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Die Warte des Tempels
Monatsschrift für offenes Christentum
Ausgabe 165/11 - November 2009
Gott in der Evolution?
»Hinter der gewaltigen Geschichte des Universums muss eine ordnungsstiftende Kraft stecken«
Die »Warte« bringt zum Darwin-Jahr (siehe auch unsere Texte im Februar-und Oktober - Heft) hier nochmals einen Beitrag. Nachdem im letzten Heft ein Theologe zur Evolutionslehre Stellung genommen hat, äußert sich im Folgenden nun ein Naturwissenschaftler zu den damit verbundenen religiösen Fragen. Das folgende Gespräch zwischen den »Evangelischen Kommentaren« und dem Wissenschaftspublizist und Autor zahlreicher Sachbücher Professor Dr. Hoimar von Ditfurth (1989 in Freiburg gestorben) ist zwar schon vor 20 Jahren, einige Monate vor seinem Tod, geführt worden, hat aber an Bedeutung seither nichts verloren.
»Evangelische Kommentare«:
Natur und Schöpfung, das Weltbild der Naturwissenschaften und die Welt des Glaubens - sind dies nicht zwei Welten, die nicht miteinander vermittelt werden können?
Professor von Ditfurth:
Meine Meinung ist das ganz und gar nicht. Es ist evident, dass der Sachverhalt, über den man zweifelsfrei miteinander reden kann, das Vorhandensein der Welt ist. Dabei sind erkenntnistheoretische Einschränkungen zu machen: Das, was wir erleben, ist ja nicht die Welt als objektive Realität, sondern ist der Ausschnitt, den wir auf Grund unserer Sinnwahrnehmungen, unserer angeborenen Denkstrukturen, auf Grund eines dem augenblicklichen Evolutionszustand entsprechenden Erkenntnishorizonts von der Welt wahrnehmen. Wir leben nicht in der Welt, wir leben in dem Bild, das wir uns von der Welt machen. Sobald über diese Welt gesprochen wird, sind allerdings verschiedene Interpretationen möglich über den Sinn ihrer Existenz. Und angesichts der offensichtlichen Ordnung dieser Welt kann man fragen: Worauf beruht diese Ordnung? Und da geben Naturwissenschaftler und Theologen nun unterschiedliche Antworten. Aber: Sie reden doch von demselben. Ein Theologe, der von der Schöpfung spricht, meint die gleiche Welt, deren kausale, rational erschließbare und analysierbare Zusammenhänge der Naturwissenschaftler aufzuklären versucht.
Woher wissen wir eigentlich, dass dies so ist? Haben wir nicht jahrhundertelang so geredet, als sprächen wir von etwas Verschiedenem?
Verschieden redet man dann von der Welt, wenn man sich wie der Naturwissenschaftler positivistisch auf das Messbare, Wägbare, Reproduzierbare beschränkt. Und dann sagt der Theologe: Damit hast du das Wesentliche an der Schöpfung überhaupt nicht erfasst. Er beruft sich dabei auf sein Offenbarungswissen. Demgegenüber wird der Naturwissenschaftler skeptisch: Was heißt eigentlich Offenbarung? Wer hat dir wann was offenbart? Wo ist deine Quelle? Man hat dann Grenzen für Zuständigkeiten gezogen. Mit dieser schiedlich-friedlichen Arbeitsteilung hat man sich lange zufrieden gegeben, zumal der Naturwissenschaftler sicher sein konnte, dass ihm auf diese Weise nicht ins Handwerk gepfuscht wurde. Hier kann man von grundverschiedenen Weltbildern sprechen, aber der Gegenstand, von dem beide reden, ist dennoch derselbe.
Was kann aus dem Recht der Vorwürfe von beiden Seiten gelernt werden?
Naturwissenschaftler leiden nicht selten an einer Berufskrankheit, der zufolge sie behaupten, dass die Wirklichkeit dort zu Ende sei, wo ihr methodisches Instrumentarium nicht mehr greift. Dabei muss man sich klarmachen, dass am Anfang eine Verabredung stand, ein freiwilliger Beschluss zur Selbstbeschränkung auf das Messbare, Erkennbare, im Experiment Wiederholbare. Ich bin ein Verehrer Werner Heisenbergs. Aber ich habe nicht verstanden, dass er von seiner großen Formel als von der "Weltformel" gesprochen hat. Natürlich ist es nicht "die" Welt, die er mit dieser Formel greifen oder begreifen könnte. Nein, es ist der kleine, positivistisch erfassbare Ausschnitt aus der Welt.
