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Die Warte des Tempels

Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 165/2 - Februar 2009


Der Mann, der Gott aus der Natur vertrieb

Zum 200. Geburtstag von Charles Darwin

An der Persönlichkeit, der dieses Gedenkjahr 2009 gewidmet ist, kann unsere Zeitschrift nicht vorübergehen, ebenso nicht an seinem wissenschaftlichen Meisterwerk, das unser Weltbild tiefgreifend verändert hat, Charles Darwindem Buch »Über die Entstehung der Arten« (»On the Origin of Species«), das vor genau 150 Jahren erschienen ist. Seither gilt Charles Darwin, der am 12. Februar 1809 im englischen Shrewsbury geboren wurde, als der Begründer der Evolutionstheorie und das Buch als eines der wichtigsten Bücher, die je geschrieben wurden.

Weltweit wird dieses Gedenkjahr mit Festlichkeiten begangen. Auch das Museum für Naturkunde in Stuttgart wird Darwin mit Veranstaltungen und ab Oktober mit einer Sonderausstellung ehren.

Bis zu Darwins Veröffentlichungen war die Biologie eine Sammelkunst, die die unveränderliche Ordnung der Natur sichtbar machte. Gott hatte die Erde mit all ihren Tieren und Pflanzen geschaffen, und der Mensch war die Krönung dieser Schöpfung. Mit der »Entstehung der Arten« wurde alles anders. Nun konnte die Natur plötzlich erklärt und verstanden werden. Die Lebewesen hatten sich aus dieser Sicht über Jahrmillionen verändert - ein Prozess, der fortan Evolution genannt wurde. Neue Arten gingen aus alten hervor, und so war alles Leben in einem Abstammungsbaum miteinander verbunden.

Verständlicherweise sorgte diese Weltschau damals für erhebliche Aufregung unter den Menschen. Für viele Zeitgenossen war es ungeheuerlich, was hier vertreten wurde. Dieser Darwin erschütterte die christliche Schöpfungsgeschichte. Er entfachte erbitterte Diskussionen, die bekanntlich bis heute anhalten. Die Kreationisten, die auf einem buchstäblichen Verständnis der Schöpfungsgeschichte beharren, haben in unserer Zeit sogar eine zunehmende Anhängerschaft gewonnen.

Doch man muss klar sagen, dass sie ihre Augen verschließen vor den Ergebnissen moderner naturwissenschaftlicher Forschung. Immer mehr bestätigen sich die Grundannahmen Darwins. Ist Evolution also heute eine »Tatsache«, wie es ein renommierter Biologe in seiner Buchveröffentlichung feststellte (Ulrich Kutschera, »Tatsache Evolution. Was Darwin nicht wissen konnte«, dtv, 2009)?

Man sollte mit solchen Aussagen vorsichtig sein. Die genetische Forschung hat die Evolutions-Theorie zwar immer wieder bestätigt, aber es sind immer noch genügend ungeklärte Phänomene vorhanden, die es ratsam erscheinen lassen, weiterhin von einer »Theorie« zu sprechen. So leicht lässt sich die Natur eben nicht in die Karten schauen.

Eine für religiös Denkende eminent wichtige Frage ist natürlich, ob Charles Darwin Gott wirklich »aus der Natur vertrieben« hat, wie es unsere Artikel-Überschrift ausdrückt und wie es Kreationisten behaupten? Ich möchte darauf mit Nein antworten. Wenn wir uns von der wörtlichen Beschreibung der Schöpfungsgeschichte lösen und den Kern dieses Mythos ergründen, kommen auch naturwissenschaftlich Orientierte nicht darum herum, einen Initiator, einen Verursacher der Evolution in ihre Rechnung mit einzubeziehen. Bis heute kann ja kein Physiker den »Urknall«, den Beginn jeglicher Entwicklung, erklären.

Ist es wirklich denkbar, dass sich die beobachtbaren Entwicklungen »rein zufällig« eingestellt haben, ohne dass ihnen gewisse Grundvoraussetzungen, sogenannte Basiskonstanten, mitgegeben worden sind? Liegt nicht der Schöpfungsgeschichte des 1. Mosebuches auch der Entwicklungsgedanke zugrunde, wenn dort - wie es die Naturwissenschaft tut - zuerst die Tiere im Meer und erst dann die Landbewohner und am Schluss die Menschen erwähnt werden?

