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Die Warte des Tempels

Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 165/6 - Juni 2009


Wie aktuell ist unsere Religion?

Gedanken des Tempelvorstehers zu den Krisen der Gegenwart

Jeder vernünftig Denkende, der die Evangelien des Neuen Testaments in der Reihenfolge ihrer Entstehung liest, wird feststellen, dass sie nicht gleichlautend sind. Je mehr Zeit seit Jesu Tod vergangen war, desto mehr wurden weitere Einzelheiten über sein Leben hinzugefügt. Jesus wurde mehr und mehr zu einer übernatürlichen und wunderbehafteten Gestalt. Seine Person verwandelte sich zunehmend in eine Gottheit.

Neben der traditionellen Vorstellung eines Gottessohnes hatte es jedoch, zum Beispiel bei uns Templern, auch die Sichtweise gegeben, dass Jesus ein Mensch war wie wir. Dies möchte ich aus zwei Gründen als positiv herausstellen: 1. weil uns damit die Möglichkeit gegeben ist, ein Leben nach Jesu Vorbild anzustreben, und 2. weil Religion dann auch solchen Menschen unserer Zeit nahe gebracht werden kann, die an übernatürliche Erscheinungen nicht glauben können.

Wir sollten dann herauszufinden versuchen, was hinter den Geschichten mit einer übernatürlichen Ausschmückung verborgen liegt. Das haben Templer erfolgreich getan, seit ihre Gemeinschaft 1861 in Württemberg gegründet wurde. Sie streben danach, ihr Leben so zu führen, wie es Jesus seinen Anhängern gewiesen hat, damit sie in Frieden miteinander leben können. In biblischer Sprache nennt man das ein Streben nach der Herrschaft oder dem Reich Gottes auf Erden, so wie es auch im Himmel existiert.

Was ist mit der Jesus-Überlieferung durch die Zeiten hindurch geschehen? In den rund 2.000 Jahren, seit Geschichten über ihn aufgeschrieben worden sind, hat sich zunehmend die Erkenntnis herausgestellt, dass Aussagen, die eine Wahrheit beschreiben wollen, sich in ihrem ursprünglichen Wortlaut als falsch erwiesen haben.

Feststellungen, wie die, dass die Erde flach wie eine Scheibe sei oder der Mittelpunkt, um den sich Sonne, Mond und Sterne bewegen, würde auch heute noch jedes kleine Kind als "wahr" ansehen, weil sie seiner Wahrnehmung entsprechen. Doch sobald es größer wird und in die Schule kommt, lernt es, dass diese Wahrnehmungen nicht stimmen, dass vielmehr die Erde eine Kugel ist und um die Sonne läuft und nicht umgekehrt.

Wissenschaft ist eine Vorgehensweise, bei der man nach Möglichkeiten einer Erklärung für die beobachtbaren Erscheinungen unserer Welt sucht. Diese Erklärung wird dann "Hypothese" genannt. Wenn weitere Untersuchungsergebnisse sich widerspruchslos in diese Erklärung einfügen lassen, wird die Hypothese damit untermauert und als der Wahrheit entsprechend angesehen. Gilt das auch für die religiöse Wahrheit?

Bei der biblischen Schöpfungsgeschichte handelt es sich um einen solchen Erklärungsversuch, wie man sich die Entstehung der Erde und des Lebens auf ihr – einschließlich der Menschen – vorstellt hatte. Darin wird ein menschengestaltiger Schöpfer beschrieben, der alles ins Leben rief. Für die Erzähler der damaligen Zeit gab es keine Unterscheidung zwischen Glauben und Wissen, für sie war diese Geschichte "wahr".

Vor etwa 500 Jahren stellte sich dann aber heraus, dass neuere Entdeckungen über das Universum und das Sonnensystem nicht mehr mit der ursprünglichen Hypothese in Übereinstimmung gebracht werden konnten. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte man die Darstellungen in der Bibel und anderen alten Schriften als "heilig" angesehen. Und diese Heiligkeit hatte jegliche Überprüfung der Inhalte auf Grundlage eines inzwischen veränderten Wissensstandes verhindert. Nach meiner Meinung begingen die Religionsführer in dem Zeitpunkt, als der neue Wissensstand nicht mehr der ursprünglichen religiösen Lehre gerecht wurde, einen schwer wiegenden Fehler. Auf dem Hintergrund politischer Macht, die sich mit der Religion verbunden hatte, versuchte das Christentum naturwissenschaftliche Erkenntnisse zu unterdrücken. Wissenschaftlern war es untersagt, ihr neues Wissen zu verbreiten.

In unserer Gegenwart treffen wir auf ein Spannungsverhältnis zwischen Wissenschaft und Religion dadurch, dass die meisten Kirchen ihre dogmatischen Glaubensaussagen zu verteidigen suchen, die in ihrem Wortlaut nicht mehr unserem wissenschaftlichen Erkenntnisstand entsprechen. Es kommt so zu einer Kluft zwischen heutigem Denken und dem Denken einer Welt vor 50 bis 80 Generationen. Rational denkende Menschen unserer Zeit akzeptieren moderne wissenschaftliche Erkenntnisse, und nicht mehr den Wissensstand ihrer Vorfahren. Warum gibt es die Religionen dann trotzdem noch?