...und auf theologischer Seite?
Ebenso Selbstbescheidung im Erkennen und Reden. Den Naturwissenschaften geht es um den Versuch, allein mit rationaler Analyse, ohne die Zuhilfenahme von Wundern zu sehen, wie weit man mit rationalen Erklärungen der Realität kommt. Der "Mirakulismus", der in der Theologie vielfach heute noch gefordert wird, ist für mich eine schlichte intellektuelle Provokation. Und ich halte ihn von der Kirche aus gesehen für geradezu selbstmörderisch. Die Kraft eines Glaubens ist meines Erachtens nicht daran zu bemessen, welche Quantität von Absurditäten jemand zu schlucken bereit ist, sondern der Glaube ist eine Frage der gesamten Lebenshaltung, und das höre ich aus der Kirche noch immer zu selten.
Sie zeichnen die Lage des Dialogs zwischen Wissenschaft und Religion in eher düsteren Farben. Dennoch ist unverkennbar, dass sich in ihrer Kritik ein offenes Interesse daran äußert. Worauf zielt dieses Interesse? Und wo liegt das Defizit, das zu überwinden ist?
Ein Defizit gibt es auf beiden Seiten. Ich werde von manchen meiner Kollegen wegen meiner religiösen Interessen (nachsichtig) belächelt. Ein entscheidendes Defizit erkenne ich freilich auf der Seite der Theologen. Viele behaupten nämlich immer noch, man könne, wenn man die Evolution für wahr hält, die Welt nicht mehr als göttliche Schöpfung wahrnehmen, sondern nur noch als ein Produkt des Zufalls. Das ist Unsinn.
Was die Leute, die sich gegen den Zufall wehren, übersehen, ist die Tatsache: Ohne den Zufall wäre das Ganze eine sinnleere Maschine. Zufall und Notwendigkeit müssen zusammenwirken. Der Zufall ist nicht nur, wie die religiösen Kritiker sagen, ein Synonym für Chaos, für das Durcheinander, das Fehlen von Ordnung, für ein Maximum an Entropie; sondern eine Beimengung von Zufall ist - wie das Salz in der Suppe - notwendig, damit überhaupt Freiheitsräume entstehen können, damit sich etwas verändern kann. Verantwortung, liebende Zuwendung, Wahrnehmung des Ganzen - das wäre ohne diesen Freiheitsraum, in einer durchdeterminierten Welt, überhaupt nicht denkbar.
Was lässt sich in Ihrer Sprache über die abstrakte Aussage hinaus, dass die Evolution eine transzendente Dimension hat, substanziell sagen?
Bis zu der Aussage, dass es einen persönlichen Gott gibt, komme ich auf diesem Wege nicht. Für mich ist ohnehin der Begriff "Gott" auf Grund eines jahrhundertelangen übermäßigen Gebrauchs mit so vielen Assoziationen verbunden und belastet, dass es vielleicht gut wäre, wenn wir uns verabreden könnten, das Wort einmal zehn Jahre lang nicht in den Mund zu nehmen. Er kann ja trotzdem da sein für den Einzelnen, man kann an ihn glauben, zu ihm beten, aber es wird viel zu viel von ihm geredet. Hier täte eine gewisse Zurückhaltung gut.
Hier machen Sie eine negative Abgrenzung. Lässt sich aber auch eine positive Aussage machen?
