Die Warte des Tempels

Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 171/9 - September 2015

 

 

Naturwissenschaft und Glaube - Karin Klingbeil

Morgenlicht leuchtet - Peter Lange

» …und die Wahrheit wird euch frei machen« - Brigitte Hoffmann

Unsere Erde ein Experiment Gottes? - Peter Lange

Ehrfurcht vor dem Leben - Peter Lange

Christen in Israel: Kleine, aber starke Minderheit - Dr. Hanna Khoury

Naturwissenschaft und Glaube

Können die Naturwissenschaften die Wirklichkeit erklären?

Das Mittelalter hatte ein geschlossenes Weltbild - z.B. die Vorstellung, dass die Erde der Mittelpunkt des Kosmos sei, in ihm waren Himmel und Erde fundamental unterschiedliche Sphären mit unterschiedlichen Gesetzen - und die Schöpfung war da, um dem Menschen zu dienen; siehe noch die Liedtexte von Paul Gerhardt.

Doch die naturwissenschaftliche Forschung hat seither die Welt mit immer genaueren Me­thoden erkundet, permanent gibt es neue Erkenntnisse. Verbunden mit den Errungenschaften der Technik hat dieser Fortschritt unser alltägliches Leben nachhaltig verändert, mit sowohl positiven als auch negativen Auswirkungen.

Zu dem, was sich maßgeblich verändert hat, gehört auch unser Weltbild und unsere reli­giöse Auffassung. Und weil die Naturwissenschaften fortwährend Instrumente und Methoden entwickeln, die die Forschung noch präziser, noch detaillierter und die Ergebnisse immer genauer werden lassen, wird der Eindruck vermittelt, dass die gesamte Wirklichkeit auf diese wissenschaftliche Weise mit objektivierenden Methoden zu erkennen sei. Was also nicht mit wissenschaftlichen Methoden nachweisbar sei, könne nicht den Anspruch erheben, Teil der Wirklichkeit zu sein - sondern sei allenfalls subjektive Deutung oder persönliche Überzeugung. Auf diese Weise werden alle Bereiche ausgegrenzt, die nicht in irgendeiner Form messbar sind oder deren Phänomene nicht zuverlässig wiederholbar sind wie z.B. physikalische Versuche. Für Naturwissenschaftler allgemein muss Präzision wichtig sein, sie entwickelten die Methoden, um der menschlichen Subjektivität zu entgehen. Aber ist wirklich alles, was uns umgibt und betrifft, mess- oder wägbar? Ich denke, dass gerade das, was wir subjektiv empfinden, wie die Liebe zu unserer Familie, die Beziehung zu anderen Menschen, das Glück, das wir in verschiedenen Situationen empfinden, alle unsere Erinnerungen, auch unser Glaube, uns im Leben wirklich wichtig ist. All das ist in keiner Weise mit wissenschaftlichen Methoden abbildbar, gehört aber dennoch fundamental zu unserer Wirklichkeit. Zwar kann auch die relativ junge Hirnforschung schon frappierende Ergebnisse vorweisen. Aber es ist eben doch ein Unterschied, das Gehirn zu erforschen und festzustellen, in welchem Areal bei welcher Tätigkeit Aktivität feststellbar ist bzw. welche Reaktionen durch Reize ausgelöst werden - oder aber die Intensität eines bestimmten Gefühls darzustellen. Es lassen sich gerade in der Hirnforschung überraschende Schlüsse ziehen - z. B., wenn man feststellt, dass das Gehirn bei einem intensiven Gebet in der Region aktiv ist, wo die Bereiche für "Soziales" angesiedelt sind -, aber vor allem das gesamte menschliche Bewusstsein entzieht sich jeglicher naturwissenschaftlichen Forschung - und das gibt die Naturwissenschaft auch zu.

Genau hier aber spielt sich auch unser Glaube ab. Religiöse Erfahrungen - Visionen, Auditionen, plötzliche Eingebungen und Überzeugungen - lassen sich "nur" spüren, nicht in irgendeiner Form nachweisen oder auch wiederholen, aber sie können einen enormen Einfluss auf unsere Lebenshaltung und -führung bekommen - weit mehr als manche nachweisbare naturwissenschaftliche Erkenntnis. Glaube bewährt sich in der individuellen Lebenserfahrung des einzelnen Menschen, und zwar besonders dann, wenn er eine Lebensbereicherung darstellt, zu neuen Lebensmöglichkeiten führt oder bei Schicksalsschlägen tröstet. Aus diesem Grund ist Glaube auch eine zutiefst subjektive Angelegenheit.

Wir müssen uns möglicherweise, wenn wir unsere Vernunft nicht ausschalten wollen und der Glaube mit den Erkenntnissen der Naturwissenschaft vereinbar bleiben soll, in unserem Glauben umorientieren. Die Vorstellung, dass die Erde keine Scheibe mit dem Himmel darüber und der Hölle darunter ist, sondern vergleichsweise nur ein Staubkörnchen im Universum, dürfte keine allzu großen Schwierigkeiten bereiten. Aber mit diesem Wandel muss sich auch die Frage nach Gott und seinem Wirken anders stellen: anstelle der von außen wirkenden Kraft (dass er z.B. in unser Leben eingreift) können wir ihn eher als Geist und Kraft in allem - und somit auch in unserem Inneren oder auch in den Beziehungen zwischen Menschen erleben. Ist das Empfinden, dass wir unser Leben als Geschenk erfahren, auch wenn es doch offenbar nur ein kleiner Teil der großen Evolution ist, oder unser religiöses Denken mit seinen Gewissheiten und Erfahrungen eigentlich nur neuronale Aktivität - ohne weiteren Hintergrund? Diese Fragen zeigen auch die grundsätzliche Problematik der Zweiteilung in objektive Forschung und subjektive Betroffenheit auf: die ganze Wirklichkeit umfasst beide Bereiche, objektiv erforschen lassen sich nur einzelne, beobachtbare Zustände, Prozesse und Zusam­menhänge, in die wir nicht selber involviert sind. Je näher uns persönlich etwas betrifft, umso schwieriger ist die wissenschaftliche Abbildung. Es ist ein Unterschied, ob ein Raum abge­bildet ist, oder ob ich mich in diesen Raum hineinbegebe und die Atmosphäre spüre, ob es um die Vermessung der Galaxie geht oder ich von einem atemberaubenden Sternenhimmel ergriffen bin, ob meine neuronale Gehirnaktivität in einer bestimmten Region registriert wird, oder ob ich Liebe beim Anblick eines Menschen empfinde. Wir Menschen mit unserem Denken und Empfinden befinden uns innerhalb dieses ganzen Systems und sind selbst betroffen - diese Tatsache lässt eben keine Schau von außen zu. Daher können wir (und die Naturwissenschaftler) die ganze Wirklichkeit gar nicht objektiv und komplett erfassen - und untersuchen.

