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Die Warte des Tempels

Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 164/6 - Juni 2008


Über das Reich Gottes

Gedanken über das zentrale Thema der Tempelgesellschaft

Die Erkenntnis des »Reiches Gottes« ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg menschlicher Entwicklung.

Für die Tempelgesellschaft sind Jesus und seine Botschaft vom Gottesreich der Kern christlichen Glaubens. In seinem Buch »Occident und Orient« (1875) schrieb Christoph Hoffmann (S. 40):

»Die Erkenntnis Gottes, welche die Bedingung des wahren, inneren und äußeren Gottesdienstes ist, besteht nicht etwa in einem Begreifen dessen, was für den Menschen unbegreiflich ist, nämlich des Wesens der Gottheit und der übersinnlichen Dinge, noch weniger aber in der blindgläubigen Annahme der Dogmen, welche die Theologen älterer und neuerer Zeit über diese Dinge aufgestellt haben. Sie besteht vielmehr einesteils in der allen denkenden Menschen zugänglichen Wahrnehmung der ewigen Kraft und Gottheit, die sich in den Werken Gottes, nämlich in der Schöpfung der Welt, geoffenbart hat, andernteils in dem Verständnis der Wege Gottes, nämlich seines Handelns mit den Menschen. Da nun der Zweck der göttlichen Erziehung des Menschengeschlechts auf die Herstellung desjenigen geistigen Zustandes der Menschen hinausläuft, den die Propheten Israels als das Reich Gottes auf Erden beschreiben und dessen Verwirklichung sich Jesus Christus zur Aufgabe gemacht hat, so besteht die christliche Erkenntnis Gottes wesentlich in dem Verständnis des Reiches Gottes. Diese Einsicht in die Aufgabe und das von Gott gewollte Ziel alles menschlichen Lebens und Strebens in allen Menschen zu pflanzen, die dafür empfänglich sind, das ist das eigentliche Geschäft des Tempels.«

Wenn auch der Begriff des Gottesreiches im Mittelpunkt unseres Tempelglaubens steht, so bedeutet das nicht, dass es uns leicht fällt, ihn mit unserem Verstand zu begreifen. Jesus sprach nur in Gleichnissen darüber, und seine Bilder werden eher intuitiv erfasst. Jesus hat uns keine genaue Beschreibung hinterlassen, deshalb gibt es darüber verschiedene Ansichten, auch unter den Templern. Mancher wird nicht gern darüber reden wollen, weil es eher ein inneres Erahnen ist als etwas sachlich Nachweisbares. Doch es stellt sich uns immer die Frage: Verstehen wir - verstehe ich - dasselbe unter »Reich Gottes« wie Jesus, oder wie Christoph Hoffmann? Und können wir noch daran glauben?

Jesus war ein Mensch seiner Zeit. Sein Denken und sein Tun waren von der damaligen sozialen Umwelt geprägt, von dem, was allgemein geglaubt und angenommen wurde. Die Menschen damals wussten zum Beispiel sehr wenig über das unendliche Weltall. Wenn er einem solchen Lebensumfeld entstammte, wie kann dann sein Leben und seine Lehre für uns im dritten Jahrtausend noch Gültigkeit haben, besonders wenn es um Fragestellungen heutiger Medizin, Technologie und Forschung geht und vor allem um Glaubensfragen?

Es gibt zumindest ein Gebiet, auf dem Jesu Lehre für uns auch heute noch eine Rolle spielt: das ist unser Verhältnis und unsere Haltung gegenüber unseren Mitmenschen und den anderen Lebewesen. Auf diesem Gebiet scheint die Menschheit nur geringe Fortschritte gemacht zu haben: Solche menschlichen Charaktereigenschaften wie Egoismus, Habsucht, Rache, Betrug, Überheblichkeit usw. gibt es auch heute noch überall.

Meiner Ansicht nach ist die Menschheit - trotz des guten Willens und der Anstrengungen Vieler über Jahrhunderte hinweg - dem geistigen und sozialen Zustand eines Gottesreiches im Großen und Ganzen nicht viel näher gekommen, obgleich Jesus erklärte, dies sei die Hauptaufgabe der Menschheit, damit die Menschen ausgeglichener und geistig reifer würden. Geistig reifen können wir meines Erachtens nur dadurch, dass wir an eine höhere Macht glauben und im täglichen Leben Liebe üben für das Göttliche und für unsere Mitmenschen wie auch für uns selbst. Außer dieser einen anspruchsvollen Forderung hinterließ uns Jesus kein Programm und keine formulierte Ethik; er forderte uns jedoch auf, unsere Ichbezogenheit zu zügeln, unsere rechthaberische Denkweise zu mildern und unseren Glauben zu stärken.