Ich komme vom naturwissenschaftlichen Ausgangspunkt so weit: Für mich besteht kein Zweifel daran, dass die Welt nach oben "offen" ist. Wenn ich mir den Lauf der Stammesgeschichte und das Werden von Bewusstsein bis hin zu unserem Glauben vor Augen halte, dann erkenne ich, dass nicht die ganze Welt in unsere Köpfen hineinpassen kann. Diese Annahme würde eine unglaubliche anthropozentrische Hybris darstellen. Die Theologie hat diesen narzisstischen Mittelpunktswahn des Menschen freilich von Anfang an genährt, bestätigt und gestützt, vielleicht ohne es zu wollen. Aus meiner Perspektive komme ich nur so weit zu sagen, diese Welt, in der ich lebe, ist nur mein subjektives Weltbild, ein Ausschnitt aus der objektiv existierenden Welt, den ich für winzig halten sollte. Freilich meine ich, dass wir vom Universum schon so viel erkennen können, dass klar ist: Hinter der gewaltigen und vielfältigen Geschichte, die nun schon seit 15 Milliarden Jahren abläuft, muss eine ordnungsstiftende Kraft stecken. Mehr kann ich nicht sagen.
Eine Kraft aber, die in diesem Prozessgeschehen selber wohnt?
Nein, das glaube ich gerade nicht. Sie liegt außerhalb dessen, was wir mit unserem Gehirn wahrnehmen können. Schon im ersten Augenblick ihrer Entstehung trat die Welt mit Naturkonstanten und Gesetzen an, die ermöglicht haben, dass alles das aus ihr hervorgehen konnte, was uns heute umgibt. Das ist für mich das größte Geheimnis und Wunder. Ein Geheimnis, in das keine Naturwissenschaft jemals wird eindringen können.
Hier sprechen nun auch Sie von einem Wunder!
Ich will damit sagen: Mit der Entstehung der Welt haben auch Zeit und Raum angefangen. Das Weltall ist ja nicht in "irgendetwas" explodiert im Urknall, sondern es hat mit seiner explodierenden Ausdehnung den Raum überhaupt erst aufgespannt. Kurz, diese Welt übersteigt bei Weitem die Grenzen unseres Verstandes. Und dies auch in den konkretesten materiellen Zusammenhängen. Wenn ich mir dann die Frage stelle, warum hat die kosmische Entwicklung nicht angehalten, als Spiralnebel, Galaxien und Sonnen entstanden waren - ein wunderbares, wie mit Juwelen bestreutes Universum -, das wäre doch schon erstaunlich genug gewesen. Aber nein, es ist 15 Milliarden Jahre lang immer weitergegangen. Und es wird im Rahmen einer geschätzten zukünftigen Lebensdauer des Universums von etwa sechzig Milliarden Jahren weitergehen. Dass dies möglich ist, dass daraus nicht Chaos wird oder dass es irgendwann stecken bleibt, sondern dass in der Struktur des zu Anfang als einziges Element existierenden Wasserstoffatoms diese ganze Welt als Möglichkeit enthalten war, das ist für mich kein Zufall.
Und in diesem Zusammenhang wären Sie als Wissenschaftler in der Lage, von einer Schöpfung zu sprechen?
Ohne jede Einschränkung. Irgendein Wille muss die Welt gewollt und diese Spielregeln erdacht und festgelegt haben. Aber "jemand" ist schon wieder personal gedacht und insofern ein fragwürdiger Begriff.
Sie sprechen, wie der christliche Glaube, gern von "Geist", und Sie benutzen auch den Begriff der Vergeistigung. Was verstehen Sie darunter, wenn Sie keine personalen Vorstellungen damit verbinden?
Wenn ich die Geschichte der Entwicklung, soweit wir sie übersehen können, zu rekonstruieren versuche, dann lassen sich zwei Tendenzen ablesen: Zum einen haben sich einfache Elemente zu immer komplexeren materiellen Systemen zusammengeschlossen mit differenzierteren Möglichkeiten der Reaktion auf die Umwelt. Und ich sehe zweitens, dass hier auf der Erde seit einer Zeit, die schwer zu datieren ist, aufzutauchen begann, was wir ein Bewusstsein nennen. Ich meine die Tatsache, dass alles das, was wir tun, was wir an psychischen Leistungen vollbringen rechnen, sprechen - nicht nur getan wird, sondern dass wir wissen, dass wir es tun.
