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Die Warte des Tempels
Monatsschrift für offenes Christentum
Ausgabe 164/11 - November 2008
Die Vertrauenskrise
Es ist nicht mehr alles so wie es war. Ein Beben größerer Stärke auf der Richter-Skala hat die Welt erschüttert. Meldungen vom Zusammenbruch großer Bankinstitute in USA und Europa beherrschten in den letzten Wochen die Schlagzeilen der Medien. Begriffe wie »Immobilienkrise«, »Finanzdesaster«, »Turbo-Kapitalismus« überschlugen sich und ließen den aufgeschreckten und ahnungslosen Bürger fragen, was denn da eigentlich aus den Fugen geraten war.
Richtigerweise müsste man angesichts der weltweiten Nervosität weniger von einer »Finanz-« als von einer »Vertrauenskrise« sprechen. Denn das, was den modernen Volkswirtschaften als Wachstumsmotor dient, ist ein hochkompliziertes System, das den Geldkreislauf regelt. Banken verschaffen sich durch die Einlagen ihrer Kunden sowie durch Ausleihungen von anderen Instituten Geldmittel, damit sie der Wirtschaft für deren Investitionen Kredite einräumen können.
Doch dieses System hat plötzlich nicht mehr funktioniert. Die Banken wollten einander keine Kredite mehr gewähren, da sie nicht mehr darauf vertrauten, dass diese Kredite zurückgezahlt würden. Damit verfügten sie nun nicht mehr über das benötigte flüssige Geld, um der Wirtschaft in deren Produktionsprozess zu helfen. Das Schreckgespenst der »Rezession« machte die Runde.
Warum aber diese Krise? »Kredit« kommt vom lateinischen »credere« = glauben, vertrauen. Prosperierendes Wirtschaften ist also auf Vertrauen angelegt. Das gilt für Großkonzerne genau so wie für Klein- und Handwerksbetriebe. Es hat auch für die Ackerbauern und Plantagenbesitzern unter den Templern in Palästina gegolten, die ihre eigene »Zentralkasse« für diesen Zweck gegründet hatten.
Warum aber ist dieses Vertrauen unter den Geldhäusern so plötzlich geschwunden? Das Finanzsystem hat doch über so viele Jahre hinweg gut funktioniert. Ich meine, dass im Großen genau dasselbe geschehen kann wie auch unter Einzelpersonen. Vertrauen muss eine Grundlage haben und durch Verantwortlichkeit und Verlässlichkeit erworben werden. Und diese Grundlage ist hier zu Bruch gegangen. Verloren gegangenes Vertrauen wiederherzustellen ist ein langwieriger Vorgang, wie sich gegenwärtig zur Genüge zeigt. Wenn jemand unser Vertrauen enttäuscht hat, sind wir nicht bereit, danach wieder an ihn zu glauben. Vertrauen ist ein zu wertvolles Gut, als dass man leichtfertig mit ihm umgehen kann.
In früherer Zeit galt unter Kaufleuten oft ein Handschlag als Vertrauensbeweis. Auch unsere Vorfahren waren in ihren Siedlungen im Orient dafür bekannt, dass ihr Wort galt, auch ohne Beglaubigung und Vertrag. Leider ist Verlässlichkeit und Verantwortlichkeit im Geschäftsleben weitgehend verloren gegangen.
Enttäuschtes Vertrauen ist wie eine zerbrochene Vase, man kann sie zwar wieder kitten, doch ihr schönes Aussehen hat sie verloren. »Jesuanische« Ethik fordert, dass wir uns des in uns gesetzten Vertrauens jederzeit würdig erweisen.
Peter Lange
Wie nutzt du deine Zeit?
Vergehen, Abschied, Vertrauen
Vergehen
Im November sehen und spüren wir, wie die Natur ihren Tribut fordert. Die Blätter verfärben sich und fallen ab. Wenn sie manchmal von der tiefstehenden Sonne getroffen werden, dann scheinen die vorangegangenen Jahreszeiten uns einen letzten farbigen Gruß zu senden.
Bald wird der Winter da sein mit dem ersten Schnee und Frost. Die Natur stirbt ab, die Blumen erfrieren und die Stunden, in denen es hell ist, werden zusehends weniger. Die große Ruhepause steht bevor, jene Zeit, in der sich in unseren Breiten alles Leben vor der Kälte und dem wenigen Sonnenlicht bis ins Innerste zurückzieht, so dass man meinen könnte, es sei alles abgestorben, tot.