Weil die Menschen nicht "vom Brot allein" leben können! Wobei Brot hier gleichbedeutend ist mit den materiellen irdischen Dingen einschließlich unserer Nahrung und Behausung. Seitdem die Menschheit die Fähigkeit erlangte, ihre Umgebung kulturell zu gestalten, Gutem nachzustreben und Böses abzulehnen, beschäftigte sich Religion stets mit der Frage, wie Menschen in Frieden miteinander leben können. Wenn Zeitgenossen heute mit der Ablehnung des Gottesbildes gleichzeitig die Religion als Ganzes ablehnen, geben sie einen großen Schatz auf, der die Voraussetzung für ein befriedigendes Lebensgefühl darstellt.

Das Miteinander-in-Frieden-Leben geht von der geistigen Seite unseres Menschseins aus. Diese geistige Seite in uns umfasst unsere Gefühlsverfassung, unsere Empfindungen von Zorn und Liebe, von Traurigkeit und Freude. Sie umfasst auch unser Gewissen, die Instanz, die uns befähigt, gut von böse zu unterscheiden. Das Gewissen leitet uns an, Böses zu verhindern und Gutes anzustreben. Unser Gewissen beunruhigt uns, wenn wir etwas getan haben, das wir nicht hätten tun sollen, und macht uns glücklich und zufrieden, wenn wir gut gehandelt haben. Moderne Wissenschaft beschäftigt sich nur am Rande mit solchen spirituellen Dingen, Religion dagegen ist voll von ihnen. Deshalb werden die Templer immer eine religiöse Gemeinschaft bleiben. Wir wollen Jesu Lehre ernst nehmen und versuchen, ihre Bedeutung in heutiger Sprache auszudrücken. Und wir streben ein Leben in seinem Geist an.

Den Schwerpunkt von Jesu Lehre finden wir in seinen Gleichnissen und in der Spruchsammlung der Bergpredigt. Wenn wir diese Texte genauer betrachten, finden wir darin Erkenntnisse, die viel tiefer gehen, als uns der erste Augenschein verrät. Jesus spricht dort davon, wie wir uns hier auf Erden verhalten sollen, nicht erst in einem jenseitigen Leben. In der Art und Weise, wie wir leben, arbeiten wir am Gottesreich mit. Solche Erkenntnis spiegelt sich auch in der Bitte um Vergebung im Vaterunser-Gebet wider. Dort bitten wir Gott darum, uns unser Unrechthandeln zu vergeben, so wie auch wir denen vergeben, die uns Unrecht tun. Wir sind es also, die sich ändern müssen.

Es könnte gefragt werden, warum wir denn zu anderen gut sein sollten, wenn diese nur darauf aus sind, uns auszunützen. Eine Antwort wäre, dass, wenn wir einem anderen helfen, uns selbst helfen, einfach durch das Gefühl, recht gehandelt zu haben. Um mich besser zu fühlen, reicht es völlig aus, den anderen ihre Fehler zu vergeben. Vielfach hadern wir mit der Ungerechtigkeit in der Welt und empfinden Groll darüber. Sollten wir nicht daran denken, dass Jesus uns gelehrt hat zu vergeben, damit wir damit einen Schlussstrich unter eine leidige Angelegenheit ziehen und ein neues Leben in Freude beginnen können?

Wenn seine Lehre in diesem Sinne aufgefasst wird, ist es naheliegend, dass das Vergeben-Können eine wohltuende Wirkung auf unser eigenes Inneres ausübt. Wenn man sich diesen Zusammenhang klar macht, wird es zu etwas Selbstverständlichem. Vieles, was Jesus gelehrt hat, entspringt dem gesunden Menschenverstand und tut unserer Seele gut, auch wenn andere dies vielleicht nicht so sehen. Lasst deshalb seine Lehren tief in unser Leben eindringen, um es damit reicher und zufriedener zu machen.

Das Gleiche gilt auch für das Gebot, nicht zurückzuschlagen. Die Menschen hören im Allgemeinen mit ihren Schlägen auf, wenn derjenige, der getroffen wird, auf Gegenwehr verzichtet. Dieser Grundsatz gewinnt seine Bedeutung in unserer Zeit besonders im Verhältnis von Staaten zueinander. Letztendlich wird es nur Frieden geben, wenn verfeindete Staaten - oder Menschen, die als Terroristen bezeichnet werden – zusammenkommen und über Möglichkeiten reden, wie das Blutvergießen beendet werden kann.

Die Religionen erfüllen eine wichtige Aufgabe, wenn sie uns klar machen, wie Menschen einander behandeln sollen. Den Mitmenschen so zu behandeln, wie wir wünschen, dass er uns behandelt, heißt für mich, dass es bedeutsamer ist, was wir für die Allgemeinheit tun, als für unsere persönlichen Bedürfnisse zu sorgen. Wenn die Gemeinschaft gestärkt wird, wird damit auch unser Leben gestärkt.

