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Die Warte des Tempels
Monatsschrift für offenes Christentum
Ausgabe 165/3 - März 2009
»Diener der Einheit«
Der Gnadenerweis des Papstes
Es hat in der katholischen Welt schon lange nicht mehr so gebrodelt wie in diesen Tagen. Nach dem Erlass des Dekrets von Papst Benedikt über eine Rücknahme der Exkommunikation von vier Bischöfen der erzkonservativen Pius-Bruderschaft hagelt es Proteste aus allen Ecken des Katholizismus. Aber auch Nichtkatholiken lässt der Vorgang nicht unbewegt. Gibt es Wiederannäherung des Vatikan nur nach rechts, während andere von der Linie abgewichene Theologen, wie etwa Gotthold Hasenhüttl, Hans Küng, Leonardo Boff, diese »Barmherzigkeit« nicht erfahren?
Ich möchte in diesem Kurzkommentar einmal den offensichtlichen Missgriff des Papstes hinsichtlich der Wiederaufnahme des Holocaust-Leugners Williamson und seiner Stellung zum Judentum beiseite lassen und mich mehr der Frage zuwenden, was hier das Wort »Einheit« wohl zu bedeuten hat. Wo wurde nicht überall für eine »Einheit« geworben und gekämpft, zuletzt bekanntlich vor 20 Jahren für eine »Einheit aller Deutschen«! Einheit bedeutet für mich ein gemeinsames Band, das bei aller individuellen Verschiedenheit eine Volks- oder Menschengruppe umschließt. Die Verschiedenartigkeit der Menschen bleibt in der Einheit erhalten.
So bedeutet für mich z.B. die »Einheit der Christen« ein gemeinsamer Bezug zu Jesus von Nazareth und zu seinem Evangelium. Die Templer mögen sich da noch so sehr von anderen christlichen Kirchen und Gemeinschaften unterscheiden, sie gehören trotzdem in diesen Kreis und dürfen nicht als »Außenseiter« oder »Nichtdazugehörige« gelten. Es gibt vieles, was uns trotz aller Verschiedenheit mit anderen Christen verbindet, obwohl wir eine eigenständige Gemeinschaft sind.
Die Voraussetzung, die zu einer Einheit gehört, ist meines Erachtens gegenseitige Achtung und Toleranz. Hätte es daran nicht gefehlt, hätte manche Spaltung und Trennung in der Vergangenheit vermieden werden können. Dann wären die »Jerusalemsfreunde« vom Kirschenhardthof oder die Templer- und Mennoniten-Brüder in Russland nicht von ihren Kirchen ins Abseits gedrängt worden. Unterschiedliche Auffassungen in Einzelfragen dürfen nicht mehr Grund für Spaltung und Trennung sein. Eine »Einheit in der Vielfalt« ist das erstrebenswerte Ziel.
Doch eine Glaubensgemeinschaft kann keine Einheit darstellen, wenn sie nicht auch ein allgemein akzeptiertes Profil aufweist. In einer Tempelgemeinde kann so ein Fundamentalist, der die Bibel wortwörtlich nimmt, oder ein Christologe, der Jesus als Gott und Schöpfer sieht, nicht Mitglied werden. Und gleichermaßen, möchte ich sagen, ein Traditionalist nicht Mitglied der katholischen Kirche, wenn er übergreifende Vereinbarungen darin, wie das Zweite Vatikanische Konzil mit seinen Entscheidungen zu Demokratie, Menschenrechten und anderem, nicht akzeptiert. Mit ihm kann es dann eben keine Einheit geben.
Peter Lange
BIBELWORTE - NÄHER BETRACHTET
Täter des Wortes
»Seid aber Täter des Worts und nicht Hörer allein; sonst betrügt ihr euch selbst.« (Jak 1,22)
Dieser Text stammt nicht vom Apostel Jakobus, sondern offensichtlich ist jener Jakobus gemeint, der zum Kern der Urgemeinde in Jerusalem gehörte und der nach dem Weggang des Petrus zum Leiter dieser Gemeinde wurde. Er erlitt im Jahr 62 n.Chr. den Märtyrertod.
