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Die erste Post aus Jerusalem nach Kriegsende

Was Briefe erzählen könenn - Kleine Geschichten aus der Geschichte

Am 11. November 1918 fand der verlustreiche Erste Weltkrieg durch den Waffenstillstand der Deutschen sein Ende. 18 Tage später schrieb der Templer-Pionier Paul Aberle aus Jerusalem an seine Tochter und seinen Sohn nach Stuttgart. Darin heißt es: »Ihr habt es vielleicht schon von anderer Seite erfahren, dass es in der Stadt keine deutschen Geschäfte mehr gibt, ich habe das unsrige an Blum & Levi verkauft.« Um was für ein Geschäft handelte es sich bei diesem Paul Aberle?

Paul Aberle stammte aus Neuffen am Fuß der Schwäbischen Alb und war durch seine Mutter Templer geworden. Er hatte 1863 (zwei Jahre nach Gründung der Tempelgesellschaft) gefälligkeitshalber eine junge Dame nach Palästina begleitet, deren Verlobter (Hieronymus Sonderecker) sich unter den ersten vier vom Kirschenhardthof ins Heilige Land entsandten Evangelisten befand. Was vorher nicht eingeplant gewesen war: Aberle kehrte nach »Ablieferung« der jungen Frau nicht postwendend wieder nach Württemberg zurück, sondern fand Gefallen daran, sich in einer so andersartigen Umgebung eine Existenz aufzubauen. Er fand zunächst Arbeit beim »Waisenvater« Johann Ludwig Schneller in Jerusalem, heiratete eine Schneller-Nichte und war unter den ersten Tempern, die in der am Stadtrand gelegenen Siedlung Rephaim ein Haus erbauten. Brief von Paul Aberle Im Waisenhaus hatte er in seinem Beruf als Schlosser gearbeitet, bald machte er sich mit einer Schlosserwerkstatt selbständig, war erfolgreich und übernahm 1884 die Eisenwarenhandlung Spittlers von der Pilgermission Sankt Chrischona, die damals zu den führenden deutschen Geschäften Jerusalems zählte.

Im Juli/August 1918 waren alle Deutschen aus den Kolonien Jerusalem, Wilhelma, Sarona und Jaffa durch die in Palästina inzwischen herrschenden Briten als eine Folge der Besetzung Palästinas nach Helouan bei Kairo in die Internierung gebracht worden. Warum Paul Aberle Ende November noch in Jerusalem weilte, entzieht sich meiner Kenntnis, vermutlich war sein vorgerücktes Alter (76 Jahre) Grund dafür. Sein Briefvermerk, dass es Theodora (seiner Schwiegertochter) und den anderen Templern in Ägypten »ganz ordentlich« gehe, weist darauf hin, dass er allein in Jerusalem zurückgeblieben war.

Dieser Brief ist interessante Wege gegangen: Beklebt mit einer 1-Piaster-Briefmarke der EEF (English Expedition Force), adressierte Aberle den Brief an das Bureau internationale de la Paix in Bern zur Weiterbeförderung in die Reinsburgstr. 116a in Stuttgart. Brief von Paul Aberle Der Leitvermerk Bern ist jedoch wieder gestrichen worden, da nach Ende des Weltkrieges Post wieder direkt nach Deutschland befördert werden konnte. Der Philatelist, der mir den Bericht über den Brief sandte, teilte mir mit, dass Marke und Stempel nur zwei Monate verwendet worden seien, also für Sammler einen großen Wert darstellen würden.

Paul Aberle ist 1922 in Jerusalem gestorben. Seine beiden Söhne Friedrich (Fritz) und Wilhelm bauten in den 20er und 30er Jahren auf den Erfolgen ihres Vaters das Handelsgeschäft und die Schifffahrtsagentur Paul Aberle in Jerusalem und Jaffa auf, die damals zu den größten wirtschaftlichen Unternehmungen Palästinas gehörten. In der Tempelgesellschaft nahmen beide herausgehobene Stellungen ein: Fritz war Gründungsmitglied und Direktor der Zentralkasse des Tempels in Jerusalem und setzte sich nach dem Zweiten Weltkrieg für eine Rückübertragung von Siedlungsland ein, das die Templer kurz vor Kriegsausbruch im Libanon für eine neue Kolonie erworben hatten; Wilhelms bleibendes Verdienst sind seine Bemühungen in den 50er und 60er Jahren um eine Vermögensentschädigung der Templer für ihr verloren gegangenes Besitztum in Palästina.

Erworben hatte der erwähnte Philatelist den Aberle-Brief vor ein paar Jahren in einem kalifornischen Auktionshaus. Er teilte mir mit, dass man in USA viele »Raritäten« aus Palästina finden könne. Auf jeden Fall war dieser Brief Anlass für meine »Kleine Geschichte aus der Geschichte«, die sich vor jetzt bald 100 Jahren ereignet hat und uns die Vergangenheit näher bringen kann.

Peter Lange

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