Predigten und Ansprachen
Hören und Lernen - Tun und Sein

Die Geschichte von Marta und Maria

 

Dankfest-Ansprache am 7. Oktober 2007 (gekürzt) von Otto Hammer

Dankfest, Tag der Besinnung

Wir danken am Dankfest für die Ernte des Jahres im weitesten Sinne und bitten für eine gute Ernte im nächsten Jahr. Die Arbeit des alten Jahres ist getan, die des neuen Jahres steht bevor.

Das Dankfest steht genau zwischen diesen Zeitabschnitten: dem, was gewesen ist, und dem, was auf uns zukommt. Und dieser Moment zwischen den Zeiten ist von der Arbeit auf dem Felde befreit. Er ist der Besinnung geweiht. Er ist nicht dem Tun zugewendet, sondern dem Hören und dem Nachdenken. Er gilt nicht der Arbeit, sondern dem Wort und der geistigen Beschäftigung.

Besinnung - das ist das Nachdenken über die Grundfragen des Lebens. Die erste davon ist die Brechtsche Frage: »Denn wovon lebt der Mensch?« (1). Aber die eigentlich wichtige Frage des Menschen ist eine ganz andere, nämlich: Wozu sind wir da auf dieser Welt? Diese Frage bestimmt unser Leben, unser Denken und unser Handeln. Die Antwort darauf entscheidet, ob wir unsere Existenz als sinnvoll ansehen, oder als vertane Chance; ob diese Erde schön für uns ist oder ein Jammertal.

Diese Frage beantwortet sich aus dem Glauben. Glaube aber fußt auf dem Wort, auf dem Hören und Lernen. Und so sind das Thema dieses Vortrags die Kontrastpaare »Hören und Lernen« einerseits und »Tun und Sein« andererseits.

Die Geschichte von Marta und Maria

Wir hören zu diesem Thema einen Text aus dem Lukasevangelium. Es ist die kurze Geschichte von Marta und Maria:

»Als sie aber weiterzogen, kam er in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf. Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu. Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihm zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, das sie mir helfen soll. Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist Not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden« (Lk 10,38-42).

Lukas erzählt uns hier eine Einkehrgeschichte. Jesus ist auf der Wanderung, wahrscheinlich von Galiläa nach Jerusalem. Und auf dem Wege kommt er in ein Dorf und dort kehrt er ein, im Hause der Marta. Sie hat im Haus das Sagen und ist verantwortlich, dass die Regeln der Gastfreundschaft eingehalten werden.

Mit im Hause wohnt die Schwester Maria. Sie unterstützt ihre Schwester nicht bei der Arbeit für das Wohl des Gastes, sondern sie hört dem Gast zu. Im Text heißt es: »Sie setzte sich zu Jesu Füßen, um zu hören«. Hören heißt nach jüdischem Verständnis »das Wort hören und lernen«. Hören und Lernen aber bedeuten, mitdenkend und prüfend das Gehörte in sich aufzunehmen.

Marta empört sich, dass die Pflichten des Hauses ihr allein zufielen und Maria sich aus dem Dienst ausklinkte. Sie drängte Jesus, Maria zurechtzuweisen: »Sag ihr doch, dass sie mir helfen soll«.

Für Lukas und seine Gemeinde ist es eine grundsätzliche und aktuelle Frage, die sich da Jesus stellt. Jesus kann deshalb eine Entscheidung zwischen den Alternativen »hören und dienen« nicht umgehen und der Maria sagen: »Hilf der Marta doch einmal, ihr könnt ja nachher zusammen zuhören«.

Jesu Antwort ist für die damalige Gemeinde des Lukas so wichtig, weil es um die Gewichtung der Gemeindefunktionen geht. Es geht um die Relation zwischen den Gemeindeaus­richtungen:

die den Glauben formende Gemeinde, die hörende und lernende Gemeinde, die Gemein­de der Gottesliebe, und

die den Glauben praktizierende Gemeinde, die Gemeinde der Nächstenliebe.

Wie stehen die beiden Ausrichtungen zueinander. Was ist zuerst wichtig: hören oder tun, lernen oder dienen?

