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Die Warte des Tempels
Monatsschrift für offenes Christentum
Ausgabe 165/12 - Dezember 2009
Advent - was ist das?
Advent ist für uns Vorweihnachtszeit: vor allem Zeit des Kochens und Backens, des Geschenkekaufens oder -machens. Es gehört zum guten Ton, das als negativ zu betrachten - und doch nehmen wir alle in irgend einer Form daran teil. Ich sehe das nicht negativ. Schenken bedeutet, dass man anderen Freude machen will, und Festvorbereitung bedeutet, dass man das Fest auch festlich begehen will. Dass das Arbeit, auch Hektik, bedeutet, gehörte und gehört wohl zu allen Zeiten zu allen Festen. Es steigert die Erwartung. Viele Adventsbräuche, von den Adventskerzen, die nur eine nach der anderen entzündet werden, bis hin zu den Adventskalendern spiegeln diese Erwartung.
Im Neuen Testament findet sich kein Hinweis auf eine Adventszeit, auch keine Legende, von der sie sich herleiten ließe. In den ersten Jahrhunderten entwickelte sich die Feier der Auferstehung zum größten und wichtigsten christlichen Fest. Seine Bedeutung wurde u.a. dadurch unterstrichen, dass davor eine 4-6 wöchige Fastenzeit angesetzt wurde. Als sich daneben ein Weihnachtsfest etabliert hatte, bürgerte sich, etwa mit dem 6. Jahrhundert, auch vor diesem Fest eine Fastenzeit ein, zunächst noch mit derselben vorösterlichen Liturgie, erst ein bis zwei Jahrhunderte später gab es dafür eigene Texte.
Diese Analogie hat durchaus eine innere Logik. Advent bedeutet das Kommen - das Kommen das Messias. Je eindeutiger in den heidenchristlichen Gemeinden, die eine immer stärkere Mehrheit ausmachten, der Messias zum Gottessohn, zum fleischgewordenen Logos, zur gottähnlichen Gestalt wurde, desto mehr sah man seine "Ankunft" in der Geburt - nicht mehr, wie noch bei Markus, in der Erwählung, in der Taufe; und damit wurde die Zeit vor seiner Geburt symbolisch zu einer Zeit des Kommens. Und das Bild für dieses Kommen war der Einzug Jesu in Jerusalem. Dass hier ein Zusammenhang gesehen wurde, spiegelt sich noch heute in unseren Liedern und Bräuchen. »Dein Zion streut dir Palmen und grüne Zweige hin...«heißt es in einem der verbreitetsten Adventslieder - das Bild des Palmsonntags. Und da es Palmen in Mitteleuropa nicht gab, sind unsere Tannenzweige möglicherweise der Ersatz dafür.
In den evangelischen Kirchen ist der Text für den ersten Adventssonntag auch heute der Einzug Jesu in Jerusalem.
Dass Jesus der Messias, der Begründer und König des Gottesreiches sei, stand für seine Anhänger spätestens seit seiner Auferstehung unumstößlich fest. Und damit stand ebenso fest, dass die Fülle von Bildern, die das Alte Testament, vor allem in den Prophetenbüchern, für diese Gottesherrschaft bereithielt, sich auf ihn bezogen, ebenso die weniger zahlreichen und meist nicht eindeutigen Hinweise auf einen Erwählten, Propheten, Gottesknecht, der am Heraufkommen dieser Gottesherrschaft maßgeblich beteiligt war. Oder umgekehrt: weil diese Bilder und diese Hinweise den damaligen Juden so vertraut waren, sahen diejenigen von ihnen, die Jesus anhingen, ihn selbstverständlich in dieser Rolle.
Ich zitiere einige dieser Prophetenworte aus dem Buch Jesaja, das verschiedene Verfasser hat; weitere finden sich noch bei anderen Propheten. Sie gehören alle in die Zeit des großen Umbruchs im 6. Jahrhundert: die Zerstörung Jerusalems, die Verschleppung ins Exil, die Rückkehr nach Jerusalem mit ihren neuen Problemen. Sie sollten das gedemütigte Volk trösten und wieder aufrichten, ihm eine Hoffnung und ein Ziel geben.
Jesaja 40, 1-4:
»Tröstet, tröstet mein Volk! spricht euer Gott. Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, ihre Schuldvergeben ist. ... Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet dem Herrn einen Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserem Gott! Alle Täler sollen erhöht werden und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, ... denn die Herrlichkeit des Herrn soll offenbart werden.«
Jesaja 42, 1-7:
»Siehe, das ist mein Knecht und mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat. Ich habe ihm meinen Geist gegeben; er wird das Recht unter die Heiden bringen ... Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. In Treue trägt er das Recht hinaus. ...
