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Die Warte des Tempels
Monatsschrift für offenes Christentum
Ausgabe 165/4 - April 2009
»Er ist wahrhaftig auferstanden«
Gedanken zum Ostergeschehen
Wenn wir im April wieder das Osterfest begehen, setzen wir uns, wie jedes Jahr neu, mit dem Mysterium des Christentums auseinander. Hier geht es um jenes Geschehen, das überhaupt dazu geführt hat, dass das Christentum entstand und seine Verbreitung erfahren hat. Trotzdem ist es gleichzeitig jenes Geschehen, das historisch am wenigsten zu fassen ist - auch, wenn sich die Evangelisten die größte Mühe geben, mit ihrer Berichterstattung eine Art Beweisführung darzulegen.
Das einzige, was gut belegt ist, ist der Tod Jesu. Er wird von dem Juden Josephus und von dem Römer Tacitus, zwei der bedeutendsten Historiker ihrer Zeit, erwähnt. Sie berichten, dass Jesus Jünger um sich versammelt hatte, dass er vom römischen Prokurator Pontius Pilatus in Jerusalem zum Tod verurteilt und hingerichtet worden war.
Auch in den vier Evangelien wird Jesu Tod beschrieben - aber schon hier haben wir vor allem Deutungen vor uns, die Christuszeugnisse aus der Sicht der nachösterlichen Gemeinde darstellen. Seit dem Tode Jesu und dessen von seinen Jüngern und Anhängern erlebten Auferstehung beginnt die Artikulierung von Bekenntnissen - und die Darstellungen der Evangelisten gehören dazu. Sie greifen auf unterschiedliche Deutungshintergründe zurück, beispielsweise Lukas auf das alttestamentarische Gottesknechtslied in Jesaja 53, das er bereits zur Darstellung der Geburt Jesu herangezogen hatte. Hinzu kommt die Interpretation des Paulus, der den Tod Jesu von dem jüdischen Opferritual her als Sühnetod deutet. Auf seinen Missionsreisen aber, wo er es mehrheitlich nicht mehr mit Juden, sondern mit Menschen mit hellenistischem Kulturhintergrund zu tun hatte, musste er die Bedeutung des Todes Jesu für deren Verständnis "übersetzen" und das erscheint im Denkmodell der Mysterienreligionen durch ein Mitsterben mit Jesus, durch das der "alte" Mensch stirbt und, von seinen Sünden befreit, ein neues Leben aus dem Geist Gottes entsteht.
Wir sehen an dieser kurzen Skizzierung von unterschiedlichen Deutungen des Todes Jesu (es gibt noch weitere), dass sie einander zwar nicht unbedingt ausschließen, dass sie sich aber ebenso wenig zu einer einheitlichen Deutung zusammenführen lassen.
Wenn schon der Umgang mit einem Faktum so viele Deutungsmöglichkeiten zulässt, um wie viel schwieriger wird dann derjenige mit den Berichten von der Auferstehung Jesu! Wenn wir die Darstellungen der vier Evangelisten miteinander vergleichen, haben wir vier recht verschiedene Berichte vor uns. Alle versuchen sie, durch realistisch erscheinende Beschreibungen von Ereignissen oder Situationen den Beweis zu führen, dass Jesus nicht im Tod geblieben, sondern - bei zwei von ihnen leibhaftig - auferstanden ist. Dabei kommt es zur geradezu grotesken Darstellung von Einzelheiten. So fordert der Auferstandene bei Lukas seine staunenden Jünger dazu auf, ihn anzufassen, damit sie feststellen könnten, dass er kein Geist, sondern aus Fleisch und Knochen sei. Außerdem bittet er darüber hinaus noch um etwas zu essen und isst vor ihnen den gebratenen Fisch. Bei Johannes fordert der Auferstandene den ungläubigen Thomas auf, seine Finger in Jesu Wunden zu legen - wir erfahren zwar nicht, ob Thomas dies tatsächlich getan hat, aber von dem Moment, an dem Jesus zu ihm gesprochen hat, glaubt auch Thomas.
