Die Warte des Tempels
Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 181/12 - Dezember 2025

 

 

Das Vaterunser als „Polarstern des christlichen Glaubens“? - Dr. Andreas Rössler

„Gelobt sei der Herr, der Gott Israels!“ - Karin Klingbeil

„Mit meinem Reifen reift dein Reich” - Jörg Klingbeil

Der Adventskalender - Hannelore Oetinger

Buchvorstellung: »Tannenbaum & Mistelzweig« 

Die Familien Messerle und ihre Rückkehr gen Westen - Birgit Arnold

Das Vaterunser als „Polarstern des christlichen Glaubens“?

Ist es mit seiner Reich-Gottes-Botschaft das Bekenntnis, auf das sich alle Christen einigen können? (so Albert Schweitzer 1949) In seiner nachgelassenen Schrift „Reich Gottes und Christentum“, verfasst 1948-1949 (Albert Schweitzer, Reich Gottes und Christentum, hg. von Ulrich Luz, Ulrich Neuenschwander und Johann Zürcher, Werke aus dem Nachlass, München 1995), bezeichnet Albert Schweitzer (1875-1965) gegen Ende das Vaterunser nach Matthäus 6,9-13 als den „Polarstern des christlichen Glaubens“ (S. 351-354; dort ausdrücklich S. 352). Ja es sei, von Jesus „verfasst in Form eines Gebets“ (S. 353), zugleich „das Bekenntnis, in dem die Christen aller Konfessionen sich zusammenfinden können“ (a.a.O.); als „ein Bekennt­nis, das von sich aus das Wesentliche enthält“ (S. 353 f.), nämlich den Kernbestand der christ­lichen Glaubenslehre. Damit erübrigen sich für Schweitzer alle Versuche, Konsens-Formeln des christlichen Glaubens zu suchen und zu formulieren, denen „alle beistimmen können“ (S. 354).

1. Was Reich Gottes bedeutet

Der zentrale Gesichtspunkt des Vaterunsers ist für Schweitzer das „Reich Gottes“, konzentriert in der zweiten Bitte: „Dein Reich komme“ (S. 351 f.). Alle anderen sechs Bitten ließen sich auf diese eine Bitte zurückführen (S. 352). Merkwürdig ist es nach Schweitzer und nach heutiger allgemeiner Sicht, dass in den altkirchlichen Bekenntnissen das Reich Gottes mit keinem Wort erwähnt wird (vgl. 353), während Jesu Verkündigung doch mit dem Aufruf begonnen hat: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen“ (Matthäus 4,17).

Wird im Gedanken des Reiches Gottes das ausgedrückt, worum es im christlichen Glauben geht, dann muss man freilich fragen, was mit „Reich Gottes“ eigentlich gemeint ist. Eben das ist das theologische Lebensthema Schweitzers gewesen.

Nach seiner Analyse ist erstens die „Naherwartung“ überholt, die Jesus mit dem Judentum seiner Zeit geteilt hat. Ein übernatürliches Reich Gottes, das die ganze irdische Geschichte beenden würde, ist nicht gekommen. Hier hat sich Jesus geirrt, und mit ihm das ganze frühe Christentum.

Überholt ist zweitens auch eine „Fernerwartung“, nach der das übernatürliche Reich Gottes wenigstens in irgendeiner späteren Zeit kommen werde, wie das die Chiliasten und Apokalypti­ker im Verlauf der Kirchengeschichte vermuteten.

Drittens ist ein jenseitiges, für uns nach unserem Tod zu erwartendes Reich Gottes zwar nicht überholt, aber jetzt nicht vorstellbar und natürlich ganz und gar allein Gottes Sache. In einer der vielen Notizen Schweitzers, die seine Schrift „Reich Gottes und Christentum“ beglei­ten, heißt es: „Auch wir [nehmen] zwei Reiche [an]: das, das wir für uns und die kommenden Menschheitsgenerationen in dieser Welt schaffen, und das, in das wir beim Scheiden aus ihr eingehen. Heimkehr des Geistes. Nicht mehr brauchen wir dieses nach Analogie eines irdi­schen Reiches [uns] vor[zu]stellen, sondern als Rückkehr des Geistes in seine Heimat“ (S. 459; vgl. S. 354).

An dieser Stelle könnten wir die von Schweitzer nicht weiter beachtete „Doxologie“ (den Lobpreis) berücksichtigen, die am Ende von Matthäus 6,13 bei späteren Textzeugen aus der frühchristlichen Didache (der „Lehre der zwölf Apostel“ aus dem 2. Jahrhundert) übernommen worden ist: „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.“ Denn da geht es vorrangig um das vollendete Reich Gottes.

Viertens schließlich, und das ist für Schweitzer zentral und sei auch ganz im Sinn des Anliegens Jesu, haben wir es mit dem „ethischen Reich Gottes“ zu tun (S. 348; 350). Gemeint ist „das geistige Reich Gottes, dessen Verwirklichung denkbar ist“ (S. 349), das wir also durch unser tatkräftiges Handeln im Geist Jesu wenigstens ansatzweise zu verwirklichen haben, im Sinn der „Ehrfurcht vor dem Leben“ und der Wahrhaftigkeit. Schweitzer ist überzeugt, „dass nur in dem Maße, als Gesinnung des Reiches Gottes in den Herzen der Menschen zur Herr­schaft kommt, der Geist Gottes die Zustände in der Welt umgestalten kann“ (S. 355).

2. Was im christlichen Glauben wesentlich ist

Enthält das Vaterunser wirklich alles für den christlichen Glauben Wesentliche? „Nur in einem Christentum, in dem das Reich Gottes im Mittelpunkt des Glaubens steht und alle Glaubens­überzeugungen in sich begreift, ist der Geist Jesu lebendig und völlig vorhanden“ (S. 351), schreibt Schweitzer.

