Die Warte des Tempels
Monatsschrift für offenes Christentum
Ausgabe 164/7+8 - Juli/August 2008
Offenes Christentum jetzt auch in Australien
In der neuesten Ausgabe des »Templer Record«, der Monatsschrift unserer Freunde in Australien, wird mitgeteilt, dass die Temple Society Australia vor Kurzem Mitglied geworden sei im »Progressive Christian Network of Victoria«. Dieses freichristlich ausgerichtete Netzwerk ist durch die letztjährige große Vortragstagung in Sydney mit dem bekannten liberal denkenden amerikanischen Theologen John Shelby Spong zu verstärkter Aktivität angeregt worden.
Was versteht man dort unter »Progressive Christianity«, also »fortschrittlichem Christentum«? Man ver-steht darunter eine nicht-konfessionelle Ausrichtung von Glaube und Spiritualität. Christliche Überzeugungen und Lehren sollen an moderner Bibelforschung und aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen gemessen werden. Fortschrittliches Christentum wendet sich gegen den Buchstabenglauben im Bibelverständnis und gegen jegliche Unfehlbarkeitsansprüche. Es steht für die Freiheit jedes Menschen, eine eigene persönliche Vorstellung von Gott zu haben.
Wer zählt sich zu diesen »progressiven« Christen? Alle diejenigen, deren Gottesverständnis durch Leben und Lehre des Jesus von Nazareth angestoßen wird. Und diejenigen, für die Jesus das menschliche Leben darstellt, wie es im Einklang mit Gott gelebt wird. Das Anliegen von Jesus war es, die Kraft der Liebe deutlich zu machen, der Ungerechtigkeit und Bedrückung in der Welt zu begegnen und das Anbrechen des Gottsreiches zu verkünden.
Unsere Weltsicht hat sich seit der Zeit der frühen Kirche radikal verändert. Deshalb müssen sich traditionelle Lehren und religiöse Praktiken an den inzwischen gewonnenen Erkenntnissen ausrichten. Jesu Tod war eine Folge seines unerschütterlichen Glaubens an Liebe, Gerechtigkeit und Versöhnung und stellt kein Sühnopfer dar, das Gott für die Tilgung menschlicher Schuld verlangt.
So wie der Bund für Freies Christentum bei uns Begegnungen zu Klärung und Aussprache veranstaltet, soll es auch beim Netzwerk in Victoria zukünftig Regionalzusammenkünfte und Seminare geben, in denen über Alternativen zu traditionellen Glaubensformen nachgedacht und gesprochen wird. Im Großraum Melbourne sind in drei Kirchen (zwei United Churches und eine Baptist Church) für Juni solche Zusammenkünfte angesetzt worden. Außerdem gibt es im Juli Vorträge über Auferstehung und über die Frage, warum Juden und Christen dieselbe Bibel lesen und zu so unterschiedlichen Schlussfolgerungen kommen.
Wir freuen uns, dass unsere Templerfreunde durch ihren jetzt vollzogenen Anschluss an das Progressive Netzwerk die Möglichkeit haben, sich auch verstärkt mit Außenstehenden über den templerischen Glauben auszutauschen und seinen Wert und Inhalt damit immer wieder neu zu durchdenken. Mit Interesse erwarten wir weitere Nachrichten darüber.
Peter Lange
BIBELWORTE - KURZ BETRACHTET
Die Frage nach dem wichtigsten Gebot (Mk 12,28-34)
Welches Gebot ist das erste von allen? Jesus antwortete: Das erste ist: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft. Als zweites kommt dazu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden.
Was hier als das wichtigste Gebot bezeichnet wird, sind auf den ersten Blick drei Gebote: Wir sollen Gott lieben, wir sollen uns selbst lieben, und wir sollen unseren Nächsten lieben, so wie wir uns selbst lieben.
Ich meine, dass bei der Betrachtung dieser Gebote die Selbstliebe zu oft vergessen wird. Vielleicht, weil sie uns selbstverständlich erscheint. Aber Selbstliebe ist keineswegs etwas Selbstverständliches. Vielleicht aus dem Blickwinkel einer christlichen Moralvorstellung, wo der Blick immer von sich selbst weggeht hin zum Nächsten, weil der Blick zu einem selbst als unmoralisch, weil egoistisch, gilt? Vielleicht auch, weil viele Menschen es mit sich selbst nicht aushalten, vor sich selbst fliehen oder vor dem, zu dem sie geworden sind. Sie können sich selbst nicht akzeptieren.
Ich denke, dass zuerst einmal richtiggestellt werden muss, dass Sich-selbst-lieben nichts mit Egoismus zu tun hat. Es heißt keineswegs, seinen eigenen Vorteil suchen. Sich selbst zu lieben heißt zunächst mal, sich selbst offen und ehrlich anzuschauen, sich selbst zu erkennen: wo liegen meine Stärken, wo liegen meine Schwächen? Lebe ich denjenigen, der ich in Wahrheit bin? Erst wenn ich mich so erkenne, kann ich mich auch annehmen, kann ich lernen, mich zu achten, mich aus ganzer Seele zu bejahen, zu bejahen was ich tue und was ich bin.
Das sagt sich sehr leicht, aber jeder, der diesen Weg der Selbsterkenntnis geht, weiß, wie schwer und manchmal auch wie schmerzhaft das sein kann. Es ist ein Weg, der sich als Prozess darstellt. Und dabei ist der erste hilfreiche Schritt, das in uns zu lieben, was den Weg als Veränderung möglich macht.
Da ist zuerst einmal die Erkenntnis, dass ich ein Teil der Schöpfung bin, ein Dasein im Umkreis der Schöpfung als Geschenk. Wenn ich diese Erkenntnis für mich ganz annehmen kann, ist mir bewusst, dass ich ein winziges Glied innerhalb der Gesamtschöpfung bin. Mein Blick für die anderen Geschöpfe, für die Nächsten wird offener, wird toleranter.