Ich, der Herr, habe dich gerufen in Gerechtigkeit und halte dich bei der Hand und behüte dich und mache dich zum Bund für das Volk und zum Licht der Heiden, dass du die Augen der Blinden öffnen sollst und die Gefangenen aus dem Gefängnis führen und, die da sitzen in der Finsternis, aus dem Kerker.«
Jesaja 11, 6-9:
»Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern. Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben ... Ein Säugling wird spielen am Loch der Otter, und ein entwöhntes Kind wird seine Hand stecken in die Höhle der Natter. Man wird nirgends Sünde tun noch freveln auf meinem ganzen heiligen Berge; denn das Land wird voll Erkenntnis des Herrn sein, wie Wasser das Meer bedeckt.«
Jesaja 2, 2-5:
»Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des Herrn Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns auf den Berg des Herrn gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weissagung ausgehen und des Herrn Wort von Jerusalem. Und er wird richten unter den Heiden und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, lasst uns wandeln im Lichte des Herrn.«
Eben diese Bilder meinte Christoph Hoffmann, wenn er von der Weissagung sprach. Sie beschwören mit immer neuen Worten die Herrlichkeit Gottes - seine unfassbare Größe und Macht und seine Güte. Sie beschwören das Kommen des Gottesreichs, sie malen es als einen Zustand der Gerechtigkeit und Fülle - »ich will in der Wüste wachsen lassen Zedern, Akazien, Myrten und Ölbäume«, der Sicherheit - »fürchte dich nicht, ich bin bei dir«, und der Hilfe für die Schwachen. Sie haben jahrhundertelang, von den frühen Christen bis zu den späten Templern, Menschen begeistert und angespornt. Ich habe so ausführlich aus ihnen zitiert, weil ich etwas spürbar machen wollte von ihrer Schönheit und Suggestivkraft.
Und von ihrer eigenartigen Ambivalenz. Täler, die erhöht, und Berge, die erniedrigt werden, um Gottes und des Volkes Weg eben zu machen, sind keine Bilder eines realen Reiches oder Zustands; gleichzeitig wird ganz konkret auf die politische Situation Bezug genommen, wird die Rückkehr nach Jerusalem verheißen.
Oft wird nicht klar, von wem die Rede ist: von einem Auserwählten (Messias, "mein Knecht") oder vom Volk Israel.
Auch die Form wechselt immer wieder. Meist ist es Weissagung: so wird es sein - nach Gottes Willen. Aber dazwischen, in der gleichen Textstelle, ist es immer wieder auch Aufforderung: »Lasst uns wandeln im Lichte des Herrn« - auf dass es so werde.
Ähnlich ambivalent bleibt auch, wem das Heilsversprechen gilt. In erster Linie dem Volk Israel: die Herrlichkeit des Herrn erscheint über Jerusalem, und die Heiden ziehen zu diesem Licht hinauf. Aber an anderer Stelle heißt es, dass Könige der Heiden Jerusalems Mauern bauen werden und Fürstinnen seine Dienerinnen seien. In der Vision des Propheten ist die Gottesherrschaft, auch wenn sie allen Heil bringt, primär Herrschaft des Volkes Israel.
Die Verheißung der Propheten hat sich nicht erfüllt. Zwar durften die Juden zurückkehren, und sie sahen im Perserkönig Kyros, der ihnen das - aus politischen Gründen - gestattete, den Beauftragten Gottes. Aber dann kam nicht das Gottesreich, sonder Not und Elend in der zerstörten Stadt, Streit zwischen den Dagebliebenen und den Zurückgekehrten, Streit um die richtige Auffassung und Einhaltung des Gesetzes, durch die man die Gnade Gottes wieder zu erlangen hoffte.
Trotzdem blieben diese Bilder und Verheißungen im Judentum lebendig. Als Jesus seine Predigt begann: »Das Gottesreich ist nahe herbeigekommen«, dürften alle seine Zuhörer diese Bilder vor sich gesehen haben. Aber er, dessen Predigt unablässig um das Gottesreich kreiste, verwendet sie nicht. Seine Bilder sind ganz andere: von der Perle, für die ein Kaufmann sein ganzes Vermögen hingibt. Vom Senfkorn, das zum Baum wächst, bis alle in seinem Schatten sitzen können; von etwas, in das man hineinkommen, an dem man teilhaben kann, im Maße der eigenen Bereitschaft. Es gibt bei ihm keine Bilder der Macht und der Herrlichkeit, auch keine der paradiesischen Fülle - statt dessen das der Kinder, die bedingungslos vertrauen.
Damit ist Gottersherrschaft etwas geworden, was nicht das Volk Israel betrifft, sondern den Einzelnen - oder die vielen Einzelnen und ihre innere Haltung.
Und weil sie etwas ist, das allmählich wächst, wächst sie in einer Welt, in der es weiter Not und Leiden gibt. Deshalb gehört dazu auch, was wir in dieser Welt brauchen: Trost und Hilfe und Vertrauen.
