Die Warte des Tempels
Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 177/5 - Mai 2021

 

 

Gedanken zum Heiligen Geist - Karin Klingbeil

»Herr, ich bin nicht würdig...« - Jörg Klingbeil

Mütterlichkeit - Ulrich von Hasselbach

Zum Tod von Hans Küng - Karin und Jörg Klingbeil

Stuttgarter Atlas der Religionen - Jörg Klingbeil

Karriere auf drei Kontinenten - Jörg Klingbeil

Gedanken zum Heiligen Geist

Ostern ist vorbei und 50 Tage danach feiert die Kirche Pfingsten. Wir kennen den biblischen Hintergrund, auf den dieses Kirchenfest zurückgeht: Lukas beschreibt das Kommen des Heiligen Geistes in der Apostelgeschichte - es muss etwas Besonderes geschehen sein, das er hier in hohem Maße symbolhaft wiedergibt; damit beginnt die Wirkungsgeschichte des Christentums. Deshalb gilt Pfingsten als ‚Geburtstag der Kirche‘ - aber was bedeutet es für uns Templer?

350 Jahre lang (325-675) wurde das Dogma der Trinität - d.h. der Wesenheit Gottes in drei »Personen« (Hypostasen, Erscheinungs- oder Seinsformen) Gottvater, Gott Sohn und Heiliger Geist - entwickelt. Beeinflusst wurde diese Entwicklung durch den Versuch, jüdisch-juden­christlichen Monotheismus mit griechischem Gottesverständnis zu verbinden. Für uns heute, die wir nicht mehr in den Kategorien der griechischen Philosophie denken, ist dieses Konstrukt schwer zu verstehen.

»Indem aber im Zuge der weiteren Lehrentwicklung der Sohn und der heilige Geist als glei­chen Wesens mit dem Vater erklärt und diesem nicht mehr untergeordnet werden, entfällt der Grund für die bisherigen heilsgeschichtlichen Trinitätskonzepte. Wenn Schöpfung, Erlösung und Heiligung ein Handeln des einen Gottes nach außen sind, erübrigt sich die Trinitätslehre, da sie nun zum Gegenstand theologischer Spekulation wird. Die Trinitätslehre ist folglich ein zeitgebundener Ausdruck des christlichen Glaubens, für den heute keine Verbindlichkeit mehr beansprucht werden kann.« sagt Werner Zager in seinem Beitrag »Trinitätslehre: ein zeitge­bundener Ausdruck christlichen Glaubens«.

Auch wenn für die Templer die Trinität nie eine Glaubensgrundlage darstellte, gehört sie zu den Versuchen, sich einer Vorstellung von Gott anzunähern - ihn erkennen und erfassen können wir nicht. Daher ist es trotzdem lohnend, über den Heiligen Geist nachzudenken und für sich zu klären, was dieser Begriff inhaltlich bedeuten könnte - zunächst einmal ausgehend von der Bibel.

Während der Begriff des »Heiligen Geistes« im Alten Testament häufig vorkommt, gibt es erstaunlicherweise nur eine Handvoll von Bibelstellen, in denen Jesus vom Geist, vom Geist des Vaters, vom Geist Gottes, einmal vom Heiligen Geist, spricht - sonst spricht er immer di­rekt von Gott, vom Vater im Himmel u.ä. Worin also liegt der Unterschied?

Das Ereignis von großer Wichtigkeit, das in der Apostelgeschichte so überhäuft von Sym­bolhaftem (das gewaltige Brausen, die Feuerzungen auf jedem einzelnen als Symbole für die Gegenwart Gottes, das Sprechen und Verstehen verschiedener Sprachen, die übergroße Zahl an Anwesenden und auch die Zungenrede, das unverständliche Sprechen in religiöser Ekstase) dokumentiert werden sollte, war: durch den Heiligen Geist bewirkt Gott selbst die Entstehung der christlichen Gemeinde mit der Einsetzung der Apostel in der Nachfolge Jesu.

Aus diesem Grund dürfte dieser Text auch für die frühen Templer eine große Bedeutung gehabt haben. Das Geschehen in Jerusalem und das Joelwort, das außer der Zusage des Heiligen Geistes in Jerusalem die Errettung auf den Berg Zion verortet, die Naherwartung, in der die frühen Christen weiterlebten, das Zungenreden und vor allem die von Gott unterstützte Gemeindebildung sind Phänomene, die die pietistisch geprägten Templer sehr angesprochen haben. So betrachtete Christoph Hoffmann die Gemeindebildung geradezu als unumgäng[li­chen Auftrag für die Nachfolge Jesu, die zunächst die Apostel übernommen hatten. Nach Hoff­manns Überzeugung hatte Jesus - zusammen mit seinen Aposteln - das Reich Gottes auf Erden gegründet und aufgerichtet, aber dieses war weiterer Entwicklung fähig und bedürftig. Dabei sah er die Gemeinde als das Werkzeug an, durch das Jesu Lehre und Lebensauf­fassung erhalten und weitergegeben werden konnte. Hier konnten die Menschen den Weg Jesu kennen und gehen lernen. Das sollte zum Wohl der Menschheit geschehen und war für Hoffmann die Antwort auf die soziale Frage.

