Die Warte des Tempels
Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 177/12 - Dezember 2021

 

 

Der Weihnachtsstern - Manfred Hausmann

Was macht Weihnachten aus? - Mark Herrmann

...denn die Finsternis geht vorüber...! - Wolfgang Blaich

Gottes Licht in Menschenhand - Gabriel Strenger

Eine Zu-MUT-ung: Fürchtet euch nicht! - Veit Schäfer

Licht am Horizont - Christoph Fleischmann

Zum 250. Geburtstag von Gottlieb Wilhelm Hoffmann - Jakob Eisler

Der Herr ist nah - Jochen Klepper

 

Der Weihnachtsstern

Mögt ihr auch in die allerfernste Ferne,
die flimmernde, des Weltenraumes spähn,
Ihr könnt nur Sterne, immer neue Sterne,
doch nirgends könnt ihr meinesgleichen sehn.

 

Ich komme aus der andern Welt und Zeit
zufolge Gottes deutender Gebärde
und ziehe über Bethlehems Gebreit
und über all die Traurigkeit der Erde.

 

Denkt nicht, ich wäre schon, ich selbst, das Licht.
Das Licht ist unbegreiflich eins und keins.
Ich bin, der sich im Erdendämmer bricht,
der Schein nur, nur der Widerschein des Scheins,

 

ein Zeichen nur in dieser Nacht und Stille.
Vielleicht, dass einer, der mich sieht, sich bang
erhebt und aufbricht und aus seiner Fülle
ins Ungewisse geht sein Leben lang.

Manfred Hausmann

Was macht Weihnachten aus?

Trotz der berechtigten Sorge und der massiven Störungen, die die COVID-Pandemie in den Jahren 2020 und 2021 verursacht hat, wird Weihnachten seinen gewohnten Platz im Dezem­ber einnehmen. Wie feierst Du? Liegt Dein Schwerpunkt auf dem spirituellen Gesichtspunkt, dem familiären Beisammensein oder dem mit Freunden, auf der Ferienzeit, oder nimmst Du die Sicht des Konsumenten ein? Vielleicht ist es auch eine Kombination aus diesen Gesichts­punkten.

Mit scheinbar steil ansteigender verschwenderischer Kommerzialisierung und - zumindest in Australien - verbunden mit den alljährlichen Sommerferien ist es leicht, die Bedeutung hinter dem Ereignis zu vergessen. Mir widerstreben immer die Auswüchse, die sich in der Weih­nachtszeit zeigen, und ich versuche, mich auf die Bedeutung zu konzentrieren, die durch die weihnachtliche Geburtsszene dargestellt wird. Warum können Dinge nicht schlicht, aber wür­dig bleiben?

Von der religiösen Perspektive her, der christlichen oder auch anderer, haben viele Men­schen zu Weihnachten eine Hoffnung: dieses Mal die Hoffnung auf ein Ende des Corona-Virus mit seinem tödlichen Einfluss ... und, mehr wie in einem ‚normalen‘ Jahr, Hoffnung auf Frieden in der Nachbarschaft, sei diese nah oder fern. Letztlich sind wir alle eine weltweite Gemein­schaft.

Nach fast zwei Jahren unter dem tiefen Schatten von COVID erhöht sich im Dezember der nächtliche Stromverbrauch in Melbourne, weil die Häuser in allen Vororten mit farbigen, blin­kenden Lichtern geschmückt sind und in Gärten große, aufblasbare Kreaturen aufgestellt werden. Ist Ersteres eine Zustimmung zu dem Stern, der angeblich weise Männer aus dem Osten zur bescheidenen Krippe in Betlehem geleitet hat? Was Letzteres angeht, so fehlt mir jede Erklärung. Zur aufblasbaren ‚Herde‘ unseres Nachbarn gehörten ein rosa Schwein und ein Auto!

