Die Warte des Tempels
Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 182/2 - Februar 2026

 

 

Unser Geist und Gottes Geist - Dr. Andreas Rössler

...ihr werdet sein wie Gott... - Karin Klingbeil

Einladung zu einer Reise nach Palästina 1929 - Birgit Arnold

Australien atmet auf - Jörg Klingbeil

Buchempfehlung: Elefant - Hannelore Oetinger

Unser Geist und Gottes Geist

Gedanken zu Römer 8,14-16

„Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater! Der Geist selbst gibt Zeugnis un­serm Geist, dass wir Gottes Kinder sind.“

(Römer 8,14-15)

1. Wie kommen wir mit Gott in Verbindung?

Wie kann ich in Kontakt kommen mit der kosmischen Kraft, der sich alles verdankt und die ver­borgen in allem wirkt? Mit dem Geheimnis des Lebens, das alles durchweht und das auch in uns selbst am Werk ist (auch wenn wir nicht wissen, wie)? Also, um es noch einfacher zu sa­gen: Wie kann ich in Kontakt treten mit dem Göttlichen, mit dem Ewigen, mit Gott?

Eine solche Frage mag für manche abwegig klingen. Aber sie wird zum Beispiel dann drän­gend, wenn ich unter inneren Zwängen leide und von diesen nicht loskomme. Oder wenn ich mich der Macht des Bösen ausgeliefert sehe, die mir meine Bewegungsfreiheit nehmen will, mich in Angst und Schrecken versetzt und mich zu lähmen beginnt.

Diese Frage nach dem Kontakt mit der absoluten Daseinskraft kommt auch dann auf, wenn ich überall Lügen am Werk sehe, die mir den klaren Blick dafür zu nehmen drohen, was denn nun stimmt und was nicht, was verlässliche Sache ist und was nicht. Lügen breiten sich wie ein nebulöses Geflecht aus, als Lügengespinst.

Die Frage, wie ich mit dem Göttlichen, mit Gott in Verbindung kommen kann, stellt sich etwa auch, wenn ich sorgenvoll darüber nachdenke, wie es wohl mit dem Frieden und den Lebens­bedingungen weitergehen mag für die künftigen Generationen. Und wenn ich daran denke, dass mein irdisches Leben wie auch das meiner Lieben ja begrenzt ist und wie viele Men­schen ich schon verloren habe.

2. Wir sind geistige Persönlichkeiten

Wie also kann es zur Begegnung mit dem Göttlichen, mit Gott kommen? Der Apostel Paulus bringt hier den „Geist“ ins Spiel: „Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.“ „Der Geist gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind.“ Da werden also wir Menschen als geistige Wesen gesehen, und Gott selbst wird ebenfalls als Geist bezeichnet.

Wir sind geistige Persönlichkeiten. Dass wir das sein können, dazu bedarf es einer materiel­len, naturhaften Basis, eines Leibes, einer Körperlichkeit. Fällt diese weg, dann sind wir geist­los und leiblos, also tot.

Der Geist als solcher, der wir sind, ist unsichtbar, aber er zeigt sich an seinen Aktivitäten. Wir sind begabt mit Kraft und Energie. Wir fühlen und empfinden körperlichen und seelischen Schmerz, Freude, Glück, Angst. Wir sind mit dem Verstand ausgestattet, wir können nachden­ken. Und dazu gehört auch, nach dem zu fragen und zu suchen, was gilt, was bleibt, was sich durchhält. Wir haben einen Willen, und dieser führt zum Tun, zum Handeln. Da können wir uns für Gutes oder für Böses entscheiden, für die Liebe und die Wahrhaftigkeit oder für die Eigen­sucht, den Eigennutz, die Lüge. Das alles zusammen (und noch anderes) macht unseren Geist aus, unsere geistige Persönlichkeit.

Die ist bei jedem Menschen wieder anders sortiert. Materiell ist unsere geistige Persönlich­keit im Gehirn verankert, teilweise auch in unseren Genen, unserer Erbmasse, oder auch in dem, wie wir erzogen worden sind, und in dem, was wir alles erlebt haben. Und nun sind wir als geistige Wesen eben so, wie wir sind.

