Er löste sein Versprechen ein und widmete sich zeitlebens der Evangelisation.

Er trat 1855 zunächst als Zögling in die Pilger­mission St. Chrischona ein, beschloss aber schon ein Jahr später, nach der Gründung der Templermissionsschule am Kirschenhardthof bei Marbach dorthin zu wechseln. Zusammen mit Martin Blaich war Seitz ab 1856 einer der beiden ersten gesandten Evangelisten in Murrhardt, im Schwarzwald und anschließend in Stuttgart. Im Gegensatz zu Christoph Hoffmann und Ge­org David Hardegg, die 1868 nach Palästina ausgewandert waren, zog Seitz eine Auswande­rung nicht in Erwägung, sondern beließ es bei einem Besuch 1872 der Tempelgemeinden in Haifa und Jaffa. Nach einer theologischen Auseinandersetzung zwischen Hoffmann, Seitz und Blaich im Jahr 1877 traten die beiden Letztgenannten aus der Tempelgesellschaft aus. Die erweckten Christen der Templer-Freundeskreise im Deutschen Reich, die von Seitz und Blaich betreut wurden, wandten sich nun den entstehenden Kreisen der (pietistischen) Gemein­schaftsbewegung zu. Aufgrund ihrer besonderen Ausrichtung auf das Reich Gottes nannten sie sich »Reichsbrüder«. In der Betreuung dieser Kreise - vor allem in Ostpreußen, West­preußen, Pommern, Thüringen und Sachsen - fanden Seitz und Blaich ihre neue Aufgabe und betrieben eine weitgefächerte Evangelisationstätigkeit. Sie gründeten im Jahre 1878 den Evangelischen Reichsbrüderbund (heute: Württembergischer Christusbund) - die erste überre­gionale Organisation der Gemeinschaftsbewegung. Ab 1879 gab der Reichsbrüderbund die monatlich erscheinende Zeitschrift »Flugblatt des Reichsbrüderbundes« und ab 1886 die Wochenzeitschrift »Evangelischer Brüderbote« heraus. Seitz betätigte sich publizistisch, hin­terließ ein vielfältiges erbauliches Schrifttum und wurde zu einer der einflussreichsten Persön­lichkeiten der deutschen Gemeinschaftsbewegung.

Aus dem »Reichsbrüderbund« und der »Deu­tschen Zeltmission« entstand im Heiligen Land die »Evangelische Karmelmission« (heute mit Sitz in Schorndorf). Die Anfänge der Karmelmission sind ohne den Einfluss und das frömmigkeitstheologi­sche Umfeld der württembergischen Tempelgesell­schaft nicht zu verstehen. Die beiden Gründer der Karmelmission, Johannes Seitz und Martin Blaich, wirkten in den 1890er Jahren und Anfang des fol­genden Jahrhunderts, um dieser Mission eine Basis auf dem Karmelberg zu schaffen.

1893 gründete Seitz ein Erholungsheim in Preußisch Bahnau (Ostpreußen) und bat Blaich diese Einrichtung zu leiten, 1898 ein weiteres Erholungsheim im Vogtland bei Teichwolframs­dorf, das er bis zu seinem Tod am 4. Juli 1922 als Seelsorger und Erweckungsprediger »mit apostolischen Kräften der Krankenheilung durch Gebet« führte.

Dr. Jakob Eisler

Vorkämpfer für religiöse Toleranz

zum 500. Todestag von Johannes Reuchlin

Sein 500. Todestag am 30. Juni ist zwar schon vorbei, dennoch soll an diesen großen Huma­nisten, Philologen und Juristen Johannes Reuchlin auch an dieser Stelle erinnert werden. Er starb in Stuttgart und wurde an der Seite seiner zweiten Frau in der Stuttgarter Leonhardskir­che beigesetzt. Dort erinnert auch eine jüngst erneuerte Ausstellung an diesen Vorkämpfer für religiöse Toleranz.

Der am 29. Januar 1455 in Pforzheim geborene Reuchlin war Jurist, seine Leidenschaft aber galt der Bildung, den Sprachen der Bibel und den religiösen und literarischen Überliefe­rungen des Altertums. Neben Latein sprach, schrieb und lehrte er nicht nur Griechisch, son­dern auch Hebräisch - ungewöhnlich unter den christlichen Gelehrten seiner Zeit. Er erkannte in den Schriften des Judentums wertvolle Überlieferungen, verfasste die erste systematische Einführung in die hebräische Sprache und erschloss dadurch der Theologie den Zugang zum Alten Testament in der Originalsprache.

