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Die Warte des Tempels

Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 165/1 - Januar 2009


Nun hat mein Auge dich gesehen

Die Hiob-Geschichte und unsere Gottesbilder

Ein Buch der Bibel zieht den aufmerksamen Leser immer wieder in seinen Bann: die Hiob-Dichtung um die Gerechtigkeit Gottes. Das erste Heft des 165. »Warte«-Jahrgangs möchte sich in ausführlicher Weise mit diesem Thema beschäftigen und gibt eine Predigt der Autorin in der Tempelgemeinde vom 21. September wieder.

Hiob ist eine der bekanntesten Gestalten des Alten Testaments. Sein Name ist zum Symbol geworden als der große Dulder, der alles erdenkliche Leid erfährt und erträgt, oder dafür, dass einer, der auch im größten Leid an Gott festhält, am Ende königlich belohnt wird.

Beides greift nicht nur viel zu kurz, sondern verdeckt und verfälscht gerade das, worum es eigentlich geht und was uns auch heute noch angeht: die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes.

Bis dahin hatte man in Israel nur in der Kategorie des Volkes gedacht, das Schicksal des Einzelnen spielte keine Rolle. Das Handeln Gottes war Handeln an seinem Volk. Und auf dieser Ebene lässt sich die Gerechtigkeit göttlichen Handelns jederzeit behaupten. Ob eine Gesellschaft gut oder schlecht ist, sich zum Besseren oder zum Schlechteren entwickelt, dafür gibt es bis heute keinen gültigen Maßstab. Damals glaubten die Propheten einen zu haben: die meisten sahen den Ungehorsam gegen Gott in der Anbetung fremder Götter.

Einige wenige Propheten prangern als Ungehorsam soziale Ungerechtigkeit an. Die gab es sicher - ob mehr oder weniger als zuvor, konnte niemand beurteilen. Wenn charismatische Propheten das verkündigten, dann galt das als wahr - zumindest eine Generation später, als die Propheten durch die Bestätigung ihrer Unheilsverkündigung zu großem religiösem Ansehen gelangt waren. Die Gerechtigkeit Gottes hatte sich für sie erwiesen.

Nun aber - in der späten nach-exilischen Zeit - begannen die Menschen, sich als Individuen zu fühlen. Das ist eine Entwicklung, die in allen Kulturen mit der fortschreitenden Zivilisation, der allmählichen Auflösung der Sippenverbände sich abspielt. Für Israel spielten sicher Königtum und beginnende Kapitalwirtschaft eine Rolle, zusätzlich die enge Berührung mit anderen, in vieler Hinsicht überlegenen Kulturen: so der babylonischen in der Exilzeit, der griechisch-hellenistischen nach der Eroberung durch Alexander (332 v.Chr.).

Nun sahen sich viele Menschen nicht mehr nur als Teil des Volkes Israel. Sie wollten einen Sinn, und vor allem: sie wollten Gerechtigkeit für ihr eigenes Leben. Und auf dieser Ebene lässt sich Gerechtigkeit - oder besser: Ungerechtigkeit - überprüfen.

Am unerbittlichsten betreibt dieses Überprüfen der sogenannte »Prediger«; die nach ihm benannte Sammlung von Vorträgen gehört in diese Zeit: »Wiederum sah ich alles Unrecht an, das unter der Sonne geschieht, und siehe, da waren die Tränen derer, die Unrecht litten und die keinen Tröster hatten. Da pries ich die Toten, die schon gestorben waren, mehr als die Lebendigen, die noch das Leben haben.« Der Prediger sieht, dass oft die, die Unrecht tun, lange leben und friedlich sterben, und dass oft die Gerechten, die sich um ein gutes Leben bemühen, von Leid und Unheil getroffen werden. Immer wieder erwartet er, dass Gott die Gerechten belohnt und die Gottlosen richtet - im Hier und Jetzt, einen Jenseitsglauben gibt es noch nicht. Aber das geschieht nicht. An keiner Stelle klagt er Gott an. Aber er kommt zu dem Schluss, »dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende«.

Das Geschichtsbild der Propheten, ihr Heilsglaube, ist irrelevant geworden. Und, noch schwerwiegender: ihr Gottesbild, das Bild Israels von einem gütigen und gerechten Gott, der die beschützt, die ihm dienen, ist, im Wortsinn, fragwürdig geworden. Was bedeutet uns ein Gott, der Böses teilnahmslos geschehen lässt, der auf unser Leben keinen Einfluss nimmt?