Allerdings hat sich diese Auffassung seither in so gut wie allen Punkten geändert: der Name »Jerusalemsfreunde« wurde bereits bei der Gründung in »Deutscher Tempel« abgeändert. Das Gemeindeleben ist uns zwar bis heute sehr wichtig - aber schon Christoph Hoffmann äußerte gegen Ende seines Lebens, dass das Trachten nach dem Reich Gottes für jeden dort möglich sei, wo ihn das Leben hingestellt habe, und nicht nur in entsprechenden Gemeinden verwirklicht werden könne. Auf die Templersiedlungen in Palästina bezogen, denke ich schon, dass man von einem christlichen Miteinander reden kann - denn neben den wirtschaftlichen und kulturellen Errungenschaften boten die Templersiedlungen ihren Bewohnern etwas außer­ordentlich Wichtiges: bei allem Bewusstsein, dass auch hier Menschen mit Fehlern zusammen lebten, hatten sie das Gefühl, gemeinsam einer Sache zu dienen, unbedingt zu den anderen dazuzugehören und jedenfalls von der Gemeinschaft und derselben Idee getragen zu sein.

Und heute? Hat die religiöse Aussage des Textes für uns noch eine Bedeutung? Was ist der Heilige Geist und glauben wir an sein Wirken? Für mich deckt der Begriff zweierlei ab: wo er in der Bibel vorkommt, ist er immer gleichbedeutend mit der Erkenntnis des Willens Gottes. Heiliger Geist hat also auch immer etwas mit Offenbarung zu tun - sei es, wenn die Propheten im Alten Testament davon sprechen, sei es, wenn Jesus im Neuen Testament diesen Begriff benutzt. Aber es ist nicht nur die Erkenntnis des Willens Gottes - ist diese uns Menschen überhaupt möglich? -, sondern auch das Tun im Sinne dieser Erkenntnis, zu dem wir dann auch befähigt werden. Das ist für mich das Zweite, darunter verstehe ich das Wirken Gottes.

Weil es aber auch gefährlich sein kann, sich auf eine Erkenntnis, die von Gott kommt, zu berufen, müssen wir sie an einem Maßstab messen, und der kann nur der sein, den Jesus uns gelehrt hat: was dem Wohl der Menschen dient. Erst dadurch entfaltet Heiliger Geist Wirkung und wird offenbar.

Das, was das Pfingstereignis als Erlebnis noch transportiert, ist das Mitreißende, das fähig ist, sehr viele Menschen zu erfassen, sie gefühlsmäßig mitzunehmen. In den Worten »inspirie­ren« und »begeistern« steckt es drin, dieses Ergriffenwerden von einer Idee, einer Vorstellung, die man dann unbedingt umsetzen will und muss, weil sie einen im Innersten packt. Immer steht ein solches Ergriffenwerden hinter all den kleinen und großen Hilfsaktionen, die es unzählig in unserer Welt gibt und die benachteiligten, leidenden Menschen helfen, weil andere sich mitreißen lassen. Gleiches gilt für Menschen, die nicht hassen wollen, obwohl sie allen Grund dazu hätten - Beispiele gibt es viele, auch schon in der »Warte« angeführte. Über ein Beispiel unter anderen, den palästinensischen Friedensaktivisten und Arzt aus Gaza, der bei einem Raketenangriff Israels drei Töchter verlor, haben wir berichtet. Er schrieb das Buch »I shall not hate« und engagierte sich ungebrochen weiter für den Frieden.

Für die aufopfernde und selbstlose Liebe, die uns in Jesus begegnet, gab es im Griechi­schen weder ein Wort noch eine Gottheit, weil menschliches Verhalten so nicht gedacht wur­de. Erst die frühen Christen prägten dafür im Unterschied zu Eros und Philia (Freundesliebe) den Begriff Agape - und wer zu solch bedingungslosem Lieben befähigte, war der Heilige Geist. So ereignet sich überall da, wo Menschen für diese Wirksamkeit offen sind, Reich Gottes. Da fühlen sich Menschen durch ihr Mitfühlen mit Menschen, die leiden, in Not sind, die dringender Unterstützung bedürfen, aufgerufen, gegen diese Missstände etwas zu tun und zu helfen - biblisch ausgedrückt: damit ist das Reich Gottes schon jetzt unter uns. Und durch die Zusage des Heiligen Geistes sollen wir ermuntert werden, auch unmöglich Erscheinendes anzupacken, denn die Kraft dazu wird uns zufließen, ist uns versprochen. Damit repräsentiert der Heilige Geist die unsichtbare Allgegenwart Gottes.

Aber es gibt noch einen weiteren Aspekt, der im Johannesevangelium (16,5-15) aufscheint: hier teilt Jesus seinen Jüngern mit, dass er sie bald verlassen wird und setzt hinzu: ... und das ist gut für euch. Aber er versucht sie auch damit zu trösten, dass er ihnen etwas später einen Helfer schicken werde. Außerdem meint er: Denn bliebe ich hier, dann würde der Helfer nicht kommen, und ihr wärt ohne Beistand. Das könnte man dahingehend interpretieren, dass Jesus mit diesem Helfer nicht einen Stellvertreter seiner selbst schicken wollte, sondern eine Kraft, die eine Weiterentwicklung anstößt - eine Weiterentwicklung in der Form, dass seine Jünger, die ihm bisher nachgefolgt waren, jetzt dazu befähigt werden, mündig zu werden und aus eigener Initiative das zu leben und zu verkünden, was er ihnen gezeigt hatte. Eine ähnliche Weisheit gibt es im Buddhismus; dort wird den Schülern des großen Meisters Buddha eingeschärft: »Triffst du Buddha unterwegs, dann töte ihn!« Zwar brauchst Du anfangs einen Lehrer, von dem du lernen kannst. Aber irgendwann musst du dich von ihm lösen. Du darfst und kannst nicht auf Dauer unter einem Meister leben. Du sollst selbst Meister werden.