Das von Schweitzer betonte „ethische Reich Gottes“ kann hier aber nicht alles sein. Man muss dazu nehmen, was da vorausgesetzt und was untergründig mitgemeint ist. Nach Schweitzer war zwischen Urchristentum und Neuzeit das Christentum „ohne lebendigen Glau­ben an das Reich Gottes. [...] Es bestand vornehmlich aus Glauben an die Sündenvergebung und an das ewige Leben. Diese beiden Glaubensüberzeugungen waren wie Inseln, die von dem versunkenen Festland des ursprünglichen Glaubens übrig geblieben waren“ (S. 352). „Sündenvergebung“ bedeutet, dass wir auf Gottes freie und unverdiente Gnade und Barmher­zigkeit Gottes angewiesen sind und darauf bauen können. Sie ist ja auch in der fünften Bitte des Vaterunsers erwähnt. „Ewiges Leben“ findet sich, von Schweitzer aus gedacht, implizit als ein, wenn auch untergeordneter Gesichtspunkt vor, in der zweiten Bitte „Dein Reich komme“, in der siebten Bitte „Sondern erlöse uns von dem Bösen“ wieder als ein Gesichtspunkt und dann in der Doxologie.

Damit bilden im Vaterunser selbst und in der Geschichte des Christentums die Sündenver­gebung, das ewige Leben und das ethisch verstandene „Reich Gottes“ (im Sinn eines Lebens aus Gerechtigkeit, Liebe und Wahrhaftigkeit) einen inneren Zusammenhang.

Freilich fehlt hier eine ausdrückliche Lehre von Jesus als dem Christus, die ja noch nicht schon damit gegeben ist, dass das Vaterunser von Jesus stammt, die aber wenigstens damit angedeutet ist, dass Gott von Jesus als „Vater“ angeredet wird, freilich nicht exklusiv, sondern so, dass die anderen Betenden mit einbezogen sind. Auch eine Lehre vom Heiligen Geist kann man nur erahnen.

Ferner fehlt, was noch gravierender ist, eine ausdrückliche Lehre von Gott dem Schöpfer und seinem Handeln in der Welt. Aber indirekt kommt Gott mit seinem Handeln schon vor. Er muss ja dafür sorgen, dass sein Wille „im Himmel wie auf Erden“ geschieht. Er muss ermög­lichen, dass wir „unser tägliches Brot“ bekommen. Er muss uns die Schuld vergeben und uns das ewige Leben schenken. Er muss uns vor der „Versuchung“ bewahren oder uns in ihr bei­stehen. Er muss uns „von dem Bösen erlösen“. „Weil in der Welt, die fortdauert, das Böse vor­handen ist, auch in unseren Herzen, bitten wir, dass er [Gott] uns bewahre vor der Versu­chung, in die wir uns begeben, die an uns herantritt, und dass er uns helfe, von dem Unterwor­fensein unter das Böse [frei zu werden]“ (S. 461).

Indirekt kommt auch in der heutzutage zunächst sperrig wirkenden ersten Vaterunser-Bitte „Dein Name werde geheiligt“ Gott ganz grundsätzlich vor: als der immer größere Gott, der Erhabene, vor dem Demut und Ehrfurcht angebracht sind und dessen „Name“, dessen wahres Wesen also die Kraft und der Wille der Liebe sind, und den wir ständig vor Augen haben sollten, wenn unser Leben gelingen soll.

3. Gottes Handeln in der Welt

Das Handeln Gottes im Kosmos, im Leben auf der Erde, in der Geschichte und im persönli­chen Geschick - also das, was man in der Dogmatik als „Vorsehung“ (providentia) und „Füh­rung“ (gubernatio) bezeichnet - ist und bleibt nach Schweitzer erstens grundsätzlich rätselhaft, verborgen. Deshalb wohl schließt die siebte Vaterunser-Bitte „Sondern erlöse uns von dem Bösen“ nach Schweitzers Auffassung beim „Bösen“ nicht jene Übel in der Welt mit ein, die nicht von Menschen verursacht sind, sondern eben einfach da sind, wieso auch immer Gott sie zulassen mag: „Nicht mehr das Aufhören des Bösen und des Übels wird erhofft, sondern nur noch das des Bösen“ (S. 347). Die siebte Bitte des Vaterunsers meint „Und erlöse uns von der Herrschaft der bösen Weltmächte“, und diese sind „nur in der Gesinnung der Menschen gege­ben“ (S. 350).

Ob Naturgeschehen, Weltgeschehen oder „Heilsgeschichte“: „Das Christentum darf sich auch nicht zu viel Wissen um den Heilsplan Gottes zutrauen. Von diesem begreifen wir nur so viel, dass er darin besteht, das Bitten, mit dem wir im Vaterunser vor ihn kommen, in Erfüllung gehen zu lassen. Vermessenheit ist es, ihn im Gang der Geschichte aufzeigen zu wollen“ (S. 356).

Dagegen ist das Böse immer von Menschen gemacht. Aber was hat das Böse, das wir Men­schen tun, mit Gott selbst zu tun? Hier kommt ein zweiter Gesichtspunkt ins Spiel: Gott handelt an und in uns durch seinen Geist, sofern wir uns mit unserem Geist seinem Geist öffnen. „Der Glaube an das Reich Gottes ist das Größte und Schwerste, was der christliche Glaube zu leisten hat. Er verlangt von uns, dass wir das unmöglich Scheinende des Überwältigwerdens des Geistes der Welt durch den Geist Gottes für möglich halten. Wir vertrauen auf das Wun­der, welches der Geist vollbringen wird. Durch solchen Glauben wahren wir dem Evangelium Jesu die Treue“ (S. 351).

