Die Warte des Tempels
Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 174/12 - Dezember 2018

 

 

»... die Liebe aber ist die größte unter ihnen...« - Wolfgang Blaich

Die Zeichen der Zeit - Jörg Klingbeil

Unser Universum - wie für uns gemacht? - Ulrich Walter

Grußwort zur Tagung am 6. November in Haifa - Jörg Klingbeil

150 Jahre Templersiedlungen in Palästina - Oskar Grözinger

Auf den Spuren meiner Kindheit - Peter Lange

Weitere Eindrücke der Israelreise - Karin Klingbeil

»... die Liebe aber ist die größte unter ihnen...«

Das 13. Kapitel des 1. Korintherbriefes ist ein wunderbarer Text. Es erscheint mir jedoch wich­tig daran zu erinnern, in welchem Zusammenhang dieser Text im 1. Korintherbrief steht. Fünf Jahre etwa ist die Gemeinde von Korinth alt, als Paulus den Brief schreibt. Er selbst hat sie in dieser Provinzialhauptstadt gegründet. Die Hafenstadt ist jung, sie ist ein wirtschaftlicher und kultureller Knotenpunkt. Eine Gemeinde in einer pulsierenden Metropole, ein Umschlagplatz zwischen Ost und West, ein Schmelztiegel unterschiedlicher Stämme und Nationen, ein sozialer Brennpunkt, aber auch eine religiös bewegte Stadt mit vielen alten Kulturen und neuen: Da bleiben - ich glaube, das können wir aus unseren eigenen heutigen Erfahrungen der letzten Zeit sehr gut verstehen - da bleiben Probleme nicht aus, weil die Gemeinde Spiegel der Gesellschaft ist - die Extreme prallen auch dort aufeinander: arm und reich, fromm und liberal, vorschriftentreu und eher nachlässig im Umgang damit. Der Brief des Apostels Paulus handelt über weite Strecken von ganz konkreten Aspekten und Bereichen des christlichen Lebens, die in der Gemeinde in Korinth offenbar umstritten waren, die zu Spaltungen führten oder die auf problematische Weise ausgelebt wurden, sodass Klärung oder gar Korrektur nötig war. So geht es gerade in den Kapiteln 12 und 14 um ein Thema, das damals offensichtlich besonders heikel war, nämlich um die Geistesgaben, das prophetische Reden und die soge­nannte Zungenrede.

Und genau dazwischen steht Kapitel 13, in dem Paulus die Korinther auf das wirklich Grundlegende fokussieren will und darum schreibt und betont, dass alle diese Dinge, über die so gestritten wurde und wird, letztlich vergehen werden. Sie sind nur Stückwerk (Paulus!); sie haben zwar wohl eine Bedeutung in der damaligen christlichen Gemeinde, aber letztlich nur vorübergehende. Das Bild vom Leib und den vielen Gliedern, welches die Gemeinde symboli­siert und welches im vorausgehenden Kapitel steht, ermahnt zur gegenseitigen Wertschät­zung.

»Unser Erkennen ist Stückwerk und unser prophetisches Reden ist Stückwerk.« - Wirklich bleiben werden nur drei fundamentale, grundlegende Dinge: »Nun aber bleiben Glaube, Hoff­nung, Liebe, diese drei.«

Die Fragen, welche Paulus bewegen, sind wohl: Was dient dem Aufbau der Gemeinde? Wie lebt eine Gemeinschaft im Sinne Jesu?

Strebt nach der Liebe - so lautet seine Antwort -, ohne Liebe ist alles nichts. Entscheidend ist allein die Liebe.

Warum? Und von welcher Liebe spricht Paulus?

Nicht zu Unrecht ist der Text als Hohelied der Liebe bekannt geworden.

Ist es aber vielleicht ein zu hohes Lied geworden, das dem einen oder anderen in seinem Überschwang Mühe macht? Oder empfindet vielleicht der eine oder andere eine gewisse Realitätsferne? Eine Liebe, die alles duldet, alles glaubt, alles hofft, alles erträgt - überfordert uns Paulus damit nicht? Ist sein Anliegen nicht unrealistisch im Bemühen, im Streben um einen christlichen Weg in einer Welt, die uns eher Schwierigkeiten bereitet, Grenzen zwischen Menschen, Nationen, Religionen und politischen Strömungen aufbaut?

Ich meine, dass seine Worte nicht Ausdruck eines Realitätsverlustes sind, bei dem der Blick für die manchmal traurige Wirklichkeit der Liebe unter Menschen abhandengekommen wäre. Paulus überspringt nichts von den Gefährdungen der Liebe. Aber er verdichtet seine Aus­sagen so, dass uns über unsere Erfahrungen der Höhen und Tiefen in der Liebe hinaus eine Ahnung überkommen kann, dass Liebe noch viel mehr kann, dass sie noch zu viel mehr in der Lage ist, als es uns bisher bewusst ist.

Von welcher Liebe aber spricht Paulus überhaupt? Von der Liebe zur Schöpfung? Zum Nächsten? Zum Fernsten? Zum Freund? Zum Feind? Zu Gott? Vielleicht verstünde er diese Fragestellung überhaupt nicht. Denn er spricht offenbar von der Liebe als der alles bestim­menden Grundkraft unseres Lebens.