Dieser Blick führt weg von egoistischer Eigenliebe. Was ich bei mir als Stärke entdecken kann, wird mir bei meinem Nächsten auch bewusst, und ich kann ihn in seiner Stärke lieben lernen ohne Neid und Konkurrenz. In dem Maße, wie ich mich selbst annehmen lerne, gelingt es mir zunehmend, meinen Nächsten anzunehmen. Und das gilt natürlich auch für meine Schwächen. Wenn ich zu meinen Unzulänglichkeiten, zu meinen Ängsten stehen kann, werde ich mit denen meines Nächsten toleranter, weil verständnisvoller, umgehen.
Ich meine, dass eben dazu das dreifache Gebot Jesu aufruft. Nur wenn wir uns selbst liebend angenommen haben, können wir auch unseren Nächsten angemessen lieben. Erst diese Annahme macht gelassene, hingebende, schenkende Liebe möglich, und solche Liebe macht uns zugleich glücklich.
Erst in dieser Liebe verwirklichen wir die Gottesliebe, die klein und verbal bliebe, wenn sie sich nicht in tätiger Mitmenschlichkeit ausdrückte. Wer sich liebend angenommen, sein Dasein als Geschenk akzeptiert hat, vermag auch auf jene eifernde selbstsüchtige Liebe zu verzichten, die sich auf den Wunsch »Geliebt-zu-werden« und »Anerkannt-zu-sein« reduziert. Eine solche um das ewig unbefriedigte Ich kreisende Liebe führt nicht aus der Isolation hinaus.
Die drei unterschiedlichen Gebote fügen sich so gesehen zu einer Einheit: indem wir in richtiger Weise uns selber lieben, lieben wir zugleich den Nächsten, und in dieser Nächstenliebe verwirklichen wir das Gebot der Gottesliebe.
Wolfgang Blaich
Die Urschuld und das Unbehagen
Immer noch Auseinandersetzung um die Sühnopfer-Lehre
Die gute Nachricht: Die evangelische Kirche kann ihren theologischen Rebellen Klaus-Peter Jörns nicht länger totschweigen. Der Autor, emeritierter Religionssoziologe, hat mit seinen Büchern öffentlich zu hohe Wellen geschlagen. Jörns' These, die Kirchen müssten heute »Notwendige Abschiede« - so der Titel seines Buches - von alten, unverständlichen oder lebensfeindlichen Lehren vollziehen, weckt bei nachdenklichen Christen Interesse und Verständnis. Jetzt haben acht Spitzenfunktionäre der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) gewissermaßen zurückgeschlagen. Das sogenannte Leitende Geistliche Amt - drei Frauen und fünf Männer unter Vorsitz von Kirchenpräsident Peter Steinacker - hat in einer siebenseitigen Stellungnahme energisch Position gegen Jörns bezogen. Dieser zerstöre den christlichen Glauben, heißt es indirekt.
Kein Wunder, dass sich die leitende Geistlichkeit empört. Berührt Jörns doch besonders mit seinem jüngsten Buch »Lebensgaben Gottes feiern - Abschied vom Sühnopfermahl« den Lebensnerv einer sich letztlich auch evangelisch als Priesterkaste gebenden Pfarrerschaft. Menschliche Ur-Schuld und priesterliche Versöhnungsarbeit durch Opfergaben an Gott oder die Götter - das gehört seit Jahrtausenden zusammen.
Wer in die Liturgie- und Gesangbücher der christlichen Kirchen schaut, der findet diese Zusammenhänge ebenfalls: Jesus Christus ist »für uns« in den Tod gegangen. Auch das Papier der EKHN betont genau dieses »für uns«, das bibelkritisch längst nicht als zutreffend ausgemacht ist. Dabei komme es, so heißt es, nicht so sehr darauf an, ob Gott den Kreuzestod von Jesus verlangt hat oder ob der Nazarener diesen Tod freiwillig auf sich genommen hat, aus Erbarmen mit uns in Sünde verstrickten Menschen. Die Auferweckung des Gekreuzigten sei jedenfalls Gottes Antwort auf Jesu Opfergang. Im liturgischen Akt des Abendmahls, der Eucharistie, wird dieses Opfer wenn nicht neu vollzogen, so zumindest in seiner Versöhnungswirkung für den Einzelnen erneuert. So unterstreicht es auch das EKHN-Papier. Der Genuss von Fleisch und Blut des geopferten Gottessohnes gehört dann ganz und gar dazu, und sei es in symbolischer Verklärung. Und ohne einen vollziehenden Priester oder Pfarrer geht gar nichts. Bei Luther kann das sogar ein Laie sein. Im Vollzug der Opfer-Liturgie wird er »Priester«, übernimmt er das mögliche Amt »aller Gläubigen«.
In seinen Büchern belegt Klaus-Peter Jörns, wie unglaubwürdig diese Opfer-Liturgie längst geworden ist: von dem durch die Evangelien durchschimmernden geschichtlichen Jesus her; vom Gott der bedingungslosen Liebe her, der bei diesem Jesus im Zentrum stand; und ebenso von den Einsichten der Evolutionsforschung und der Anthropologie (Menschenkunde) her. Dieses Wissen müsse endlich in Liturgie und Lehre der Kirche einziehen. Nur so könne eine neue Glaub-Würdigkeit in der Verkündigung zurückgewonnen werden.
Die Autoren der kirchenamtlichen Stellungnahme aus Darmstadt räumen zu¬nächst ein: »In Jörns' Streitschrift spiegelt sich das verbreitete Unbehagen an der Rede vom Sühnopfer Christi, das auch viele in unserer Kirche erfasst hat.« Die Bibelforschung habe belegt, dass es im Neuen Testament viele Deutungsmöglichkeiten des Kreuzestodes Jesu gibt. Die Opfertod-Theologie sei nur eine davon. Was aber exegetisch nicht entschieden werden könne, müsse sich einer »systematisch-theologischen Argumentation« stellen.
Und dann argumentieren sie, aber wie: Statt sich klar zu ihren Einstellungen zu bekennen, die Opfertod-Lehre sei zentral für den Glauben, verlaufen sich die Autoren in einem Labyrinth ver¬querer Argumentationsstränge. Und wenn gar nichts mehr geht, hängt dann eben wieder mal Gott selbst am Kreuz und Jesus hat sich in dessen dreifaltigem Mantel verkrümelt.