Der Jakobusbrief ist trotz des briefartigen Anfangs kein eigentlicher Brief. Er ist nicht, wie bei den anderen Briefen üblich, an eine bestimmte einzelne Gemeinde gerichtet, sondern an einen größeren, nicht genau definierten Leserkreis. Es geht in ihm nicht um die Entfaltung oder Verteidigung von Lehren, sondern - wie ja aus dem ausgewählten Wort in Kapitel 1 schon hervorgeht - um die Mahnung zu einer tatkräftigen Verwirklichung des Wortes, des Evangeliums. Dabei hat der Text zuweilen Anklänge an die Bergpredigt.
Es gibt Worte der Bibel, die aus sich selbst heraus verständlich und selbstverständlich scheinen und daher im Grunde keiner weiteren Erklärung bedürfen. Die Mahnung des Jakobus könnte in diese Kategorie eingeordnet werden. Ist doch klar, mag man sich denken - wer die Hände in den Schoß legt und im Nichtstun verharrt, wer den Schritt nicht vom Hören zum Handeln aus Einsicht geht, der hat irgendetwas nicht verstanden.
Warum enthält das Neue Testament aber trotzdem Texte, deren Sinngehalt ganz selbstverständlich scheint? Es legt sich die Antwort nahe, dass auch das (vermeintlich) Selbstverständliche immer wieder gesagt werden muss. Und wenn uns hier das Bild eines moralisch erhobenen Zeigefingers zu eng erscheint, sollten wir vielleicht doch folgenden Fragen nachgehen: Was genau sagt der Text? Kann der Text - richtig verstanden - eine Rolle für meine Lebensauffassung, für meine Lebensgestaltung spielen? Fordert das Verstehen Konsequenzen?
Die Formulierung im Text stellt klar, dass es sich um eine Reihenfolge handelt, nämlich zuerst das Hören und dann das Tun, und dass zwischen beiden ein kausaler Zusammenhang besteht. Erst mal muss ich richtig gehört, d.h. wahrgenommen und aufgenommen und dann richtig verstanden haben, bevor daraus eine entsprechende Tat erfolgen kann. Das Tun nur um des Tuns Willen ist ebenso verkehrt wie das nachlässige, nichtverstehende Hören. Und wie viel Unglück rührt von einem zu schnellen, vermeintlich richtigen Hören. Im Sinne des Jakobus ausgedrückt heißt das, dass Glaube und Werk nicht voneinander zu trennen sind. Wirklicher Glaube ist immer mehr als eine Ideologie, der man anhängt, oder eine Religion, zu der man gehört.
Es geht nach meinem Verständnis um die Wahrhaftigkeit unserer Lebenseinstellung, unserer Überzeugungen. Bin ich die Person, die ich nach außen hin zeige? Oder gibt es einen Widerspruch zwischen dem, was ich nach außen trage und im Innern fühle? Auf das Bibelwort bezogen: entsprechen meine Taten meinen Worten? Wer nicht nach seinen Worten handelt, läuft Gefahr, unglaubwürdig zu werden, vor sich selbst und anderen. Das ist eine persönliche Angelegenheit, aber auch eine allgemeine Frage an alle, die dem Wort Jesu folgen, nämlich: ist diese Nachfolge durch meine Art und Weise zu leben erkennbar?
Jakobus macht uns diese Problematik anhand eines Bildes deutlich: Da steht ein Mann vor dem Spiegel und schaut sich an. Er sieht - so heißt es wörtlich - »wie er beschaffen war«. Doch nachdem er sich beschaut hat, vergisst er »von Stund an, wie er aussah«. Es geht also um ein Sehen, das nicht auf das rein Äußerliche beschränkt ist, sondern auch die innere Beschaffenheit des Menschen meint. Man kann das nicht auseinander reißen.
Genauso ist es auch mit dem Hören der Botschaften des Neuen Testaments: wenn wir das Hören vom Tun trennen, gehen wir einen gefährlichen Weg. Dann gleichen wir -wie es Jesus selbst in einem anderen Bild ausdrückt - jenem Mann, der sein Haus auf Sand gebaut hat. Es hat damit keinen Grund, kein Fundament, auf dem es auch in Sturmzeiten sicher und fest steht.