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts breitete sich eine zunehmend anti-jüdische Haltung aus; die Inquisition und mehrere Orden wollten sämtliche hebräischen Bücher und Handschriften der jüdischen Gemeinden mit Ausnahme der Bibel verbrennen. Reuchlin stellte sich mutig an die Seite der Juden - vor allem durch ein juristisches Gutachten für den Kaiser, in dem er den Juden volles Bürgerrecht im Reich und damit Eigentumsschutz attestierte.

Daraus entwickelt sich eine mehrjährige öffentliche Auseinandersetzung mit seinen Geg­nern. Unerschütterlich propagierte Reuchlin den Wert umfassender Bildung für den Menschen, trat für gegenseitigen Respekt und den Dialog zwischen den Religionen ein und ermutigte dazu, das Fremde nicht zu zerstören sondern es mit Neugier zu erkunden. „Verbrennt nicht, was Ihr nicht kennt“, heißt es in Reuchlins berühmtestem Werk. Seinen Einsatz bezahlte Reuchlin schließlich damit, dass sein Buch von Rom verboten und er selbst zum Schweigen verurteilt wurde.

Reuchlins bleibendes Verdienst liegt darin, der Theologie den Weg zum Alten Testament in der Originalsprache eröffnet zu haben. Zugleich hat er gezeigt, wie man auch mit anderen religiösen Überlieferungen respektvoll und souverän umgehen und in Dialog treten kann.

Jörg Klingbeil

BUCHVORSTELLUNG

Umdenken!

Wie Islam und Judentum unsere Gesellschaft besser machen

Schon der Titel des Buchs und die Autoren weckten mein Interes­se. Es liefert ausführliche Informationen über Hintergründe und Ent­wicklungen und zeigt auf, dass für ein Deutschland, in dem Juden, Christen und Muslime miteinander leben, die Vielfalt der Religionen und Weltanschauungen auf freiheitlich-demokratischer Grundlage ein großer Gewinn sein kann.

Rabbiner Prof. Dr. Walter Homolka (geb. 1964) ist seit 2002 Rektor des Abraham Geiger Kollegs an der Universität Potsdam, des ers­ten Rabbinerseminars in Deutschland seit der Schoa. Außerdem war er Direktor des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks und Chair­man der Leo Baeck Foundation. Wegen Vorwürfen der sexuellen Belästigung eines Studenten durch seinen Lebenspartner lässt Ho­molka gegenwärtig seine Ämter ruhen, bis die Vorwürfe geklärt sind.

Der Mitautor, Prof. Dr. Mouhanad Khorchide, geb. 1971 in Beirut, studierte islamische Theologie und Soziologie in Beirut und Wien und ist seit 2010 Professor für islamische Religionspädagogik an der Universität Münster und dort inzwischen auch Leiter des Zen­trums für Islamische Theologie.

Das Buch gliedert sich in drei Komplexe, zu denen beide Autoren im Blick auf ihre jeweilige religiöse Ausrichtung erklärend und selbstkritisch Stellung beziehen.

Einleitend wirft Homolka einen kurzen Blick auf die Geschichte vom „christlichen Abendland“ hin zur heutigen pluralistischen Gesellschaft. Erst die Aufklärung Anfang des 19. Jahrhunderts machte einen Wandel möglich: das Christentum nahm Abschied vom Mythos des „christlichen Staates“, das Judentum bemühte sich um das jüdische Leben in der Neuzeit im Geiste der Aufklärung, woraus verschiedene jüdische Geistesrichtungen entstanden, die es heute noch gibt. Das Trauma des Holocaust machte eine Einsicht besonders eindringlich: “Die Wahrneh­mung des Anderen im Judentum basiert nicht auf der Frage nach dem rechten Glauben, son­dern einzig auf der Frage nach dem richtigen ethischen Verhalten“ (S. 14).