In diesem Spannungsfeld steht die Hiob-Geschichte. Sie beginnt mit einer Rahmenerzählung, der Wette zwischen Gott und dem Satan darum, ob es Satan gelingen werde, einen gottesfürchtigen, schuldlosen, angesehenen Mann, einen Gerechten, von seiner Treue zu Gott abzubringen. Das ist ein altorientalisches Märchenmotiv (wir kennen es aus Goethes »Faust«), das der Autor benutzt, um eine Voraussetzung für das Folgende klarzustellen: Hiob ist schuldlos.

Satans erster Anlauf: an einem einzigen Tag erfährt Hiob, dass alle seine Herden weggetrieben und alle seine Knechte erschlagen worden sind, dass also sein ganzer Besitz verloren ist, und dann noch, dass alle seine Söhne und Töchter beim Einsturz eines Hauses umgekommen sind. Hiob ist tief getroffen, aber er akzeptiert, dass Gott, der ihm alles gegeben hat, ihm auch alles wieder nehmen kann: »Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen. Der Name des Herrn sei gelobt.« Er hat die Probe glänzend bestanden.

Nun erbittet Satan von Gott, der von Anfang bis Ende Herr des Verfahrens bleibt, eine Steigerung des Versuchs, und Gott stimmt zu, nur das Leben Hiobs bleibt ausgenommen. Nun wird dieser von einer schweren, schmerzhaften, ekelerregenden Krankheit befallen. Alle seine Freunde und Verwandten wenden sich von ihm ab, vielleicht aus Ekel, vielleicht, weil sie darin eine Strafe Gottes sehen. Nun verzweifelt er. Er verflucht sich selbst und den Tag seiner Geburt und wünscht sich den Tod. Und er fragt Gott verzweifelt, warum er ihn nicht sterben lasse. Das ist noch Klage, aber in dem »warum?« steckt der Ansatz zur Anklage.

Drei Freunde kommen, um Hiob zu trösten, später kommt noch ein vierter dazu. Aber weil sie noch völlig befangen sind in der alten Vorstellung, dass Gott gerecht sei und jeder im Laufe seines Lebens die Früchte seines Tuns ernte, gerät das, was sie für Trost oder vielleicht Hilfe halten, für Hiob zur Zumutung, zur immer erneuten Anklage, die er mit wachsender Empörung zurückweist.

Daraus entwickelt sich ein Streitgespräch, das sich über 33 Kapitel hinzieht und mühsam zu lesen ist. Die Argumente wiederholen sich, die Ausführungen sind weitschweifig und werden, von beiden Seiten, immer aggressiver. Aber dieser Streit ist für den Autor der Kern seiner Fabel, den er von allen Seiten beleuchten will: der Streit um die Gerechtigkeit Gottes.

Im Wesentlichen geht es um drei Punkte. Der erste: Kein Mensch ist unschuldig. Darin würden wir den Freunden Hiobs recht geben; weil kein Mensch vollkommen sein kann, weil Gut und Böse oft untrennbar in einander verschlungen sind. Doch die Begründung der Freunde ist anders und viel einfacher: weil Gott gerecht ist, muss jeder, der leidet, Schuld auf sich geladen haben - eine im Altertum weit verbreitete Vorstellung, mit der erst Jesus eindeutig und endgültig gebrochen hat.

Aber genau das lehnt Hiob ab. Er fordert, zuerst von den Freunden, dann immer mehr von Gott das, was jedem Angeklagten in einem Rechtsstaat und auch in einer Stammesgesellschaft zusteht: dass man ihm sagt, was man ihm vorwirft, und seine Rechtfertigung anhört. Als er dieses Recht nicht bekommt, wirft er Gott Willkür und Zynismus vor.

»Siehe, er geht an mir vorüber, ohne dass ich's gewahr werde, und wandelt vorbei, ohne dass ich's merke. Siehe, wenn er wegrafft, wer will's ihm wehren? Wer will zu ihm sagen: Was machst du? Gott wehrt seinem Zorn nicht. ... Wie sollte dann ich ihm antworten und Worte finden vor ihm? Wenn ich auch recht habe, so kann ich ihm doch nicht antworten.

