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Die Warte des Tempels
Monatsschrift für offenes Christentum
Ausgabe 165/10 - Oktober 2009
Die Evolution und das Wunder des Seins
Gedanken eines Agnostikers und Pantheisten
Momentan wird die Evolutionstheorie arg strapaziert. Sie dient vielen Atheisten als zentraler, wichtigster, entscheidender Beweis der Nichtexistenz Gottes. Besonders häufig wird in diesem Zusammenhang der Atheist Richard Dawkins (»Der Gotteswahn«) angeführt. Der komme ja von der Evolutionsbiologie her, müsse es also wissen.
Nun ist aber das Phänomen Evolution eine derart komplizierte, weitverzweigte und zahlreiche, auch weit auseinanderliegende Wissenschaftsdisziplinen beschäftigende Angelegenheit, dass kein einzelner Wissenschaftler auf diesem Gebiet endgültige, alles umfassende Aussagen treffen kann. Abgesehen von diesem formalenEinwand sind jedoch außerdem viele Atheisten noch etwas päpstlicher als Atheistenpapst Dawkins, der immerhin schon mehrfach betont hat, er sei zu 90 Prozent überzeugt, dass es Gott nicht gibt. Die gegenteilige Wahrscheinlichkeit, nämlich, dass er existiert, betrage allerhöchstens zehn Prozent. Dagegen sind viele Atheisten hundertprozentig, "unerschütterlich" sicher, dass es keinen Gott gibt.
Ich vermute, dass Dawkins seriöserweise deshalb von diesen zehn Prozent spricht, weil er das Gesamtphänomen Evolution doch nicht exklusiv atheistisch vereinnahmen kann. Auf den ersten Blick scheint es allerdings so: Mutation, Selektion und all die anderen Mechanismen der Evolution sehen so aus, als ob sie völlig ohne irgendeine Art weiterer Ursächlichkeiten auskommen. Aber der Schein trügt, denn die Anfangsbedingungen der Evolution sind ja durch sie selbst nicht mehr erklärbar, sie sind ihr vorgegeben. Dass die vier Grundkonstanten der Natur (die Gravitationskraft, die elektromagnetische Kraft, die starke und die schwache Kernkraft) ganz präzis aufeinander abgestimmt sind, dass sie in feinstens ausgeklügelten Zahlenverhältnissen zueinander stehen, sodass schon relativ kleine Veränderungen dieser Verhältnisse unser Universum nicht hätten entstehen lassen bzw. es sehr bald wieder zerstört hätten, das passt nicht in das Dogma der totalen rationalen Erklärbarkeit der Welt (vgl. Hubertus Mynarek, Die Vernunft des Universums, Essen 2002/3, S. 155 ff), ebenso wenig wie die der Evolution vorausgehende und sie ermöglichende Einbettung unseres Planeten in die Energieströme des Universums (ebd. S. 160 ff). Das Gleiche gilt von der "Affinität der Stoffe", das heißt, dass sich die chemischen Elemente nicht einfach beliebig oder willkürlich, sondern nur nach ganz bestimmten Wertigkeiten und Zahlenverhältnissen miteinander verbinden. Das aber war die Voraussetzung für die makromolekulare Evolution!
Ist alles Zufall - oder durch eine Intelligenz verursacht?
Nun behaupte ich mit alledem natürlich nicht, die Existenz Gottes als des Planers des Kosmos und der Evolution bewiesen zu haben. Der Atheist kann durchaus mit Jacques Monod (1965 Nobelpreisträger in Biologie) entgegnen, diese Anfangsbedingungen des Universums und der Evolution seien zwar extrem unwahrscheinlich ohne eine sie verursachende Intelligenz, aber sie könnten trotzdem Zufall sein. Als völlig unmöglich kann man den Zufall in diesem Zusammenhang nicht ausschließen. Aber auf jeden Fall ist auch die Evolution, auf die sich momentan die Atheisten im Gefolge von Dawkins besonders eifrig und gern berufen, kein Beweis für die Nichtexistenz eines vom Menschen unabhängigen superintelligenten Geistes.