Die spannende Frage ist, wie wir die materielle und der immaterielle Welt zusammenbringen können - eine Frage, um die Philosophen, Dichter, Theologen und Wissenschaftler von Anbe­ginn an streiten. Wie kommt der Geist in die Materie? In die Prozesse, die im Gehirn ablaufen? Steuert der Geist das Gehirn oder das Gehirn den Geist?

Bei diesen Fragen beziehen Naturwissenschaftler und spirituell denkende Menschen unter­schiedliche Positionen, die im Folgenden skizziert werden. Für einen Naturwissenschaftler steuert eher das Gehirn den Geist, denn für ihn ist unsere Erde eine zufällige Erscheinung, das Denkvermögen des Menschen ein zufälliges Auftreten von Geist in einem ansonsten geistfreien Umfeld. Aufgrund des "motivierten Denkens", dass nämlich das Gehirn unsere Wahrnehmung in die Richtung verändert und bewertet, die unserer Haltung zum Leben und unseren Wünschen entspricht, sind Glaubensdinge für viele Naturwissenschaftler schwer nachvollziehbar, sondern eher Wunschdenken.

Aber es ist der Geist, der Spiritualität zur Wirklichkeit werden lässt, und deshalb würde ein spirituell Denkender den Sachverhalt anders herum sehen. Dazu gibt es eine Untersuchung buddhistischer Mönche, die nachweislich durch jahrelange Meditation das Funktionieren ihres Gehirns veränderten - was die Wissenschaft keineswegs erwartet hatte.

Lange Zeit waren westliche Ärzte der Ansicht, dass Mystiker/innen, die Gott erfahren hatten, unter Epilepsie gelitten hätten oder Gründe für Visionen in einem gestörten Gehirnstoffwechsel lägen. Heute gibt es Neurowissenschaftler, die meinen, Nahtoderlebnisse würden immer dann auftreten, wenn das Gehirn längere Zeit ohne Sauerstoff ist, insbesondere, bevor ein Hirn­schaden eintritt. Auch konnten Forscher durch Stimulieren einer bestimmten Gehirnregion über Elektroden, die wegen einer Epilepsiebehandlung angebracht worden waren, erreichen, dass eine Frau das Gefühl hatte, zwei Meter über ihrem Bett an der Decke zu schweben und auf sich selbst hinunterzusehen - ein Phänomen, das von Menschen, die eine Zeit lang klinisch tot waren, beschrieben wird.

Aber: alle diese Experimente untersuchen die messbaren Zusammenhänge der physischen Vorgänge im Gehirn. Unzweifelhaft ist der Geist an das Organ Gehirn gebunden - und wenn dieses Organ materiell geschädigt ist, kommt es logischerweise zu geistigen Defekten. Doch das bedeutet nicht, dass das Gehirn den Geist steuert.

Und dass das Gehirn auf Stimulierung entsprechend reagiert, ist unbestritten - die Frage ist nur, wodurch es stimuliert wird und bestimmte Gedanken und Gefühle hervorruft. Niemand kann bislang erklären, warum wir überhaupt Gedanken haben - den Ursprung unserer Gedan­ken werden wir nicht in der molekularen Struktur des Gehirns finden. Für die Erforschung des materiellen Universums ist die Naturwissenschaft sicherlich der bislang beste Weg - doch sie kann nicht erklären, warum es nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten funktioniert, ob es einen Sinn hat oder was Geist und Bewusstsein sind.

Darum wiederum bemüht sich spirituell ausgerichtetes Leben und Denken. Das Bewusstsein berührt Bereiche, die nicht mit Logik zu erfassen sind. Die transzendente Welt ist für spirituell ausgerichtete Menschen erfahrbar; ihre Erkenntnis ist: die Wirklichkeit ist verschleiert, doch wir können vieles davon entdecken. Wir haben in unserem Leben oft die Erfahrung gemacht, dass manches nicht so ­substanziell und real ist, wie es erscheint. In jedem Winter erleben wir, wie die Natur "stirbt". Die tiefere Wirklichkeit aber ist, dass sie sich erneuert - wie alles Leben sich unaufhörlich und auf allen Ebenen erneuert. Das - die Fähigkeit zu beobachten, Erkenntnis zu erlangen, zu interpretieren, Entscheidungen zu treffen - ist nach spiritueller Ansicht auf den Geist zurückzuführen, nicht auf die reine Tätigkeit des Gehirns.