Leben wir so in der heutigen Zeit? Leider nein, trotz der Bemühungen so vieler Religionsgruppen unserer modernen westlichen Welt. Die Wirtschaftssysteme des Westens gehen davon aus, dass der einzelne Bürger im Wirtschaftsgefüge so handeln soll, dass er mit anderen zusammen in fairem Wettbewerb zu Wohlstand gelangt. Die Wirklichkeit sieht aber ganz anders aus, in ihr spiegelt sich die reine Selbstsucht. Menschen werden dazu motiviert, immer größeren Reichtum anzuhäufen, der im Gesamtsystem zu Lasten und Schaden anderer geht. Es ist eine krasse Widerlegung des Grundsatzes, dass man andere so behandeln soll, wie man selbst behandelt werden möchte, oder der Überzeugung, dass die Bedürfnisse der Allgemeinheit schwerer wiegen als unsere eigenen egoistischen Wünsche.

Der zunehmende Anstieg der Weltbevölkerung, verstärkt durch die Denkweise, dass Volkswirtschaften immer wachstumsorientiert sein müssten, hat uns in eine tiefe Krise geführt. Kurzfristig kann jeder zu mehr Wohlstand kommen, wenn die Volkswirtschaft Wachstum erzielt. Langfristig aber stoßen wir bei den Ressourcen der Erde, die wir für die steigende Bevölkerungszahl und für unseren Lebensstil benötigen, an Grenzen dieses Wachstums. Deshalb können wir nicht so weiter machen, wie wir es die letzten 50 Jahre getan haben.

In einer der Geschichten von Jesus kommt das Wort vor: »An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen«. Er verfluchte einen Baum, der keine Frucht getragen hat, worauf dieser verdorrte und abgehauen und verbrannt werden musste. Im wirtschaftlichen Handeln der letzten 50 Jahre haben wir uns mit unserem kurzfristigen Ziel einer Wohlstandsmehrung in eine wirtschaftliche Katastrophe hineinmanövriert, die uns noch viele Schwierigkeiten bereiten wird.

Rückblickend können wir vielleicht sagen, dass wir unseren individuellen Wohlstand nicht in dieser egoistischen Weise hätten anstreben sollen. Einflussreiche Persönlichkeiten hätten nicht unehrlich sein und andere betrügen sollen, um ihren eigenen Reichtum zu mehren. Ich bin mir nicht sicher, ob die Weltwirtschaftskrise hätte verhindert werden können, wenn Gemeinnutz vor Eigennutz gestellt worden wäre. Aber wir hätten die Probleme sicher viel frühzeitiger erkannt.

Abgesehen von der wirtschaftlichen Katastrophe wirkt sich der Raubbau an den Naturschätzen dieser Erde und besonders der großen Urwälder in einer deutlichen Klimaveränderung aus. Als Biologe sehe ich, dass die vornehmlich stabilen Umweltverhältnisse der Vergangenheit das Ergebnis harmonisch verlaufender Kräftespiele waren. Sobald die Menschen aber die Achtung vor der Umwelt verlieren und sie rücksichtslos ausbeuten, werden stabile Verhältnisse aus dem Gleichgewicht gebracht. Es resultieren daraus ernste Folgen für alle Lebensformen, die sich diesem Gleichgewicht angepasst haben. Ich brauche nur die weltweite Klimaveränderung anzusprechen, um zu veranschaulichen, was geschehen kann, wenn wir der Umwelt nicht mit Respekt und Sorgfalt begegnen.

Solche Folgerungen heutiger Naturerkenntnis sind für mich "die Früchte, an denen wir erkannt werden". Jesus und andere Vordenker haben uns dies schon vor langer Zeit klar zu machen versucht. Manch ein Wort von Jesus kann in heutiger Sprache ausgedrückt werden, und wir würden viel gewinnen, folgten wir der verändernden Kraft seiner Lehren.

Im ältesten Evangelium, dem des Markus, beginnt das öffentliche Auftreten des Jesus von Nazareth mit den Worten: »Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!« Im Matthäus-Evangelium heißt es darüber: »Ändert euch, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!« Für mich deuten beide Stellen auf unser Leben in der Gegenwart hin. Gottesreich geschieht hier auf der Erde. Auf dieser Erde müssen wir Menschen nach ihm streben, indem wir unser Verhalten ändern. Es ist damit klar ausgedrückt, dass wir Menschen aus der Selbstsucht zur Erkenntnis der Höherwertigkeit der gemeinsamen Bedürfnisse gelangen müssen.

Auf dieses Ziel hin versuchten die Templer zu leben seit der Gründung ihrer Gemeinschaft in Kirschenhardthof, während ihrer Siedlungstätigkeit in Palästina und danach in Australien und in Deutschland. Wenn man das friedfertige Zusammenleben der Templer in ihren Gemeinden vergleicht mit dem Kummer und der Traurigkeit, denen wir in der westlichen Welt so oft begegnen, ist es offenkundig, dass eine gemeinschaftsfördernde Einstellung zu einem besseren und glücklicheren Leben führt.