Wer Umgang mit höheren Tieren hat, wird kaum daran zweifeln, dass auch in diesen Wesen bereits ein Bewusstsein dämmert. Und wenn ich das nun auf die nächsten Milliarden Jahre extrapoliere, dann ist auf Grund des Wenigen, was wir davon wissen, die Wahrscheinlichkeit groß, dass dieser Prozess sich fortsetzen wird, dass die Materie im Verlauf ihrer weiteren Entwicklung mehr und mehr die Fähigkeit aufbringen wird, sich mit diesem Geist zu vermählen.
Zukünftige Geistwesen werden die Probleme lösen können, die wir uns heute auf Grund unserer Kondition fortwährend selbst auf den Hals ziehen. Das steht schon in den alten Texten. Sie enthalten ein Wissen über den Menschen, das alles übersteigt, was moderne Psychologie und wissenschaftliche Anthropologie jemals werden zutage fördern können.
Hoimar von Ditfurth
BIBELWORTE - KURZ BETRACHTET
Von der wahren Verwandtschaft
»Da kamen seine Mutter und seine Brüder; sie blieben vor dem Haus stehen und ließen ihn herausrufen.
Es saßen viele Leute um ihn herum und man sagte zu ihm: Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und fragen nach dir. Er erwiderte: Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder?
Und er blickte auf die Menschen, die im Kreis um ihn herumsaßen, und sagte: Das hier sind meine Mutter und meine Brüder. Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.«
Markus - Evangelium Kap. 3, 31-35
Dieses Verhalten von Jesus befremdet zunächst. Seine schroffe Erwiderung will nicht so in das Bild von Jesus passen. Und doch, nachdem es auch bei Matthäus und Lukas so geschrieben steht, sind wir aufgefordert, sein Verhalten, seine Worte anzuschauen um besser zu verstehen um was es ihm geht. Denn, nach unserem Empfinden ist die Familie doch ein Ort der Liebe, des Verständnisses, des Zusammenhaltes, der gegenseitigen Hilfe und Geborgenheit.
So können wir verstehen, dass seine Familie ihn aufsucht, um ihn zu sehen, zu sprechen, zu schauen wie es ihm geht, ob er auch nicht in Gefahr ist. Er ist schon lange als Wanderprediger unterwegs und der Kontakt zu ihm ist sehr spärlich geworden. Deshalb haben sie sich aufgemacht, dorthin wo er lehrte. Sicher hatten sie geglaubt, wenn Jesus sie, seine Familie, nur von weitem sieht, dann wird er sofort seine Predigt unterbrechen, zu ihnen kommen, sie umarmen und erst einmal herzlich begrüßen. Vielleicht waren sie sogar ein wenig ärgerlich, dass sie ihn nicht für sich allein hatten, waren doch so viele fremde Menschen um ihn herum. Denn waren nicht sie seine engsten Verwandten?
Die Worte von Jesus zu der Menge und zu seiner Familie klingen hart, wahrscheinlich weil die ganze Konsequenz seines Weges darin sichtbar wird. Er drückt hier aus, was er durch seinen Lebenswandel, nämlich die konsequente Verfolgung seiner Aufgabe schon deutlich gemacht hat. Er setzt hier ein Zeichen, ein Beispiel, was für ihn wichtiger ist als alle familiären Bindungen. Ich lese daraus nicht, dass Jesus gegen Familiengemeinschaften generell eingestellt war, denn er hebt ja an anderer Stelle zum Beispiel hervor, wie wichtig die Erziehung von Kindern in der Familie ist. Aber hier stehen nicht Familienbande im Vordergrund, sondern das Streben nach dem Reich Gottes. Für ihn zählt nicht die Blutsverwandtschaft, sondern allein die Verbindung im Glauben an das Reich Gottes. Deshalb ist für ihn nur eine Frage wichtig: Tust du den Willen Gottes? Dann gehörst du zu mir, ich zu dir. Dann sind wir eine Familie.
Jesus musste sich unmissverständlich von seiner Herkunftsfamilie trennen, um seinen eigenen, ganz besonderen Weg zu gehen. Alles andere hätte ihn zu sehr gebunden, hätte ihm nicht die Kraft gegeben, das zu tun, und das zu ertragen wofür er sich entschieden hatte.
