Die Warte des Tempels

Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 169/11 - November 2013

 

 

»Meine Zeit steht in deinen Händen« - Wolfgang Blaich

Ausdruck von Dank durch Opfer - Inga Reck-Hurioglu

Dankfest - einmal ganz anders - Brigitte Kneher

»Lehre uns bedenken, dass wir ster­­ben müssen, ...« - Karin Klingbeil

Wechsel im Amt des Gebietsleiters - Jörg Klingbeil

»Meine Zeit steht in deinen Händen«

Aus Psalm 31 - Betrachtungen zum Thema »Zeit« in einer Bilderschau

Die Texte haben einen nicht vorgesehenen Bezug zu dem Tag, als die Trauerfeier für unser langjähriges und treues Mitglied Eva Maria Wieland stattfand. Die Verstorbene hinterließ eine tröstende Botschaft an ihre Familie, eine Botschaft tiefer Einsicht in die Vergänglichkeit des menschlichen Daseins: »Seid nicht traurig, wenn meine Lebensuhr abgelaufen ist.« So kann nur jemand sprechen, der sich über den Lebensweg des Menschen schon viele Gedanken gemacht hat und zu einer vertrauenden, glaubenden Erkenntnis gefunden hat: »Meine Zeit steht in deinen Händen.«

Die Uhr tickt. Die Zeit läuft. Unaufhaltsam. Gleichmäßig. Zeit erscheint ja etwas sehr Objektives zu sein, etwas, das in eindeutigen, nicht veränderbaren Einheiten gemessen wird. Minuten, Stunden, Tage, Jahre - alles geregelt, für jeden auf der Welt gleich. Das ist die eine Seite. Die andere ist das persönliche Empfinden und Erleben von Zeit. Mal schleppt sie sich hin, zieht sich in die Länge, mal eilt sie wie im Flug dahin, gerne würde man sie festhalten, aufhalten - aber es geht nicht.

So nehmen wir zwei Aspekte der Zeit wahr - die physikalische und die subjektiv erlebte Zeit. Während die physikalische Zeit unbeeinflusst fließt, ist die subjektiv erlebte Zeit von zahlreichen inneren und äußeren Faktoren abhängig. Der Mensch konstruiert sich seine innere Zeit gewissermaßen selber, wobei die Abfolge und Dichte von Ereignissen und Erlebnissen eine besondere Rolle für die individuelle Wahrnehmung von Zeit spielen.

Neu ist in der Zeitforschung die Erkenntnis, dass auch unsere innere Gestimmtheit großen Einfluss auf das subjektive Zeiterleben hat. Und auch das Lebensalter ist von Bedeutung. Erforscht wurde dies in den letzten Jahren in verschiedenen psychologischen Studien. Aber was jetzt wissenschaftlich nachgewiesen wurde, wussten wir eigentlich schon immer: Wenn viel passierte in unserem Leben, war die Zeit immer zu schnell vorbei. Gab es Langeweile und Leerlauf, hätte die Uhr gerne mal schneller gehen können. Und dass Zeit im Alter anders, nämlich viel gedrängter erfahren wird als in der Kindheit und Jugend, ist älteren Menschen vertraut.

»Verweile doch, du bist so schön«, sagt nicht nur Goethes Faust über den gegenwärtigen Augenblick. Wenn das doch ginge, nur einen Moment einmal festhalten, die Uhr anhalten, die Zeit in bestimmten Situationen einfach mal verlängern.

Die Zeit, an sich eine fest getaktete Größe, der Fluss der Zeit aber in erster Linie ein psychologisches, ein emotionales Phänomen?

Dazu folgende Beobachtung und Wahrnehmung (einer Zeitschrift entnommen):

»Uhren nur mit einem Stundenzeiger erwecken den Eindruck von Langsamkeit und Gemächlichkeit. Doch das ist eine Täuschung. Diese Uhren gehen gleich schnell wie andere Uhren. Der Eindruck der Langsamkeit entsteht durch das Fehlen eines Minuten- und eines Sekundenzeigers. Auf dem Zifferblatt mit einem einzigen Zeiger geschehen optisch nur kleine Veränderungen. Innerhalb einer Stunde dreht sich der Zeiger nur gerade um 30 Grad. In diesem Zeitraum dreht sich ein Minutenzeiger einmal und ein Sekundenzeiger 3.600 Mal um 360 Grad.