Lässt sich auch beim Urgrund des Daseins, bei Gott, von „Geist“ reden? Jedenfalls ist die Kraft, der wir uns verdanken, und der sich zugleich das ganze Universum verdankt, unaus­denkbar mehr Geist als wir und nicht weniger. Mehr Kraft und Energie, mehr Gefühl, mehr Verstand und Vernunft, mehr machtvoller Wille und mehr Fähigkeit zum Tun. Sofern unser Wissen um Gut und Böse, wie es uns im Gewissen zukommt, etwas unbedingt Gültiges in sich hat und nicht bloß in unserem Belieben steht und auf unseren Wünschen beruht, ist das auch im Geist Gottes verankert.

3. Wir sind Gottes Kinder

Wie kann ich mich Gott nähern? Dem Urgrund von allem, der mich von allen Seiten umgibt, und damit dem Sinn des Ganzen und damit auch wenigstens wichtigen Spuren der Wahrheit, nähere ich mich etwa dadurch, dass ich stille werde und nachdenke. Das mag zugleich ein Beten mit oder ohne Worte sein. Bei diesem Nachsinnen wird bei den einen alles sonstige, was uns bedrängt, beiseite geschoben werden. Oder es wird im Gegenteil mit einbezogen, und alles, was mich betrifft und was mir begegnet, wird ins Licht des Göttlichen gestellt.

Es wird uns dann so ergehen, dass (um mit Paulus zu reden) der „knechtische Geist“, der uns alles Mögliche fürchten lässt, zurücktritt oder abfällt. Wir erfahren uns auf einmal als innerlich frei und sind erfüllt von einem „kindlichen Geist“. Wir erfahren uns als Gottes geliebte Kinder. Der Urgrund von allem ist kein bloßes Fragezeichen mehr, rätselhaft und sonst nichts. auch keine dunkle Schicksalsmacht, vor der wir uns verstecken müssen, sondern er wird uns kund als die Macht und der Wille der Liebe. Wir sind angenommen. Wir sind bejaht, geliebt. Wir sind also etwas wert. So gilt dann auch mit Nachdruck ein anderes Bibelwort, das uns ermutigt, Ängste, Befürchtungen und Sorgen abzustreifen, weil sie bei Gott aufgehoben sind: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit“ (2. Timotheus 1,7).

Werden wir also stille und sinnen nach über das Wesentliche, über das, was gilt und bleibt! Und beten dann mit oder ohne Worte. Viele nennen das heutzutage „meditieren“. Und probieren wir es doch aus, Jesus nachzufolgen, in seinem Sinn zu leben! Wie Jesus es nach dem Johannes-Evangelium ausgedrückt hat: „Wenn jemand Gottes Willen tun will, wird er innewerden, ob diese (meine) Lehre von Gott ist oder ob ich von mir selbst aus rede (Johan­nes 7,17). Dann mag uns dies aufgehen, dass Gott die Macht und der Wille der Liebe ist und dass wir seine geliebten Kinder sind. Eine solche Einsicht ist nicht unsere eigene Leistung. Gottes Geist gibt sie unserem Geist ein: „Welche der Geist Gottes antreibt, die sind Gottes Kinder.“ Also: „Der Geist Gottes gibt Zeugnis unserem Geist, dass wir Gottes Kinder sind.“

4. Für das Wirken des göttlichen Geistes brauchen wir einen Maßstab

Aufpassen müssen wir freilich, dass das Reden vom Geist Gottes nicht missbraucht wird, als habe mir der Geist Gottes dies oder das eingegeben, und es sind doch bloß meine eigenen Wunschgedanken. Ähnlich warnt etwa Goethe in seinem „Faust“: „Was ihr den Geist der Zei­ten heißt, das ist im Grund der Herren eigner Geist!“ „Das hat mir Gottes Geist eingegeben“: das könnte zum Freibrief werden, dass ich für alles Mögliche Gottes Geist beanspruche, je nach eigenem Belieben.