Ohnehin werden im geistigen Raum Geist und Materie eins. Ein banales Beispiel dafür: wenn wir uns an jemanden oder an etwas erinnern wollen, denken wir einfach daran. Egal, wie viele Neuronen oder welche Gehirnareale wir aktivieren müssen: die gespeicherte Information stellt das Bild wieder her. Geist und Materie gehören zusammen. Diese Erfahrung machen übrigens auch Physiker zunehmend: seit der Entdeckung von elektrischen und magnetischen Feldern schleichen sich immer mehr unsichtbare Objekte in die physikalischen Theorien ein. So war z.B. auch das Atom zunächst nur ein gedankliches Modell, das erlaubte, sich die beobachteten Ereignisse besser vorstellen, bedenken, neue Hypothesen aufstellen zu können. Anfangs lagen sie außerhalb unserer Erfahrungswelt und konnten im Labor nicht nachge­wiesen werden. Heute nehmen Physiker für manche Objekte, die man nicht beobachten kann - und nach heutiger Auffassung nie wird beobachten können -, eine reale Existenz an. So sind Quarks für die Physiker völlig real - auch wenn sie noch nie beobachtet worden sind. Dazu noch ein Zitat eines der großen Quantenpioniere, Nils Bohr: »Das, was wir heute für die Wirklichkeit halten, besteht aus Dingen, die man nicht als real betrachten kann.«

Wenn Einstein sagt: »Nur logisches Denken kann uns kein Wissen über die empirische Welt verschaffen; das Wissen über die Wirklichkeit beginnt mit der Erfahrung und endet mit ihr.« - dann ist das auch der Ansatz der Spiritualität. Die religiösen und spirituellen Texte der Weltliteratur stellen Erfahrungen von "Reisen" von der "normalen" zur außergewöhnlichen Wahrnehmung dar - ebensolches kann man von Musik, Malerei und Dichtung sagen - und von vielen unwillkürlichen spirituellen Erfahrungen, die fast jeder Mensch erlebt. Menschen, die den Zugang zu den tieferen Schichten der Wirklichkeit suchen, können über die spirituelle Praxis den Weg zum höheren Bewusstsein aufgezeigt bekommen, der universell gültig - und auch reproduzierbar - ist.

Wenn Erlebnisse und Erfahrungen das Leben eines Menschen völlig verändern können, liegt das daran, dass sie etwas "geschaut" haben, das ihnen für ihr Leben ein Gefühl der Sicherheit und eine Sinnerfüllung vermittelt. Meist können sie die Welt nur noch als einen Aspekt des Göttlichen sehen, für sie ist die Trans­zendenz real geworden.

Auch Jesus und Buddha haben solche Wege aufgezeigt und Lösungen vermittelt, die über das unmittelbare Problem hinausgingen. Die Gleichnisse und Lehren Jesu z.B. können nicht als festgeschriebenes, objektives Gesetz funktionieren, sondern nur, wenn man sich subjektiv davon ansprechen lässt und sich ganz persönlich darauf einlässt.

Karin Klingbeil

 

Dieser Beitrag wurde angeregt durch den Artikel »Die Welt ist keine Kaffeetasse« in »Publik-Forum« Nr. 2/2013 und das Buch von Deepak Chopra und Leonard Mlodinow: »Schöpfung oder Zufall? Wie Spiritualität und Physik die Welt erklären. Ein Streitgespräch«.

Morgenlicht leuchtet

Gedanken zum Ökumenischen Tag der Schöpfung am 4. September

»Morgenlicht leuchtet« - so beginnt ein Lied, das wir in unserer Gemeinde häufig zu einer Morgenandacht anstimmen. Und dieses besondere Morgenlicht bestimmt auch mein Gefühl, wenn ich am frühen Morgen eines Sommertages meinen Rundgang durch den nahen Wald mache. Es herrscht im Gegensatz zu sonstigen Tagen eine wohltuende Ruhe um mich herum. Am Fußweg raschelt eine kleine Spitzmaus auf der Suche nach ihrem Erdloch. Ein leiser Windzug lässt die Zweige der Bäume und Sträucher hin und her schaukeln.

Ich versuche, mich ganz in die Stimmung des neuen Tages hinein zu versenken. Ich stelle fest, dass sich dieser Morgen abhebt von anderen Tagen, und es wird mir auf einmal bewusst, dass es die vielen Vogelstimmen sind, die die Stille füllen, die davon künden, dass sich viel­fältiges Leben in dieser Waldnatur regt. Dieses Öko-System Morgenlicht leuchtetdes Waldes ist ein Reich für sich mit vielen verschiedenen Ebenen und Wohnbereichen. Es ist mir, als wollte ich in diesem Moment mit dem Dichter Friedrich Hebbel sagen: »O stört sie nicht, die Feier der Natur!«

Meine Augen wandern die vielgestaltigen Stämme empor, schwei­fen über die ausladenden Äste und Zweige hinweg und bleiben an den äußersten Organen der Bäume hängen: den Blättern. Ich habe noch nie bewusst darüber nachgedacht, wie viele verschiedene Blatt­formen es da gibt: runde, längliche, herzförmige, gelappte, gezähnte, gesägte, lanzettliche, gefiederte - selbst die als Nadeln bekannten Blattformen unterscheiden sich in Dutzenden von Varianten. Ich hänge der Frage nach, welchen Sinn die Evolution wohl mit diesen vielen Unterschieden verfolgt haben mag. War es ein Spiel der Mög­lichkeiten, eine Experimentier-Freudigkeit?

Es wird mir bewusst, dass auch Menschen und Tiere so verschie­dengestaltig sind und wir uns nur selten fragen, warum. Auch die Bäume sind Wesen und haben ihre Bestimmung, sind kleinwüchsig oder riesig, mit schmalem Laubdach oder breit ausladender Krone, mit rissiger Rinde oder glattem Stamm, mit winzigen Samen-Körnchen oder steinharten Nüssen und Früchten. Und auch mit ihren unterirdischen Organen, den Wurzeln, sind sie so unterschiedlich. Welche Kräfte wirken doch in diesen Leitungsbahnen, wenn sie es schaffen, Straßenbeläge über sich anzuheben oder hartes Fels­gestein zu sprengen.

Unter dem Lied vom Morgenlicht ist in unserem Gesangbuch der Ausspruch der Dichterin Pearl S. Buck wiedergegeben, dass die wahre Lebensweisheit darin bestehe, im Alltäglichen das ­Wunderbare zu sehen. Wir müssen nicht das Wunderbare in weiter Ferne von uns suchen, es ist uns ganz nahe, wir müssen nur unser Auge dafür schulen. Diese Weisheit besitzen im Allgemeinen die Kinder, bei denen rationale Begründungen noch nicht den Weg versperren zum Staunen und Wundern. Wir Erwachsene müssen es von ihnen erst wieder lernen.

