Die Warte des Tempels
Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 182/6 - Juni 2026

 

 

Die Zeichen der Zeit - Karin Klingbeil

„Es ist gut für euch, dass ich weggehe...“ - Karin Klingbeil

Meine Herausforderung im Ruhestand: 60 Tage des Gebets - Dr. Irene Bouzo

Zur Erinnerung an Paul Gerhardt - Jörg Klingbeil

Die Zeichen der Zeit

Gedanken zu Matthäus 16,1-4

Pharisäer und Schriftgelehrte kommen im Neuen Testament meist nicht gut davon. Sie werden als die Gegenspieler Jesu dargestellt, die ihn provozieren und ihn des Unglaubens überführen wollen. Das liegt einerseits daran, dass zur Zeit der Evangelienberichte die Trennung zwischen Christen und Juden deutlich zutage trat und erstere aus den zuvor noch gemeinsam genutzten Synagogen ausgeschlossen wurden. Noch wesentlicher aber ist, dass die Pharisäer und Schriftgelehrten sich als die autorisierten Vertreter des Judentums ansahen und ihren Glauben sehr wörtlich und förmlich verstanden. So übten sie besonders Kritik an der Vernachlässigung der kultischen Reinheitsgebote der Jünger Jesu und hinterfragten die Autorität seiner Predigt. Sie waren ihrem eigenen Denken und Glauben so verhaftet, dass kein Zeichen, das sie von Jesus erhielten, sie je hätte überzeugen können. Denn es gibt in solchen Fällen immer zwei Haltungen: eine, die offen ist für etwas Besonderes, und eine, die für alles eine Erklärung fin­det und nichts Besonderes sehen kann und will.

Dabei sind Pharisäer und Schriftgelehrte eigentlich eins, nämlich Gelehrte der Heiligen Schrift und besonders des mosaischen Religionsgesetzes, die zur Zeit Jesu durch die zwei großen Schulen des Hillel und des Schammai gekennzeichnet waren. Jesus könnte durchaus dazu gezählt werden; er interpretierte die Schrift meist milde wie Hillel, seltener schroff wie Schammai. Er bediente sich der Gleichnisrede - einer Form, die unter den damaligen Schrift­gelehrten sehr populär war, aber eher nicht an die breite Masse gerichtet war. Die Pharisäer hatten durchaus auch positive Züge: ihr Streben war die Heiligung des ganzen Lebens, das dem geoffenbarten Willen Gottes unterstellt werden sollte: Essen und Trinken, Arbeit und Ruhe, Geschlechtsleben und Hygiene, Kleidung und Haartracht. Durch ihre minutiöse Pflicht­treue gegenüber dem Gesetz wurden sie zu den Vätern der späteren Orthodoxie. Aber es gab Ausprägungen von Pharisäern, die von den Gelehrten selbst kritisiert wurden - von ihnen be­gegnen wir in der Bibel vor allem demjenigen, der seine Frömmigkeit zu Schau trägt, oder dem, der diese heuchelt.

Die Sadduzäer, traditionell theologische Gegner der Pharisäer, stritten mit diesen um die Deutungshoheit. Sie stellten zwar den Hohepriester und den hohen Rat der Juden, aber sie hielten sich nur an die schriftliche Thora, den Pentateuch, und lehnten den Glauben an Aufer­stehung und ewiges Leben grundsätzlich ab. Damit sind zwei extreme Gegenpole des jüdi­schen Glaubens beschrieben, die nun gemeinsam Jesus bloßstellen und ihn der Unwahrheit überführen wollten, indem sie ein himmlisches Zeichen forderten, d.h. einen von Gott gestütz­ten Beweis dafür, dass Jesus in seinem Auftrag handelte.

Dabei beschreibt Matthäus diese Episode unmittelbar nach der Speisung der 5000 und auch von den zuvor durch Jesus gewirkten Wundern mussten sie gehört haben, wie all die anderen, die Jesus nun folgten. Aber sie wollten selber sehen, um sich überzeugen zu lassen, nach dem Motto: „Ich glaube nur, was ich auch sehe!“

Das ist auch heute noch eine weitverbreitete Haltung - aber selbst, wenn ich mich nur auf meinen Verstand verlassen will, glaube ich doch vieles, das sich meiner Wahrnehmung ent­zieht und was ich nicht nachprüfen kann: in der Schule Gelerntes, Informationen und Mel­dungen, die mich tagtäglich erreichen, kann ich auch nicht im Einzelnen auf ihren Wahr­heitsgehalt überprüfen - und was würde wohl ein Blinder von dem Satz „Ich glaube nur, was ich sehe!“ halten?

Denn das, woran wir glauben, hat nur wenig mit unseren Augen zu tun, sondern viel mehr mit dem, worauf wir vertrauen. Das sind vor allem Menschen, denen wir glauben. Das ist das, was unseren eigenen Erfahrungen entspricht, und nicht zuletzt in vielem das, was die Mehrheit für wahr hält. Aber damit ist gar nicht gesagt, ob etwas wahr oder falsch ist - und außerdem gibt es noch viele Beispiele für Dinge, die über unser Denken und Verstehen hinausgehen, wie z.B. das Universum, der Urknall oder auch die kleinsten Teilchen im Nanobereich.