Als Kardinalfehler aller Rechtfertigungsversuche eines Opfertodes Jesu wird auch hier wieder deutlich: Es ist die ungeprüfte Übernahme des zutiefst pessimistischen Menschenbildes, das in allen Priesterschaften und auch in weiten Teilen der Bibel vorherrscht. Wir Menschen, als Gattung wie als Individuen, sind danach selbst schuld an unserem sündhaften und todgeweihten Dasein. Diese Urschuld könne nur Gott selbst aufheben (mithilfe der Priester).
Doch diese Anthropologie der Urschuld ist heute durch die Evolutionsforschung widerlegt. Geschichtlich ist kein Ort und kein Augenblick zu erkennen, an dem der Mensch »die von Gott gegebene Ordnung des Lebens« vorsätzlich, generell und durch ihn selbst nicht mehr gutzumachend, verletzt habe (klassisch-theologisch: Sündenfall). Seit den Anfängen vor drei Millionen Jahren sind wir Menschenwesen in die Kette des Fressens und Gefressenwerdens verstrickt, leben wir wie alle anderen Lebewesen vom fremden Leben. Überlebenskampf, Leid, Elend und Tod gab es schon lange vor uns Menschen. Wieso müssen wir deswegen »mit Gott versöhnt werden«?
Auf diese Erkenntnisse findet die Theologie bis heute keine plausible Antwort innerhalb ihres überkommenen dogmatischen Systems. Deshalb sind gegenwärtig theologische Abschiede und liturgische Umorientierung dringend notwendig, bei Strafe verspielter Glaub-Würdigkeit der Verkündigung.
Peter Rosien in »Publik-Forum« Nr. 9/2008
Durchblick im Schönblick?
Rückblick auf unser Wochenend-Seminar vom 30. Mai bis 1. Juni
Seminare wie das im Folgenden beschriebene haben im Gemeinleben der TGD einen festen Stellenwert. Jedes Jahr findet ein solches in ländlicher Abgeschiedenheit statt. Diesmal schrieb sich neben 20 anderen Interessenten auch ein Seminarmuffel ein: ich.
"Schönblick" klingt ein bisschen nach Arbeiterwohlfahrt oder Jugendherberge und ließ vermuten, dass man zwar eine schöne Aussicht hätte, ansonsten aber mit einer eher spartanischen Ausstattung und Verköstigung vorlieb nehmen müsste. Dieses Erwartungsprofil bestimmte sowohl die Art meines Kofferinhalts wie auch - vor Ort - die Suchstrategie nach dem Veranstaltungsgebäude.
Verhagelte Anreise
In strömendem Regen, dem Hagelbeschuss knapp und unversehrt entkommen, zudem hoffnungslos verspätet, suchten Hanna Thaler und ich verzweifelt nach einem passenden Gebäude in der angegebenen Straße. Weit zurückversetzt lag ein schlossähnlicher Komplex mit Auffahrtsallee und Wendeplatz vor einem Portikus. Man könnte dort mal fragen nach dem "Haus Schönblick": »Ja, hier ist es! Die Templer sind gerade beim Essen, am Ende des Ganges, hinter der Glastür.«
Schnell geparkt, das Nötigste aus dem Kofferraum mitgenommen, gingen wir in der beschriebenen Richtung den Gang entlang, das Murmeln wurde intensiver, die Erwartung gespannter. Schließlich öffneten wir zaghaft die Glastür zu einem eleganten Speisesaal, in dem sich an die hundert Personen angeregt unterhielten, scherzten, sich an einem großzügigen Buffet in der Mitte des Raumes bedienten und natürlich das Ergatterte auch genüsslich verspeisten. Aber hallo!
Das Gebäude stammt aus den 1916er Jahren, hatte somit schon den Jugendstil gesehen und ging unter Auslassung des Art Deco in Richtung Neue Sachlichkeit. Für die Zeit damals vielleicht eher schlicht und bescheiden, erscheint es uns Heutigen als repräsentativ und aufwändig.
Wir befinden uns in dem Haupthaus der Alt-Pietisten. (Deren Terminologie folgend könnten wir Templer uns also durchaus als Neu-Pietisten bezeichnen). Auf jeden Fall sind die Templer dort seit Jahren gern gesehene Gäste, auch wenn für uns Jesus nicht "Architekt der Welt" ist. Auch "normale" Christen und bloße Freizeitsuchende sind dort willkommen.
Von jungen Alt-Pietisten bis alten Jung-Pietisten: alles vertreten!
Jeder bekam im "Schloss-Trakt" nach Bedarf ein Einzel-/Doppelzimmer mit abgeschlossener Nasszelle/Dusche. Die gesamte Inneneinrichtung und deren Details entsprachen voll dem gediegenen Äußeren.
Eine Giebeluhr mit Glockenschlag verrichtete gnädigerweise nachts ihr Voranschreiten lautlos, erinnerte aber tagsüber an die Flüchtigkeit der Viertelstunden. Praktisch, bei dem Pensum, das wir uns vorgenommen hatten!
Der Freitagabend war für das gegenseitige Kennenlernen vorgesehen, das durch ein Sich-Vorstellen eingeleitet wurde und in ein geselliges Zusammensein mündete. So manches Detail der ausgebreiteten Lebensläufe verblüffte selbst alte Templerhasen.
Ab Samstag 9 Uhr ging es zur Sache. Beginnend mit dem Vortrag von Jörg Klingbeil, der das übergreifende Thema des Seminars in eindrucksvoller Weise abhandelte: Naturwissenschaft und Religion. Gebeamte Charts und Listen halfen, die Informationsfülle einigermaßen zu kanalisieren. Der erfasste Zeitraum erstreckte sich schließlich von der Antike mit dem Ptolemäischen Weltbild bis hin zu den Wehen um die Anerkennung der heliozentrischen Erklärung der Himmelsmechanik, über die Relativitätstheorie bis hin zur Unschärferelation Heisenbergs; dann wieder ganz zurück bis zum Urknall und wieder vorwärts zu unseren aktuellen menschlichen Nichtigkeiten. Jahrtausende waren mal eben Sekunden, im Vergleich zu den Äonen, die nötig waren, um den homo sapiens (?) auf die Beine zu stellen.