Es ist etwas Eigenartiges um unsere Empfindungen für das Schöne. Wir sind als Menschen eingebunden in Triebe und Regungen, die der Erhaltung und Fortsetzung unseres Lebens dienen, doch das Bestaunen einer sich entfaltenden Rosenblüte oder eines Kunstwerks ist im Grunde zweckfrei, es dient nicht direkt unserem Weiterleben, außer dass es uns erfreut und inneres Glück bereitet. Dieses ästhetische Empfinden scheint irgendwie auch in uns angelegt zu sein. Ist es vielleicht ein Hinweis auf einen »höheren« Zweck unseres Menschseins?

Dietrich Dyck, Gemeindeleiter der Tempelgemeinde Olgino am Kaukasus, hat in seinem Buch »Neue Wege im Konfirmationsunterricht« 1926 auf diesen Gedanken hingewiesen: »Schauen wir in wolkenloser Nacht zum sternbesäten Himmel empor, versenken wir unsern Blick in die Tiefen des Weltraums, versetzen wir uns in jene fernen Regionen, wo das Endliche hinübergleitet in das Unendliche - dann empfinden wir lebhaft, wie alles von unserem Geist abfällt, was ihn hier an das Erdendasein fesselt, und wie er, aller Last entledigt, sich emporschwingt in jene unbekannten und doch ihm so nah verwandten Regionen.«

Ich habe in dieser Betrachtung viele Aspekte nicht erwähnt, die an einem »Tag der Schöpfung« ihre Berechtigung und Wichtigkeit haben können, nicht die Frage, wie wir diese Schöpfung bewahren und wie wir ein Gleichgewicht halten sollten zwischen menschlichem Expansionsdrang und Erhaltung von Natur. Mir kam es darauf an, zu schildern, welche »Offenbarung« die uns umgebende Natur für uns sein kann, wenn wir uns für sie öffnen und wenn wir ab und zu auch »unsere Seele sprechen lassen«. Das kann in vielfältigster Weise geschehen, beim Pflanzen und Ernten im Garten, beim Wandern auf Höhenwegen im Gebirge, beim Besuch einer Blumenschau, bei der Lektüre eines Buches über die vielfältigen Landschaften der Erde, beim Entdecken der zahlreichen Schönheiten und Wunder am Weges­rand.

Diese Schöpfung, von der wir ein Teil sind, ist verehrungswürdig. Ihre Größe und Schönheit muss uns immer dazu anhalten, dass in unserem Handeln Aufbauendes zum Ziel wird und ­Zerstörerisches unterbleibt. Das wird nur dann wirklich gelingen, wenn wir Menschen uns der Schöpfungswunder bewusst werden. Das will auch unser Lied vom Morgenlicht zum Ausdruck bringen, dessen Schlussvers so lautet:

 

Mein ist die Sonne, mein ist der Morgen,
Glanz, der zu mir aus Eden aufbricht!
Dank überschwänglich, Dank Gott am Morgen!
Wiedererschaffen grüßt uns sein Licht.

 

Peter Lange

BIBELWORTE - KURZ BETRACHTET

… und die Wahrheit wird euch frei machen

(Johannes 8, 32)

Dieses Bibelwort hat mich zunächst spontan und unreflektiert angesprochen und seit meiner Jugend begleitet. Das Gegenteil davon: "Lügen macht unfrei" sah ich nicht als etwas, das mich betraf. Denn ich lüge eigentlich nie bewusst und gezielt, um mir einen Vorteil zu verschaffen. Und ich denke, das gilt für uns alle, oder doch fast alle. Trotzdem lügen wir in gewisser Weise, immer wieder, meistens durch Schweigen, und meistens unbewusst. Eine Szene im Lehrer­zimmer, vor vielen Jahren: ein Kollege wird vom Chef gerügt, weil er Klassenarbeiten oft erst nach Wochen korrigiert zurückgibt. Ich sitze ein paar Stühle weiter und höre zufällig mit. Mir ist sofort klar, das genau ist auch mein Fehler, meine Schwäche. Hätte mich jemand gefragt, so hätte ich das zugegeben. Aber es fragte mich niemand. Mit dem konkreten Anlass - wohl eine Schülerbeschwerde - hatte ich ja nichts zu tun. Also schwieg ich. Erst im Nachhinein wurde mir bewusst, dass dieses Schweigen eigentlich eine Lüge war. Ich schämte mich und ging dem betreffenden Kollegen unwillkürlich eine Weile aus dem Weg. Erst später beichtete ich ihm. Er lachte und nahm das Ganze nicht tragisch - aber mir fiel ein Stein vom Herzen. Wir waren vorher und nachher nicht befreundet. Aber der eine Moment der Offenheit hatte eine Nähe geschaffen: wir gingen von nun an unbefangen miteinander um. Und plötzlich verstand ich, was das heißt: »die Wahrheit wird euch frei machen«. Das hatte ich gespürt, längst ehe ich es begriff. Wir verhalten uns vermutlich oft so: wir spüren, dass etwas nicht stimmt, aber fragen nicht, uns selbst nicht und andere erst recht nicht, nach möglichen Gründen, sondern vermei­den eine Aussprache, weil sie unbequem ist, weil wir Angst haben. Sie könnte befreien, aber sie könnte auch zu Streit führen, den wir nicht wollen, oder zu unangenehmen Erkenntnissen.