Diese Beispiele zeigen, dass je konkreter die Beschreibung wird, sie in unseren Reihen heute umso weniger Beweiskraft hat! Ebenso ging es mit anderen Bildern der Auferstehung - mit dem Moment, in dem sie objektiv greifbar werden sollten, konnten sie nur zu absurden Debatten führen, wie es in den ersten christlichen Jahrhunderten z.B. bezüglich des leeren Grabes geschehen ist. Und: je mehr realistische Begebenheit von den Gläubigen als Glaubensinhalt eingefordert wird, umso fundamentalistischer wird die Auffassung.
Eindeutig und unzweifelhaft ist Eines: in ihrer größten Niedergeschlagenheit, in der grenzenlosen Enttäuschung darüber, dass das Leben mit Jesus nicht zu dem geführt hatte, was sie sich davon versprochen hatten, in der tiefen Trauer um den geliebten Lehrer und Gefährten erlebten sie etwas, das alles veränderte. In Angst und Grauen waren alle Jünger mit Ausnahme von Petrus bei der Verhaftung Jesu davongelaufen - und auch er hatte weder den Mut noch die Kraft, zu Jesus zu stehen und sich zu ihm zu bekennen. Von keinem einzigen seiner Jünger wird berichtet, dass er auch nur in der Nähe gewesen sei, als Jesus zu seiner Kreuzigung geführt wird; ein Fremder hilft ihm auf, als er unter dem Gewicht seines Kreuzes zusammenbricht. Bei dem unfassbaren Geschehen der Verurteilung Jesu zum Tod sahen die Jünger keinen Sinn mehr darin, in Jerusalem zu bleiben und kehrten zurück in ihre Heimatorte am See Genezareth, um ihr altes Leben wieder aufzunehmen.
Doch dann geschieht etwas, das als Vision, als Audition oder auch eine Kombination von beidem beschrieben wird - für mich ist eigentlich einerlei, was es genau gewesen sein oder wie man es nennen mag. Wesentlich ist, dass die Jünger - ebenso wie die Frauen, die Jesus nahestanden - etwas erlebten, das für sie ein ganz konkretes Erleben war. Dieses Erleben war für sie alle so real und tiefgreifend, dass es ihr Weiterleben von Grund auf beeinflusste. Sie erfuhren in ihrem Verlust, was sie verloren hatten, stellten im Rückblick auf ihr gemeinsames Leben mit Jesus fest, was daran bedeutungsvoll gewesen war und empfanden, dass sie diese Erkenntnis für ihr weiteres Leben unbedingt benötigten. So wurde der Tod Jesu für sie nicht zum abrupten Ende aller Zukunftsvisionen, machte sein Fehlen in ihrer Mitte nicht alles zunichte, was er ihnen gepredigt hatte. Im Gegenteil: sie erkannten, dass Jesus in allem, was er ihnen gesagt und vorgelebt hatte, gegenwärtig war und zu ihnen sprach. So stark war dieses Erkennen, dass sie sich wieder zusammentaten und trotz der zweifellos bestehenden Gefährdung begannen, Jesu Lehre weiter zu verkünden.
Ein weiteres Phänomen kommt hinzu: offenbar wirkten sie authentisch, denn der neue Glaube verbreitete sich schnell. Dabei ging und geht es auch heute darum, dass uns etwas erfahrbar gemacht wird, was schwer zu vermitteln ist. Wie kann man ein Erleben weitergeben, mit dem ein anderer keine eigene Erfahrung gemacht hat? Es ist vielleicht vergleichbar mit dem Versuch, einem Blinden Farben zu erklären - wahrscheinlich wird er sich keine Vorstellung davon machen können (oder eine andere als ein Sehender); aber er wird wissen, dass es sie gibt. In dieser Weise können wir die Auferstehungsberichte der Jünger vielleicht auffassen und sie als etwas begreifen, das vielen Menschen auch zu ihrem diesseitigen Leben hilft: nämlich, dass jenes konkrete Erleben nicht nur eine subjektive Sache der Jünger war, sondern dass allen Menschen ein Weiterleben nach dem Tod zugedacht ist - wie auch immer dieses aussehen mag. Den Glauben daran und die Hoffnung darauf hat es schon vorher gegeben; nur deshalb konnte sich die Erfahrung der Jünger durchsetzen.