In der Geschichte hat es immer wieder Menschen gegeben, die diesem Beispiel gefolgt sind, Menschen, die ihre Familie verließen, um den konsequenten Weg ihres Glaubens zu gehen. Franz von Assissi zum Beispiel, oder Frère Roger, der Gründer der ökumenischen Gemeinschaft von Taizé.
Auch heutzutage gibt es Menschen, die ihren Weg konsequent gehen. Sie sind vielleicht unbequem, sie rütteln auf, sie machen es sich und anderen nicht leicht. Sie sind zu der Einsicht gekommen, dass auf diesem Weg nicht unbedingt gilt, was schon immer war, sondern das, was im Ringen um ein Leben in der Nachfolge Jesu bestehen kann.
Wolfgang Blaich
Die Überwindung der Angst
Eugen Drewermann: Wer hat, dem wird gegeben. Die Gleichnisse Jesu.
Patmos Verlag, Düsseldorf 2008 (ISBN 978-3-491-21004-2), 172 Seiten
15 Gleichnisse Jesu wählt Drewermann in dieser Neuerscheinung aus, um dem Leser, der bereit ist, Wort für Wort der Texte in sich aufzunehmen, eine Verstehenshilfe zu bieten. Er möchte dabei auf das Psychotherapeutische in ihnen aufmerksam machen und sie auch für unser heutiges Leben wirksam werden lassen, denn - so der Verfasser - »die Gleichnisse sind eine Sprache für die Seele, die zu allen Zeiten auf der Suche nach Gott ist«. Wie die Menschen der biblischen Zeit würden auch uns die Grundfragen des Lebens beschäftigen: Wie überwinden wir Angst und Hass, Aggressionen und Rachegedanken, Überheblichkeit oder Minderwertigkeitsgefühle? Auf all diese Fragen versuchen die Gleichnisse in dichterischer, bildhafter Ausgestaltung eine Antwort zu geben, oft in provozierender Weise.
Für Drewermann ist es wichtig, dass wir bei den Gleichnissen den "springenden Punkt" finden, an dem die geschilderten Ereignisse auf eine andere Ebene hinaufgehoben werden - vergleichbar mit einer Schleuse, in der die Besatzung eines Schiffes nach der Flutung auf einmal die höher gelegene Wasserfläche in den Blick bekommt. In dieser Analogie können die Gleichnisse an der Stelle, wo unser Leben in eine Krise hineinführt, uns die Dinge auf einem höheren Niveau betrachten lassen und damit einen Weg aus der Krise weisen.
Zentrales Thema der Gleichnisse ist Jesu Verkündigung des Reiches Gottes (oder Königtum der Himmel, wie es oft heißt) und besonders die andere Gerechtigkeit Gottes. Für den Fernsehjournalisten Richard Schneider, der die Äußerungen Drewermanns im vorliegenden Buch in den geschickten Fragestellungen eines Interviewers herausfordert, gibt es manche "Stolpersteine" göttlicher Gerechtigkeit. Die Gleichnisgeschichten rufen Fragen hervor und erzeugen Widerspruch. Wie kann zum Beispiel der Herr des Weinbergs seine Arbeiter nur so ungleich entlohnen! Und warum wird in der Erzählung von den anvertrauten Talenten derjenige Knecht, der den ihm anvertrauten Schatz in besonderer Weise schützen will, so abgekanzelt? Warum wird dem, der etwas hat, noch mehr dazugegeben? Ist so etwas nicht gerade in jüngster Zeit in der Öffentlichkeit angeprangert worden, weil es die größte denkbare Vertrauenskrise hervorgerufen hat? Das kann Jesus doch nicht gemeint haben!
Für Eugen Drewermann sind das vordergründige Eindrücke. Er möchte uns auf das hinweisen, was hinter allem Vordergründigen steht, nämlich das Bestreben Jesu, den Menschen ihre Angst zu nehmen und sie durch ein Vertrauen in Gott zu überwinden. »Wenn es« - wie im Sämann-Gleichnis - »Gott ist, der das Leben der Menschen wie seine eigene Saat ausgestreut hat, dann liegt es auch an ihm, wie es weitergehen wird. Gott kann nicht scheitern, und ihr solltet deshalb euer Leben nie für sinnlos erklären. Legt es in seine Hände!« Das ist Jesu Botschaft an seine Volksgenossen im Hinblick auf die Übel seiner Zeit - und es dürfte auch eine Botschaft für unsere Zeit sein.