Die Henne und das Ei -einmal anders gesehen
Auf die Frage nach "wie" und "was" vor dem (derzeit auch nur postulierten) Urknall, also möglichen weiteren, parallelen Universen, konnte Hans Küng in seinem diesbezüglichen Buch »Der Anfang aller Dinge« nur ironisch antworten: genauso könnte man auch annehmen, dass irgendwo im Multiversum ein großes Huhn sitzt und ab und zu ein Ei legt, dessen Inhalt für die Betreffenden dann das Universum darstellt.
Nach diesem "erschöpfenden" Vortrag durften wir 15 Minuten an die frische Luft, bevor der Überra-schungsgast, unser Tempelvorsteher Rolf Beilharz aus Australien, die eigentlich Diskussion mit seinem Vortrag »Dürfen wir, was wir können?« einleitete.
Im Verlauf der Ausführungen zeigte er sich allerdings als Vollblut-Wissenschaftler, der sich lieber über die Modalitäten dessen, was wir können auslässt, als über eventuell einschränkende Postulate. Im Bereich seines Fachgebiets (Tierzüchtung) scheint es sogar eine Art Selbstregulation zu geben, die Abartigkeiten durch Professionalität vermeiden lassen. Der die Züchtungsfaktoren beschreibende Ausdruck AxBxC verdeutlicht am Beispiel 4x4x4=64 vs. 3x4x5 =60 die Überlegenheit einer harmonischen Zusammensetzung im Züchtungsmodus. Mit anderen Worten: Einseitigkeit führt zu schlechten Ergebnissen.
Erfolgsarithmetik
Viele Züchtungen werden wohl viel zu voreilig nach nur einer Generation als erfolgreich ausgegeben, ohne Sekundärfolgen und die Lebensbilanz der Tiere zu beachten. In dieser Hinsicht sind viele exotischen Züchtungen (z.B. zur Steigerung einer "grenzenlosen" Milchleistung) von der Kategorie "3x4x5".
Dieser Vormittag hatte es in sich! Gut, dass unsere nachlassenden mentalen Kräfte durch das vorzügliche Mittagessen um Clock 12 wieder nachhaltig gestärkt werden konnten.
14:30 ging es weiter. Drei Arbeitsgruppen befassten sich mit diesen Themen:
- Stammzellforschung und Anwendung
Hier stößt man sofort auf die Frage: "Wann beginnt das Leben?", da die verwendeten Eizellen, inzwischen Embryonen, durch die Entnahme von Material untergehen. Diese Frage kann derzeit nicht für alle nachvollziehbar beantwortet werden. Damit bleibt diese Forschung in der Schusslinie. Die Erlaubnis freilich, mit ausländischen Zellinien forschen zu dürfen, ist "höchst inkonsequent".
Vielversprechend ist der Ansatz, ausgereifte Zellen des Patienten durch Gentechnik derart zu reprogrammieren, dass sie den pluripotenten Zellen ähneln. Damit gäbe es keine ethische Grauzone mehr. Die ehemals körpereigene Zellen werden optimal angenommen.
- Grüne Gentechnik - Erfolge, Bedenken
"Grün" bedeutet in diesem Zusammenhang nur "pflanzenbezogen". Hervorgehoben wurden die kurzfristigen Vorteile, aber auch die langfristige Abhängigkeit vom Saatgut des Herstellers, bei höheren Erträgen einhergehend mit einem Humusschwund, der nur unzureichend durch umfassenderes Düngen kompensiert werden kann. Gravierender Nachteil ist die ungeklärte Haftungsfrage vor allem auch bei späten Sekundärfolgen und, dass das (Versuchs-)Rad nicht mehr zurückzudrehen ist.
Die inzwischen angereiste 10-köpfige Gruppe der Jung-Templer erhöhte unsere Mannschaftsstärke auf 30. Die Lieben blieben bis Sonntag nach der Andacht. Ihr selbst gewähltes Thema war:
Diese Technik hat vor allem in Deutschland (dicht besiedelt) ihre Grenzen und sollte nicht als Feigenblatt für "weiter so" herhalten.
Erderwärmung hausgemacht?
Am Abend stand der Al-Gore-Film »Eine unbequeme Wahrheit« auf dem Programm. Der Streit um die Frage: Ist die Erderwärmung vermeidbar oder ist sie ein natürlicher Spitzenwert des Erdmetabolismus mit oder ohne CO2-Beteiligung? Der Film stellt die Ursache als menschengemacht dar. Es ist mancherorts bereits Fünf nach Zwölf, ausgerechnet in Landstrichen, die mit der Verursachung nichts zu tun hatten.
Nach dieser zwar schön gestalteten, aber doch schweren Kost zog man sich mehr oder weniger betreten zurück.
Der Sonntag wurde mit einer Andacht begonnen, in der Brigitte Hoffmann den Psalm 104 auslegte. Auf die schönen Bilder der Bibel, die die Schöpfung beschreiben, folgte Haydns Oratorium »Die Schöpfung« und vervollständigte das Tableau akustisch.
Auch heute bildete man zwei Gruppen, die folgende Themen beackerten:
- Kernkraft, Hilfe gegen Treibhauseffekt?
Heutzutage ist es unwahrscheinlich, bei solchen Diskussionen auf KKW-Euphoristen zu stoßen, wie auch kaum auf Warner vor dem Teufelswerk. Es ist wohl jedem klar geworden, dass wir nun abwägen müssen zwischen tatsächlichen und potentiellen Katastrophen. Der Film von Al Gore hatte Ersteres dramatisch illustriert. Der GAU von Tschernobyl führte andererseits vor Augen, wie "nahezu Unmögliches" schon morgen möglich sein kann. Eine Verlängerung der Restlaufzeiten "sicher" erachteter KKWs wäre unter der Auflage denkbar, dass die Betreiber den Gewinn in die Entwicklung CO2-armer oder gar -freier Kraftwerke steckten.
Ohne Verzicht kein Erfolg
Besser isolierte Gebäude, Geräte und Autos mit höherem Wirkungsgrad, intelligente Spitzenlast-Verteilung - alles prima! Nur ohne den unmittelbar und radikal wirkenden Verzicht werden wir nicht durchkommen. Hier ist die meiste Überzeugungs- und Lenkungsarbeit zu leisten.