Die Antworten auf die Frage aus der Geschichte von Marta und Maria finden wir auf drei Ebenen:

Die erste Ebene beinhaltet zwei Provokationen. Diese beschäftigen sich noch gar nicht mit der eigentlichen Frage unseres Textes, sondern klären das Umfeld, aus dem heraus die Frage beantwortet werden soll.

Die erste Provokation ist, dass Lukas mit seiner Formulierung »Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu« auf die Abschiedsrede des Mose in 5Mo anspielt. Dort heißt es: »Alle Heiligen sind in deiner Hand. Sie werden sich setzen zu deinen Füßen und sie werden lernen von deinen Worten« (2).

Im Alten Testament sind es »alle Heiligen«, also das ganze Volk, die das Wort hören und lernen. Bei Lukas ist es ein einzelner Mensch, eben die Maria. Da ist offensichtlich eine gewaltige Verschiebung eingetreten. Nicht mehr die Glaubensgemeinschaft, das Volk, hört das Wort und steht damit in der Beziehung zu Gott, sondern der einzelne Mensch.

Die zweite Provokation für die damalige Zeit ist, dass das Kontrastprogramm von Hören und Tun, von Wort und Dienst hier am Beispiel von zwei Frauen abgehandelt wird. Generell in der Antike, und speziell im Judentum, war es normal und üblich, dass Männer hören und lernen und sich mit religiösen Themen auseinandersetzen. Frauen dagegen arbeiteten und dienten und sorgten für die Bedürfnisse des täglichen Lebens.

Frauen wurden bei den Juden nicht in der Tora unterrichtet. Die Tora war Sache der Männer. Und deshalb ist das Hören der Maria in dieser Geschichte so provokativ und so wider die Norm. Schon die Namen der beiden Frauen deuten darauf hin, dass diese Provo­kation gewollt ist:

Marta bedeutet auf hebräisch »Herrin«. Sie verkörpert das konservative Element.

Maria kommt vom hebräischen Wort für »Widerspenstigkeit«. Sie verkörpert das Hinter­fragen von Konvention und Tradition. Sie sucht das Neue.

Dadurch, dass die Gegenüberstellung der beiden Gemeindeausrichtungen zwischen zwei Frauen ausgetragen wird, stellt Lukas von vorneherein klar, dass die konventionelle Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen in der jesuanischen Lehre aufgehoben ist. Beide sind in der Gemeinde in gleicher Weise zu Wort und Diakonie berechtigt und auch verpflichtet. Die Aufgabenverteilung geschieht nach den jeweiligen Bedürfnissen und Fähigkeiten und nach dem, was nottut.

Auf der zweiten Ebene stehen Hören und Tun, Glaube und Nächstenliebe zunächst gleichberechtigt nebeneinander. Wir kennen dieses Nebeneinander aus der Bergpredigt des Matthäus. Dort heißt es: »Wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute« (3).

Beides, Hören und Tun, muss sein. Beides ist für die Gemeinde und den Einzelnen notwendig. Der Unterschied liegt in der Reihenfolge. Das Wort ist die Voraussetzung des guten Tuns, weil es den Glauben des Einzelnen und der Gemeinde formt und gestaltet. Der gute Glaube aber ist der Ausgang für das gute Tun.

Beide, Wort und Arbeit, stehen gleichberechtigt nebeneinander, aber der Glaube, die Gottesliebe, bestimmt die Nächstenliebe. Sie gibt ihr Richtung und Ziel und begrenzt sie auch. Unser Verhalten muss angemessen sein. Das angemessene Verhalten ist, das zu tun, was Gott dem Menschen als Ziel seines Lebens vorgegeben hat. Gottesliebe und Nächstenliebe sind nicht zwei voneinander getrennte Gebote, sondern bedingen einander.

Der Mensch ist auf Gott bezogen. Wenn wir diese Welt und ihren Schöpfer positiv sehen, dann müssen wir notgedrungen diese positive Sicht auch auf unseren Nächsten übertragen. Wenn wir glauben, dass Gott es gut mit uns meint, dann sind wir verpflichtet, es auch gut mit unseren Mitmenschen zu meinen.