Gott ist für mich nicht aus der Natur »vertrieben« worden, er ist nur nicht »gleichzusetzen« mit der Natur. In der Natur wirkt seine schöpferische Kraft, sein »Geist«. Auch der Mechanismus von Mutation und Selektion, der dem Gedanken der Evolution zugrunde liegt, ist eine Auswirkung dieses Geistes. Zwar ist in dem evolutionären Geschehen nicht unbedingt eine Richtung zu erkennen - die Forschung hat reichlich »Sackgassen« und »Strategiewechsel« in der Entwicklung des Lebens festgestellt -, und es ist eine noch offene Frage, ob die Evolution »zwangsläufig« zum Werden des Menschen führen musste. Doch dass aus einem diffusen Gasnebel ein Erdball werden konnte, auf dem es rauschende Wälder, bunte Bergwiesen und Riesenherden von Steppentieren gibt, ist ohne einen wirkenden Geist nicht denkbar.

Es ist ein faszinierender Gedanke, den Charles Darwin da vor 150 Jahren entwickelt hat: dass die Natur auf die jeweils herrschenden Umweltbedingungen antwortet und sich durch Entwicklungen diesen anpasst. So war und ist die Erdkruste ständig einer Veränderung unterworfen, baut Gebirge und speit Lava aus; die Atmosphäre bewegt sich im Wettergeschehen und lässt Eis- und Warmzeiten entstehen; und in den Weltmeeren herrschen Strömungen, die Tsunamis und Ninos erzeugen. Nichts ist statisch, alles ist einem Wechsel unterworfen.

Wie alles Lebendige, sind auch die Menschen dieser Evolution unterworfen. Das konnte durch zahlreiche Fossilienfunde inzwischen bestätigt werden. Sind wir damit das Ziel dieser Entwicklung? Berechtigte Zweifel sind angesichts der Weltprobleme unserer Zivilisation hier angebracht. Vielleicht müssen wir es erst noch beweisen, ob wir uns den gewaltigen Ände-rungen unserer Umwelt wirklich anpassen können.

Peter Lange


BIBELWORTE - NÄHER BETRACHTET

Der Brief des Paulus an Philemon

Zur Erklärung: Paulus ist in Gefangenschaft, wahrscheinlich in Ephesus, kann dort aber offensichtlich einen Diener bei sich haben. Philemon ist durch Paulus Christ geworden und hat wohl eine Zeitlang zusammen mit ihm gewirkt, lebt aber jetzt in oder bei Kolossä. Onesimus war ein Sklave des Philemon, hat diesem wohl irgendeinen Schaden angerichtet und ist daraufhin geflohen. Er kam zu Paulus, entweder zufällig oder weil er durch Philemon von ihm wusste und ihn um seine Fürsprache bitten wollte. Er blieb zunächst bei Paulus und wurde Christ.

Ich bin auf diesen Text - es ist im Neuen Testament der letzte der Paulus-Briefe - zufällig ge-stoßen, und er hat mich sehr berührt. Es ist der persönlichste der Paulus-Briefe, der einzige, in dem es um ein privates Anliegen geht. Und gerade deshalb sagt er etwas aus über den Menschen Paulus und seinen Umgang mit anderen Menschen.

Man spürt, dass ihm dieser zugelaufene Sklave Onesimus ans Herz gewachsen ist, auch über die Tatsache hinaus, dass er ihm »nützlich« ist - wahrscheinlich war er für ihn, den Gefangenen, ein Stück Verbindung zur Außenwelt. Er nennt ihn einen »geliebten Bruder«.

Trotzdem schickt er ihn dem Philemon zurück, dessen Eigentum er ist. Er bräuchte das nicht zu tun. Philemon hätte wohl gar nicht erfahren, wo sein Sklave war. Paulus sagt zwar, dass er ihn gerne behalten würde, aber nur, wenn Philemon freiwillig zustimmt. Und statt nur um eine solche Zustimmung zu bitten, schickt er Onesimus zurück, damit Philemon wirklich frei entscheiden kann.

Zugleich ist es ihm wichtig, dass es Onesimus gut geht. »Nimm ihn auf wie mich selbst« - das ist mehr als: behandle ihn gut. Nimm ihn auf nicht mehr als einen Sklaven, sondern als einen lieben Bruder.