Allerdings: auch Jesus hat wie die Propheten erwartet, dass das Gottesreich in unmittelbarer Zukunft anbrechen würde: »denn das Gottesreich ist nahe herbeigekommen«. Das spiegelt sich in seiner Anweisung an die Jünger: »Ihr werdet mit den Städten Judas nicht zu Ende kommen, bis der Menschensohn kommen wird«, oder im Bild vom Bräutigam, der kommt, wenn man ihn nicht erwartet.
Wie er das zusammengesehen hat mit seiner Vorstellung vom Wachsen des Gottesreichs, wissen wir nicht. Vielleicht hat er sich das Wachsen schneller vorgestellt, vielleicht daneben auf ein direktes Eingreifen Gottes vertraut.
Wir wissen, dass diese Erwartung sich nicht erfüllt hat, nicht für ihn, nicht für seine frühen Anhänger, die noch jahrzehntelang in dieser Erwartung gelebt haben, nicht für die vielen, die in der langen Geschichte des Christentums immer wieder alles an diese Erwartung gesetzt haben, nicht für Christoph Hoffmann und seine Anhänger.
Ist damit Jesus wirklich der Messias, der Erwählte, der das Gottesreich heraufgeführt hat? Ist er es für uns? Für Hoffmann war es der Angelpunkt seines Glaubens. Können wir ihm darin noch folgen?
Nein, wenn wir, wie er es tut, im Sinne des Propheten Gottesreich als Herrschaft sehen, die sich einmal - früher oder später - durchsetzt und die Welt in ihren Bann zieht. Ja, wenn wir uns an Jesu Bild vom Samen halten, von der Pflanze, die wächst - ich ergänze: langsam, nicht gleichmäßig und nicht gesichert. Sie kann auch hier und dort verdorren, aber sie streut Samen aus, aus dem neue Pflanzen wachsen. Das war für Hoffmann - und ich denke, auch für Jesus - der wesentliche Teil des Reich-Gottes-Glaubens. Und diesen Samen hat Jesus gelegt.
Deshalb möchte ich schließen mit einem Psalmwort (Psalm 24, 7ff), das auch bei den Propheten auftaucht und für uns eng zum Advent gehört: »Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehren einziehe.«
Der Psalm geht wahrscheinlich auf die Zeit vor dem ersten Tempelbau zurück, er war ein Lied, das man sang, wenn die Bundeslade in ein anderes Heiligtum gebracht wurde: Gott zog ganz real in ein neues Haus ein. Für die Propheten bedeutete der gleiche Psalm, den Weg für die Gottesherrschaft zu bereiten.
Wir kennen ihn wohl eher in der Form des bekannten Adventsliedes, das auf ihm fußt: »Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit«. Dort heißt es in der 3. Strophe (in den anderen klingt dasselbe an): »O wohl dem Land, o wohl der Stadt, die diesen König bei sich hat! Wohl allen Herzen insgemein, wo dieser König ziehet ein«.
Gott in unserem eigenen Herzen und in unserer eigenen Umgebung Raum zu geben - das ist wohl eine Interpretation, die auch für uns noch Bedeutung hat.
Brigitte Hoffmann
BIBELWORTE - KURZ BETRACHTET
Gerechtigkeit ist mehr
Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen. Denn wahrlich, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht. Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und lehrt die Leute so, der wird der kleinste heißen im Himmelreich; wer es aber tut und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich. Denn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.
(Matthäus 5, 17- 20)
Zusammen mit der »goldenen Regel« in Matthäus 7, 12 (»Alles nun, was ihr wollt, das euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten.«) umrahmt diese Kernaussage über Gesetz und Gerechtigkeit den Hauptteil der Bergpredigt. Will Jesus hier einer Buchstabengläubigkeit das Wort reden? Denn mit dem "Gesetz", das er nicht "auflösen" will, meint er ja zunächst die 613 unterschiedlichen Vorschriften der Thora, darunter grundlegende Sittenregeln wie die zehn Gebote, aber auch zahlreiche - uns heute eher fremde - rituelle Regeln alltäglicher Art. Das bietet aber keinen Anlass für christliche Überheblichkeit, denn früher sind von den Kirchen unter Berufung auf diese und ähnliche Bibelstellen oft detaillierte "Tugend-Kataloge" aufgestellt worden, deren Übertretung als "Sünde" galt. Auch wir fühlen uns oft innerlich gebunden durch das, was Eltern und andere Autoritäten uns in guter Absicht beigebracht haben ("das tut man nicht"); diese Weisungen und Erwartungen können in uns leicht zu einer absoluten Norm werden und so zur Unfreiheit führen. Jesus meinte etwas anderes: Wenn Ge- oder Verbote nicht dem Gebot der Liebe entsprachen, hielt er ihre Befolgung für überflüssig, zumindest was ihn selbst anging (z.B. Relativierung des Gebots der Sabbatruhe und ritueller Speisevorschriften). An keiner Stelle der Bibel wird aber berichtet, dass er die Gebote in Gänze nicht beachtet hat oder dazu aufrief, sie nicht zu beachten. Das macht auch diese Bibelstelle deutlich: Jesus will die Regeln nicht aufheben, sondern mit Sinn erfüllen. Seine Gerechtigkeit ist mehr als die Erfüllung formaler Vorschriften. Ihm geht es um die unmittelbare Beziehung zu Gott und die der Menschen untereinander. Seine Botschaft könnte man daher vielleicht so umschreiben: Lasst euch nicht den Weg zu Gott durch tausend Regeln verstellen, die ihr erst erfüllen müsst, wenn ihr von Gott angenommen werden wollt; das macht euch unfrei. Gott hat euch ohne Bedingungen angenommen. Das macht euch wirklich frei. Denn alle Gesetze sind für den Menschen gemacht und nicht umgekehrt.