Das gilt auch uns - wir hatten Jesus als Vorbild und Lehrer und er hat die Vision vom Reich Gottes in uns eingepflanzt. Unsere Aufgabe lautet, in seiner Nachfolge seinen Geist in uns zur Entfaltung kommen zu lassen und so die zu werden, als die Gott uns geschaffen hat. So gesehen ist Pfingsten der Beginn einer Gemeinschaft von Menschen, die Gottes Geist in sich wirken lassen wollen und die miteinander die Verantwortung dafür übernehmen, dass das Reich des Friedens und der Gerechtigkeit, von dem Jesus gesprochen hat, unter uns Men­schen Wirklichkeit werde.

Karin Klingbeil

BIBELWORTE - KURZ BETRACHTET

»Herr, ich bin nicht würdig...«

(Lk 7, 1-10)

Katholischen Gottesdienstbesuchern ist dieser Spruch vertraut; er wird von der Gemeinde vor der Kommunion gebetet und lautet vollständig: »Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund«. Die Bitte stammt aus dem Lukas-Evangelium; es geht dort allerdings nicht um das eigene Seelenheil, sondern um den Einsatz für einen anderen.

Jesus hatte am See Genezareth gepredigt; nun nähert er sich Kapernaum, als die Ältesten der Synagogengemeinde auf ihn zukommen und ihm die Bitte eines (vermutlich römischen) Hauptmanns überbringen. Sein Knecht sei schwer erkrankt; Jesus möge kommen und ihn heilen. Die Ältesten setzen sich sehr für den Hauptmann ein und Jesus geht mit ihnen. Da überbringen Freunde des Hauptmanns eine weitere Botschaft: Dieser finde sich nicht für würdig genug, dass Jesus unter seinem Dach einkehre. Es reiche aus, wenn er ein Wort spreche, dann werde sein Knecht gesund. Jesus ist von dem Vertrauen des heidnischen Hauptmanns tief beeindruckt und erklärt seinen Begleitern, dass er solchen Glauben in Israel bisher nicht gefunden habe. Und als die Boten nach Hause zurückkommen, ist der Knecht tatsächlich wieder gesund.

Im Unterschied zu den älteren Evangelien von Markus und Matthäus, in denen Jesus den Jüngern ausdrücklich verbietet, das Evangelium unter den Heiden zu verbreiten (vgl. etwa Mt 10,5-7), wirkt Jesus bei Lukas geradezu »heidenfreundlich« (Albert Schweitzer). So wird hier das Vertrauen des römischen Hauptmanns von Jesus öffentlich zum leuchtenden Beispiel erklärt. Keine Berührungsängste gibt es für Lukas auch bei den Einwohnern Samariens, die den Juden als Ketzer gelten. Die Geschichte vom barmherzigen Samariter findet sich nur bei ihm. Und bei Lukas hat Jesus auch keine Bedenken, von Galiläa nach Jerusalem die kürzeste Strecke durch Samarien zu wählen (Lk 9,51); bei Markus und Matthäus macht er wie alle gläubigen Juden lieber einen Umweg. Die Unterschiede in den Evangelien haben wohl damit zu tun, dass es in der jungen Christenheit eine judenchristliche und eine heidenchristliche Fraktion gab und dass die Verfasser die Sichtweise betonten, die ihnen und ihren Gemeinden wichtig war. Lukas war vermutlich ein hochgebildeter Heidenchrist, der über die örtliche Synagoge den Weg zu einer Gemeinde Jesu fand. Insofern könnte in der Geschichte des Hauptmanns von Kapernaum etwas von seinem eigenen Werdegang durchschimmern. Und für uns dient der demütige Hauptmann heute noch als Denkanstoß, dass durch Gottvertrauen und Nächstenliebe das eigene Seelenleben gesunden kann.