Den Menschen, die ihre Uhren nur mit einem Stundenzeiger versahen, kam es nicht auf die Minute an, schon gar nicht auf die Sekunde oder auf Bruchteile davon. Es genügte, die Zeit auf 10 oder 15 Minuten genau ablesen zu können, eine Zeitspanne, die im modernen Zeit­management bereits als »Zeitverlust« und »Verspätung« taxiert würde. Der Lebensrhythmus ist schneller geworden und wird weiter beschleunigt. In immer kürzeren Zeiten möchten die Menschen immer mehr erleben. Diesem Zeitempfinden konnte eine Uhr mit lediglich einem Stundenzeiger nicht mehr genügen, Minuten- und Sekundenzeiger kamen hinzu und später bei Digitaluhren auch Angaben von Hundertstel- oder Tausendstelsekunden. Je kleinteiliger die Zeit wird, je mehr auf die Sekunde ankommt, desto mehr nimmt der Zeitmangel zu. Ob das Gegenteil auch zutrifft: Je großteiliger die Zeit wird, desto mehr Zeit steht zur Verfügung?

Dieses so geschilderte Phänomen Zeit und Zeitempfinden fasste jemand in dieses Bild: «Die Zeit ist ein von Menschen geschaffenes Netz, in dem man Spinne und Fliege zugleich ist.«

Es folgen nun einige Betrachtungen, um Lebenserfahrungen des Menschen mit dem Umgang von Zeit, im Zusammenhang mit Bildern von Sonnenuhren aus verschiedenen Jahrhunderten, zu schildern. In welcher Beziehung stehen Menschen zur von ihnen selbst geschaffenen Zeitmessung, jenem Instrument, das Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ausdrückt? Schon immer haben Menschen die Schönheit und auch die Genauigkeit von Uhren bewundert. Sie wurde zudem zur Metapher für den Menschen, für menschliches Denken, seine Einstellung zum Dasein und auch gegenüber der Schöpfung. Sich mit Uhren und der Zeit befassen heißt, sich vor allem mit dem menschlichen Dasein zu beschäftigen und mit seiner Beziehung zur Schöpfung und dem Universum. Der französische Schriftsteller und Philosoph Voltaire drückt das einmal so aus: «Das Universum umfängt mich und ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Uhr (die Welt als Uhrwerk verstanden) ohne einen Uhrmacher existiert.«

Die hier gezeigte Sonnenuhr trägt die Inschriften »Soli Deo Gloria« und »Unsere Tage sind wie ein flüchtiger Schatten.«

Soli Deo Gloria - Gott allein gebührt die Ehre. Diese Worte bekennen und anerkennen Gottes unermessliche Größe. Im Vergleich zu ihm ist der Mensch wie der wandernde Schatten der Sonnenuhr, der keine Spuren hinterlässt. Gott gebührt die Ehre. Soli Deo Gloria kann aber dennoch als Aufforderung an den Menschen aufgefasst werden, so zu leben und zu handeln, dass das Leben Gott zur Ehre gereicht. Denn der Mensch ist Gottes Geschöpf, allein durch seinen Schöpferwillen geschaffen.

Wir sehen eine weitere Sonnenuhr mit der Inschrift: »Meine Zeit steht in deinen Händen.«

So zieht der Mensch die Erkenntnis aus diesem Verhältnis von Schöpfer und Geschöpf. Im Psalmvers aus Psalm 31 vertraut ein glaubender Mensch seine Zeit und damit sein Leben Gott an. Er erkennt ihn als den Urgrund alles Lebens und weiß sich geborgen in seinen Händen. Hierin liegt die Erkenntnis, dass der Mensch, wie alle Geschöpfe, nicht aus sich leben kann, sondern aus der Kraft des Allmächtigen. Und damit weiß er, dass nur Gott über seine Lebenszeit bestimmt. Das Bewusstsein über Lebenszeit und deren Erfüllung gewinnt einen großen, einen kostbaren Wert. Hören wir dazu Worte von Dietrich Bonhoeffer: «Da Zeit das kostbarste, weil unwiederbringliche Gut ist, über das wir verfügen, beunruhigt uns bei jedem Rückblick der Gedanke etwa verlorener Zeit. Verloren wäre die Zeit, in der wir nicht als Menschen gelebt, Erfahrungen gemacht, gelernt, geschaffen, genossen und gelitten hätten.«