Mit anderen Worten: Gottes Handeln im Kosmos, auf der Erde in Natur, Geschichte und per­sönlichem Leben ist und bleibt grundsätzlich verborgen, abgesehen davon, dass Gott der Urgrund von allem ist, ohne den also gar nichts läuft. Wir können aber immerhin sagen, dass Gott will, dass seine Herrschaft, sein Reich, in der Menschheit Raum gewinnt, sich ausbreitet und sich durchsetzt. Das geschieht auf alle Fälle so, dass sich Menschen mit ihrem Geist dem Geist Gottes öffnen und sich von ihm - dem Geist der Liebe, der Befreiung und der Wahrheit - bestimmen lassen. So beginnt Reich Gottes in uns selbst, aber natürlich nicht isoliert, sondern zusammen mit anderen, und nicht nur als Gesinnung, sondern auch in einer Verwirklichung, durch alle den Einzelnen und den Gemeinschaften zur Verfügung stehenden Begabungen, Fähigkeiten, Erkenntnisse, Einsichten.

4. Der Geist und das „ethische Reich Gottes“

Welche Rolle spielt dabei Jesus? Es sind seine Botschaft und sein gelebtes Leben, die uns beeindrucken und motivieren. Sein „Geist“, der uns leitet, ist aber nicht auf Kirche und Chris­tentum eingegrenzt, und auch die Christen selbst müssen sich vom Geist Jesu erst zur Um­kehr leiten lassen. Der Geist Jesu ist über alle Grenzen der Religionen und Weltanschauungen hinaus bei allen „Menschen guten Willens“ (vgl. die lateinische Version von Lukas 2,14) am Werk. Wo immer es geht, sollen sich diese zusammentun zum Bau an einer besseren Welt, am Reich Gottes.

Das Vaterunser samt seiner Reich-Gottes-Botschaft ist, da ist Schweitzer Recht zu geben, in der Tat „Polarstern des christlichen Glaubens“. Es eint ja auch alle Christen. Als ökumeni­sches Glaubensbekenntnis, das andere ökumenische Konsens-Formulierungen überflüssig machen würde, scheint es mir aber nicht geeignet zu sein. Allein schon wegen der Gebets­form. Dann aber auch weil manches nur angedeutet ist oder erst noch untergründig aufgespürt werden muss, was in eine Basisformulierung des christlichen Glaubens hineingehört. Insbe­sondere Gott als Schöpfer, Offenbarer und Vollender, und Jesus als der tiefste Ausdruck der Selbstbekundung Gottes. Auch Kirche und ewiges Leben. Recht ist Schweitzer aber darin zu geben, dass in eine ökumenische Konsens-Formulierung des christlichen Glaubens der Ge­sichtspunkt des Reiches Gottes, und zwar auch und gerade in seiner ethischen Akzentuierung, mit hineingehört.

Das „ethische Reich Gottes“ hat für Schweitzer höchste Priorität. Die Menschheit ist nämlich in der Lage, sich selbst und weitgehend alles außermenschliche Leben auf der Erde auszu­löschen.

„Für die Menschheit, wie sie heute ist, handelt es sich darum, ob sie dazu kommt, Reich Gottes verwirklichen zu wollen oder unterzugehen. [...] Beginnender Untergang der Mensch­heit ist unser Erlebnis. [...] Hier kann nur noch helfen, dass der Geist Gottes mit dem Geist der Welt streitet und ihn überwindet“ (S. 350).

Andreas Rössler

BIBELWORTE - KURZ BETRACHTET

„Gelobt sei der Herr, der Gott Israels! Denn er hat besucht und erlöst sein Volk“

(Lukas 1,68)

Dieser Vers steht im sogenannten Lobgesang des Zacharias. Zacharias und seine Frau Elisa­beth waren hochbetagt ohne Kinder geblieben, als Zacharias der Engel Gabriel erschien und ihm eröffnete, dass seine Frau noch einen Sohn gebären werde, den er Johannes nennen solle. Weil Zacharias ungläubig reagierte, sollte er bis zur Geburt des Kindes stumm sein. Als nun Johannes geboren war, fand Zacharias seine Sprache wieder; vom heiligen Geist erfüllt weissagte er, dass das Kind Gott als Prophet dienen und dem erwarteten Herrn den Weg be­reiten werde.

In diesem Lobgesang werden all die alttestamentlichen Weissagungen angesprochen, die später auf Jesus hin interpretiert worden sind. Im Advent bereitet sich die Christenheit auf Weihnachten vor. Albert Schweitzer fragt in einer Weihnachtspredigt, ob Jesus wirklich die Er­füllung der Verheißung sei, also jener, der das Volk Israel erlösen sollte. Ihm als dem Heiland sollte Johannes (der Täufer) die Massen zuführen - und was geschah? Das Volk verwarf Jesus und stimmte für seine Kreuzigung. Johannes der Täufer konnte am Ende selber nicht glauben, dass Jesus der verheißene Messias sei, weil er so ganz anders war als erwartet.

Albert Schweitzer fragt: „Was sind denn Weissagungen und Verheißungen? Es sind die We­ge und Absichten Gottes mit den Menschen, wie er sie seinen Auserwählten im Geist kundtat.“ Er sieht die Verheißungen als eine Ausdrucksweise der Propheten, so zu sprechen, dass ihre Zuhörer sie verstehen - und sich daran aufrichten können. Dem Volk, das in der Wüste darbt, sprechen sie vom Land, in dem Milch und Honig fließen, dem von heidnischen Mächten bedro­hten Königreich Juda von der Wiederaufrichtung Jerusalems und dem leidenden Volk von der Erlösung durch den Messias. An diesen Verheißungen haben sich die Glaubenden aller Zeiten ausgerichtet und für ihr Werk gelebt.