Lange vor dem christlichen Advent hatten immergrüne Pflanzen und Bäume im Winter eine besondere Bedeutung. Früher hängten die Menschen Zweige über ihre Türen und Fenster, weil sie glaubten, dass immergrüne Pflanzen böse Geister und Krankheiten fernhalten würden. Lange meinte man, dass Martin Luther die Tradition, einen Baum ins Haus zu bringen, begrün­det habe. Nach dieser Legende ging er einmal spät abends durch den Wald und bemerkte, wie die Sterne durch die Bäume schienen. Weil auch seine Frau an dieser Schönheit teilhaben sollte, schnitt er eine Tanne und nahm sie mit nach Hause. Als er innen war, befestigte er klei­ne brennende Kerzen auf den Zweigen und sagte, dass das ein Symbol für den wunder­schönen Weihnachtshimmel sei.

Nach einer anderen Legende vereinten die Menschen in Deutschland im frühen 16. Jahr­hundert zwei Bräuche, die in verschiedenen Ländern rund um die Welt ausgeübt wurden. Der Baum im Paradies (eine mit Äpfeln dekorierte Tanne) verkörperte den Baum der Erkenntnis im Garten Eden. Das Weihnachts-Licht, ein kleiner, pyramidenförmiger Rahmen, üblicherweise mit Glaskugeln, Rauschgold und einer Kerze oben drauf dekoriert, war ein Symbol für die Geburt Christi als Licht der Welt.

Die Spur des heiligen Nikolaus kann Jahrhunderte zurückverfolgt werden bis zu einem Mönch namens Nikolaus. Man nimmt an, dass er um etwa 280 in der Nähe von Myra in der heutigen Türkei geboren wurde. St. Nikolaus wurde sehr wegen seiner Frömmigkeit und seiner Güte bewundert. Über die Jahre wuchs seine Beliebtheit und er wurde zum Beschützer der Kinder und Seeleute. Sein Fest wird am 6. Dezember, dem Jahrestag seines Todes, began­gen. Herkömmlicherweise wurde dieser als ein Glückstag angesehen, um einen großen Kauf zu tätigen oder zu heiraten. In der Renaissance war Nikolaus der beliebteste Heilige in Euro­pa. Selbst nach der Reformation, als die Heiligenverehrung nachließ, behielt er einen positiven Ruf, besonders in Holland. Der Name Santa Claus entwickelte sich aus ‚Sinter Klaas‘, einer Kurzform von ‚Sint Nikolaas‘ (holländisch für Sankt Nikolaus).

Französische Nonnen im Mittelalter (13. Jahrhundert) regten die Fortführung der Tradition an, nach der man anonym nachts beschenkt wird. In Europa stellen die Kinder am Abend des 5. Dezember ihre Schuhe auf das Fensterbrett und gehen mit der Hoffnung schlafen, dass die Schuhe mit Geschenken gefüllt sind, wenn sie aufwachen. Hierher rührt die Idee der Weih­nachtsstrümpfe. Und hier dachte ich, dass diese Praxis durch die - nach dem Narrativ der Bibel - die Geschenke bringenden Heiligen Drei Könige begann. Allerdings ziehe ich die Linie zu Kris Kringle.

Das Christkind, teilweise auch zärtlich als Christkindl bekannt, wurde während der Reforma­tion von den Protestanten ins Leben gerufen, als Luther die Bedeutung der vorherigen katho­lischen Feier zu St. Nikolaus reduzieren wollte. So wurde das Christkind, das üblicherweise am 24. Dezember, dem letzten Tag des Advents, die Geschenke bringt, geboren. Als Europa säkularer wurde, vermischten sich das protestantische Christkind und der katholische St. Nikolaus. Letzterer wurde im Deutschen zum Weihnachtsmann (Father Christmas/Santa Claus), der ohne Rücksicht auf die Religion gefeiert wurde, während das Christkind sich durch die Vorstellung von dem Säugling Jesus zu einem blonden, weiblichen Engel wandelte.