Und doch sind es diese Dinge, die uns umgeben, die wir erleben, und nicht zuletzt die Men­schen, denen wir begegnen, mit denen wir Verbindung und Freundschaft haben - diese Bezie­hungen sind es, aus denen wir Gott erfahren. Es ist nicht ein überirdisches, spektakuläres Ereignis, das uns auf seine Gegenwart hinweisen und zum Glauben an ihn bringen würde, sondern das ganze Wunderwerk der Schöpfung, das uns tagtäglich umgibt, die Hilfe, die wir erfahren, wenn wir sie nötig haben, und unsere ganz persönliche Beziehung zur Transzen­denz, die Spuren, die wir als Gottes Spuren erfahren.

Und gerade als Schriftgelehrte, als Kenner des Alten Testaments, hätten die Pharisäer und Sadduzäer wissen müssen: die Propheten hatten über den kommenden Messias voraus­gesagt (Jesaja 35,5-6) dass Blinde sehen und Lahme gehen, dass Taube wieder hören könn­ten und Aussätzige rein und Tote wieder aufstehen würden und den Armen das Evangelium gepredigt würde. Diese Zeichen der Zeit deuteten auf eine Erfüllung der prophetischen Voraussagen hin und es wäre kein weiteres Zeichen nötig gewesen. Außerdem führt Jesus ihnen vor Augen, dass sie offenbar sehr wohl fähig sind, Himmelszeichen zu deuten und da­raus das kommende Wetter abzulesen. Aber die Zeichen der Zeit, nämlich Jesu Taten, ver­mochten sie nicht zu deuten?

„Ein böses und ehebrecherisches Geschlecht fordert ein Zeichen; doch es wird ihm kein Zeichen gegeben werden, es sei denn das Zeichen des Jona“ sagt Jesus und geht weg. Wir erinnern uns: der Prophet Jona hatte von Gott den Auftrag erhalten, der Stadt Ninive ihren Untergang zu verkünden, und versuchte durch Flucht auf einem Schiff diesem Auftrag zu ent­gehen. Durch einen Sturm wurde er ins Meer gespült und von einem Wal verschluckt. Schließ­lich, nach drei Tagen, erhörte Gott Jonas Gebet und der Wal spuckte ihn wieder aus. Nun führte Jona den Auftrag aus, predigte der Stadt und prophezeite ihr den Untergang binnen 40 Tagen, wenn sie nicht gottesfürchtig werde. Die Stadt nahm dieses Zeichen der Zeit ernst, rief ein Fasten aus und alle taten Buße. So wurde die Stadt vor dem Untergang verschont.

So trat Jesus der Auffassung der Pharisäer, die glaubten, sich mit ihrer Werkgerechtigkeit den Himmel verdienen zu können, entgegen, und ebenso der der Sadduzäer, die nicht an Tod und Auferstehung glaubten. Sie mussten nur abwarten, um die Wahrheit der Aussagen Jesu zu erfahren.

Jesus wollte nicht durch Machtdemonstration seine Würde und Allmacht beweisen. Was er wollte, war eine Menschlichkeit, eine Zuwendung zum anderen Menschen, die sich durch un­ser Verhalten ausbreitet, und dass Menschen durch unser Verhalten Vertrauen bekämen in und zu sich selbst.

Er wollte in den Menschen außerdem das Zutrauen in ihren Glauben stärken, nicht durch einen Schaubeweis den Einsatz des Glaubens überflüssig machen. Zu der Kraft des Glaubens gehört auch sein Erlebnis. Je tiefer der Abgrund, in den wir fallen, umso größer muss unsere Glaubenskraft sein, um aufgefangen zu werden, und umso größer ist dann auch das Erleben des Gehaltenseins. Und Jesus wollte darauf hinweisen, dass nicht der Verstand, der logische Folgerungen und Beweise benötigt, das Wahrnehmungsorgan dessen ist, was Gott von uns will: es ist das eigene Herz, das auch schon Kindern das Gefühl für gut und böse, richtig und falsch eingibt.

Natürlich ist die Zeichenforderung der Pharisäer auch die Frage nach dem Messias - und selbst Johannes der Täufer wollte von Jesus die Bestätigung haben, ob er derjenige sei, auf den man wartete, oder nicht. An diesem Punkt scheiden sich bekanntlich Judentum und Chris­tentum: die Christen sagen ‚der Heiland ist erschienen‘, und die Juden, für die die Vorgaben nicht erfüllt sind: ‚wir warten auf ihn‘.