Später begann ich mich intensiv mit der Bibel zu befassen. Und ich war und bin fasziniert: von der Schönheit vieler Bibelworte, von der Vielfalt menschlicher und, vielleicht, göttlicher Wahrheit, die in vielen liegt. Auch mein altgeliebtes Bibelwort las ich nun im Zusammenhang nach. Und ich war zunächst völlig konsterniert. Denn der Evangelist meint etwas ganz anderes als ich. Für ihn ist die einzige relevante Wahrheit der Glaube an Jesus Christus als den von Gott gezeugten und gesandten Erlöser der Welt von Sünde und Tod. Wer diesen Glauben hat, ist auserwählt (von Anbeginn) und befreit, weil die Sünde ihm, durch Christus, nicht angerechnet wird, und vom Tod, weil er, durch Christus, das ewige Leben haben wird. Mit dieser »Wahrheit« kann ich absolut nichts anfangen. Nicht nur das: sie steht meiner »Wahrheit« diametral entgegen. Denn für mich liegt die Großartigkeit der Bibel gerade in der Vielfalt ihrer »Wahrheits«-Angebote. Man kann keines davon unbesehen übernehmen. Man muss fragen: was war damals gemeint? Was davon ist heute noch relevant? Für Christen? Für alle? Und, am Wichtigsten: für mich? Und man muss akzeptieren, bejahen, dass auch die relevanten Antworten voller Widersprüche stecken. Ich muss nicht nur herauszufinden suchen, was für mich wichtig ist, sondern was für mich heute, in dieser Situation, gut ist. Morgen, in einer anderen, kann es etwas anderes sein. Das ist anstrengend. Aber es kann eine Befreiung sein, nicht nur von engstirniger Bibelauslegung, sondern auch vom Fluch alleinseligmachender Glaubensvorgaben. Den Fluch zeigen zahllose Beispiele aus Geschichte und Gegenwart (IS).

Das ist mit ein Grund, warum wir in der Warte oft eine Bibelbetrachtung bringen. Auch Leser, die sich selbst nicht an die Bibel trauen, sollen etwas erfahren von dem Schatz der Vielfalt in den Glaubenserfahrungen anderer und spüren, wie man mit der Bibel umgehen darf und umgehen sollte.

Brigitte Hoffmann

Unsere Erde ein Experiment Gottes?

Ein Meinungsbeitrag zum »Tag der Schöpfung«

Vor Kurzem ging die aufsehenerregende Meldung durch die Medien, dass eine astronomische Forschungsstation einen möglicherweise erdähnlichen Planeten in einem fernen Sonnensy­stem entdeckt hätte. Dem Objekt wurde der Name »Kepler 452b« gegeben.

In einer Zuschrift der »Stuttgarter Nachrichten« wies ein Leser darauf hin, dass die Meldung noch lange nicht bedeute, dass das Objekt »erdähnlich« sei. Dazu gehöre viel mehr, als man bisher wisse, also der richtige Abstand zum Zentralgestirn, ein starkes Magnetfeld, Anwesen­heit von Wasser und perfekt abgestimmte Atmosphäre zur Abwehr tödlicher kosmischer Strahlung. Der Startschuss fürs Leben auf unserer Erde hätte nicht allein von der vorhandenen Natur her kommen können. Das Entstehen von Zellen, die einen Stoffwechsel haben und sich reproduzieren können, wäre nur durch die Hilfe einer Kraft von außen geschehen. Die Ursache der Entstehung von Leben könne unsere Naturwissenschaft nicht erklären, deshalb dürfe dafür ganz eindeutig die Existenz eines Schöpfers oder Gottes herangezogen werden. Unsere Erde stelle ein einzigartiges und einmaliges Experiment dieses Gottes dar.

Mich hat so manches an dieser Leserzuschrift gestört, weshalb ich hier in der »Warte« eigene Überlegungen zur Frage von Evolution und Schöpfung anstellen möchte. Als Erstes einmal die Bedenken, dass wir nicht überall dort, wo uns in der Naturwissenschaft Beweise oder Erklärungen für Vorgänge in der Welt fehlen, einfach »eine Hilfe von außen« (was ist denn »außen«?) heranziehen sollten. Dieser so aufgefasste Schöpfer wäre tatsächlich dann ein »Lückenbüßer-Gott«, der für unsere jeweils fehlenden wissenschaftlichen Erklärungen einspringen müsste. Dieses Denken würde eine gegenseitige Abhängigkeit von Wissen und Glauben bedeuten, die nicht sein darf, da beide Herangehensweisen an die Geheimnisse unserer Welt verschiedenen gedanklichen Ebenen angehören.

Mit seiner Feststellung, dass unsere Erde »ein einzigartiges und einmaliges Experiment Gottes« sei, setzt der Leser sich auf einen Richterstuhl, der ihm wahrlich nicht gebührt, und vermischt menschliches Bemühen um wissenschaftliches Verstehen mit dem Glauben an eine schöpferische Kraft und einen Urheber aller Vorgänge im Universum. Und nicht zuletzt verfällt er der schon anderweitig häufig anzutreffenden Meinung, dass mit den so wunderbaren Bedin­gungen für ein Entstehen von Leben auf unserer Erde eine Wiederholung dieser Möglichkeiten anderswo im Universum nicht möglich sei. Ich sehe es als eine Anmaßung an, wenn wir Menschen uns als »Ziel« einer Entwicklung betrachten und anderswo ein schöpferisches Geschehen ausschließen. Ein Schöpfungsglaube darf nicht exklusiv sein, sondern muss alles umfassen, auch das Objekt »Kepler 452b«.

Peter Lange

Ehrfurcht vor dem Leben

Albert Schweitzers ethische Entdeckung vor 100 Jahren

Obwohl Schweitzer in seiner Kultur­philosophie von 1923 selbst schon eingeräumt hatte, dass »das Wort Ehrfurcht vor dem Leben als sehr allgemein etwas unlebendig klinge«, hielt er trotzdem zeitlebens unerschütterlich an der Überzeugung fest, dass mit diesem Wort der entscheidende Grund für eine neue Humanitätsgesinnung gelegt ist, der die Menschheit aus ihrem Elend, ja vor ihrem drohenden Untergang retten könne.