Paulus sagt nicht (wie wir vielleicht erwarten würden): Lass ihn frei. Wenn es am Ende des Briefes heißt: »Ich weiß, dass du mehr tun wirst, als ich sage«, dann kann damit die Freilassung gemeint sein, aber sicher ist das nicht. Und das bedeutet wohl, dass sie nicht wichtig war. Wenn Onesimus wirklich aufgenommen würde wie ein lieber Bruder, spielte es keine Rolle., ob er Sklave war oder nicht. Paulus ging es um das Verhältnis der Menschen untereinander, nicht um ihre gesellschaftlichen Rechte - genau wie Jesus.

Ich betone diese Parallele, weil wir Templer - und ich denke, viele moderne Christen - ein zwiespältiges Verhältnis zu Paulus haben. Er ist der Begründer der christlichen Theologie von der Erlösung des Einzelnen (Gläubigen?) und letztlich der Welt durch Christus, seinen Tod (noch nicht: Sühnetod) und seine Auferstehung - eine Theologie, mit der viele von uns nichts mehr anfangen können.

Das ist die eine Seite. Die andere: den Kern der Botschaft Jesu: »So ist denn die Liebe des Gesetzes Erfüllung«, den hat er erfasst (woher auch immer, durch Erzählungen der Zeugen oder als Teil seiner Vision oder?) und wieder und wieder in großartigen Worten verkündet. Was er über die Liebe sagt, ist heute so gültig wie vor 2000 Jahren: »Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.«

Er hat es, wie Jesus, nicht nur verkündet, sondern zu leben versucht, und dieser Brief ist ein vielleicht unwichtiges, aber dafür authentisches Zeugnis dafür. Und er hat, wie Jesus, diese Haltung zu fördern versucht nicht durch neue Gebote, sondern durch Vertrauen. »Ich weiß, dass du mehr tun wirst, als ich sage« - das ist, in Anbetracht des Ansehens, das Paulus bei seinen Anhängern genoss, ein bisschen Nötigung, aber es ist vor allem ein Vertrauensbeweis.

Das ist nicht so selbstverständlich, wie es uns erscheint. Wenn dem Philemon tatsächlich durch Onesimus ein Schaden entstanden war, hatte er das Recht, den Sklaven nach seinem Ermessen zu bestrafen. Paulus erwartet von ihm, dass er auf etwas, was bisher selbstverständlich war, verzichtet, dass er sein Verhalten dem Sklaven gegenüber grundsätzlich ändert (falls er ihn nicht zu Paulus zurückschickt). Wir können davon ausgehen, dass Philemon dem gefolgt ist.

Aus unserer Sicht bleibt der Einwand: damit ist diesem Sklaven geholfen - was ist mit den anderen? Denen, die nicht Christen wurden? Das stand damals, als Sklaverei selbstverständlich war, nicht zur Debatte. Trotzdem ist Paulus' Bitte ein erster, wichtiger Schritt: auch ein Sklave ist ein Bruder.

Brigitte Hoffmann


Das eigene Evangelium des Jesus von Nazareth (II)

II. Was können wir über Jesus wissen?

Im Dezember-Heft begannen wir mit einer Betrachtung der frühesten bekannten Quelle der Jesus-Überlieferung, dem Spruchevangelium Q, und stellten dar, wie diese Quelle uns heute nur dadurch bekannt ist, dass Bibelwissenschaftler sie aus Teilen der späteren synoptischen Evangelien rekonstruiert haben. Die Suche nach einer frühen Quelle wird immer wieder aufgenommen, wenn man zur Person des irdischen Jesus hindurchdringen möchte. Zum Leben dieses Verkündigers aus Nazareth verfügen wir über keine gesicherte Kenntnis aus Quellen außerhalb seiner Anhängerschaft. Doch die Überlieferung lässt Rückschlüsse zu - mehr als bisher angenommen. Dies führt im Folgenden der uns nahe stehende Klaus Simon aus.

Die Leben-Jesu-Forschung ist gescheitert. Es gibt keine Daten zur Person Jesu, die unabhängig vom Glauben der Urgemeinde wären. Die Rekonstruktion seines Lebenslaufes durch eine objektive historische Methode erweist sich als unmöglich. Bereits 1960 beginnt deshalb ein Kreis von Wissenschaftlern mit der Neuausrichtung der Fragestellung nach dem historischen Jesus. Unter ihnen ist James M. Robinson. Er legt ein geändertes Verständnis zugrunde und sucht die Informationen über Jesus nun nicht mehr außerhalb des Kerygmas (des Osterglaubens). Vielmehr gestatten die im Kerygma überlieferten Worte Einblicke in die Absichten und Motive Jesu. Robinson ist überzeugt: hier findet sich das Material, nach dem die Leben-Jesu-Forschung vergeblich gesucht hatte.