Jesus hatte vom Messias offensichtlich eine andere Vorstellung. Er glaubte nicht daran, dass eine politische Tat wie die Befreiung Israels die Wirklichkeit verändern und eine neue Wirklichkeit auf Erden schaffen würde. Durchaus fühlte er sich als ‚vom Himmel kommender Menschensohn‘, wusste aber, dass sein Verständnis mit dem vorherrschenden Messiasbegriff nicht übereinstimmte. Auch das, was er über das Reich Gottes sagte, wich sehr von der allgemeinen Messiaserwartung ab. Daher gab er sich nicht als der erwartete Messias aus - diese Gestalt deckte sich auch nicht mit dem von ihm empfundenen Auftrag, sondern war zu sehr mit den Wünschen und Vorstellungen der Menschen belegt. Er wählte für sich lieber den Titel ‚Menschensohn‘, ohne den politischen Hintergrund, und war damit dem menschlichen Lei­den und Gottes Willen näher.

Seinen Jüngern offenbarte Jesus seinen Messiasbegriff, der das genaue Gegenteil von dem war, was alle erwarteten. Anstelle von den Autoritäten empfangen und gefeiert zu werden, würde er abgelehnt und verfolgt werden, anstelle, dass er allem Leiden ein Ende bereitete, würde er selber leiden müssen. Anstelle, dass er in göttlicher Glorie vom Himmel kam, würde er sterben müssen.

Der neue Weltzustand, den Jesus als das Reich Gottes verkündet hatte, in dem Friede und Gerechtigkeit herrschen sollten, ist nicht eingetreten, und ob die Welt heute besser ist als vor 2000 Jahren oder die Mehrheit der Menschen weniger zu leiden hat als damals, ist doch auch fraglich - wir leben in bedrückenden Zeiten. Um uns herum geschieht so vieles, das unser bis­heriges Denken und Empfinden schlicht auf den Kopf stellt: mit Kriegen mussten wir uns immer auseinandersetzen - seit Jahren im Sudan, unfassbare vier Jahre in der Ukraine, dann in Israel und jetzt im Iran - und hinzu kommt ein völlig unberechenbarer amerikanischer Prä­sident, der einmal unser Partner war und der vor allem für ein Denken steht, das von immer mehr Menschen geteilt wird, auch hier in Deutschland. Auf einmal scheinen viele unserer Wer­te nicht mehr zu gelten wie Menschenwürde, das Streben nach universaler Gerechtigkeit, der Imperativ, jene nicht im Stich zu lassen, die uns brauchen. Stattdessen müssen wir dagegen­halten, dass die neue Weltordnung, die offenbar das Recht des Stärkeren (statt die Stärke des Rechts) zum Grundprinzip des Handelns macht, nicht bald flächendeckend gilt.

Erkennen wir die Zeichen der Zeit? Für Jesus hieß das, die Gegenwart im Licht des Glau­bens zu betrachten, Missstände in der Gesellschaft aufzuzeigen und denjenigen, die ihm folg­ten, Solidarität mit den Schwachen der Gesellschaft, Nächstenliebe und Umdenken nahezule­gen.

Können auch wir noch heute so denken? Wahrscheinlich ist uns der erste Punkt in unserem Alltag - im Vergleich zu früheren Generationen, die noch ganz aus dem Glauben gelebt haben -, abhanden gekommen. Aber auch heute braucht es Menschen, die mutig Missstände auf­zeigen, den Finger in gesellschaftliche Wunden legen, die unbequem sind. Um der Zukunft willen ist es wichtig, dass wir in diesem Sinne leben und handeln. Wir können nicht mehr nur isoliert an uns und unser Wohl denken. Bei unseren Entscheidungen und Handlungen sollten wir die ganze Welt um Blick haben - damit übernehmen wir Verantwortung für alle Menschen und die Umwelt, jetzt und für die Zukunft.

Für uns persönlich ist wichtig, einen Sinn für unser Leben zu finden. Geht es nur um Erfolg und Besitz? Vielleicht geht es vielmehr um ein authentisches Leben, ein Leben im Einklang mit der Natur, mit uns selbst und den Menschen um uns herum. Was können wir beitragen zu einer menschlicheren und lebenswerteren Welt?

Dabei gibt es doch manches, das besser wird. Es gibt bei uns die Tendenz, vor allem das Negative zu sehen - und davon gibt es zugegebenermaßen genug. Aber es hat noch nie eine perfekte Welt gegeben - und wenn wir uns manche Dinge bewusst machen, haben wir Grund, dankbar zu sein: wir haben Zugang zu allen Lebensmitteln, die wir brauchen, profitieren von einer fortschrittlichen Medizin, die Forschung bringt immer neue Erkenntnisse hervor und wir haben enorme Möglichkeiten. Wenn wir heute Morgen in einem Bett aufgewacht sind, mit fließendem Wasser die Zähne geputzt, die Toilette gespült und vielleicht heiß geduscht haben, dann leben wir besser als die Kaiser, Könige und Königinnen der Vergangenheit. Auch wenn wir unser eigenes Leben betrachten - wie sparsam war unsere erste Wohnung eingerichtet, was haben wir früher für viel Geld angesehen und wie leben wir heute?