Aber es bedarf nicht einmal des umfassenden Studiums der Evolution. Schon die genauere Kenntnis eines vermeintlich mickrigen Einzellers beweist seine haushohe Überlegenheit über die modernste chemische Fabrik. Hätte doch unsere Intelligenz niemals ausgereicht, um ein so genial strukturiertes Universum zu erfinden. Der wohl genialste Geist unter den theoretischen Physikern, Albert Einstein, hat das in tiefster Bescheidenheit zugegeben: »Für mich ist das Leben der Inbegriff all der Erscheinungen, von denen jeder sieht, dass er das Wesentliche davon nicht begreift. Beim Anorganischen merkt man es nur nach langem, tiefem Studium. Man hat zwar prächtige Begriffe ersonnen und damit scheinbar alles im Prinzip verstanden. Aber es kommt der Augenblick, in dem man sieht, dass alles unzureichend ist. Beim Lebendigen liegt die Oberflächlichkeit unseres Begreifens offen zutage. Daran kann nur einer zweifeln, der überhaupt nie etwas tiefer begriffen hat. Kurz, man wird zum tief religiösen Ungläubigen.«
Für Einstein ist die "hochgradige Ordnung der objektiven Welt" ein "Wunder", weil man doch in einem Universum ohne intelligenten Geist als Anfangsstadium »eine chaotische Welt erwarten sollte, die durch Denken in keiner Weise fassbar ist«. Dieses Wunder "verstärkt" sich mit der Entwicklung unserer Kenntnisse nur immer mehr. Hier liegt der schwache Punkt für die Positivisten und die berufsmäßigen Atheisten, die sich beglückt fühlen durch das Bewusstsein, die Welt erfolgreich nicht nur entgöttert, sondern sogar "entwundert" zu haben. Das Schöne ist, dass wir uns mit der Anerkennung des "Wunders" bescheiden müssen, »ohne dass es einen legitimen Weg darüber hinaus gäbe«. Aber es ist ja nicht Einstein allein. Alle Begründer und Vertreter der modernen Physik (Max Planck, Werner Heisenberg, Niels Bohr, Arthur S. Eddington, Erwin Schrödinger usw.) haben - jeder freilich auf andere Weise - einen Weg von der Physik zur Metaphysik gefunden bzw. gebahnt (siehe Hans-Peter Dürr, Direktor des Max-Planck-Instituts für Physik, der das Buch »Physik und Transzendenz« herausgegeben hat, in dem jeder dieser Koryphäen mit einem Kapitel authentischer eigener Aussagen diesen Weg zur Transzendenz beschreibt).
Wohlgemerkt: Diese Transzendenz muss keineswegs der persönliche Gott des Christentums, Islams, Judentums sein. Möglich wäre auch eine den Dingen innewohnende, also immanente Intelligenz, die trotzdem in dialektischer Zuordnung dazu weltumgreifend und übergreifend wäre. Einstein beispielsweise hat sich ausdrücklich zum pantheistischen Gott Spinozas (Gott = Natur) bekannt und den Gott des Theismus abgelehnt. (Näheres bei Hubertus Mynarek, Ökologische Religion, Goldmann TB, München 1992.)
Wie dem auch sei, wer die Transzendenz total negiert, wie immer diese auch geartet sei, ob man sie Gott, das Sein, den Seinsgrund, Weltseele, Karma als ausgleichende Schicksalsgerechtigkeit, Nirvana, Brahma, Tao oder wie immer nennt, wer sie nicht einmal als Möglichkeit in Betracht zieht, der beschneidet sein Menschsein, der gerät ständig in Gefahr, die Transzendenz unbewusst in seine brüchige, kontingente Immanenz, auf sein Niveau herunterzuholen und sich damit selbst zu vergöttlichen. Echte, volle Humanität besteht gerade in der zu respektierenden Differenz zwischen Immanenz und Transzendenz, existiert in der Spannung zwischen diesen beiden Polen.
Wer apodiktisch erklärt, es gebe keinerlei Art von Transzendenz, keine letzte Geheimnishaftigkeit des Seins, keine unlösbare letzte Rätselhaftigkeit der Wirklichkeit, der ist kein Philosoph, sondern ein Bekennender, "Konfessioneller", Dogmatiker, der ist im Endeffekt ein Fanatiker, weil er nicht alle Möglichkeiten des Denkens berücksichtigt und in sich zulässt.
Es spricht nicht wenig für die Existenz eines Seins, das alles Seiende aus sich entlassen hat. Aber es spricht auch einiges dagegen. Der Sprung des Glaubens - sowohl zum Glauben an Gott als auch zum Glauben an den Atheismus - ist unvermeidbar. Nur der Agnostiker kann sich ihn ersparen.