Warum eigentlich besteht ein ungebrochenes Interesse am historischen Jesus? Die Evangelisten betonen die Bedeutung der Geschichte für den Glauben. Der Christus des Glaubens kann nicht getrennt werden vom historischen Jesus, wenn wir vermeiden wollen, dass »ein Mythos an die Stelle der Geschichte tritt« (Ernst Käsemann). Wir können vom historischen Jesus nicht einfach absehen.

Im Zentrum der Jesus-Verkündigung steht die Botschaft vom Reich Gottes, dazu besteht Einigkeit. Doch was hat Jesus damit gemeint? Wir wissen von ihm noch nicht einmal den richtigen Namen. Vielleicht hieß er Jeschu. Können wir denn wirklich auf Erkenntnisse zu seinen grundlegenden Intentionen hoffen - wenigstens hinsichtlich des Zentrums seiner Botschaft? Sofort stellt sich die altbekannte Frage, ob er mit der Rede vom Reich Gottes auf unser gegenwärtiges Leben, oder aber auf ein zukünftiges Jenseits abzielt. Viele werden sagen: sowohl als auch! Aber so einfach ist es nicht. Wir kennen Worte, nach denen das Reich schon angebrochen ist (z.B. Lk 17,21), aber auch solche, nach denen es erst anbrechen wird (z.B. Mk 13,30). Das widerspricht einander, und je nachdem, welches Wort man auswählt, entsteht ein ganz anderes Jesusbild. Kann man hier zu einer Entscheidung kommen?

Zur Klärung müssen wir hinter die synoptischen Evangelien zurückgehen. Das Matthäus- und das Lukasevangelium haben ihre Wurzeln einerseits im Markusevangelium und andererseits in einer verschollenen Spruchsammlung. Diese Sammlung wurde rekonstruiert und ist als Logienquelle Q bekannt. 1945 wurde zudem eine weitere Spruchsammlung aufgefunden: das Thomasevangelium. Es gibt viele Parallelen zwischen beiden Spruchsammlungen, und trotzdem stehen sie in einem eigenartigen Verhältnis zueinander. Helmut Köster und James M. Robinson haben die Zusammenhänge untersucht. Die von ihnen aufgedeckten Entwicklungslinien gelten als grundlegender Neuansatz. Dabei ist zu unterscheiden:

  • Eine frühe Spruchsammlung, in der apokalyptische Erwartungen vollständig fehlen. Stattdessen ist die Gegenwart des Gottesreiches das beherrschende Thema. Worte dieses Stadiums sind noch im Thomasevangelium aufbewahrt.
  • Eine spätere Fassung, die uns in Q begegnet: Hier wurde die apokalyptische Erwartung des Menschensohns und seines »Tags« eingebracht.
  • Die synoptischen Evangelien mit ihrer ausführlichen Darstellung des zukünftigen Gottesreiches (die sog. synoptische Apokalypse: Mk 13; Mt 24-25; Lk 21).

Das Thomasevangelium und Q kennen weder die synoptische Apokalypse noch das Vokabular der Auferstehung. Und obendrein kommt im Thomasevangelium die Menschensohn-Erwartung in keiner Form vor. Offensichtlich bestand ein Prozess des Wachsens und der Umschichtung, welcher von einer frühen Fassung der Spruch-Quelle zu einer späteren und schließlich zu den Evangelien führte. Hinter diesem Prozess steht die damalige Auseinandersetzung mit gnostischen Strömungen, gegen die Q positioniert und weitergeschrieben wurde. Im Gegenzug unterlag das Thomasevangelium immer stärker gnostischen Einflüssen, behielt aber ursprüngliches Material der frühen Spruchsammlung bei. Die Entwicklung von diesen ursprünglichen Worten zu Q - und nicht in umgekehrter Richtung - kann Köster anhand einer Analyse der Parallelstellen zeigen.