Die Religion behält weiterhin ihre Daseinsberechtigung, gerade heutzutage, wo so viele Zeitgenossen sie als irreführend abtun und so viele Menschen unter Krieg und Terrorismus leiden. Was aber wichtiger ist, als über ein Gottesbild zu spekulieren oder darüber, was uns nach unserem Tod erwartet, ist, dass wir unsere Beziehungen zu anderen Menschen ins Lot bringen, und ebenso, dass wir eine Verwüstung und Zerstörung unserer Umwelt verhindern. Das dürfte im Grunde auch das Anliegen der Nicht-Religiösen sein, wenn sie sich für ihre Kinder und Enkel ein gutes und zufriedenstellendes Leben erhoffen.

Dr. Rolf Beilharz, Carlton, Australien


Die Jerusalemsfreunde werden ausgeschlossen

Vor 150 Jahren zerriss das Band zwischen Reformern und Kirche

Die Tempelgemeinde auf dem Kirschenhardthof beanspruchte in ihren geistlichen Angelegenheiten weitgehende Selbständigkeit. Zum großen Missfallen des Konsistoriums (damalige leitende Kirchenbehörde) in Stuttgart nahm der geistliche Vorsteher der Gemeinde eigenmächtig kirchliche Handlungen vor. Er hielt nicht nur sonntägliche Gottesdienste, sondern feierte auch mit seinen Gemeindegliedern das Abendmahl und bereitete, ohne dem zuständigen Pfarrer in Erbstetten davon Kenntnis zu geben, Kinder auf die Konfirmation vor.

Vergeblich versuchte das Konsistorium 1859 mit Hilfe der Polizeiorgane, die Konfirmation Kirschenhardthöfer Kinder durch Hoffmann zu verhindern. Zu einer Stellungnahme aufgefordert, ließ das geistliche Haupt der Tempelgemeinde keinen Zweifel daran, dass es kirchliche Ordnungen für sich und seine Gesinnungsgenossen nicht länger als verbindlich anerkannte. Nach Auffassung des Konsistoriums hatte sich damit der "evangelische Predigtamtskandidat" Hoffmann außerhalb der Landeskirche gestellt, das heißt, er hatte sich durch sein Verhalten selbst aus der kirchlichen Gemeinschaft ausgeschlossen.

Doch Hoffmann besaß den Rückhalt der Mitglieder der Gemeinde Kirschen-hardthof. Vor das Oberamt geladen, wo ihnen der Ausschluss Hoffmanns aus der Landeskirche eröffnet wurde, erklärten die Gemeindeangehörigen, sie sähen keine Veranlassung, von dem eingeschlagenen Weg abzugehen. Sie lehnten es ab, sich, wie ihnen nahe gelegt worden war, von ihrem aus der Landeskirche ausgeschlossenen Vorsteher zu trennen. Daraufhin erfolgte am 7. Oktober 1859 auch ihr Ausschluss aus der Landeskirche. Ihre Proteste verhallten ungehört.

Auszug aus Paul Sauer, »Uns rief das Heilige Land«, Stuttgart 1985


Die Jaffakolonie wird restauriert

Denkmalschutz in der zweitältesten Zentrale der Templer

Es ist jetzt 140 Jahre her, dass im März 1869 in den Häusern der gescheiterten amerikanischen Kolonie von der württembergischen Tempelgesellschaft ein »Missionsposten« gegründet wurde, der durch den weiteren Ausbau bald zu einer zweiten Kolonie in Palästina und - durch den Wohnsitz von Christoph Hoffmann - nach Kirschenhardthof zur neuen Zentrale des Tempels heranwuchs.

Die Kolonie entwickelte sich zu einem wichtigen, aber weniger spektakulären Teil des gesamten Kolonisationsprojektes. Die erste Kolonie in Haifa war schöner gelegen, Sarona (1871 gegründet) mit seinen weiten Feldern hatte eine sicherere landwirtschaftliche Basis und die Kolonie in Jerusalem (1873) stand durch die biblisch-historische Bedeutung der Stadt bald im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses.

Auf diese Weise war Jaffa durch die drei anderen Kolonien sozusagen "überschattet". Seit der Übersiedlung des Tempelstiftes (der Höheren Lehranstalt) von Jaffa nach Jerusalem (1878) hatte die Zeitschrift der württembergischen Siedler, »Die Warte des Tempels«, ihre Berichte über Jaffa sehr eingeschränkt, weil man die Kolonie in Jerusalem als endgültiges Zentrum der Templer stärken wollte. Trotzdem zeigte sich, dass Jaffa innerhalb des Kolonisationsprojektes eine entscheidende Aufgabe zukam (siehe Berichte in der »Warte« von 1878 bis 1885).