Meine persönliche Ansicht ist, dass die Tempelgesellschaft so zeitgemäß ist wie eh und je. Fortschrittlich denkende Gruppen in den Amtskirchen nähern sich heutzutage mehr und mehr den Erkenntnissen unserer Templer-Vorfahren - die vor 150 Jahren noch darum kämpfen mussten - und setzen sich mit der eigenen Tradition auseinander, um den Menschen Jesus von Nazareth wieder in den Mittelpunkt zu rücken. Mit dem, was Jesus lehrte und vorlebte, brachte er den Menschen eine neue und frohe Botschaft, nämlich die Hoffnung auf ein anbrechendes Gottesreich auf Erden. Wichtig ist der Unterschied, den unsere Gründer (und die Bibelforscher schon seit einiger Zeit) machen zwischen dem, was Jesus lehrte, und dem, was später über ihn gelehrt wurde, also dem, was über seine Person mit der Zeit hinzugefügt wurde, damit aufgezeigt werde, dass er der im Alten Testament prophezeite Messias war.

Was sind nun die Kernbotschaften Jesu? Ich weise auf das Templer-Heftchen »Aus religiöser Sicht« hin. Da steht als Erstes unser Leitwort: Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit. Zweitens, das Doppelgebot der Liebe: Liebt Gott mit eurem ganzen Wesen und euren Nächsten wie euch selbst.

Als Richtschnur für ein erfülltes Leben haben diese Leitworte immer noch Gültigkeit. Doch wir lassen allzu oft unsere Selbstsucht, unsere persönlichen Ansichten und Gefühle oder unsere Schwächen (zum Beispiel Angst oder Ärger) unser Verhalten bestimmen. Unbeachtet bleibt dabei Jesu grundlegendes Vertrauen darauf, dass in jedem Menschen die Möglichkeit steckt, höchstes geistiges Niveau zu erreichen. Dass dies möglich ist, hat er persönlich bewiesen.

Das von Jesus angedeutete Gottesreich ist ein geistiges Reich - es ist ein Zustand innerer Erkenntnis, also ein Bewusstseinszustand. Es scheint mir, dass nur das liebevolle und gütige Verhalten im praktischen täglichen Leben der Weg ist, wie wir Menschen dieses Bewusstsein stärken und das Gottesreich verbreiten können; Selbstsucht und Konsumbezogenheit können davon anlenken. Deshalb lese ich in Jesu Botschaft, dass zwar nicht von uns erwartet wird, dass wir das Gottesreich aufrichten, dass wir aber diesen Bewusstseinszustand ständig in uns pflegen und ihn untereinander verbreiten sollen. Dieser Erwartung können wir nachkommen, indem wir ganz bewusst die Entscheidung treffen, uns diese Botschaft anzueignen, die unserem Leben eine neue Richtung gibt - selbst wenn uns dann jeder Tag neu fordern wird.

Wenn Jesus vom Reich Gottes auf Erden sprach, dann meinte er damit ein neues Verhältnis, eine Verbindung zur göttlichen Kraft, die wir Gott nennen, dadurch, dass wir das Zusammenleben mit unseren Mitmenschen verbessern. Wohlgemerkt, wir können frei entscheiden, ob wir diesen Weg gehen wollen - aber was wir tun und wie wir handeln, beeinflusst unsere Umgebung. Wenn wir unser Denken in positiver Weise ändern und damit unsere Umgebung beeinflussen, dann können wir auch unsere Gedanken bewusst auf den »inneren Frieden« ausrichten und auf ein mitfühlendes Verhalten. Obgleich wir uns vielleicht öfters von anderen Menschen - und auch von den Medien - beeinflussen lassen, tragen wir doch allein die Verantwortung für unsere Gedanken und unser Handeln. Das uns gegebene Leben, Lieben, Denken und Sprechen ermöglichen es uns zu erkennen, wie wichtig das von Jesus verkündete Gottesreich für uns ist.