Jörg Klingbeil

Mütterlichkeit

Gedanken zum Muttertag und zu den Feiertagen im Mai

»Ihr mütterlich Herz entbrannte in Liebe über ihrem Kind« (1. Kön. 3,26) Haltet fest an der Hoffnung! Stellt sie allem entgegen, das euch ängsten will! Denn die Hoffnung ist eine positive Kraft, wie die Angst eine negative ist. Mögen Anlässe zur Angst gegeben sein - die waren immer da, zu allen Zeiten. Aber es galt auch immer, sich dieser Angst nicht zu überlassen. Und besonders dies gilt für Christen, die sich auf das Evangelium berufen und aus ihm leben wollen. Denn über diesem Evangelium stehen geradezu als ein Motto die Worte: »Fürchtet euch nicht!« Damit wird sicherlich nicht einem leichtfertigen Optimismus das Wort geredet, der vor bestehenden Gefahren die Augen verschließen will. Worauf es ankommt, das ist ein besonnener Mut, der sich den Bedrohungen ebenso wie der Angst entgegenstellt, um die Aufgaben zu meistern, die sich daraus ergeben. Es darf in keinem Fall so sein, dass die Angst schwerer wiegt als die Hoffnung. »Haltet fest an der Hoffnung!« Das gilt für alle, und es gilt auch für alle Mütter. Denn wie sollte eine Mutter ihren Kindern die für ihr Leben so entschei­dend wichtigen Impulse vermitteln können, wenn sie ohne Hoffnung wäre. Wie sollte eine werdende Mutter das Kind, das in ihr wächst, mit der Freude erwarten, die sich auf das Wer­dende überträgt und nach der Geburt und den Jahren des Heranwachsens sicher von großer Bedeutung ist. Ohne Hoffnung wären aber sicher auch immer weniger Frauen bereit, sich ein Kind zu wünschen. Der Wille zum Leben und zur Weitergabe des Lebens ist ja eng verknüpft mit der Hoffnung auf eine Zukunft, in der ein sinnvolles und Erfüllung schenkendes Dasein möglich ist. Solche Gedanken liegen nahe am Muttertag. Als er zu Beginn dieses Jahrhunderts erst in Amerika und dann auch bei uns und in anderen europäischen Ländern eingeführt wurde, da hat man als seinen Zeitpunkt den zweiten Sonntag im Mai gewählt. Diese Festle­gung hatte zur Folge, dass er nicht selten von zwei christlichen Feiertagen eingerahmt wird, nämlich von Himmelfahrt und Pfingsten. Dabei ist auffallend, dass der Muttertag die Gemüter im Allgemeinen sehr viel stärker anrührt und die Herzen mehr bewegt als die beiden traditio­nellen Feiertage. Man hat Einwände erhoben gegen den Muttertag. So ist zum Beispiel gesagt worden, man solle sich doch der Mutter gegenüber das ganze Jahr lang liebevoll verhalten und freundlich und dankbar sein und nicht nur an einem bestimmten Tag. Aber gehen nicht allzu leicht auch die natürlichsten Regungen und Empfindungen im Alltag unter, oder verblassen wenigstens? Bedürfen sie nicht der immer neuen Erinnerung und Bekräftigung durch den einen herausgehobenen Tag? Hat der Tag also nicht sein Recht? Ein anderer Einwand richtet sich dagegen, dass am Muttertag Gärtnereien und Blumenhandlungen viel verdienen. Aber hat das etwas zu sagen? Wer wollte denn Weihnachts- und Osterbräuche etwa deshalb abschaffen, weil bestimmte Erwerbszweige davon profitieren? Das will doch keiner. Dann ist der erhobene Einwand aber auch gegen den Muttertag kein Argument. Der Muttertag hat sich durchgesetzt. Er hat einfach in den Herzen der Menschen Widerhall gefunden. Sie haben ihn angenommen. Das wird nicht zuletzt auch deutlich im Vergleich mit dem sogenannten Vatertag, der zu Himmelfahrt begangen wird. Denn im Gegensatz zum Muttertag geht der eben nicht zu Herzen. Dass er überhaupt entstanden ist, hat wohl etwas mit der schwindenden Bedeutung des eigentlichen Himmelfahrtsfestes im allgemeinen Bewusst­sein zu tun. Man konnte vielfach mit Himmelfahrt nichts mehr anfangen. Aber der Feiertag war nun einmal da, und so wurde er eben zum Vatertag. Wie der begangen wird, ist uns bekannt. Dass der Himmelfahrtstag für viele keinen rechten Sinn mehr hat, das ist wohl darin begründet, dass man sich den entsprechenden Vorgang nicht mehr irgendwie vorstellen kann. Das Weltbild, das die Naturwissenschaft erkannt und bewiesen hat, steht dem entgegen. Wie sollte der Auferstandene auf einer Wolke nach oben entrückt worden sein, wenn es ein solches Oben mindestens im räumlichen Sinne gar nicht gibt, da ja unsere Erde von allen Seiten ringsum von unermesslichen Weiten umgeben ist. Der Himmelfahrtstag wird heute in den Kirchen vielfach als der Tag der höchsten und endgültigen Glorifizierung Jesu aufgefasst, als Tag seiner Erhebung an die Seite Gottes, in eine letzte Machtfülle, von der es dann heißt: »Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden«. Aber war diese Glorifizierung von der Sache her richtig, und war sie eigentlich in Jesu Sinn? Hat diese Glorifizierung die Heilandsge­stalt Jesu nicht in eine Unnahbarkeit entrückt, in der er für viele seine Leitbildfunktion verloren hat? Kann er vom göttlichen Thron her der Wegweiser sein, in dessen Nachfolge ein neues Menschsein sich anbahnt und erfüllt? Hier ist sicher vieles neu zu klären. Unbestreitbar ist jedenfalls, dass der Himmelfahrtstag heute für viele in Frage steht und dass er deshalb zum Vatertag wurde, der zwar vergnügt und meist recht lautstark begangen, aber dabei doch nicht recht ernstgenommen wird. Geschieht damit nicht den Vätern ein Unrecht? Warum ist das so? Dass in einer Familie auch die Funktion des Vaters von großer Bedeutung ist, wird keiner bestreiten wollen. Auch dass Väter die Mütter in der Pflege ihrer Kinder und in der Fürsorge für sie ablösen und vertreten, ist ja heute nicht ungewöhnlich. Und für manchen heranwachsen­den jungen Menschen ist der Vater mehr als die Mutter Maßstab und Mittelpunkt. Was ist dann das Besondere an der Mutter, das den Muttertag rechtfertigt und uns auch hier darauf Bezug nehmen lässt? Es ist wohl einmal ihre unmittelbare und innige Verbundenheit mit dem Leben selbst und den schöpferischen Kräften, die in ihm wirksam sind, und es ist weiterhin das, was wir als Mütterlichkeit bezeichnen. Die Mutter ist es ja, in der das Kind sich bildet und entfaltet, und sie ist es, die ihm schließlich den Weg auftut ins Leben hinein. Sie ist es, die Belastungen, Verzichte und auch Schmerzen auf sich zu nehmen hat. Und ganz ohne Risiko ist dies alles ja auch heute nicht. Die Mutter ist es, die alle verfügbaren Lebenskräfte in sich mobilisieren muss. Sie ist gleichsam die Gehilfin der Schöpfermacht. Und darum hat man wohl auch früher von einer Frau gesagt, dass sie gesegneten Leibes sei. Das andere, was die Mutter kennzeichnet und als ein besonderer Reichtum gelten darf, das ist ihre Mütterlichkeit. Die erweist sich im Dasein für die Kinder, in der Bereitschaft zu Verzicht und Opfer um der Kinder willen und in dem unbedingten Willen, sie vor allem Bösen und Bedrohenden zu bewahren. Nun gehört dies alles schon zum Mutterinstinkt der Tiere. Und dieser Mutterinstinkt ist be­stimmt nicht anerzogen, wie dies neuerdings auch von der menschlichen Mütterlichkeit behauptet wird. Zweifellos ist der Mensch aus tierhaften Vorstufen erwachsen und mit vielem tierhaft Natürlichen ist ihm eben auch der Mutterinstinkt zugekommen. Nur hat er später eine Vertiefung erfahren. Er wurde zur Eigenschaft des Herzens. Er wurde verinnerlicht, nicht zuletzt zu jener bergenden Güte, die auch eine große Geduld einschließt und die Bereitschaft zum Verstehen und Geltenlassen und nicht zuletzt auch zum Vergeben. Von einer solchen Mütterlichkeit haben zahllose Dichtungen gehandelt und viele Lieder haben sie besungen. Die Mutter war und blieb die unverlierbare Zuflucht auch für die Erwachsenen. Nun ist aber heute folgendes zu beobachten. Wenn Mütterlichkeit nicht anerzogen ist, so kann sie doch verloren­gehen. Es kann sein, dass eine Frau diese Mütterlichkeit gar nicht will, dass sie sich daraus löst. Und das mag wohl damit zusammenhängen, dass der Mensch ja bei seiner Entstehung aus der ebenso zwingenden wie aber auch bergenden Macht der Instinkte entlassen wurde. Nicht von heute auf morgen, sicher nicht, aber eben doch in einem langen Prozess, der weitergeht. Und damit wurde das Instinktbedingte zu etwas nicht mehr Selbstverständlichem. Und das musste sich später irgendwann auch in der Denkweise und den Empfindungen mancher Frauen auswirken. Es kann auch bei allem guten Willen und aller unbefangenen Bereitschaft sein, dass das mütterliche Empfinden erst allmählich nach der Geburt des Kindes in einer jungen Frau erwächst. Das Herz einer Mutter muss die Mütterlichkeit in sich selbst entfalten und bewahren. Es geht also um die Haltung und die Kräfte des Herzens. Um die geht es aber auch zu Pfingsten. Denn der heilige Geist, von dem dort die Rede ist, ist ja das von Gott her zum Menschen Kommende und in ihm Wirkende. Dieser heilige Geist wirkt nicht auf den Verstand ein, sondern auf den inneren Menschen, auf das Herz. Er kann das Herz leben­dig halten, er kann es reich machen, er kann auch Mütterlichkeit erwecken und entfalten in einer Frau. Der heilige Geist ist eine Kraft, eine heiligende, heilende, erneuernde Kraft. Durch diese Kraft des Geistes wird im Herzen Mütterlichkeit entfaltet und vertieft. So hat von den beiden umrahmenden Feiertagen Himmelfahrt recht wenig mit dem Besonderen des Mutter­tags zu tun, umso mehr aber Pfingsten. Wenn wir nun wieder den Muttertag begehen, so soll das geschehen in Dankbarkeit gegenüber dem Leben und der Schöpfermacht, an deren Wirken die Mutter in ihrer Weise Anteil hat. In Dankbarkeit aber auch für die eigene Mutter und für alles, was sie um unseretwillen auf sich genommen hat und was sie uns in langen Jahren gewesen ist. Und schließlich auch in Dankbarkeit für unsere Frauen als die Mütter unserer Kinder: für ihren Dienst am Leben und für ihre Mütterlichkeit. Wir wollen uns selbst mahnen und wir wollen unsere Frauen und Mütter bitten: Haltet fest an der Hoffnung! Wir wollen aber auch nicht vergessen, wieviel Mütterliches sich uns im Wesen Gottes erschließt. Seine unabänderliche Zuwendung, wie Jesus sie in seinem Gleichnis vom verlorenen Sohn darstellt, ist im Grunde mehr von mütterlicher als von väterlicher Art. Und wenn wir »Vater unser« sagen, sollten wir uns immer bewusst bleiben, dass dies auch das Mütterliche in Gott einschließt, die bergende Liebe, von der es gilt: »Ich will euch trösten wie einen seine Mutter tröstet«. Wir wollen Gott auch dafür danken am Muttertag.