Mit diesem Glauben an die Auferstehung hängt ganz ursächlich der Zeitpunkt zusammen, an dem wir seither Ostern feiern: nicht von ungefähr ist es die Zeit, in der die Natur aus ihrer Winterstarre wieder zu neuem Leben erwacht, "aufersteht". Die neu erwachte Lebenskraft ist allerorten gegenwärtig: in der zunehmenden Wärme der Sonne, ihrem länger scheinenden Licht und in der knospenden Natur. Und: auch für das Osterfest haben die Christen heidnische und jüdische Bräuche übernommen - so die Ostereier und die Osterhasen, die beide Fruchtbarkeitssymbole sind, und den Zeitpunkt in Zusammenhang mit dem jüdischen Passah. Auch ist der Sonntag anstelle des Sabbats aufgrund der Osterereignisse zum »Tag des Herrn«geworden: nach dem Sabbat war er der erste Tag der Woche und die Auferstehung an diesem Tag veranlasste die Anhänger Jesu, sich in der Folgezeit zum Gedenken an diesem Tag und nicht am Sabbat zu versammeln.
Ich wünsche allen Lesern Frohe Ostern!
Karin Klingbeil
BIBELWORTE - NÄHER BETRACHTET
Vom Sabbat um des Menschen willen
Und es begab sich, dass er am Sabbat durch ein Kornfeld ging, und seine Jünger fingen an, während sie gingen, Ähren auszuraufen. Und die Pharisäer sprachen zu ihm: Sieh doch! Warum tun deine Jünger am Sabbat, was nicht erlaubt ist? Und er sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen, was David tat, als er in Not war und ihn hungerte, ihn und die bei ihm waren: wie er ging in das Haus Gottes zur Zeit Abjatars, des Hohenpriesters und aß die Schaubrote, die niemand essen darf als die Priester, und gab sie auch denen, die bei ihm waren? Und er sprach zu ihnen: Der ist um der Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbat willen. So ist der Menschensohn ein Herr auch über den Sabbat. (Markus 2, 23-28)
Mundraub zum Eigenverbrauch war für die Pharisäer nicht das Problem, das war einem Hungrigen erlaubt. Dagegen war am Sabbat Erntearbeit eigentlich verboten.
Das Gebot der Sabbatruhe findet sich schon in den Zehn Geboten, zur Ehre des Schöpfergottes, aber auch aus sozialen Gründen, als Wohltat für alle. Im mosaischen Gesetz wird das Gebot der Sabbatruhe zudem mit drastischen Strafandrohungen versehen. Fromme Juden haben deshalb bis heute ganz genaue Vorschriften, was erlaubt ist und was nicht.
Verboten ist danach alles, was genauso gut auch an einem Werktag erledigt werden kann. Unsere (gläubigen) jüdischen Freunde in Jerusalem wollten sich daher am Sabbat nicht mit uns treffen und lieber zu Hause bleiben.
Vor dieser Bereitschaft, den Sabbat zur Ehre des Schöpfergottes zu heiligen, das heißt: von Arbeit frei zu halten, empfinde ich tiefen Respekt, selbst wenn ich nicht alles nachvollziehen kann. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass Jesus mit dieser Einstellung Probleme gehabt hätte. Er wandte sich gegen die Buchstabengläubigkeit der Pharisäer, die den Sinn des ursprünglich Gemeinten aus den Augen verloren hatten.
Er sprach sich auch nicht für die Abschaffung der Sabbatruhe aus, ebenso wenig wie für die Abschaffung von Speisevorschriften oder Reinheitsgeboten.
Für ihn kam es auf den Menschen an, wie er mit seinem Nächsten umgeht, nicht darauf, ob er seine Hände vor dem Essen wäscht oder nicht, und bestimmt nicht darauf, ob er beim Spazierengehen aus Hunger ein paar Weizenähren abpflückt.
Barmherzigkeit ging für ihn formalen Verboten vor. Die Kultgesetze und die Konventionen werden deshalb zu Dienern des Menschen erklärt.