So sieht Schweitzer die Verheißungen als ein Gerüst an dem gewaltigen Bau, den Gott auf Erden unter den Menschen aufrichtet. Auf ihm stehen die Menschen, denn darauf finden sie Halt, um die ihnen aufgetragene Arbeit ausführen zu können. Sie verstehen den Plan des ganzen Baus nicht, sondern sehen nur das kleine Stück, an dem sie arbeiten. Erst spätere Generationen sehen ihre damalige Interpretation - aber die heutige mag anders aussehen: „So sind auch die Verheißungen der Propheten in ihrem innersten Wesen wahr, weil sie das Kommen des Heilands vorbereitet haben. ... Darum ist das Wort ‚Jesus ist die Erfüllung der Verheißungen‘ (dieses Weihnachtswort) wahr, in innersten Grunde wahr...“

Karin Klingbeil

 

Der 150. Geburtstag von Rainer Maria Rilke am 4. Dezember 2025 gibt Anlass, erneut an die­sen bedeutenden Lyriker zu erinnern. Wir greifen dabei auf einen früheren Artikel vom Oktober 2011 zurück.

»Mit meinem Reifen reift dein Reich«

Rilke und die Religion

Rainer Maria Rilke (geb. 1875 in Prag, gest. 1926 im Sanatorium Valmont bei Montreux) ist ei­ner der bekanntesten Lyriker deutscher Sprache. Zeit seines unsteten Lebens befand er sich zwischen den etablierten Religionen und Kulturen auf der Suche nach Lebenswahrheiten für sich und die Menschheit, nach »Gott«, und versuchte, das Unsagbare in seine Dichtungen zu übersetzen. Es lohnt sich, diesen »Übersetzungsversuchen« nachzuspüren, weil sie nach meinem Eindruck dem Empfinden vieler religiös denkender Menschen der heutigen Zeit ent­sprechen. Dabei kann der Dichter hier naturgemäß nur mit einem kleinen Ausschnitt seines umfangreichen Schaffens zu Wort kommen.

Rilkes Kindheit und Jugendzeit waren nicht einfach. Er wuchs nach der Scheidung seiner Eltern bei seiner Mutter auf, die - aus Trauer über den frühen Tod einer älteren Schwester - den kleinen René (wörtlich übersetzt: der Wiedergeborene), wie er zunächst hieß, bis zu sei­nem fünften Lebensjahr wie ein Mädchen erzog; frühe Fotografien zeigen ihn mit langen Haa­ren im Kleidchen. Zudem flüchtete sich die Mutter, nachdem die Mitgift verbraucht, die Offi­zierskarriere des Mannes und die Ehe gescheitert waren, zunehmend in eine bigotte Religiosi­tät, die auf ihren Sohn ebenso prägend wie abstoßend wirkte. Wenn Rilke sein Leben lang Distanz zur kirchlichen (Schein-)Frömmigkeit hielt, dann ist das auch als Reaktion auf die Kindheitserlebnisse zu verstehen. Als mindestens ebenso traumatisch erwies sich für den sen­siblen Knaben der auf Druck des Vaters stattfindende Besuch mehrerer Militärschulen, der 1891 krankheitsbedingt scheiterte. Während Rilke in der Schulzeit den Glauben an einen allmächtigen Gott im Hinblick auf das Wunder des Kosmos und des Lebens für unausweichlich hielt, wandte er sich später zunehmend einer seelenvollen, aus Naturerfahrung gewonnenen Weltfrömmigkeit zu. Bereits in der Gedichtsammlung »Mir zur Feier« 1897/98 wird ein Gottes­bild erkennbar, das im Laufe der Jahre für ihn das einzig verbindliche blieb: Gott nicht mehr als ein demonstrierbares, forderndes Gegenüber, sondern als ein immer schon im Innersten Wir­kender und Gegenwärtiger, der vom Herzen in besonders schöpferischen, »glühenden« Au­genblicken erfahren wird, ohne dass er sich dadurch »verriete« oder seinen Geheimnischarak­ter verlöre:

Du darfst nicht warten, bis Gott zu dir geht
und sagt: Ich bin.
Ein Gott, der seine Stärke eingesteht,
hat keinen Sinn.
Da musst du wissen, dass dich Gott durchweht
seit Anbeginn,
und wenn dein Herz dir glüht und nichts verrät,
dann schafft er drin.

Dieser schöpferische Gott macht sich für Rilke aber nicht nur im Herzen bemerkbar, er stellt auch eine geheimnisvolle Verbindung zu der uns umgebenden Umwelt, vor allem zur Natur dar. Schon früh empfand er die Verbundenheit mit der Natur als eine vom göttlichen Leben er­füllte Wirklichkeit, wobei er - wie eines seiner schönsten Gedichte aus dem »Buch der Pilger­schaft« des »Stundenbuchs« zeigt - auf Beweise oder Wunder verzichtete:

Alle, welche dich suchen, versuchen dich.
Und die, so dich finden, binden dich
an Bild und Gebärde.
Ich aber will dich begreifen
wie dich die Erde begreift;
mit meinem Reifen
reift dein Reich.
Ich will von dir keine Eitelkeit,
die dich beweist.
Ich weiß, dass die Zeit
anders heißt
als du.
Tu mir kein Wunder zulieb.
Gieb deinen Gesetzen recht,
die von Geschlecht zu Geschlecht
sichtbarer sind.