So ist es kein Zufall, dass unsere Totengedenktage gerade in dieser Zeit begangen werden. Wir haben das Bedürfnis, die Gräber unserer Lieben mit einem Ersatz für die erfrierenden Blumen zu schmücken und ihrer zu gedenken. Und dieses Gedenken führt uns zum Nachdenken über unsere eigene Endlichkeit.
Wir wissen, dass alles Leben auf unserer Erde das Siegel des Vergänglichen trägt. Solange es nicht um uns selbst geht, halten wir dieses Werden und Vergehen für sinnvoll. Was wäre auch, wenn alles, was an Leben auf dieser Erde entstanden ist, nicht auch vergangen wäre? Nur dadurch, dass Leben stirbt, gibt es Platz für neues Leben: Nur dadurch, dass Pflanzen zu Humus werden, gibt es den Nährboden für weiteres Pflanzenleben.
Darüber hinaus liegt in diesem Vergehen und neuen Werden die Möglichkeit der Veränderung, der Weiterentwicklung. Alles, was lebt, ist auf Entwicklung ausgerichtet. Nur so konnte sich immer höheres Leben entwickeln, bis hin zum Menschen, der mit seinem Geist nun in der Lage ist, über all diese Zusammenhänge nachzudenken. Auch der Geist entwickelt sich immer weiter. Unser Wissen und unsere Erfahrung, alle Begegnungen, alle Sorgen und Ängste, alle Freuden und alles Hoffen, das, was wir sehen, das, was wir hören, das, was wir fühlen, alle Eindrücke vertiefen unser Leben und lassen den Geist reifen. Man kann ohne Übertreibung sagen: Nur weil auch wir endlich sind, sind wir auch vernünftig. Denn wären wir unsterblich, was hielte uns davon ab, uns skrupellos zu verhalten. So ist denn das Bewusstsein von unserem eigenen Vergehen zugleich auch eine wichtige Voraussetzung, dass wir überhaupt mitleiden und mitfühlen können.
Abschied
Selbst, wenn wir verstandesmäßig wissen, dass es kein Leben ohne Vergehen geben kann, so bedeutet es doch einen gewaltigen Unterschied, ob wir es auch wirklich innerlich begreifen und - noch mehr - auch für uns bejahen können. Diesen Unterschied empfinden wir deutlich, wenn Freunde oder Familienmitglieder betroffen werden, wenn - wie man so lakonisch, aber in Wirklichkeit erschrocken bis ans Herz, sagt - »die Einschläge immer näher kommen«.
Und noch mehr greift es uns an, wenn wir selber betroffen sind, wenn der Arzt einem verkündet, dass er eine unerfreuliche Neuigkeit parat habe. Wenn der Tod uns auf diese Weise anspricht, dann fühlen wir, dass etwas unwiderbringlich zu Ende geht, dass sich die Tür, die sich auf dem Gang des Lebens hinter uns befindet, soeben geschlossen hat. Und wir sehen oder ahnen, dass sich eine andere Tür vor uns öffnet, von der wir noch nicht wissen, was dahinter liegt.
Wir trauern um Menschen, die sterben, dann besonders, wenn wir sie gut gekannt oder sogar geliebt haben. Mit ihnen stirbt dann nämlich auch ein Teil von uns, das, was sie mit uns verbindet oder uns mit ihnen. Wir wissen zwar, dass sie in unseren Gedanken und Herzen weiterleben werden, aber was wirklich schwer fällt, ist das Bewusstsein des Endgültigen, die Gewissheit, die Uhr nicht mehr zurückdrehen zu können, kein Wort mehr wechseln zu können, den Freund oder Verwandten nicht mehr berühren zu können oder von ihm oder ihr nicht mehr berührt zu werden.
Wir können es nicht ändern und spüren irgendwann: Wir müssen loslassen, müssen unser weiteres Leben ohne den Verstorbenen oder die Verstorbene weiterführen, und das fällt uns schwer. Über-haupt ist dieses Loslassen-Müssen wohl das, was uns Menschen die allergrößten Schwierigkeiten bereitet. Jede Gelegenheit, die das Leben hierzu bietet, zeigt es: als Kind Teilen zu lernen, ist schwer, als Partner den anderen so sein zu lassen, wie er ist und dadurch selber Einschränkungen hinzunehmen, ist auch nicht leicht; Kinder in die Volljährigkeit und in ihre Selbständigkeit zu entlassen, ist für manche Eltern eine fast unüberwindliche Hürde. Viele schaffen es auch nicht, ihre Berufstätigkeit mit dem Ruhestand loszulassen und wissen mit ihrer Zeit dann nichts mehr anzufangen Und für den alternden Menschen ist vielfach der Abschied von Fähigkeiten früherer Tage Grund für Schwermut oder gar Depressionen. Jeder von uns hat sicher schon seine eigenen Erfahrungen damit gemacht, etwas loslassen zu müssen - körperlich oder gefühlsmäßig.