Diese hier abgebildete Sonnenuhr trägt die Aufschrift »Die Letzte ist verborgen.«

Im Verlauf seines Lebens schaut ein Mensch ungezählte Male auf eine Uhr, ob es etwa Zeit ist, sich auf den Weg zu machen, die Arbeit zu beenden, sich bei einem Treffpunkt einzufinden. Doch endlos, so sagt der Spruch dieser Uhr, geht es nicht weiter. Irgendwann zeigt diese Uhr deine letzte Stunde an. Die Inschrift mahnt, die Begrenztheit der Lebenszeit und die Vergänglichkeit der menschlichen Existenz zu bedenken, und nicht zu vergessen, dass es eine letzte Stunde gibt. Wann dies sein wird, ist den Menschen verborgen. Diese Ungewissheit ist Last und Hilfe zugleich; sie kann jedoch eine Mahnung und Erinnerung sein, das Leben entsprechend zu bedenken und zu gestalten. Dieser Prozess ist von keiner expliziten Uhrzeit abhängig - vielmehr geht es um den erfüllten Augenblick.

Noch ein Bild: Eine alte Sonnenuhr ohne Zeiger.

Eine Uhr ohne Zeiger sagt nichts über die Stunden oder Minuten eines Tages. Sie teilt den Tag nicht mehr ein in 24 Stunden oder 1.440 Minuten oder 86.400 Sekunden. Bei ihr gibt es kein »zu früh« oder »zu spät.« Die Uhrzeit ist aufgehoben. Es gibt nur den Augenblick.

Es kann einem geschehen, dass man von einer Tätigkeit so sehr in Beschlag genommen ist, dass man nicht mehr spürt, wie die Zeit vergeht. Man vergisst alles, was rundherum geschieht. Man hört keinen Stundenschlag, keine Zeitansage, merkt nicht, wie der Tag sich neigt. Die Zeit ist aufgehoben. Es gibt weder Vergangenheit noch Zukunft, nur die erfüllte Gegenwart. Die ausgedehnte Zeit hat sich zum erfüllten Augenblick verkürzt und zur Ewigkeit verdichtet. Der Schriftsteller und Dichter Andreas Gryphius sagt das sehr deutlich und bildhaft in folgenden Worten aus:

»Mein sind die Jahre nicht, die mir die Zeit genommen,

mein sind die Jahre nicht, die etwa möchten kommen.

Der Augenblick ist mein, und nehm' ich den in Acht,

So ist der mein, der Jahr und Ewigkeit gemacht.«

Über alle Zeiten hinweg haben Texte der Bibel den sehr einfach wirkenden Vorschlag gemacht, Zeit als Geschenk zu verstehen. Sie ist weder verfügbar noch käuflich, sie kann nicht eingefordert werden und ist auch nicht einklagbar. Es ist auch nichts Ungerechtes an ihr oder Bösartiges. Zeit ist einfach da. Für alle und für alles. Die ganze Welt hat an ihr Teil, ob Mensch oder Tier oder Pflanze oder Element. Als Teil dieser Welt darf ich sie nutzen. Ich darf die Zeit als Geschenk annehmen und sie damit zu meiner Zeit machen, über die ich verfügen kann. Vielleicht ist Zeit die eigentliche Gabe der Schöpfung, die uns mit allem verbindet. Zeit als Teil der Ewigkeit, meine Zeit als Geschenk Gottes aus seiner Ewigkeit. Auf diesem Hintergrund bekommt vieles in meinem Alltag eine andere Bedeutung und Wertigkeit, eine andere Dimension. Ich blicke neu auf das Leben.

Und so lasse ich mich vom Wort »Des Menschen Herz weiß um Zeit und Ende« umfangen, um zur Ruhe zu kommen - den Sinn des Lebens entdecken, unabhängig von Alter und Zeit. Zur Ruhe kommen zu jeder Zeit, bedeutet sich vertiefen ins Leben, anknüpfen an das Vertrauen, das der Grund des Lebens ist. Erfahren, was es bedeutet, wenn Gott, der zeitlose Schöpfer des Lebens, gegenwärtig wird in meinem Leben, in jedem Leben. »Meine Zeit steht in deinen Händen.« Alle Phasen, alles Erleben ist von einem größeren Sinnganzen umgeben. Mein Leben verflüchtigt sich nicht in Jahren, Monaten, Wochen, Tagen, Stunden und Minuten. Unser Leben zeitigt einen Sinn trotz allem, was sinnlos erscheinen mag. Und dieser Sinn, den wir erleben, ist Geborgenheit im Jetzt. Wie kommen wir dazu? Nur im Vertrauen erschließt sich uns das, was wir brauchen. Und dieses Vertrauen ist geschenkt, geschenkt wie der große Reichtum von Gott, der schon da ist, mitten unter uns. Geschenkt, wie das bisschen Zeit der Welt, das uns gegeben ist, das von außen betrachtet eine Illusion sein könnte, im Erleben aber ein Stück Wahrheit werden will.