Jörg Klingbeil
»Ohne Liebe ist nichts wahr«
Der Franziskanerorden wurde im 13. Jahrhundert vom Heiligen Franz von Assisi ins Leben gerufen. In diesem Jahr feiert der Orden sein 800-jähriges Jubiläum. Die Ordensmitglieder leben nach den franziskanischen Regeln in eheloser Keuschheit, Armut und Gehorsam. Sie verdienen ihren Lebensunterhalt durch die Arbeit als Priester und als Pädagogen oder in anderen sozialen und handwerklichen Berufen. Der Orden erhält keine Kirchensteuer.
Die Brüder sehen ihre Aufgabe vordringlich in der Seelsorge. Ihr erklärtes Ziel ist es, die Menschen auf ihrem Lebensweg zu unterstützen.
In der Zeitschrift »Publik-Forum« ist ein Interview mit dem amerikanischen Franziskanerpater Richard Rohr erschienen unter der Frage »Ist die franziskanische Spiritualität heute noch aktuell?«
Ich finde die Aussagen des Franziskaners äußerst interessant und aktuell, auch für uns Templer, was mich dazu bewogen hat, einen Auszug aus dem Interview hier wiederzugeben.
Ist die franziskanische Spiritualität heute noch aktuell?
R.R.: Franziskus war seiner Zeit weit voraus. Mit seinem Plädoyer für Gewaltlosigkeit war er um Jahrhunderte weiter als der Mainstream der Kirche damals. Dasselbe gilt für seine ökologische Spiritualität, sein Engagement für die Erde und alle Geschöpfe. Franz von Assisi und die frühen Franziskaner hatten ein ganzheitliches Verständnis von Spiritualität. Das ist es, was ihre Spiritualität heute sehr zeitgemäß erscheinen lässt.
Was macht den Kern der franziskanischen Spiritualität aus?
R.R.: Die Liebe! Die frühen Franziskanischen Mystiker betrachteten nicht die Wahrheit als das höchste Ideal des Lebens, sondern die Liebe. Sie waren davon überzeugt, dass unter spirituellem Gesichtspunkt nichts wahr sein könne, sofern es nicht in Liebe geschieht. Für mich hat gelebte Liebe nach wie vor eine hohe aktuelle Bedeutung.
Können Sie das an einem Beispiel verdeutlichen?
R.R.: ... Menschen beziehen gegeneinander Stellung. Verbissen und lieblos behaupten sie ihre jeweiligen Wahrheiten. Sie geben der Wahrheit den Vorrang - beziehungsweise dem, was sie für die Wahrheit halten - aber nicht der Liebe. ... Die daraus folgenden Konflikte sind ein Beispiel dafür, was passiert, wenn Menschen eine abstrakte Wahrheit zu einem höheren Ideal erheben, als die Liebe. Die franziskanische Spiritualität sagt dagegen: Wir müssen das Herz offen halten.
Das Bewusstsein der Liebe ist aber doch keine Besonderheit des Christentums?
R.R.: Nein. Sie finden es in allen mystischen Traditionen der verschiedenen Religionen. Denn die Mystik hat immer den Vorrang der Liebe betont ... Das mystische Liebes-Bewusstsein führt dabei zur Erkenntnis des "Nicht-zwei". Das ist eine hoch entwickelte Form des Bewusstseins, die keinen Dualismus mehr kennt, also kein Entweder-oder, Alles-oder-nichts, Mein-oder-dein, Für-mich-oder-gegen-mich. Dieses Bewusstsein schafft neue Zugehörigkeiten und Gruppen.
Wo sehen Sie im Christentum - außer in der Mystik - ein nichtduales Bewusstsein?
R.R.: Bei Jesus von Nazareth selbst.
Aber so wird er in den seltensten Fällen wahrgenommen. Warum?
R.R.: Eben weil er sich auf einer höheren Bewusstseinsebene bewegte. Aus ihr heraus lehrte er, aus ihr heraus baute er Brücken, riss er Grenzen ein. ... Leider wird die Bergpredigt Jesu meist ignoriert, weil sie das Verbindende und nicht das Trennende betont. ... Christen können oft damit nicht umgehen. Denn es lässt sich kein Dogma daraus machen. »Selig sind die Friedfertigen, selig sind, die Leid tragen ...« was soll man mit solchen Aussagen anfangen? Man kann darauf keine Kirche errichten. Also erklärt man die Seligpreisungen zur Poesie, zu schönen Worten.