So kann man jedenfalls die Aufzählungen der Eigenschaften der Liebe in den Versen 4 - 6 verstehen - wie Liebe ist, was sie tut und was sie nicht tut. Dort steht: Die Liebe ist langmütig und freundlich, sie eifert nicht, sie treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie ist frei von Egoismus und von Selbstsucht, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit. »Eine Liebe, die allem standhält.« Ist eine menschliche Liebe dazu imstande? Oder spricht er von der einen wahren, einer göttlichen Liebe? Jedenfalls von einer Liebe, die eine höhere Lebensorientie­rung, eine verlässlichere Grundlage im Leben bedeutet, mehr als so vieles andere, nach dem ich mich sonst möglicherweise im Leben ausrichte. Verlässlicher - so ist zu fragen - als die Erkenntnisse der Wissenschaften, als technischer Fortschritt, welchem Paulus entgegenhält: »Denn unser Wissen ist Stückwerk«, d.h. unsere Erkenntnis ist begrenzt und wird vergehen. Das heißt für mich keineswegs, dass wir auf die Erkenntnisse der Forschung und Wissen­schaft verzichten sollen. Sondern die Einschätzung ihrer Fortschritte, ihrer Entwicklung sollte unter dem Blick der Liebe geschehen - sagt man nicht: »Nur die Liebe sieht gut«? Das ist nicht einfach durch die rosarote Brille geschaut, einfach nur Gutgläubigkeit, sondern das ist die Liebe gepaart mit der Weisheit meiner Lebenserfahrungen. Das ist die Einschätzung der Auswirkung neuer Erfindungen - tun sie der Menschheit, der Natur gut? Geschieht die Entwicklung zum Wohle der Menschen, der Natur? »Nur mit dem Herzen, mit der Liebe sieht man gut« - in der Jetztzeit, aber auch für die Zukunft.

Wenden wir uns nochmals der Aussage des Paulus zu, dass die Liebe das allerwichtigste ist. Als Beziehungswesen, die wir Menschen sind, sind wir auf Liebe angewiesen; wir sind darauf angewiesen, geliebt zu werden und Liebe zu schenken. Wir wissen doch zutiefst, wie wichtig es für unser Wohlergehen ist, dass wir immer wieder spüren und hören, dass wir angenommen sind, wertgeschätzt werden, geliebt sind; und zwar unabhängig von dem, was wir an Gegenleistung und an Gegenliebe geben können. Und nicht nur für unsere seelische Gesundheit ist die Erfahrung von Liebe notwendig, auch für unser körperliches Wohlergehen:

Was ist ein Händedruck, ein Blick, eine Begrüßung ohne Liebe?

Wie deutlich wird es uns, wenn ein Essen, ein Kuchen ohne Liebe zubereitet wird.

Was ist ein Geschenk, welches ohne Liebe ausgesucht und eingepackt wurde?

Was ist ein Krankenbesuch ohne eine warme Anteilnahme?

Was ist eine Erziehung ohne die Liebe? Es wurde einmal das (zugegebenermaßen brutale) Experiment gemacht, kleine Kinder ganz ohne Liebe aufwachsen zu lassen. Die Betreuer­innen dieser Säuglinge taten alles, was zur Befriedigung der körperlichen Bedürfnisse nötig war, doch darüber hinaus gar nichts - keine liebevolle Berührung, keine Umarmung, keine lieben Worte, keine emotionale Nähe, nichts. Alle diese Kleinkinder konnten ohne eine menschliche Zuwendung nicht leben, sie starben in kurzer Zeit.

Paulus scheint sich dessen bewusst zu sein, wie wichtig für den Menschen als Beziehungs­wesen die Achtung, der Respekt, das gegenseitige Verständnis, das Verstehenwollen - kurz, die Liebe ist. Sein Brief an die Gemeinde ist eine Handreichung für beziehungsvolles fried­liches und glückliches Miteinander.

»Die Liebe ist geduldig und gütig«, heißt es da zuerst. - Die Liebe hat einen langen Atem; sie gibt nicht so schnell auf. Sie hat auch noch Geduld mit dem anderen, nachdem sie etwas schon 100 Mal gesagt hat. Ausdauer und Wohlwollen sind Kennzeichen der Liebe.

»Die Liebe ereifert sich nicht«, heißt es weiter. - Die Liebe steigert sich nicht in etwas hinein. Sie lässt sich nicht von Gefühlsausbrüchen, von Zorn oder Enttäuschung antreiben. Wer liebt, bleibt sachlich und schafft so Raum für Verständnis und Versöhnung.

»Die Liebe prahlt nicht und spielt sich nicht auf.« - Die Liebe schaut nicht auf andere herab und macht sich nicht über sie lustig. Sie stellt nicht dauernd die eigenen Stärken in den Vordergrund. Wer liebt, gesteht seinem Gegenüber die gleiche Wichtigkeit zu und gibt ihm den gleichen Wert.

»Die Liebe verhält sich nicht taktlos und sucht nicht den eigenen Vorteil.« - Die Liebe ist weder egoistisch noch Besitz ergreifend und denkt nicht nur und nicht zuerst an sich selber und die eigenen Bedürfnisse. Wer liebt, nimmt den anderen ganz ernst und hat dessen Wohl vor dem eigenen Wohl im Blick.

»Die Liebe lässt sich nicht erbittern und trägt keinem etwas nach.« - Die Liebe ist frei von einer Vorwurfshaltung. Die Liebe führt keine Liste, keine Rechenschaft über die Fehler und die Schuld eines anderen. Wer liebt, vergibt, nimmt alle Vorwürfe zurück und gibt eine neue Chance.

»Die Liebe freut sich nicht über das Unrecht, sondern sie freut sich an der Wahrheit.« - Sie lässt sich nicht auf Ungerechtigkeiten und Lügen ein. Die Liebe sucht die Gerechtigkeit und die Wahrheit, in den persönlichen Beziehungen wie auch im gesellschaftlichen Handeln und im Weltgeschehen.