Wolfgang Blaich, Abendandacht am 2.Juni 2013 mit Bildern

 

Der Dankfest-Gottesdienst am 6. Oktober 2013 wurde von jungen Gemeindemitgliedern gestaltet. Beginnend in diesem Heft wollen wir ihre Beiträge abdrucken; die weiteren folgen in den nächsten Ausgaben der "Warte".

Ausdruck von Dank durch Opfer

Danke euch! Danke dir! Vielen Dank! Dank ausdrücken.

Ein Lächeln, ein Nicken, ein Händedruck, einem auf die Schulter klopfen, ein Geschenk machen, ein Lied singen oder womöglich ein Opfer darbringen? ... Ein Opfer darbringen? Wer macht denn so was, um Dank auszudrücken?

In der Bibel, genauer bei Sirach, geht es um den Ausdruck von Dank durch Opfer. Das Buch Sirach, entstanden etwa 175 vor Christus, ist Teil der Apokryphen, welche zwischen dem Alten und dem Neuen Testament zu finden sind. Die Apokryphen - das altgriechische Wort apokryphos heißt so viel wie 'verborgen' - sind Texte bzw. Bücher verschiedener Autoren, die nicht in den biblischen Kanon aufgenommen wurden: entweder aus inhaltlichen Gründen, weil sie damals nicht allgemein bekannt waren, aus religionspolitischen Gründen, weil sie erst nach Abschluss des Kanons entstanden sind oder weil ihre Autorität nicht allgemein anerkannt war. Von Martin Luther werden sie als Bücher bezeichnet, die »[...] der Heiligen Schrift nicht gleich gehalten, und doch nützlich und gut zu lesen sind.«

Aber um wieder auf unsere heutige Zeit zurückzukommen: Wer denkt beim Danken zuallererst an ein Opfer und was versteht Sirach darunter?

In Sirach 34 geht es zuallererst um unrechtes und rechtes Opfer. Unrechtes Opfer ist z.B., wenn Gott Speisen als Opfer dargebracht werden, die allerdings armen Menschen weggenommen worden sind, denn »Der Arme hat nichts zum Leben als ein wenig Brot; wer ihn auch noch darum bringt, der ist ein Mörder« (Sirach 34, 25). Solche Speise-Opfer sind uns heute fremd. Interessant ist vielmehr der Gedanke, der dahinter steckt und in unserer Zeit vor allem in Verbindung mit Geld. Denn gibt es in Kirchen nicht noch den Opferstock, in welchem im Rahmen des christlichen Gedankens Geld gelassen wird? Was für Geld wird darin gelassen? Rechtmäßig oder unrechtmäßig erworbenes Geld? Sirach führt nämlich in gleichem Atemzug an: »Wer dem Arbeiter seinen Lohn nicht gibt, der ist ein Bluthund« und weiter »Wenn einer betet und der andere flucht: wessen Stimme soll der Herr erhören?«

Wer folglich ein Geldopfer erbringt, mit Geld, das er unrechtmäßig angehäuft und dadurch eine Sünde begangen hat, indem jemand anderes zu Schaden gekommen ist, was nützt dann das Opfer? Es ist nutzlos und unrecht.

Aber auch wenn wir heute Geld im Opferstock lassen - rechtmäßig sollte es sein -, so danken wir damit nicht mehr Gott direkt und erst recht nicht mit Speiseopfern. Wie wird dann nach Sirach das rechte Opfer, d.h. im Sinne von Dank an Gott richten, weiter ausgeführt?

»Gottes Gebote halten, das ist ein reiches Opfer.

Gottes Gebote ehren, das ist das rechte Dankopfer.

Gott danken, das ist das rechte Speisopfer.