Rückblickend schrieb er 1961 an den Philosophen Hans-Walter Bähr zu den Umständen seiner Entdeckung dieses Wortes im September 1915: »Ich hatte ein hingebendes Verhältnis zur Kreatur, aber ich war mir über seine Bedeutung fürs Denken nicht klar. Dies erst ging mir in der Meditation in der Stille des Urwaldes auf einer dreitägigen Bootsfahrt auf. Erst da verstand ich, dass Ethik ihren unsichtbaren Ursprung in der Ehrfurcht vor dem Leben, vor allem Leben, habe. Die wahre Energieformel der Ethik enthält das scheinbar fremde Element der Ehrfurcht vor dem Leben.«

In der Literatur gibt es Einwände gegen Ausdruck und Begriff »Ehrfurcht« wie auch gegen die »Ehrfurcht vor dem Leben«. Werner Picht in einem Brief an Kurt Leese: »Die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben halte ich für philosophisch unhaltbar. Der Mensch ist keines spontanen Gefühls der Liebe zu einer Bakterie oder einer Vogelspinne fähig.« Fritz Buri äußerte in einem Gespräch Zweifel an der Möglichkeit praktischer Verwirklichung der Ehrfurcht vor dem Leben.

Derartige Urteile gab und gibt es viele, manchmal werden da auch durchaus berechtigte Fragen gestellt; oft aber liegen einfach Missverständnisse vor. Hat Schweitzer sich zum Begriff »Ehrfurcht« zu wenig deutlich geäußert? Das kann man wohl nicht sagen, angesichts seiner vielen Texte und Abhandlungen darüber. In einer unbekannten (weil ungedruckten) Vortrags­skizze aus dem Jahr 1928 berührt er genau die in den erwähnten Gesprächen diskutierte Frage, ob der Ausdruck »Ehrfurcht« wirklich das richtige Wort für das eigentlich Gemeinte sei. Folgendes schreibt er da über »die Unzulänglichkeit des Ausdrucks "Ehrfurcht vor dem Leben"«:

»An diesem in meiner "Kultur und Ethik" gebrauchten Worte hat man Anstoß genommen. Ist dieser Ausdruck nicht zu allgemein und zu kalt für etwas so Lebendiges und Elementares? Mag sein. Aber der Ausdruck ist der einzig vollständige. Mitleid ist zu eng, um Inbegriff des Ethischen sein zu können. Er bezeichnet ja nur die Teilnahme an dem leidenden Willen zum Leben. Zur Ethik gehört aber das Miterleben aller Zustände und Aspirationen des Willens zum Leben, auch seines Dranges nach Vervollkommnung und Vergeistigung. Mehr schon sagt Liebe, weil sie Mitleiden, Mitfreude und Mitstreben in sich fasst. Aber sie bezeichnet das Ethische nur in einem Gleichnis. Das Wesen sagt aus: das Wort "Ehrfurcht vor dem Leben" ist das Miterleben des Willens zum Leben als eines geheimnisvollen Wertes, dem ich helfend dienstbar werde. In der Ehrfurcht liegt auch das Positive, dass, wo das Reich des Entwickelbaren anfängt, ich den Willen zum Leben, der in meinen Bereich kommt, fördern will, dass er auf seinen höchsten Wert gebracht wird - ohne Abstraktion geredet, dass die Menschen, die um mich sind, von mir gefördert werden, ihre höchste Geistigkeit zu erreichen. Diese Nötigung, an der Vollendung des Willens zum Leben mitzuhelfen, gehört zur Ethik. Ehrfurcht vor dem Leben ist der universelle Ausdruck für Ethik, in dem ausgesprochen ist, dass Ethik eine Tat der Lebensbejahung und Weltbejahung ist. Wer sich in den Begriff vertieft, dem ist er nicht mehr unlebendig.«

Peter Lange

 

unter Verwendung von Ab­schnit­ten aus dem Albert-Schweitzer-Rundbrief Nr. 107 des Deut­schen Hilfsver­eins für das Albert-Schweitzer-Spital in Lamba­rene e.V., Frankfurt a.M., Juni 2015

Anmerkung: Die ethische Idee von der Ehrfurcht vor dem Leben entstand bei Albert Schweit­zer im Sommer 1915. Wir gedenken am 4. September seines Todes vor 50 Jahren.

Christen in Israel: Kleine, aber starke Minderheit

»…von Identitätskrise keine Spur«

Statistische Daten

Auf der Welt leben ca. 30 Millionen arabische Christen, die Mehrheit von ihnen lebt im Nahen Osten. Die Christen im Heiligen Land sind historisch vor allem seit der Islamisierung im 7. Jahrhundert vorrangig arabisch geprägt und heute Teil der arabischen Minderheit in Israel. Die nicht-jüdische Bevölkerung macht heute 21% der Bevölkerung aus.

Die arabischen Christen in Israel sind eine kleine Minderheit im Land. 84% von ihnen leben im Norden des Landes. Im Jahr 2013 waren in der Stadt Nazareth 22.400 Christen registriert, in der Hafenstadt Haifa 14.600 und in der Stadt Schfaram 9.600. Der Rest ist auf verschiedene gemischte Dörfer im Norden des Landes verteilt. Rein christliche Dörfer gibt es heute nur noch zwei: das Dorf Mi’ilya mit 3.000 Einwohnern und das Dorf Fassuta mit 3.100 Einwohnern. Beide Dörfer gehören der griechisch-katholischen Kirche an.

Das Schicksal zweier weiterer christlicher Dörfer im Norden des Landes soll hier nicht uner­wähnt bleiben: Die Bewohner der beiden Dörfer Iqrit und Biram wurden im Jahr 1948 vom israelischen Militär aufgefordert, ­wegen ­Militäraktionen in dem Gebiet ihre Häuser zu verlas­sen. Ihnen wurde versprochen, nach 14 Tagen wieder zurückkehren zu dürfen. Dies geschah jedoch bis heute nicht. Um die Rückkehr der Bewohner endgültig zu verhindern, beschloss die Armee - mit Wissen der Regierung - beide Dörfer zu zerstören. Das Dorf Iqrit wurde am Heilig­abend 1951, das Dorf Biram am 16. und 17. September 1953 endgültig zerstört.