Ulrich von Hasselbach, aus einer Predigtansprache am 11. Mai 1986, abgedruckt in der »Warte des Tempels«, Mai 1997

Zum Tod von Hans Küng

Streitbarer Theologe und universaler Denker

Am 6. April 2021 ist der katholische Theologe Hans Küng im Alter von 93 Jahren in Tübingen gestorben. Er war einer der meistgelesenen Theologen weltweit und Pionier in der Ökumene und im interreligiösen Dialog. Als Kirchenreformer und Friedensstifter und Gründer der »Stif­tung Weltethos« wurde er weltberühmt.

Am 19. März 1928 in Sursee, Schweiz, als Sohn eines Schuhhändlers geboren, beendete er seine Schulzeit 1948 mit der Matura in Luzern, studierte dann bis 1951 Philosophie und von 1951 bis 1955 Theologie an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom. Diese sieben ‚rö­mischen‘ Jahre waren auch geprägt durch das tägliche Gebet, Kontemplation und Exerzitien, diverse Messen - alles habe er mit vollem Ernst mitgemacht. Er erwarb die Linzenziate Lic. phil und Lic. theol, d.h. die Lehrbefugnis der beiden Fächer und wurde 1954 in Basel zum Priester geweiht. Nach jahrelangen Studien der Kirchlichen Dogmatik Karl Barths wurde er in Paris zum Thema »Rechtfertigung. Die Lehre Karl Barths und eine katholische Besinnung« promo­viert.