Wolfgang Blaich
Von der Feindesliebe
Das Gebot der Annahme anderer Menschen
Mt 5,43-48 ist eine der schönsten und wichtigsten Textstellen im ganzen Neuen Testament. Sie sagt in wenigen eingängigen Sätzen, was die Kernbotschaft Jesu ausmacht. Sie gehört zur Bergpredigt; wir alle kennen sie, wir zitieren immer wieder daraus, wir betrachten sie als unsere Leitlinie - so selbstverständlich, dass wir gar nicht mehr darüber nachdenken. Wenn man sie aber genauer ansieht, enthält sie einiges, über das man sich Gedanken machen sollte. Das fängt schon mit dem ersten Satz an: »Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen«. Das steht aber nirgends im Alten Testament. Hatte Jesus in einem so wichtigen Punkt seinen Mose falsch gelesen oder falsch behalten?
Das scheint mir unwahrscheinlich. Das intensive Studium der heiligen Schriften war die unabdingbare Voraussetzung, wenn man in Israel über Religion reden wollte. Mir scheint eine andere Erklärung wahrscheinlicher, und die ist für den ganzen Text wichtig. In den meisten Bibeln ist die Verweisstelle angegeben, auf die der Satz sich wahrscheinlich bezieht: 3 Mo 19, 17-18. Dort heißt es: »Du sollst deinen Bruder nicht hassen in deinem Herzen, sondern du sollst deinen Nächsten zurechtweisen, damit du nicht seinetwegen Schuld auf dich ladest. Du sollst dich nicht rächen noch Zorn bewahren gegen die Kinder deines Volks. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (Der Nächste ist im Alten Testament immer der Angehörige des eigenen Volkes).
Das klingt anders als »Du sollst deinen Feind hassen«. Aber der kurze Abschnitt macht gleich an drei Stellen - »Bruder, Nächster, Kinder deines Volks« - deutlich, dass der Aufruf zur Nächstenliebe, zum Verzicht auf Zorn und Rache sich nur auf die Mitglieder des Volkes bezieht. Die anderen sind zwar nicht Hassobjekte, aber sie bleiben außen vor. Ihnen ist man nicht verpflichtet, oder allenfalls - so die Bestimmungen über Fremdlinge im Gesetz - in geringerem Maß. Und das ist genau die Denkweise, gegen die Jesus in diesem Abschnitt der Bergpredigt angeht. Und um diese Frontstellung deutlich zu machen, übertreibt er - mit einem falschen Zitat.
Heutzutage könnte einen ein Zitat, das in einem wichtigen Punkt falsch ist, vor Gericht bringen. Im Altertum nahm man das nicht so genau. Man legte eine Aussage unbefangen einer anerkannten Persönlichkeit in den Mund, um ihr damit mehr Gewicht zu verleihen. Und genau das tut Jesus hier. Nimmt man hinzu, dass z.B. bei mehreren Propheten kapitelweise der Zorn Gottes über die Feinde Israels herab beschworen wird, dann ist es inhaltlich gar nicht so falsch, das in eine religiöse Weisung: »Hasst eure Feinde« zusammenzufassen. Es ist einseitig, wie jede Übertreibung, es tut dem Gesetz Mose Unrecht, in dem u.a. der schöne Satz steht »Ihr sollt die Fremdlinge nicht unterdrücken, denn auch ihr seid Fremdlinge in Ägypten gewesen«. Aber es erfüllt an dieser Stelle seinen Zweck: den Unterschied deutlich zu machen zwischen der altgewohnten Haltung und dem neuen Denken, das Jesus lehrt.
Das scheinen Fragen des rhetorischen Stils zu sein. Sie haben aber für uns eine wichtige Konsequenz. Wenn Jesus hier - in unserem Text gleich zweimal - mit Übertreibungen arbeitet, dann tut er es möglicherweise an anderen Stellen auch. Man sollte sich deshalb nicht auf Einzelsätze berufen, ohne zu prüfen, ob diese Sätze in ihrem Kontext das bedeuten, was man zunächst zu ver-stehen meint.
Der Kernsatz unseres Textes ist »Liebet eure Freunde und bittet für die, die euch verfolgen«, und wir sehen darin einen Kernsatz der Lehre Jesu. Sind wir uns klar, was wir damit meinen? Denn eigentlich ist das eine unmögliche Forderung. Das deutsche Wort Liebe kann vieles bedeuten, von der himmelhochjauchzenden Verliebtheit über Sympathie oder Vertrauen bis zur Fürsorge. Immer bedeutet es ein Gefühl oder ein aus dem Gefühl entspringendes Handeln. Aber Feinde sind per Definitionem die, für die wir ein solches Gefühl nicht haben, und zu einem Gefühl kann man sich nicht zwingen.