Wenn ich ihn auch anrufe, ... so glaube ich nicht, dass er meine Stimme hört, vielmehr greift er nach mir im Wettersturm und schlägt mir viele Wunden ohne Grund. Er lässt mich nicht Atem schöpfen, sondern sättigt mich mit Bitternis. Geht es um Macht und Gewalt: er hat sie. Geht es um Recht? Wer will ihn vorladen? ... Er bringt den Frommen um wie den Gottlosen. Wenn seine Geißel plötzlich tötet, so spottet er über die Verzweiflung der Unschuldigen. Er hat die Erde unter gottlose Hände gegeben, und das Antlitz ihrer Richter verhüllt er. Wenn nicht er, wer anders sollte es tun?« (Kap. 9,11-24) Das klingt selbst für unsere Ohren erschreckend.

Das zweite Argument der Freunde ist sublimer: Du hast vielleicht viel Gutes getan, aber mit der falschen Motivation: um dir damit ein gutes Leben zu verdienen. Der Verlauf der Wette, von der sie nichts wissen, gibt ihnen teilweise recht. Hiob nimmt zwar den Verlust seines Besitzes und den Tod seiner Kinder mit Geduld hin, aber als er nur noch auf ein elendes Wrack ohne Lebensperspektive reduziert ist, wendet er sich gegen Gott. Aber dieses Argument geht an Hiobs Anliegen vorbei.

Das dritte Argument der Freunde ist das wichtigste, es durchzieht sämtliche Reden, auch die Hiobs: die Größe Gottes, seine Weisheit und seine Macht, die der Mensch nie ermessen kann. Kein Mensch kann ihn erfassen, keiner darf ihn zur Rechenschaft ziehen. Hiob weiß das auch, sagt es zum Teil selbst - aber er hat sich so hineingesteigert in seinen Rechtsanspruch, dass er nicht davon loskommt. Ich zitiere Ausschnitte aus seiner Rechtfertigungsrede, weil sie die Leidenschaftlichkeit und die Selbstüberhebung Hiobs zeigen, aber auch seine Ethik, die sich von derjenigen Jesu nur wenig unterscheidet (31,1.4-24.29-35):

»Hab ich missachtet das Recht meines Knechts oder meiner Magd, wenn sie eine Sache wider mich hatten, was wollte ich tun, wenn Gott sich erhebt, und was würde ich antworten, wenn er nachforscht? Hat nicht auch ihn erschaffen, der mich im Mutterleibe schuf, hat nicht der Eine uns im Mutterschoß bereitet?

Hab ich mich gefreut, wenn's meinem Feind übel erging, und mich erhoben, weil ihn Unheil getroffen hatte? Nein, ich ließ meinen Mund nicht sündigen, dass ich verwünschte mit einem Fluch seine Seele. O hätte ich einen, der mich anhört - hier meine Unterschrift! der Allmächtige antworte mir! -, oder die Schrift, die mein Ankläger geschrieben! Wahrlich, dann wollte ich sie auf meine Schulter nehmen und wie eine Krone tragen. Ich wollte alle meine Schritte ihm ansagen und wie ein Fürst ihm nahen.« (31,13-37) Das ist Gotteslästerung. Die Freunde gehen. Für sie ist Hiob ein hoffnungsloser Fall.

Dann spricht Gott zu Hiob, aus dem Wettersturm, dem Symbol seiner Macht. Ich zitiere den Anfang: »Wer ist's, der den Ratschluss verdunkelt mit Worten ohne Verstand? Gürte deine Lenden wie ein Mann! ich will dich fragen; lehre mich! Wo warst du, als ich die Erde gründete? Sage mir's, wenn du so klug bist! Weißt du, wer ihr das Maß gesetzt hat oder wer über sie die Richtschnur gezogen hat? ... Wer hat das Meer mit Toren verschlossen, als es herausbrach wie aus dem Mutterschoß ..., als ich ihm seine Grenze bestimmte mit meinem Damm ... und sprach: "Bis hierher sollst du kommen und nicht weiter ..."?« (38,2-11)