Barmherzigkeit üben, das ist das rechte Lobopfer.

Von Sünden lassen, das ist ein Gottesdienst, der dem Herrn gefällt;

und aufhören, Unrecht zu tun, das ist ein rechtes Sühnopfer.«

Diese aufgelisteten »Opfer« sind tatsächlich auch heute noch relevant; so fällt bestimmt dem ein oder anderen auch gleich ein Tischgebet ein. »Gottes Gebote halten«, also die Einhaltung der Zehn Gebote oder seien es Dankesworte, die an Gott im Gebet gerichtet werden, sind noch für viele Menschen in unserer Zeit wichtig, um in guter Verbindung mit Gott leben zu können.

Folgerichtig darf im Zusammenleben, welches gut funktionieren soll, der Dank nicht fehlen.

Wie kann man gut zusammenleben? Indem man dem anderen auch gut tut. Fühlt der andere, dass ihm Gutes getan wird, so kann man sich auch dessen Dankbarkeit sicher sein. Aber man muss es auch ernst meinen, mit dem gut tun, sonst kann es passieren, dass die Beziehung zum Gegenüber leidet; so schreibt Sirach in seinem Kapitel »Vom Wohltun mit Worten und Werken«:

»Mein Kind, wenn du jemand Gutes tust, so tu's nicht mit tadelnden Worten; und wenn du jemand etwas gibst, so kränke ihn nicht dabei. Wie der Tau die Hitze kühlt, so ist ein gutes Wort besser als eine Gabe. [...] Ein Narr [...] macht lieblose Vorwürfe, und eine unfreundliche Gabe führt zu Tränen.«(Sirach 18, 15-18).

Dank kann man bei Tränen nicht erwarten. Und was würde auch die Aufforderung bringen - »Du kannst mir jetzt aber schon dankbar sein für das, was ich für dich gemacht habe«. Das funktioniert nicht und treibt beide Beteiligten noch weiter auseinander. Ernst gemeintes Wohltun und Dank ist somit untrennbar miteinander verknüpft.

Sirach geht also nicht nur auf die Beziehung zu Gott ein, sondern auch auf die Beziehung von Menschen untereinander, so auch in seinem Kapitel »Vorsicht beim Wohltun«. Das Befremdliche daran ist nur, dass er tatsächlich darauf beharrt, dass man nur Gleichgesinnten Gutes tun soll und dass auch Gott dahinter stehen würde:

»Tu dem Frommen Gutes, so wird dir's reichlich vergolten, wenn nicht von ihm, so doch gewiss vom Herrn. Tu denen nichts Gutes, die beharrlich Böses tun und die selbst nicht gern Almosen geben; gib dem Gottesfürchtigen, doch nimm dich des Gottlosen nicht an.« ­(Sirach 12, 2-4)

Diese Einstellung ist tatsächlich im Einklang mit dem Alten Testament, welche jedoch durch den Inhalt des Neuen Testaments durch die Worte von demjenigen grundlegend modifiziert wird, der auch die Bezeichnung Gottes Sohn trägt. So stehen bei Lukas die bekannten Worte Jesu:

»Aber ich sage euch, die ihr zuhört: Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; [...]«. Weiter unten heißt es: »Und wir ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch! Und wenn ihr die liebt, die euch lieben, welchen Dank habt ihr davon? Denn auch die Sünder lieben ihre Freunde.« (Lukas 6, 27 -32).

Selbstverständlich ist der Gedanke erstrebenswert, seinen Feind zu lieben; würde jeder seinen Feind lieben, gäbe es keinen Feind mehr und das Reich Gottes würde gelebt werden.

Bekanntermaßen ist es allerdings schwer, seinen Feind zu lieben, und Strategien oder Tipps dazu würden hier den Rahmen sprengen.

Nach Sirach, der sich mit der ordentlichen Beziehung zu Gott durch rechte Opfer auseinandersetzt und ebenso mit der Beziehung zum Mitmenschen, was durch Jesus eine Veränderung erfährt, ist folgende Schlussfolgerung möglich:

Tu am besten allen Gutes, schade deinem Gegenüber nicht, auch nicht, wenn du ihn nicht magst - falls du es schon nicht schaffst, jeden Einzelnen, der dir gegenübertritt, zu lieben. Im Gegenzug sollte man jedem Danke sagen, egal ob man ihn mag oder nicht. Dabei sollte der Ausdruck von Dank im übertragenen Sinn jedoch kein Opfer darstellen, sondern eine Selbstverständlichkeit.