Wir werden wahrscheinlich nie vollkommen sein; aber unser Trachten danach, vollkommener zu werden - so bescheiden es auch sein mag - ist wichtig und wird nicht ohne Wirkung bleiben. Ich glaube, dass dieses Trachten wertvoll ist und eine dauerhafte Wirkung hat, die vielleicht nicht gleich sichtbar wird, aber positive Auswirkungen hinterlässt.

Mit dem Trachten - zuerst - nach dem Reich Gottes meinte Jesus auch ein dauerndes Streben nach mehr Glauben. Nicht nach einem blinden Glauben, der alles Gott überlässt - »Er wird allen Kummer von uns fern halten« -, sondern nach einem Vertrauen, das uns in die Lage versetzt, unsere weltlichen Probleme selbst zu lösen; nach einem Glauben, der uns hilft, geistig zu reifen und diese Reife in unseren Worten und Taten zum Ausdruck zu bringen.

Dieses geistige Reifen, das Jesus verkörperte und das er auch von uns fordert, fällt uns nicht leicht; vielleicht ist es sogar unmöglich, dies bei der weitverbreiteten weltlichen Einstellung der heutigen Zeit zu erreichen. Das bedeutet aber nicht, dass wir den Weg zu höherer Erkenntnis nicht beschreiten können. Unsere Schritte mögen bescheiden ausfallen, und Ablenkungen unserer Lebensweise sowie fehlende Motivation mögen uns davon zurückhalten, aber mit der richtigen Einstellung geht es doch irgendwie vorwärts und wir entwickeln uns geistig weiter.

Durch den Geist Gottes, der in uns wirkt, können wir uns entscheiden, die uns gegebene Kraft für das Gute zu nützen, indem wir in alltäglichen Situationen für die Menschen um uns Mitgefühl und Liebe zeigen. Ich bin der festen Überzeugung, dass dieses Mitgefühl, diese Liebe, wie sie Jesus vorlebte, die Verbindung darstellt zwischen unserer abstrakten Auffassung des Reiches Gottes und unserer praktischen Beteiligung an der Verbreitung dieses Reiches auf Erden.

Hermann R. Uhlherr in einer Gottesdienst-Ansprache am 9. Dezember 2007 in Bayswater; übersetzt von H. R. und H. Uhlherr


Reich Gottes - Mitte christlicher Verkündigung

Was hat Jesus unter dem Reich Gottes verstanden? Diese Frage ist deshalb schwer zu beantworten, weil er nach den uns vorliegenden Urkunden nicht sagte, was er damit meinte. Dennoch ist es möglich, aus seiner Gesamtverkündigung und aus der prophetischen Frömmigkeit, in welcher dieser Begriff entstand, ein Bild dessen zu gewinnen, was Jesus unter dem Reich Gottes verstand.

Aus seinen Gleichnissen und einzelnen Worten ist klar zu ersehen, dass ihm die Gottesherrschaft das Wichtigste und Wertvollste war, wichtiger und wertvoller als alles andere, dessen sekundäre Bedeutung er keineswegs bestritt.

Es ist das Reich, wo Gottes Name geheiligt wird, wo sein Wille auf Erden geschieht, wo alle Schuld vergeben und alles Böse überwunden sein wird, wo die Bedrückung der Geringen aufhört, wo jeder zu seinem Recht kommt und wo Schmerz, Leid und Tod ein Ende haben werden.

Er hat es nur in Bildern beschrieben: der neue Bund, die aufgegangene Saat, die reife Ernte, das große Gastmahl, das königliche Fest - ein Reich der vollen Gerechtigkeit und Mitmenschlichkeit wie in den prophetischen Verkündigungen, ein Reich der Freiheit, der Liebe, der universalen Versöhnung und des ewigen Friedens.

Er sagte nur, dass die Gottesherrschaft hereinbreche: sie sei schon da, wo in Gottes Sinn gelebt werde, und würde mit Gewissheit schon jetzt eintreten. Allerdings müsse der Mensch etwas tun, um an ihr teilnehmen zu können; er müsse sich für Gott entscheiden. Das gelte für jeden und für alle Menschen, Gemeinschaften und Völker. Denn Gott wolle das Heil aller Menschen, aller Gemeinschaften, aller Völker.