Und so geht es weiter; zweieinhalb zweispaltige Seiten lang überschüttet Gott Hiob mit Fragen, die er natürlich nicht beantworten kann. Nichts davon ist eine Antwort auf Hiobs Forderung nach Gerechtigkeit. Aber Hiob hat das Wesentliche verstanden. Als Gott ihn auffordert zu reden, sagt er: »Siehe, ich bin zu gering, was soll ich antworten? Ich will meine Hand auf meinen Mund legen. Einmal habe ich geredet und will nicht mehr antworten, ein zweites Mal geredet und will's nicht wieder tun.« (40,4-5)

Damit könnte die Geschichte zu Ende sein, Hiob hat getan, was die Freunde und offenbar auch Gott von ihm fordert: er hat sich gedemütigt, Gott hat gesiegt. Aber Gott gibt sich damit nicht zufrieden. Noch einmal spricht er zu Hiob im Wettersturm: »Gürte wie ein Mann deine Lenden! Ich will dich fragen; lehre mich! Willst du mein Urteil zunichte machen und mich schuldig sprechen, dass du recht behältst? ... Schmücke dich mit Pracht und Hoheit; zieh Majestät und Herrlichkeit an!« (40,7-10) - eine höhnische Antwort auf Hiobs stolzes »Ich will ihm entgegentreten wie ein Fürst«.

Und Gott fährt fort: »Streu aus den Zorn deines Grimmes; schau an alle Hochmütigen und demütige sie! Ja, schau alle Hochmütigen an und beuge sie und zertritt die Hochmütigen in Grund und Boden! Verscharre sie miteinander in der Erde und versenke sie ins Verborgene!« (40,11-13). Das ist die Antwort auf Hiobs Anklage, dass Gott die Erde den Händen der Gottlosen überlassen habe, und es ist ebenfalls höhnische Herausforderung, weil Hiob das alles gar nicht kann. Aber es ist mehr. Es zeigt in dem einen konkreten Bild, wie grauenvoll es wäre, wenn Gott Gerechtigkeit übte, so wie Hiob sich das vorgestellt hat.

Gott fordert keine Antwort mehr. Aber nun gibt Hiob sie von sich aus, und nun klingt sie anders: »Ich erkenne, dass du alles vermagst, und nichts, das du dir vorgenommen, ist dir zu schwer. ... Darum habe ich unweise geredet, was mir zu hoch ist und ich nicht verstehe. ... Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen. Darum spreche ich mich schuldig und tue Buße in Staub und Asche.« (42,2-5).

Hiobs erste Antwort bedeutet: ich unterwerfe mich dir, weil ich erkenne, dass mir nichts anderes übrig bleibt. Die zweite: ich erkenne, dass du recht hast, und ich bitte um Vergebung für meine Anmaßung. Was hat den Wandel bewirkt?

Der entscheidende Satz ist: »Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen.« Er hatte das Gottesbild seiner Umgebung, das des Richters, der belohnt und bestraft, übernommen. Und als dieses Bild seiner Wirklichkeit nicht mehr entsprach, hat er sich empört. Nun aber hat er einen Augenblick der Gottnähe erlebt, hat gespürt, dass Gott ihn wahrnimmt, hat Vertrauen zu ihm gewonnen, auch wenn er seine Wege nicht versteht. Er hat verstanden und akzeptiert, dass er sie nicht verstehen kann, und wohl auch, dass das gut ist so.

Es folgt noch ein bemerkenswertes Nachspiel. Gott zürnt den Freunden Hiobs, »denn ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Hiob« (»Mein Knecht« ist ein Ehrentitel, vgl. die Gottesknechtlieder bei Jesaja). Er weist sie an, Opfer zu bringen und Hiob um seine Fürbitte zu bitten, dann wolle er ihnen vergeben. Die Fürbitte ist eigentlich überflüssig. Wenn Gott ihnen vergeben will, kann er das auch ohne das. Es geht um Hiob. Er darf oder soll zeigen, dass er das, dessen er sich gerühmt hat, auch umsetzt: seinen Freunden vergeben. Gott vertraut ihm, dass er es tut. Und er behält recht.

Das Erstaunliche ist der Satz: »Denn ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Hiob.« Er steht in dem kleinen Abschnitt zweimal, ist also wichtig. Die drei haben stundenlang Gott verteidigt gegen Hiobs maßlose Angriffe - wieso haben sie nicht recht von ihm geredet? Sie haben sich ein falsches Bild von Gott gemacht, das eines kleinlichen Richters, und ein gedankenloses, denn sonst hätten sie erkennen müssen, dass dieses Bild nicht passt zu der Wirklichkeit um sie herum.