Inga Reck-Hurioglu

»Unser Geld ist sicher, auch wenn es draußen kracht«

In Zypern oder Griechenland könnten regionale Währungen die Kraft der Menschen zur Selbsthilfe stärken - wie in Brasilien.

Wolfgang Kessler in  »Publik-Forum«, kritisch - christlich - unabhängig, Oberursel, Ausgabe 7/2013, S. 15

 

Die Verweildauer dieses Artikels in unserem Internet-Auftritt wurde von der Publik-Forum Verlagsgesellschaft auf zwei Monate begrenzt. Deshalb steht dieser Artikel an dieser Stelle leider nicht mehr zur Verfügung.

Dankfest - einmal ganz anders

Als wir am Dank­festsonntag von der Autobahn in die nasskalten Nebelschwaden Degerlochs ein­­bogen, befürchteten wir, dass sich nur wenige Teilnehmer zu einem Besuch ins Templer-Gemeindehaus einfinden würden. Weit gefehlt! 70 hatten sich angemeldet, 98 kamen tatsächlich und füllten den wunderschön zum Erntedank geschmückten Saal.

Wie immer brachten Rumi und Irina Hornung (Klavier und Violine) den Saal durch ihre Musik zur Ruhe, wo sich danach gespannte Erwartung breit machte, denn statt des üblichen Ablaufs des Dankfestes war für heute ein anderes Programm vorgesehen: Ein Jugendsaal.

Dankfest - einmal ganz anders

Frieder Hammer, Melanie Henker, Marcel Henker, Christine Klingbeil, Pedro Lourenzo, Inga Reck-Hurioglu und Hanna Thaler, unsere jungen Mitglieder, hatten zugesagt, diesen besonderen Jugendsaal zu gestalten, obwohl es ihnen bewusst war, dass sie sich nicht zur ­gemeinsamen Planung werden treffen können. Dafür blieben nur E-Mails.

Das Thema »der Dank« war vorgegeben. Dankfest - einmal ganz andersWürde es da Wiederholungen geben? Diese Gefahr sprachen sie alle an, denn für sie schloss der Dank vor allem Beruf, Gesundheit, Freunde und Familie ein. Überraschend war, wie jede(r) ein eigenes Thema fand und es lebhaft begründete. Gute Gedanken!

Damit es nicht zu eintönig wurde, hatte das junge Team geschickt zwischen die Beiträge Verse aus vier Liedern unseres Gesangbuches gewählt, die wir alle miteinander sangen. Recht berührend waren dann noch die beiden im Sprechgesang der Rapmusik vorgetragenen religiösen Texte durch Immanuel Wahl (Gesang), der sich und Frieder Hammer (Rap) am Klavier begleitete. Der ganzen Jugendgruppe möchte ich an dieser Stelle herzlich danken.

Was wäre ein Dankfest ohne Darstellung? Dankfest - einmal ganz andersSind die Kinder doch unser schönstes Geschenk. Wolfgang Blaich fand für die kleine Sophie Klingbeil und ihre Eltern bei der »Darstellung« gute Worte, die er ihnen mit auf den Weg gab. Rumi und Irina ließen die Feier ausklingen.

Danach versammelten wir uns zum Mittagessen, und weil wir so zahlreich waren, musste im Saal und oben im Clubraum eingedeckt werden. Wie es Grid Lange zusammen mit ihrer bewährten Küchencrew fertig brachte, alle mit einem hervorragend mundenden Mahl satt zu bekommen, blieb uns ein Rätsel. 100 Personen - auf einmal - mit Essen zu versorgen, bedeutet einfach Stress in der Küche. Aber hier sei der Einwand erlaubt, dass es für das Team äußerst hilfreich wäre, wenn möglichst jeder sich zum Essen anmelden würde, um beruhigt das Ganze managen zu können.

Ein weiteres Highlight war der Vortrag Dankfest - einmal ganz andersvon Dr. Jakob Eisler, der »Neue (alte) Bilder vom Templerleben in Palästina« zeigen konnte und der es immer wieder versteht, durch sein fundiertes Wissen und genaue Kenntnis die Bilder zum »Sprechen« zu bringen, wobei er sie zusätzlich mit lebhaft vorgetragenen Geschichten untermalt. Vergnüglich anzuhören war die Erzählung über die verschlungenen Lebenspfade des Barons Plato von Ustinov als Dreingabe.