Lieder wurden in Europa schon vor tausenden von Jahren gesungen, aber sie waren nicht so vielfältig wie die zu Weihnachten. Es waren heidnische Lieder, die zu den Festlichkeiten zur Wintersonnenwende (in der nördlichen Hemisphäre) gesungen wurden, zu denen die Men­schen tanzten. Die Lieder bezeichneten eigentlich einen Tanz oder ein Lob- und Freudenlied. Sie wurden zu allen vier Jahreszeiten geschrieben und gesungen, aber nur die Praxis, sie zu Weihnachten zu singen, hat überlebt.

Dann begann man, Weihnachten zur selben Zeit wie die Sonnwende zu feiern, und Christen begannen, anstelle der heidnischen christliche Lieder zu singen. Sie waren jedoch nicht sehr beliebt, weil sie alle auf Latein geschrieben und gesungen wurden und daher schwierig zu verstehen waren. Im Mittelalter hatten die meisten das Interesse verloren, gemeinsam Weih­nachten zu feiern. Das änderte sich, als Franz von Assisi in Italien mit seinen Krippenspielen begann. Diese Krippenspiele beinhalteten Lieder oder Lobgesänge, die die Geschichte erzählten. Manchmal waren die Kehrreime dieser neuen Lieder auf Latein, aber normalerweise waren sie alle in der Sprache der Leute, die dem Spiel zusahen, sodass diese sie verstehen und einstimmen konnten!
Das erste Lied dieser Art ist 1410 geschrieben worden, aber davon existiert nur noch ein klei­nes Fragment. Es handelte von Maria und Jesus, die verschiedenen Menschen in Betlehem begegneten. Viele dieser Lieder basieren nur sehr lose auf der Weihnachtsgeschichte und wurden eher als Lieder zur Unterhaltung denn als religiöse Lieder angesehen. Als in den 1640er Jahren die Puritaner (englische Protestanten) an die Macht kamen, wurde das Feiern von Weihnachten und das Singen der Lieder in der Kirche beendet, weil dies als aufdringlich empfunden wurde. Aber sie überlebten, weil die Menschen sie heimlich sangen. Herkömmli­cherweise werden Weihnachtslieder zwischen dem St. Thomas-Tag (21.12.) und dem Morgen des Weihnachtstages gesungen.

Aber warum diese Fixierung auf die Wintermitte? Nach einigen Historikern ist das die natür­liche Zeit für ein Fest. In einer landwirtschaftlich geprägten Gesellschaft ist die Erntearbeit des Jahres abgeschlossen, auf den Feldern ist nichts mehr zu tun. »Dann hat man Zeit, sich dem religiösen Leben zu widmen«, sagt Philip Shaw, der frühe germanische Sprachen und Alteng­lisch an der Universität Leicester erforscht. »Aber es ist auch eine Zeit, in der jeder, offen ge­sagt, Aufmunterung braucht.«

Die dunklen Tage, die im kürzesten Tag des Jahres gipfeln, können durch Feste und Deko­ration erhellt werden, stellt Ronald Hutton, ein Historiker an der Universität in Bristol fest. Aber Weihnachten wurde ein Opfer der Kirchenspaltung mit Reform-gesinnten Protestanten, die es nur geringfügig besser als das Heidentum ansahen, sagte Stephen Nissenbaum, der Autor des Buchs »The Battle for Christmas« (Der Kampf um Weihnachten). Das hat wahrscheinlich mit der »wilden, rauflustigen und manchmal derben Art« zu tun, in der es begangen wurde, fügte er hinzu.

Der Dezember wurde zu einem Monat der Exzesse, in dem das Näherkommen der Feier­tage uns zum Konsum drängt, dazu, Geschenke zu kaufen, Familie und Freunde zu treffen, zu essen, essen und essen ... oh, und zu trinken. Schließlich muss man nicht lange darauf war­ten, dass man sich an Neujahr vornimmt, eine Diät zu machen, weniger zu trinken und mehr Sport zu treiben!

Und, bis zu einem bestimmten Punkt befinden wir uns heute hier. Nach einem belastenden 2020, das sich 2021 fortsetzte, brauchen wir etwas, das uns aufmuntert; mit vielen Leuten, die sich danach sehnen, wieder mit der Familie und Freunden zusammenzukommen (auf eine sichere Art und Weise) - wir brauchen eigentlich keinen Grund um zu feiern.