Welche Sprengkraft seine Ansichten haben, wird deutlicher, wenn wir statt »Sabbat« moderne Begriffe wählen, zum Beispiel: Die Kirche besteht um des Menschen willen und nicht andersherum. Die Globalisierung soll dem Menschen dienen und nicht umgekehrt. Der Staat ist um des Menschen willen, der Mensch nicht etwa um des Staates willen gemacht. Die Gesetze verfolgen keinen Selbstzweck, sondern sie sollen dem Menschen dienen.
Den Sabbat heiligen, heißt somit nach der Lesart von Jesus, ihn menschengerecht zu verbringen. Das muss nicht freudlos sein, im Gegenteil. Jesu Wort ist nicht nur als kämpferischer Aufruf gegen den Missbrauch des Sonntags durch eine starre Gesetzlichkeit zu begreifen, sondern als Einladung zu einem guten, schöpfungsgemäßen, gesegneten Gebrauch.
Um Erich Fromm zu zitieren:
Der Sabbat ist ein Tag der Freude, weil der Mensch an diesem Tag ganz er selbst ist.
Jörg Klingbeil
Arbeit für den Frieden in Nahost
Aus der Arbeit zweier Israelis, die sich für den Frieden zwischen Israelis und Palästinensern einsetzen.
Man mag den Glauben verloren haben, dass es im Nahost jemals dauerhaften Frieden geben kann. Nach kurzem Waffenstillstand, nach erfolglosen Verhandlungen zwischen Israelis und Palästinenser kommt es wieder und wieder zu Gewaltausbrüchen. Selbst die Diplomatie westlicher Staaten verspricht bis jetzt nur wenig Hoffnung. Auf jeden gewaltsamen Schlag folgt die Vergeltung »Auge um Auge, Zahn um Zahn«. Die inneren und äußeren Fronten, die Einstellungen sind offensichtlich sehr verhärtet. Gerade dann sind aber Bemühungen einzelner Menschen umso wichtiger, Bemühungen von Menschen, die an einen Friedensdialog zwischen den Menschen glauben und in bewundernswerter Weise dafür arbeiten.
In dieser und in der nächsten Ausgabe der Warte sollen zwei Beispiele gezeigt werden. Zum einen handelt es sich dabei um den weltbekannten Dirigenten Daniel Barenboim mit seinem besonderen Orchester, zum anderen um den ehemaligen israelischen Soldaten Yehuda Shaul.
Wolfgang Blaich
Maestro des Friedens
Barenboim und sein Orchester spielen gegen den Krieg in Nahost
Wegen der Lage im Gazastreifen wurden jüngst zwei Konzerte des argentinisch-israelischen Weltstars mit dem West-Eastern Divan Orchestra in Kairo und Katar abgesagt. Einer der Auftritte findet nun in der Berliner Staatsoper statt. Das aus israelischen und arabischen Musikern bestehende Orchester hatte Daniel Barenboim 1999 zusammen mit dem palästinensischen Literaturwissenschaftler Edward Said ins Leben gerufen. Der Dialog zwischen den verschiedenen Kulturen des Nahen Ostens solle durch die Erfahrung des gemeinsamen Musizierens möglich werden, lautet ihr Ziel. Unter den Musikern gebe es große Differenzen über den aktuellen Konflikt, sagte Barenboim zuletzt in einem Interview. Gerade deswegen wollten das Orchester und er mit dem Zusammenspiel ein Zeichen setzen.
Für seine Verdienste um die israelisch-palästinensische Aussöhnung wurde der Dirigent mehrfach ausgezeichnet. Ban Ki-Moon ernannte ihn 2007 zum Friedensbotschafter der UNO. Der Musiker scheint überall auf der Welt zu Hause zu sein. Er spricht sechs Sprachen. In Buenos Aires wurde er als Sohn von Eltern jüdisch-russischer Abstammung geboren. 1952, im Alter von zehn Jahren, zog er mit der Familie nach Israel. Zu diesem Zeitpunkt spielte er bereits seit fünf Jahren Klavier und gab sein internationales Debüt in Wien und Rom. Eine Weltkarriere mit Tourneen in sämtliche Kontinente folgte.