Und schließlich: »Die Liebe erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles; allem hält sie stand.« - Die Liebe hat die Demut und die Kraft, um in allem durchzuhalten, bestehen zu blei­ben und segensreich zu wirken.

»Die Liebe hört niemals auf.«

Das also ist die Liebe, die wahre Liebe, wie sie der Apostel Paulus beschreibt und uns ans Herz legt. Und diese Liebe soll nicht nur aus schönen Worten bestehen, sondern sie soll ganz konkret und praktisch werden im Alltag, immer wieder neu.

Allerdings könnte ich mir vorstellen, dass uns nur schon beim Zuhören jetzt der Gedanke gekommen ist: »Eine solche Liebe ist ja etwas ungemein Anspruchsvolles, eine ganz gewaltige Herausforderung, wenn nicht gar eine Überforderung. Kann ich das überhaupt: so lieben? mit einer so vollkommenen Liebe?« - Die Antwort ist einfach und klar: Nein, das kann ich nicht. Wir Menschen können wohl kaum aus unserer eigenen Kraft heraus eine solche vollkommene Liebe aufbringen. Und darum können wir auch umgekehrt nicht erwarten oder gar fordern, dass andere Menschen uns mit einer solchen vollkommenen Liebe begegnen. Und doch sollten wir unsere Möglichkeiten, unsere Fähigkeit zu Liebe nicht unterschätzen. Ich möchte versuchen, durch meine Bemühungen die Liebe in den Mittelpunkt meines Denkens und Handelns zu stellen. Ich fordere mir nicht ab, gleich globale Wirkungen zu erzielen, in einer Welt, die aus dem Gleichgewicht geraten ist, in welcher ich so viel Gleichgültigkeit, Ag­gression und Hass erlebe. In welcher eine Zukunft für meine Enkel aus meiner Wahrnehmung immer dunkler, bedrohlicher wird. Nein, für mich beginnt die Wirkung der Liebe im Kleinen, im Gegenüber, im Du und im Wir. Sie beginnt in der Wahrnehmung von mir selbst, wie ich erlebe und fühle: wie sehe ich den anderen? Spüre ich seine Liebe, spüre ich auch seine Zweifel, seine Ängste? Denn die Liebe arbeitet an der Selbstwahrnehmung, am Selbstverständnis und an der Selbstdarstellung. Die Liebe ist auf diesem Hintergrund das Organ, mit dem Menschen erkennen, dass sie »Ich« nur sagen können, wenn sie auch »Du« und »Wir« sagen, denken und fühlen. Das macht deutlich, dass Liebe nicht einfach eine Emotion ist, sondern die Basis für Respekt und Achtung im Bemühen um Verstehen. Ja Liebe ist die stärkste Kraft, weil sie Türen und Herzen öffnet, die sonst verschlossen bleiben. Sie ist die einzige Waffe gegen das Negative, weil sie das Böse entwaffnet, entkräftet. Es sei hier nur kurz an die Lehre von Jesus erinnert, im Konflikt, im Streit die andere Backe hin zu halten. Solch eine sicherlich schwierige Reaktion auf ein mir entgegengebrachtes aggressives Verhalten kann diesem seine Kraft neh­men.

Wenn wir Menschen immer mehr diese Kraft der Liebe erkennen und, so weit wie es in unseren Möglichkeiten liegt, leben, beginnen wir einen Teppich zu legen, ein Netz aus Liebe zu spannen, welches über mein eigenes kleines Umfeld hinaus geht. Denn Liebe kann, wie Freude, ansteckend sein.

Und ein Letztes: Woher nehme ich die Kraft im Bemühen diese Liebe zu leben? Liebe vermag meine Augen zu öffnen. Sie sieht im Nächsten das Geschöpf Gottes, welches, wie ich, durch den liebevollen Schöpfungswillen Gottes ins Leben gerufen worden ist. In Erkenntnis und Anerkennung dieser ursprünglichen göttlichen Liebe liegt die Kraft, die mich befähigen kann, zu einer echten wahren Liebe zu gelangen. Dieser Blickwechsel macht deutlich, dass es nicht um die moralische Forderung nach der vollkommenen Liebe geht, sondern dass wir geben können, was wir uns vorher haben geben lassen.

Wolfgang Blaich, Morgenfeier vom 28. Oktober 2018, gekürzt

BIBELWORTE - KURZ BETRACHTET

Die Zeichen der Zeit

(Lukas 12,54-57)

Im 12. Kapitel des Lukas-Evangeliums gibt es am Ende einen kleinen Abschnitt, der in der aktuellen Luther-Bibel mit "Die Zeichen der Zeit" überschrieben ist. Darin konfrontiert Jesus seine Zuhörer mit dem Vorwurf, sie könnten zwar "das Aussehen des Himmels und der Erde", aber nicht "diese Zeit" beurteilen. Damit meint er offenkundig die Unfähigkeit seiner Zuhörer, die Anzeichen für das Anbrechen des von ihm verheißenen Reiches Gottes zu erkennen, von dem in den vorangehenden Versen wiederholt die Rede ist. Ebenso, wie sie es gewohnt seien, aus heraufziehenden Wolken aus Westen auf Regen oder aus warmem Südwind auf Hitze zu schließen, so sollten sie eigentlich in der Lage sein, in seinen Worten und Werken Zeichen für das Kommen des Reiches Gottes zu erkennen. Im Unterschied zu seiner harschen Reaktion auf die "Zeichenforderung" der Pharisäer (Mk 8,10-13; Mt 16,1-4), denen kein "Zeichen" mehr in Aussicht gestellt wird, fügt Jesus hier an die Adresse des Volkes die mahnenden Worte an: "Warum urteilt ihr aber nicht auch von euch aus darüber, was recht ist?"