Hubertus Mynarek
Übernommen aus: Freies Christentum,»Auf der Suche nach neuen Wegen«, Nr. 3/2009, S. 75 - 77
BIBELWORTE - KURZ BETRACHTET
Alles hat seine Zeit
Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; ... weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit, klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit; ... schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit; ... Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit. Prediger 3, 1-8
Das klingt für uns zunächst fremd. Es hat, zumindest auf den ersten Blick, nichts mit Ethik und auch nichts mit Religion zu tun. Das Buch »Prediger«, entstanden im 3. Jhdt v. Chr., ist eine der spätesten Schriften des Alten Testamentes und spiegelt - ähnlich wie das Buch Hiob - das Problem vieler gebildeter Juden in dieser Zeit: unter dem Einfluss der Philosophie werden die alten religiösen Gewissheiten nicht mehr fraglos hingenommen, sondern kritisch geprüft, und es zeigt sich, dass sie von der Realität nicht gedeckt sind: nicht das selbstverständliche Vertrauen vieler Psalmen auf die Gerechtigkeit Gottes, der die Gerechten erhöht und die Bösen bestraft, nicht die Verheißungen einer Gottesherrschaft (als einer Herrschaft Israels) durch die Propheten. Das ganze Buch besteht aus einer Aufzählung dessen, was der Prediger in dieser Realität sieht; immer wieder setzt er an: »Ich sah«: Unschuldige leiden und werden nicht getröstet; Ungerechte leben herrlich und in Freuden, und am Ende sterben die einen wie die anderen "wie das Vieh" - alles Mühen ist umsonst. Seine Schlussfolgerung: Alles ist "eitel" - vergänglich, sinnlos.
»Alles hat seine Zeit« heißt: alles vergeht. Seltsamerweise empfinde ich ihn trotzdem als tröstlich. Warum? Vielleicht spielt die Form eine Rolle: die gleichförmige Aufzählung von Gegensatzpaaren (es sind noch mehr, ich habe einige weggelassen) hat etwas Beruhigendes. Vielleicht auch, weil in diesen Beispielen sehr viel Lebensweisheit steckt. Bei denen aus der Natur, säen und ausreißen (unterpflügen), geboren werden und sterben, ist das evident; sie beschreiben den ewigen Kreislauf, der "seine Zeit" hat, von Menschen nicht zu beeinflussen.
Diejenigen, die sich auf die Menschen beziehen, spiegeln eine diffizilere Wahrheit: weinen und lachen, klagen und trauern hat seine Zeit - das ist kein Naturgesetz, aber Psychologen und Therapeuten sagen uns schon lange, dass es gut sei, nach einem Schicksalsschlag der Trauer oder dem Schock zunächst Raum - Zeit - zu geben; danach sei man eher bereit dafür, ins Alltagsleben zurückzukehren.
Ebenso wichtig, aber noch individueller sind die beiden letzten Beispiele. »Schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit.« Das widerspricht dem, was wir oft "predigen": immer versuchen, mit dem anderen zu reden. Es gibt aber Situationen, in denen es besser ist, zu schweigen; abzuwarten, bis man selbst und der andere genug Abstand gewonnen hat, dass man gelassen über ein Problem reden kann, oder bis sich eine gute Gelegenheit ergibt. Und es gibt manchmal auch Dinge, die man besser beschweigt. Dafür gibt es keine Regel, man kann nur versuchen, es zu erspüren. Das gelingt nicht immer, aber es ist gut, es sich bewusst zu machen.
Ähnliches auch hier: »Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.« Nach unserem Empfinden dürfte es für Streit keine legitime Zeit geben. Aber manchmal ist für einen späteren Frieden offener Streit besser als verdrücktes Schweigen. Wann das so ist, weiß man nicht im voraus, und ohnehin entsteht Streit meist nicht aus Überlegung, sondern spontan.
Vielleicht ist es nicht nur die Ungerechtigkeit der Welt, sondern es sind auch diese Widersprüche, die den Prediger zu der Schlussfolgerung führen: »Wir können nicht erkennen das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.« Und damit ist er uns ganz nahe. Was damals unerhört war, ist uns heute selbstverständlich geworden: Wir können Gottes Wirken nicht deuten.
Aber es steht noch etwas anderes in dieser Aussage. Das, was geschieht, ist »das Werk, das Gott tut« - auch wenn wir es nicht verstehen. Wenn wir das annehmen können, auch in schlimmen Situationen, ist es ein Trost. Ich füge hinzu, was der Prediger nicht sagt: manchmal, nicht immer, können wir im Nachhinein sehen, wozu etwas, was wir zunächst nur als schlimm empfunden haben, gut war. Der Text kann uns Geduld lehren, im Vertrauen darauf, dass auch aus Schlimmem wieder Gutes wachsen kann.