Seit Anfang der Kolonisation hatten die Deutschen in Jaffa in allen Bereichen der christlichen Tätigkeit in Palästina gewirkt, und zwar auf dem Gebiet des Schulwesens, der Medizin, der Landwirtschaft, der Forschung, der Ökonomie, des Handels und Gewerbes, der Diplomatie, der Kirche, der Technologie und der Touristik. In der deutschen Kolonie konnte man die besten Hotels finden, es gab Pferdekutschen-Verbindungen nach Jerusalem und ganz Palästina, ferner ein archäologisches Museum, einen botanischen Garten, einen Tiergarten und noch vieles andere.

Einen besonderen Aufschwung nahm die Entwicklung Jaffas zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als im neu errichteten Viertel Walhalla deutsche Fabriken gebaut wurden. Die dabei beteiligten Unternehmen spielten eine bedeutende Rolle bei der wirtschaftlichen Modernisierung des Landes. Ihr Vorbild sowie ihr Know-how trugen nicht unwesentlich dazu bei, bei den jüdischen Kolonisten vorhandene Hemmschwellen abzubauen, das Unternehmen einer Besiedlung des noch weithin desolaten Landes in großem Maßstab in Angriff zu nehmen. Durch ihre fortschrittlichen Ansichten und Errungenschaften haben die Deutschen in Jaffa somit nicht nur wesentlich zur wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Entwicklung der Stadt von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Ersten Weltkriegs beigetragen, sie haben durch ihre Tätigkeit in den aufgeführten Bereichen darüber hinaus auch die Modernisierung ganz Palästinas in einem nicht geringen Maße beschleunigt.

Das Denkmalamt der Stadt Tel-Aviv wandte sich im Jahre 2006 an mich mit der Bitte, eine Dokumentation der ehemaligen Kolonie und ihrer historischen Wichtigkeit zu erstellen. Diese konnte ich Ende 2008 beenden und einreichen. Das Archiv der TGD bekam eine Kopie des umfangreichen Berichtes mit 500 Bildern.

Alle noch bestehenden Bauten wurden jetzt unter Denkmalschutz gestellt, und man bemüht sich intensiv um den Erhalt der alten Jaffaner Schule. Vielleicht gibt es noch jemanden unter den Lesern, der ein Bild dieses Hauses aus den 1890er Jahren oder auch später besitzt? Das Gebäude diente bis 1912 als Schulhaus, dann zog der Schulbetrieb nach Walhalla um.

Wir wollen hoffen, dass die Absicht der Stadt Tel-Aviv hinsichtlich einer Wiederinstandsetzung der alten Häuser in einigen Jahren Früchte zeigt und die alte Kolonie »Amelikan« wieder zu einer Perle der Stadt wird.

Dr. Jakob Eisler, Stuttgart


»Amelikan« - Vorläufer der Tempelkolonie Jaffa

Ähnlichkeiten und Unterschiede des amerikanischen Siedlungsunternehmens und der Templer-Einwanderung in Palästina

Es war ein glücklicher Zufall, der den ersten Templer-Einwanderern zu Beginn ihrer Siedlungstätigkeit in Palästina in die Hände spielte. Ende 1868 waren Christoph Hoffmann und Georg David Hardegg mit ihren Familien in der Bucht von Haifa an Land gegangen und hatten im darauf folgenden Jahr mit der Anlage eines ersten »Missionspostens« außerhalb der kleinen arabischen Stadt am Fuße des Karmelgebirges begonnen. Zunächst war nicht an die Gründung weiterer solcher Stationen gedacht, zuerst musste eine solide Basis für nachfolgende Einwanderer geschaffen werden.

Das Führungsgespann Hoffmann-Hardegg konnte sich nach der Ankunft wegen einzuleitender Schritte im Gemeindeauf- und -ausbau nur unzureichend verständigen. In der Kirschenhardthof-Zeit hatten die beiden eine zweckmäßige Ämterteilung vereinbart gehabt: Hoffmann als Theologe (Bischof), Hardegg als organisatorischer Anführer (Gemeindeleiter). In Haifa funktionierte diese Teilung dann allerdings nicht mehr. Eine Uneinigkeit in theologischen Fragen färbte auch auf die jetzt notwendig werdenden praktischen Schritte ab. Hardegg traf die erforderlichen Entscheidungen überwiegend allein, weshalb sich Hoffmann nicht mehr am richtigen Platz fühlte. Es entstand ein gespanntes Verhältnis zwischen beiden.

Da wurde bekannt, dass der im Dienst der Basler Pilgermission stehende Peter Martin Metzler den Ruf erhalten hatte, als Verwalter der Ustinov'schen Güter nach Russland zu kommen, und deshalb seinen Immobilienbesitz am Nordrand von Jaffa veräußern wollte. Eine Anzahl dieser Gebäude hatte er von der amerikanischen »Messiaskirche« übernommen gehabt, die kurz zuvor erfolglos versucht hatte, dort eine Kolonie zu gründen. Er selbst hatte ein Gasthaus sowie eine Krankenstation errichtet. Hoffmann sah in der Übernahme der Metzler'schen Häuser große Möglichkeiten im Hinblick auf das begonnene Kolonisationswerk. Er verlegte deshalb schon im April 1869 seinen Wohnsitz nach Jaffa und übernahm die Leitung der neuen Gemeinde. Hier konnte er seinen hochgesteckten Zielen, etwa den einer höheren Templerschule und anderer Projekte, wie der Einrichtung eines den europäischen Ansprüchen genügenden Krankenhauses, in besserer Weise als in Haifa nachkommen.