Hiob hat diese behauptete Gerechtigkeit Gottes ernst genommen und leidenschaftlich darum ge-kämpft und genau deshalb am Ende erfahren, dass das Bild falsch ist, dass Gott viel größer ist als unsere Kategorien, dass wir ihn nicht verstehen können, sondern nur ihm vertrauen. Und das Nachspiel besagt, dass dieser Gott mehr Wohlgefallen hat an dem leidenschaftlichen Wahrheitssucher als an den gedankenlosen Jasagern. Das ist allerdings auch wieder ein Gottesbild, also eine Aussage über etwas, was wir nicht wissen können, aber immerhin eines, das nicht im Widerspruch steht zu unserer Erfahrung.

Es folgt ein Märchenschluss. Hiob erhält alles, was er verloren hat - Gesundheit, Besitz, Kinder, Ansehen -, doppelt und dreifach zurück. Das wirkt nach dem Ernst des Vorausgegangenen fast grotesk. Es gehört eigentlich zur Rahmenerzählung, auch wenn die Wette nicht mehr genannt wird, und ist allenfalls zu verstehen als Symbol dafür, dass Hiob aus dieser Krise viel reicher hervorgegangen ist, als er jemals war.

Ich hoffe, es ist deutlich geworden, dass diese alte Geschichte auch uns angeht. Über die diesseitige Gerechtigkeit Gottes brauchen wir uns nicht mehr zu ereifern. Wir Templer und die meisten heutigen Christen haben erkannt und akzeptiert, dass es diese Art von Gerechtigkeit nicht gibt und nicht geben kann. Aber das Sich-Mühen um ein Gottesbild, das im Einklang steht mit unserer Erfahrung, geht uns sehr direkt an. Wir können nicht wissen, wie Gott ist, und wir können ihn mit unseren Denkkategorien nicht fassen. Wenn wir von ihm sprechen, können wir es nur in Bildern tun. Aber das sind unsere Bilder. Und deshalb sind sie immer vorläufig. Unser Bild von Gott hat sich in den Jahrhunderten immer wieder verändert - fast nirgends kann man das besser ablesen als an den Berichten und Darstellungen in der Bibel.

Trotzdem sind diese Bilder von Gott ungeheuer wichtig. Denn an ihnen richten wir unser Leben aus. Das Beispiel der Freunde Hiobs zeigt, wie unbarmherzig ein falsches Gottesbild machen kann. Der angebliche Trost, den sie ihm im Namen dieses Gottesbildes geben, ist das Gegenteil von Trost, macht sie blind gegenüber dem Leiden. Gegenwärtige Beispiele dafür gibt es tausendfach, von den Taliban bis zum Kondomverbot des Papstes.

Das Beispiel Hiobs zeigt noch etwas anderes: der Gott, der nicht in das Geschehen eingreift, wirkt trotzdem: in den Menschen und durch sie: in dem Moment, in dem sie bereit sind, sich ihm zu öffnen. Das muss nicht ein direktes Gotteserlebnis sein wie bei Hiob. Es kann auch ein einfaches Vertrauen sein. Dann wird Gott real für uns und verändert unser Leben.

Deshalb können und dürfen wir auch diesen Gott, den wir nicht begreifen können, darum bitten, dass er uns hilft, alte, falsch gewordene Bilder aufzugeben und neue zu akzeptieren, die unserer Wirklichkeit gerecht werden.

Brigitte Hoffmann


Ein königlicher Bauersmann

Ein Besuch bei Friedrich Bulach in Undingen

In der Dezember-»Warte« berichteten wir über die kürzliche Überführung des Grabsteins des Ehepaares Friedrich und Margarethe Bulach aus Jaffa zum Templer-Friedhof in Jerusalem. Die folgende Kurzgeschichte zeigt uns, welch tiefen Eindruck der Tempel-Älteste Bulach in seiner Zeit in Württemberg auf seine Freunde gemacht hatte. Sie stammt von einem Templer der ersten Stunde aus Tieringen und ist vor 80 Jahren in der »Warte« Nr. 19 von 1928 veröffentlicht worden.

