Treffpunkt - Gemeinde aktuell

Jahresrückblick 2006

Mikrokredite - Eine Lektion in Entwicklungshilfe (27. Oktober)

»Mikrokredite« das Thema unseres Freitagabendtreffs am 27. Oktober kam wohl manchen, die die Erklärungen in der Warte oder auf dem Ankündigungsplakat nicht gelesen hatten, etwas fremd vor - sonst wären wohl mehr Leute gekommen. Das ist schade, denn es war hochinteressant, und brandaktuell obendrein: nur Tage vorher hatte Dr. Muhammad Yunus aus Bangladesh den Friedensnobelpreis für seine Gründung der Grameen-Bank erhalten, die mit dem gleichen Ziel und den gleichen Methoden arbeitete und arbeitet wie die Organisation Oikokredit, um die es bei unserem Abendtreff ging.

Frau Linde Janke, die Vertreterin der Stuttgarter Filiale von Oikocredit, stellte uns das Konzept vor. Die Organisation geht auf die Initiative einer ökumenischen Kirchenversammlung zurück und arbeitet seit 1975 (Yunus begann wenig später). www.oikocredit.deDas Ziel ist, Armut und Elend durch Hilfe zur Selbsthilfe zu bekämpfen - ein Prinzip, nach dem heute fast alle großen Entwicklungshilfe-Organisationen arbeiten. Neu war, dass dafür nicht Spenden, sondern Kredite eingesetzt wurden und werden.

Der Grundgedanke: zur Verbesserung von Lebens- und Arbeitsbedingungen braucht man Geld. Die Armen haben keines und bekommen von den Banken keines, weil sie keine Sicherheiten bieten können. Oikocredit vergibt Kleinstkredite von 50,- Euro - meist natürlich in Landeswährung - an aufwärts, mit Laufzeiten von einem Jahr an aufwärts, zu je nach Umständen verschiedenen, aber immer niedrigen Zinsen - von 2% an aufwärts - an Genossenschaften, Klein- und Kleinstunternehmen, auch an Einzelpersonen, wenn sie sich zu Kleingruppen - meist 5 Personen - zusammenschließen. Die Bedingungen sind, dass mehr als die Hälfte der Mitglieder - und später - der Organisatoren Frauen sind (tatsächlich liegt ihr Anteil höher) und dass sie, zu Beginn und weiter regelmäßig, an Beratungen teilnehmen. Dafür werden von Beginn an einheimische Helfer vor Ort geschult.

Die Beratungstreffen sind ein wesentlicher Bestandteil der Aktiva, um zu prüfen, was sinnvoll ist und was nicht, z.B. auf dem Land: was wächst unter den Bedingungen von Klima und Boden, wie lassen sich die Erträge steigern, wie sind die Vermarktungschancen? Ein Gegenbeispiel: eine nicht angeschlossene Kooperative baute Erdbeeren an, die auch gut gediehen. Bei der Ernte stellte sich heraus, dass man sie nicht verkaufen konnte: im Dorf konnte sie niemand bezahlen, für einen Transport fehlten Straßen und Wagen.

Mindestens ebenso wichtig ist die soziale Funktion der regelmäßigen Treffen: sie fördern die Kommunikation untereinander, zu den Helfern und zur Organisation, und sie bilden eine sehr effektive soziale Kontrolle: die Kredite werden zu 85-95% pünktlich zurückgezahlt - diese Rate ist wesentlich höher als bei normalen Bankkrediten. Zugleich lernen die bisher völlig isolierten Bauern bzw. Bäuerinnen, über den eigenen Tellerrand hinauszublicken, sie erfahren konkret den Nutzen von Wissen, sie lernen, Eigeninitiative zu entwickeln, das Ansehen von Frauen in Familie und Gesellschaft steigt.

Das Ganze ist eine Erfolgsgeschichte, die zu Beginn niemand für möglich gehalten hätte. Oikocredit startete 1975 fast von Null, verwaltete 2005 ein Anlagekapital von rund 250 Millionen Euro, betreute ca. 250 Projekte weltweit (Steigerung von 2004 auf 2005: 45%). 70-80% der Teilnehmer haben es geschafft, mit Hilfe der Kleinkredite aus der existenziellen Armut (Leben von der Hand in den Mund, Unterernährung, oft Hunger) herauszukommen, ihre Kinder in die Schule zu schicken u.a. Es haben sich Parallelorganisationen gebildet, die nach den gleichen Prinzipien arbeiten, neben der Grameen-Bank (die inzwischen auch weltweit operiert) z.B. in Indien und Indonesien.

Das Kapital stammt von der wachsenden Zahl von Anteilseignern. Jedermann kann dort Geld anlegen wie bei jeder normalen Bank. In der Regel werden 2% Dividende gezahlt, bisher regelmäßig, mit der einzigen Ausnahme der zwei Jahre der schweren Asienkrise. Das Kapital kann bei Bedarf zum Nennwert zurückgenommen werden. Anders ausgedrückt: die Erträge sind vergleichsweise niedriger als bei anderen Banken, aber die Anlage ist vergleichsweise sicher. Oikokredit hat seine Zentrale in den Niederlanden und wird von der dortigen Bankenaufsicht jährlich überprüft.

Ich denke, das ist etwas, was jeder, der mit seinem Geld nicht nur Gewinn machen, sondern etwas Gutes bewirken möchte, sich durchaus überlegen sollte. Diejenigen, die das tun wollen und Näheres wissen möchten, können sich an die Stuttgarter »Filiale« wenden.

Brigitte Hoffmann

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