Im ersten Komplex „Geschwister im Glauben. Umdenken in den Religionen“ stellt Homolka für die Beziehung zwischen Judentum und Islam fest, dass in der hebräischen Bibel der Grund für viele gemeinsame Berührungspunkte gelegt sei, z.B. im Gottesbild, der Vorstellung von Offenbarung und von Gottes Geboten - für beide sieht Homolka im religiösen Recht nicht das Ziel, sondern einen Weg, der Handeln und Gebotserfüllung verlangt und nicht Glauben. Das zivilisatorische Wertesystem der drei monotheistischen Religionen ist für Homolka gleich, sie verkörpern nur unterschiedliche Ausdrucksformen, weswegen sie in einer Gesellschaft präsent sein können, ohne zwangsläufig Konfrontationen auszulösen.

Was Tradition und Moderne betrifft, so sind sich Juden und Christen wegen der Erfahrung der Aufklärung mit ihrem Primat von Rationalismus und Vernunft sehr nahe. Die Vereinbarkeit von Religion und Moderne wird wesentlich bestimmt durch die Dialog- und Reformfähigkeit von Religion und durch die Frage, ob sie eine historisch-kritische Betrachtung von heiligen Schriften und Traditionen zulassen.

Für den Rabbiner Abraham Geiger hatte Paulus das Christentum durch hellenistische Ein­flüsse zur Abweichung vom Monotheismus jüdischer Prägung geführt und auch dem jüdischen Ursprung seiner Stiftergestalt Jesus entfremdet. Aufgrund seiner Forschungen über den Koran - durch die er auch zum Wegbereiter einer modernen Islamwissenschaft wurde - urteilte er, dass dagegen Mohammed dem jüdischen Monotheismus treu geblieben sei. Vor allem die Trinitätslehre liegen Judentum und Islam fern. Homolka fordert die schonungslose Analyse im Dialog, die Mut zum Handeln gibt. (S. 13).

Auch Khorchides Betrachtung aus muslimischer Sicht bezieht sich auf Abraham Geiger, der die ersten historisch-kritischen Annäherungen an den Koran unternommen und sich außerdem gefragt habe, was Mohammed aus dem Judentum aufgenommen habe, denn für ihn sei er Teil einer gemeinsamen Geschichte. Die islamische Traditionsliteratur, aus der sich - neben der Koranexegese - die Prophetenbiographie ergibt, liefere nur äußerst fragmentarisches histori­sches Wissen, da selbst die älteste erst rund 130 Jahre nach dem Tod Mohammeds ge­schrieben wurde und eine Auftragsarbeit des abbasidischen Hofes war. Sie sollte als Prophe­ten-Vita den Evangelien und jüdischen Schriften gegenübergestellt werden; zudem sollte die Sira (islamische Geschichtserzählung über das Wirken des Propheten Mohammed) in der Konkurrenz gegenüber Juden- und Christentum einen stark identitätsstiftenden Charakter ha­ben.

Etliche Themen aus der jüdischen Tradition im Koran stützten die Verkündigung Moham­meds (Monotheismus, Offenbarung des Gottes Israels, Auftrag der prophetischen Verkündi­gung und Gottes Gericht im Jenseits), aber das Verhältnis zu den Juden war ambivalent. Die Koransuren chronologisch gelesen zeigen die Entwicklung auf, dabei sind die religiösen Be­ziehungen von Gemeinsamkeiten, die politischen Auseinandersetzungen von Spannungen ge­prägt. In der 5. Sure, die zuletzt offenbart worden ist, wird die Einheit in der Vielfalt zitiert: „Es ist gottgewollt, dass es unterschiedliche Wege zu ihm gibt, denn hätte Gott gewollt, er hätte euch zu einer einzigen Gemeinde gemacht.“

Für Khorchide ist der historisch-kritische Umgang mit der Prophetenbiographie notwendig, da diese auch die Überzeugung transportieren könne, dass der Islam ein grundsätzliches Pro­blem mit den Juden habe (S. 73).

Das nächste große Kapitel, „Warum über Gott sprechen? Umdenken in der Theologie“, leitet Homolka mit Überlegungen zur Säkularisierung und Pluralisierung ein; das staatliche Hoch­schulsystem habe sich durch die Einführung islamischer und jüdischer theologischer Zentren für Pluralität entschieden. Die zuvor generelle Ablehnung der jüdischen Theologie als eben­bürtige Wissenschaft führte zu ihrer Institutionalisierung außerhalb der Universitäten, was sich erst 2013 mit der Gründung der „School of Jewish Theology“ in Potsdam änderte.