Ich denke, dass Weihnachten für verschiedene Leute eine unterschiedliche Bedeutung hat. Ich würde mir nur wünschen, dass es schlichter sein könnte, ohne die Extravaganzen. Meiner Meinung nach dient das »Gepäck« - das man als vorgegeben betrachten könnte, oder parado­xerweise, als angeeignet - als Zerstreuung. Um den Widerspruch zu unterstreichen: Australien begeht die Weihnachtszeit im Sommer. Es kann 40° oder heißer sein, was Schnee, Rentiere und Schlittenglocken reichlich überflüssig macht!

Daher: ob Weihnachtslieder an einem geschmackvoll geschmückten Baum zu singen, ein fröhliches Grillfest mit Freunden zu feiern, angemessene Geschenke mit den Liebsten auszu­tauschen, an den Boxing-Day-Sonderverkaufstagen (Boxing Day ist der 2. Weihnachtsfeiertag) ein Schnäppchen zu machen, sich über das gerade vergangene Jahr Gedanken zu machen oder einfach nur in einer Hängematte beim Ferienhaus an der Küste zu schlafen - ich bin si­cher, dass euch Weihnachten das gibt, was ihr gerne hättet!

Abgesehen von den Schwierigkeiten, der Mühsal und den Enttäuschungen, die die wieder­holten Lockdowns wegen der Pandemie uns gebracht haben, soll dieser Abend eine Zeit der Freude, des Friedens, des guten Willens und der Hoffnung sein - der Hoffnung auf ein Ende der COVID-Zeit und dass alles besser wird.

Daher: gönnt euch selber im Geist von Weihnachten eine Pause zum Nachdenken und zum Gedenken.

Irgendwo in dem ruhigen Ort unseres Herzens danken wir für Jesu Geburt. Mögen wir sei­nem Bespiel folgen, zu mehr Liebe, Mitgefühl und Gerechtigkeit.

Mark Herrmann

Quellen: Internetseiten über santa-claus, history-of-christmas-trees, the-origin-of-carol-singing, forget-santa-meet-the-christkind, carols-history, saint-nicholas-day

BIBELWORTE - KURZ BETRACHTET

...denn die Finsternis geht vorüber und schon leuchtet das wahre Licht!

Dieses Wort steht im ersten Johannesbrief, im zweiten Kapitel, Vers 8. Dieses Buch enthält keinerlei Zeitangaben. Vermutlich entstand dieser Brief ca. 90 - 100 n.Chr. Auch zum Verfasser gibt es keine eindeutigen Aussagen. Es scheint aber relativ gesichert, dass das Schreiben im Bereich um Ephesus in Kleinasien verfasst wurde, und dort an umliegende christliche Gemeinden gerichtet war. Das geht aus der Tatsache hervor, dass das Schreiben zwar keine typischen Briefmerkmale wie Briefkopf, Segensgruß und Schlussgrüße, aber die häufige liebe­volle Anrede der Gemeindeglieder enthält, was auf eine enge Beziehung zwischen dem Ver­fasser Johannes und den Empfängern hinweist.

Wenngleich im Bibeltext keine Zeitangabe enthalten ist, ist es für mich eben auch ein zeit­loses Wort. Seine Aussage gilt gestern, heute und morgen, und es verbreitet eine vorweih­nachtliche Stimmung der Hoffnung - eine Stimmung, welche mir in unseren Tagen lebensnot­wendig erscheint.

Der Verfasser nennt den Grund, warum er diesen Brief geschrieben hat und welches Ziel er damit verfolgt. Er will an das alte und neue Gebot der Liebe erinnern und gleichzeitig vor ge­fährlichen Irrlehren warnen.