Deshalb heißt es in einem französischen Sprichwort, dass jeder Abschied ein wenig wie Sterben ist. Tod und Sterben bedeuten, dass wir endgültigen Abschied vom Leben, das wir hier auf der Erde geführt haben, nehmen müssen. Was uns den Abschied von einem geliebten Menschen schwer macht, ist, dass mit dem Tod alles endet, womit wir Erfahrungen haben. Im Normalfall ist jede Möglichkeit der Verbindung zu Verstorbenen unterbrochen - wir müssen sie loslassen. Das bedeutet nicht, dass wir nicht trauern dürfen - die geistige Verbindung, die zwischen zwei Menschen bestanden hat, wird auch der Tod nicht beenden. Aber wir müssen sie insofern loslassen, als sie nicht mehr zu unserem Erdenleben gehören.
Vertrauen
Es gibt nur einen Weg, der uns hilft, mit der Endgültigkeit des Todes und unserer Endlichkeit auf eine positive Art und Weise umzugehen. Das ist das Vertrauen darauf, dass Gott uns auch im Sterben auf- und annimmt. Durch unseren Glauben erhält unser ganzes Leben einen Sinn. Die Begrenztheit der uns geschenkten Zeit verleiht unserem Denken und Tun ihr besonderes Gewicht.
Aber wir werden auch von Gott gefragt, und wir sollten uns gelegentlich selber fragen: Wie nutzt du deine Zeit? Wie nutzt du deine Talente? Wenn wir ehrlich sind, heißt die Antwort: Nicht immer gut oder gut genug. Im Rückblick hätten wir vielleicht mehr tun können als wir getan haben, hätten liebevoller zu unseren Mitmenschen sein können, hätten mehr Wert auf Wesentliches legen können. Täglich ärgern wir uns über Dinge, die wir nicht ändern können, die eben so sind, wie sie sind. Wäre da nicht eine innere Gelassenheit angesagt, eine Haltung des Annehmens, die uns helfen würde, auch bei größeren Schicksalsschlägen nicht zu verzweifeln?
Zu jenem Gottvertrauen zu finden, das uns mit uns selbst eins und im Klaren werden lässt, weil wir wissen, dass vieles eben nicht in unserer Macht steht, sondern wir Geschöpfe des Schöpfers sind, die die Aufgabe haben, ihr Leben in diesem ihnen gesteckten Rahmen zu leben. Daneben gibt es noch genug, was wir mit unserem endlichen menschlichen Geist nicht erkennen und nicht verstehen können.
Je tiefer unser Vertrauen ist zu der liebenden Macht, die Grund und Ursprung aller Dinge ist, desto mehr wird unser Leben und ebenso unser Sterben getragen sein. Dieses unbedingte Vertrauen in die Barmherzigkeit und Güte Gottes, der es gut mit uns meint, hat uns Jesus vorgelebt in seinem Leben, Leiden und Sterben. Wir glauben, dass die Auferstehung, die ihm zuteil geworden ist, in geistiger Form auch uns bestimmt ist.
Wir vertrauen darauf, dass all die Bilder, in denen die Bibel spricht, wahr werden: das Bild vom Samenkorn, das ebenso ein Gehäuse ist wie unser Körper und das durch die Aufgabe seines Wesens als Samenkorn das Wesentliche, nämlich das Leben, frei gibt: »Es wird gesät verweslich und es wird erstehen unverweslich« heißt es im Korintherbrief, und schon beim Propheten Jesaja steht: »Er wird den Tod verschlingen auf ewig. Und Gott der Herr wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen.«
Wenn wir Gott und seiner Führung vertrauen und wissen, dass wir in seiner Hand gut aufgehoben sind, dann wissen wir uns in der Welt geborgen. Dann wird sich auch in der Ungewissheit des Todes alle Angst vor dem Kommenden in das ruhige Vertrauen umwandeln, das uns aus den letzten Worten des Gekreuzigten, wie sie uns Lukas übermittelt, entgegenstrahlt: »Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!« Es lässt uns teilhaben an der Gewissheit, dass diese Geborgenheit auch über unseren Tod hinaus für uns Gültigkeit haben wird.