Was heißt dann: Liebet eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen? Die Worte »Feind« und »verfolgen« legen nahe, dass hier - was bei Jesus selten ist - nicht, oder nicht primär, an das Verhältnis zwischen Einzelnen gedacht ist. Sicher würden wir alle - oder fast alle - sagen, dass wir keinen persönlichen Feind haben. Wir haben Menschen, die uns unsympathisch sind, solche, zu denen wir nur wenig Vertrauen haben, auch solche, mit denen wir im Streit liegen. Als »Feind, der mich verfolgt« würden wir wohl keinen von ihnen sehen. Und über den Umgang mit solchen Einzelnen ist eigentlich in den vorhergehenden Abschnitten schon alles gesagt, mit Bildern, die wir alle kennen: »So lass vor dem Altar dein Opfer und geh zuerst und versöhne dich mit deinem Bruder« oder »Wenn einer dich schlägt auf die rechte Backe, dem halte die linke auch hin«.
Feindschaft, Hass und Verfolgung gibt es viel eher zwischen Gruppen, auch zwischen Gruppen eigentlich friedliebender Menschen. Es ist leichter zu hassen und, noch wichtiger, Hass zu schüren gegenüber Gruppen, die man nicht oder kaum kennt und in denen man deshalb, ungestört von der Realität, die Wurzel alles Bösen sehen kann. Für die einen die Islamisten und die Taliban, für die anderen Israel und die USA, früher die Juden, die Kommunisten usw. Die Welt ist voll von solchen Feindbildern, und das war zur Zeit Jesu nicht anders. Für die meisten Juden waren die Römer der Feind oder gleich alle Ungläubigen, für die anderen die Samaritaner, die in den Augen der Juden nur Halb-Gläubige waren, weil sie zwar das Gesetz achteten, nicht aber die Propheten und die Zentralisierung des Kults im Jerusalemer Tempel.
Und nun sagt Jesus: Liebet eure Feinde! Was ist damit gemeint? Sicher nicht das Gefühl der Liebe. Das lässt sich, wie schon gesagt, nicht befehlen und es ist einer fremden Gruppe gegenüber auch gar nicht möglich. Ich denke, was gemeint ist, lässt sich ablesen an einigen Handlungen und Aussagen Jesu: er heilt den Sohn des römischen Hauptmanns und die Tochter der syrisch-phönizischen Frau, in der Geschichte vom barmherzigen Samariter hält er seinen Zuhörern einen Samaritaner vor als denjenigen, der Nächstenliebe übt - im Gegensatz zu Priester und Levit. Ich denke, das heißt: Sieh im Andern nicht den Feind - zumindest der Hauptmann war ja Teil der verhassten Besatzungsmacht -, auch nicht den Fremden, der dich nichts angeht, sondern sieh in ihm einen Menschen, der vielleicht leidet wie du, der Bedürfnisse hat wie du, und wenn er Hilfe braucht, dann gib sie ihm.
Das Besondere, das Jesus hier fordert, ist nicht ein allgemeines Bessersein als alle anderen, sondern etwas ganz Konkretes: Bittet für die, die euch verfolgen. Dann kann man nicht mehr, wie oft im Alten Testament, Gott bitten, die Feinde zu vernichten. Um was sollte man aber für sie bitten? Dass es ihnen wohl gehe? Vielleicht, dass sie mehr Verständnis und Versöhnungsbereitschaft entwickeln sollten? Das war wiederum nur möglich, wenn man selbst Verständnis und Versöhnungsbereitschaft zeigte.
Es kommt noch etwas sehr Wichtiges hinzu. Auf die Aufforderung »Bittet für eure Feinde« folgt im gleichen Atemzug »damit ihre Kinder seid eures Vaters im Himmel« und dazu die Erklärung: »denn er lässt seine Sonne aufgehen über Gute und Böse und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte«. Und am Ende des Abschnitts wird dieser Aspekt noch einmal aufgenommen: »Darum« - dieses »darum« schließt alles Vorhergegangene ein - »sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist«.