Auch die jüdische Theologie müsse in der modernen Gesellschaft überzeugende Antworten geben können und zugleich so authentisch bleiben, dass sie die Bezeichnung ‚jüdisch‘ ver­dient. Im weltanschaulich neutralen Staat bleibe das Ziel, „jüdische Kontinuität zu sichern mit dem Willen zur Auseinandersetzung und Kooperation mit anderen Religionen, denen das Judentum in einer pluralen Gesellschaft in Augenhöhe begegnen möchte.“ (S. 94)

Bei der Betrachtung der islamischen Theologie an deutschen Universitäten sieht Khorchide die Spannung, dass sich der Islam einerseits als öffentliche, andrerseits als private Religion präsentiert; außerdem wird hier immer auch die Frage nach der Integration und seit 2001 nach sicherheitspolitischen Aspekten gestellt. Gerade für junge Muslime sei wichtig, einen reflektierten Zugang zu ihrer Religion zu bekommen, damit sie nicht in Radikalität abdriften. Sie sollten sich nicht entweder als Deutsche oder als Muslime fühlen, sondern sowohl als Deutsche als auch als Muslime. Der Islam solle sich auf Argumente, Methoden und Disziplinen einlassen, wie auch auf Forschungsergebnisse der christlichen und jüdischen Theologie, aber auch der Islamwissenschaft (S. 108).

Im dritten großen Kapitel, „Wahrheit in der Vielfalt. Umdenken in der Gesellschaft“, legt Ho­molka im Einzelnen die Entwicklung von Pluralisierung in Europa dar, die mit der Reformation begann. Der epochale Umschwung zur ideologischen Neutralität des Staates und zur Gleich­stellung aller Religionen erfuhr allerdings durch die Diktatur der Nationalsozialisten eine jähe Unterbrechung.

In seiner Dankesrede für die Verleihung des Abraham-Geiger-Preises 2009 urteilte der ka­tholische Theologe Hans Küng (1928-2021): „Jede der drei abrahamitischen Religionen hat fünf oder sechs epochale Umwälzungen, Paradigmenwechsel, Wechsel der Gesamtkonstella­tion durchgemacht. Und so leben bis heute Menschen derselben Religion mental in verschie­denen Paradigmen, in verschiedenen zeitgeschichtlichen Konstellationen, von deren fortbe­stehenden Grundbedingungen sie geprägt bleiben.“ (S. 129) Das heißt aber, dass sich die Ge­sellschaft nicht säkularisiert, sondern pluralisiert. Das bedeutet aber auch, dass wir uns stän­dig unserer eigenen Identität, die neben anderen steht, versichern. Für manche bedeutet dieser Wandel einen Verlust mit der Gefahr von Populismus und Fundamentalismus. Der Dialog der Religionen und Weltanschauungen sei eine Bedingung für das Überleben der plura­listischen Gesellschaft; der Staat müsse einen geregelten Rahmen hierfür schaffen (S. 136). Vielfalt sei für alle gesellschaftlichen Gruppen in Deutschland wesentlich.

Khorchide diskutiert ausführlich das Dilemma, dass der Islam in Deutschland als homogen angesehen und behandelt wird. Dabei hätten sich durch den lange Zeit fehlenden islamischen Religionsunterricht konservative Moscheegemeinden organisiert, die nun die Deutungshoheit über den Islam beanspruchten und als Repräsentanten aller in Deutschland lebenden Muslime wahrgenommen werden wollten (auch von offiziellen Stellen) - obwohl sie wohl gerade mal 20% der Muslime verträten. Sie stellten ihr Verständnis als das einzig richtige dar, obwohl der Islam über eine große Bandbreite an Auslegungen und Schulen verfüge.