Aus einer Ansprache am 19. November 2006, Jörg Klingbeil
Gibt es ein Leben nach der Geburt?
Zwiegespräch ungeborener Zwillinge im Bauch ihrer Mutter
»Sag mal, glaubst du eigentlich an ein Leben nach der Geburt?«, fragt der eine Zwilling. »Ja, auf jeden Fall! Hier drinnen wachsen wir und werden stark für das, was draußen kommen wird«, antwortet der andere Zwilling.
»Ich glaube, das ist Blödsinn!«, sagt der erste. »Es kann kein Leben nach der Geburt geben wie sollte das denn bitte-schön aussehen?« - »So ganz genau weiß ich das auch nicht. Aber es wird sicher viel heller als hier sein. Und vielleicht werden wir herumlaufen und mit dem Mund essen.«
»So einen Unsinn habe ich ja noch nie gehört! Mit dem Mund essen, was für eine verrückte Idee. Es gibt doch die Nabelschnur, die uns ernährt. Und wie willst du herumlaufen? Dafür ist die Nabelschnur viel zu kurz.« - »Doch, es geht ganz bestimmt. Es wird eben alles ganz anders.«
»Du spinnst! Es ist noch nie einer zurückgekommen von "nach der Geburt". Mit der Geburt ist das Leben zu Ende. Punktum.« - »Ich gebe ja zu, dass keiner weiß, wie das Leben nach der Geburt aussehen wird. Aber ich weiß, dass wir dann unsere Mutter sehen werden, und sie wird für uns sorgen.«
»Mutter??? Du glaubst doch wohl nicht an so einen Quatsch! Wo ist sie denn bitte?« - »Na hier - überall um uns herum. Wir sind und leben in ihr und durch sie. Ohne sie könnten wir gar nicht sein.«
»Blödsinn! Von einer Mutter habe ich noch nie etwas bemerkt, also gibt es sie auch nicht.« - »Doch, manchmal, wenn wir ganz still sind, kannst du sie singen hören. Oder spüren, wenn sie unsere Welt streichelt ...«
Nach Henry Nouwen
Warum nennen wir uns »Templer«?
Hören wir zunächst, was Christoph Hoffmann darüber zu sagen hat:
»Christus wollte nicht eine Kirche gründen, die durch vorgeschriebene Glaubensbekenntnisse und gottesdienstliche Handlungen den Menschen die Anwartschaft auf ein seliges Leben nach dem Tod verschafft, sondern die Gemeinde, die er gegrüdet hat, beruht auf dem Glauben an das Reich Gottes auf Erden, das er selbst in seiner Person verwirklicht hat und das in einem Volk und endlich in der Menschheit zu verwirklichen die Aufgabe seiner echten Nachfolger ist.
Diese Gemeinde bezeichnen die Apostel als den "Leib Christi" und als den "Tempel Gottes", der aus lebendigen Steinen, nämlich aus Menschen, besteht, die vom Geist Christi, also von seiner Gesinnung und seiner Erkenntnis, durchdrungen sind und die folglich nicht mehr ihren eigenen Willen, sondern den Willen Christi und des Vaters, das heißt Gottes, tun.
Aus diesen Gründen hat sich in Württemberg und von da aus sowohl unter den Deutschen in Nordamerika und Südrussland als auch im Heimatland selbst und in Sachsen eine Gesellschaft gebildet, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Tempel, das heißt die Christengemeinde nach dem Sinne Christi und der Apostel, in diesen Ländern herzustellen.