In dem Maße, wie Rilkes Gottheit die Grenzen des kirchlichen Dogmas überschritt und er nach Worten suchte, um sein eigenes Gottesbild zu beschreiben, erfuhr er zugleich die Unzuläng­lichkeit der Sprache. Mit den Mystikern und anderen großen Dichtern und Denkern teilte er die Skepsis gegenüber den Möglichkeiten der Sprache, seelische, vor allem religiöse Erfahrungen adäquat auszudrücken. So schrieb er in den von Rudolf Steiner herausgegebenen »Dramatur­gischen Blättern« im Jahr 1898: »Man wird einsehen müssen, dass das Wort nur eine von vielen Brücken ist, die das Eiland unserer Seele mit dem großen Kontinent des gemeinsamen Lebens verbinden... Man wird es deshalb aufgeben, von den Worten Aufschlüsse über die Seele zu erwarten, weil man es nicht liebt, bei seinem Knecht in die Schule zu gehen, um Gott zu erkennen.« Immer wieder wandte Rilke sich auch, zunächst unter dem Einfluss Nietzsches, gegen die etablierten Christusbilder, die seines Erachtens das Wesen des Menschlichen, das Diesseits, im Namen Christi entwerten. Noch im fiktiven Brief eines jungen Arbeiters von 1922 geht es ihm um die Ausbeutung des Lebens im Namen des Jenseitigen: »Welcher Wahnsinn, uns nach einem Jenseits abzulenken, wo wir hier von Aufgaben und Erwartungen und Zukünften umstellt sind. Welcher Betrug, Bilder hiesigen Entzückens zu verwenden, um sie hinter unserem Rücken an den Himmel zu verkaufen!« Rilke verarbeitete dieses Thema in dem großen Gedichtzyklus Die Christus-Visionen, der erst nach seinem Tod erschien. Darin projiziert er seine Probleme mit einem Christentum, das einen jenseitigen Gott predigt und in Christus den ins Jenseits entrückten Sohn Gottes sieht, auf diesen, indem er ihn - über seine menschlichen Züge in den Evangelien hinaus - bis an die Grenze des Blasphemischen zum Menschensohn macht und in die Gegenwart versetzt. Durch mehrere Reisen nach Russland 1899 und 1900 mit seiner Geliebten und mütterlichen Freundin Lou Andreas-Salomé empfand er noch mehr als bisher Gott als den »Unvollendeten«, den zu vergegenwärtigen und zu voll­enden die eigentliche Aufgabe der Kunst sei. Diese für ihn zentrale Religions- und Kunstauf­fassung fand ihren Niederschlag in dem dreiteiligen Stundenbuch, das 1905 erschien und zu Rilkes Lebzeiten die beachtliche Auflage von 60.000 Exemplaren erreichte, sowie in den Ge­schichten vom lieben Gott (1900). Im Stundenbuch, das schon durch seinen Titel auf mittelal­terliche Gebetsammlungen Bezug nimmt, findet sich erstmals auch das rätselhafte Motiv des »dunklen Gottes«:

... Doch wie ich mich auch in mich selber neige:
Mein Gott ist dunkel und wie ein

Gewebe
von hundert Wurzeln,
welche schweigsam trinken.
Nur, dass ich mich aus seiner Wärme hebe,
mehr weiß ich nicht, weil alle meine Zweige
tief unten ruhn und nur im Winde winken.

Manche Interpreten sehen in der Zuweisung Gottes in das Dunkle einen von Rilke bewusst ge­wählten Gegensatz zu der neutestamentlichen Gleichsetzung von Gott und Licht, indem er hier an eine alttestamentliche Tradition anknüpft, die Gott in Verbindung mit der Dunkelheit bringt (z.B. Ex. 20, 21; Joel 2,1; 1. Kön. 8, 12) und die auf ein altorientalisches Weltbild zurückgehen dürfte. Rilke meint damit wohl eine Zuordnung Gottes zu dem nicht klar Erkennbaren und Geheimnisvollen, wohl auch zu dem Ursprünglichen und nicht Begrenzbaren.

Neue Perspektiven ergaben sich für Rilke durch Reisen nach Nordafrika und Spanien und die Bekanntschaft mit anderen Religionen, insbesondere dem Islam, die ihn aus seiner ge­wohnten Ordnung des Religiösen herausriss und - wie er 1912 an eine Gönnerin schrieb - zu einer »beinahe rabiaten Antichristlichkeit« veranlasste: »...Mohammed ... bricht wie ein Fluss durch ein Urgebirg ...sich durch zu dem einen Gott, mit dem sich so großartig reden lässt jeden Morgen, ohne das Telefon »Christus«, in das fortwährend hineingerufen wird ... und niemand antwortet.« Und drei Jahre später bekannte Rilke in einem Brief, dass Wege zu Gott nicht nur in christlichen, sondern auch in außerchristlichen Religionen möglich seien.

Rilkes letzte Schaffensperiode von 1922 bis 1926 stand im Zeichen einer zunehmenden Ferne von Gott. »Mehr und mehr kommt das christliche Erlebnis außer Betracht; der uralte Gott überwiegt es unendlich. Die Anschauung, sündig zu sein und des Loskaufs zu bedürfen als Voraussetzung zu Gott, widersteht immer mehr einem Herzen, das die Erde begriffen hat«, schrieb er 1923 in einem Brief. Zwar sprach Rilke im Verhältnis zu Gott nun von einer »unbeschreiblichen Diskretion« und »Namenslosigkeit«, damit war aber die Verbindung zu Gott nicht unterbrochen, sondern erreichte nur eine neue Qualität. Rilke war und blieb ein Gottsucher. »Es gibt so wunderbare Griffe nach Gott«, schrieb er einmal an eine Freundin, »und wenn ich der Menschheit zusehe, so meine ich, es handle sich nur darum, ihr unzählige Möglichkeiten bereitzuhalten, Ihn zu erfassen oder durch Ihn überrascht zu sein.«

Wer mehr über Rilkes Religiosität erfahren möchte, dem sei die Lektüre des Buches von Günther Schiwy »Rilke und die Religion«, Insel-Verlag, 2006, empfohlen, auf dem dieser Arti­kel weitgehend beruht. Viele weitere Informationen, eine Biografie und sämtliche Gedichte sind zudem hier zu finden.