- Lebensverlängerung - möglich und wünschenswert?
Um den Platz für diesen Bericht nicht zu sprengen, kann ich hier nur aufzählen:
Ja, man ist bereit, irgendwann "abzutreten" aber nicht morgen. Nachdem aber jedes Morgen wieder ein Morgen hat...? Gleichmut und Verdruss über die geistigen und körperlichen Defizite nehmen sicherlich im Alter zu, aber ist irgendwann der Moment der Unerträglichkeit erreicht? Wenn ja, was ist dann? Lebensverlängerung ohne parallele Diskussion der Sterbehilfe wäre inhuman.
Durchblick im Schönblick? Bei der Komplexität und dem schieren Umfang der angeschnittenen Fragen wäre das vermessen zu erwarten, aber immerhin: wir haben uns getraut und uns als lebendige, lebhafte Gruppe wahrgenommen.
Vielen Dank den Organisatoren und Referenten! Das machen wir jetzt öfter!
Wolfgang Struve
20 Jahre Altenfürsorge für die Templer
Rückblick des scheidenden Direktors des Altenpflegeheims Tabulam
Mit der Fertigstellung der jüngsten Pflegeheim-Erweiterung in Bayswater, dem »Warrina-Heim«, tritt Dr. Martin Schreiber nach 20 Jahren leitender Tätigkeit in seinen wohlverdienten Ruhestand und kehrt nach Deutschland zurück. In der Januar-»Warte« hatten wir ihn als neues TGD-Mitglied vorgestellt. Die Schilderung seiner Tätigkeit im Tabulam ist gleichzeitig ein Abriss der Geschichte dieser Altenpflege-Einrichtung, die von TSA und AGWS gemeinsam getragen wird.
Auf einer Vortragsreise durch Australien besuchte ich 1986 auch das Pflegeheim Tabulam (in der australischen Ursprache »mein Heim«) und lernte Otto Löbert kennen. Zwei Jahre später bot er, als Vorsitzender des Tabulam-Vorstandes, mir, dem Kinderpsychologen, mit großem Zutrauen die Stelle des »Direktors unseres Altenpflegeheims« an. Nach zwölf Jahren in Südwestafrika/Namibia kam ich nach Bayswater (die Kinder studierten in Südafrika, meine geschiedene Frau lebte in Deutschland).
Es wurden 20 Jahre daraus. Diese »Berufung« habe ich immer als ein besonderes Glück empfunden. Die Templer waren mir von meiner Korntaler Kindheit her vertraut, Hulda Wagner geb. Wurst war die Lebensfreundin meiner älteren Schwester und Elly Gmelin war meine Patin (ihr Mann, Dr. Gmelin, war als Arzt in Jerusalem jedem Templer bekannt). Auch waren mir Namen und Begriffe wie Hoffmann, Saal, »Paläschtinadeutsche« und Kirschenhardthof vertraute Klänge. Und mein Schwäbisch war auf einmal wieder etwas wert.
Theo Doh holte mich im Januar 1989 bei 40 Grad vom Flugplatz ab. Im Februar 1989 legte ich dem Tabulam-Vorstand meinen ersten »Bericht des Direktors« vor. Tabulam versorgte 30 Bewohner und war gerade acht Jahre jung. Mein Vorgänger Gerd Beilharz war 1988 in den Ruhestand gegangen. Er starb im Jahre 2007 in einem Seniorenhaus im TTHA. Auch der mir immer freundschaftlich verbundene Theo Doh starb 2005 im Heim.
Das Jahr 1990 sah den ersten Computer im Tabulam, heute ist es ein Netzwerk von 18; das Tabulam hatte als erste Altenpflegeeinrichtung Australiens 1991 eine eigene Homepage im kaum bekannten Internet. Das erste Finanzjahr (Juni 1989) zeigte einen Haushalt von AU$ 900.000. Eine »Matron« und 24 Mitarbeiter sowie die fachkundige und treue Trudi Blessing schauten nach dem Rechten und gaben mir den freundlichen Vorschuss an Vertrauen, ohne den nichts geht, und auf dem alles aufgebaut ist, was heute in Bayswater als »Tabulam and Templer Homes for the Aged (TTHA)« steht.
1989 heiratete ich meine Frau Jutta, die ihr Medizinstudium in Hannover nach dem Physikum aufgab, um mir zu folgen. Sie schloss ihre Ausbildung zur Heilpraktikerin in Australien ab (Dr. of Naturopathy, Laws College Wantirna, BSc Health Science - Natural Medicine Victoria University). 1990 wurde unser Sohn Felix geboren, Anne folgte 1994 und Paul 1995.
1996 wurde das Tabulam modernisiert und um neue Tagesräume mit mehr Platz für Aktivitäten erweitert. Mit staatlicher Anerkennung richteten wir 1999 den Tabulam Development Fund ein, der zu einer besonderen Stütze für unsere Ausbaupläne wurde. Bis über AU$ 4.500.000 in »ungesicherten Darlehen« legten Bewohner und Freunde in diesem Fond zu bescheidenen Zinsen an.
Ein immer deutlicher werdender Ärztemangel drohte schon 1999 die zukünftige Versorgung unserer Bewohner zu gefährden. Trotz ministerieller Sondergenehmigung für einen Arzt aus Deutschland gelang es uns erst 2007, Dr. Igor Jakubowicz die neue Praxis mit drei Sprechzimmern im Erdgeschoss des Altenheims zu übergeben. Mit der Eröffnung dieser modernen öffentlichen Praxis ist die ärztliche Betreuung unserer Bewohner langfristig sichergestellt.
Durch höhere Anforderungen, strengere Qualitätskontrollen und das stetige Älterwerden der Bewohner wurde das bisher unabhängige Altenheim der TSA ein Opfer der modernen Zeit. Es wurde daher im Jahre 1999 mit dem Pflegeheim Tabulam vereinigt. Otto Löbert war wegen eines Schlaganfalls in den Ruhestand getreten, und Walter Burkhardt leitete die erste Jahreshauptversammlung als Präsident der TTHA. Der Jahresabschluss des Pflegeheims vor der Vereinigung zeigte einen Haushalt von AU$ 2.300.000, der nach der Zusammenlegung auf AU$ 2.700.000 anstieg, sich aber heute auf rund AU$ 6.000.000 beläuft. Wenn das neue Warrina-Heim (»Ort der Ruhe« in der Ursprache) voll belegt ist, wird der Jahreshaushalt etwa AU$ 8.000.000 betragen.