Damit gewinnt die ethische Forderung eine zusätzliche Dimension: sie ist eng eingebunden in das Verhältnis der Menschen zu Gott. »Er lässt seine Sonne scheinen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte«. Das ist ein wunderbares Gottesbild, eines, das unserer Seele gut tut - zumindest der meinen. Es umschreibt einen Gott, der gütig ist und geduldig; der, vielleicht, den Ungerechten vergibt; der, sicher, uns allen Freiheit und Zeit gibt, uns zu entwickeln und vielleicht besser zu werden; der ein Gericht, wenn es denn eines geben sollte, aufschiebt bis zum Ende des Lebens oder dem Ende der Zeit. Das ist ein Aspekt Gottes; für Jesus, und ich denke, auch für uns, der wichtigste, der einzige, der uns zugänglich ist. Gottes Größe und Unendlichkeit, seine Allgegenwart und vieles mehr, können wir nicht fassen und erst recht nicht nachahmen. Aber in diesem einen Aspekt - liebt eure Feinde, akzeptiert auch die, die euch fremd und feindlich scheinen, hasst und verachtet sie nicht - können wir versuchen, ihm ein ganz kleines bisschen ähnlich zu werden. Bei Jesus heißt das: »Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist« (Mt 5,48).
Ich habe bewusst den Kampf gegen Feind- oder Fremdbilder in den Vordergrund gestellt, obwohl - oder besser: gerade weil - das meiner Kenntnis nach die einzige Textstelle in den Evangelien ist, die das nahe legt. Denn ich halte diesen Aspekt für ungeheuer wichtig. Wenn wir uns in der Welt umsehen, sehen wir, wie unendlich viel Unheil angerichtet wird durch diejenigen, die Feindbilder aufrichten und Hass gegen andere predigen - mehr als durch die relativ wenigen, die ihren persönlichen »Gegnern« nicht verzeihen können. Wir in Mitteleuropa sind in der glücklichen Lage, dass es bei uns kaum öffentlich angeprangerte Feindbilder gibt und dass gegen die gesellschaftlichen angegangen wird - wenn auch z.T. mit untauglichen Mitteln. Trotzdem gibt es auch bei uns Feindbilder zur Genüge: Asylbetrüger und Sozialschmarotzer, Islamisten und, neuerdings, Bankmanager und für einige, immer noch, die Juden. Diese Art von Hass ist bequem, weil sie eine komplizierte Welt auf einen einfachen Nenner bringt. Man kann damit auf Stimmenfang gehen (erfreulicherweise nicht immer erfolgreich) und die eigenen Leute zusammenschweißen.
Kann man dagegen etwas tun? Statt einer Antwort ein reales Beispiel - es lohnt sich, darüber kurz zu berichten. Sari Nusseibeh, damals Direktor der palästinensischen Universität Bir Zeit, berichtet, wie er Ende der 90er Jahre, auf Vorschlag eines ehemaligen Leiters des israelischen Geheimdienstes (!) mit diesem zusammen einen Vorstoß in Richtung Frieden unternahm. Sie waren beide überzeugt, dass alle bisherigen Friedensbemühungen letztlich daran gescheitert waren, dass die schwierigsten Punkte - Flüchtlingsfrage, Jerusalem, jüdische Siedlungen im Palästinensergebiet - ausgeklammert worden waren, weil keiner glaubte, dass man sich darüber jetzt würde einigen können. Das nährte das Misstrauen auf beiden Seiten, weil jeder fortfuhr mit dem, was für den anderen nicht akzeptabel war: Israel baute weiter Siedlungen, die Araber forderten weiter die Rückkehr aller Flüchtlinge, beide forderten Jerusalem als ihre Hauptstadt. Deshalb arbeiteten die beiden einen Friedensvertrag aus, der die notwendigen Opfer auf beiden Seiten klar benannte: kein allgemeines Rückkehrrecht für Flüchtlinge, Räumung der meisten Siedlungen, Teilung Jerusalems. Für diesen provisorischen Vertrag wollten sie unter der Bevölkerung beider Seiten eine Million Unterschriften sammeln und weltweit bekannt machen, um so die Regierungen beider Seiten unter Druck zu setzen. Sie hatten sich die inoffizielle (also vorläufig geheime) Duldung durch Arafat auf der einen, einige (nicht alle) Regierungsmitglieder auf der anderen Seite gesichert. Sie mussten also geheim arbeiten, und sie und ihre Helfer riskierten ihr Leben (Mord durch Fanatiker der jeweils eigenen Seite).