Wenn es aber so ist, dass das Thomasevangelium die Existenz einer frühen Spruchsammlung belegt, in der apokalyptische Inhalte vollständig fehlen und stattdessen die Gegenwart des Gottesreiches verkündet wird, dann ist der Meinungsstreit zum Reich-Gottes-Verständnis eigentlich entschieden: Das Reich Gottes »ist ausgebreitet über die Erde« (ThEv 113). Vielleicht wird weitere Forschung dieses Ergebnis vertiefen oder widerlegen. Zum jetzigen Kenntnisstand jedenfalls spricht alles dafür, dass die Erwartung eines jenseitigen Gottesreiches zur späteren Überlieferung gehört und im Gegensatz zu den ursprünglichen Worten steht.

Kösters und Robinsons Erkenntnisse betreffen die Überlieferung und nicht Jesus selber. Sie beweisen also streng genommen noch nichts zu seiner Person. Doch muss es zumindest als hochwahrscheinlich gelten, dass Jesus mit seiner Reich-Gottes-Botschaft auf unser Leben in der Gegenwart hinauswollte, wenn zukünftige Erwartungen in der ältesten Schicht der Überlieferung gar nicht vorkommen! Wäre es denn wirklich sinnvoll, von Jesus zu reden - zugleich aber einen Zusammenhang zwischen ihm und den ursprünglichen Worten der Jesus-Überlieferung zu bestreiten?

Fazit: Es gibt - wie fast immer im Leben - keine absolute Gewissheit. Aber wir können dennoch etwas sehr Grundsätzliches über Jesus wissen: Es ging ihm in seiner Botschaft wahrscheinlich nicht um irgendeine Form von Jenseits - sondern um unser Leben hier und jetzt. Und so ist heute der Glaube ein Wagnis mehr denn je. Gilt es doch zu wagen, den überkommenen Glauben mit diesem hochwahrscheinlichen Wissen in Einklang zu bringen.

Klaus Simon

Literatur:

Helmut Köster und James M. Robinson, Entwicklungslinien durch die Welt des frühen Christentums, J.C.B. Mohr, Tübingen 1971

James M. Robinson, Kerygma und historischer Jesus, Zwingli Verlag, Zürich 1960


Der Wert der Arbeit

Junge Templer äußern sich zu einem sozial-wirtschaftlichen Thema

Im Dezember-Heft der »Warte« berichteten wir vom »Jugendsaal« im Gemeindehaus am 7. Dezember, bei dem vier junge Gemeindemitglieder ihre Gedanken zu Lust und Last der täglichen Arbeitsleistung vorgetragen haben. Es folgen hier einige Auszüge aus ihren Überlegungen und Einschätzungen.

Wert und Würde der Arbeit

Für viele ist die christliche Vorstellung vom Paradies verknüpft mit einem Leben in Müßiggang. Es ist das Bild von einem Schlaraffenland als dem Ort, an dem Milch und Honig fließen und einem die gebratenen Hähnchen in den Mund fliegen.Jugendsaal Aber halten wir ein solches Dasein ohne eine wirkliche Aufgabe tatsächlich für erstrebenswert? Können wir auf diese Weise glücklich werden? Auf einem immerwährenden Urlaub?

Sicher hat sich der Blick auf die Arbeit im Lauf der Geschichte stark gewandelt. So galt Arbeit in der Antike noch als Zeichen von Armut, Zwang und Unfreiheit - man denke nur an die griechischen Philosophen wie Aristoteles, Platon und Sokrates. Ihnen zufolge stand die Arbeit (vor allem handwerkliche Arbeit) im Kontrast zu einem sinnerfüllten Leben.

Doch mit dem Einzug des Christentums erfuhr die Arbeit eine Steigerung in ihrer Wertschätzung. Aber wie geht die Bibel mit der Frage nach dem Wert und der Würde der Arbeit um? Stellt sich uns dabei nicht eher die Frage, ob die uns auferlegte Arbeit möglicherweise als eine Folge der Sündhaftigkeit des Menschen zu verstehen ist? Heißt es doch in Gen 3,15, dass wir im »Schweiße unseres Angesichts« für unseren Lebensunterhalt zu sorgen hätten.

Betrachten wir aber den Beginn der Schöpfungsgeschichte, so verlangt der Herr von den Menschen, sich die Erde untertan zu machen, sie zu »bearbeiten« und zu »bewahren«. Auch der Herr selber tritt von Anbeginn als ein arbeitender Gott auf. Dass auch der Mensch sechs Tage arbeiten und am siebten ruhen soll, wird in der Bergpredigt damit begründet, dass Gott in sechstägiger Arbeit die Welt erschaffen hat und danach von seiner Arbeit ruhte.