Nach meiner Entlassung aus der Schule im Frühjahr 1874 durfte ich mit meiner Mutter eine schöne Fußreise machen. Wir wollten Friedrich Bulach in Undingen besuchen. Von meinem Geburtsort Tieringen auf dem Heuberg bis Undingen auf der Reutlinger Alb ist's ungefähr zehn Stunden.

Wir traten unsere Wanderung an einem Samstagmorgen an, denn wir hätten gern an dem Gottesdienst der Jerusalems-Freunde in Undingen teilgenommen. Gegen Mittag kamen wir nach Tailfingen bei Ebingen, wo wir bei dem lieben Andreas Bitzer und den Seinigen einkehrten und freundlich zum Mittagessen eingeladen wurden.

Ein Jahr vorher waren wir schon einmal dagewesen, und ich hatte einen tiefen Eindruck mit nach Hause genommen. Bulach hatte nämlich die Konfirmation da abgehalten, und die große Stube im Hause Bitzers war gedrückt voll von Jerusalemsfreunden aus Tailfingen und Umgegend.

Das war ein Geist der Liebe und Eintracht unter diesen einfachen, ehrlichen Leuten! So etwas hatte ich noch nie erlebt. Nur mit tiefer Bewegung meines Herzens denke ich heute daran zurück.

Mit leuchtenden Augen blickte alles auf Bulach, der mit seinen Konfirmanden an einem besonderen Tische saß. »So muss der Herr Jesus ausgesehen haben«, sagte ich nachher zu meiner Mutter. Sie nickte still und gerührt dazu.

Zum Anfang sang man das Lied, das Bulach vorsagte: »Gott schuf einst Erd und Himmel / und all ihr unzählbar Gewimmel, / den Menschen dann nach seinem Bild. / Menschen sollen Götter werden, / zu herrschen auf dem Kreis der Erden / nach Gottes Plan, gerecht und mild.« Das Lied ist von Bulach selber. Der Unterredung mit den jungen Leuten wurde der Text Eph. 2,19-22 zugrunde gelegt. Da hörte ich ganz neue Dinge; es war ein Tag des Segens für mich.

Beim Mittagessen war's allerliebst. Da kamen gewaltige Schüsseln mit Eiernudeln und Rindfleisch auf den Tisch, und wie schmeckte es allen! Ich glaube, nie mehr in meinem ganzen Leben habe ich an einer so fröhlichen und gesegneten Mahlzeit teilgenommen.

Und die lieben Menschen, die ich kennen lernen durfte! Ich weiß die Namen nicht mehr von allen. Die meisten davon werden schon lange in den »ewigen Hütten« weilen. Mein lieber Johannes Mader in Winterlingen lebt aber noch und sein Bruder Wilhelm in Haifa. Beide sind mir zeitlebens treue Freunde geblieben. Ich grüße sie herzlich.

Nun bin ich aber bei der Konfirmation in Tailfingen hängen geblieben und wollte doch von unserem Besuch in Undingen erzählen. Von Tailfingen aus wanderten meine Mutter und ich also zusammen vergnügt über die Alb hinüber und kamen glücklich in Undingen an.

Der Empfang im Hause Bulachs war ein sehr herzlicher. Wie schön war's, als der liebe Mann am Abend sein Klavier aufmachte und mit den Knaben und Mädchen, die er gerade in seinem Haus hatte und auf ihre Konfirmation vorbereitete, das Lied einübte »Heil'ge Liebe, Himmelsflamme«. Da waren alle mit ganzem Herzen dabei, und welch freudiger Geist herrschte in dem ganzen Hause! Es war kein Wunder: Bulachs frische, fröhliche Art, verbunden mit einer Herzensgüte, wirkte ansteckend auf alle, die unter sein Dach kamen.

Am Sonntagmorgen beim Kaffee gab er uns jungen Leuten ein Rätsel auf, das er gerade in der Zeitung gelesen hatte. Als ich ein wenig hinausgaffte, puffte mich meine Mutter heimlich in die Seite und sagte leise zu mir: »Pass auf, vielleicht bringst du das Rätsel heraus!« Wahrscheinlich hätte sie gerne Staat mit mir gemacht. Aber ich konnte die Lösung so wenig finden wie die anderen.