Ausgehend von der These »Gott ist Licht und keine Finsternis ist in ihm« (1.Joh 1,5) legt der Autor dar, was das Wesen christlicher Existenz ausmacht: die Gemeinschaft miteinander auf der Basis der Lehre Jesu. Konkret wird die Gotteserkenntnis im Halten der Gebote, speziell des »alten« Gebotes der Bruderliebe (1.Joh 2, 3-11). Wer dieses Gebot hält, »bleibt im Licht«. Nach der Aussage des Verfassers des Briefes ist jemand daran zu erkennen, ob er Gott erkannt hat, dass er seine Gebote hält - was heißt, dass die Liebe Gottes in dem vollendet ist, der sein Wort hält.

Im Johannesbrief spricht der Verfasser von Bruderliebe, aber auch gleichzeitig von seinen Kindern. Das heißt für mich, dass das Wort alle erfasst, dass alle in der Gemeinschaft gemeint sind. Denn von dieser Liebe geht alles aus. Sie bildet die Mitte einer christlichen Gemeinde, nämlich die geschwisterliche Liebe zu den Mitmenschen und ihre Gestaltung innerhalb der Gemeinde. Das wird im Brief im Vers 9 deutlich: «Wer sagt, er sei im Licht, aber seinen Bruder hasst, ist noch in der Finsternis. Wer seinen Bruder liebt, bleibt im Licht«.

Das erinnert mich an eine mir überbrachte Gepflogenheit in früheren Templergemeinden, wo vor dem Gespräch mit Gott jeglicher Zwist mit einem »Bruder« beigelegt werden sollte. Und ist dieses Wort von der Liebe nicht ein Zeichen der Zuversicht in der vorweihnachtlichen Zeit?

Wolfgang Blaich

Gottes Licht in Menschenhand

Die Menora und das jüdische Chanukka-Fest

Die siebenarmige Menora (hebräisch für Leuchter) wurde im Jerusalemer Tempel Abend für Abend mit reinstem Olivenöl angezündet, als Zeichen für die göttliche Einwohnung (hebr.: Sche­china) im Volk Israel. Im Buch Sacharja sieht der Prophet die Menora in einer mystischen Vision und kommentiert dies mit den unsterblichen Worten: »Nicht durch Macht und nicht durch Stärke, sondern durch meinen Geist - spricht der Ewige der Heerscharen!« (4,6) In der jüdischen Mystik manifestiert sich der Geist in Form von sieben erhabenen Attributen (Middot beziehungsweise Sefirot), die mit Liebe, Zurückhaltung, Ausgeglichenheit, Einsatz, Dankbar­keit, Energie und Gegenwärtigkeit umschrieben werden können...

Gabriel Strenger

Der Autor ist Psychologe, lehrt an der Hebräischen Universität Jerusalem und ist als Autor, Sänger und Mitarbeiter im »Stuttgarter Lehrhaus für interreligiösen Dialog« tätig.

 

Dieser Artikel ist für die Internetausgabe der »Warte« leider nicht freigegeben. Lesen Sie den vollständigen Artikel in der gedruckten Ausgabe der »Warte« oder in »Publik-Forum«, kri­tisch - christlich - unabhängig, Oberursel, Ausgabe 22/2021, Seite 40.

Zur Weihnachts-Sondermarke der Deutschen Post

Eine Zu-MUT-ung: Fürchtet euch nicht!

Es gibt Worte, die unbedingt sind. Sie klingen weit mehr als Befehl denn als Empfehlung, und es ist ganz vergeblich, darüber zu diskutieren oder zu räsonieren, ob sie sinnvoll oder unsin­nig, richtig oder falsch sind.

Weihnachts-Sondermarke 2021 der Deutschen Post (Grafik: Deutsche Post)
Grafik: Deutsche Post

»Fürchtet euch nicht« ist ein solches Wort. Es kommt in der Bi­bel an die 100mal vor, und es wird nahezu ausschließlich in Situa­tionen hinein gesprochen, die buchstäblich zum Fürchten sind: vor oder in kriegerischen Auseinandersetzungen, aber auch in allerlei Anfechtungen und Prüfungen des Glaubens. Paradox genug, ge­hört doch Furcht, Angst, zu den Konditionen des Menschseins! Zudem wissen wir doch, dass Angst lebensrettende Körperreaktio­nen auslösen kann.