Wesentlich für Drewermann ist, dass Jesus das, was er in den Gleichnissen erzählt, auch vorlebt. »Jesu Gleichnisse grenzen nicht aus, sondern laden ein, sie erweitern den Raum des Verstehbaren, und sie führen zusammen zu einer universalen Humanität.« Das zeigt sich an seiner Mitmenschlichkeit, die er zu den »Menschen am Rande der Gesellschaft« praktiziert und bei den Pharisäern in der Korrektheit ihrer Gesetzeserfüllung so bitterlich vermisst.
Ich denke, dass die Fragen des Journalisten auch unsere Fragen sein könnten, wenn wir uns den Gleichniserzählungen ernsthaft zu widmen bereit sind. Die Antworten, aus denen tiefenpsychologische Aspekte hervorgehen, können uns in der Tat - wie im Schiffshebewerk - auf eine höhere Ebene hinaufheben. »Die Gleichnisse wirken im Grunde innerlich. Sie beschreiben die Stelle, wo unser Leben in eine Krise hineinführt, und gewähren uns auf einem höheren Niveau die Freiheit und die Offenheit, die unser Leben verändern und erneuern kann.« So gesehen, bietet uns das Buch einen neuen Ansatz für das Verständnis der Jesus-Gleichnisse, auch wenn wir diese schon oft gelesen und hinterfragt haben sollten.
Das hier besprochene Buch kann jederzeit von der TGD-Bücherei zum Lesen ausgeliehen werden.
Peter Lange
Canberra-Erklärung
Der Besuch des liberalen anglikanischen Bischofs John Shelby Spong in Sydney 2007 war ein hochbeachtetes religiöses Ereignis und hatte die Gründung eines freichristlichen Netzwerkes in Australien, des »Progressive Christian Network«, sowie einen Zusammenschluss bereits bestehender freichristlicher Zentren zur Folge. Einzelne Ortsgruppen dieses Netzwerks veranstalten seither Vortrags- und Seminar-Zusammenkünfte über Themen, die auch uns sehr am Herzen liegen. In diesem Rahmen hat im November 2008 eine solche Gruppe (das »Centre for Progressive Religious Thought«) in der Bundeshauptstadt Canberra an Sätzen gearbeitet, die ihre Einstellung deutlich machen sollen und die als »Canberra-Erklärung« (Canberra Affirmation) veröffentlicht wurden.
Als fortschrittliche Christen des 21. Jahrhunderts wenden wir uns gegen starre Glaubenssätze, da wir davon ausgehen, dass unser Denken geprägt ist von unserer Lebenserfahrung in der jeweiligen kulturellen Umgebung. Doch es gibt auch gemeinsame Überzeugungen, sowohl im Leben des Einzelnen wie auch im Leben der Gesellschaft. Diese wollen wir hier herausstellen und würdigen:
- Wir würdigen, dass unser Leben sich einem Geflecht von Beziehungen verdankt: Beziehungen zu Menschen und Gemeinschaften der Vergangenheit; zu anderen Lebensformen; zum Schöpfungsgeschehen im Universum. Über Milliarden von Jahren hinweg hat dieses Schöpfungsgeschehen - das Ins-Leben-Rufen von Neuem und Neuartigem - zahllose Wandlungen durchlaufen, und wir sowie alle anderen Lebensformen stellen deren Ergebnisse dar. Wir sind damit zu einem Leben in Gemeinschaft berufen, in der Achtung vor jedem Menschenleben, vor allen Lebensformen, vor unserem Planeten und dem Universum.