Davor warnt etwa die Reformation. Sie wusste, dass es einen Maßstab braucht, um Wahr­heit und Lüge, um gut und böse, um Vernunft und Irreführung zu unterscheiden. Dieser Maß­stab ist die Botschaft Jesu - und wie Jesus seine Verkündigung in seinem Leben umgesetzt hat. Davon wissen wir aus der Bibel. Ihr roter Faden im Alten wie im Neuen Testament besteht darin, uns den Geist Jesu nahezubringen.

Das ist, etwas verschnörkelt und verschlüsselt, ausgesagt in einem Kernsatz der Reforma­tion, im evangelisch-lutherischen Bekenntnis von 1530, dem „Augsburger Bekenntnis“. Dort heißt es in Artikel 5: „Um diesen Glauben zu erlangen [nämlich dass wir von Gott allein aus seiner Gnade angenommen sind und erlöst werden], hat Gott das Predigtamt eingesetzt, das Evangelium und die Sakramente gegeben, durch die er als durch Mittel [durch Instrumente] den Heiligen Geist gibt, der den Glauben, wo und wann er will, in denen, die das Evangelium hören, wirkt“ (Übersetzung im Evangelischen Gesangbuch, Ausgabe Württemberg, 1996, S. 1496).

Mit anderen Worten: Gottes Geist teilt unserem Geist mit, dass wir Gottes Kinder sind, und zwar durch die Bibel. Ihre Grundbotschaft von der Macht und dem Willen der Liebe Gottes, die in Jesus Christus deutlich geworden ist, wird in der kirchlichen Verkündigung ausgelegt und in den Sakramenten Taufe und Abendmahl dargestellt.

Das kann man entweder recht eng verstehen: Der Heilige Geist weht zwar, wo und wann er will, aber dann eben doch nur im Umfeld von Bibel, Kirche und Gottesdienst. Oder aber man kann es weiter, offener, freier verstehen: Der göttliche Geist weht, „wann und wo und wie er will“ (so der Schweizer Theologe Martin Werner, 1887-1964). Allerdings nicht beliebig, sondern mit seiner Botschaft von der Macht und dem Willen der Liebe Gottes, die dazu führt, dass wir uns als Kinder Gottes verstehen können. Aber dieses Wehen des Geistes geschieht auf ver­schiedenen Wegen, durch etliche „Instrumente“, auf vielerlei Weise, frei nach Paul Gerhardts Liedvers „Er weiß viel tausend Weisen, zu retten aus dem Tod“ (EG 302,5).

Ich schließe mich diesem weiteren, offenen Verständnis vom Wehen des Geistes Gottes an. So hält man sich offen dafür, dass Menschen auf ganz unterschiedlichen Wegen erfahren kön­nen, dass sie von Gott angenommen und geliebt sind.

5. Geistchristentum bei Caspar von Schwenckfeld

Damit bin ich zugleich auf den Spuren des schlesischen Reformators Caspar von Schwenck­feld (1489 geboren in Ossig bei Lüben, 1561 gestorben in Ulm). Dieser musste wegen seines Spi­ri­tualismus, seines Geistchristentums 1529 seine schlesische Heimat verlassen, ging ins Exil nach Straßburg und irrte ab 1534 in Württemberg umher, wo er immerhin einflussreiche Freunde fand, die ihn aufnahmen und, wenn es sein musste, auch versteckten.

Der Geist Gottes will unseren Geist so erfüllen, dass wir ihn auch in uns spüren können und dann gewiss werden. Schwenckfeld redet davon, Gott zu „fühlen“: „Christus im Geist zu erken­nen, heißt, im Herzen die Macht und Weisheit Gottes [...] zu wissen und zu fühlen. Es bedeu­tet, im Innern, in den innersten Schlupfwinkeln des Herzens, die göttlichen Gaben und Mächte der kommenden Welt zu fühlen, ja zu schmecken, wie süß und angenehm der Herr ist. Es bedeutet, von dem Vater selbst das lebendige Wort Gottes zu hören und zu lernen und sich daran zu erfreuen, das heißt: die Gerechtigkeit Gottes zu fühlen (und so) wahrlich und mit großer Gewissheit die Genugtuung Christi, sein Heil und die Heiligung zu erfahren “ (zitiert bei: Paul Gerhard Eberlein, Caspar von Schwenckfeld, der schlesische Reformator und seine Bot­schaft, Metzingen/Württemberg 1999, S. 77-78).