Verstehen wir Jesus also falsch, wenn wir ihn für einen Religionsgründer halten?
R.R.: Jesus kam nicht, um mit anderen Religionen in einen Wettbewerb zu treten. Er kam, um allen zu sagen, dass die Religionen und ihre Institutionen lediglich Mittel sind und nicht Zwecke an sich. Er ging mit dem jüdischen Glauben deshalb so hart ins Gericht, weil sich das Judentum seiner Zeit zum Selbstzweck erklärt hatte: zu einer Religion, die mit anderen Religionen konkurriert. ...
Stimmt dann die Einwendung, dass Jesus keine Religion, sondern das »Reich Gottes« gepredigt habe?
R.R.: Ja, wobei das »Reich Gottes« kein geografischer Ort, sondern ein Zustand unseres Bewusstseins ist, ein großes Bild. Es gilt hier und jetzt und nicht irgendwann in der Zukunft. Wenn Sie in diesem Bewusstsein leben, dann erkennen Sie, dass Buddhisten und Hindus und Muslime und Christen alle im Reich Gottes aufgehoben sind. Franziskus dachte und fühlte nichtdual. Er sah Gott überall, nicht nur in seiner eigenen Gruppe oder Religion.
In der sogenannten Postmoderne haben viele Menschen den inneren Halt verloren. Stattdessen suchen sie nach einer äußerlichen Identität, die ihrem Leben Bedeutung geben. Viele junge Menschen orientieren sich folglich an äußeren Bildern von Erfolg, Macht, Geld oder Attraktivität. Doch all das ist zerbrechlich. Wenn sie das einmal begriffen haben, suchen sie oft die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, die ihnen sagt:»Du bist okay, weil du mit uns die Wahrheit teilst.« So entsteht Fundamentalismus. Man findet ihn in allen Religionen. Er tötet die Spiritualität.
Fundamentalismus ist auch im Christentum verbreitet. Was sollten die Kirchen ihm entgegensetzen?
R.R.: Sie sollten die Innerlichkeit ins Zentrum rücken, die innere Erfahrung, das Vermögen zur Erkenntnis Gottes. Solange unsere Kultur auf das Äußere fixiert ist und wir Maß nehmen an einer äußerlichen Moral und an äußerlichen Statussymbolen, gelangen wir nie in diesen inneren Raum. Und leider sind es ausgerechnet die Kirchen, die die Menschen oft an dieser Veränderung hindern. Der Katholizismus hat stets Äußerlichkeiten überbetont: Päpste, Priester, Bischöfe. Der Protestantismus hat das korrekte Verständnis des Bibeltextes überbetont. Bibeltreue sieht dann zwar aus wie eine innere religiöse Erfahrung, ist es aber nicht. Es ist lediglich der Versuch, sich selbst durch ein Bekenntnis aufzuwerten.
Und diese Gefahr droht nicht, wenn wir innere Erfahrungen machen?
R.R.: Worte sind immer dual, Erfahrungen hingegen sind immer nichtdual. Wir müssen Raum schaffen für Erfahrungen jenseits der Worte - Erfahrungen, die vor den Worten liegen, die größer sind als Worte.
Was empfehlen Sie Menschen, die heute nach einer innerlichen Spiritualität suchen?
R.R.: Ich lehre Übungen, nicht Glaubenssysteme - Übungen, die sie machen können, um einen neuen Zugang zu ihrem Inneren zu gewinnen, z.B. kontemplative Meditation.
Und auf diese Weise können die Menschen ausbrechen aus den Strukturen ihrer Ich-Bezogenheit?
R.R.: Ja. Denn die Dominanz des Ich verhindert jedes geistige Wachstum. Aber die Kirchen unterstützen diese Dominanz des Ich auch noch. Sie predigen den Menschen, dass sie aus eigenen Stücken in den Himmel kommen, wenn sie ein moralisch perfektes Ich haben. Als ob ein Ich perfekt sein könnte! Lächerlich! Notwendig wäre die Befreiung vom Ich, damit die Menschen erfahren können, was Jesus meinte, als er sagte: »Ich und der Vater sind eins.« Dieses Einheitsbewusstsein bleibt dem autonomen Ich unweigerlich verschlossen.