Brigitte Hoffmann
Neue Debatte um Jesu Opfertod
In der evangelischen Kirche ist eine neue Debatte um das Verständnis des Todes Jesu entbrannt.
Nikolaus Schneider, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, glaubt nach eigener Aussage nicht, dass Gott ein Sühneopfer braucht, »denn es muss ja nicht sein Zorn durch unschuldiges Leiden besänftigt werden«. Die Menschen bräuchten die Botschaft vom Kreuz vielmehr »als Zeichen für Gottes Liebe und Solidarität, als Symbol für das Mitgehen Gottes mit uns durch den Tod hindurch«, sagte Schneider dem evangelischen Magazin »Chrismon plus« - Rheinland.
Es gebe aber auch die "dunkle, für uns Menschen nicht verstehbare Seite Gottes": »Wir fragen uns manchmal, weshalb der allmächtige und liebende Gott in bestimmten Situationen nicht eine Veränderung zum Besseren herbeiführt, weshalb er Leid und Tod zulässt.« Das gehöre zu einem erwachsenen und demütigen Glauben, »dass nicht alles aufgeht, dass nicht alle Rätsel Gottes zu lösen sind, sondern dass wir sie in unserem Glaubensleben auch mittragen, zum Teil ertragen müssen.«
Man könne gut Christ sein, ohne an die alte Lehre vom Opfertod Jesu am Kreuz zu glauben, bekräftigte der evangelische Theologieprofessor Klaus-Peter Jörns in einem epd-Gespräch. Die Opfer- und Sühnetod-Lehre passe überhaupt nicht zur Verkündigung Jesu, »denn Jesus verkündigt die Liebe Gottes als etwas Unbedingtes«. Sie sei an keinerlei Vorleistung wie ein Opfer gebunden, sondern »kommt ganz aus Gott selbst«. Zu sühnen brauche niemand etwas, der an Gottes Liebe glaubt und um Vergebung bittet. Man könne den Tod Jesu als letzte Station der Menschwerdung Gottes begreifen.
Dagegen wandte sich Oberkirchenrat Michael Nüchtern (Karlsruhe) gegen eine Aufgabe der "Opfermetaphorik". Die Opferbilder seien nicht zu eliminieren, sondern zu interpretieren. »Diese Metaphern sind Gefäße, die versuchen, das Unfassbare zu fassen«, heißt es in einem Beitrag in der April-Ausgabe des EZW-Materialdienstes.
Die Suche nach einer abschließenden Erklärung oder treffenden Metapher habe kein Ende, heißt es in einem Beitrag des Theologieprofessors Wilfried Härle (Heidelberg) für die Wochenzeitung »Rheinischer Merkur«: Gott brauche »kein Opfer und schon gar kein Blut, sondern er macht sich die Sache des verlorenen Menschen aus Liebe zu eigen«. Diese Einsicht müsse Richtschnur bei allen Interpretationen über die Heilsbedeutung des Todes Jesu sein. Die Oberkirchenrätin Doris Damke (Bielefeld) mahnt, den Tod Jesu nicht von seinem Leben zu trennen: »Jesus wird getötet, weil er Liebe und Hingabe mit allen Konsequenzen lebte.« »Nicht Gott übt Gewalt an Jesus, sondern Jesus wird Opfer der Gewalt unter Menschen.« Das Sprachbild, dass sich Jesus am Kreuz opfere, sei nur ein anderer Begriff für seine Hingabe für die Menschen.
Nikolaus Schneider
epd-Wochenspiegel 14/2009, S. 7; 16/2009, S. 5
Kommentar zu: »Neue Debatte um Jesu Opfertod«
Dieser Beitrag ist übernommen aus »Freies Christentum« Mai/Juni 2009.
Wichtig für uns ist natürlich nicht die Ablehnung der Opfertod-Theorie an sich - das ist für uns schon längst selbstverständlich. Aber es ist gut zu sehen, dass diese Theorie (die ich persönlich als eine Beleidigung Gottes empfinde) auch schon bis in die Leitung der evangelischen Kirchen hinein offen in Frage gestellt wird (immerhin auch vom Präses - Bischof - einer Landeskirche). Mir ist noch etwas anderes wichtig. Wenn man die wiedergegebenen Aussagen vergleicht, zeigt sich, dass sie sich unterscheiden, im Grad der Ablehnung, in den angebotenen Neuinterpretationen.