1960, mit 32 Jahren und obwohl er sich noch nicht habilitiert hatte, erhielt er den Ruf als Professor für Fundamentaltheologie an die Katholisch-Theologische Fakultät der Eberhard Karls Universität Tübingen. Seit Beginn seiner Lehrtätigkeit zeigte sich Küng als wacher und gegenüber seiner eigenen Kirche kritischer Geist - mit der Abschaffung des Zölibats, der Gleichberechtigung der Frau und einer weitreichenden Ökumene wollte er seine Kirche refor­mieren. Aber er entwickelte auch Visionen für eine versöhnliche und grenzüberschreitende katholische Theologie, die aber leider von der Amtskirche nicht aufgegriffen wurden.

Von 1960 bis 1965 wurde er als einer der Konzilstheologen des 2. Vatikanischen Konzils berufen, ebenso wie Joseph Ratzinger. Küng war von 1963 bis 1980 Professor für Dogmatik und Ökumenische Theologie und Direktor des Instituts für Ökumenische Forschung der Uni­versität Tübingen. Auf Anregung Küngs wechselte Joseph Ratzinger, der spätere Papst Bene­dikt XVI., im Jahr 1966 von der Universität in Münster auf den Lehrstuhl für Katholische Dog­matik in Tübingen. Während Küng die Päpste kritisierte, vertrat Ratzinger in der Auseinander­setzung mit der 68er-Bewegung zunehmend konservativere Positionen und wechselte 1969 an die Fakultät für Katholische Theologie Regensburg. Zu der Zeit kam es zwischen beiden zum Bruch.

www.piper.de/buecher/was-bleibt-isbn-978-3-492-30525-9
Buchtitel: Piper Verlag

Küng verfasste eine beeindruckende Anzahl von Büchern und nahm neben seiner Lehrtätigkeit zahlreiche Gastprofessuren wahr - er konnte die stattliche Zahl von 18 Honorarprofessuren vorweisen.

Im Dezember 1979, kurz vor Weihnachten, entzog die katholi­sche Kirche Küng die kirchliche Lehrerlaubnis (mission canonica), was er selber vor allem als Reaktion auf seine kritischen Äuße­rungen zur Trinität und zur Christologie, aber insbesondere zum Dogma von der Unfehlbarkeit des päpstlichen Lehramtes verstand. Die folgenden vier Monate beschrieb er selbst als die schlimmsten seines Lebens - und ganz sicher nicht nur, weil dieser Entzug seiner Lehrerlaubnis zugleich Verlust seiner materiellen Lebens­grundlagen bedeutete. Dank der Unterstützung des Landes Baden-Württemberg und der Universität Tübingen konnte Hans Küng als fakultätsunabhängiger Professor für Ökumenische Theologie und Direktor des Instituts für ökumenische Forschung weiter wirken, nicht mehr im Sinne einer »Theologie für die Kirche«, sondern - wie er selbst 1996 in seiner Abschiedsvorlesung formulierte - einer »Theologie für die Menschen«. Fortan trat er unermüdlich und weltweit für Frieden und für die Verständigung zwischen den Religionen und den Nationen ein.

Für ein Symposium an der UNESCO zum Thema »Kein Weltfriede ohne Religionsfriede« legte Küng im Februar 1989 das Basispapier vor. Im Jahr darauf sprach er in Davos vor dem Weltwirtschaftsforum zur Frage: »Warum brauchen wir globale ethische Standards, um zu überleben?« und im selben Jahr erschien das Buch Projekt Weltethos. Küng war Initiator und von 1995 bis 2013 Präsident der Stiftung Weltethos mit Sitz in Tübingen, der er sein Vermögen vermachte, um den Fortbestand dieser Arbeit zu sichern. Bis zu seiner Emeritierung 1996 blieb Küng Direktor des Instituts für Ökumenische Forschung und Professor an der Eberhard Karls Universität Tübingen; seine Abschiedsvorlesung beendete er 1996 mit einem dazu passenden dreifachen Wunsch: »Ich hoffe auf eine Einheit der Kirchen, ich hoffe auf Frieden unter den Religionen und ich hoffe auf eine wahre Gemeinschaft der Nationen.« Er war weiter­hin römisch-katholischer Priester, aber seine Bemühungen und sein Wunsch, theologisch von seiner Kirche rehabilitiert zu werden, blieben unerfüllt. Immerhin erhielt er vom aktuellen Papst Franziskus zwei handgeschriebene Briefe, durch die er sich wenigstens informell rehabilitiert sah.

Seine Trauerfeier fand am 16. April in Tübingen in der katholischen Kirche St. Johannes statt - der Kirche, in der er selbst früher an den Wochenenden gepredigt hatte. Schon vor Jahren hat er diese in allen Einzelheiten selber geplant, eigene Gebete dafür geschrieben, die Musik ausgesucht - Bach und Mozart - und seinen Schüler und Freund Wolfgang Gramer, Pfarrer i.R., gebeten, die Trauerrede zu halten. Für einen Sarg aus Kirschenholz hatte er sich entschieden und sich schon vor 20 Jahren eine Grabstätte in nächster Nähe seines Freundes und Wegbegleiters Walter Jens ausgesucht - der berühmte Rhetorik-Professor hatte zeitgleich mit ihm an der Uni Tübingen gewirkt. Coronabedingt konnte die Trauerfeier nicht vollständig nach seiner Planung umgesetzt werden - vor allem durften nur wenige Menschen persönlich teilnehmen: ein kleiner Kreis der engsten Freunde, Mitarbeiter und Kollegen. Auch auf einen ursprünglich geplanten Trauerzug von der Kirche zum Friedhof musste verzichtet werden.

Neben der bewegenden und sehr persönlich gehaltenen Predigt drückten auch Ministerprä­sident Winfried Kretschmann, Oberbürgermeister Boris Palmer, Universitätsrektor Bernd Eng­ler und der Präsident der Stiftung Weltethos, Eberhard Stiltz, ihre Anteilnahme in Ansprachen aus.