Franziskanerpater Richard Rohr
Aus »Publik-Forum« Nummer 18 / 2009, gekürzt von Wolfgang Blaich
Die einzige Wahrheit
Vor ein paar Jahren hielt ich einen Vortrag über die Idee einer Spiritualität ohne Gott. Danach wurde ich von einigen Leuten angesprochen, unter ihnen ein älterer Mann, der sich als Priester vorstellte. »Ihr Vortrag hat mir sehr gefallen«, sagte er. »Ich bin ganz Ihrer Meinung«. Ich fragte nach: Immerhin glaube ich nicht an die Existenz Gottes oder die Unsterblichkeit der Seele, damit können Sie nicht einverstanden sein! Der Priester lächelte. »Das alles«, antwortete er, »hat so wenig Bedeutung. Es ging um die Existenz Gottes und die Unsterblichkeit der Seele, und er war ein katholischer Priester! Ich weiß nicht, was sein Bischof von seiner Bemerkung gehalten hätte. Ich jedenfalls sah darin den wahren Geist des Evangeliums. Was ich von dessen Lektüre behalten habe, ist weniger, was Jesus über ein mögliches Leben nach dem Tod sagt - übrigens nicht allzu viel -, sondern was er über das irdische Leben sagt. Erinnern Sie sich an den barmherzigen Samariter! Wir wissen nichts von seinem Glauben. Er ist nur der Nächste seines Nächsten. Daraus habe ich geschlossen, dass sich der Wert eines Menschenlebens nicht danach bemisst, ob dieser Mensch an Gott oder an ein Leben nach dem Tod glaubt. Die einzige Wahrheit in Bezug auf diese beiden Fragen ist, dass wir nichts darüber wissen.«
André Comte-Sponville, 57, Philosoph und Atheist - nach Publik-Forum Nr. 18/2009
Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes - aber nicht zu sehr?
Ich habe ein Fragezeichen hinter diesen Titel gesetzt. Auf den ersten Blick steht er im Widerspruch nicht nur zu dem, was wir als die Grundlage templerischen Glaubens und Lebens betrachten, sondern auch zu zahlreichen Aussprüchen Jesu. Nur ein Beispiel: »Wer die Hand an den Pflug legt und blickt zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.« (Lukas 9, 62). Darf es dazu eine Einschränkung geben?
Im »Templer Record« vom Juli dieses Jahres erschien ein Artikel von Hertha Ulherr mit einem ganz ähnlichen Titel: »Strive, but not obsessively« - Streben, aber nicht bis zur Besessenheit. Kurz zuvor hatte ich einen Saalvortrag gehalten mit anderem Titel, aber ähnlicher Ausrichtung, anderen Argumenten, aber ähnlichem Ergebnis. Da mir scheint, ein Vergleich der Ähnlichkeiten wie der Unterschiede könnte interessant sein, bringe ich im folgenden Auszüge aus beiden (diejenigen Herthas von mir übersetzt).
Vom erfüllten Leben
Teil 1/2
Hertha setzt ein mit einem Widerspruch: auf der einen Seite der umfassende Ausspruch, den unser Losungslied ausdrückt:
»Nach dem hohen Ziele richte aus dem Staub sich unser Blick, unsre Seele sinn und dichte nur das ewig wahre Glück.«
Das hohe Ziel: die Vervollkommnung der Menschheit, eine friedliche und harmonische Gesellschaft - das Reich Gottes auf Erden. Daneben stellt sie einen persönlichen Eindruck und eine persönliche Reaktion.
»Aber auch, wenn wir uns voll und ganz identifizieren mit dem Wunsch und dem Streben, um uns herum ein Stück Reich Gottes zu verbreiten, so bedeutet das nicht, dass wir humorlose "killjoys" (Spielverderber) sein sollten. Als ich die "Erinnerungen eines alten Templers aus Haifa" las, war ich schockiert über die enge Frömmigkeit einiger unserer Vorfahren: dass es am besten sei, nicht zu lachen; über die harte Verurteilung der Schönheit; die Furcht, dass Fröhlichkeit und alle Ausschmückung sündig seien,und die folgende Frage, ob hässliche Dinge Gott am wohlgefälligsten seien.«
In der weiteren Ausführung orientiert Hertha sich an einem Buch von Roger Housden »Seven sins for a life worth living« (Sieben Sünden für ein lebenswertes Leben), eine Art Anleitung zu einem besseren Leben, wenn wir die normalen, vernünftigen Werte, auch manche der als christlich geltenden, über Bord werfen (Manchmal? Immer?). Von den sieben Sünden behandelt sie vier:
Das Vergnügen, närrisch zu sein. Da als Beispiel die Verliebtheit genannt wird, ist wohl gemeint: manchmal, in bestimmten Situationen auf die übliche Selbstkontrolle zu verzichten.
Das Vergnügen daran, nicht perfekt zu sein. Das Vergnügen, manchmal nichts Nützliches zu tun - dann könnten sich kreative Ideen entwickeln (die viel zitierte Erleuchtung in der Badewanne). Das Vergnügen am Gewöhnlichen.
Ich zitiere die Ausführungen zu den beiden, die mir am wichtigsten scheinen.
»a. Das Vergnügen daran, nicht perfekt zu sein. Zum Beispiel an unseren Körpern. Nur die wenigsten sind perfekt, meistens ist etwas daran unserer Ansicht nach nicht so, wie es sein sollte. Viele Menschen lassen vieles machen, um sich zu verbessern (oder ihr Aussehen? ab hier ist nicht deutlich, ob nur der Körper oder der ganze Mensch gemeint ist - vielleicht beides), doch diese Arbeit an sich selbst scheint nie zur vollen Befriedigung zu führen, weil Grenzen und Unvollkommenheiten in unseren genetischen Code eingebaut sind. Es liegt eine große Freude darin, anzunehmen, dass wir gut sind so, wie wir sind, mit Warzen und allen Fehlern.