Die vielen mitgebrachten leckeren Torten und Kuchen erlaubten die Bestückung zweier Kuchenbüfetts. Sie hätten einer Konditorei Konkurrenz machen können.

Freudig hatten wir zu Beginn der Dankfestfeier den künftigen Tempelvorsteher Mark Herrmann, seine Frau Marianne und Harald Ruff in unserer Mitte begrüßt. Die Erkenntnis, dass die TGD zwar nur eine kleine, aber sehr lebendige Gemeinde ist, werden sie mit nach Australien nehmen.

Brigitte Kneher

BIBELWORTE - KURZ BETRACHTET

»Lehre uns bedenken, dass wir ster­­ben müssen, auf dass wir klug werden.«

Dieser Vers aus dem 90. Psalm mahnt uns, uns mit unserer Sterblichkeit zu befassen, damit dieser gedankliche Umgang mit unserem begrenzten Leben uns "klug" mache.

Was verändert sich, wenn wir das tun? Zunächst einmal begeben wir uns aus dem Alltag heraus, der uns oft so fordert, dass wir von einer Tätigkeit in die andere, von einer Ablenkung in die andere geraten. Wir haben dadurch eher das Gefühl, unbegrenzt lange so weitermachen zu können. Uns klar zu machen, dass nicht nur die Menschen aus unserer Umgebung sterben, sondern auch unser eigenes Leben begrenzt ist, kann uns zu Fragen bringen, die Sinn machen. Was der Tod ist, was danach geschieht - das sind Fragen, die wir nie beantworten können werden. Aber nach dem Sinn unseres Lebens zu fragen, macht Sinn - und wiederum kann die Auseinandersetzung damit unserem Leben Sinn verleihen: Wie lebe ich mein Leben? Wenn ich wüsste, dass ich morgen sterben muss - würde ich etwas anders machen? In meiner Beziehung zu meinen Mitmenschen, meinem Partner, den Kindern? Würde ich in meinem Berufsalltag etwas verändern?

Von Mozart ist ein Brief an seinen sterbenden Vater überliefert, wonach Mozart, der bekanntlich selber jung gestorben ist, sich immer wieder mit seiner Sterblichkeit befasst hat. So hatte der Tod für ihn nichts Schreckliches mehr, sondern eher Beruhigendes und Tröstendes - er bezeichnete ihn sogar als den Schlüssel zu unserer wahren Glückseligkeit:

»Ich lege mich nie zu Bette ohne zu bedenken, dass ich vielleicht, so jung ich bin, den an­deren Tag nicht mehr sein werde, und es wird doch kein Mensch von allen, die mich kennen, sagen können, dass ich im Umgang mürrisch und traurig wäre, und für diese Glückseligkeit danke ich meinem Schöpfer und wünsche sie von Herzen jedem meiner Mitmenschen.«

So wird uns unser Leben zur unverdienten Gnade, zu gewährter, geschenkter Zeit - jedes neue Jahr hinzugeschenkt, ohne Anspruch auf mehr Zeit, aber verbunden mit der Aufgabe, diese Zeit zu nutzen, solange es unter den Menschen noch Not, Unterdrückung und Ungerechtigkeit gibt.

Solch positives Leben kennen auch Menschen, die die Diagnose einer unheilbaren Krankheit erhalten - und sich dann mit dem bevorstehenden eigenen Tod auseinandersetzen. Dieser schmerzhafte Prozess kann zu der Erkenntnis führen, dass es anderen Menschen möglicherweise ebenso geht, sie nur nichts davon wissen - so wie kein Mensch seine Todesstunde kennt. Aber für den, der darum weiß, wird das Leben unendlich kostbar und er wird alles, was ihm begegnet, sehr viel bewusster und intensiver erleben. Zudem kann sich eine vertrauensvolle Haltung und Gelassenheit gegenüber dem Unabwendbaren einstellen und die Hoffnung wachsen, dass der Tod nicht das letzte Wort hat.