Jörg Klingbeil

Der Adventskalender

Mit dem Einzug des Protestantismus ersetzte das Christkind den Gabenbringer Sankt Niko­laus. Die Kinderbescherung wurde vom 06. auf den 24. Dezember verlegt. Eine, für Kinder lan­ge Zeit, mussten sie nun auf den Festtag und die Bescherung warten.

Um ihnen diese Zeit zu verkürzen entstanden frühe Formen des Adventskalenders. So mal­te z.B. der Vater 24 Kreidestriche an die Stubentüre und jeden Tag durften die Kinder einen Strich abwischen.

Der erste gedruckte Adventskalender wurde 1902 von der evangelischen Buchhandlung Friedrich Trümpler in Hamburg veröffentlicht. 1908 entwickelte Gerhard Lang, Teilhaber der li­thographischen Anstalt Reichhold und Lang, den ersten Kalender mit »Türchen«, der damals noch Weihnachtskalender hieß. Er bestand aus 24 Feldern mit kleinen Versen und weihnacht­lichen Motiven. Dazu gehörte ein zweites Blatt mit 24 Zeichnungen, die Bildchen für Bildchen ausgeschnitten und eingeklebt wurden.

Die Zeit und der Wohlstand sind voran geschritten und so gibt es heute, angefangen beim Schokoladen-Adventskalender, über Lego, Playmobil, Delikattessen, Wein bis hin zu Schmuck für kleine und große Kinder eine riesige Auswahl an Adventskalendern.

Soviel zur Geschichte....

....doch meinen ganz persönlichen Favoriten, den bis heute keiner schlagen konnte, brachte unsere Mutter um ca.1955 mit nach Hause. Er war zum Aufstellen - schon das war etwas ganz Besonderes. Ein verschneiter Winterwald mit Rehen und Häschen war darauf abgebildet, in der Mitte ein alter Stall. Diesen Kalender mussten wir 5 Kinder uns teilen, Im Wechsel durften wir die Türchen öffnen. Und da erlebten wir dann eine riesige Überraschung. Hinter den Tür­chen versteckten sich Bildchen, die sich in das Gesamtbild einfügten: im Baumloch schliefen die Eichhörnchen, unterm Schnee kamen Pilze zum Vorschein, über dem Stall leuchtete der Stern usw.

Für mich ein Wunderwerk und vermutlich für damalige Verhältnisse teuer erstanden, denn an Weihnachten wurden die Türchen fein säuberlich wieder verschlossen und der Kalender für den nächsten Advent aufbewahrt. Schade, dass irgendwann die Türchen abfielen und damit die Geschichte dieses Adventskalenders endete. Die Erinnerung aber hab ich mir bewahrt und den Glauben an die Wunder der Weihnacht auch.

Hannelore Oetinger

BUCHVORSTELLUNG

»Tannenbaum & Mistelzweig - Die Geschichten unserer Weihnachtspflanzen«

Annette Diekmann-Müller, Jan Thorbecke Verlag, 2024

„Im Wohnzimmer duften die weißen Hyazinthen, die Mama rechtzeitig zum Fest gezogen hat, und auch der Tannenbaum duftet, der frisch und grün bereitsteht und nur darauf wartet, ge­schmückt zu werden.“ So beschreibt Astrid Lindgren in ihrem Kinderbuch Madita die Weih­nachtsvorbereitungen auf Birkenlund.

Neben Zweigen wie Tannen- oder Fichtengrün gibt es Blumen und Blüten wie die Christrose oder den Weihnachtsstern oder auch Früchte wie Äpfel, Orangen und Nüsse, die eng mit den Traditionen der Advents- und Weihnachtszeit verbunden sind. Die Botanikerin Annette Diek­mann-Müller hat zwanzig Pflanzen aus aller Welt zusammengetragen und porträtiert sie in ihrem Buch „Tannenbaum & Mistelzweig“. Einleitend stellt sie die Weihnachtspflanzen im christlich-deutschsprachigen Raum und die mit ihnen verknüpften Traditionen vor. So waren im späten Mittelalter neben immergrünen Zweigen, die als „Wintermaien“ durch die Stadt getra­gen wurden, auch mit Äpfeln geschmückte Bäume verbreitet, die in den Krippen- oder Para­diesspielen an den Sündenfall erinnern sollten. Ein weiteres Brauchtum rankt sich um die Heili­ge Barbara. An ihrem Gedenktag, dem 4. Dezember, werden Kirschzweige geschnitten, deren Knospen dann in den warmen Wohnungen bis Weihnachten aufgehen. Bevor es im 19. Jahr­hundert üblich wurde, Weihnachtsbäume aufzustellen, schmückte man die Wohnstuben mit immergrünen Zweigen, die teilweise auch von der Decke hingen. Und es musste auch nicht immer ein Nadelbaum sein: so berichtet Liselotte von Pfalz über das Weihnachtsfest 1662 am Hof in Hannover, dass dort Buchsbäume auf Tischen standen, an deren Zweigen Kerzen leuchteten.