Kirche in Iqrit        Kirche in Biram

Die beiden Kirchen und die Friedhöfe der beiden Dörfer blieben bis zum heutigen Tag ­Mahn­male und warten auf die Rückkehr der Gemeinde. Trotz Gerichtsbeschlusses des Obersten Gerichtshofes in Israel, der den Bewohnern das Recht auf Rückkehr einräumt, wagte bis heute jedoch keine israelische Regierung diesen Beschluss zu vollziehen und den Bewohnern die Erlaubnis zur Rückkehr zu erteilen. Als Leichen aber kehren alle zurück: Die Toten werden bis heute dort begraben, Taufen und Hochzeiten werden auch in beiden Kirchen zelebriert.

Folgende Tabelle zeigt die Bevölkerung Israels nach Religionszugehörigkeit:

 

Religion

Anzahl

%

Juden

6.040.000

75,6

Muslime

1.206.100

16,6

Christen

151.700

2,1

Drusen

119.700

1,6

ohne

302.000

4,1

Gesamt

8.012.000

100

 

Quelle: CBS, Statistical Abstract of Israel, 2013

Religionsfreiheit

Christen genießen, wie alle Staatsbürger entsprechend der Unabhängigkeitserklärung Israels von 1948, Glaubens- und Gewissensfreiheit und das Recht auf freie Religionsausübung. Die meisten kirchlichen Gemeinschaften sind von Israel anerkannte Kirchen, sie verfügen über eigene Familiengerichte und Selbstverwaltungsrechte. Auch in den Bereichen Kultur und Spra­che wird der Minderheitenstatus durch arabische Schulen und die Anerkennung des Ara­bischen als offizielle Sprache Israels berücksichtigt. Beim Zugang zu Land und Finanz­ressourcen werden sie jedoch deutlich diskriminiert. Ihre ­Rechte haben sich die Minderheiten in Israel jahrzehntelang hart erkämpft. In einer modernen Demokratie wäre es jedoch wün­schenswert, die Religionsfreiheit und das Recht auf Gleichbehandlung ausdrücklich in die Grundgesetze des Landes aufzunehmen.

Sozioökonomische Situation von Christen in Israel

Seit Anfang des 19. Jahrhunderts und seit der »Wiederentdeckung« des Nahen Ostens durch die Europäer wurden die Christen - auch als eine Minderheit unter muslimischer Herrschaft - von den Europäern unterstützt. Sie wurden Träger westlicher Institutionen vor allem im sozialen und gesundheitlichen Bereich und im Bildungswesen. Es entstand ein Netzwerk von Missionsschulen, die maßgeblich zum höheren Bildungsgrad von Christen beitrugen. Ara­bische Christen gelten auch heute noch als eine besonders erfolgreiche Minderheit in Israel. Ihre sozioökonomische Lage, wie auch ihr Bildungsstand und ihre politische Partizipation an der Demokratie und Liberalität liegen deutlich über dem Durchschnitt. Christliche Schulen gehören heute zu den besten im Land, regelmäßig gehören ihre Absolventen zu den erfolg­reichsten Abiturienten. Im Jahr 2012 erreichten 69% der christlichen Schüler das Abitur, im Vergleich zu 50% unter den muslimischen und 64% der jüdischen Abiturienten.

Die Geburtenrate der Christen im Land zählt zu den niedrigsten im Vergleich zu den ande­ren Religionen. Der höhere Bildungsstandard beider Geschlechter und deren Teilnahme am beruflichen Leben sind eine Ursache dafür, dass die Christen heute eine wirtschaftlich erfolgreiche Minderheit sind, trotz der fehlenden Gleichbehandlung bei Finanzressourcen und der Chancenungleichheit.

Die Identitätsfrage

Die Frage nach der Identität beschäftigte mich persönlich bereits seit Mitte der siebziger Jahre sehr, als ich nach Deutschland kam, um dort zu studieren. Die Neugier der Menschen dort konfrontierte mich immer mit der Frage: »Wer bist du und woher kommst du?«. Anfangs war ich irritiert, bis ich verstand, wie kompliziert meine Situation war und wie komplex diese Frage geworden ist. Und so begann ich mit dem »Wörterspiel«, bis ich mich selbst fand. Auf der Suche nach der eigenen Identität wollte ich eindeutig nicht da sein, wo andere mich gerne sehen wollten. Meine Eltern sind Palästinenser, also bin ich auch einer. Ich bin 1956 geboren und somit offiziell als israelischer Staatsbürger geboren und registriert. Meine Eltern tauften mich in der griechisch-katholischen Kirche, somit gehöre ich der christlichen Minderheit im Land an. Meine Muttersprache ist Arabisch und ich bin von der arabischen Kultur und der arabischen Geschichte sehr geprägt. Politisch gesehen bin ich liberal. Von Identitätskrise keine Spur.

Wir Christen haben seit etwa Mitte des 20 Jahrhunderts nicht nur den arabischen Nationa­lismus genutzt, um unsere Zugehörigkeit zur arabischen Nation zu betonen, wir haben darüber hinaus mit prominenten Führungspersönlichkeiten den säkularen, arabischen Nationalismus mit geprägt. Der 1922 ­geborene Christ Emil Habibi gehörte später zu den Mitbegründern und Anführern der kommunistischen Partei in Israel. Der 1926 in Lod geborene George Habash gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Palästinensischen Volksfront zur Befreiung Palä­stinas. Er war dort Generalsekretär bis zum Jahr 2000. Besonders prägend für die arabische Nationalidentität war der in Jerusalem 1935 geborene Christ Edward Said, der sich vor allem mit der europäischen Sicht auf die wiederentdeckte Levante seit Beginn des 19. Jahrhunderts befasste und erheblich an der Konstruierung der arabischen Nationalidentität beteiligt war.