Es wird also klar, dass die dem Menschen auferlegte Arbeit ein Teil seiner Gottebenbildlichkeit und seiner Verantwortung gegenüber der Welt darstellt. Er selbst tritt als eine Art Schöpfer auf, der durch seine Arbeit Dinge erschafft und zum Wachsen bringt.

Der Aspekt, der mir im Hinblick auf den Wert der Arbeit in biblischer Sicht am wichtigsten erscheint, ist der, dass es für Gott - im Gegensatz zu uns manchmal - keine »Drecksarbeit« gibt. Jede Form der Arbeit trägt ihre eigene Würde, denn sie ist ein Abbild der Schöpfertätigkeit Gottes. Gott ermöglicht uns dieses irdische Leben, ohne ihn würde es weder uns noch die Arbeit geben. Das ist wohl auch der Sinn des Siebten Tages.

Wir sollten nicht vergessen, dass jede Arbeit einen Wert an sich hat, ganz gleich, ob sie entlohnt wird oder nicht. Im Gegenteil, sie wird nicht erst dann etwas wert, wenn sie entlohnt wird, sondern sie sollte gerecht entlohnt werden, weil sie schon an sich einen Wert hat.

Arbeit ist doch sehr ambivalent. Ist Lust und Last. Mit ihr fühlen wir uns erdrückt und erschlagen, brechen unter ihr zusammen, und ohne sie werden wir depressiv, fragen uns nach dem Sinn des Lebens, fühlen uns wertlos und nichtig. Einerseits gilt Arbeit als höchstes Gut, und wir bewerten oft genug unser Gegenüber nach seinem Lebensstandard. Andererseits gilt sie aber auch als größtes Übel angesichts so mancher Burnout-Syndrome und vernachlässigter Familien. Da fällt es schwer, ein eindeutiges Verhältnis zur Arbeit zu entwickeln.

Man sollte sich daran erinnern, dass hinter allem - dem Kleidungsstück, dem Nahrungsmittel, dem gepflegten Garten - die Arbeit vieler Menschen steht. Daher halte ich es für unendlich wichtig, gerade im Alltag ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, was konsumiert wird und wie. Man sollte sich viel öfter die Frage stellen, durch wie viele arbeitende Hände das Produkt ging, ehe es in den eigenen landen konnte, und ob der Preis, den man dafür zu zahlen bereit ist, das alles wettmacht.

Christine Klingbeil

Ein Prophetenwort zur Arbeit

Ich möchte in meinem Beitrag vor allem auf den gemeinschaftlichen und sozialen Wert der Arbeit eingehen. In einer Zeit, in der die Ausbeutung der arbeitenden Menschen nicht weniger, sondern vielleicht schlimmer denn je geworden ist - nicht vor unserer Haustüre, aber weltweit - ist es besonders wichtig, dass wir uns des Wertes der Arbeit bewusst werden. Wir nehmen zwangserarbeitete Güter aus fernen Ländern gerne hin, doch wir erwarten viel Dank und Anerkennung für soziale Arbeitsbedingungen im eigenen Umfeld. Darauf sagt Jesaja: »Seht doch, was ihr an euren Fasttagen tut! Ihr geht euren Geschäften nach und beutet eure Arbeiter aus. ... Ladet die Hungernden an euren Tisch, nehmt die Obdachlosen in euer Haus auf und helft allen in eurem Volk, die Hilfe brauchen!« (Jes 58,3.7)

Offensichtlich war es für Jesaja eine Selbstverständlichkeit, denen, die Hilfe brauchen, diese auch zu vermitteln. Damit stellt uns die Bibel vor eine große Aufgabe. Aber wie viel können wir überhaupt leisten? Und wird es je genug sein?

Wir dürfen den Wert der Arbeit nicht aus den Augen verlieren - wichtiger noch: den Wert des Arbeitenden. Dieser darf nicht nur in Form von Geld abbezahlt werden. Die Trennung der Arbeit von dem, der sie tut, erscheint mir das Schlimmste daran. Jesaja fordert uns auf zum Respekt vor der Arbeit, vor dem Arbeitenden und vor der Ruhe, die wir anderen, aber auch uns selbst, gönnen müssen.