Dr. Richard Hoffmann (1908-1993) in »Warte des Tempels« Juli/August 1977 (R. Hoffmann war von 1970-1988 Gesamt-Tempelvorsteher von TSA und TGD)


Viele Spuren und ein Erbe hinterlassen

Reisende berichten vom Siedlungswerk der Templer in Palästina

In der Februar-»Warte« hatten wir bereits über die letztjährige Israel-Rundreise deutscher Journalisten »auf den Spuren der Templer« berichtet, die eine ganze Reihe ausführlicher Presse-Darstellungen der Templergeschichte zur Folge hatte. Eine Teilnehmerin, Petra Kistler, hat nun auch in »Sonntag Aktuell« (vom 27. April) einen Bericht gebracht (unter dem Titel: »Gelobtes Ländle«). Ihre lebendig geschriebenen Eindrücke von den jetzt noch vorhandenen Spuren der Templer und dem Interesse der israelischen Bevölkerung an ihrer Landesgeschichte zeigen uns, wie unser Siedlungswerk in Palästina heute von Außenstehenden betrachtet wird.

»Das ist mein Vater vor seiner Apotheke«, sagt Jonathan Mamlock (78) und zeigt den deutschen Gästen mitten in Tel Aviv ein vergilbtes Bild auf einer selbst gebastelten Schautafel. »Und sehen Sie: die beiden kräftigen Washington-Palmen stehen immer noch. Sie bringen Glück.« Zwei Männer mit auffallend breiten Schultern, Knopf im Ohr und Mikrofon am Revers schauen dem stattlichen, weißhaarigen Mann aufmerksam zu. Sie verstehen kein Wort, aber sie verfolgen jede Bewegung. Jonathan lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, er erzählt von Colawein und Gurkenwasser, die in der Apotheke seines Vaters verkauft wurden, plaudert über den in Sandstein eingegrabenen Weinkeller und die ultramoderne, motorgetriebene Ölpresse, die noch heute läuft. Doch eines stellt Jonathan schon in den ersten Minuten klar: »Ich rede nur von den guten Zeiten!«

Die guten Zeiten, das waren die Jahre vor 1933. Sein Vater Isidor Yitzchak, Apotheker und Homöopath aus Berlin sowie Mitglied der zionistischen Bewegung, kam 1918 nach Palästina. Zuerst arbeitete er im deutschen Krankenhaus von Jaffa, 1924 wurde er von der deutschen Kolonie in Sarona, einem Viertel im heutigen Tel Aviv, engagiert. In der Fremde wollten sie einen Mediziner haben, der ihre Sprache spricht. Und so wurde Isidor Yitzchak Mamlock, der Jude aus Berlin, zum Apotheker der Templer von Sarona.

Die Templer, das waren Pietisten aus Württemberg, denen die protestantische Kirche nicht christlich genug war und die deshalb in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Lebens- und Glaubensgemeinschaft die »treibende Kraft für die Realisierung des Gottesreiches im Diesseits« werden wollte. Und wo war der beste Ort für solch ein Experiment? Natürlich im Heiligen Land. Die Moslems hätten versagt, die Juden seien in alle Welt verstreut, argumentierte Christoph Hoffmann, Theologe und Initiator der Tempelgesellschaft. Deshalb müssten die Christen, »das Volk Gottes«, die Verantwortung für Palästina übernehmen.

Als sich die Frommen nach heftigen Debatten von der evangelischen Landeskirche trennten, gründeten sie (1861)zwischen Backnang und Marbach am Neckar die Mustersiedlung Kirschenhardthof und bereiteten ihre Ausreise in den Nahen Osten vor. Es war ein waghalsiges Unternehmen. Das biblische Land, in dem Milch und Honig fließen, hätten sie nicht gefunden, berichteten 1858 die ersten Pioniere von ihrer Kundschafterreise im Kursaal von Bad Cannstatt: »Viel' Steine gab's und wenig Brot«. Palästina sei kein Land, in dem Europäer auf Dauer leben könnten. Wer auswandere, setze sein Leben aufs Spiel. Christoph Hoffmann bremste. Sein Mitstreiter Georg David Hardegg, ein Kaufmann und 48er-Revolutionär aus Ludwigsburg, war mutiger: »Hand an den Pflug gelegt und nicht zurückgeschaut.«

Zehn Jahre bereiteten die Jerusalemsfreunde ihre Ausreise vor, dann machten sich die Ersten auf den Weg. Nicht jeder durfte sein Hab und Gut verkaufen und auf die weite Reise gehen. Bauhandwerker und Bäcker wurden bevorzugt. Der Lebensunterhalt für die ersten beiden Jahre musste ebenso mitgebracht werden wie Saatgut und Pflug.