Andreas Rössler, Predigt am 28.09.2025 bei der Gemeinschaft der Ev. Schlesier in der Leon­hardskirche Stuttgart

BIBELWORTE - KURZ BETRACHTET

...ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.

(1. Mose 3,5)

Die Erzählung vom Sündenfall ist eine tiefgründige und faszinierende Geschichte. Es gibt ver­schiedene Interpretationen; aber diese Urgeschichte ist jedenfalls eine sehr frühe Auseinan­dersetzung mit den drei wesentlichen Themen des Menschseins: mit dem Wesen des Men­schen, mit Freiheit und Verantwortung und mit der Beziehung zwischen Gott und Mensch.

Dabei geht es nicht darum, was es mit dem Ursprung des Bösen auf sich hat, sondern eher darum, wie der von Gott erschaffene Mensch zu seinem Menschsein findet. Ein wesentlicher Wesenszug, nämlich seine Neugier und sein Forscherdrang, bringen ihn dazu, diese eine verbotene Frucht von dem einzigen Baum in dem großen Garten, der alles bietet, zu essen. Auch wir kennen dieses Phänomen: ist eine Sache verboten, ist sie besonders reizvoll. So stark ist die menschliche Wissbegier, dass wir für neue Erkenntnisse und Erfahrungen bereit sind, sehr viel aufs Spiel zu setzen. Wie viele Wissenschaftler und Forscher haben lebensge­fährliche Versuche und Unternehmungen im vollen Bewusstsein dieser Tatsache unternom­men! Selbst, wenn die Folgen und Konsequenzen gar nicht abschätzbar sind, wird das Risiko eingegangen.

Im engen Zusammenhang damit stehen Freiheit und Verantwortung: die Wissbegier und das Streben nach Erkenntnis hat Folgen - der Mensch geht immer wieder einen Schritt weiter, selbst wenn sich aus jeder Erkenntnis von Zusammenhängen neue Fragen ergeben - das nen­nen wir Fortschritt. Wenn es eher Rückschritte sind, lässt sich das oft erst später feststellen. Wie oft steht der Mensch in der modernen Wissenschaft vor der Situation, dass er moralisch nicht oder nur schwer zu bewältigen vermag, was ihm technisch möglich ist. Unsere Verant­wortung geht mit der Freiheit einher - es ist an uns, für unsere Entscheidungen auch die Ver­antwortung zu übernehmen.

Die Strafe Gottes in der Sündenfallgeschichte erzählt von der Konsequenz für des Men­schen Tun - der Beziehung zwischen Gott und Mensch. Der Mensch hat sich anstelle einer be­hüteten Existenz für die Freiheit - auch mit den Folgen von Leid und Schuld - und die Möglich­keit der Weiterentwicklung entschieden, die ihm aber auch Verantwortung auferlegt. Letztlich fällt die Strafe Gottes milder aus als angedroht: der Mensch findet auf der Erde alles Nötige für ein menschenwürdiges Leben vor - und die Liebe Gottes zu seinem Geschöpf ist so groß, dass er es in die Freiheit entlässt und ihm dennoch nahe bleibt. Es ist an uns, für unser Leben, das aus dem Unbekannten kommt und in das Unbekannte geht, diesem Gott zu vertrauen.

Karin Klingbeil

Einladung zu einer Reise nach Palästina 1929

Mit den erweiterten Reisemöglichkeiten nach 1900 konnten mehr Menschen als je zuvor Rei­sen nach Palästina erwägen. Die Infrastruktur im Lande war dank der Templer vorbereitet - es gab eine Bahnlinie, verbesserte Wege, Hotels und Restaurants. Das Reisebüro Kaiser mit Sitz in Düsseldorf und langer Erfahrung, was Reisen nach Palästina anging, organisierte diese nicht eben preiswerte Reise; es unterhielt auch eine Zweigstelle in Stuttgart-Berg. Die abgebil­dete (sehr bekannte) Karte wurde den Reiseteilnehmern an die Hand gegeben.