Die politische Entwicklung der letzten zehn Jahre im Nahen Osten sowie der zunehmende Einfluss von Terrorgruppen führte dazu, dass die Situation der Christen sich in mehreren arabischen Ländern verschlechterte. Die Bilder von Maalula in Syrien sowie die Nachrichten von dort entführten Bischöfen und Nonnen haben auch hier Spuren hinterlassen. Plötzlich interessiert man sich für die christliche Minderheit im Land. Der Staat Israel fühlt sich auf einmal moralisch verpflichtet, die christliche Minderheit im Land zu schützen und ihr Profil zu stärken. In Regierungskreisen wird schon von einem Gesetzentwurf geredet (Anmerkung der Redaktion: Dieser Gesetzentwurf wurde am 25.02.14 verabschiedet), in dem die Identitäts­frage der Christen neu definiert werden soll. Die Christen sollen als Minderheit bevorzugt werden, ihnen sollen wichtige Aufgaben im Staat erteilt werden und sie sollen Militärdienst leisten. Wir sollen nicht mehr »Araber« heißen, sondern »Christen« als Identität angeben. Viele Christen im Land sind skeptisch und lehnen diese Diskussion strikt ab. Wir brauchen einerseits keine neue Identität, und diese schafft man nicht einfach durch ein Gesetz. Zweitens: die Bevorzugung gegenüber anderen Minderheiten im Land führt vielmehr zu Spannung und zu einem Klassensystem, das dem Land auf lange Sicht nur schaden kann. Die Frage nach dem Militärdienst stößt allgemein auf breite Ablehnung. Man stellt sich hier eindeutig die Frage: Gegen wen sollen die Christen die Waffen tragen? Gegen die eigenen Brüder und Schwester in Bethlehem und Beit Jala oder gegen muslimische Brüder im Westjordanland und in Gaza? Diese Diskussion ist irreführend und führt meines Erachtens nur zu Spannung im Land unter den verschiedenen Minderheiten. Wer freiwillig zum Militär möch­te, kann dies auf freiwilliger Basis tun.

Die Zukunftsperspektiven

Die Zukunftsperspektiven der christlichen Minderheit in Israel hängen sehr stark davon ab, wie sich der Nahostkonflikt weiter entwickelt. Trotz der direkten Verhandlungen unter der Schirm­herrschaft der Amerikaner scheint die Zweistaatenlösung aufgrund der unaufhaltbaren Sied­lungspolitik der Israelis im Westjordanland, der schwierigen und ungelösten Frage der Flücht­linge sowie der unnachgiebigen Haltung der Israelis und ihrer Ablehnung, Jerusalem zu teilen, zum Scheitern verurteilt. Der jüdische Schriftsteller und Denker Uri Avneri schrieb im Mai 2012: »Israel steuert auf einen Eisberg zu, auf einen größeren als einer von denen, die auf dem Weg der Titanic schwammen. Er ist nicht verborgen, alle seine Teile sind von weitem sichtbar. Und wir segeln geradewegs mit Volldampf auf ihn zu. Wenn wir den Kurs nicht ändern, wird sich der Staat Israel selbst zerstören - er wird sich erst in ein Apartheidsstaats-Monster vom Mittelmeer bis zum Jordan verwandeln und später vielleicht in einen binationalen Staat mit arabischer Mehrheit vom Jordan bis zum Mittelmeer.«

Die Einstaatenlösung ist ein alter und neuer Vorschlag für eine Lösung des Nahostkonflikts zwischen Israelis und den Palästinensern. Sie sieht vor, dass aus den jetzigen Gebieten Israel, Westjordanland und Gazastreifen ein einheitlicher demokratischer und säkularer Staat gebildet wird, in dem Juden und Araber sowie alle anderen Bevölkerungsgruppen die Staatsbürger­schaft und dieselben Rechte und Pflichten haben.

Die Rolle der arabischen Christen in der Region

Trotz der geringen Zahl von Christen und trotz der inneren Teilungen, unterschiedlichen Orien­tierungen und vielfältigen Herausforderungen besitzen wir Christen heute in Israel das Poten­tial und die Eigenschaft eines Brückenbauers nach innen wie nach außen. Wir sind mit der arabischen Kultur verbunden und kennen den Islam als Religion und Geschichte, unsere reli­giösen Wurzeln verbinden wir aber mit dem Judentum. Durch die Erfahrung in beiden Kulturen bemühen wir uns, zu einer zentralen Brücke zwischen Juden und Muslimen zu werden. Die Christen im Land engagieren sich und ergreifen auch Initiativen zum interreligiösen Dialog.

Unsere Verbindung mit den westlichen Ländern und das große Interesse der Weltkirchen an uns Christen im Ursprungsland des Christentums machen uns sowohl für die Juden als auch für die Muslime interessant. Daher glaube ich, dass der Westen eine zentrale Rolle übernehmen kann, um uns in dieser Vermittlerrolle zu stärken. Wir haben in den letzten Jahren gezeigt, dass die Unterstützung des Westens und die Investitionen der Kirchen in den christlichen Gebieten, sowohl in die Bildung als auch im Gesundheitsbereich, Früchte getragen haben. Trotz unserer geringen Zahl sind wir heute ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor und tragen sehr viel dazu bei, im akademischen und im Entwicklungsbereich. Das nennt man Hilfe zur Selbsthilfe.

Dr. Hanna Khoury

 

studierte Sozialpädagogik und Psychologie und promovierte an der Freien Uni­versität Berlin. Nach vielseitigen Tätigkeiten in Deutschland im Bereich der Jugendarbeit, des Rundfunks, einer psy­chologischen Beratungsstelle für binationale Ehen und als wissenschaftlicher Ange­stellter der Justizbehörde Hamburg entschied er sich, 1997 in seine Heimat zurückzukehren. Seitdem ist er überwiegend als Schulpsychologe tätig und arbeitet als Dozent an den ara­bischen Hoch­schulen in Haifa und Ibilin.

 

Beitrag aus: «Im Lande der Bibel« (Zeitschrift des Jerusalemsvereins) Themenschwerpunkt "Auch wir sind Bürger! Arabische Christen in Israel", Ausgabe 1/2014, S. 7ff.

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