Daniel Barenboim ist in vieler Hinsicht einzigartig. Seit 2008 besitzt er neben dem argentinischen, spanischen und israelischen Pass die palästinensische Ehrenstaatsbürgerschaft.
Gekürzter Auszug aus »Publik Forum«, Ausgabe Januar 2009
Das eigene Evangelium des Jesus von Nazareth
Die wahre Wirklichkeit des Auferstehungsglaubens
Wir setzen unsere Reihe in diesem Heft - der Osterzeit entsprechend - mit einem Ausschnitt aus dem 9. Kapitel von James M. Robinsons Buch »Jesus und die Suche nach dem ursprünglichen Evangelium« fort, in dem es um das »Spruchevangelium Q« geht (siehe auch die Beiträge dazu in den Dezember- und Februar-Heften).
Der Tod Jesu war nicht das letzte Wort: Das Spruchevangelium Q widerlegt jene nahe liegende Behauptung! Denn ausgerechnet nach Jesu Kreuzigung wurden alle seine Vertrauen erweckenden Worte über den treusorgenden Vater von seinen Jüngern wiederholt, gesammelt und aufgezeichnet, um schließlich auch uns in den Evangelien des Matthäus und des Lukas im Neuen Testament zu erreichen. Und das geschah nicht etwa aus Nostalgie oder in trauriger Erinnerung an das, von dem sie einmal gehofft hatten, es möge wahr sein, von dem sie nun aber wussten: Es war zu gut für unsere Wirklichkeit.
Ganz im Gegenteil! Als ob nichts, auch das Schlimmste nicht, ihren Glauben erschüttern könnte, begannen sie ganz von neuem, Jesu Botschaft zu verkünden. Jesu Glaube hatte die Enthauptung des Täufers überlebt und der Glaube der Jünger überlebte die Kreuzigung Jesu, denn sie hörten ihn noch immer reden: »Was ich euch im Dunkeln sage, sprecht im Licht, und was ihr in das Ohr geflüstert hört, verkündet auf den Dächern. Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten: Die Seele können sie nicht töten!« (Q 12,3f)
Worauf es ankommt, ist Integrität, nicht äußere Umstände, auch nicht Lebenszeit. Ihnen wurde klar: Das, was Jesus gesagt hatte, war immer noch wahr, auch in Situationen äußerster Verzweiflung!
Einer nach dem anderen, dann in kleineren oder größeren Gruppen erfuhren die Jünger, dass Jesus immer noch von ihnen erwartete, seine Botschaft weiter zu verkünden und sein Verhalten weiter zu führen. So trat Jesus nochmals in ihr Leben ein, als sie die Realität seiner Botschaft aufs Neue erfuhren und beauftragt wurden, diese Botschaft wie früher weiter zu tragen. Die Realität von Ostern bestand und besteht in dieser Erfahrung.
Es war weder das leere Grab, noch die Erscheinungen, die den Osterglauben schufen. Es verhält sich vielmehr umgekehrt. Das mag für manche überraschend klingen. Ich möchte es darum mit Erfahrungen illustrieren, die wir zu Weihnachten oder Ostern mit unseren Kindern machen können.
Wir wissen, wie wir ihnen erklären können, dass wir nicht wegen des Weihnachtsbaums oder wegen des Weihnachtsmanns Weihnachten feiern; dass es sich vielmehr umgekehrt verhält: Weil wir Jesu Geburtstag feiern, gibt es den Weihnachtsbaum und den Weihnachtsmann. Wenn Jesus nicht geboren wäre, würden wir beides nicht haben. Und auch der Osterhase und die Ostereier machen nicht Ostern, auch da verhält es sich andersherum. Der Grund dafür, dass wir von ihnen reden, liegt in Jesu Auferweckung. Wenn Jesus nicht von den Toten auferweckt worden wäre, gäbe es keinen Osterhasen und keine Ostereier. Auf diese Weise verlieren wir auch Jesu Geburt wie seine Auferweckung nicht aus dem Auge, was zu leicht geschieht (nicht nur bei Kindern!), wenn wir vor diesen Festen von all den Kaufangeboten überflutet werden.