Das ist ein geradezu zeitloser und aufklärerischer Satz. Ich fühle mich in gewisser Weise an Kants Definition aus dem Jahr 1784 erinnert, wonach Aufklärung der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit sei, weshalb er den Mut haben solle, sich sei­nes eigenen Verstandes zu bedienen. Angesichts heute weit verbreiteter populistischer Halb­wahrheiten und medialer Reizüberflutung ist es aber gar nicht so einfach, von sich aus zu einem richtigen Urteil zu gelangen. Wir haben mittlerweile zwar einen vergleichsweise einfa­chen Zugang zu allen möglichen Informationen und Meinungen dieser Welt, aber die damit einhergehende Vielfalt und Komplexität kann die Sicht auf die wirklich wichtigen Dinge des Lebens eher verbauen als erleichtern. Dabei wäre es schon hilfreich, Meinungen von Tatsa­chen unterscheiden zu lernen, den Wahrheitsgehalt von Informationen zu prüfen, unterschied­liche Positionen anzuhören und sich nicht von den (Vor-)Urteilen anderer leiten zu lassen. Dennoch ist die Kernfrage Jesu nach wie vor aktuell: Was sind denn für uns die "Zeichen der Zeit", die wir erkennen könnten? Und was ist dann "recht"? Schon das Beispiel, das Jesus für das Erkenntnisvermögen seiner Zuhörer wählt, nämlich die Veränderungen der Natur, ist auch für uns "Zeichen" genug: Denn auch wir können eigentlich die Auswirkungen des Klimawan­dels erkennen und haben dennoch Schwierigkeiten, die notwendigen Konsequenzen daraus zu ziehen und im Interesse einer lebenswerten Zukunft auch Einschränkungen an liebgewor­denen Gewohnheiten in Kauf zu nehmen, also zu tun, was "recht" ist.

Jörg Klingbeil

Unser Universum - wie für uns gemacht?

Ob unsere Existenz zufällig ist oder es notwendigerweise dazu kommen musste, also die Entwicklung des Universums hin zu uns Menschen zielgerichtet (fachlich: teleologisch) ist, ist eine Urfrage der Philosophie, auf die es bis heute keine definitive Antwort gibt. Seit den 1960er Jahren gibt es mit dem schwachen anthropischen Prinzip jedoch ein Erklärungsprinzip für unsere Welt, das viele Wissenschaftler überzeugt hat und Grund genug ist, sich unsere Welt unter dem Aspekt »Zufall oder Notwendigkeit?« einmal genau anzuschauen.

Ausgangspunkt unserer Überlegungen sind folgende Feststellungen:

1. Wir Menschen sind biologisch hochkomplizierte Geschöpfe, die ein Universum mit ganz bestimmten Eigenschaften benötigen.

2. Die Welt, in der wir leben, hat genau die Eigenschaften, die unsere Existenz ermöglichen.

3. Es könnte Welten mit sehr viel anderen Eigenschaften geben, in denen wir nicht leben könnten.

Es gibt in unserem Universum vier Grundkräfte, die im Prinzip auch ganz andere Stärken haben könnten als die bei uns vorhandenen. Die interessante Frage ist: Wie sähe eine Welt aus, in der es ebenfalls diese vier Grundkräfte gäbe, deren Kraftkonstanten aber von den unseren abweichen würden? Das haben sich die Wissenschaftler bereits überlegt und kamen zu folgenden Ergebnissen: Eine nur 1-%ige Abweichung der elektrischen Feinstrukturkonstan­te vom gegenwärtigen Wert würde die Erzeugung von Kohlen- und Sauerstoff im Kernschmel­zungsprozess der Sonne auf ein Tausendstel reduzieren und damit unsere Sonne zu einem kühlen roten Stern werden lassen. Ähnlich würden bei anderen Grundkräften geringe Ände­rungen ihrer Stärke jegliche Basis für ein Leben im Universum unmöglich machen.

Man fasst sich an den Kopf und denkt: Das kann doch kein Zufall sein! Wenn es 6.600 Milli­onen Universen gäbe, dann wären in nur einem einzigen Universum die Kräfte genau so aufeinander abgestimmt, dass es unser Leben geben könnte. Und genau dieses eine, unwahr­scheinliche Universum ist genau das unsere?! Demgegenüber verblasst ein Sechser im Lotto, bei dem man schon nach durchschnittlich 14 Millionen Einsätzen gewinnt.

Da soll noch einer kommen und uns sagen, unsere Existenz sei reiner Zufall! Es muss viel­mehr andersherum gewesen sein. Alle Naturkonstanten in unserer Welt sind fein aufeinander abgestimmt, und sie ist so geschaffen worden, damit biologisches Leben, und somit wir als Krone der Schöpfung, entstehen konnten. Man nennt diese Lehre Teleologie. Eine zielgerich­tete Evolution verlangt natürlich nach einem Schöpfer, der dieses Ziel im Auge hatte. Wen wundert es, dass die christlichen Religionen, die einen zielgerichteten göttlichen Schöp­fungs­akt lehren, vehement diese Teleologie vertreten.

Ulrich Walter, Professor für Raumfahrttechnik an der TU München, in seinem Buch »Im Schwarzen Loch ist der Teufel los - ein Astronaut erklärt das Weltall«, 3. Auflage 2016, Verlag Komplett-Media München-Grünwald, Seite 66ff

Grußwort zur Tagung am 6. November in Haifa

Bei der Tagung »150 Jahre Templersiedlungen in Palästina« habe ich das folgende Grußwort (in englischer Sprache) an die Teilnehmer gerichtet. Für die Übersetzung ins Englische gilt Peter Hornung mein herzlicher Dank.