Die Einzelheiten, die zwei Jahre vor Ankunft der Templer zum Scheitern des amerikanischen Siedlungsunternehmens geführt hatten, sind im Allgemeinen wenig bekannt. Allseits bekannt blieb die Bezeichnung der arabischen Bevölkerung in Jaffa für die amerikanische Kolonie - »Amelikan« (die Siedler selbst hatten ihre Kolonie »Newport City« oder »Adams City« genannt). Doch lohnt es sich, einmal einen Vergleich zwischen den Amerikanern und den Württembergern anzustellen und Gemeinsamkeiten und Unterschiede beider Gruppen aufzuzeigen. Dazu können uns vor allem einige 1867 in der »Süddeutschen Warte« erschienene Berichte über die »Messiaskirche« verhelfen.

Art der religiösen Gemeinschaft

In beiden Fällen handelte es sich um Sekten, besser: Freikirchen, die bestehende Verhältnisse in den Großkirchen verändern oder erneuern wollten und die durch ihre Ziele in eine kritische Außenseiter-Position geraten waren. Die »Warte« bezeichnete die Messiaskirche als eine "besondere religiöse Gesellschaft". Jakob Eisler schreibt in seinem Jaffa-Buch, dass der Anführer der Amerikaner, Georg Jones Adams, unter dem Einfluss mormonischer Lehre gestanden habe. In ähnlicher Weise könnte auch der württembergische Tempel als eine solche "besondere religiöse Gesellschaft" - allerdings in pietistischer Ausrichtung - charakterisiert werden, der es um Veränderung und Erneuerung ging.

Theologische Zielvorstellungen

Hier sind überraschende Ähnlichkeiten zwischen beiden Gruppen festzustellen: Die Amerikaner verkündigten ihr Credo folgendermaßen: »Wir glauben, dass die bestehenden Kirchen das große "Geheimnis Babylons, der Mutter der Huren und ihrer Töchter" ausmachen, von dem Johannes in der Offenbarung redet. ... Wir glauben, dass die Zeit gekommen ist für die Kirche Christi, aus ihrem Zustand der Wüste herausgerufen zu werden und zu dem Glauben zu kommen, der einst den Heiligen überliefert worden ist, in Erfüllung vieler Weissagungen des Alten und Neuen Testaments.«

In fast identischer Sprache heißt es in der Gründungserklärung des deutschen Tempels 1861: »Angesichts der allgemeinen Zerrüttung der Menschen, die ihre Ursache darin hat, dass keine der bestehenden Kirchen die Herstellung des Menschen zum Tempel Gottes anstrebt, erklären wir unsere Lossagung von Babylon, das heißt von den bestehenden Kirchen und verbinden uns zur Herstellung des Deutschen Tempels, zur Ausführung des Gesetzes, des Evangeliums und der Weissagung.«

Praktische Zielrichtung

In beiden Fällen war es der Aufbruch nach Jerusalem, ins Gelobte Land, der die Veränderung und Erneuerung bringen sollte. Während jedoch bei den Templern die Christen aufgerufen waren, »das vom ursprünglichen Volk Gottes entleerte Land« in Besitz zu nehmen, sahen die Messiaskirchler ihrer Aufgabe in der Vorbereitung einer Rückkehr der Juden nach Jerusalem: »Wir glauben, dass die Juden als Nation Gottes auserwähltes Volk sind und dass die Zeit ihre Gefangenschaft jetzt zu Ende geht und sie in das Land ihrer Väter zurückkehren und Stadt und Tempel wieder aufbauen werden.« Gemeinsam war den beiden Gruppen das Streben nach einer Verwirklichung christlichen Zusammenlebens unter göttlicher Führung.

Vorherige Kundschafterreise

1865 war G. J. Adams mit Abraham McKenzie aus dem Staate Maine nach Palästina gereist, um dort Niederlassungsmöglichkeiten zu untersuchen. Der danach abgegebene Bericht klang überaus positiv: »Die kleinen Olivenbäumchen haben sich in prangende Haine verwandelt, um Jerusalem herum sieht man Weinberge und Ölgärten. ... Besonders aber ist Jaffa eine Vereinigung alles dessen, was man nur wünschen mag. Die herrlichen Orangengärten, die fruchtbeladenen Kornfelder der Saronebene, ringsumher ein Land, wo man nur zu säen braucht, um drei jährliche Ernten zu erzielen« (zitiert bei J. Eisler nach Berichten der Zeitschrift des Jerusalemsvereins).