Trotzdem hatten sie innerhalb weniger Monate eine halbe Million Unterschriften beisammen, der Plan hätte - vielleicht - gelingen können. Da kam in Israel eine neue Regierung an die Macht, die, wie heute die Hamas, keine Verständigung wollte, sondern einen totalen Sieg - und als Reaktion darauf die zweite, die blutige Intifada. Der Friedensplan war gescheitert, weil nun niemand mehr an eine Verwirklichung glaubte. Die Schilderung zeigt, wie scheinbar unüberwindlich die Mauern schon damals waren - heute sind sie noch viel höher; aber wie viel verborgener Friedenswille existiert und auch, wie eine einzige mutige Initiative scheinbar Unmögliches möglich machen kann - unter günstigen Umständen.
Der Schriftsteller Amos Oz hat vor einigen Jahren im Rahmen einer Vortragsreihe zur Frage, wie man Terrorismus bekämpfen könne, auch die Frage gestellt, ob Literatur etwas dazu beitragen könne. Seine Antwort lautete sinngemäß: sie kann uns lehren, uns in andere hineinzuversetzen, ihre Gefühle zu verstehen - und das ist ein wesentlicher Schritt zum Frieden.
Oz ist meines Wissens Agnostiker. Aber das, was er hier sagt, ist genau die Antwort Jesu: Du sollst dich nicht rächen und keinen Hass im Herzen tragen, und das nicht nur gegenüber dem eigenen Volk, sondern auch gegenüber den Fremden, gegenüber den Feinden. Richte dein Denken und Handeln nicht an dem aus, was du brauchst, sondern auch an dem, was sie brauchen. Wenn viele Einzelne das tun und auch dafür eintreten, dann kann daraus der Sauerteig werden, der den ganzen Teig durchdringt. Allerdings: das ist ein langer und mühsamer Weg. Wir hoffen für den gegenwärtigen Konflikt, dass sich, vielleicht aus der schieren Not, ein kürzerer findet, wenigstens zu einem formalen Frieden, damit das Leiden weniger wird, das nur neuen Hass gebiert. Wenn daraus ein echter Friede werden soll, dann gehört das Gebot der Feindesliebe dazu.
Brigitte Hoffmann
Aus einer Predigt in der Tempelgemeinde Stuttgart am 18. Januar 2009; gekürzt
Was Jesus für mich bedeutet
In einer Umfrage hat die Zeitschrift »Publik-Forum« ihre Leser eingeladen, zu beschreiben was Jesus ihnen bedeute. Daraufhin sind zahlreiche Zuschriften erfolgt, von denen viele ein Verständnis des Mannes aus Nazareth zeigen, das unserer Sichtweise sehr nahe kommt. Einige Beispiele seien hier wiedergegeben.
Jesus ist für mich zunächst einmal der jüdische Rabbiner, der mit Demut, Barmherzigkeit, aber auch mit konsequenter Nachhaltigkeit den Menschen seiner Zeit die auf das Hier und Heute konzentrierte Lehre vorlebte, dass das Heil des Menschen nicht zu erlangen ist mit der Befolgung eines kasuistischen Gesetzesverständnisses, sondern abhängig ist von der heilenden Empathie und mutmachenden Nähe zu den Menschen - und zwar gerade zu jenen Menschen, die Jesus in seinen Gleichnisreden erwähnt (namentlich in Mt 25,31-40). Gottes-Dienst ist Menschen-Dienst. Jesuanische Nachfolge bedeutet für mich deshalb heute: ein Leben zu führen in Menschlichkeit nach Jesu Art.
P.H.
Gott zeugte nicht und wurde nicht gezeugt. Deshalb kann ich Jesus nicht als Gott und Gottessohn ansehen. Aber er war von Gottes Geist durchdrungen. Ich bin dankbar, dass durch ihn Gott als liebender Vater verkündet wurde. Wir sind alle Gottes Kinder! Mit dem Opfertod will ich nichts zu tun haben, für mich ist da kein Blut geflossen.
U.F.
Für mich ist Jesus ein von Gott erwählter Mensch. Dabei ist es nicht ausschlaggebend, ob er Gottes Sohn ist im Sinne der Kirche, denn wir sind alle Gottes Kinder. Die Umstände seiner Geburt sehe ich nüchtern. Ich stelle zwar selbst eine Krippe unter meinen Weihnachtsbaum, aber das hat mehr eine symbolische Bedeutung. Für mich ist ausschlaggebend, was er gesagt und wie er gelebt hat. Denn darin erkenne ich, was Gott uns mitteilen möchte. Jesus ist daher für mich das einzig wichtige Element der christlichen Kirche.
M.P.
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