Ja, vieles ist nicht in Ordnung - und es ist gut, dass wir das sehen. Dann können wir uns bemühen, etwas besser zu machen. Aber wichtig ist auch zu sehen, was sich in unserem Le­ben verbessert hat, und dankbar dafür zu sein. Vieles wird besser, oft leise, stetig, fast un­merklich. Wir müssen nur unsere Aufmerksamkeit schärfen und es bemerken.

Karin Klingbeil, in Anlehnung an die Morgenfeier vom 19. April 2026

BIBELWORTE - KURZ BETRACHTET

„Es ist gut für euch, dass ich weggehe...“

(Johannes 16,7)

Zu Beginn der Apostelgeschichte ist beschrieben, wie Jesus aus der Gegenwart der Jünger in einer Wolke in den Himmel enthoben wird. Bei den Synoptikern weist Jesus schon relativ früh seine Jünger auf seinen Tod und seine Auferstehung hin - die Abschiedsreden Jesu stehen allerdings bei Johannes,14-16. Hier versucht er, die Jünger über seinen Weggang zu trösten und verheißt ihnen das Kommen des Trösters/Heiligen Geistes. In diesem Zusammenhang fällt auch der Satz: Es ist gut/nützlich für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden. Die Beschreibung dieser Sendung erfolgt dann bekannterweise im Pfingstwunder in der Apostelgeschichte.

Etwa drei Jahre lang dauerte das Auftreten Jesu und damit sein Zusammensein mit den Jüngern. Er hatte sie als seine Jünger auserwählt, ihnen viel gepredigt und versucht zu erklä­ren - aber das rechte Verständnis für seine Person war ihnen nicht aufgegangen und unter dem mächtigen Einfluss seiner Persönlichkeit und Gegenwart konnten sie sich wiederum nicht zu den Nachfolgern Jesu entwickeln, die er aus ihnen hatte machen wollen. Die Distanz fehlte und damit das bewusste Erkennen seiner Bedeutung für sie selber. Erst von einem gewissen Abstand aus erkennt man die Ausmaße eines Berges, empfindet man Licht als einen Segen.

Sein Dasein hinderte die Jünger daran, seine Worte in sich wirken zu lassen und zu eigen­ständigem Handeln in seinem Sinne zu gelangen. Jesus musste in ihnen Gestalt gewinnen, damit er weiterhin zu ihnen sprach.

Wir alle haben schon die Erfahrung gemacht, dass wir mit Menschen, zu denen wir eine enge Verbindung hatten, auch dann verbunden bleiben, wenn sie sterben. Das beste Beispiel dafür sind vielleicht unsere Eltern, die uns auch in größerem Abstand immer noch gegenwärtig sind - und die wir vielleicht aus dem größeren Abstand heraus bezüglich mancher Entschei­dungen sogar besser verstehen.

Was die Abschiedsreden Jesu im Johannesevangelium angeht, so ist die Absicht des Evan­gelisten, die Frage zu beantworten, wie es denn weitergehen soll in dem ständig wachsenden Abstand der Zeit gegenüber der Botschaft Jesu. Seine Antwort darauf ist, dass Jesus nie aufgehört hat, zu uns zu reden - und dabei ist es nicht so wesentlich, korrekt zu überliefern, was er historisch seinerzeit gesagt hat, sondern welchen Geist er uns mit dem, was er gesagt hat, vermitteln wollte. Wenn wir diesen Geist verstehen und in unsere Taten umsetzen, stellen wir uns in seine Nachfolge.

Karin Klingbeil

 

Die TSA hat nach längerer Zeit wieder ein Heft aus der Reihe „Templer Reflections“ herausge­geben, das sich mit dem Thema ‚Retirement‘ (Ruhestand) befasst.

Die frühere Gebietsleiterin Dr. Irene Bouzo berichtet darin über eine persönliche Erfahrung.

Meine Herausforderung im Ruhestand: 60 Tage des Gebets

Als ich vor fünf Jahren meine Vollzeitstelle aufgab und in den Ruhestand ging, kam mir eine Zeile aus dem Musical „Anatevka“ in den Sinn. Darin singt die Hauptfigur „Wenn ich einmal reich wär“ - und träumt dabei von weniger Arbeit und mehr Zeit für Gebet und religiöses Studium. Es war seltsam, sich nach so vielen Jahren wieder daran zu erinnern; doch es ließ mich erkennen: der Ruhestand war meine Chance, auf meinem spirituellen Weg zu lernen und zu wachsen.

Das Beten und ich - wir hatten schon immer eine komplizierte Beziehung. Es fiel mir nie leicht, und ehrlich gesagt vermied ich es oft. Doch irgendetwas in mir verlangte nach einer Herausforderung - einer echten Herausforderung, nicht bloß nach einem weiteren Fitnessplan oder einer kleinen Ernährungsumstellung.