Ganz anders und realistischer klang der Kundschafterbericht von Hoffmann, Hardegg und Bubeck aus dem Jahre 1858: »Das Bergland ist in der Tat eine einzige weite Trümmerstätte in Hinsicht der Natur wie der Werke der Menschenhand geworden und liegt verarmt und entblößt von allem in trauriger Nacktheit da. Es ist nicht ein unbebautes, sondern ein verderbtes und ruiniertes Land. ... Die Ebenen zeigen zwar noch immer den fruchtbaren Boden, aber sie dienen überall, wo die Bevölkerung weniger dicht und der Zugang leicht ist, den wandernden Hirtenstämmen zur Weide ihrer Herden und liegen dadurch in weiten Landstrichen öde da« (zitiert nach Fr. Lange, »Geschichte des Tempels«).

Suche nach staatlicher Unterstützung

Beide Religionsgruppen waren der Meinung, dass staatliche Stellen ihr Anliegen gutheißen und ihre Niederlassung in Palästina fördern und unterstützen müssten. Adams wandte sich in einer Petition an den damaligen Präsidenten der USA Andrew Jackson, während die Jerusalemsfreunde in Württemberg eine Bittschrift an den Präsidenten der Deutschen Bundesversammlung in Frankfurt abfassten. Beide Eingaben blieben unbeantwortet. Für die Adressaten gab es offenbar wichtigere Dinge zu behandeln.

Vorbereitung der Einwanderung

Die organisierte Auswanderung aus Württemberg begann erst 10 Jahre nach ihrer Kundschafterreise, nach einer reiflichen Bedenkzeit. Die Tempelführer in Haifa und Jaffa übten eine strenge Kontrolle im Hinblick auf die Zulassung von Mitgliedern zur Ansiedlung aus und bremsten damit den anfänglichen Enthusiasmus ihrer Anhänger. Sie bevorzugten ausgewählte Berufszweige und ließen die zweite und dritte Einwanderungswelle erst aus Deutschland abreisen, als Unterkunfts- und Erwerbsmöglichkeiten von den zuerst ins Land Gekommenen geschaffen worden waren.

Anders bei Adams und seinen Anhängern: Diese segelten schon im Jahr nach ihrer Erkundungsreise von Jonesport in Maine nach Jaffa ab, und zwar alle 156 Personen auf einmal. Das führte wegen der ungesunden Klimaverhältnisse und der Seuchengefahr zu zahlreichen Todesfällen (so wie es wenig später auch die Siedler von Sarona traf). In den Berichten heißt es darüber: »Es stellte sich gleich nach der Ankunft der missliche Umstand heraus, dass zu viele Handwerker oder Fabrikarbeiter da waren, während es für die Anpflanzung von Weinreben und Feldfrüchten an Farmern und Bauern mangelte. Zudem fehlte ihnen noch ein Schmied, ein Bäcker und ein Schlosser, weshalb man für solche Dinge zu den Arabern laufen musste, die für viel Geld schlechte Arbeit lieferten. An Zimmerleuten hatten sie dagegen Überfluss, die nach Aufbau der mitgebrachten Fertighäuser wohl nicht viel Arbeit im Land finden konnten« (»Warte« Nr. 6/1867).

Führerpersönlichkeit, soziale Verbundenheit

Ich sehe die Anfangsgründe für das schnelle Scheitern der amerikanischen Kolonie in der schwachen Führungspersönlichkeit von Adams und seiner offensichtlichen Unfähigkeit, die durch die mangelnde Vorbereitung unter den Siedlern entstandene Uneinigkeit zu beseitigen. Die Todesfälle, der Misserfolg der ersten Ernte und die Blindheit des Anführers im Erkennen vorhandener Missstände untergruben nach und nach seine Autorität und führten dazu, dass sich immer mehr Mitglieder von ihm abwandten und teilweise auf eigene Faust eine Rückreise nach Amerika antraten. Adams beschuldigte mehrere Anhänger einer Lügenverbreitung über ihn und schloss sie aus seiner Kirche aus.

Trotzdem konnte er Ende März 1967 noch schreiben: »Das Land und die Gegend hier ist herrlich. Das Klima ist schön. Alle Klassen von Menschen sind freundlich gegen uns. Kurz: alles ist Frieden, Einigkeit, Gedeihen, und unsere Aussichten für die Zukunft sind herrlich«. Nur drei Monate danach folgte dann aber ein Notruf von 11 seiner Kolonisten, die »die amerikanische Colonie in Jaffa im Unglück« sahen und Adams der Tyrannei und Täuschung bezichtigten: »Von den 156 Seelen, die mit uns von Amerika absegelten, sind 54 zurückgegangen, 17 gestorben, die übrigen sehnen sich mit Ausnahme von 16 alle nach einer Rückkehr, aber haben keine Mittel dazu, weil sie gänzlich von Herrn Adams abhängig sind. Keine Worte können die tiefe und bittere Demütigung ausdrücken, die uns niederdrückt und die erhöht wird durch das niederschlagende Bewusstsein, durch die Künste eines unbarmherzigen Betrügers irregeführt worden zu sein.«

Auch die Tempelführer waren nicht immer ohne Fehl und Tadel. Auch bei ihnen gab es Zeiten, in denen ihre Autorität und die Richtigkeit ihrer Entscheidungen von Anhängern bezweifelt worden waren – man denke nur an die Trennung der Hardegg-Anhänger von der Tempelgesellschaft oder an die spätere mehrjährige Spaltung der Gemeinschaft infolge eines Richtungsstreits. Aber letztlich siegte Einsicht und Versöhnungsbereitschaft über Streit und Entzweiung, und die nach und nach sichtbaren Früchte erfolgreicher Siedlungsarbeit stärkten die Verbundenheit untereinander.