Da half uns Bulach sachte darauf. Und wie fein er das anfing und wie klug! Das Rätsel, das ich in seiner Versform leider nicht mehr ganz im Gedächtnis habe, lautete dem Inhalt nach etwa so: »Meine erste Silbe ist ein Räuber, der in den warmen Meeren haust; meine zweite Silbe ist eine Waffe, zum Wurf wie zum Stoß geschickt; meine dritte Silbe macht der Bohrer am besten; mein Ganzes ist ein Städtchen im Hohenzollernland!« Das hätten wir alle herausbringen können, wenn wir nicht so dumm gewesen wären. Bulach ließ uns das nicht fühlen.

Während der Unterhaltung hatte er sein liebliches Töchterlein, die dunkeläugige Gottliebin, sein Herzblättchen, neben sich sitzen, die auch der Liebling aller war. Wahrscheinlich hatten sich meine Gedanken mehr mit ihr beschäftigt als mit dem Rätsel ihres Vaters.

Wie leid tut mir's, dass die Augen, die einst so hell und frisch und froh in die schöne Gotteswelt geblickt, nun seit Jahren dem goldenen Licht verschlossen sind. Aber getrost, Jesaja 60,1 erfüllt sich einst auch an ihr.

Am Nachmittag wanderten alle nach Erpfingen zum »Christoph«. Ich durfte auf dem Wägele fahren, weil ich am Tage vorher so weit gelaufen sei und müde sein werde, meinte Bulach lächelnd. Wie zart und aufmerksam dieser einfache Bauersmann war!

Am folgenden Tag gingen Mutter und ich wieder heim. Fröhlich zogen wir unsere Straße. Der Besuch in Undingen war ein großes und glückliches Ereignis für mich; er hat meinem Leben eine Wendung zum Ewigen gegeben.

Gottliebin Bulach ist später in Jaffa mit Theodor Wolfer verheiratet gewesen und ist 1943 in Jerusalem erblindet gestorben.

Matthias Koch


Aus dem Tagebuch des TGD-Archivs

  • Es ist bemerkenswert, welche Fundgrube an historischem Wissen die in unserem Archiv aufbe-wahrten und gebundenen alten »Warte«-Hefte darstellen. So haben wir beim Suchen und Durchblättern einen Bericht über eine Tempelgemeinde im Sudetenland entdeckt. Dass es in der Anfangszeit auch dort Tempelanhänger gegeben hatte, war uns bisher nicht bewusst gewesen. Die Werbetätigkeit in den Sudeten, die damals zu Österreich gehörten, war von Sachsen ausgegangen. Mittelpunkt der Templer war Alois Riedl, Kaminfeger in Bennisch. Der Gemeindeälteste von Dresden Richard Funcke veröffentlichte in »Warte« 22/1901 u. 23/1902 einen Bericht an die Tempelleitung in Stuttgart über seinen Besuch in der Tempelgemeinde Engelsberg bei Freudenthal (siehe auch »Warte« 48/1900ff.).
  • Architekt Giora Solar schrieb uns aus Jerusalem, dass das Areal der Deutschen Kolonie zwischen Refaim- und Bethlehem-Straße, bestehend aus neuer Schule, »Institut« und Wohnhaus Weiß, durch einen Investor demnächst saniert werden soll. Die erstgenannten Gebäude sollen erhalten bleiben und in ein neu zu eröffnendes »Colony«-Hotel integriert werden. Ähnlich wie in Sarona hat man an der Fassade des Schulgebäudes noch eine Wanduhr gefunden, von der das Uhrwerk allerdings nicht mehr vorhanden war. Sollte es irgendwann möglich sein, den Gemeindesaal von der Armenischen Kirche, die ihn derzeit nicht nutzt, zurückzuerwerben, würde die Anlage dem geplanten Hotel zur Verfügung gestellt.
  • Ein in Haifa wohnhafter Historiker schweizerischer Herkunft erkundigt sich, weshalb der über viele Jahre in Aleppo als deutscher Konsul wirkende Johann Jacob Zollinger mit seiner Ehefrau auf dem Templerfriedhof in Haifa bestattet worden sei. Über die Lebensumstände des Konsuls ist uns leider nichts bekannt.
  • Neuzugang in unserer Bücherei: »Von der Rems zum Golden Gate« von Karin de la Roi-Frey. Es ist die Lebensgeschichte von 34 Auswanderern, die aus dem Rems-Murr-Kreis in die weite unbekannte Welt gezogen sind. Das Buch wurde in den Stuttgarter Buchwochen vorgestellt. Unter den dargestellten Auswanderern befindet sich auch Johannes Gottlob Jauß aus Waiblingen, der nach dem Tod von Louis Höhn 1857 als Lehrer an die Templerschule auf dem Kirschenhardthof kam, 1873 als einer der letzten Kirschenhardthöfer auswanderte und in Jaffa ins »Tempelstift«, die Höhere Schule der Templer, eintrat. Christoph Hoffmann urteilte über ihn 1881 wie folgt: »In seiner Lehrertätigkeit, der er so ausdauernd mit Treue und Hingabe oblag, war er besonders ausgezeichnet als Schreiblehrer, sowie als Gesang- und Klavierlehrer, trieb aber auch mit besonderer Freude und bedeutendem Erfolg die deutsche Sprachlehre, sowie Geschichte und Geographie.« Eine der zahlreichen Jauß-Töchter war mit Christoph Hoffmann II verheiratet, eine mit dem Fabrikbesitzer Andreas Struve und eine mit dem Baustoffhändler Immanuel Breisch.