Genauso wie wir unseren Kindern erklären, dass sie an das denken sollen, was hinter all dem Drum und Dran liegt, um zu eigentlichen Sinn von Weihnachten und Ostern zu finden, so müssen auch wir Erwachsenen versuchen, "dahinter zu kommen": Nicht die Auferstehungsgeschichten machen schon Ostern - es verhält sich auch hier umgekehrt: Weil die Jünger erlebten, dass Jesus noch nach seinem Tode seine Botschaft vertrat, dass sie auch nach seinem Tode noch Evangelium, frohe Botschaft war, darum entstanden die Ostergeschichten. Deshalb ist das die einzig begründete Form heutigen christlichen Osterglaubens. Osterglaube nimmt Jesus beim Wort, dass Gott der himmlische Vater ist, der wirklich in unserem tagtäglichen Leben sorgt; der herrscht für uns und durch uns. Ostern ist nicht nur das Datum für die Entstehung einer anderen Religion eines sterbenden und auferstehenden Gottes, von denen es in der antiken Welt schon zu viele gab. Ostern gründet in der erneuerten Erfahrung Jesu durch die Jünger: eines Jesus, der daran festhielt, dass Gott auch weiter für uns da ist und durch uns für andere - trotz des Schreckens von Karfreitag.
Das ist die wirklich gute Nachricht, das ist das Evangelium Jesu, der auferweckt ist von den Toten.
James M. Robinson
Neue Bücher
Jakob Eisler, »Deutsche in Palästina und ihr Anteil an der Modernisierung des Landes«, Abhandlungen des Deutschen Palästina-Vereins Band 36, 2008, 207 S., 12 Bildtafeln, Harrassowitz Verlag Wiesbaden ISBN 978-3-447-05826-1
Diese Neuerscheinung basiert auf der vom 13. bis 15. Juni 2003 vom Landeskirchlichen Archiv Stuttgart veranstalteten Tagung »Württemberg in Palästina - Der Beitrag der deutschen Missions- und Siedlungstätigkeit zur kulturellen Entwicklung Palästinas«. Einige von uns waren damals dabei und werden sich an hochinteressante Referate erinnern. Aber 15 detaillierte Referate in zwei Tagen sind zu viel, als dass man davon alles behalten könnte. Deshalb, und erst recht für alle, die nicht dabei waren, ist es sehr zu begrüßen, dass die Referate nun in Buchform vorliegen.
In ihrer Gesamtheit geben sie einen guten Überblick über die vielfältigen, meist religiös begründeten Aktivitäten von Deutschen in Palästina im 19. und 20. Jahrhundert - von Einzelnen, religiösen Gruppen und Vereinen sowie kirchlichen Organisationen. Dass viele von ihnen aus Württemberg kamen, erklärt den Titel und hängt damit zusammen, dass Württemberg eine Hochburg des streng bibelgläubigen Pietismus war.
Jedes Referat konzentriert sich auf einen Aspekt oder eine Gruppe. So erfährt man etwas über Bereiche, die man zu kennen glaubt: Details, die sie anschaulicher und verständlicher machen, findet Zusammenhänge, die man nicht gekannt hat, kann mit Namen, über die man immer wieder gestolpert ist, plötzlich etwas anfangen.
Ein Beispiel: Karmelmission - dass sie von den Ex-Templern und Hardegg-Anhängern Johannes Seitz und Martin Blaich gegründet wurde, dürften die Wenigsten von uns gewusst haben, ebensowenig, dass die beiden nach Deutschland zurückkehrten und - zum Teil mit ehemaligen Tempel-Anhängern - einen pietistischen »Reichsbrüderbund« gründeten, der als »Württembergischer Brüderbund« heute noch zahlreiche Gemeinden bildet.
Die Templer sind mit einem Referat von Professor Sauer vertreten, aber sie kommen auch in vielen anderen Beiträgen immer wieder vor.
Palästina-Unerfahrenen würde ich das Buch vor einer Reise durch Israel empfehlen.