Das hat mich zunächst an die These von Richard Sosis erinnert, (»Was macht den Erfolg einer Religion aus?«, »Warte« Mai 09)., dass Religionen bzw. Religionsgemeinschaften sich mit dem Zeitgeist wandeln müssten, aber, um ihrer Selbsterhaltung willen, nur allmählich und so, dass der Wandel den Mitgliedern möglichst wenig auffalle.
Das schien mir zunächst als eine sicher oft nützliche, aber eigentlich unehrliche Taktik. Und manchmal ist es das wohl auch.. Aber dann - und zuletzt beim Lesen dieser Ausschnitte - wurde mir klar, dass es oft etwas anderes ist: Ausdruck eines Ringens um das, was man - noch oder schon - für sich selbst als "wahr", als überzeugend anerkennen kann. Das gilt für die religiösen Sprecher selbst (Pfarrer, Kirchenobere), es gilt noch mehr für das, was sie ihren Gemeinden sagen. Die Gemeinden der Großkirchen sind oft sehr heterogen, von fromm bibelgläubig bis agnostisch-liberal. Viele sind auch in ihrer Mehrheit noch stark traditionell gebunden. Denen kann und darf man nicht einfach sagen: was ihr bisher geglaubt habt, ist falsch. Man kann ihnen eine Neuinterpretation anbieten, die sie vielleicht, allmählich, annehmen können. Mir fällt dazu ein Ausspruch von Max Frisch ein (nicht wörtlich zitiert): Man darf einem anderen die Wahrheit nicht wie einen nassen Lappen ins Gesicht schlagen. Man muss sie ihm hinhalten wie einen Mantel, in den er hineinschlüpfen kann. Verschiedene Neuinterpretationen können solche verschiedenen Mäntel sein. Und so gesehen ist es gut, dass es sie gibt.
Etwas sinngemäß ganz Ähnliches sagt übrigens auch Paulus im 1. Korintherbrief (Kap. 8, 7-13). Die Korinther hatten ihn offenbar gefragt, ob man Opferfleisch essen dürfe (nur ein Teil des Opfers wurde für die Götter verbrannt, der Rest verschenkt oder auf dem Markt verkauft). Seine Antwort (gekürzt, in meinen Worten): »Ihr dürft alles essen, denn es ist alles von Gott. Wenn aber "Schwache" (im Glauben noch nicht Gefestigte) dabei sind, die das nicht verstehen, dann esst kein Opferfleisch, damit ihr sie nicht verwirrt.« Die Rücksicht auf die Schwachen, die Liebe, ist wichtiger als die Demonstration eurer Erkenntnis.
Damit ist ein Maßstab gesetzt: Liebe bedeutet auch Toleranz und Respekt vor der Überzeugung der anderen. Wo das gegeben ist oder wachsen kann, ist es vielleicht gar nicht so wichtig, dass verschiedene Menschen den Tod Jesu verschieden interpretieren.
Brigitte Hoffmann
Geschichte des Tempels als Wandteppich
Feierliche Enthüllung eines Gemeinschaftswerks in Bayswater
Nach Jahren hingebungvollster Arbeit vieler fleißiger Hände unter der Aufsicht von Helga Jürgensen und Lesley Uren war es endlich soweit: der lang erwartete Gobelin - in einem edlen Wortspiel als »Fabric of Society« vorgestellt - wurde am 29. August in der Community Chapel der Templer in Bayswater eingeweiht. Weit über hundert Gäste füllten den Saal.
Nach einer musikalischen Einleitung von Yann Tiersen, gespielt von Anka Mahler, stellte die Moderatorin Dr. Irene Bouzo die Honoratioren vor - darunter: The Hon. James Merlino, Minister Assisting the Premier on Multicultural Affairs (Victoria), und Councillor Adam Gill (City of Knox) -, begrüßte die gewöhnlichen Sterblichen und führte Tempelvorsteher Dr. Rolf Beilharz als ersten Sprecher ein.
Dr. Rolf Beilharz eröffnete die Feier mit einem Überblick über unsere Geschichte, angefangen von Hoffmann und Hardegg bis zur Gegenwart. Mit feinem Humor auf die Frühgeschichte des Landes anspielend, schloss er mit den Worten, es seien nicht die Australier, sondern die Briten gewesen, die uns als Gefangene - als die letzten Convicts - hierher gebracht hätten, und siehe, ein solidarisches Murmeln schwoll durch die Reihen der Zuhörer.