Khorchide unterscheidet den politischen und den nichtpolitischen Islam, wobei ersterer mit seiner Gesellschafts- und Herrschaftsideologie eine Umgestaltung oder Beeinflussung von Gesellschaft, Kultur und Politik anstrebe, die als islamisch ausgegeben würden, aber im Wi­derspruch zu den Grundsätzen des demokratischen Rechtsstaates und den Menschenrechten stünden. Dagegen repräsentiere der nichtpolitische Islam in der Sozialethik das Selbstver­ständnis des Islam und respektiere die Grundlagen des demokratischen Rechtsstaats. So fordert Khorchide Solidarität für einen Reformprozess im Islam ein, der anderen Religionen in der großen Mehrheit bereits gelungen sei. Die eigentliche Trennlinie in unserer Gesellschaft solle nicht zwischen Ethnien, Religionen und Weltanschauungen verlaufen, sondern zwischen menschenfreundlichen und menschenfeindlichen Haltungen und Einstellungen (S. 173).

Mit einem Appell beendet Khorchide sein letztes Unterkapitel: Bitte gönnen Sie auch dem Islam seine Aufklärung! Dazu zitiert er Professor Mahmoud Azab, Chefberater des Groß­scheichs der Kairoer Al-Azhar Universität (seit 988 eine der ältesten und anerkanntesten islamischen Hochschulen weltweit), bei der Eröffnung des Zentrums für Islamische Theologie an der Universität Münster 2012: „Wir benötigen heute dringend eine innerislamische Reform, in der viele theologische Positionen kritisch hinterfragt werden. Diese Reform wird aber nicht von der islamischen Welt kommen, sondern von in Europa lebenden muslimischen TheologIn­nen. Denn ihr genießt die Freiheit, Dinge zu reflektieren und zu sagen, die wir bei uns nicht sagen können. Wir brauchen euch mehr als ihr uns. Nutzt eure Chance und vergesst uns nicht.“ (S. 183) Über die unterschiedlichen Positionen bei Themen, die Gesellschaft, Individu­um und Theologie betreffen, müsse diskutiert werden - die Ermöglichung dazu fordert Khor­chide ein.

Das Schlusswort, ebenfalls verfasst von Khorchide, fasst nochmals zusammen, dass Plura­lität für unsere heutige Gesellschaft einen grundsätzlichen und nicht verhandelbaren Wert dar­stelle. Dabei könnten religiöse Identitäten dazu beitragen, wenn sie sich von ihren Absolut­heitsansprüchen verabschiedeten, weil die absolute Wahrheit, Gott, für die Menschen uner­reichbar ist. „Die drei monotheistischen Religionen eint der Glaube an einen liebenden und barmherzigen Gott, der dem Menschen bedingungslos zugewandt ist, aber auch der Glaube an den Menschen als von Gott gewürdigtes selbstbestimmtes Subjekt. Ein Liebesethos, das uns dazu aufruft, uns in Liebe zu begegnen, ist konstitutiv für eine gemeinsame füreinander verantwortliche Haltung. Den Nächsten zu lieben bedeutet jedoch nicht, ihm immer Recht zu geben, sondern auch, ihn zu kritisieren, wenn Kritik berechtigt ist. Nur so können wir mit und voneinander lernen und gemeinsam wachsen.“ (S. 192)

Mouhanad Khorchide, Walter Homolka: Umdenken! Wie Islam und Judentum unsere Ge­sellschaft besser machen, Verlag Herder, 2021, ISBN: 978-3-451-37625-2

Karin Klingbeil

BUCHVORSTELLUNG

Was hat die Mücke je für uns getan?

Endlich verstehen, was biologische Vielfalt für unser Leben bedeutet

Was hat die Mücke je für uns getan? (Quelle: oekom verlag)
Quelle: oekom verlag

In ihrem Buch (Oktober 2020) führen die Autorinnen Frauke Fi­scher und Hilke Oberhansberg aus, wie wichtig Biodiversität ist. Vermutlich gibt es auf unserem Erdball acht Millionen Arten, die zur Erhaltung unserer Ökosysteme und damit auch für den menschlichen Fortbestand nicht unerheblich sind.

Das momentane Artensterben, ausgelöst durch uns Menschen, hat nicht nur wesentlichen Einfluss darauf, wie wir weiterleben, sondern ob wir überhaupt überleben.

In diesem sehr verständlich geschriebenen Buch wird der Fin­ger in bekannte und weniger bekannte Wunden (Missstände) ge­legt, gleichzeitig aber auch gangbare Lösungen aufgezeigt. Die LeserInnen erfahren aber auch, wo es bereits zu spät ist und Ar­ten für immer vom Erdball verschwunden sind.