In Palästina sorgten die schaffigen Schwaben gleichwohl für einen gewaltigen Modernisierungsschub: sie pflanzten Eukalyptusbäume und legten vor den jüdischen Siedlern die Sümpfe trocken. Sie bekämpften die Malaria, legten die ersten befestigten Straßen an, gründeten Fabriken, Banken, Hotels und waren in der Landwirtschaft erfolgreich. Die weltweit bekannte Jaffa-Orange trat ihren Siegeszug in Europa mit Hilfe der deutschen Geschäftsleute an. Nie lebten mehr als 2200 Templer im ehemaligen Palästina. Ihr Einfluss auf Land und Region war aber weit größer, als diese Zahl vermuten lässt. Ihre Siedlungen dienten den ersten jüdischen Pionieren als Vorbild.

Wer heute durch Israel reist, muss nach Spuren der ersten Siedler suchen. Noch gibt es keine bequem ausgeschilderte Templer-Route. Aber es gibt jede Menge Details aus der deutschen Parallelwelt mitten in Israel, die aufmerksame Besucher entdecken können. »Bis hierher hat der Herr geholfen«, steht in Stein gehauen auf dem Giebel eines prächtigen Templerhauses in Haifa. Eva Manger führt Besucher durch die von den Deutschen errichtete Siedlung in Haifa. In den vergangenen zehn Jahren sei das Interesse der Israelis an den deutschen Templern enorm gewachsen, berichtet die Touristenführerin.

Heute ist Haifa stolz auf die Siedlung der Deutschen: die zweigeschossigen Häuser mit den roten Schrägdächern stehen unter Denkmalschutz. Einige sind zu schicken Restaurants umgebaut worden, die ehemalige Hauptstraße der Templer ist eine der schönsten Straßen in Israel. Die Kolonien der Deutschen gehören heute zu den beliebtesten - und teuersten - Vierteln in Israel. Einige hunderttausend Dollar soll Israels Ministerpräsident Olmert für eines der begehrten Häuser in Jerusalem bezahlt haben. Viel zu wenig, schimpfen seine politischen Gegner.

Die Templer waren keineswegs nur Betschwestern und -brüder. In der deutschen Kolonie gab es einen Biergarten, eine überdachte Kegelbahn, eine Bäckerei und eine Konditorei. Noch heute erzählt Jonathan Mamlock, der letzte Zeitzeuge, von den Festen, bei denen in Tracht getanzt wurde, von den Cremeschnitten und den Kaiserbrötchen im Café Günthner, er schwärmt vom selbst gebrauten Bier, an dem er als Kind nippen durfte: »Ich habe den Geschmack noch auf der Zunge«. Sogar eigene Postkarten gab es: »Gruß aus der deutschen Kolonie Sarona bei Jaffa/Palästina«. Die deutsche Weinbau-Genossenschaft war für ihre Tropfen »Jaffa Gold«, »Sarona rot« und »Perle von Jericho« bekannt. Als Händler und Unternehmer richteten sie sich auch auf jüdische Kundschaft ein: die Metzgerei Grözinger führte Schweinefleisch auf der linken und koscher geschlachtetes Fleisch auf der rechten Seite des Ladens.

Die aufwändige Restaurierung der Templerviertel findet nicht überall Zustimmung. Micha Gross vom Bauhaus Center Tel Aviv erzählt von der Reaktion einer Jüdin, die, als sie auf der Flucht vor den Deutschen in Tel Aviv ankam, mit dem Blick auf die Hakenkreuzfahne entsetzt ausrief: »Und für dies sind wir jetzt hergekommen?« Tatsächlich besaß 1938 jeder dritte Templer das Parteibuch der NSDAP. Aber waren sie, wie einige Historiker behaupten, auch begeisterte Anhänger der Nationalsozialisten? »Die Templer waren deutsch-national eingestellt, aber sie waren keine Nationalsozialisten«, sagt Brigitte Kneher, die Archivleiterin der Tempelgesellschaft in Stuttgart-Degerloch. »Sie waren Verfehlte«, sagt der Zionist Jonathan Mamlock, »aber sie waren keine Antisemiten.«

Ironie der Geschichte: Ausgerechnet in den Gebäuden der Deutschen bereiteten sich die jüdischen Untergrundkämpfer auf den Unabhängigkeitskrieg 1948 vor. Im Weinkeller der deutschen Tempelgesellschaft versteckten sie Flugzeugteile, die sie von den Briten gestohlen hatten. Mit dabei: Jonathan Mamlock.