Schon im Jahre 2000 - mit der Zusammenlegung - wurde beschlossen, die beiden Heime durch einen verbindenden Neubau zu modernisieren, ohne dadurch die Bettenzahl (84) zu erhöhen: Das neue, 34-Betten-umfassende »Otto-Löbert-Heim« ist seit 2004 in Funktion. Die Investitionen dafür betrugen etwa AU$ 6.000.000. Neben unseren eigenen Rücklagen aus Accommodation Bonds (Bewohner-Kapitaleinlagen) waren keine Fremdmittel nötig. Das Seniorendorf wurde um 6 Apartments und 4 weitere Häuser erweitert, 2008 kamen noch drei dazu. Ein benachbartes Anwesen mit Haus wurde gekauft. Mit der Stadtverwaltung Knox wird über ein anschließendes, großes freies Gelände verhandelt, auf dem in absehbarer Zeit weitere 20 Seniorenhäuser und Wohnungen entstehen sollen.
Die Nachfrage von Seiten unserer Mitglieder nach den in Australien notwendigen Pflegeplatz-Genehmigungen wurde in den letzten Jahren erdrückend groß, und wir stellten immer wieder neue Anträge (Erfolgsrate etwa 1:50). Endlich, im Jahre 2006, bekamen wir neue Pflegeplätze genehmigt. Das wurde sofort umgesetzt in den Plan eines weiteren 36-Betten-Gebäudes, dem neuen »Warrina-Heim«. Die Eröffnung dieses Heims feiern wir zusammen mit meinem Abschied und der Einführung meines Nachfolgers im September.
Der Plan dieser großen Erweiterung auf 120 Betten (Baukosten etwa AU$ 6.500.000) erfolgte schon 4 Jahre nach Abschluss des letzten großen Projekts (Otto-Löbert-Heim). Gleichzeitig werden auch drei weitere Wohnungen in der Seniorensiedlung fertig. Wenn wir dennoch »nur« AU$ 1.300.000 Überbrückungskredit und »nur« je AU$ 600.000 von der TSA und der AGWS aufnehmen müssen, zeigt das, dass in Australien die gesetzliche öffentliche Förderung der Altenpflege gut ist und unsere Bewohner willens sind, in ihre Taschen zu greifen.
Ganz wesentlich dabei ist, dass wir, d.h. unser Vorstand und ich als »CEO«, Modelle entwickelt haben, die unseren Bewohnern finanziell und steuerlich, besonders im Hinblick auf die Erhaltung ihrer Altersrente, so gut entgegenkommen, dass sie gerne beitragen. Neben der beispiellosen Mitarbeitertreue (unter 2% Mitarbeiterwechsel bei über 100 ständigen Mitarbeitern) sind sparsame Haushaltsführung und unsere individualisierten Zahlungsmodelle für Neuaufnahmen das Rückgrat unseres wirtschaftlichen Erfolgs. Auch dazu ist Vertrauen, das Miteinander-Sprechen, das Zuhören, der Respekt vor dem Anderen und die Freude am Aufbau und daran, Teil einer Gemeinschaft zu sein, der Schlüssel zum Erfolg. Die Sorge um die ganzheitliche Pflege hat oft ihre menschlichen Grenzen, wird aber durch finanzielle Sicherung erleichtert. Dies kann nicht nur buchhalterisch gelingen, sondern auch auf der Basis guter Pflege und im gegenseitigen Vertrauen, welches mir der Vorstand immer - oder fast immer - entgegengebracht hat. Ganz besonderen Dank schulde ich dafür Otto Löbert, Theo Doh, Walter Burkhardt, Friedrich Sawatzky, Walter Schütz, Hubert Kirchmann, Suse Wood und Hartmut Weller, um nur die Wichtigsten und Langjährigsten zu nennen.
Die deutsche Bundesregierung hat uns als »Projekt der Tempelgesellschaft« (ein deutscher "Träger" ist Bedingung für den »Anderen Dienst im Ausland«) anerkannt, um junge Ersatzdienstleistende einstellen zu dürfen. Dies vertieft unsere guten Beziehungen zur Tempelgesellschaft in Deutschland und bringt uns viele junge Leute ins Heim und sorgt dafür, dass wir nicht zu einer einsamen »Insel der Alten« werden. Auch helfen unsere Stellen deutschen Hochschulstudenten, hier verschiedene Praktika zu absolvieren.
Das Bereitstellen nicht-subventionierter Pflege-Plätze ist in anderen Einrichtungen kaum bekannt und hilft dazu, dass jederzeit auch Mitglieder aufgenommen werden können, die unserer besonderen Verantwortung anvertraut sind, wie Bewohner unseres Seniorendorfes, freiwillige Helfer, Hauspflege-Klienten und Mitglieder der Tagesgruppe. Mit Unterstützung aus Landesmitteln wurde ein Tagesprogramm für ältere Menschen ins Leben gerufen, und zum zweiten Mal beantragten wir 2002 Genehmigungen für dringend gebrauchte Hauspflege - wieder ohne Erfolg.
Walter Burkhardts Tod im Jahre 2003 war ein schwerer Verlust. Als neuer Präsident wurde Friedrich Sawatzky gewählt, der das Amt 2005 an Hartmut Weller übergab, aber weiterhin die Verhandlungen mit der Stadtverwaltung Knox leitet, das benachbarte Gelände für etwa 20 Seniorenhäuser käuflich zu erwerben. Diese Verhandlungen sind erfolgversprechend, aber 2008 noch nicht abgeschlossen.
Die zweite Akkreditierung im Jahre 2003 war ein beispielloser Erfolg. Als einziges Heim in Victoria und Tasmanien - und als nur eines von sieben in ganz Australien - wurden wir ausgezeichnet mit dem »Commendable Award«, der höchsten Auszeichnung für außerordentliche Qualität der Pflege und Verwaltung, was mit einer verlängerten Akkreditierung für 4 Jahre einhergeht.