Mit spielerischer Leichtigkeit fand Irene Bouzo den Übergang zum nächsten Sprecher, Gebietsleiter Mark Herrmann, der als Leiter des Steering-Komitees mit wohlgewählten Worten den Werdegang der Wand-Stickerei beschrieb. Seine einzige Kritik, sagte er, sei, dass man annehmen müsse, die Berge von Degerloch schwankten im Winde, denn man dürfe sich keinesfalls unterstehen, den Fernsehturm anders als bolzengerade zu beschreiben; doch, wie dem auch sei, die »Templer Journey« durch die Zeit ginge weiter.
Monika Herrmann spielte ein musikalisches Stück von Yiruma als Vorspiel zur Ansprache des Ministers Merlino, der anerkennend unserer von schwierigen Passagen gezeichneten Geschichte Rechnung trug. Er sprach im Namen seiner Regierung Dank aus für den Beitrag der TSA zum multi-kulturellen Leben in Victoria und schritt feierlich zur offiziellen Enthüllung des Triptychons. Unter großem Beifall fiel die Hülle - und das meisterhafte Kunstwerk stand in seiner ganzen Pracht vor aller Augen, groß wie ein dreiteiliger Altar aus früheren Zeiten.
Das textile Bildgewirke veranschaulicht Eindrücke aus der Geschichte und Tätigkeit der Templer in drei Erdteilen: Europa, dem Orient und Australien: den Anfang in Deutschland, den Aufbau der Siedlungen in Palästina und die Entwicklung in Australien und Deutschland seit Ende des Krieges. Alle Schauplätze und "Kolonien" sind vertreten: Haifa, die erste und größte Kolonie am Fuße des Karmels und des "Persergartens"; Sarona mit dem Weinkeller und dem Saal; Jaffa mit dem spitzen Kirchturm der evangelischen Gemeinde und Jerusalem vor dem Hintergrund der Altstadt. Der Kirschenhardthof ist zu sehen neben dunklen Schwarzwaldtannen, unter denen, eingedenk der Templer, die nach Russland ausgewandert waren, ein russisches Kirchlein hervorlugt. Wilhelma zeigt Szenen vom Landleben und das bekannte Schulhaus, von Betlehem sieht man den Saal, und Waldheim fehlt auch nicht mit seinem Kirchle.
Deutschland ist repräsentiert durch das Gemeindezentrum in Degerloch, und Australien durch Hallen und Säle der neuerstandenen Gemeinden und das Altenheim TTHA, das gemeinsam mit dem Deutsch-Australischen Hilfsverein betrieben wird. Symbole und Merkmale aller Art quellen dem Beschauer in großer Fülle entgegen: von der Hafenbrücke in Sydney, vor der 1941 die »Queen Elizabeth« vor Anker ging, bis zu den Firmenzeichen erfolgreicher Betriebe der Mitglieder und vielen Stempeln, Marken und Wahrzeichen, die ausführlicher in dem Bildband verzeichnet sind, der anschließend von Adam Gill präsentiert wurde. Councillor Gill würdigte die TSA als einen starken Träger von Glauben, Gemeinschaft und Engagement in der City of Knox, hob das Buch in die Höhe und deutete an, dass ein Bild tausend Wörter ersetzen könne, was bei den vielen Bildern im Buch schon etwas heißen will. Er wünschte uns Glück und Gedeihen auch für die nächsten 150 Jahre.
Da bei den Templern keine Feier ohne Choral denkbar ist - so Irene Bouzo -, sang man, begleitet von der Blaskapelle unter Kurt Eppinger, gemeinsam das wohl auch in Deutschland bekannte Lied »All things bright and beautiful« mit allen seinen Versen.
Darauf folgte eine von einem Mozart-Violinkonzert untermalte DVD-Schau, die in sehr anschaulicher Weise den Werdegang des Kunstwerks von A bis Z schilderte, mit vielen Bildern von Helfern bei der Arbeit. Diese Mühe hatten sich Gisela und Friedrich Sawatzky gemacht.
Jetzt sprach Helga Jürgensen von der Hingabe, der Geduld, den Schmerzen und der Befriedigung, die das sich in die Länge ziehende Vorhaben - »aus drei Jahren wurden fünf« - den vielen teilnehmenden Talenten bereitet hatte. Ganz besonders hob sie hervor, wie Lesley Uren, Textilkünstlerin und langjährige Kollegin, die Helferinnen mit neuen Künsten überraschte.