Brigitte Hoffmann
Leserecho
Zu: Peter Lange, »Diener der Einheit« (»Die Warte« März 2009)
Vorneweg: Ich finde es sehr gut, dass ein solcher Artikel erschienen ist, und ich finde es ebenfalls sehr gut, dass er nicht - wie zumindest anfangs in den meisten Presseverlautbarungen - an dem »offensichtlichen Missgriff« des Falles Williamson festgemacht ist, sondern an der viel wichtigeren Frage, was Einheit bedeutet - Einheit der Kirche, der Christenheit, jeder Gemeinschaft, auch der unsrigen. Und ich bin auch mit der Gesamtaussage des Artikels voll und ganz einverstanden.
Ich will nur hinter die Aussage des letzten Abschnitts ein Fragezeichen setzen. Dort heißt es, verkürzt: Jemand, der die Bibel wörtlich nimmt oder Jesus für Gott hält, kann nicht bei uns Mitglied werden. Durch das "werden" ist der Satz, was die Praxis betrifft, unanfechtbar, denn jemand mit einer solchen Überzeugung würde ganz sicher nicht bei uns Mitglied werden wollen.
Wie steht es aber mit dem Mitglied-Sein? In unserem Aufnahme-Antrag stehen nur zwei Bedingungen: die Teilnahme am Gemeindeleben - notgedrungen relativiert durch ein "nach Möglichkeit", weil viele entfernt vom Zentrum Wohnende das kaum praktizieren können - und die Bereitschaft, mitzuwirken an dem, was die Gründer die Verwirklichung des Reiches Gottes nannten und was wir wesentlich bescheidener etwa so formulieren würden: das Bemühen darum, die Welt - nach unseren begrenzten Möglichkeiten - ein kleines bisschen Reich-Gottes-ähnlicher zu machen. Das kann auch jemand unterschreiben und - wichtiger - leben, der an die Göttlichkeit Christi glaubt. Was ist mit jemandem, der sich aus religiöser Skepsis als Agnostiker versteht, aber sich voll zur Ethik Jesu bekennt (davon dürfte es in unseren Gemeinden etliche geben)? Sollen wir solche Menschen ausschließen? Wir haben es bisher nicht getan, und ich denke, wir dürfen es, von unserem Selbstverständnis her, auch in Zukunft nicht.
Es bleibt die Spannung zwischen dem deutlichen Profil, das eine Gemeinschaft haben muss, wenn sie Bestand haben will, und der Toleranz, der Achtung vor der individuellen Glaubensüberzeugung des Einzelnen. Peter Langes Formel für einen Ausgleich zwischen beidem »Einheit in der Vielfalt« gefällt mir gut - ich würde sie allerdings lieber umstellen: »Vielfalt in der Einheit«. Das klingt für mich ein bisschen logischer, und es betont die Vielfalt ein bisschen mehr. So oder so ist die Formel schön, aber sehr allgemein. Ich möchte versuchen, sie in zwei Punkten etwas konkreter zu machen.
In Bezug auf die Christenheit: Ich sehe es nicht als einen Schaden, sondern als einen Gewinn, dass es viele christliche Gemeinschaften gibt, auch solche, mit denen ich in vielen Punkten nicht einverstanden bin. Auch in der Religion haben verschiedene Menschen verschiedene Bedürfnisse, und die Vielfalt von Gemeinschaften wird dem eher gerecht. Allerdings ist es ein Gewinn nur dann, wenn diese vielen Gruppen sich nicht gegenseitig bekämpfen und herabsetzen, sondern das Gemeinsame in den Mittelpunkt stellen: die Berufung auf Jesus und seine Botschaft.
In Bezug auf uns: Ich denke, man sollte trennen zwischen dem, was das einzelne Mitglied denkt oder sagt, und dem, was im Namen der Gemeinschaft gesagt wird. Was genau der Einzelne glaubt, kann man sowieso nicht kontrollieren und sollte man auch dann nicht reglementieren, wenn es im Einzelnen von der Linie der Gesellschaft abweicht.