2006 wurde beschlossen, das Erdgeschoss des geplanten Warrina-Heims nach den Vorschriften für Privat-Hospitäler zu bauen, um für eine Zukunft bereit zu sein, die die Lasten der überfüllten Krankenhäuser auf die Pflegeeinrichtungen abwälzen könnte. Die Mehrkosten erschienen vergleichsweise gering. Die angrenzende Arztpraxis im Erdgeschoss des Altersheims passt gut dazu. Außerdem wurde ein kleiner Mitarbeiterkindergarten zur seit Langem bewährten Freude und Anregung der Bewohner eingeplant.
Ein paar Besonderheiten sind bei uns anders als in den meisten anderen Heimen: Wir akzeptieren Hunde und Katzen, Vögel und Kinder, Schulklassen und unbefristete Besuchszeiten. Wir bieten Übernachtung für Angehörige, wo es der Bewohner braucht (manchmal für Wochen). Wir beschäftigen zweisprachige Beschäftigungs- und Physiotherapeuten und zu einem Drittel zweisprachige Mitarbeiter. Wir setzen die modernsten technischen Hilfsmittel ein, um die Pflege so wirksam wie möglich zu machen (z.B. Wundliegen - Dekubitus - gibt es bei uns nicht, oder auch: um Rückenschäden der Mitarbeiter zu verhindern, ist jedes Heben ohne technische Hilfsmittel untersagt). Wir vergleichen uns regelmäßig und konsequent mit anderen Einrichtungen in qualitativer und quantitativer Hinsicht (Benchmarking). In Verbindung mit der La Trobe University sind wir Ausbildungseinrichtung für Krankenpflege. Außerdem haben wir anerkannte Lehrstellen für Köche, Schwesternhelferinnen, Verwaltung und Elektriker. Wir beschäftigen in langfristiger Vereinbarung mit einem katholischen Orden eine oder zwei deutsche Schwestern, die als tägliche Helfer viele Dienste für unsere Bewohner verrichten, wie Blumenpflege oder einen Spaziergang mit Rollstuhlfahrern, und die gute Zuhörer sind.
Endlich waren - leider nur 10 - unserer Bewerbungen um die Zuteilung von Hauspflegeplätzen 2007 erfolgreich und sofort verteilt. Wir beantragen 2008 gleich wieder neue, nachdem sich bereits ein Warteliste gebildet hatte.
In meinem Privatleben wurde ich 2002 in den Vorstand der deutschen Lutherischen Dreifaltigkeitsgemeinde in Melbourne gewählt und im Jahre 2004 als Vorsitzender des Gründungsausschusses der Deutschen Schule Melbourne - A German International School. Das Bestehen des württembergischen Landexamens unseres Sohnes Felix verschaffte ihm einen Freiplatz in Maulbronn/Blaubeuren, den er antreten wollte. Dies führte letztlich zu dem Entschluss, dass meine Familie im Sommer 2007 nach Deutschland übersiedelte, und ich 2008 nach Belegung des Warrina-Heims in den Ruhestand nach Bad Hersfeld nachziehen werde. Im Jahre 2007 wurde ich auf Antrag als Mitglied in die Tempelgesellschaft Deutschland aufgenommen.
Im Jahre 2007 wurde die Stelle des neuen Verwaltungsdirektors für 2008 ausgeschrieben und erbrachte über 30 geeignet erscheinende Bewerbungen. Ein Ausschuss, einschließlich Vertretern der Trägervereine und drei leitenden Mitarbeitern, zog drei Bewerbungen, zwei aus Deutschland und eine aus Melbourne, in die engere Wahl und lud zur Vorstellung ein. In einem aufwändigen Verfahren nach vielerlei vorher festgelegten Kriterien wurde die Entscheidung gefällt: Johannes Achilles - von 1982 bis 1991 deutscher lutherischer Pfarrer in Melbourne - schien der best-geeignete Bewerber. Er wird am 1. Juli 2008 sein Amt antreten, und ich werde ihm, unseren Mitgliedern und den Heimen für zwei Monate den Übergang erleichtern. Am 5. September 2008 soll mein letzter Arbeitstag sein.
Am Ende des Finanzjahres, im Juni 2008, wird mein 20. Jahresabschluss vorgelegt. Der wirtschaftliche Erfolg dieser Jahre ist sicher beeindruckend, aber er wäre nichts ohne die damit mögliche gute Pflege, die für so viele Menschen ein Segen ist. Der wirtschaftliche Erfolg ist eine Vorbedingung segensreichen Dienstes: Man kann nur so wohltätig sein, wie man wirtschaftlich erfolgreich ist. Der bevorstehende Abschluss bestätigt einen Wertzuwachs von über AU$ 2.000.000 seit der Zusammenlegung (2000). Dass wir in den letzten 8 Jahren etwa AU$ 14.000.000 investiert haben und Darlehen von nur AU$ 2.500.000 aufnehmen mussten, bestätigt den wirtschaftlichen Erfolg und das Vertrauen, das unsere Mitglieder zu unserer Einrichtung haben. Nach der Belegung des Warrina-Heims werden, einschließlich des Seniorendorfs, 170 Mitglieder in unserer Obhut sein. Meist teilzeitbeschäftigte 150 ständige Mitarbeiter entweder voll ausgebildet oder in Ausbildung bei uns - sorgen für diese Mitglieder im Seniorendorf, in den Tagesgruppen, in leichter und schwerer stationärer Pflege, in der Demenz- und palliativen Pflege. Ganzheitlichkeit, sowohl in der Pflege selbst, als auch im Hinblick auf ein umfassendes, vielseitiges Pflegeangebot sind dabei der Kern unseres Selbstverständnisses. Unsere Zielgruppe sind die pflegebedürftigen Alten, die sich der deutschen Sprachgruppe in Melbourne oder der Tempelgesellschaft zugehörig fühlen.