 

» ... Ich überbringe Ihnen die herzlichen Grüße aller Mitglieder der Tempelgesellschaft in Deutschland, deren Gebietsleiter ich derzeit bin. Mein Name ist Jörg Klingbeil. Es ist für mich eine große Freude und Ehre, heute hier zu sein. Ich bin nicht allein gekommen, einige Freunde aus Deutschland haben mich begleitet, unter Ihnen der frühere Tempelvorsteher Peter Lange. Überbringen darf ich Ihnen auch die besten Grüße des derzeitigen Tempelvorstehers Mark Herrmann aus Australien; er bedauert es, heute nicht hier sein zu können. Aber auch unsere australische Schwestergemeinde ist vertreten, und zwar durch Doris Frank, die Leiterin des Archivs der Temple Society Australia. Sie wird Ihnen später über ihre Zusammenarbeit mit israelischen Historikern bei der Erforschung der spannenden Geschichte von Templerfamilien berichten. Grußwort zur Tagung am 6. November in HaifaAuch ich arbeite seit dem letzten Jahr im Archiv der Tempelgesellschaft in Stuttgart und ich freue mich, heute zahlreiche Historiker aus Israel und Deutschland wiederzusehen, die sich mit der Geschichte der Tempelgesellschaft befasst und da­bei auch unser Archiv genutzt haben.

Ich werte die heutige Tagung als Zeichen der Anerkennung für die Pionierleistungen der Templer im Heiligen Land, die teilweise auch den Boden für die Entwicklung des Staates Israel bereitet haben, an dessen Gründung vor 70 Jahren in diesem Jahr erinnert wird. Israel ist ein vergleichsweise junger Staat; umso erfreulicher ist für uns die Erinnerung an das, was vorher war, nicht zuletzt dank der Tätigkeit des israelischen Denkmalschutzes, der viele Bauten der Templer vor dem Verfall gerettet und somit dem Vergessen entrissen hat. Hierfür kann den Verantwortlichen nicht genug gedankt werden. Denn es ist schön, dass nicht nur die beiden Friedhöfe der Templer als stumme Zeitzeugen in Israel erhalten geblieben sind, sondern dass heute junges Leben und emsige Geschäftigkeit in alte Templerbauten einge­zo­gen ist, wie man insbesondere hier und in Sarona sehen kann.

Diese vielfältige Erinnerungsarbeit an den Bauwerken, aber auch die Erinnerung an die An­kunft der Templer hier in Haifa vor 150 Jahren, wie sie durch diese Tagung hervorgehoben wird, ist keine Selbstverständlichkeit, denn gerade in dieser Woche jährt sich ein anderes dunkles Kapitel der deutsch-jüdischen Vergangenheit, die Reichsprogromnacht vor 80 Jahren, als in Deutschland die Synagogen brannten. Und Antisemitismus ist nicht nur ein dunkles Kapitel in unseren Geschichtsbüchern, sondern leider auch ein aktuelles Phänomen in Deutschland, dem entschlossen begegnet werden muss.

Ich bin dankbar, dass die Arbeit an dem historischen Erbe der Templer, die in Haifa an dieser Universität mit dem unvergessenen Prof. Alex Carmel begann, hier und in Deutschland weiterbetrieben wird und immer wieder von jüngeren Wissenschaftlern neu belebt wird. Der Blick auf die Vorgeschichte des Staates Israel wird aus deutscher Perspektive wegen der Verbrechen des Naziregimes niemals unbefangen sein können, aber die Geschichte der Templer in Palästina macht uns bewusst, dass es auch erfreulichere Abschnitte in unserer gemeinsamen Vergangenheit gab. Insofern bin ich für diese Tagung besonders dankbar. Von Martin Buber stammt der Satz »Alles wirkliche Leben ist Begegnung!« In diesem Sinne wünsche ich dieser Konferenz viele freundschaftliche und interessante Begegnungen, die unser wirkliches Leben bereichern.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.«

Jörg Klingbeil

150 Jahre Templersiedlungen in Palästina

Konferenz und Besichtigungstour

Am frühen Morgen des ersten Novembersonntags starteten zehn Geschichtsinteressierte zu einer Reise nach Israel. Hauptreiseziel war die Teilnahme an einer von israelischen Historikern an der Universität Haifa am 6.11. veranstalteten eintägigen Konferenz zum Thema »150 Jahre Templersiedlungen in Palästina« sowie an einer sich am Folgetag anschließenden Besichti­gungstour nach Sarona und in die ehemalige deutsche Kolonie Jaffa, organisiert vom »Council of Heritage Preservation in Israel«.

Nach unserer Ankunft auf dem Flughafen in Tel Aviv am Sonntagnachmittag gab es zu­nächst einige Schwierigkeiten, einen voll verkehrstüchtigen Kleinbus von der Leihwagenfirma zu erhalten. Erst der dritte uns angebotene Bus war hinreichend sicher, so dass wir erst mit mehreren Stunden Verzögerung weiterreisen konnten. Jörg Struve brachte uns dann sicher zu unserer Unterkunft in Haifa, dem Saint Charles Guest House der Rosary Sisters (heute von Karmeliterschwestern betrieben).