Irene Bouzo schloss mit Danksagungen an die Regierung und an die City of Knox für deren Hilfe und finanzielle Unterstützung, ohne die der Erfolg nicht so sicher gewesen wäre. Sie übermittelte die Grüße und Glückwünsche Wolfgang Blaichs im Auftrag der TGD und forderte alle, die in irgendeiner Weise dem Projekt förderlich waren, auf, die Hand zu erheben. Die vielen Hände waren in der Eile nicht zu zählen.
Unter den Klängen eines Stückes von Rink mit dem Namen "Preis und Anbetung", gespielt von der Blaskapelle, begaben sich die Gäste zu einem gemütlichen Beisammensein bei Kaffee und Kuchen in die Gemeindehalle nebenan, wo noch lange über das gerade Erlebte diskutiert wurde.
Peter Hornung
Die Entstehung des textilen Wandbildes
Dieses dreiteilige Wandbild, das jetzt von der Stirnseite der Gemeindekapelle in Bayswater, unterhalb des Tempel-Zeichens, zu den Versammelten in den Stuhlreihen grüßt, ist etwas ganz Besonderes - nämlich die Reise der Templer durch die Zeiten, ihre Geschichte als farbenbunte Stickerei. Schon eine Woche nach der feierlichen Enthüllung des Wandbildes konnte ich das erste Exemplar des Begleitbuches dazu in Händen halten - es ist ebenfalls eine kleine Meisterleistung. Auf der Grundlage eines ersten Entwurfs von Ursula und Alfred Klink fügte die Graphikerin Stephanie Roscher die vielen Bilder und Texte fachkundig zu einem bunten Mosaik zusammen, in das sich der Leser stundenlang vertiefen kann.
Das Buch beschreibt die Techniken, die für die bildhafte Gestaltung der Einzelthemen erforderlich waren und von den Ausführenden zum Teil in Arbeitskursen erst erlernt werden mussten. Doch allem musste zuerst ein zeichnerischer Grundplan vorausgehen: wie sollten die vielen Stationen, die die Templer in ihrer Geschichte durchlaufen haben, auf dem Bild miteinander in Verbindung gebracht werden? Oftmals wurden Entwürfe geändert, verworfen, neu geordnet - immer wieder von verschiedenen Personen begutachtet und kritisiert - es sollte ja ein Gemeinschaftsprojekt von vielen sein und nicht das Kunstwerk eines Einzelnen.
Dann folgte die Entscheidung, welche Technik für die vielen kleinen Details jeweils angewandt werden sollte. Auch dabei wurde in der Regel immer wieder neu ausprobiert, welche Textilfaser und welche Applikation die beste Wirkung erzielen würde. Niemals hätte ich gedacht, dass solche kleinen Bildelemente wie z.B. das Blasorchester, der Hochzeitszug, der Traktor, die Kinderspielgeräte und die australischen Vögel durch Stickgarn am Ende wie gemalt erscheinen würden. Auf 12 Seiten des Buches sind diese über 100 Einzelelemente farblich und graphisch wunderschön wiedergegeben.
Der Leser wird im Buch an die Hand genommen und an die Orte geführt, an denen sich in der Geschichte der Templer etwas abgespielt hat - nicht nur in die Kolonien in Palästina, Amerika und Russland, sondern auch an negativ besetzte Orte wie das Al Hayat in Helouan, das Interniertenlager bei Tatura oder das Strand-Zeltlager Golden Sands auf Zypern. Jedes Gemeindehaus ist naturgetreu wiedergegeben und mit charakteristischem "Beiwerk" versehen - für die nachwachsenden Mitglieder eine unschätzbare Hilfe für das Verständnis ihrer eigenen Geschichte.
Nicht nur den gewandten Stickerinnen und Näherinnen ist ein großes Lob und höchste Anerkennung für ihre Arbeit zu zollen, sondern auch den am Begleitbuch Beteiligten. Sie haben damit etwas Dauerhaftes geschaffen, das über den Augenblick hinaus in unsere gemeinsame Zukunft reicht. Im ideellen Wert hoch anzusetzen ist auch die Tatsache, dass es ein Gemeinschaftsprojekt ist, in dem sich der Gedanke eines Miteinander zum gemeinsamen Ziel deutlich ausspricht. Die wohlmeinenden Worte des Bürgermeisters von Knox City am Beginn des Begleitbuchs unterstreichen dies: es werde das Streben menschlichen Geistes darin sichtbar.