There is a crack, a crack in everything That is how the light gets in (Leonard Cohen) Es ist ein Sprung, ein Bruch in allem Sein. Durch ihn nur bricht das Licht herein. ...
Irren ist menschlich. Wir machen unsere Fehler meist nicht in böser Absicht, erst im Nachhinein erkennen wir, dass etwas ein Fehler war. Meist tun wir das, was wir im Augenblick für das Beste halten. Ist es nicht eine Verschwendung unserer Energie, wenn wir uns (oder andere) quälen wegen eines Fehlers?
b. Das Vergnügen am Gewöhnlichen. Wie bitte? Wir wollen etwas Besonderes sein und so gesehen werden. Gewöhnlich zu sein ist so - gewöhnlich. Was steckt hinter diesem Wunsch? Wollen wir uns dadurch lebendiger, wertvoller fühlen? Aber wir nehmen unsere Ängste und Unsicherheiten überall hin mit ...
Vielleicht sollten wir unsere Vorstellungen von dem, was wertvoll und was weltlich ist (im christlichen, abwertenden Sinne?), überprüfen. Haben wir die Freude an den bescheidenen Dingen entdeckt? An einigen Minuten in der Wintersonne mit einer Tasse Tee und einer schnurrenden Katze auf dem Schoß? Am Beobachten, wie Kinder und Hunde im Park Fangen spielen? An unserer spontanen Umarmung durch ein Kleinkind? An einem lächelnden Gesicht in einer Warteschlange? Am Leuchten einer bunten Glasvase auf dem Fenstersims? Solche gewöhnlichen Dinge - und gewöhnliche Menschen - werden lebendig durch unsere Beachtung, indem wir sie zur Kenntnis nehmen, schenken sie uns Augenblicke unerwarteter Freude. Wir sollten stillhalten und sie genießen.«
So viel von Herthas Zusammenfassung und/oder Kommentar zu Roger Housden's Thesen. Sie schließt mit einem eigenen Abschnitt, und mit dessen ersten Sätzen setzt sie die Einschränkung: Ja, aber... Das stimmt, aber nur manchmal, nur in bestimmten Situationen, nur für bestimmte Menschen usw.
»Da wir Templer sind, werden wir nicht in Faulheit verfallen. Wir werden weiter ... danach streben, unseren Glauben in Handeln umzusetzen. Aber wir können unser kurzes Leben reicher machen, wenn wir es bewusst leben, uns freuen am Schmecken, Berühren, Sehen, Hören, wenn wir uns dazu die Ruhe gönnen. Ich glaube, wir beleidigen die göttliche Lebenskraft, wenn wir all die Vielfalt, die sie uns schenkt, nicht beachten und sie nicht genießen. Ein Gott, der Freude verbietet, sagt mir nichts. Meiner Ansicht nach will die schöpferische Lebenskraft, dass wir das Leben feiern. - Wie immer, ist Ausgewogenheit der Schlüssel.«
Auch der letzte Satz ist eine Andeutung einer Einschränkung: es braucht eine Ausgewogenheit zwischen dem ernsten Streben und der selbstbezogenen Lebensfreude. Wie die aussieht, wo für jeden Einzelnen das "richtige" Gleichgewicht liegt, dafür gibt es keine Regel. Sicher ist nur, dass wir - nicht jeder einzelne, aber jede Gemeinschaft - beides brauchen.
Ich möchte den "Sünden" Housdens eine hinzufügen: die Freude am Widerspruch. Nicht am Widersprechen, sondern an der Tatsache, dass die Welt aus Widersprüchen besteht. Jeder Mensch ist ein Bündel von Widersprüchen, fast jede unserer Handlungen entspringt aus mehreren, oft sich widersprechenden Motiven - z.B. dem Wunsch, anderen zu helfen und dem, oft unbewussten, Bedürfnis, sich selbst dabei gut zu fühlen. Viele unserer Wünsche widersprechen sich gegenseitig - wir wollen Vergebung, göttliche und menschliche, aber wir wollen auch Gerechtigkeit. Jedes Ideal trägt seinen Widerspruch in sich und zeigt ihn, sobald man es zu verwirklichen sucht, usw. Diese Widersprüche machen das Leben schwierig - aber sie machen es zugleich lebendig und entwicklungsfähig. Vielleicht können wir versuchen, uns nicht an ihnen aufzureiben, sondern sie zu bejahen, die Widersprüche und die Vielfalt, die aus ihnen entspringt.
There is a crack, a crack in everything. That's where the light comes in.
Brigitte Hoffmann
Teil 2/2 - Das Reich Gottes und die Freude - erscheint in der nächsten Ausgabe.