Im Leonberger Tagblatt vom 27.5.1929 erschien folgender Beitrag:

Die Schwabenferienfahrt ins Heilige Land ...

... die vom 1. - 21. August stattfinden soll, ist nicht als gewöhnliche Vergnügungsreise gedacht. Gewiß wird der Erholung Suchende schon durch die zusammen 10 Tage Seefahrt auf dem sommerlichen Mittelmeer und die ganz andersartigen Eindrücke bei angenehmster Autobeför­derung auf seine Rechnung kommen.

Aber wie schon der Name der Fahrt sagt, ist ein besonderer Zweck derselben das Festerknüpfen der Beziehungen zwischen der schwäb. Heimat und dem Palästinadeutschtum, das einst durch den Le­onberger Christoph Hoffmann entstanden ist. Dazu dienen die schon im Programm festgelegten Veran­staltungen in Waldheim, Jerusalem und Sarona. Auch werden die beiden Vormittage ohne festes Programm dem Kennenlernen dessen dienen, was deutsche Missions- und Kulturarbeit im syrischen Waisenhaus und im deutschen Krankenhaus in Je­rusalem geleistet haben. Der leitende Arzt des letz­teren ist ja bekanntlich ein Korntaler, Dr. Eberhard Gmelin.

Noch in einem zweiten Sinn werden die Teilnehmer an den Schwabenfahrten etwas ande­res finden als bei den gewöhnlichen Gesellschaftsreisen. Der Schwabe hat das Bedürfnis nach wissenschaftlicher Gründlichkeit, auch gerade da, wo es sich um das Heilige handelt. Es wird auf dieser Fahrt dafür gesorgt sein, daß der Teilnehmer bei allem, was er sieht, auch den so­genannten heiligen Stätten, nach dem gegenwärtigen Stand der archäologischen Wissen­schaft und der Palästinakunde zuverlässigste Auskunft erhält. Diesem Ziel dienen auch die besonderen Vorträge, die an der Hand neuester Karten und eigens angefertigter Pläne ge­halten werden, auf der Hinreise zur Vorbereitung, auf der Rückreise zur Vertiefung und Befes­tigung der erhaltenen Eindrücke. Eben dazu steht den Reiseteilnehmern für Stunden, da sie sich an der Herrlichkeit des Meeres sattgesehen haben, eine Bücherei ausgewählter Palästi­naliteratur zur Verfügung, die z.B. die 4 großen in den letzten Jahren erschienenen Bilderwer­ke über das Heilige Land enthält, und das überhaupt nicht im Handel erhältliche Palästina­kartenwerk des deutschen Generalstabs in handlicher Verkleinerung. Ferner hat für den Au­fenthalt im Lande der neue Leiter des evangelischen Instituts für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes, der Württemberger Lic. Dr. H. Seeger, seine Unterstützung zugesagt.

WPalästina-Karte Templer-Kolonien (Quelle: Landeskirchliches Archiv)
Quelle: Landeskirchliches Archiv

Und noch in einem dritten Sinne wird die Fahrt eine Schwaben­fahrt sein. Unser Stamm hat einen ausgesprochen religiösen Zug. (Derselbe hat ja bekanntlich die Palästinaschwaben ins Heilige Land geführt.) Deshalb sind für diejenigen Reiseteilnehmer, die sich gerne daran beteiligen - und bei einer Pilgerfahrt ins gelobte Land wird das wohl die Mehrzahl sein -, Andachten und an den Sonntagen Gottesdienste vorgesehen. Doch ist darüber noch kein Programm aufgestellt. Das wird sich in völliger Freiheit gestalten aus den Bedürfnissen des Kreises heraus, der sich zusammenfin­det.