- Wir bejahen, dass es inmitten unseres Lebens eine Präsenz gibt, die wir sowohl innerlich als auch äußerlich wahrnehmen und die unsere Erfahrungen auf der Erde und miteinander verändern kann. Man hat verschiedene Vorstellungen benutzt, um diese Präsenz zu beschreiben: "Gott", "das Heilige", "Liebe", "Lebenskraft". Wir sind uns bewusst, dass alle Erklärungs- und Sinngebungs-Versuche durch vorherrschende Denkweisen und Kulturen bedingt sind. Unsere Antwort kann nur darin bestehen, dass dieses Etwas ein Ehrfurcht-einflößendes Geheimnis ist und bleibt, das die Grenzen unserer Verstehensmöglichkeit von der Welt und uns übersteigt.
- Wir verehren den Menschen, dessen Name Jesus ist, einen jüdischen Weisen des ersten Jahrhunderts aus Galiläa, der in einer religiösen Tradition aufgewachsen ist. Als ein visionärer Weisheitslehrer lud er durch seine Sprüche und Gleichnisse über Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit und durch seine Tischgemeinschaft andere dazu ein, seine Sichtweise des "Heiligen", des Nachbarn, des Lebens zu übernehmen und ihr zu vertrauen. Indem wir seine Sichtweise teilen, bejahen wir die Bedeutung seines Lebens und seiner Lehre und nennen uns "Jesu Nachfolger".
- Wir betrachten die hebräischen und christlichen Schriften, die als "die Bibel" bekannt wurden, als eine Sammlung menschlicher Dokumente, gefüllt mit historischen Erinnerungen und religiösen Deutungen, die den Versuch beschreiben, dem "Heiligen" in Anrede und Erwiderung gegenüberzutreten. Sie stellt einen unentbehrlichen Teil unserer Tradition und unseres persönlichen Lebens dar. Wir beanspruchen das Recht und die Verantwortung, ihre Texte zu hinterfragen und zu deuten, und fühlen uns darin durch die kritische Bibelforschung wie auch durch eigene Lebenserfahrung bestärkt. Wir glauben, dass andere Quellen - Geschichten, Gedichte und Lieder -, aus denen bildhafte Vorstellungen des menschlichen Lebens jetzt und früher hervorgehen, uns und andere in der Verehrung des "Heiligen" ermutigen und bereichern können.
- Wir erkennen, dass es viele Wege zum "Heiligen" gibt. Wir achten die Vielfalt und Verschiedenartigkeit in der Wahrheitssuche, auch wenn es dabei Uneinigkeit geben kann. In der Verschiedenartigkeit achten wir vor allem Wahrhaftigkeit und Bedeutung religiöser Tradition. Wir lehnen jeden Versuch ab, andere zu einer festen Glaubensstruktur zu bekehren, die sie ohne eigene offene, freie und durchdachte Suche nicht angenommen hätten.
- Wir bekennen, dass der verwandelnde Weg von Wahrhaftigkeit und Barmherzigkeit darin besteht, dass wir verantwortungsvoll und mitfühlend in der Gemeinschaft mit anderen leben. Ein solcher Weg verlangt von uns, dass wir die Wertvorstellung sozialer Gleichstellung und gegenseitiger Verbundenheit übernehmen. Er bedeutet gewaltfreie Friedensstiftung und Vergebungsbereitschaft. Er ruft auf zu leidenschaftlichem Eintreten für soziale Gerechtigkeit and Bewahrung der Erde und aller ihrer Lebensformen. In seiner Mitte befindet sich das Bewusstwerden der Einheit, des Eins-Werdens mit dem "Heiligen", mit uns selbst, mit anderen, mit dem Universum.
Aus dem Englischen von Peter Lange
Ohne Auto? - Geht das?
Eine Familie probt den Verzicht auf das Auto
Vier Wochen ohne Auto auskommen - für dieses Experiment hatte sich eine vierköpfige Familie aus Poppenweiler beworben, ein Experiment, das vom VVS ausgeschrieben und von der Ludwigsburger Zeitung begleitet worden war.
Poppenweiler ist eine kleine Kreisgemeinde über dem Neckar bei Ludwigsburg gelegen. Es gibt keinen Bahnanschluss, der gesamte öffentliche Verkehr läuft über ein Busliniennetz. Die Poppenweiler, und damit natürlich auch die Versuchsfamilie, sind auf das Auto fixiert. Zur Arbeit, zur weiterführenden Schule, zum größeren Einkauf, ja selbst zum Ausüben von Hobbies und für Ausflüge muss meistens auf ein Verkehrsmittel zurückgegriffen werden.