Zu dem, was im Namen der Gemeinschaft gesagt wird, gehören das Schrifttum und gelegentliche Vorträge - das, was unser Bild nach außen bestimmt. Dazu gehören aber auch die Predigten. Sie sollen, in ihrer Gesamtheit, eine Leitlinie für die Gemeinde sein, sie sollten also im Großen und Ganzen von dem Grundgedanken der Tempelgesellschaft ausgehen. Wenn ein Ältester das mit seiner Glaubensüberzeugung nicht vereinbaren kann, dann kann er zwar, wenn er das möchte, Mitglied der Gemeinde bleiben, aber nicht einer ihrer Sprecher.
Brigitte Hoffmann
Die oben wiedergegebene Zuschrift gibt uns Gelegenheit, unsere Leser einzuladen, auch weiterhin unsere Veröffentlichungen zu kommentieren, zu ergänzen oder eigene Meinungen dazu zum Ausdruck zu bringen.
»Warte«-Schriftleitung
Aus dem Tagebuch des TGD-Archivs
- Wir erhielten vom israelischen Restaurator Shay Farkash Fotos, auf denen das ehemalige Gemeinde- und Schulhaus der Templer von Jaffa in der Vorbereitungsphase der Restaurierung zu sehen ist. Shay Farkash hat dabei die ursprüngliche Inschrift über dem Eingangsportal, die mit Verputz überstrichen worden war, freilegen können (Wortlaut: »Tempelgemeinde Jaffa - 1886«).
- Eine deutsche Journalistin aus Jerusalem, die im Auftrag des »Spiegel« eine Veröffentlichung über die Templer plant, erkundigte sich nach dem Aufstellungsdatum des auf unserem Jerusalemer Friedhof stehenden Denkmals für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs. Nach Auskunft des früheren TGD-Friedhofs-Beauftragten Dieter Lange befand sich das Ehrenmal ursprünglich auf dem Templerfriedhof Wilhelma und wurde nach dessen Auflösung nach Jerusalem gebracht.
- Die Temple Society Australia hat vor einiger Zeit die auf Vorträgen des früheren Tempelvorstehers Christian Rohrer basierende Schrift »Ist die Bibel die Quelle der Gotteserkenntnis?« (1935) ins Englische übersetzt und dem TGD-Archiv ein Exemplar davon übersandt (»Is the Bible the Source of our Knowledge of God?«).
- Die Ehefrau des Familienforschers Helmut Arnold aus Konstanz ist uns dabei behilflich, die auf 17 CDs in Einzeldateien vorhandenen sämtlichen Inhalte der »Warte des Tempels« von 1845-1989 in durchsuchbare Jahrgangsdateien zu konvertieren. Dies wäre eine unschätzbare Erleichterung für Historiker und Interessierte, die die vorhandenen Papierbände der »Warte« besser schonen und erhalten würde.
- Wir haben der TSA auf Anfrage der Heritage-Mitarbeiterin Monika Strasser eine Kopie der bei uns erstellten genealogischen Datensammlung von Templerfamilien übermittelt, sodass anlässlich des dortigen Sommerfestes am 15. März Auskünfte über biografische Einzelheiten von Vorfahren gegeben werden können.
- TSA-Mitglied Horst Blaich beabsichtigt, im Alten- und Pflegeheim Tabulam in Bayswater in einer »Templer-Galerie« Porträts aller bisherigen Tempelvorsteher mit entsprechenden Kurzbeschreibungen zu zeigen. Es handelt sich dabei um Kopien aus dem TGD-Archiv.
Ein 16-jähriger Jugendlicher aus Bney-Atarot, der früheren Tempelsiedlung Wilhelma, teilte uns per E-Mail mit, dass jetzt an der Neugestaltung des Geländes des ehemaligen Templerfriedhofs gearbeitet werde, und schickte zahlreiche Bilder der Aktion mit. Schon vor Jahren war uns mitgeteilt worden, dass dort ein »Naturgarten« geplant sei, da die lange Zeit der Brache die Erhaltung seltener Pflanzen begünstigt hätte. Yotam Harris gehört einer örtlichen Jugendgruppe an, die ihre Mitglieder mit der Geschichte der Templer von Wilhelma vertraut machen möchte. Wir haben ihm Hilfestellung angeboten.
Peter Lange
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