»In der Welt habt ihr Angst«, sagt Jesus (Johannes 16,33). Das könnte er auch in unsere Zeit hinein gesprochen haben. Die Men­schen fürchten sich gegenwärtig vor vielfältigen Gefahren und Risi­ken: Wirtschaftslage, Inflation, Krankheit (Corona insbesondere), Arbeitslosigkeit, Flüchtlinge, und seit der Unwetterkatastrophe im Juli schnellte die Angst vor Naturkatastrophen und Klimawandel unter den Deutschen sprunghaft in die Höhe. Da hört sich das un­bedingte »Fürchtet euch nicht« irgendwie zynisch an, oder?

Erfreulicherweise hat sich das Bundesfinanzministerium als He­rausgeber der Briefmarken durch solche Überlegungen nicht leiten lassen und den biblischen Imperativ zum Motiv einer schönen Weihnachtsmarke gemacht! Das Wertpapierchen greift das wohl bekannteste »Fürchtet euch nicht« auf, das aus der sogenannten Weihnachtsgeschichte des Lukasevangeliums (Lukas 2,8ff). Darin erscheint ein Engel, wenig später ganze Engel­scharen den Hirten, die nachts auf dem Feld bei ihren Schafen Wache halten. Dort war es der Abglanz Gottes, der ihnen große Furcht einflößte, die »Herrlichkeit des Herrn«, welche die Engel vertraten.

Das Bundesfinanzministerium fügte der Ausgabe der Weihnachtsmarke einen schönen, geradezu religiösen Text bei. Darin heißt es von dem Engel u.a. »Das Gesicht des Himmelsbo­ten scheint von solch wohlmeinender Milde und drückt doch so viel Verständnis für all die ern­sten Beweggründe menschlicher Furcht aus ...denn er weiß um seine bedeutsame Aufgabe, den Menschen zu sagen: »Die Furcht und alle Unfreiheit, die sie bringt, haben nicht das letzte Wort. Fürchtet euch darum nicht, denn Gott kehrt bei den Menschen ein ... das ist ein Grund zu großer Freude«.

Gemalt hat den Engel übrigens der Allgäuer Maler Johann Michael Hertz (1725-1790).

Zumutung mal anders verstehen

Wunderbar wär‘s, wenn Tausende, vielleicht Hunderttausende oder mehr (die Auflage der Mar­ke beträgt 6,6 Mio.) von Briefen mit dieser Sondermarke zu den Empfängern gelangen würden! Man stelle sich vor, die Gemeinden aller Kirchen und viele einzelne Christen würden ihre Weihnachtspost mit dieser Marke freimachen - Verkündigung pur.

Freilich, den Widerspruch, eine befürchtete oder wirklich fürchterliche Lage mit dem Appell zu beantworten, keine Furcht zu haben, würden vielleicht viele als Zumutung empfinden. Ge­wöhnlich wird darunter ein ungebührliches Verlangen verstanden, etwas verlangen, was eigentlich nicht zu vertreten ist. (Duden; Stilwörterbuch). Erstaunlich: es kam anscheinend noch niemand darauf, dass mitten in dem Wort MUT steckt - also genau das, wozu der Engel aufruft: der Furcht im Vertrauen auf Gottes Rettungsmacht mit Kühnheit, Unerschrockenheit, Beherztheit zu begegnen.

Ein schöner Nebeneffekt ist mit der Marke zudem verbunden: der Zuschlag von 40 ct zum Briefporto (80 ct) geht an die Wohlfahrtsverbände, die damit Jugend-, Alten- und Behinderten­arbeit, Gesundheits- und Familienhilfe und soziale Maßnahmen für Arbeitslose, Flüchtlinge und Suchtkranke fördern.

Veit Schäfer

Nahtoderfahrung

Licht am Horizont

Menschen, die dem Tod nahe sind, machen oft sehr schöne Erfahrungen. Was bedeuten diese Erlebnisse an der Schwelle des Todes für unser Weltbild und was für die Menschen, die sie erleben?