Ich zog die üblichen Verdächtigen in Betracht: ein 60-Tage-Trainingsprogramm, ein tiefes Eintauchen in das Thema Ernährung, das feste Vorhaben, regelmäßig schwimmen zu gehen. Ich hatte die Zeit, die Mittel und reichlich fachkundige Unterstützung, um all diese Dinge in die Tat umzusetzen. Doch je länger ich darüber nachdachte, desto mehr erschienen mir diese Optionen ... zu einfach. Zu bequem. Wenn ich mich schon selbst an meine Grenzen bringen wollte, dann sollte es etwas sein, das mich wirklich forderte - etwas, dem ich innerlich wider­strebte, das ich vielleicht sogar ablehnte.

Da wurde mir schlagartig klar:

Als Älteste bezog ich gelegentlich ein Gebet in meine Besinnungsstunden ein - oft das Va­terunser, um den Traditionen der Gemeinschaft Rechnung zu tragen. Doch meine ganz per­sönliche Praxis? Fehlanzeige. Ich bewunderte jene, die ihren Tag voller Dankbarkeit begannen oder beendeten und das Gebet ganz selbstverständlich in ihr Leben integrierten. Das war etwas, das ich mir selbst nie wirklich zu Eigen gemacht hatte.

Das war es. Das Gebet sollte meine 60-Tage-Herausforderung werden.

Anfangs graute mir regelrecht vor meiner täglichen morgendlichen Gebetsroutine. Um vor mir selber bestehen zu können, legte ich mir strenge Regeln auf. Ich musste ein Gebet aus meinem Buch auswählen und es laut sprechen. Ich musste mich ins Freie setzen und dabei die Wolken und die Natur betrachten. Ich musste mir dafür mindestens fünf Minuten Zeit nehmen. Ich musste ganz bewusst beginnen, indem ich sprach: „Dies ist mein Gebet.“ Es war dabei ausdrücklich erlaubt, jeden Tag dasselbe Gebet zu wiederholen.

Ich mochte diese Routine nicht. Ich zwang mich hindurch und war erleichtert, wenn es vor­bei war. „Mach einfach nur weiter“ wurde zu meinem Mantra. Ich strich jeden Tag im Kalender ab - 10 Tage, 20 Tage, 25 Tage -, doch es wurde einfach nicht leichter.

Dann, um den dreißigsten Tag herum, veränderte sich etwas.

Ich empfand bei meinem Morgengebet kein Unbehagen mehr - ich freute mich tatsächlich darauf. Der Widerstand, den ich so lange mit mir herumgetragen hatte, fiel einfach ... von mir ab. Ich fühlte mich leichter, innerlich ruhiger, und dieses Gefühl begleitete mich den ganzen Tag über.

Manchmal betete ich morgens nur wenige Minuten lang; dann wieder verlor ich mich eine halbe Stunde lang darin. Ich entdeckte neue Gebete, verfasste eigene und markierte mir Favo­riten, die mich anrührten. Ich fand Gebete für Zeiten des Verlusts, der Dankbarkeit, der Hoff­nung, des Konflikts - Worte, die genau zu den jeweiligen Momenten in meinem Leben passten.

Beten fühlte sich nicht mehr wie eine Pflichtübung an. Es war zu etwas geworden, wonach ich mich sehnte.

Nach 60 Tagen war es keine Herausforderung mehr - es war einfach ein Teil meines Tages. Und dabei blieb es nicht.

Ich machte weiter - nicht aus Verpflichtung, sondern weil ich es wollte. Ich begann, Gebete für Freunde und Bekannte zu verfassen, von denen ich spürte, dass sie diese brauchten. Ich fing sogar an, regelmäßige Gebetssitzungen am Telefon abzuhalten und diese Praxis mit an­deren zu teilen.

Was als Widerstand begonnen hatte, war zu einer Quelle der Verbundenheit, des Trostes und des Friedens geworden.

Meine 60-Tage-Gebets-Herausforderung hatte als persönlicher Test begonnen - als etwas, durch das ich mich, so dachte ich, mühsam hindurcharbeiten und das ich anschließend hinter mir lassen würde. Doch sie entwickelte sich zu so viel mehr. Das Gebet wandelte sich von einer täglichen Pflichtaufgabe zu einer Quelle der Sinnstiftung in meinem Leben. Es vertiefte meine Spiritualität, stärkte meine Beziehungen und verlieh mir im Ruhestand ein völlig neues Gefühl für meine Bestimmung.

Rückblickend erkenne ich: Im Ruhestand geht es nicht bloß darum, einen Gang zurückzu­schalten - es geht darum, sich zu öffnen. Sich zu öffnen für neue Erfahrungen, für persönliches Wachstum und - in meinem Fall - für eine Praxis, gegen die ich mich einst gesträubt hatte. Was als Herausforderung begann, wurde zu einem Geschenk - einem Geschenk, das meinen Alltag bis heute prägt und meinen weiteren Lebensweg bereichert.