Peter Lange
Die Schriftrolle von Sarona
Schriftrollen aus alter Zeit gibt es offensichtlich nicht nur in der Wüste, sondern auch in der Großstadt. Diesen Eindruck vermittelt zumindest der Zeitungsbericht des israelischen Magazins »Tel-Aviv Time«, der das Auffinden des Grundsteins der Schule von Sarona mit dem Titel »The Hidden Scroll« beschreibt. Nun ist dieser Fund für die Templer insofern von besonderer Bedeutung, als das Gebäude dazu heute gar nicht mehr existiert. 2002 ist nämlich das Hakirya Hospital, das jahrzehntelang in der ehemaligen Neuen Schule untergebracht war, vollständig abgerissen worden. Hätte nicht der leitende Gynäkologe der dortigen Entbindungsstation, Professor Reuven Payzer, noch vor dem Abriss einen alten Aktenschrank beiseite gerückt, hinter dem der etwas vorstehende Grundstein sichtbar wurde, wäre die darin eingeschobene Kapsel mit den Gründungsdokumenten unbemerkt in dem Schuttberg verschwunden gewesen. Nun ist sie aber zu unserer Freude inzwischen in Ehren aufbewahrt worden und stellt ein Denkmal des untergegangenen Templer-Gebäudes dar.
Wie uns Dr. Jakob Eisler anlässlich seines Vortrags am Tempelgründungstag mitteilte, sei es damals allgemeine Praxis gewesen, dass man in die Fundamente bedeutender öffentlicher Bauten Kapseln mit Dokumenten zu ihrer Entstehung und Bestimmung gelegt habe. In den meisten Fällen habe man aber bei Restaurierungsarbeiten die Grundsteine jetzt nicht mehr auffinden können, da ihre genaue Lokalisierung nicht sichtbar war. Die Neue Schule muss in dieser Hinsicht wohl ein Ausnahmefall gewesen sein, da ihr Grundstein nicht übergangslos mit dem Fundament verbunden wurde.
Durch alte Berichte in der »Warte« wussten wir schon, dass der Grundstein zur Neuen Schule der Tempelgemeinde Sarona-Jaffa - die beiden Gemeinden waren 1929 vereinigt worden - in einer feierlichen Zeremonie am 28. Juni 1930 gelegt worden war, auch wie die Inschrift auf dem Gründungsdokument (eingraviert in eine Kupferplatte) lautete (sie gibt Auskunft über die damaligen Amtsträger und die Ehrengäste) , aber es waren noch Architektur-Zeichnungen der Gebäudekonstruktion beigelegt sowie verschiedene Münzen der damaligen Palästina-Währung. So stellt dieser Fund für uns einen historischen "Schnappschuss" des damaligen Gemeindelebens dar. Nachdem im Südteil der alten Sarona-Siedlung heute ein "Historischer Park" am Entstehen ist, werden die Fundstücke vermutlich bald in einer Museumsvitrine zu besichtigen sein. Wie Professor Payzer dem Journalisten mitteilte, hatte sich für die Fundsache damals niemand besonders interessiert. Heute ist das ganz anders und einem Magazin - wie wir sehen - sogar eine mehrseitige Reportage wert.
Die Bedeutung des Schulhausneubaus geht daraus hervor, dass der damals schon 70 Jahre alte Tempelvorsteher Christian Rohrer für die Grundsteinlegung extra von Jerusalem hergekommen war. Ihm war kurz zuvor von der Tübinger Universität, an der er in seinen jungen Jahren studiert hatte, die Würde eines Ehren-Senators verliehen worden. Beachtlich ist auch, was der eingeladene Vertreter der britischen Mandatsverwaltung, Major Campbell, in seiner Ansprache sagte. Er sei nämlich seit seinem Amtsantritt noch keiner Einladung so gerne gefolgt wie dieser, denn er habe in immer steigendem Maße freundschaftliche Sympathien für die Deutschen seines Distrikts empfunden. Ihre Kolonien seien das beste Beispiel dafür, was durch Fleiß, Aufrichtigkeit und unermüdliches Bemühen zu erreichen sei. Der Schule möchte er deshalb nichts anderes wünschen, als dass die Kinder werden mögen, wie Väter und Großväter sind und waren.
Peter Lange, TGD-Archiv
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