Am Montag besuchten wir nach einem Spaziergang durch die ehemalige Koloniestraße den Templerfriedhof in Haifa und trafen uns dort mit der Witwe und dem Sohn unseres langjährigen Friedhofsgärtners Adnan. 150 Jahre Templersiedlungen in PalästinaAdnan war wenige Wo­chen zuvor nach kurzer schwerer Krankheit im Alter von nur 53 Jahren verstorben. Mit viel Liebe und Hingabe hatte er über viele Jahre hinweg unseren Friedhof wie seinen eigenen Garten gepflegt. Als im vergangenen Jahr einzelne Grabmale beschädigt und geschändet worden waren, war er es, der mit großer Mühe und Engagement die Schäden so gut es ging wieder beseitigte. Nun war dieser Freund tot, der uns vor einem Jahr noch zu sich nach Hau­se eingeladen und aufs Festlichste bewirtet hatte. Mit Adnan haben wir nicht nur einen herzensguten Menschen, sondern auch einen zuverlässigen Be­treuer unseres Friedhofs verloren. Wir sind deshalb froh, dass sich sein Sohn Rabia bereit erklärt hat, den Friedhof weiterhin zu pflegen. Rabia beendet derzeit seine Ausbildung als Polizist und hofft, in der Region um Haifa eingesetzt zu werden. Man merkt, dass auch die weitere Familie gut zusammenhält. Entsprechend einem letzten Wunsch von Adnan lud sein Schwager Toni uns alle zu einem festlichen Abendessen in seine Wohnung ein. Diese Einla­dung erfolgte zu Ehren und im Namen des verstorbenen Adnan. Sie zeigte aber auch, dass unser langjähriges »Friedhofsteam« Karin Klingbeil, Dieter und Gridle Lange und Jörg Struve große Wertschätzung in dieser Familie genießen.

Der Dienstag war der der wichtigste Tag unserer Reise. Wir besuchten die Konferenz »150 Jahre Templersiedlungen in Palästina« an der Universität in Haifa. Die Veranstaltung war mit knapp 200 überwiegend israelischen Teilnehmern sehr gut besucht. Sie wurde vom Dekan der geisteswissenschaftlichen Fakultät eröffnet. Jörg Klingbeil sprach als Gebietsleiter der Tempel­gesellschaft Deutschland ein Grußwort. Organisiert wurde die Konferenz von den Historikern Yossi Ben Artzi, Haim Goren und Eyal Jakob Eisler. 150 Jahre Templersiedlungen in PalästinaSie alle befassen sich schon seit vielen Jahren mit den Templern und ihren Siedlungen in Palästina. Yossi Ben Artzi legte dar, welche Veränderungen es in Bezug auf die Erforschung der Templer und ihres Erbes in Israel in den letzten Jahrzehnten gegeben hat. Haim Goren befasste sich mit den ersten Temp­lersiedlern in der Jesreel-Ebene. Jakob Eisler zeigte beispielhaft am Fall der Familie Wieland in Jerusa­lem und der Fabrik in Jaffa auf, welche Quellen für das Studium der Tempelgesellschaft es in deut­schen Archiven gibt. Sehr interessant war auch der Vortrag von Professor Benjamin Z. Kedar, der sich schon seit langem mit Luftbildern als Quelle für die historische Forschung befasst. Er zeigte anhand von Luftbildern unter anderem der Templersiedlungen von Haifa, Jerusalem und Saro­na, welche gewaltigen Veränderungen sich in diesen Gebieten in den vergangenen 100 Jah­ren ergeben haben. 150 Jahre Templersiedlungen in PalästinaDer Restaurator Shay Farkash gab uns in seinem Vortrag Einblicke in die Schwie­rigkeiten, die bewältigt werden müssen, um Wand­malereien der Nachwelt zu erhalten. Er illustrierte dies an Beispielen aus den Templerkolonien. Einen besonderen Höhepunkt stellte der Vortrag von Ta­mar Tuchler dar; die engagierte Denkmalschützerin aus Tel Aviv berichtete vom Kampf ihrer Behörde um die Erhaltung Saronas. Weitere israelische Vor­tragende waren: Amir Freundlich, Ido Garfinkel, Gil Gordon und Yossi Katz. Gil Gordon ließ den Auf­stieg und Fall der Firma der Gebrüder Wagner als industrielle Pioniere im Heiligen Land Revue passie­ren und Yossi Katz zeigte, dass die Templersiedlungen bis heute in Israel nachwirken. Etwas aus der Reihe fiel der Vortrag des deutschen Journalisten Ralf Balke, der in seinem Vortrag »Die Selbstnazifizierung der deutschen Kolonien in Palästina« ein undifferenziertes Bild einer weitgehenden Gleichschaltung und NS-Anhängerschaft aller Palästinadeutschen zeichnete.

Im Anschluss an die Vorträge wurde in den Bibliotheksräumen eine Ausstellung mit Bildern und alten Gegenständen aus der Siedlerzeit der Templer in Palästina eröffnet. Doris Frank, die das Archiv der Temple Society Australia betreut, sprach hier ein Grußwort für die australischen Templer und beschrieb die guten Kontakte zu den israelischen Erforschern der Templerge­schichte.