Eine zentrale Erkenntnis, die wir aus unserem Ruhestand gewinnen können, ist: es geht nicht bloß darum, sich von der Arbeit zurückzuziehen - es geht vielmehr darum, neue Mög­lichkeiten für persönliches Wachstum und Selbstfindung zu ergreifen. Der Ruhestand bietet die Chance, Dinge zu entdecken, für die man zuvor nie die Zeit hatte - wie die Vertiefung des Glaubens, das Erlernen neuer Fähigkeiten oder die Stärkung der Beziehungen zu anderen Menschen. Es ist eine Zeit, um sich neu zu erfinden und neue Quellen für Sinn und Bestim­mung zu entdecken. Was wir aus dieser Zeit machen, kann unser Wohlbefinden maßgeblich beeinflussen und ein neues Gefühl der Erfüllung - ja sogar neue Herausforderungen - in unser Leben bringen.

Irene Bouzo

Zur Erinnerung an Paul Gerhardt

Vor wenigen Tagen hat sich der Todestag von Paul Gerhardt zum 350. Mal gejährt. Grund genug, an diesen - nach Martin Luther - wohl bedeutendsten Dichter geistlicher Lieder zu erin­nern. Viele seiner Liedtexte zählen zum unvergänglichen Liedgut der deutschen Sprache. 26 Lieder im Evangelischen Gesangbuch (EGB) stammen von ihm; im Templergesangbuch sind es noch 14. Viele sind aber auch im Laufe der Jahrhunderte als zu zeitgebunden wieder aus den Gesangbüchern verschwunden.

Was für ein Mensch war dieser Barockdichter Paul Gerhardt?

Paul Gerhardt (Quelle: Wikipedia)
Quelle: Wikipedia

Über sein Leben ist wenig bekannt. Außer eini­gen Dokumenten und einem Testament blieb kaum etwas erhalten, außer eben 139 Gedichten in deut­scher und 12 in lateinischer Sprache. Paul Gerhardt spricht zu uns im Wesentlichen durch diese verton­ten Gedichte. Weniger bekannt sind seine Ausei­nandersetzungen mit dem hohenzollernschen Kur­fürsten in Glaubensfragen. Paul Gerhardt wurde am 12. März 1607 in Gräfenhainichen unweit von Wit­tenberg geboren, im damaligen Kursachsen. Dort war sein Vater Christian Gerhardt Ackerbürger, also Landwirt, außerdem Gastwirt und ehrenamtlicher Bürgermeister; seine Mutter Dorothea war Tochter eines Pfarrers. In diese gutbürgerliche Familie wur­de Paul Gerhardt hineingeboren und wuchs zusam­men mit einem älteren Bruder und zwei jüngeren Schwestern praktisch in einem Landwirtschaftsbe­trieb mit Gastwirtschaft auf. Als er zwölf Jahre alt war, starb der Vater, zwei Jahre darauf auch die Mutter. Überdies war drei Jahre zuvor der Dreißig­jährige Krieg ausgebrochen und Deutschland wurde zum Schlachtfeld Europas. Paul Gerhardt hatte trotzdem Glück im Unglück, denn das elterliche Ver­mögen reichte aus, um ab 1622 die angesehene, aber strenge Fürstenschule in Grimma bei Leipzig zu besuchen. Wichtigstes Erziehungsziel war dort laut Schulordnung, dass die „Schüler den Gedanken an Gott den ganzen Tag nicht aus den Augen verlieren“. Prägend waren sicher auch das ständige Wiederholen des Stoffes und das Auswendiglernen. Deshalb schufen die Dichter jener Zeit überlange Lieder und Gedichte, auch Paul Gerhardt, nicht zu­letzt mit der pädagogischen Absicht, das Glaubens­gut dauerhaft im Gedächtnis zu verankern.

1626 wurde Grimma von der Pest heimgesucht. Rund 350 Menschen starben. Etwa die Hälfte der Schüler verließ die Schule. Paul Gerhard aber blieb und machte 1627 an der Fürstenschule seinen Ab­schluss. Anfang 1628 begann er in Wittenberg mit dem Studium der Theologie, das dort streng lutherisch ausgerichtet war. Es wurde aber auch die Kunst gelehrt, schöne Gedichte in deutscher Sprache zu verfassen. Das dürfte ihn stark beeinflusst haben.

In den Jahren nach 1628 verliert sich die Spur Paul Gerhardts vorübergehend, vermutlich wegen der Kriegswirren. Er dürfte in dieser Zeit großes Elend miterlebt haben. Die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges und des Schwarzen Todes spiegeln sich auch in seinen Gedichten bzw. Liedern wider, aber ebenso eine große Friedenssehnsucht. Wann und wie seine ersten geistlichen Gedichte entstanden sind, wissen wir nicht. In Wittenberg soll er ab 1634 als Haus­lehrer tätig gewesen sein, 1643 in gleicher Funktion in Berlin bei dem Kammergerichtsadvoka­ten Andreas Berthold. Damals gab es kriegsbedingt einen Überschuss an Pfarrern und nur wenige zu besetzende Pfarrstellen, da das flache Land entvölkert war. Der junge Kurfürst Friedrich Wilhelm (1620-1688), der später den Beinamen “Großer Kurfürst“ erhalten sollte, war in den Niederlanden erzogen worden und dort zum reformierten Glauben calvinistischer Prä­gung übergetreten. Ähnlich wie die modernen und erfolgreichen Niederlande wollte er auch einen effizienten, absolutistischen Staat schaffen. Im Politischen verlangte er unbedingten Ge­horsam, im Religiösen wollte er tolerant sein.