Plötzlich bemerke ich, dass ich von oben auf eine Frau hinabschaue, die auf dem Bett liegt, ihre Beine ruhen auf Stützen. Ich sehe die Panik der Pflegekräfte und Ärzte, ich sehe eine Menge Blut auf dem Bett und auf dem Boden.« So beschreibt eine Frau die dramatische Geburt ihrer zweiten Tochter. Der starke Blutverlust löste aber nicht nur die Wahrnehmung aus, von außen auf sich draufzuschauen: »Schnell wie ein Pfeil schieße ich durch einen dunklen Tunnel. Ein intensives friedliches und seliges Gefühl durchströmt mich. Ich fühle mich von Grund auf zufrieden, glücklich, ruhig und friedvoll. Ich höre herrliche Musik. Ich sehe schöne Farben und eine große Wiese mit herrlichen Blumen, in allen nur denkbaren Schattierungen...

Christoph Fleischmann

 

Dieser Artikel ist für die Internetausgabe der »Warte« leider nicht freigegeben. Lesen Sie den vollständigen Artikel in der gedruckten Ausgabe der »Warte« oder in »Publik-Forum«, kri­tisch - christlich - unabhängig, Oberursel, Ausgabe 22/2021, Seite 26.

Zum 250. Geburtstag von Gottlieb Wilhelm Hoffmann

Gottlieb Wilhelm Hoffmann wurde als Sohn eines strenggläubigen Pfarrers am 19. Dezember 1771 in Ostelsheim bei Calw geboren. Als Amtsschreiber in Merklingen erlebte er die Bekeh­rung, die ihn sein Leben lang an pietistische Kreise und deren Hauptvertreter Johann Friedrich Flattich, Christian Gottlob Pregizer, Phillip Matthäus Hahn oder Christian Adam Dann binden sollte.

In den Jahren 1815 bis 1819 war er als königlicher Notar und Amtsbürgermeister in Leon­berg tätig. In den Jahren 1819 bis 1825 vertrat er als Abgeordneter das Oberamt Leonberg bei Versammlungen der zweiten Kammer der württembergischen Landstände.

Die Folgen der Napoleonischen Kriege und der schweren Missernten in den Hungerjahren 1816/17 prägten die Zeit, die Menschen litten bittere Not. Doch viele Pietisten sahen gerade darin Anzeichen für die nahende »Endzeit« und den bevorstehenden Anbruch des »Tausend­jährigen Reiches Gottes«. Zu Hunderten emigrierten sie bis Ende 1817 aus Württemberg, zumeist nach Südrussland, das Zar Alexander I. mit günstigen Ansiedlungsbedingungen be­warb, um der heiligen Stätte Jerusalems so nahe wie möglich zu sein. Gottlieb Wilhelm Hoff­mann und Michael Hahn wollten dieser Entwicklung entgegenwirken und die Auswanderungs­wel­le stoppen. Ihre Idee war, vor Ort eine Gemeinde zu gründen, in der rechtschaffene Bürger mit ausreichend Kapital zusammenlebten, die den reinen Glauben aufrechterhalten sollten, um so für das Kommende gerüstet zu sein. Beeinflusst waren diese Überlegungen u.a. von der im Schwarzwald gelegenen Evangelischen Brüdergemeine der Herrnhuter in Königsfeld. Doch sind auch Vorbilder in jenen Siedlungen zu suchen, die Württemberger in den Vereinigten Staaten gründeten. Zu nennen wären hier z.B. die von dem Iptinger Johann Georg Rapp und seinen Anhängern gegründeten Siedlungen Harmony in Indiana und Economy in Pennsylvania bzw. das von Separatisten aus Rottenacker errichtete Zoar in Ohio.