Bäume statt Bohrtürme
Das ist der Titel eines Artikels in »Publik Forum« (Nr. 16, August 2009, S. 29).
Ich gebe ihn im folgenden stark verkürzt wieder, samt einer Erklärung, warum wir darüber berichten, im Unterschied zu anderen Initiativen zur Rettung des Regenwalds. Es gibt unendlich viele davon - z.B. die Anleitung der Bevölkerung dazu, wie sie ihn ökonomisch nutzen kann, ohne ihn zu zerstören -, aber sie sind notgedrungen alle lokal begrenzt, ein Tropfen auf den heißen Stein. Das könnte in diesem Fall anders sein.
Es geht um einen Vorschlag des Präsidenten von Ecuador, Rafael Correa. Die Voraussetzungen: Ecuador ist ein Entwicklungsland, fast ohne nennenswerte Industrie, aber mit reichen Erdölvorkommen, deren Ausbeutung den Hauptteil an den Deviseneinnahmen des Landes erbringt. Einen Teil seiner Fläche - etwa ein Viertel der Größe der Schweiz - macht der Yasuni-Nationalpark aus, ein Naturschutzgebiet, das zu den artenreichsten der Welt zählt. Nur ein Beispiel: Hier finden sich auf der Größe eines Fußballfeldes fast so viele Baumarten wie in ganz Nordamerika. Für die Fauna gilt Ähnliches. Zudem leben dort Indianerstämme, die dem Kontakt mit der westlichen Welt aus dem Weg gehen.
Dieses Paradies ist akut bedroht. Rund 20% der Erdölvorkommen Ecuadors liegen im Nationalpark, und der Druck auf die Regierung, dort Bohrungen zuzulassen, wächst. Unmittelbar nordöstlich des Parks wird seit Jahren kommerziell gebohrt, und die Folge ist totale Verwüstung. Gegen einen US-Konzern läuft eine Milliardenklage wegen der Schäden an Mensch und Natur. Die dortige Bevölkerung, die vor allem eine bessere ärztliche Versorgung und mehr Schulen und Lehrer möchte, sieht von dem Ölreichtum so gut wie nichts.
Correas Vorschlag: die Regierung verzichtet auf die Förderung dieses Rohöls, wenn die internationale Gemeinschaft im Gegenzug über einen Zeitraum von 20 Jahren für einen Teil der Deviseneinkünfte, die Ecuador dadurch entgehen, aufkommt. Er schlägt 350 Millionen Dollar pro Jahr vor. Das Geld wird von einer internationalen Treuhandkommisssion (evtl. bei den UN) verwaltet. Mit den Zinsen will Ecuador »den Erhalt von Naturschutzgebieten, Wiederaufforstung, den Ausbau erneuerbarer Energien, Energiesparprogramme, Sozialprogramme unter Mitwirkung der Einwohner« finanzieren.
Die Vorteile wären enorm: ein Stück Regenwald und damit die Artenvielfalt würden geschützt, und der Klimaschutz profitierte gleich doppelt: durch den Regenwald und durch die Vermeidung CO2-Emissionen von ca. 410 Millionen Tonnen (in 20 Jahren). Zudem wäre das wenigstens ein kleiner Beitrag zu mehr globaler Gerechtigkeit.
Und das Schönste daran: er scheint verwirklichbar. Seit Juni reisen Correas Beauftragte durch die Industrieländer - und sie stoßen fast überall auf offene Ohren. Vor allem England und Deutschland engagieren sich für die Initiative. Deutschland müsste 30 Millionen Dollar zahlen und hat 50 zugesagt, der Bundestag unterstützt den Plan fast einstimmig. Auch andere Industrieländer - die USA, Spanien, Italien, die Niederlande reagierten "sehr positiv". Sobald genügend Länder zugestimmt haben, könnte der Treuhandfonds gegründet werden. Und je mehr zustimmen, desto größer wird der Druck auf die anderen.
Natürlich gibt es auch Bedenken, vor allem, was die Durchführung betrifft. Wie garantiert man, dass beide Seiten sich an die Absprachen halten, möglichst auch über die 20 Jahre hinaus? Die Verwendung der Gelder durch die ecuadorianische Regierung scheint nicht Teil des Vertrages zu sein - kontrolliert sie jemand? Die betroffenen Indianer selbst sind skeptisch. Kommentar eines ihrer Vertreter: »Es wäre toll, wenn das funktionieren würde. Aber Öl ist verführerisch.« Schon jetzt bohrt eine spanische Firma illegal im Nationalpark.
Dieser Vorschlag könnte ein Meilenstein sein im Kampf gegen Klimawandel und Umweltzerstörung. Er könnte ein Pilotprojekt werden auch für Verträge mit anderen Tropenländern wie z.B. Indonesien, Kongo, Peru, die Regenwälder abholzen für die Ausbeutung von Rohstoffen.
Brigitte Hoffmann
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