Allerdings haben die Tempelsiedlungen in Palästina im Gegensatz zur amerikanischen Kolonie auch 80 Jahre Zeit gehabt, ihre Ziele zu verwirklichen. Aber letzten Endes sind auch sie untergegangen, wobei die Nachwelt sich derzeit anschickt, ihnen im Land ihrer Ansiedlung ein Denkmal zu setzen, was der Messiaskirche aus verständlichen Gründen versagt geblieben ist.

Der damalige Redakteur der »Süddeutschen Warte«, Christoph Hoffmann, wies nach Bekanntwerden der Auflösung der Kolonie »Amelikan« 1867 in einem Artikel auf das Wesentliche hin, das er bei all seiner Arbeit im "Lande der Bibel" sich immer vor Augen halten wolle, und zog folgendes Resümee aus dem Scheitern der Messiaskirche: »Der ganze Verlauf des amerikanischen Kolonisationsversuchs zeigt aufs Neue, dass man beim Glauben an die Weissagung nach der Vorschrift des Evangeliums jede Unternehmung wohl berechnen und die zu überwindenden Schwierigkeiten richtig anschlagen muss, um zu beurteilen, ob und wie man im Stande sei, denselben zu begegnen.«

Peter Lange


BIBELWORTE - NÄHER BETRACHTET

An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen

»Ein gesunder Baum trägt keine schlechten Früchte, und ein kranker Baum trägt keine guten. An den Früchten ist zu erkennen, was jeder Baum wert ist. Von Disteln kann man ja auch keine Feigen pflücken und von Dornengestrüpp keine Weintrauben ernten. Ein guter Mensch bringt Gutes hervor, weil er im Herzen gut ist. Aber ein schlechter Mensch kann nur Böses hervorbringen, weil er von Grund auf böse ist. Denn wovon das Herz voll ist, davon redet der Mund!« (Lk 6,43-45)

In diesem Text vergleicht Jesus den Menschen mit einem Baum. Kann man das denn? Genau wie ein Baum ganz bestimmte Anlagen besitzt und eine besondere, ihm eigene Frucht trägt, so haben auch wir Menschen ganz bestimmte Anlagen, die sich von anderen unterscheiden. Nicht jeder Mensch hat die Voraussetzungen, Techniker oder Wissenschaftler zu werden, nicht jeder Mensch ist musikalisch begabt, nicht jeder kann Bildhauer oder Kunstmaler werden; zu einem bestimmten Beruf ist nicht jeder geeignet. Aber darauf kommt es auch nicht an, sondern darauf, wie jeder die Gaben, die er empfangen hat, nützt und verwertet.

Ich glaube nicht, dass wir Menschen entweder gut oder böse sind - so schwarz oder weiß zu urteilen wäre zu vereinfacht -, wohl kann aber das Gute oder das Böse in uns die Oberhand gewinnen.

Wie die Bäume der Witterung ausgesetzt sind: Hitze und Kälte, Stürmen und Trockenheit, so sind wir Menschen dem Einfluss der Umwelt ausgesetzt. Ich glaube, dass ein Mensch zwar auf falsche Wege geraten kann, dass er - krass ausgedrückt - ein böser Mensch werden kann, dass aber immer die Hoffnung besteht, dass er sich ändern, sich bessern kann.

Um zu dem Vergleich mit Bäumen zurückzukommen: wie die jährliche Ernte, die ein Baum bringt, nicht in jedem Jahr gleich ausfällt, so gibt es auch für uns Menschen unterschiedliche Jahre.

Gewöhnlich schauen wir an einem Jahresende oder -anfang auf die vergangene Zeit zurück und legen uns Rechenschaft darüber ab, wie wir uns darin verhalten haben - mit Bäumen verglichen: ob wir eine gute Ernte eingebracht haben. Da gibt es dann wohl Jahre, in denen es uns nicht gelungen ist, die zwei Gebote zu erfüllen, die Jesus als die wichtigsten bezeichnet hat: Gott zu lieben von ganzem Herzen und unseren Nächsten wie uns selbst. Nur wenn wir es fertig bringen, unsere Nachbarn oder gar unsere Feinde in ihrer Einzigartigkeit zu erkennen und zu würdigen, finden wir das richtige Verhältnis ihnen gegenüber.

Der Dalai Lama hat einmal gesagt, der deutlichste Beweis dafür, dass ein Mensch Gott liebt, sei es, wenn dieser Mensch seinen Mitmenschen echte Liebe entgegenbringt.

Hulda Wagner, Bayswater (aus »Templer Record« , Febr. 2009)

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