Im Hauptteil folgen Porträts der einzelnen Pflanzen. Nach einem kurzen Absatz über die Herkunft der Pflanze geht die Autorin auf das Brauchtum ein und gibt abschließend praktische Tipps zur Pflanzenpflege. Im ersten Abschnitt stehen die immergrünen Pflanzen wie Tanne, Mistel, Stechpalme, Efeu, Buchsbaum und - überraschender Weise - auch der Rosmarin. Aus England stammt der Brauch, am Weihnachtsabend Rosmarinzweige auf den Boden zu legen, wo sie dann bei jedem Schritt ihren Duft entfalten.

Stroh, aber auch Äpfel, Hasel- und Walnüsse sind heimische Produkte, die eng mit der Ad­vents- und Weihnachtszeit verknüpft sind. Äpfel und später Glaskugeln als „künstliche Äpfel“, Nüsse zu Ketten gefädelt oder Strohsterne schmücken den Weihnachtsbaum und gehören zu den traditionellen Gaben zu Nikolaus. Insbesondere in Skandinavien finden sich viele Bräuche, die mit Stroh in Verbindung stehen, wie das Schlafen im Jul-Stroh, das Auslegen des Bodens mit Stroh oder der Julbock, der aus Stroh gebunden wird und zu den Gabenbringern gehört.

In der kalten Jahreszeit ist eine Blüte ein besonderes Wunder. Während die Knospen der Kirschzweige nur aufgehen, wenn man sie am Barbaratag ins Haus holt, blüht die alpine Christrose auch bei Minusgraden. Ebenso faszinierend ist die Rose von Jericho. Wenn man die scheinbar tote Pflanzenkugel in eine flache Schale mit kaltem Wasser legt, öffnet sie sich und wird grün. Bis zu einer Woche kann sie im Wasser bleiben, dann benötigt sie eine zwei­wöchige Trockenphase, in der sie sich wieder zusammenzieht und die Blätter verwelken.

Zu den beliebtesten Weihnachtspflanzen gehört heute der Weihnachtsstern: über 20 Millio­nen Exemplare werden jedes Jahr in deutschen Gärtnereien gezüchtet und verkauft. Von Mexiko aus, wo Franziskaner die Pflanze entdeckten und mit nach Spanien nahmen, hat sie sich zuerst als Krippenschmuck in der spanisch-sprachigen Welt entwickelt und ist seit den 1960ern international zum Exportschlager geworden. Auch Amaryllis und Weihnachtskakteen werden in Deutschland gerne zu Weihnachten verschenkt.

Den Abschluss des Buches bilden die Südfrüchte: was wäre die Advents- und Weihnachts­zeit ohne Orangen und Mandarinen? Man denke nur an die weihnachtlichen Menüs wie Ente in Orangensauce oder den wunderbaren Duft, den mit Nelken besteckte Früchte ausströmen. Mit einem Beitrag über den Granatapfel, der in den letzten Jahren als beliebtes Element der Weihnachtsfloristik hinzugekommen ist, endet das Buch.

Fazit: Die Autorin stellt die „Geschichte unserer Weihnachtspflanzen“ kenntnisreich und spannend vor, besonders praktisch sind die Tipps, die jedem Leser helfen, seine Pflanzen gut über den Winter zu bringen. Darüber hinaus ist das Buch liebevoll mit Abbildungen von histo­rischen Weihnachtskarten oder aus botanischen Büchern gestaltet und damit auch optisch ein Genuss.

(aus Newsletter der Evangelischen Hochschul- und Zentralbibliothek in Stuttgart-Möhringen, Oktober 2025; Signatur dort A 10/8007. Wir bedanken uns bei der EHZ für die freundliche Genehmigung zum Abdruck)

Die Familien Messerle und ihre Rückkehr gen Westen

2016 erschien in der „Warte“ (Jahrg. 175, November) ein Beitrag über die Templerfamilie Mes­serle aus Kornwestheim: „Die Familie Messerle und ihr Zug nach Osten”. Inzwischen haben sich die Erkenntnisse über diese Auswanderung erweitert, und Ende Oktober 2025 fand in Kornwestheim ein von einem Nachfahren einberufenes Familientreffen statt, zu dem ich einge­laden war. Die Familien kamen aus ganz Deutschland, von Hamburg bis Lörrach.

Die Messerle sind eine Kornwestheimer Familie mit einer bald 300-jährigen Geschichte in diesem Ort. Es gibt Spuren ihrer Häuser im alten Ortskern der Stadt. Der erste in den Kirchen­büchern vermerkte Namensträger war der 1733 in Schanbach geborene Gottfried Messerle (1733 - 1801), Leineweber, der 30-jährig in Kornwestheim Maria Barbara Pfeil (1740 - 1789) heiratete.

Von den 14 Kindern seines ältesten Sohnes Gottlieb (1764 - 1847) wanderten vier in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts nach Bessarabien aus, nach Gnadental und Lichtental. Die Siedlungen lagen auf dem Weg des Johannes Lange, der 1861 auf der Rückreise vom Kir­schenhardthof (bei Marbach) nach Gnadenfeld (mennonitische Siedlung in Bessarabien) für die Sache des Tempels warb und nicht nur bei den Familien Messerle auf offene Ohren stieß. Fünf Familien Messerle gehörten bei der Gründung der Kolonien Tempelhof und Orbelianowka 1868 zu den ersten Siedlern.