Karin Klingbeil

Wechsel im Amt des Gebietsleiters

Schon seit einiger Zeit war den Mitgliedern der Gebietsleitung bekannt, dass der bisherige Gebietsleiter Wolfgang Blaich für eine weitere Amtszeit nicht zur Verfügung stehen würde. Seither geführte Gespräche mit geeigneten Kandidatinnen oder Kandidaten führten ebensowenig zum Erfolg wie die offizielle Ausschreibung des Amtes in der "Warte", auf die sich niemand meldete. Die Gebietsleitung verfiel deshalb auf eine Idee, die bereits bei der letzten Satzungsänderung im Jahr 2004 im Raum stand: Bereits damals wurde die Frage erörtert, ob es neben der Funktion des Gebietsleiters noch der Funktion eines Gemeindeleiters bedarf (oder umgekehrt), da das »Gebiet Deutschland« im Wesentlichen aus dem Mittleren Neckarraum besteht und sich das gesamte Gemeindeleben de facto in der einzigen Gemeinde in Stuttgart abspielt. Weitere Gemeinden haben sich bekanntlich bisher nicht gebildet. Wolfgang Blaich hat mich deshalb gefragt, ob ich bereit sei, neben dem Amt des Gemeindeleiters das Amt des Gebietsleiters in Personalunion zu übernehmen. Als sich abzeichnete, dass kein Alternativkandidat zur Verfügung stand, habe ich mich schließlich hierzu bereit erklärt, möchte jedoch betonen, dass ich mich nicht nach dieser weiteren Aufgabe gedrängt habe, zumal ich beruflich zumindest für die nächsten zweieinhalb Jahre noch gut ausgelastet sein werde.

Am 5. Oktober 2013 hat mich nun die Mitgliederversammlung der TGD für die nächsten sechs Jahre zum neuen Gebietsleiter gewählt. Ich möchte mich für das darin zum Ausdruck kommende Vertrauen herzlich bedanken. Soweit noch Vorbehalte gegenüber meiner Person bestehen sollten, bitte ich um die Chance, diese ausräumen zu können. Mir ist bewusst, dass mit mir der erste Gebietsleiter der TGD ohne Templerabstammung gewählt wurde und dass man sich an diesen Gedanken erst gewöhnen muss. Wir tun sicher gut daran, dem historischen Erbe verpflichtet zu sein, der größere Wert der Tempelgesellschaft liegt in meinen Augen aber in der freiheitlichen religiösen Ausrichtung unserer Gemeinschaft, für die es zu werben gilt.

Die großen Herausforderungen, vor denen die Tempelgesellschaft weiterhin steht, hängen ohnehin von der Person des Gebietsleiters kaum ab: In einer Zeit, in der die Bindekraft des Religiösen in der Gesellschaft abnimmt, hat es eine liberale christliche Gemeinschaft ohne einengende dogmatische »Leitplanken« besonders schwer, auf dem multireligiösen Markt sinnstiftender Angebote wahrgenommen zu werden. Hinzu kommen interne Probleme wie eine abnehmende und überalterte Mitgliederstruktur und die Verteilung der Arbeit auf wenige Schultern.

Dennoch will ich mich gerne und zuversichtlich für die Zukunft der Tempelgesellschaft auch in meiner neuen Funk­tion einsetzen, bin dabei jedoch auf Ihre und Eure Unterstützung angewiesen. Die Tempelgesellschaft bietet die seltene Gelegenheit, eine religiöse Gemeinschaft nach eigenen Vorstellungen zu gestalten; hierfür sollten wir dankbar sein und uns im Rahmen unserer Möglichkeiten einbringen. Viele Christen in den großen Volkskirchen vertreten persönlich ähnliche Glaubensauffassungen wie wir und würden gerne mehr Mitsprachemöglichkeiten (so wie wir) haben. Nicht zuletzt lebt eine lebendige Tempel­gesellschaft vom Mitmachen ihrer Mitglieder, sonst wird sie irgendwann verschwinden oder allenfalls in Form von Archiv und Zeitschrift fortbestehen. Ich appelliere daher an alle Mitglieder, im Familien- und Freundeskreis für unsere Gemeinschaft zu werben, sich mit eigenen Ideen, zum Beispiel für Veranstaltungen oder Wartebeiträge, einzubringen und aktiv am Gemeindeleben teilzunehmen.

Jörg Klingbeil

Aktuell
Einladung zum Dankfest
Jahrestagung des Bundes für Freies Christentum
Gemeindefreizeit vom 18. - 20. Oktober in Schramberg
Chorkonzert im Gemeindehaus
Regionaltreffen des Bundes für Freies Christentum