Diese Gesellschaft behauptet keineswegs, schon der Tempel zu sein, der nach dem Willen Christi die Menschheit ihrer Vollendung entgegenführen soll, sondern sie will mit ihrem Namen nur das Ziel ausdrücken, nach dem sie strebt. Da jedoch der Tempel nur durch die Kraft des Geistes ins Leben gerufen werden kann und bei geistigem Werke das Streben schon der wirkliche, wenn auch unsichtbare Anfang der Sache selbst ist, so nennt sich die Gesellschaft auch kurz mit dem Namen "der Tempel".«
Als man das Münster zu Freiburg baute, fragte man drei Steinmetzen nach ihrer Arbeit. Der eine saß und haute Quader zurecht für die Mauern der Wand. »Was machst du da?« wurde er gefragt. »Ich haue Steine.« - Stand da ein anderer, mühte sich um das Rund einer kleinen Säule für das Blendwerk der Tür. »Was machst du da?« lautete auch an ihn die Frage. »Ich verdiene Geld für meine Familie.« - Bückte sich ein dritter über das Ornament einer Kreuzblume für den Fensterbogen, mit dem Meißel vorsichtig tastend. Als diesem die Frage gestellt wurde: »Was machst du denn da?« gab er zur Antwort: »Ich baue am Dom!«
Im Sinne dieses letztgenannten Steinmetzen sagen wir in der Gemeinde über unser tägliches Tun, das so vielerlei umfasst: »Wir bauen am Tempel«. Das heißt in anderen Worten, dass wir uns bewusst machen, dass alles, was wir in unserem Tageslauf beginnen, in Verantwortung vor Gott und zu seiner Ehre geschehen soll, denn der Tempel ist im biblischen Sinn der Ort, an dem Gott verehrt wird und wo sein Geist lebendig ist.
Gottes Tempel besteht für uns aber nicht aus Steinquadern, sondern aus Menschen als lebendigen Bausteinen, die sich gegenseitig stützen und tragen und einander Halt geben. Nicht die äußere Form der Steine ist das Wesentliche, sondern ihr Ort und ihre Funktion im Bauwerk.
Dieses Bauen ist ein Prozess, ein immerwährendes Streben, bei dem es Fortschritte, aber auch Rückschläge gibt. Wir sagen, dass Jesus der Eckstein dieses Gebäudes ist. Weil er nicht ein Glaubensgesetz, sondern eine Glaubensbewegung ins Leben gerufen hat, wird unsere Arbeit am Tempelbau nie enden. Aber auch ein unvollendeter Tempelbau hat seine Funktion: er ist nach oben offen, sodass der Himmel hereinschauen kann.
Die Templer haben ihr Denken und Handeln von Anbeginn an unter das Leitwort vom »Trachten nach dem Gottesreich« gestellt. Es ist uns aufgegeben, immer wieder neu danach zu fragen, ob wir dieses Sinnen und Streben noch zu unserem innersten Anliegen machen.
Aus einer Betrachtung von Peter Lange am Tempelgründungstag 2008 in Stuttgart
Leserecho
Zum Beitrag »Wesen und Ziel der Tempelgesellschaft« (»Warte« Oktober 2008)
Nach der Lektüre ihres Heftes kann ich wiederum nur feststellen: Wir sind uns in unseren Auffassungen wirklich sehr nahe. Ich kann so vieles bejahen:
Ja - das, was wir von Gott erfahren, ist (auch) in uns, redet zu uns mit der Stimme unseres Gewissens. Mit dieser Stimme sollen wir unsere Lebensführung in Einklang bringen. Von da her gesehen ist der Wunsch nach »Gemeinschaft mit Gott« tatsächlich nicht anmaßend.
Ja - das Arbeiten auf das Reich Gottes hin ist wohl die Aufgabe der Menschheit, also das Tun des göttlichen Willens im täglichen Leben. Nur so werden wir überleben, nur so werden wir in die Stufe der kulturellen Evolution eintreten.
Und nochmals ja - unsere Sinnesänderung ist das Entscheidende, was uns zum Reich Gottes befähigt, die Sinnesänderung der in dieser Welt lebenden Menschen hier und jetzt.
Wiederum haben Sie diesen Text in eine wohltuende Nachbarschaft gestellt: die Gedanken zur Bergpredigt von Jörg Klingbeil schließen meines Erachtens nahtlos daran an. Die extrem radikalen Forderungen (zumindest einige gehen ja wahrscheinlich auf Jesus zurück) haben den Irrtum genährt, ein »normaler Mensch« könne nicht nach der Bergpredigt leben. Ich vergleiche das gerne mit einem Steuermann, der bei starkem Seitenwind das Ruder hart herumreißt: nicht um rechtwinklig abzubiegen, sondern um überhaupt Kurs zu halten. Wir sollen und können gar nicht alle diese Forderungen wörtlich erfüllen, sollen und können nicht rechtwinklig abbiegen. Aber wir sollen und können versuchen, unser Handeln in diese Richtung zu entwickeln! Ja, wir sollen und können uns von der Vergötzung von Leistung und Besitz befreien, auch in kleinen Schritten.
In dem Maße, wie wir die Angst vor eigener Unzulänglichkeit und materiellem Verlust verlieren, werden wir selber dem Reich Gottes entsprechen. Davon sind wir gemeinsam überzeugt.