Im Herbst 1818 genehmigte der württembergische König nach unzähligen Verhandlungen mit Hoffmann die Gründung einer solchen Gemeinde auf der Markung des ehemaligen Ritter­guts Korntal bei Stuttgart und besiegelte dies mit einer Gründungsurkunde im November 1818. Hoffmanns Vorschlag konnte nun umgesetzt werden und im Laufe des Jahres 1819 siedelten sich 68 Familien in der neugegründeten Siedlung an. Religiöse Grundlage bildete das Augsburger Bekenntnis, doch war die Gemeinde von der Aufsicht des Konsistoriums befreit, so dass Pfarrer und Lehrer selbst gewählt werden konnten. Hoffmann gab seine Ämter in Leonberg auf und avancierte zum ersten Vorsteher dieser Gemeinschaft.

1825 rief Hoffmann die Schwesterkolonie Wilhelmsdorf bei Ravensburg ins Leben, die bis zu seinem Tode jedoch auch sein Sorgenkind bleiben sollte. Die Kolonie hatte von Beginn an mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen, zumal vor Ort eine geeignete Führungper­sönlichkeit fehlte. Hoffmann litt zunehmend unter dieser Situation und als es schließlich zum Konkurs kam, traf ihn dies zutiefst. Noch auf seinem Sterbebett trieben ihn die Sorgen um Wilhelmsdorf um.

Hoffmann war dreimal verheiratet. Seine erste Gattin, Wilhelmine Flattich (1779-1801), En­kelin von Johann Friedrich Flattich, starb nach kurzer Ehe. Aus seiner zweiten Ehe mit Friede­rike Löffler (1779-1810) ging Ludwig Friedrich Wilhelm Hoffmann (1806-1873), der spätere Leiter der Basler Mission (1839-1850) und Gründer des »Jerusalemsvereins zu Berlin« hervor. In dritter Ehe war er mit Beate Baumann (1774-1852) verheiratet, die ihn auch überleben soll­te. Ihr gemeinsamer Sohn Christoph Hoffmann (1815-1885) gründete die Tempelgesellschaft. Beide Söhne engagierten sich im Heiligen Land: Wilhelm Hoffmann unterstützte die Gründung deutscher evangelischer Gemeinden im Orient (Kairo, Smyrna, Jerusalem, Bethlehem, Nazareth usw.); Christoph Hoffmann zog mit einem Teil seiner Anhänger ins Heilige Land und gründete dort Kolonien, mit dem Ziel, einen neuen Jerusalemer geistigen Tempel zu errichten.

Mit seinen pietistischen Siedlungsprojekten verwirklichte Gottlieb Wilhelm Hoffmann soziale Ideen im Sinne des Pietismus und initiierte in Korntal ein pietistisches Zentrum in der Mitte von Württemberg. Er muss zu den bedeutendsten württembergischen Pietisten des frühen 19. Jahrhunderts gezählt werden. Er starb am 29. Januar 1846 in Korntal. Sein Grab befindet sich bis heute auf dem alten Korntaler Friedhof.

Jakob Eisler

 

Der Herr ist nah

Die Menschenjahre dieser Erde
sind alle nur ein tiefes Bild,
das uns dein heiliges »Er werde!«
am Anfang aller Zeit enthüllt.
Allein in diesem Schöpfungswort
besteht, was Menschen tun, noch fort.

 

Wir wissen nicht den Sinn, das Ende.
Doch der Beginn ist offenbar.
Nichts ist, was nicht in deine Hände
am ersten Tag beschlossen war,
und leben wir vom Ursprung her,
bedrückt uns keine Zukunft mehr.

 

In allen Ängsten unseres Handelns
siegt immer noch dein ewiger Plan.
In allen Wirren unseres Wandelns
ziehst du noch immer deine Bahn.
Und was wir leiden, was wir tun:
Wir können nichts als in dir ruhn.

 

Hast du uns Haus und Gut gegeben,
hast du uns arm und leer gemacht -,
das milde und das harte Leben,
sind beide, Herr, von dir bedacht.
Was du uns nimmst, was du uns schenkst,
verkündet uns, dass du uns lenkst.

 

Der Lebensbaum im Garten Eden,
der Dornbusch, der dich glühend sah,
sind beide nur das eine Reden:
Der Herr ist unablässig nah.
Und alles, was der Mensch vollbringt,
ist Antwort, die dein Ruf erzwingt.

Jochen Klepper

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