Palästinakundlicher und theologischer Leiter der Fahrt ist Pfar­rer Faber von Korntal, das Technische der Reise hat das altbe­währte Orientreisebüro A. W. Kaiser, Düsseldorf, Steinstraße 13b, übernommen. Herr A. W. Kaiser von Jerusalem reist selbst mit und sorgt für alles. Die Kosten in 3. Klasse von Triest bis wieder Triest sind 630 Mark. Programme versendet unentgeltlich an je­dermann die Geschäftsstelle für die Schwabenfahrten ins Heilige Land Stuttgart-Berg, Neue Straße 31. Für Stuttgart und Umgebung ist auch Pfarrer Faber in Korntal gerne bereit, telephonisch Auskunft zu geben (Rufnummer Stuttgart 80591).

Verantwortlich zeichnete Pfarrer Gottlob Faber aus Korntal, der außerdem fast gleichlautend unter der Überschrift „Eine Erholungs-, Studien-, Schwaben- und Brüderreise“ auch im Lehrer­boten vom 5.6.1929 dafür warb. Ausdrücklich wird dort zusätzlich erwähnt, dass man den eher ungewöhnlichen Termin in den Sommerferien mit Rücksicht auf die Lehrerwelt gewählt habe. Besonders abgehoben wird außerdem auf die Möglichkeit, mit „deutschen Volksgenossen“ - also den Templern - in Kontakt zu treten.

Über den tatsächlichen Ablauf der Reise sind mir keine Berichte bekannt.

Wer war Gottlob Faber? Geboren 1878 in Zang/Heidenheim, war er väterlicherseits Nach­komme einer bis ins 18. Jahrhundert zurückreichenden Pfarrerdynastie Faber, mütterlicher­seits ein Enkel der Beate Paulus (einer Tochter Philipp Matthäus Hahns) und somit Nachkom­me des in Münchingen wirkenden Pfarrers Flattich. Als Vikar in Lichtenstern lernte er um 1905 einen ehemaligen Lehrer der Schnellerschule kennen, eine Begegnung, die für ihn richtung­weisend werden sollte, und 1907 bekam er dank eines Stipendiums die Gelegenheit zu einer mehrmonatigen Studienreise nach Palästina, was sein Interesse an Land und Leuten sicher verstärkte. Im 1. Weltkriegsjahr war er Lazarettpfarrer in Frankreich. Im März 1918 wählte ihn die Brüdergemeinde zum Pfarrer in Korntal. Ab Sommer 1930 wirkte Faber als Reiseprediger beim Jerusalemsverein zu Berlin, doch schon im Januar 1931 bat er um Rückkehr in die württembergische Landeskirche. Während der NS-Zeit war er ab 1934 Pfarrer in Heslach und gehörte der bekennenden Kirche an. Schon bald zeichnete sich seine Widerständigkeit gegen das Regime ab.1938 verweigerte er den Eid auf Hitler; sein Sohn Lorenz durfte daraufhin zu­nächst nicht in Tübingen studieren. - Gottlob Faber war mit Clara Layer, Tochter eines Mis­sionssekretärs in Basel, verheiratet, und hatte mit seiner Frau sechs Kinder. Drei seiner vier Söhne fielen im 2. Weltkrieg. Er starb 1956 in Stuttgart.

Birgit Arnold

Australien atmet auf

Erst am 10. Dezember 2025 war es in Australien in Kraft getreten, das weltweit erste Verbot sozialer Netzwerke für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren. Noch bevor die Sommerferien in „Down Under“ zu Ende gingen, mehrten sich in den Medien die Berichte über die Wirksam­keit der zuvor durchaus umstrittenen Ma0nahme, deren Erfolg von vielen Staaten in aller Welt aufmerksam verfolgt wird. Auch Frankreich will jetzt ähnliche Maßnahmen ergreifen. Schon im Januar verkündete der australische Ministerpräsident Albanese vor der Presse stolz, dass die neuen Regeln funktionierten. Insgesamt seien seit der Einführung 4,7 Millionen Konten von Australiern unter 16 Jahren gelöscht, deaktiviert oder eingeschränkt worden. Dies habe dazu geführt, dass junge Menschen während der Schulferien „nicht an ihren Geräten hängen“. Sie würden stattdessen Bücher lesen oder sich mit Freunden und Familie treffen; das sei schon ein enormer Unterschied.