Peter Lange


Leserecho

Zu »Die notleidende Autoindustrie« und »Das eigene Evangelium des Jesus von Nazareth«(»Warte« Dezember 2008)

Ich habe mich sehr gefreut über Ihren Leitartikel. Er spricht mir aus der Seele. Zur Thematik des zweiten Beitrags möchte ich Ihnen noch ein gut, engagiert und informativ geschriebenes Buch empfehlen, das ich kürzlich gelesen habe: Klaus-Stefan Krieger, »Was sagte Jesus wirklich? Die Botschaft der Spruchquelle Q« (Vier-Türme-Verlag Münsterschwarzach, 2. Aufl. 2004). Zwar wird die Titelfrage nicht »wirklich« beantwortet (auch »Q« ist nicht gleich Jesus), aber doch deutlich aufgezeigt, dass in der Frühzeit des Christentums durchaus nicht Christologie und Kreuzestheologie die alles beherrschenden Themen waren. Ich zitiere und knüpfe damit noch einmal an ihren Leitartikel an: »Nicht umsonst drängt die Logienquelle auf Konsequenz. Einen Kompromiss mit gesellschaftlichen Entwicklungen, die zum Willen Gottes erkennbar in Widerspruch stehen, kann es nicht geben. Das mag auf uns heute rigid, ja fundamentalistisch wirken. Diese Radikalität macht aber auch die Faszination der Logienquelle aus. Dass Angepasstheit kaum attraktiv ist, wird heute oft übersehen. Gerade an religiöse Überzeugungen richtet sich im Gegenteil die Erwartung, dass sie anspruchsvoll sind - spirituell wie moralisch.«

Claus Petersen, Nürnberg


Wenn die Erde nur einen Meter groß wäre

Wenn die Erde nur einen Durchmesser von einem Meter hätte und irgendwo über einem Feld schwebte, würden die Menschen von überall her kommen, um sie zu bestaunen. Sie würden um sie herumgehen und ihre großen und kleinen Wassertümpel, ihre kleinen Hügel und ihre Löcher bestaunen. Sie würden die sehr dünne Gasschicht bestaunen, die sie umgibt, und die Wolken, die in diesem Gas hängen. Die Menschen würden die Kugel für heilig erklären, weil sie so einzigartig ist, und sie würden sie schützen, um sie nicht zu verletzen. Die Kugel wäre das größte Wunder im Universum, und die Menschen würden kommen, um sie anzubeten, um geheilt zu werden, um Wissen zu erlangen, um Schönheit zu erfahren und immer wieder darüber zu staunen, dass es sie gibt. Die Menschen würden sie lieben und ihr Leben aufs Spiel setzen, um sie zu verteidigen, da sie wüssten, dass ihr Leben ohne sie nichts wäre. Wenn die Erde nur einen Durchmesser von einem Meter hätte.

Joe Miller (amerikanischer Künstler)

Aus: »Die Wahrheit leben - Jahresbegleiter 2009, Reich-Gottes-Impulse für jeden Tag«

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