Von 1643 ist auch das erste Gedicht von Paul Gerhardt verbürgt. In dieser Zeit kam es zu einer schicksalhaften Begegnung mit dem Kantor der nahe gelegenen Nikolaikirche, Johann Crüger (1598-1662), der Paul Gerhardt als Liedertexter „entdeckte“. Er bestellte bei ihm weitere Texte und schrieb dazu zum Teil selbst komponierte Weisen. 1647 brachte Crüger eine deutsche Liedsammlung heraus, die mit ihren 44 Auflagen innerhalb kürzester Zeit zum erfolg­reichsten Liederbuch des 17. Jahrhunderts wurde. Die Bedeutung des Kirchengesangs war damals hoch; rund die Hälfte der Bevölkerung waren ja Analphabeten. Das Volk lernte münd­lich durch Nachsprechen und Nachsingen, deshalb auch die langen Predigten und die zahllo­sen Liedstrophen.

Im Jahr 1651 wurde Paul Gerhardt endlich in ein Pfarramt berufen, auf eine frei gewordene Propststelle in Mittenwalde. Erst jetzt erlangte er die förmliche Ordination und wurde auf die lutherischen Glaubensgrundlagen, darunter die Konkordienformel, verpflichtet, die schärfer als das Augsburger Bekenntnis war. In Mittenwalde gründete Paul Gerhardt auch endlich eine Familie und heiratete seine frühere Schülerin, die erheblich jüngere Anna Maria Berthold. Im Mai 1656 bekam das junge Ehepaar eine Tochter, die jedoch bald darauf starb. Nach nur sechs Jahren verließ Paul Gerhardt Mittenwalde und ging zurück nach Berlin, wo er Pfarrer an der Hauptkirche St. Nikolai wurde. Nun konnte er wieder direkt mit Johann Crüger zusammen­arbeiten. Als dieser 1662 starb, wurde die Zusammenarbeit mit dessen Nachfolger, Johann Georg Ebeling, fortgesetzt. Ebeling komponierte moderner, mit Anlehnung an die aufkommen­de Mode der italienischen Arien. Er sammelte fast alle Paul-Gerhardt-Texte und gab sie mit großem Erfolg heraus, mit eigenen Melodien unterlegt.

Das Ehepaar Gerhardt blieb aber auch in Berlin von Schicksalsschlägen nicht verschont. Von den insgesamt fünf Kindern überlebte nur ein Sohn; nach der Geburt des jüngsten Kindes im Jahre 1665 erkrankte die Ehefrau schwer.