Was können wir tun? Es werden viele Beispiele aufgeführt, eini­ge sind:

- Z.B. anstelle von Beton, für dessen Herstellung inzwischen der Sand mit immensen Schäden für die Umwelt aus dem Meer geholt wird, Stroh und Holz beim Bauen einsetzen. Dafür gibt es schon Beispiele.

- Unsere Städte begrünen (dem stehen allerdings noch viele Gesetze entgegen),

- »Coole« Bäume in den Städten senken die Temperatur im Sommer um einige Grad und bieten Tieren Lebensraum.

- Nachdem die Regenwälder für die Weltgemeinschaft überlebenswichtig sind, sollten wir auch finanziell deren Erhalt unterstützen. Es gibt gangbare Lösungen.

Und was hat die Mücke je für uns getan?

Ohne sie gäbe es keinen Kakao. Nur einer klitzekleinen Mückenart ist es möglich, die Ka­kaoblüte zu bestäuben. Also ohne Mücke keine Schokolade.

Aus dem Epilog möchte ich wörtlich zitieren: Der Mensch zerstört sich selbst, die Natur kann sich wieder erholen, und Biodiversität nimmt zu - so kann eine wünschenswerte Zukunft na­türlich auch nicht aussehen. Schöner wäre es, Menschen würden vernünftig handeln und in ih­rem eigenen Interesse Biodiversität und Ökosystemleistungen schützen. Dann würde die Welt in 2100 vielleicht so aussehen:

Der Weltbiodiversitätsrat ist zu einem der höchsten Entscheidungsgremien der UN gewor­den. Seit in der Bilanzierung des Bruttosozialprodukts aller Länder die Internalisierung von Umweltschäden eingeführt wurde, sind bestimmte Produkte vom Markt verschwunden. ...

... Das 2015 in Paris vereinbarte Ziel von max. 1,5 Grad Erderwärmung konnte eingehalten werden.

20% der Erdoberfläche und 15 % der Weltmeere stehen unter effektivem Schutz. ...

Städte haben die strikten Grenzen zwischen Grün und Grau aufgehoben. Natur und Land­wirtschaft haben Einzug in die urbanen Zentren gefunden - in Parks, auf Dächern und an Fassaden. Die Biozertfizierungen für Lebensmittel gibt es nicht mehr, seit industrielle Land­wirtschaft der Vergangenheit angehört und ein nicht einmal 100 Jahre (!) altes »Experiment« als Fehler erkannt und beendet wurde. ...

Maßgeblich hat zu dieser Entwicklung beigetragen, dass Länder, auf deren Staatsgebiet wertvolle Ökosysteme liegen, für deren Erhalt bezahlt werden ...

Utopie und naive Träume? Wenn wir die Prypjat-Welt (Prypjat ist eine Geisterstadt, die im Zusammenhang mit dem Bau des Tschernobyl-Kernkraftwerks gegründet wurde, nach dem Reaktorunfall aber geräumt worden ist, Anm. der Redaktion) nicht wollen, sind die angemesse­ne Wertschätzung sowie Inwertsetzung von Ökosystemleistungen in unserer Gesellschaft der einzig nachhaltige Wert - sozial, ökonomisch und ökologisch. Und wenn wir erst mal an­ge­fangen haben umzudenken, werden wir erstaunt sein, wie schnell wir in einer Welt leben, die der oben beschriebenen gar nicht so fern ist und in der sich auch die Mücke nicht mehr fragen muss: » Was hat der Mensch je für mich getan.« Soweit Frauke Fischer und Hilke Oberhans­berg.

Die uns gestellte Aufgabe (Moses 1): »Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan« war sicher nicht so gemeint, dass wir unsere Erde mit all ihrem Leben und auch unsere »schwächeren« Brüder und Schwestern ausbeuten und nach Gut­dünken benutzen, sondern vielmehr darauf, sie zu behüten und zu beschützen. Das sollte unser aller Ziel sein - und damit auch unser besseres Auskommen.

Frauke Fischer, Hilke Oberhansberg: Was hat die Mücke je für uns getan?, oekom verlag, 2020, ISBN: 978-3-96238-209-4

Hannelore Oetinger

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