Der 1798 geborene Sohn Jakob Messerle starb schon 1855 in Lich-tental sein gleichnami­ger Sohn Jakob (*1824) blieb dort. Sein Enkel Christian Jakob (1851 - 1941) schloss sich den Templern an, allerdings zog er bald aus dem Kaukasus direkt nach Palästina und arbeitete in Jerusalem als Schuhmacher. Im Baedeker von 1897 wird er als solcher erwähnt: „Schuhma­cher: Hahn und Messerle vor dem Jaffator und auf der Kolonie“ (d.h. in der Siedlung der Temp­ler). Der Urenkel Christian Jakob Messerle (*1887) betrieb in Jaffa ein deutsches Metzgerei-Fachgeschäft. Darüber wurde schon berichtet.

Aufnahme ca. 1865 in Lichtental. Ehepaar sitzend: Johann Jakob Messerle *18.7.1824 in Kornwestheim,
 mit seiner Ehefrau Christiana Barbara Bräuninger *13.3.1828 in Hausen an der Zaber; zwei Töchter,
 stehend: Louisa Christina und Louise; drei junge Kinder: Johann Jakob,
 Magdalena und Christoph (Foto: privat)
Foto: Privat

Der älteste Sohn Johann Georg Messerle (*1794) starb 1831 - ein Jahr nach der Einwande­rung - jung an der Cholera. Sein Sohn Johann Jakob Messerle (*1824) heiratete 1848 in Arzis die Einwanderin Christiane Bräuninger aus Hau­sen an der Zaber in Württemberg. Diese Familie war eine der Gründerfamilien von Orbelianowka.

Auch die Familie des jüngsten, 1807 gebore­nen Sohnes Christian Messerle gehörte dazu. Sechs Kinder verstarben jung in Lichtental, drei seiner Söhne gingen jedoch samt ihren schon gegründeten Familien mit den Eltern auf die weite Reise in den Kaukasus. Der jüngste Sohn Johann Jakob Messerle (*1848) verließ Orbelianowka mit Familie allerdings wieder und emigrierte ca. 1895 - vermutlich anlässlich des Umzugs der Kolonie ins neu gegründete Romanowka (später Karlsfeld) - nach Palästina, wo er nahe der Altstadt von Jerusalem eine Ölmühle betrieb. Das Ehepaar verstarb jung.

Seine Brüder Christoph Messerle (*1839) und Christian Messerle (*1841) machten den Um­zug nach Romanowka mit. Sie starben Anfang des 20. Jahrhunderts. Spätestens in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts verließen ihre Kinder mit Familie die inzwischen in Karlsfeld umbenannte Siedlung - der Name Romanow hatte 1918 ausgedient.

In Kornwestheim trafen sich überwiegend - vermutlich sogar ausschließlich - Nachfahren verschiedener Zweige der über Bessarabien in den Kaukasus ausgewanderten Familien aus Kornwestheim. Mehrere Generationen trennen sie heute, mehr als 150 Jahre nach der Grün­dung von Orbelianowka, von diesem Ereignis. Viele kannten sich gut, manche weniger gut, manche gar nicht. Einige hatten gute Kontakte untereinander und einiges Wissen über Groß­väter und Urgroßväter, das aber selten weiter als bis zu deren Namen reichte, andere rätselten noch schwer über ihre Herkunft. Die Anbindung der anwesenden Familien an die Auswanderer konnte mittlerweile mit vereinten Anstrengungen und zur Freude aller geklärt werden - mit modernen Möglichkeiten der Recherche, mit eigenem Wissen und Unterlagen der Vorfahren, sowie mit Hilfe eines Netzwerks von Familienforschung, das sich speziell mit der Einwande­rung nach Russland befasst. Dank an alle!

Was mich zunächst überaus erstaunt hat, aber zu Unrecht: Kenntnisse über die Anbindung an die Templer, deren Gründe und Ziele als religiöse Gemeinschaft sowie ihr Siedlungswerk in Palästina - also der Antrieb für die Auswanderung in den Kaukasus - waren nicht vorhanden. Das Buch von Paul Sauer, in dem Messerle in Palästina erwähnt werden, war dabei und löste Verwunderung aus, der abgeholfen werden konnte.

Das Wissen um ihr geistiges Erbe - in diesem Fall das der Templer - ist den Deutschen in Russland in den Wirren der Jahre nach 1930, in der Verbannung nach Kasachstan, im 2. Welt­krieg und in den folgenden 40 Jahren bis zur erneuten Rückkehr in die Bundesrepublik um 1990 weitgehend verlorengegangen. Das sollte nicht wundern, hatten die Menschen doch jahrzehntelang Sorgen ums Überleben und schließlich zu tun mit dem erneuten schwierigen Anfang in den Jahren nach der erneuten Ausreise, diesmal in die entgegengesetzte Himmels­richtung. So habe auch ich dabei gelernt.

Die Ursprünge der Messerle finden sich in der Schweiz. Nicht lange nach dem 30-jährigen Krieg heiratete Peter Mößerle, Sohn des Benjamin, aus dem Berner Gebiet, in Schan­bach/Aichwald 1685 Rosine Beck aus Michelberg. Er starb 1741 hochbetagt „an übler Verwun­dung vom Farren“.

In der 3. Generation heiratete sein Enkel Gottfried Messerle (s.o.) später nach Kornwest­heim. Da die Menschen damals nicht viel reisten, darf angenommen werden, dass er auf sei­ner Wanderschaft als Webergeselle in Kornwestheim Kontakte knüpfte und dort heiratete.

Und - o Freude! - anwesend war auch ein neugierig gewordener Namensträger Messerle aus der in Schanbach verbliebenen Linie der Familie, ein Württemberger, der deutschen Ver­wandten aus Russland begegnete, deren Vorfahren 340 Jahre vorher auch die seinen waren. Ein wahrhaft denkwürdiges Treffen!

Birgit Arnold

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