Die Abgeordnete Kara Cook aus dem Raum Brisbane äußerte sich vor Journalisten gerade­zu euphorisch: „Als Mutter von drei kleinen Kindern, die unter der Altersgrenze sind, waren die letzten fünf Wochen der Schulferien für mich und meine Familie phantastisch. Wir haben die gemeinsame Zeit ohne soziale Medien sehr genossen.“ Auch der Regierungschef berichtete von zahlreichen positiven Rückmeldungen von Eltern und Jugendlichen; viele würden sich be­danken.

Soziale Medien (Quelle: Wikimedia Commons)
Quelle: Wikimedia Commons

Die neuen Regeln verlangen von den zehn größ­ten Plattformen, darunter Facebook, Instagram, X und Twitch, Konten von Personen unter 16 Jahren zu löschen; ansonsten drohen Geldstrafen von um­gerechnet bis zu rund 30 Millionen Euro. Das gilt übrigens auch dann, wenn die Jugendlichen bei der Altersangabe schummeln; die Verantwortung liegt also ausschließlich bei den Anbietern. Die australi­sche Aufsichtsbehörde berichtete nun, dass alle be­troffenen Unternehmen die Anforderungen erfüllen würden; für den zentralen Punkt der Altersfeststel­lung werde etwa Gesichtserkennung eingesetzt. Allerdings liefen noch Gespräche, um das Umgehen der Vorschriften, zum Beispiel durch das Eröffnen von Zweitaccounts und den Zugriff mittels eines Virtual Private Networks (VPN) zu verhindern. Die Befürchtung, dass sich Kinder und Jugendliche funktional ähnliche Apps auf ihr Handy laden, habe sich zum Glück nicht bestätigt; die Nutzung dieser Alternativ-Plattformen sei nur von kurzer Dauer gewesen.

Die Aufsichtsbehörde verwies darauf, dass in Australien etwa 2,5 Millionen Kinder und Ju­gendliche im Alter von 8 bis 15 Jahren leben. Schätzungen zufolge verfügen rund 84 Prozent der Jugendlichen zwischen 8 und 12 Jahren über mindestens einen Account in den sozialen Netzwerken. Da viele Nutzer mehrere Konten hätten, würden derzeit vermutlich noch zahlrei­che weitere Konten genutzt. Insofern sei es illusorisch, eine komplett lückenlose Sperrung zu erwarten. Zudem gibt es weiterhin Kritik, nicht nur von Jugendlichen und Aktivisten für Internet­freiheit. So kritisierte etwa der Meta-Konzern, der angeblich 550.000 Facebook-Konten ge­löscht haben will, die „uneinheitlichen Methoden“ bei der Feststellung des Nutzeralters.

Wie ist der Diskussionsstand in Deutschland? Im November hat die Initiative „Smarterstart ab 14“ eine ensprechende Petition beim Deutschen Bundestag eingereicht. Unter Politikern ist ein Verbot umstritten. Umfragen haben ergeben, dass eine Mehrheit der Bevölkerung eine Al­tersgrenze befürworten würde. 38 Prozent waren für eine Altersgrenze ab 14 Jahren, 22 Pro­zent ab 16 Jahren. Nach der ARD/ZDF-Medienstudie verbringen junge Menschen vier Stun­den am Tag mit sozialen Medien, eine Stunde mehr als der Gesamtdurchschnitt. Was für Risiken sind damit verbunden? Nach Ansicht der Bundeszentrale für politische Bildung haben soziale Medien einen hohen Einfluss auf die Identitätsfindung von jungen Menschen. Ebenso helfen sie auch Kontakte zu knüpfen oder Beziehungen zu pflegen; das könne gegen Einsam­keit helfen. Andererseits könne der, der die beliebten Apps nicht nutzt, rasch den Anschluss verlieren oder sogar ausgegrenzt werden. Ähnlich negativ sei zu bewerten, dass soziale Me­dien eine permanente Aufmerksamkeit der Nutzer erfordern und dass das „mediale Trommel­feuer“ der unterschiedlichen Angebote im Netz zu Konzentrations- und Lernproblemen führen könne.