Ein besondere Ehre wurde mir zuteil, als mir Premier Brumby Ende 2007 einen Award for Excellence in Multicultural Affairs verlieh. Mehr als die Auszeichnung selbst wird von mir die Nominierung dazu durch Dr. Rolf Beilharz und die Tempelgesellschaft als große Ehre und Anerkennung empfunden.
Es gehören günstige Umstände zu diesem Erfolg. Sicher bin ich stolz darauf, was unter meiner Leitung in den letzten 20 Jahren erreicht wurde, aber man sollte meine Rolle dabei nicht überschätzen: Vertrauenswürdige, ausgezeichnete Abteilungsleiter und viele treue Mitarbeiter, unterstützende Vorstandsmitglieder, Bewohner, Angehörige und die Mitglieder unserer Trägervereine haben diese erst möglich gemacht nicht zuletzt aber auch meine Frau und meine Kinder. Ich bin dankbar dafür und fühle mich reich belohnt in dem Bewusstsein, dass ich »gesegnet bin und ein Segen für Andere« (1. Mose 12,2) sein konnte und weiterhin noch sein will.
Dr. Martin Schreiber
|
|
Der neue Direktor des Templer-Heims
Zum Nachfolger von Dr. Martin Schreiber wurde vom Verwaltungsrat der TTHA (Tabulam and Templer Homes) in Bayswater Johannes Achilles berufen. Herr Achilles ist ausgebildeter Theologe, war 14 Jahre lang Pfarrer, 9 davon in der Dreifaltigkeitsgemeinde in Melbourne. 1991 übernahm er Verwaltungsaufgaben in der EKD und war verantwortlich für den Bereich Ost- und Südostasien, Pazifik und Australien. Außerdem war er Geschäftsführer des DEI (Deutschen Evangelischen Instituts für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes). 2002 wurde er Vorstandsvorsitzender und Geschäftsführer der Hildesheimer Blindenmission. Johannes Achilles war maßgeblich an der Gründung der evangelischen Martin-Luther-Heime in Boronia beteiligt und diente dieser Senioren-Einrichtung 9 Jahre lang als ihr Vorstandsvorsitzender.
Diese Qualifikationen sind eine günstige Voraussetzung für die anspruchsvolle Arbeit, die jetzt in Bayswater auf ihn wartet. Wir wünschen ihm auch von hier aus einen guten Einstand bei seiner neuen Tätigkeit und hoffen, dass er die erfolgreiche Arbeit von Dr. Schreiber in gleicher Weise fortführen wird.
|
|
|
|
Aus dem Tagebuch des TGD-Archivs
- Die Freiburger Journalistin Petra Kistler (siehe ihren Bericht »Viele Spuren und ein Erbe hinterlassen« in der Juni-Ausgabe der »Warte«) teilt uns mit, dass sie bei einem Gespräch mit Verantwortlichen im Rathaus von Tel-Aviv erfahren habe, dass die Eröffnung der restaurierten Templerhäuser in Sarona als ein offizieller Beitrag in das Festprogramm zum 100-jährigen Bestehen der Stadt aufgenommen werden soll.
- Auf unsere kürzliche Nachricht hin, dass das frühere Hotel Appinger in der Deutschen Kolonie in Haifa wieder als Gästehaus gestaltet werden soll, hat uns die 90-jährige Maria Mehner, eine Nichte der Hotel-Gründerinnen Appinger, mit wertvollen Angaben zur Entstehung und Führung des damaligen Hotels geholfen.
- Rolf Zobel, Lahnstein, hat unserer TGD-Bibliothek dankenswerterweise die neu erschienene Dokumentation »Der Kampf um Palästina 1924-1939« geschenkt. Der Universitätsprofessor, Publizist und Leiter des Innsbrucker Instituts für Zeitgeschichte Dr. Rolf Steininger hat darin die noch auffindbaren Berichte deutscher Generalkonsuln in Jerusalem in der Zeit bis zum Zweiten Weltkrieg wiedergegeben. Diese Dokumentation soll zum besseren Verständnis der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Vorgänge in einer spannungsreichen Zeit in Palästina beitragen. Wer aus templerischer Sicht geschichtliche Ereignisse näher untersuchen möchte, wird hier sicher wertvolle Hinweise erhalten.
- Eine Publizistin aus Waiblingen schreibt für die »Stuttgarter Zeitung« eine Artikelserie über Auswanderer aus Württemberg und möchte dabei auch die Templer darstellen, speziell diejenigen, die aus dem Rems-Murr-Kreis stammen.
- Unsere Freunde in der TSA haben den Bestand an englischsprachiger Tempelliteratur wieder um eine Neuausgabe erweitert: Christian Rohrers Vortragsreihe von 1929/30 »Ist die Bibel die Quelle der Gotteserkenntnis?« ist als Heft jetzt auch in Englisch vorhanden. Ein Exemplar davon hat unser Archiv erhalten.
- Dem TGD-Archiv ist ein weiterer Presse-Bericht über die Restaurierung der historischen Temp-lerhäuser in Sarona zugegangen: Unter der Überschrift »Deutsche Geschichte inmitten von Tel Aviv« wird in der schweizerischen Wochenzeitung »tachles« vom 7. März ausführlich und genau über die Geschichte und Erhaltungswürdigkeit der alten Tempelsiedlung geschrieben. Einige auffällige Passagen daraus: »Die für Tel Aviv typische rechtwinklig ausgerichtete Stadtplanung hat ihren Ursprung in der Templersiedlung, die vom Architekten Theodor Sandel konzipiert worden war. Er plante damals die Siedlung wie ein großes Kreuz, die Hauptstraße war nach dem Theologen Christoph Hoffmann benannt, dem Gründer der Templerbewegung.« »Die Templer waren die Ersten, die im Heiligen Land Eukalyptus-Bäume in großer Anzahl anpflanzten.« »Die Siedler halfen in der Anfangszeit auch den jüdischen Bewohnern der damals neuen Siedlung Rishon-le-Zion, nach Wasser zu suchen.«
- Ein israelischer Fremdenführer, der die Geschichte der Templer in und um Jaffa erforscht und eine Internet-Seite über Sarona vorbereitet, erkundigt sich nach dem Gründungsjahr von Weinkelter und -brennerei von Sarona.
Peter Lange
|