Felix Schreiber

Erfahrungen eines Schülers

Heute wird der Wert der Arbeit in Schulen nicht mehr so geschätzt wie früher. Auf Gymnasien ist es heute sehr schwer, den Anschluss zu bewahren. Vor allem das 8-jährige Gymnasium hat den Wert der Arbeit eines Schülers schwer gesenkt, da durch weniger Zeit alles schneller gehen muss und so auch nicht mehr Rücksicht auf langsamere Schüler genommen werden kann.

In den letzten Jahren ist der Wert der Arbeit in Schulen extrem zurückgegangen. Der eindeutige Beweis dafür, dass auf Schulen längst nicht mehr das richtige Arbeitsklima herrscht, war der Schülerstreik vor dem Hauptbahnhof, der erst 2-3 Wochen zurück liegt.

Die Zahl der Menschen, die das Burnout-Syndrom haben, ist in den letzten Jahren um einiges gestiegen. Auch immer mehr junge Leute leiden unter dem Syndrom, was sehr wahrscheinlich daran liegt, dass die Arbeitsanforderungen gestiegen sind und Menschen immer mehr unter Druck gesetzt werden. In solchen Fällen kann man Menschen mit Maschinen vergleichen: wenn man sie überlastet und sie zu oft an ihre Grenzen zwingt, gehen sie kaputt.

In Zukunft wird sich das nicht ändern. Erst wenn der Fortschritt es erlaubt, Menschen durch Maschinen zu ersetzen, wird sich das wieder bessern, doch dann wird es den Menschen nicht unbedingt besser gehen, da dadurch viele arbeitslos werden und kein regelmäßiges Gehalt mehr beziehen können.

Marcel Henker

Der arbeitsbedingte Stress

Wer kennt das nicht - Stress! Und dieser hängt häufig mit Arbeit zusammen. Problematisch wird es, wenn der Stress sich auf den Körper auszuwirken beginnt. Schlaflosigkeit, Nervosität, Magenschmerzen - das alles können Auswirkungen von Stress sein. Mittlerweile hört man in der Medizin sogar von dem Broken-Heart-Syndrom. Vermehrt wird erforscht, wie sich die Gefühlswelt auf das Herz auswirkt. Wenn einen zu viele Sorgen quälen, kann das im schlimmsten Fall sogar zum Herzinfarkt führen.

Wenn wir das wissen, ist es umso wichtiger, dass wir immer und immer wieder auf unsere Seele achten. Es ist besser, manchmal nur 80 Prozent zu geben, anstatt 120 Prozent zu wollen. Sich lieber zwischendurch eine Auszeit gönnen, etwas Schönes machen oder erleben. Entspannen. Aber wie?

Am wichtigsten finde ich persönlich das Lachen. »Lachen ist die beste Medizin«, heißt es. Zum Lachen braucht man kein Thermalbad, kein Geld. Lachen kann Konflikte lösen. Lachen kann beschwichtigen, Spannungen in stressigen Momenten abbauen. Es gibt verschiedene Arten des Lachens, hier meine ich das Lachen, das der Freude entspringt.

Können wir nicht versuchen, nach schönen, lustigen Dingen Ausschau zu halten, die unsere Phantasie anregen und uns Grund zur Freude geben? Von schönen Dingen träumen, an einen schönen Ort denken oder an einen schönen Urlaub. Der Phantasie freien Lauf lassen, Träume zulassen.

Inga Reck


Mamlock-Apotheke abgerissen

Aus Israel traf vor Kurzem die Nachricht ein, dass im Zuge der Restaurierungsarbeiten im »Sarona Garden« der kleine würfelförmige Bau des jüdischen Apothekers Mamlock aus den 30er Jahren abgerissen worden sei.
Jonathan Mamlock (Mitte) vor der Apotheke seines Vaters, mit Ingo und Joan Steller, TSA Jonathan Mamlock (sitzend) nach dem Abriss beim öffentlichen Protest gegen die Aktion
Der Apothekersohn Jonathan Mamlock hatte noch gegen die geplante Aktion protestiert - vergeblich. Das Gebäude sollte die guten Beziehungen zwischen dem aus Europa eingewanderten jüdischen Apotheker und der Tempelgemeinde demonstrieren. Er will diese guten Beziehungen in öffentlichen Auftritten weiterhin verkünden.

Peter Lange

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