Die dritte Ebene im Text von Marta und Maria ist die Bedeutung des Hörens für unser Sein. Das Hören geht weit über die Ausrichtung unseres Tuns hinaus. Es prägt unser Wesen, unsere Person.

Der aus dem Hören und Lernen resultierende Glaube soll in die Nächstenliebe eingehen, aber er darf nicht in der Nächstenliebe aufgehen. Der Glaube soll die Nächstenliebe ausrichten, aber er darf sich nicht in ihr erschöpfen. Die Gottesliebe, das Wort, das Hören hat einen durchaus eigenständigen Wert für den Menschen. Der Mensch braucht das Wort für sich selbst.

Denn das Wort, also das Hören und Lernen, ist die Auseinandersetzung mit den Grundfragen des Lebens. Es ist ein Wesensmerkmal des Menschen, dass er so fragen kann. Fragen und Antwortsuchen - das ist Hören und Lernen.

Die erste und höchste Frage ist die Frage nach dem Sinn meines Seins: Warum und wozu bin ich? Die Antwort darauf formt unsere Haltung zum Leben. Sie bestimmt, wie ich in der Welt stehe. Sie entscheidet, wie ich lebe und bin und ob ich der Zukunft mit Angst oder mit erwartungsvoller Freude entgegengehe.

Marta hat in unserer Geschichte für das gesorgt, was physisch notwendig war - für das leibliche Wohl. Jesus anerkennt das und sagt lobend zu ihr: »Marta, Marta, du hast viel Sorge und Arbeit«.

Maria dagegen hat die geistige Ansprache in den Worten Jesu gesucht. Sie hat sich selbst im Wort Jesu gesucht. Sie hat es gebraucht, es war ihr wichtig. Für sie war es die Zeit des Wortes, des Hörens und des Lernens. Und deshalb sagt Jesus: »Maria hat das gute Teil erwählt. Es soll nicht von ihr genommen werden

Der templerische Bezug in der Geschichte von Marta und Maria

Ich habe bisher die Frage offen gelassen, wo der spezielle templerische Bezug auf unseren Bibeltext, auf die Geschichte von Marta und Maria, liegt. Die Frage ist einfach zu beantworten: Der frühe Tempel hat genau diese Gewichtung von Hören und Tun über­nommen und herausgestellt.

Das erste Anliegen des frühen Tempels war es, die religiöse Bildung seiner Anhänger zu heben. In diesem Punkt waren sich, trotz aller sonstigen Unterscheidungen, Hoffmann und Hardegg einig. 1868, kurz vor der Abreise der beiden Vorsteher nach Palästina, fand eine Versammlung der Ältesten des Tempels statt, die den Tempelgemeinden, den bestehenden wie auch den in Palästina neu zu gründenden, ans Herz legte:

»Die Geschäfte (Aufgaben) des Tempels sind diejenigen Tätigkeiten, welche die Gesellschaft hat, um ihre Konfession (Glauben) zu verwirklichen.

Das erste Hauptgeschäft ist die Predigt, dass das Himmelreich nahe herbeigekommen ist. Diese Predigt schließt die Aufrichtung des Himmelreichs im Innern des Menschen sowie äußerlich auf der ganzen Erde mit ein.

Das zweite Hauptgeschäft des Tempels ist [....] die Hilfe, welche den Bedrängten und Notleidenden zu bringen ist; kurz das Geschäft der Barmherzigkeit« (4)

Beides, Wort und Tat, sind »Hauptgeschäfte« (Hauptaufgaben) des Tempels. Beide stehen gleichgewichtig nebeneinander, wenn es gilt, den Tempelglauben umzusetzen und zu verwirklichen. Nur: das Hören kommt für den Tempel zuerst, genau wie im Jesuswort unseres Textes: »Maria hat das gute Teil erwählt«.