Am Mittwoch fuhren wir morgens mit dem Zug nach Tel Aviv zur Besichtigungstour von Sarona und Jaffa. Wir waren alle aufgeregt, denn normalerweise ist der immer noch militärisch genutzte nördliche Teil von Sarona für Außenstehende nicht zugänglich. Erst nach einer aufwändigen, von jungen Soldatinnen und Soldaten durchgeführten Kontrollprozedur durften wir diesen immer noch hinter Stacheldraht liegenden Teil Saronas betreten. 150 Jahre Templersiedlungen in PalästinaFachkundig be­gleitet wurden wir dabei von Jakob Eisler und der Denkmalschützerin Tamar Tuchler. Daneben beglei­tete uns ein israelisches Fernsehteam. Hier standen noch etliche der alten Sarona-Häuser entlang der ehemaligen Christophstraße bis zum Haus von Wil­helm Aberle. Das Militär hat in den letzten Jahren die Häuser im Rahmen eines Gemeinschaftspro­jektes renovieren lassen. Besonders schön reno­viert ist das ehemalige Haus von Wil­helm Aberle. Hier wohnte auch etliche Jahre die Familie von Hans Lange mit ihren Kindern, von denen Peter, Dieter und Gridle bei unserer Besichtigungstour dabei waren. Man sah es insbesondere Peter an, mit welcher Freude und Wehmut er das Haus besichtigte, in dem er wichtige Jugendjahre verbracht hatte und das er 1942 verlassen musste. Wir durften jeden Winkel dieses Hauses besichtigen, das einige Jahre nach dem Auszug der Familie Lange Regierungssitz des jungen Staates Israel wurde. Insbesondere Peter Lange wurde immer wieder von dem uns begleitenden Fernsehteam nach seinen Erinnerungen und Eindrücken befragt. Wie wir später erfahren haben, wurde im israelischen Fernsehen im Abendprogramm ausführlich über unse­ren Besuch in Sarona berichtet.

Nach diesem interessanten Vormittag besuchten wir anschließend in dem schon seit länge­rem renovierten und zugänglichen südlichen Teil Saronas das Museum im ehemaligen Haus Baldenhofer und die Ölmühle von Christian Pflugfelder. Danach fuhren wir mit dem Bus Richtung Jaffa und besuchten zunächst das ehemalige Café Lorenz. Es wurde in den vergan­genen Jahren sehr schön renoviert. 150 Jahre Templersiedlungen in PalästinaViele der beein­druckenden Platten und Betonfertigteile aus der sei­nerzeit nahe gelegenen Produktionsstätte der Ge­brüder Wieland konnten in ihrer ursprünglichen Schönheit erhalten werden. Heute befindet sich in dem Gebäude das Schechter Institute of Jewish Studies Tel Aviv.

Ein weiterer Höhepunkt war auch der Besuch des in der ehemaligen Kolonie Jaffa gelegenen und von der Familie Hardegg geführten Hotels Jerusalem. Das Hotel wurde in mehrjähriger aufwändiger Arbeit renoviert und technisch auf den neuesten Stand gebracht. Insbesondere die in den Kellerräumen be­findlichen alten Wandmalereien erstrahlen durch den Einsatz des Restaurators Shay Farkash wieder in ihrer alten Schönheit. Das Haus ist heute als »The Drisco Hotel« ein Geheimtipp. Interessant ist auch, dass das große Jerusalem-Bild von Gustav Bauernfeind wieder in der Empfangshalle des Hotels hängt, leider nur als Kopie des Originals. Das Original befindet sich heute in einem der Schlösser des jordanischen Königshauses.

GamlaNach diesem ereignisreichen Besichtigungstag fuhren wir am Abend zurück nach Haifa. Am Don­nerstag besuchten wir dann zunächst gemeinsam mit Adnans Familie dessen Grab auf dem christli­chen Friedhof in Haifa und wurden dann von Jörg Struve sicher an den See Genezareth in die pal­menbestandene Jugendherberge Karei Deshe chauffiert.

Am Freitag und Samstag besuchten wir dann das Naturreservat Gamla auf den Golanhöhen, das Ha­mat Tiberias mit seinen heißen Schwefelquellen, so­wie die Taufstelle des Johannes am Jordan. Der kulinarische Höhepunkt der zu Ende gehenden er­sten Woche war ein gemeinsames Abendessen mit Haim Goren in dessen Lieblingslokal in Rosh Pina nördlich des Sees Genezareth.

Oskar Grözinger

Auf den Spuren meiner Kindheit

Für mich als einen vor dem Zweiten Weltkrieg in Palästina Geborenen gab es vor Kurzem die bisher nicht vorstellbare Gelegenheit, nach 80 Jahren erstmals wieder das Haus zu betreten, das ich in meiner Kindheit mit meiner Mutter und meinen drei Geschwistern drei Jahre lang bewohnt hatte. Es war dies das Haus von Wilhelm und Theodora Aberle am nördlichen Ende der 1871 gegründeten Tempelsiedlung Sarona.

Der Zweite Weltkrieg hatte für unsere deutsche Siedlung die Umwandlung in ein Internie­rungslager der britischen Mandatsherrschaft bedeutet. Ein Stacheldrahtzaun wurde um die Kolonie gezogen, die vereinzelt in Häusern außerhalb der Zone lebenden Bewohner mussten ihr Heim verlassen und sich eine Unterkunft im Internierungsbereich suchen. Auf den Spuren meiner KindheitDies betraf auch die Langes, deren Familienvater zu jener Zeit in Deutschland im Dienst der Wehrmacht stand. Die durch den Kriegsbeginn an einer Rückkehr aus Deutschland nach Sarona gehinderten Eltern Aberle boten uns an, in ihre schöne Villa umzuziehen. Von den Aberle-Kindern lebte nur die Tochter Hedwig (»Mutz«) im Haus.

Das war 1939, und ich war sechs Jahre alt. Für drei Jahre wurden das mit zwei Obergeschossen ver­sehene Haus und der dahinter liegende Garten für mich zum Paradies, schöner konnte es nirgend­wo sein. Zwar umschloss der Stacheldrahtzaun auch dieses Grundstück - ich beobachtete oft mit Interesse die jenseits des Zauns auf der Nablusstraße entlang ziehenden Araber mit ihren Eselsladungen - , aber von Krieg hatte ich nichts bemerkt, mit Ausnahme vielleicht des Um­standes, dass die nicht weit von uns entfernte Neue Schule Saronas nach meinem ersten Schuljahr von der britischen Lagerverwaltung für ihre Büros und der Schulhof für das Exerzieren des Militärs belegt worden waren und ich nun die ganze Koloniestraße hinauf zum Unterricht in den alten »Säulessaal« gehen musste.