Nach dem Krieg mussten die Templer das Land verlassen. »Wir wurden vertrieben. Deutschland war das Vaterland, aber Palästina war unsere Heimat«, sagt Peter Lange (76), der in Sarona aufwuchs und viele Jahre Vorsteher der Tempelgesellschaft war. Längst sind die Angehörigen vom Staat Israel entschädigt worden, die alten Friedhöfe in Jerusalem und Haifa dürfen wieder von ihnen gepflegt werden. Und so kommen sie seit einigen Jahren wieder nach Israel und besuchen die Häuser ihrer Eltern und Großeltern. Sie sind willkommen - als Touristen.

Petra Kistler


Aus dem Tagebuch des TGD-Archivs

  • Karin Ruff aus Glen Waverley plant im Sommer einen Besuch im TGD-Archiv. Sie ist schon seit einiger Zeit in die Archiv-Arbeit der TSA einbezogen und möchte sich auf verschiedenen Gebieten noch weiterbilden.
  • »Das Johanniterhospiz in Jerusalem«. Mit diesem Titel hat Dr. Jakob Eisler seine jüngste Geschichtsarbeit zum 150-jährigen Bestehen dieser Pilgerherberge des Johanniter-Ordens in der Altstadt von Jerusalem versehen. Ein Exemplar der Gedenkschrift ist unserem Archiv zugegangen.
  • In »Sonntag Aktuell«, der Stuttgarter Sonntagszeitung, vom 27. April, erscheint ein ganzseitiger Bericht von Petra Kistler über die Siedlungen der württembergischen Templer im Nahen Osten. Titel: »Gelobtes Ländle«. Ihr Bericht ist gut recherchiert und lebendig geschrieben. Wir haben ihn deshalb für die Nicht-Stuttgarter in dieser »Warte«-Ausgabe wiedergegeben.
  • Von Rolf Zobel, dem Schwiegersohn unseres verstorbenen Mitglieds Hildegard Buchhalter, erhalten wir einen Zeitungsausschnitt der Leonberger Kreiszeitung zugesandt, in dem mitgeteilt wird, dass in Renningen bei Leonberg Schritte unternommen werden, um die in der Verwahrung von Pfarrer Franz Pitzal befindlichen mehr als 400 selbstgefertigten Figuren der Hildegard Buchhalter in einem neu geschaffenen Museum unterzubringen und auszustellen.
  • Ein Nachkomme der aus Truchtelfingen (Ortsteil von Albstadt) stammenden Templerfamilie Feurer fragt nach weiteren Informationen zu seinen Vorfahren. Bisher konnten wir diesen Familiennamen nicht auffinden. Die Auswanderer-Herkunft Truchtelfingen war uns bislang noch nicht geläufig.
  • Von Herrn Yavin Katz aus Ramleh erhielten wir einen Bericht über ein ehemals von Templern geführtes Hotel auf dem Weg von Jaffa nach Jerusalem. Treppenabgang zum Weinkeller der Tempelgemeinde SaronaAnstoß zu seinen Nachforschungen gab eine Ansichtskarte des Sammlers und Forschers Yoel Amir, die das Datum 28. Oktober 1898 zeigt und von einem Mitreisenden aus dem Gefolge des Deutschen Kaisers bei dessen Palästina-Besuch stammt. Ein deutsches Gasthaus in Ramleh ist darauf zu sehen. Etwa 1872 eröffnete Fritz Bohnenberger dieses Gasthaus für Reisende. Es wurde später von einem Angehörigen der Jaffaner Gastwirtsfamilie Frank und danach von Paul Reinhardt zu einem Hotel ausgebaut, das gehobenen Ansprüchen genügte und an dem offensichtlich auch der kaiserliche Zug vorbeikam. Nach dem Ersten Weltkrieg beförderte die Eisenbahn die Touristen nach Jerusalem, und die ehemalige »Wegstation« wurde damit überflüssig. Es wurde eine Polizeistation daraus.
  • Der Restaurator Shay Farkash teilt uns aus Israel mit, dass das israelische Amt für Altertümer bei archäologischen Freilegungen im Weinkeller der Tempelgemeinde Sarona zwei große Erdtanks aufgefunden habe, die mit Keramikfliesen ausgekleidet sind. Fotos davon waren beigefügt (hier eines vom Treppenabgang zum unterirdischen Weinkeller-Gewölbe).

Peter Lange

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