Dabei war eine solche Einstellung in der damaligen Zeit keinesfalls selbstverständlich. Gustav Werner, der Begründer des Bruderhauses in Reutlingen, hatte in jenen Jahren sein markiges Wort geprägt: »Was nicht zur Tat wird, hat keinen Wert«. Der Tempel dagegen berief sich auf Jesus und seine Botschaft und auf die Urgemeinde, und er machte sich deren Anliegen zu eigen, wie es im Text von Marta und Maria beschrieben wird.

Die erstrangige Aufgabe des Tempels als Gemeinschaft ist also die Lehre, um so im Innern des einzelnen Menschen das Reich Gottes aufzurichten. Das bedeutet, den Menschen so zu bilden, dass er in seinem Leben einen Schritt vorwärts kommt. An erster Stelle für den Tempel steht diegeistige Erbauung, der geistige Aufbau der Persönlichkeit.

Erst die zweite, aber unbedingt notwendige, Aufgabe des Tempels ist dann die soziale Ausrichtung, das Wirken in der Gesellschaft: das gute Tun, die Umsetzung des Glaubens in Nächstenliebe.

Für die Lebensführung des einzelnen Templers bedeutet das, dass Hören und Lernen für ihn an erster Stelle stehen. Sie sind die Voraussetzung für das gute Sein und damit auch für das gute Tun.

Diese Relation hat sich da und dort im Tempel gewandelt, einfach aufgrund der histo­rischen Gegebenheiten in den Gemeinden in Palästina. Der religiöse Grund des Tempels war zur Selbstverständlichkeit und Allgemeingut in den Gemeinden geworden. Und deshalb hatte das Tun, die Umsetzung des ethischen Gehalts der Tempellehre, an Gewicht ge­wonnen.

Wir leben aber heute nicht mehr als Templer unter Templern. Wir leben unter Menschen, deren Glaubensspektrum vom Nichtchristen, über Neuheiden bis zum evangelikalen Fundamentalisten reicht. Der templerische Glaube ist in dieser Umwelt etwas Besonderes, etwas Seltenes geworden, das für die Außenstehenden keinesfalls selbstverständlich ist. Der Tempelglaube ist heute etwas Kostbares, das der Pflege und der Bewahrung bedarf.

Geistliche und religiöse Bildung sind heute überlebensnotwendig für die religiöse Identität des einzelnen Templers wie auch der Gemeinde. Diese religiöse Bildung und Bindung hat in unserer Zeit wieder genau den gleichen Stellenwert wie bei den frühen Templern von 1868. Die Forderung des Hörens und Lernens bezieht sich auf alle geistigen Felder unseres Seins, die in unserer Kulturwelt eng mit der Bibel verknüpft sind und diese einschließen.

Ich fasse zusammen: Im Mittelpunkt der jesuanischen Lehre steht der Einzelmensch und seine Beziehung zum Göttlichen. Der Einzelne ist mehr als ein Teil des Ganzen; aus ihm heraus erst entsteht das Ganze, die Gemeinde. Oder, wie der zitierte Tempeltext aus dem Jahre 1868 andeutet: Das Himmelreich, das Reich Gottes auf Erden, wird zuerst im Innern des Menschen aufgerichtet und dann erst in der äußeren Welt.

Der einzelne Mensch hat also für sich selbst eine Aufgabe, nämlich sich im Leben vorwärts zu entwickeln und zu verwirklichen. Und das steckt auch hinter der Frage: wer bin ich und wozu bin ich da? Es ist eine geistliche Frage, eine Frage der Metaphysik und des Glaubens im weitesten Sinne.

Die Spannung zwischen diesen Aufgaben, zwischen Hören und Tun, bestimmt das Selbstverständnis des Tempels und der Templer. Und so gilt auch heute noch wie 1868: Das erste Anliegen des Tempels ist, eine Gemeinde von Hörenden zu sein.
 

(1) siehe das zweite Dreigroschenfinale am Ende des 2. Akts der Dreigroschenoper (dort steht auch »Erst kommt das Fressen und dann die Moral«)

(2) siehe dazu Abschiedssegnung des Mose in Dtn 33,3ff

(3) Mt 7,24

(4) Friedrich Lange, Die Geschichte des Tempels, 1899, S. 362

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