1942 kam für uns dann die Übersiedlung nach Stuttgart durch einen Austauschtransport. Eine Rückkehr ins Haus Aberle schien von da an, und besonders seit Gründung des neuen Staates Israel, als unvorstellbar. Und doch hat es das Schicksal so gewollt, dass mir im Herbst 2018 die Gelegenheit geboten wurde, nach 80 Jahren - also einem Menschenleben - dieses Haus wieder zu betreten. Ich war an diesem 7. November aufgeregt wie noch nie, schon tagelang hatte ich mir vorzustellen versucht, wie dieses Wiedersehen wohl von statten gehen würde. Auf den Spuren meiner KindheitKonnte ich mir überhaupt noch Vorstellun­gen von der Zeit von vor 80 Jahre machen? Ja, ich konnte es, dank des Vermögens des menschlichen Geistes, Bilder über eine solch lange Zeit hinweg festzuhalten, so fest, dass ich jetzt noch jede Ein­zelheit darin beschreiben konnte.

Diese Erinnerungsfähigkeit faszinierte begreifli­cherweise nun alle die Personen, die mich durch das Haus führten und alles Mögliche abfragten, natürlich auch Dinge, die ein Kind mit sechs Jahren nicht bewusst wahrnimmt, wie z.B. die Zimmerde­cke damals ausgesehen habe und ob die Türgriffe immer noch dieselben seien. Das Haus war in der israelischen Zeit der erste Amtssitz David Ben Gurions und seiner Nachfolger gewesen. Ich sah den Sitzungssaal, der aus zwei nebeneinander liegenden Schlafzimmern entstanden war, ich wurde nach dem früheren Wohnzimmer gefragt, und es stellte sich heraus, dass hier der jeweilige Ministerpräsident sein Büro hatte.

Ich stellte fest, dass außer den räumlichen Veränderungen alles noch so wie in meiner Erin­nerung war. Auch mein Schlafzimmer konnte ich dem Reporter zeigen, sowie das Zimmer von Tante Mutz. Auch dass die Veranda zum Wäschetrocknen genutzt wurde. Unmöglich war es mir, nachträglich die Größe des Gartens anzugeben, nur dass dort Blumen wuchsen, es Weinreben gab, Mandarinen-, Grapefruit- und Orangenbäume sowie Mispeln und Feigen. Ein angestellter arabischer Gärtner hatte auch in der Kriegszeit noch alles in guter Ordnung gehalten. Wir Kinder hatten viel Platz zum Spielen und konnten auf den Pinienbäumen Klet­terübungen vollführen. Oft waren wir natürlich auch bei den Kindern auf der anderen Straßen­seite gewesen. Aber statt Garten sah ich jetzt nur langgestreckte Rasenflächen und Hoch­häuser.

Ich kann diesen kurzen Bericht des unvergesslichen Wiedersehens mit den Plätzen meiner Kindheit nicht abschließen, ohne denjenigen zu danken, die diesen Besuch ermöglicht haben, insbesondere Prof. Dr. Yossi Ben-Artzi, aber auch den anderen begleitenden Historikern Prof. Haim Goren, Dr. Jakob Eisler, der Denkmalschutzbeauftragten Tamar Tuchler und ihrer Kol­legin sowie dem Restaurator Shay Farkash. Sie alle haben die Vergangenheit in ihrer Vielfalt und Ausdrucksstärke zu neuem Leben erweckt. Sie haben mir etwas einmalig Schönes auf den Heimweg mitgegeben. Thank you most sincerely!

Peter Lange

Weitere Eindrücke der Israelreise

Die nach der ersten Woche auf acht Teilnehmer geschrumpfte Gruppe machte auf dem Weg vom See Genezareth (über den Flughafen bei Tel Aviv) ans Tote Meer einen kurzen Abstecher nach Bnei Atarot, dem ehemaligen Wilhelma. Am nächsten Tag fuhren wir von der Jugend­herberge Ein Gedi nach Masada und erklommen den eindrucksvollen Berg über die abwechs­lungsreiche, aber auch anstrengendere Südseite. En GediDas obligatorische Bad im Toten Meer bei Ein Bo­kek beendeten wir erst mit Beginn der Dämmerung - um 17 Uhr wird es im November fast schlagartig dunkel. Am nächsten Tag hieß es schon wieder zu­sammenpacken, aber eine Tour durch das Natur­reservat Ein Gedi bis hoch zur Quelle musste noch sein; das Trinkwasser von dort ist im ganzen Land in Flaschen abgefüllt zu kaufen. Nachmittags ging es dann weiter in Richtung Jerusalem, wobei wir unterwegs noch einen Blick auf die islamische Wallfahrtsstätte Nabi Musa - das Grab des Mose - und auf das St. Georgskloster im Wadi Kelt werfen konnten. Wie immer wurden wir überaus herzlich im Borromäer-Hospiz empfangen. Hier trafen wir wieder mit Doris und Erich Frank zusammen, mit denen wir etliche Sehenswürdigkeiten der Stadt besichtigten. Wichtig waren Treffen mit dem Friedhofsgärtner und Freunden, die uns bei den Problemen rund um den Friedhof behilflich sind. Durch einen geplatzten Reifen auf dem Weg zum Flughafen drohte unser Flieger ohne uns abzuheben, aber schließlich ging auch das gut und so blicken wir dankbar auf eine erlebnisreiche Gemeinschaftseise zurück.

Karin Klingbeil

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