Geht das auch ohne eigenes Auto, geht das mit den verfügbaren öffentlichen Verkehrsmitteln, mit dem Fahrrad, zu Fuß? Die vierköpfige Umsteigerfamilie aus Poppenweiler wagt das Experiment. Allerdings muss fairerweise gesagt werden, dass, wenn ihnen das Experiment gelingt, ein Ticketgutschein über 1.000 Euro winkt. Eine gute Motivation. Trotzdem bleibt der Verzicht ein Wagnis - die Mutter ist in Stuttgart berufstätig, die eine Tochter (13) geht in das fünf Kilometer entfernte Marbach aufs Gymnasium, die andere Tochter (11) nach Ludwigsburg. Der Vater ist momentan für die häusliche Versorgung der Familie zuständig. Alle sind vielseitig interessiert und in verschiedenen Freizeitbeschäftigungen tätig, so die Mädchen z.B. in musischen Aktivitäten ihrer Schulen, was immer extra Zeiten, auch außerhalb der normalen Schulzeiten bedeutet.
Die Familie hat sich vor Beginn der Aktion gründlich mit der Situation auseinander gesetzt, und hat das Wagnis geschafft - das Auto blieb die vier Wochen in der Garage, und der Kilometerstand des Tachos blieb auf dem gleichen Stand. Und das Interessante am ganzen Experiment - es ging alles besser als man es sich vorgestellt hatte, nachdem man sich auf die autofreie Situation mental eingestellt hatte. Die Familie hat tapfer durchgehalten und sich, bis auf eine einzige Ausnahme (nach einem späten Theaterbesuch in Marbach die Mädchen wegen der frühen Schule am nächsten Tag), auch nicht von Freunden oder Nachbarn im Auto mitnehmen lassen. »Sagt mir irgendeine Situation, in der wir das Auto gebraucht hätten«, sagt die 13-jährige Paula in die Runde. Dem Vater fällt ein Tag ein, der mit einem vollen Terminkalender mit Veranstaltungen an verschiedenen Orten aufwartete. Aber auch dieser Tag wurde gemeistert.
Bei der ganzen Aktion hat die Familie eine Reihe neuer Erfahrungen gemacht, und ist zu neuen Erkenntnissen gekommen. Auch ein Großeinkauf für eine vierköpfige Familie lässt sich ohne Auto mit Bus und Einkaufswagen bewältigen, selbst Getränkekisten vom Getränkehändler. Sie haben ihren Heimatort Poppenweiler neu für sich entdeckt, vor allem die Einkaufs- und Dienstleistungsangebote. Und, was vielleicht am meisten wiegt, sie haben viele neue Menschen auf ihren Wegen kennengelernt.
Begann auch die Aktion mit einem mulmigen Gefühl, das Auto so lange stehen zu lassen - es war ja bislang für alles zu haben gewesen, für den Einkauf, um die Kinder zum Sport oder zum Chor zu fahren, für Ausflüge oder um eben mal in die Nachbarstadt zu fahren - gewann die Familie die Einsicht, dass alles auch ohne Auto zu bewältigen war, wenn auch manchmal etwas umständlicher, dafür aber meistens auch stressfreier.
Das Experiment endete für die Familie mit dem Vorsatz, für das nächste Jahr die Auto- Kilometer wesentlich zu senken und dafür mehr auf die vorhandenen Alternativen umzusteigen.
Ein nachahmenswertes Beispiel! Haben wir uns nicht zu sehr vom Auto abhängig gemacht, dass wir gar nicht die Möglichkeiten sehen, die wir haben, um von Ort zu Ort zu kommen? Ist es nicht mal Zeit, seine Gewohnheiten diesbezüglich zu kontrollieren? Wenn ich das ganz ehrlich anschaue, werde ich vermutlich unschwer erkennen, dass der Umstieg auf geeignete Alternativen nicht nur der Umwelt, sondern auch meiner Gesundheit zu Gute kommen wird. Und dazu noch eine Vielzahl von neuen Erfahrungen und reicheren Erlebnissen!
Wolfgang Blaich
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