Katholische Kritiker bemängelten, dass die Trauerfeier kein katholisches Requiem gewesen sei und dass viele katholische Elemente darin gefehlt hätten, auch die Musikauswahl wurde kritisiert. Wir finden bewundernswert, wie konsequent Hans Küng seine Überzeugung auch in der eigenen Trauerfeier umgesetzt hat.

Küngs »Kurzformel des Glaubens«, von Pfr. Gramer in der Traueransprache zitiert, lautete: »In der Nachfolge Jesu Christi, in der Welt von heute wahrhaft menschlich leben, handeln, leiden und sterben - in Glück und Unglück, Leben und Tod gehalten von Gott und hilfreich den Menschen«.

Und als Abschiedsgruß gab er allen auf den Weg: »Gottes Liebe bewahrt nicht vor allem Leid, aber sie bewahrt in allem Leid.«

Karin und Jörg Klingbeil

Stuttgarter Atlas der Religionen

In der Landeshauptstadt Stuttgart leben über 600.000 Menschen aus über 180 Nationen. Eine bunte Vielfalt zeigt sich auch auf dem Gebiet der Religionen mit über 250 Gemeinden, Kirchen und Glaubensgemeinschaften im Stadtgebiet. Diese »religiöse Landschaft« wollte der 2016 gegründete »Rat der Religionen« erkunden lassen und gab einen »Atlas der Religionen« in Auftrag, der nun vorliegt. Bei dem bundesweit einmaligen Projekt hatte das Statistische Amt der Stadt die Federführung.

Der fast 200 Seiten starke Bericht zeigt auf, wie sehr sich die Stadt in den letzten 120 Jah­ren verändert hat. War sie damals noch ganz überwiegend protestantisch geprägt - 83 Prozent der Bevölkerung gehörten seinerzeit der evangelischen, rund 15 Prozent der katholischen Kirche an -, so sind die Mitgliederzahlen der evangelischen und der katholischen Kirche heute etwa gleich groß (23 bzw. 22 Prozent). Mehr als die Hälfte der Bevölkerung gehört also nicht mehr einer der beiden großen »Volkskirchen« an. Gewachsen ist sowohl der Anteil derjenigen, die sich anderen (christlichen und nichtchristlichen) Religionen zugehörig fühlen (allein etwa 10 Prozent machen die Muslime aus), als auch derjenigen, die sich als »nicht religiös« be­zeichnen (rund ein Viertel).

Die Interpretation des umfangreichen Zahlenwerks ist nicht ganz einfach, da der Zusam­menhang zwischen religiöser Zugehörigkeit und individuellem Glauben komplex ist. So gibt es viele Menschen, die sich keiner bestimmten Religion oder Kirche zugehörig fühlen, aber den­noch an (einen) Gott oder ein höheres Wesen glauben. Da das Melderegister zudem nur die Mitglieder der (in Baden-Württemberg: 32) öffentlich-rechtlichen Religionsgemeinschaften er­fasst, lassen sich hieraus keine hinreichenden Erkenntnisse zur Religiosität der Bevölkerung gewinnen. Die Angehörigen zahlreicher (christlicher und nichtchristlicher) Religionsgemein­schaften, also z.B. Muslime, Hinduisten, Buddhisten, Aleviten und andere, werden dort ausge­klammert. Und nicht erfasst werden darin natürlich auch die Atheisten. Deshalb war die Stadt für Aussagen zur Religiosität auf Befragungen angewiesen.

Der »Atlas der Religionen« enthält nicht nur einen umfangreichen statistischen Teil, der über die Zugehörigkeit der Bürgerinnen und Bürger zu Religionsgemeinschaften nach Alter, Ge­schlecht und Migrationshintergrund differenziert Auskunft gibt. Er bietet auch Einzelbeiträge zu Entwicklung und Struktur der größeren Gemeinschaften sowie zur Religiosität in Stuttgart generell. Im Infoteil finden sich überdies Selbstbeschreibungen zahlreicher Relgionsgemein­schaften, darunter auch der Tempelgesellschaft. Die Broschüre ist beim Statistischen Amt der Landeshauptstadt in Papierform für 8,00 Euro zzgl. Versand erhältlich; sie kann aber auch im Komunis-Portal der Stadt als pdf-Dokument kostenfrei heruntergeladen werden (Produkte -> Themenheft -> 2020 -> Stuttgarter Atlas der Religionen 2020).

Jörg Klingbeil

AUS DEM ARCHIV

Karriere auf drei Kontinenten

Der Architekt Theo Wieland

Zu den wichtigsten Architekten und Architekturlehrern Deutschlands zählt Heinrich Tessenow (1876-1950), der als Vertreter der sog. Reformarchitektur gilt und u.a. durch das Festspielhaus in Dresden-Hellerau bekannt wurde. Von 1920-1926 war er Professor an der Akademie der Künste in Dresden, von 1926-1941 an der Technischen Hochschule Berlin. Tessenow betonte stets die Einfachheit und Bodenständigkeit seiner Entwürfe; berühmt ist sein Satz »das Ein­fache ist nicht immer das Beste, aber das Beste ist immer einfach.«