Überdies geriet Gerhardt in den Mittelpunkt einer Auseinandersetzung mit dem reformierten Landesherrn, mit Kurfürst Friedrich Wilhelm, der die lutherischen Pfarrer auf das sog. Tole­ranzedikt verpflichten wollte. Aus dem bisher eher biederen Pfarrer Paul Gerhardt wurde nun einer, der offen Widerstand leistete. Für den Kurfürsten ging es um das nachvollziehbare An­liegen, dass sich alle Glaubensrichtungen im Land gegenseitig mit Toleranz begegnen müs­sen. Andersgläubige wie Katholiken oder eben Reformierte durften von den lutherischen Kan­zeln im Gottesdienst nicht mehr verbal angegriffen werden. Die lutherischen Pfarrer sollten vor allem auf die Konkordienformel verzichten, die den Graben zwischen Lutheranern und Refor­mierten vertieft hatte. Paul Gerhardt wollte da nicht mitmachen. Er wurde jetzt zum Wortführer der konservativen Lutheraner, veröffentlichte theologische Gutachten und Streitschriften gegen die Reformierten. Der Kurfürst aber bestand auf der Kirchentoleranz. Wer sich nicht darauf einließ, sollte seine Pfarrstelle verlieren. Die drei Pfarrer an der Nikolaikirche, darunter Paul Gerhardt, blieben jedoch unnachgiebig. Die Obrigkeit reagierte schnell und teilte ihm seine Amtsenthebung mit. In Berlin schlug die Nachricht wie eine Bombe ein. Sofort bildete sich eine Bürgerinitiative, die seine Wiedereinsetzung forderte. Zahlreiche Handwerkergilden wandten sich mit Bittschriften an den Magistrat und verlangten, dass man ihnen den „geliebten Prediger und Seelsorger“ nicht wegnehme. Der Magistrat leitete die Bittschriften mit einem wohlwollen­den Kommentar an den Kurfürsten weiter und verwies auf die zahlreichen Lieder von Gerhardt im märkischen Gesangbuch. Der Kurfürst blieb zunächst hart. Erst als die lutherisch dominier­ten Landstände appellierten, gerade im Fall von Paul Gerhardt Milde walten zu lassen, weil dieser bei Lutheranern wie Reformierten gleichermaßen beliebt sei, bot der Kurfürst dem Magistrat einen Kompromiss an, wonach Paul Gerhardt nicht zu unterschreiben brauche, sich aber nach dem Edikt verhalten solle. Dennoch wollte Gerhardt nicht einlenken. Er fühlte sich seinem Gewissen verpflichtet, ging an die Öffentlichkeit und erklärte den Verzicht auf sein Amt. Die Konkordienformel zu verleugnen, hieße für ihn Christus verleugnen. Viele verstanden dies nicht und hielten ihn für einen unverbesserlichen Sturkopf. Der Kurfürst hatte jetzt endgültig die Nase voll und nahm den Amtsverzicht unverzüglich an. Paul Gerhardt musste gehen. Vieles kam für ihn jetzt zusammen. Wenige Wochen vor der Amtsenthebung waren sein Sohn Andre­as Christian und sein Schwiegervater und Förderer Andreas Berthold gestorben. Seine Frau Anna Maria ermutigte ihn durchzuhalten. Gerhardt lagen verschiedene Angebote aus lutheri­schen Landen vor, eine Pfarrstelle zu übernehmen. Auch der Kurfürst hatte ihm im Grunde ei­ne goldene Brücke bauen wollen. Er schätzte auch die Lieder Gerhardts sehr und ordnete ihre Aufnahme in das Gesangbuch an; „Befiehl Du Deine Wege“ soll sein Lieblingslied gewesen sein. Umgekehrt respektierte Paul Gerhardt den Kurfürsten durchaus. Allein - er fühlte sich sei­nem Gewissen und damit Gott in höherem Maße verpflichtet.

Die letzte Etappe im Leben Paul Gerhardts ist schnell erzählt. Nach seiner Amtsenthebung dauerte es ganze zweieinhalb Jahre, bis die Stelle wieder besetzt wurde. Solange durfte Ger­hardt noch in seiner Wohnung bleiben. Er bekam auch noch einen Teil seiner Bezüge, bis der Nachfolger kam. In dieser Übergangszeit starb seine Frau Anna Maria nach jahrelangem Siechtum. Auf dem Sterbebett bat sie ihren Mann, ihr noch einige seiner Passions- und Ster­be­lieder vorzulesen. Gemeinsam sprachen sie die letzten Strophen aus dem Lied „O Haupt voll Blut und Wunden“.

Am 5. März 1668 starb Anna Maria Gerhardt, geb. Berthold. Hinter der Kanzel der Nicolai­kirche in Berlin wurde sie einige Tage später unter großer Anteilnahme der Bevölkerung bestattet. Paul Gerhardt verfiel nun in eine gewisse Apathie. Mit dem Tod seiner Frau stellte er sein dichterisches Schaffen ein; von nun an erschien kein Gedicht mehr von ihm. Wieder wa­ren es Freunde, die ihm eine neue Stelle vermittelten, in Lübben im Spreewald. Die Stadt ge­hörte bereits zu Sachsen; dort galten die kurfürstlichen Edikte nicht. Im Juni 1669 fand seine feierliche Amtseinführung statt. Erhalten geblieben ist ein eindrucksvolles Testament an seinen Sohn, das er wenige Wochen vor seinem Tod verfasst hat. Er wollte, dass der Sohn, der zu dieser Zeit erst vierzehn Jahre alt war, Theologie studiert und der reinen Lehre treu bleibt. Am 27. Mai 1676 starb Paul Gerhardt in Lübben und wurde im Chorraum der Stadtkirche, die seit 1930 Paul-Gerhardt-Kirche heißt, beigesetzt. In Lübben war Paul Gerhardt wieder in seiner kursächsischen Heimat angekommen. Seine wahre Heimat aber, wir können es seinen Lie­dern entnehmen, war das Reich Gottes, das für ihn im Jenseits zu verorten war.

Auch wenn wir vieles von dem, was Paul Gerhardt ausmacht, heute nicht mehr nachvoll­ziehen können, auch wenn wir ihn für einen Sturkopf halten, so bleibt doch auch viel zu be­wundern, seine Gedichte sowieso, aber vielleicht vor allem seine unerschütterliche Glaubens­zuversicht, dass ein gütiger, liebender Gott über uns wacht und auch uns zu einem guten Ende führen wird. In diesem gläubigen Optimismus war Paul Gerhardt für viele Vorbild bis in die heutige Zeit, zum Beispiel auch für Dietrich Bonhoeffer. Aber das ist schon eine andere Ge­schichte.

Jörg Klingbeil

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