Es ist schon recht merkwürdig, dass ausgerechnet die Kirche (welche doch Jesus preist als teilhaftig aller göttlichen Merkmale) die Grundausrichtung seiner Lehre so ignoriert. Dass sie Jesu deutliche Einladung, hier in dieser Welt Gottes Willen zu tun, so gering achtet, dass ein Bischof auch heute noch sagen kann: »In der Welt kann nicht wie im Reich Gottes gelebt werden« (Johannes Friedrich). Dass sie stattdessen unser persönliches Seelenheil (im Jenseits) zum Ziel erklärt, an dem alles gelegen sei.
Bonhoeffer schreibt in seinem letzten Brief: »Ist nicht die individualistische Frage nach dem persönli-chen Seelenheil uns allen fast völlig entschwunden? Stehen wir nicht wirklich unter dem Eindruck, dass es wichtigere Dinge gibt als diese Frage? ... Gibt es im Alten Testament die Frage nach dem Seelenheil überhaupt? Ist nicht die Gerechtigkeit und das Reich Gottes auf Erden der Mittelpunkt von allem?«
Klaus Simon, Grümpen (Thüringen)
In Marysville in Klausur (Teil 1)
Auch die Templer in Australien haben in diesem Jahr ein Wochenend-Seminar veranstaltet. Für zwei Tage fuhren sie Ende August zu Gespräch und Besinnung in das von ausgedehnten Wäldern umgebene Kooringa Resort in Marysville.
Es begann mit der Gottesfrage. Wie stellen wir uns eigentlich »Gott« vor? Als Jemand, als Etwas, als Kein-Ding? Ist er für uns Geist, Atem, Licht, Energie, Schöpferische Lebenskraft, Quelle allen Seins, Erste Ursache, Letzte Wirklichkeit? Die Begriffe, mit denen Menschen Gott zu beschreiben versuchen, haben sich über die Zeiten hinweg immer wieder verändert. Auch unser eigenes Gottesbild ist der Veränderung unterworfen, indem wir reifer werden und unsere Bedürfnisse sich verändern.
Ich denke, wir brauchen uns nicht damit aufzuhalten, wie Atheisten über Gott zu reden. Ein »Gott da draußen« ist nicht unsere Vorstellung. Templer glauben dagegen, dass das Göttliche in und um uns ist, aber gleichzeitig »jenseits unseres Horizonts« liegt. Auch wenn wir sein Wesen nicht erfassen können, gibt es doch Spuren von ihm zu erfahren: im Schönen, im Edlen, in der liebevollen Zuneigung, in Kunst, Natur, Gedankenwelt.
Rolf Beilharz las Ausschnitte aus einer Betrachtung von Klaus Simon, einem Angehörigen der »Initiative Reich Gottes - jetzt!«, deren Studientagung er in diesem Jahr besucht hatte. Hermann Uhlherr wies darauf hin, dass die Grundanschauung der Templer auf dem Gottesverständnis des Jesus von Nazareth beruhe, wie es uns in den Evangelien entgegentritt und wie es in unserer Schrift »Religious Perspective« und in Christian Rohrers Buch »Ist die Bibel die Quelle der Gotteserkenntnis?« zusammengefasst ist. Wenn die göttliche Kraft alles Leben durchdringt, sind wir mit ihr - wie durch ein Stromkabel - verbunden. Wir müssen dann nur »den Schalter betätigen« und uns öffnen, um diese Kraft zu spüren. Wir dürfen nicht Gott anklagen für das, was uns begegnet; wir dürfen aber um Kraft bitten, es zu bestehen - wir allein sind verantwortlich für unsere Entscheidungen und Handlungen.
Am Nachmittag sprachen wir über die »Wege zu Gott«: durch Gebet - es gibt kein »richtiges« oder »falsches« Beten; durch Musik - Ingrid Turner übte mit uns »Töne«, mit denen unser Fühlen zum Ausdruck kam; durch Yoga - Herta Uhlherr zeigte uns »körperliches« Beten.
Dann folgte von Helga Jürgensen eine Meditation, eingeleitet durch einen beruhigenden und wohlklingenden Gesang des »Om nama shivaya« (Ich verneige mich vor dem Göttlichen), mit erklärenden Worten, wie Meditation auf Körper, Geist und Seele wirkt und wie sie auf verschiedenste Art möglich ist. Dies war für die meisten von uns ein neues und sehr entspannendes Erlebnis.
»Templer Record« Oktober 2008 (gekürzt; übersetzt von Peter Lange)
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