Theo Wieland,
 1950 (Foto: Privat)
Foto: Privat

Durch eine Anfrage der Heinrich-Tessenow-Gesellschaft, die ein Buch über Schüler dieses bedeutenden Architekturlehrers plant, erfuhren wir, dass auch der Templer Theo Wieland zu die­sem illustren Personenkreis zählte. Theodor Carl Hugo Wieland, wie er mit vollem Namen hieß, wurde 1906 als ältestes von sechs Kindern in Jerusalem geboren. Seine Eltern waren Carl Hugo Wieland (1879-1952) und Theodora geb. Sandel (1883-1971). Das Bauwesen lag ihm offenbar im Blut, war doch sein Großvater mütterlicherseits Theodor Sandel (1845-1902), einer der bedeutendsten Architekten von Bauwerken im Heiligen Land. Der andere Großvater war Karl Hugo Wieland (1853-1922), der in Jaffa die erste Zementwarenfabrik des Landes gründete, die später von einigen seiner Söhne fortgeführt wurde. Theo Wie­land verbrachte die ersten sechs Jahre seines Lebens in Jerusa­lem und Jaffa. Danach zog die Familie nach Aleppo, wo sich die Firma Wieland an Bauten der Hedjas-Bahn beteiligte und wo Theo eine deutsche Schule bis 1917 besuchte. Anschließend ging er zum Schulbesuch nach Deutschland und machte 1925 sein Abitur in Stuttgart.

Wie sein Großvater Theodor Sandel und sein Onkel Benjamin Sandel entschloss er sich zum Ar­chitekturstudium, das er 1926-1928 an der Techni­schen Universität München begann, 1931-1934 u.a. bei Heinrich Tessenow in Berlin fortsetzte und dort als Diplom-Ingenieur für Architektur mit Auszeich­nung abschloss. In der Zwischenzeit gründete er in Jaffa ein eigenes Architekturbüro und entwarf in die­ser Zeit etliche Bauten (u.a. in Jaffa, Sarona und Jerusalem), wobei er sich bei Ausschreibun­gen erfolgreich gegen renommierte Architekturbüros aus Palästina und Europa durchsetzte. 1934 kehrte er nach Palästina zurück und nahm die frühere Tätigkeit wieder auf. Wie er später schrieb, wurde in jener Zeit erwartet, dass Architekten Gebäude einheitlich planen und sich auch dem Innenausbau in puncto Möblierung, Beleuchtung oder Farbgestaltung widmen.

In Sarona entwarf Theo Wieland zum Beispiel die »Neue Schule«, die von der Baufirma Wennagel gebaut wurde und 1931 ihren Betrieb aufnahm. Nach der Deportation von Templern nach Australien im Juli 1941 wurde dort eine Polizeischule unterge­bracht. Nach dem Krieg diente das Gebäude jahr­zehntelang als Geburtsklinik von Tel Aviv. Mit die­sem Bauwerk, das 2002 einem Wolkenkratzer wei­chen musste, befasste sich auch die Diplomarbeit von Theo Wieland in Berlin. 1930 entwarf er auch das Wohnhaus von Wilhelm Aberle, das heute noch im militärischen Sperrbezirk von Sarona steht und nach der Staatsgründung Israels zur Residenz mehrerer Ministerpräsidenten wurde. Am 16. Mai 1948 fand dort die erste Kabinettssitzung der jungen Regierung statt. 2018 konn­ten wir das sorgfältig restaurierte Gebäude sogar von innen besichtigen. Zwei weitere Wohn­häuser in Sarona, die Theo Wieland entworfen hatte, darunter sein eigenes, wurden 1937 in einer deutschen Architekturzeitschrift vorgestellt.

Haus Wilhelm Aberle,
 2018 (Foto privat)
Foto: Privat

1936 heiratete Theo Wieland die aus Breslau stammende Käthe Wolff; die Ehe blieb kinderlos. 1938 kehrte er nach Berlin zurück und wurde Assi­stent von Heinrich Tessenow mit einem Lehrauftrag für Konstruktion an der TU Berlin. 1940 wurde Hein­rich Tessenow von der Reichsregierung mit der Pla­nung neuer Städte im Osten beauftragt und ver­stärkte sein eigenes Architekturbüro für diesen Auf­trag mit besonders fähigen Architekten, darunter mit Theo Wieland als Chefplaner. Obwohl die Pläne noch bis ins Detail ausgearbeitet wurden, gab die Regierung nach zwei Jahren das Projekt auf. In den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs war Theo Wieland Soldat. Die schwierige Nachkriegszeit ver­brachten er und seine Frau in Württemberg und Hessen, wo er als bauleitender Architekt für die US-Armee tätig war. Ende 1950 wanderten sie nach Australien aus, wohin seine Eltern kurz zuvor bereits ausgereist waren. Ein Bekannter aus Palästina, Carl Strecker, hatte ihn dem Bauunternehmer Carl Juncken in Nuriootpa (Südaustralien) empfohlen, der ihn quasi unbese­hen einstellte. Nach dem Tod des Firmengründers im Juli 1951 übernahm Theo Wieland die Geschäftsführung dieser größten Baufirma in Südaustralien für fast 20 Jahre, wobei er sich oft in die Entwurfsplanung und Details der Bauausführung einschaltete. In dieser Zeit stellte er auch eine ganze Reihe von Palästinadeutschen ein, die wie er nach Australien ausgewandert waren. Am 24. Dezember 1970 starb Theo Wieland in Nuriootpa, wo er auch beerdigt wurde, ebenso wie seine Eltern, seine Schwester und sein Schwager. Beruflich wie privat genoss Theo Wieland hohe Wertschätzung, wie auch die Teilnahme von 400 Trauergästen bei seiner Beerdigung zeigte.

Aus seinem Nachlass sind etliche Dokumente erhalten, die die hohe Qualifikation und Aner­kennung von Theo Wieland in allen beruflichen Stationen belegen, darunter auch ein Zeugnis von Professor Heinrich Tessenow aus dem Jahre 1934, in dem dem jungen Architekten eine »hervorragende Begabung« attestiert wird.

Jörg Klingbeil

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