Umstritten ist nicht nur in Deutschland auch, ob ein allgemeines Verbot ausreichend juris­tisch begründet werden kann; immerhin müsste eine Einschränkung der Informationsfreiheit und der sozialen Teilhabe verhältnismäßig sein. Schließlich sehen Kritiker auch die relativ ein­fachen Umgehungsmöglichkeiten, etwa durch VPN-Tunnel. Hoffnung setzen viele auf den eu­ropäischen Digital Services Act (DSA), durch den Plattformbetreiber zum Schutz von minder­jährigen Nutzern verpflichtet sind. Es ist allerdings kein Geheimnis, dass der Durchsetzungs­bedarf hier noch erheblich ist. Vielleicht findet die erst im September 2025 eingesetzte „Kom­mission für Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ eine Lösung. Die Ergebnisse sol­len noch im Herbst vorgelegt werden.

Jörg Klingbeil

BUCHEMPFEHLUNG

Elefant

Das Buch kam an Weihnachten zu mir ins Haus geschneit. Das Geschenk einer lieben Freun­din, die, genau wie ich, findet, dass Elefanten ganz besondere Tiere sind.

Inzwischen habe ich es schon zweimal gelesen.

Der Roman spielt in der Schweiz, im Großraum Zürich. Der Autor Martin Suter setzt sich in dem Buch sehr bewusst mit der Gentechnik auseinander. Er hat im Vorfeld recherchiert und beleuchtet sowohl die positiven Aspekte als auch die Risiken.

Mir wurde sehr bewusst, dass Glowing animals keine Zukunftsmusik sind, sondern Realität, gentechnisch manipuliert »hergestellt«. Rosa Ratten, grüne Meerschweinchen - erzeugt mit Pigmenten von Algen oder Pavianen.

Suter hat auch Einblick in die Züricher Obdachlosenszene erhalten, die in dem Roman eine Rolle spielt und eindrücklich dargestellt wird.

Der ehrgeizige, gewissenlose und rachsüchtige Chemiker Dr. Roux möchte, um seinem ehemaligen Chef eins auszuwischen, aus Geltungssucht und Habgier einen rosaroten, leuch­tenden Elefanten erschaffen.

Das gelingt ihm nur bedingt. Statt einem mächtigen, großen Elefanten kommt ein kleiner, gerade mal 20 cm großer, leuchtend rosaroter Minielefant zur Welt. Primordialer Zwergen­wuchs, gepaart mit dem Luciferase-Gen. Ein Wesen, das alle Herzen im Sturm erobert und alle Eigenschaften eines Urwaldriesen in sich vereint.

Für den burmesischen Elefantenflüsterer Kauung ist sicher, dass es sich um einen heiligen Elefanten handelt. Er muss ihn vor Roux schützen und erfindet eine Totgeburt. Damit beginnt ein Versteckspiel, Entdeckung, Flucht, die für den kleinen rosaleuchtenden Sabu Barisha zu­nächst in der Höhle des Obdachlosen Schoch endet.

Doch Roux gibt nicht auf. Jetzt ist er besessen von der Idee, kleine rosarote Elefanten für Kinder, die schon alles haben, herzustellen. Dazu braucht er das Genmaterial, egal ob tot oder lebendig, er muss Sabu Barisha haben. Mit Hilfe der Tierärztin Valerie und zusammen mit Kau­ung gelingt es Schoch, Sabu Barisha nach Mynanmar zu bringen. Dort endet die Geschichte für den kleinen rosaleuchtenden heiligen Elefanten Sabu Barisha in einem Elefantencamp, mit dem sich Kauungs Traum erfüllt.

Sicher ist »Elefant« nicht in allem ein wissenschaftlicher Tatsachenbericht, sondern viel mehr ein modernes Märchen für alle, die kleine rosarote Elefanten lieben, und ganz sicher le­senswert, spannend und amüsant.

Elefant von Martin Suter, 2017 bei Diogenes, 2019 als Taschenbuch,

ISBN 978-3-257-24470-0

Hannelore Oetinger

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