Die Warte des Tempels
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Das Gleichnis vom Schatz im Acker (Mt 13,44)
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Die Nachricht von Gerhards unerwartetem Ableben hat uns alle tief getroffen.
Wir hatten zwar von seiner Parkinson-Erkrankung gewusst und ihn auch mit seinen abnehmenden Kräften in der Gemeinde erlebt, doch wir sahen gleichzeitig, dass er noch gut mit uns kommunizieren und seinen vielfältigen Aufgaben offenbar unverändert nachkommen konnte - und auch wollte.
Wie schon so viele Jahre, hat er in seiner gewohnt umsichtigen und fachmännischen Art noch am Tag vor seinem Tod den »Treffpunkt«-Teil der April-»Warte« redaktionell bearbeitet und mir am Abend zur Weitergabe an die Druckerei übermittelt. Nichts deutete darauf hin, dass er so plötzlich nicht mehr unter uns sein würde. Nun haben wir mit ihm einen unserer besten und verlässlichsten Freunde verloren.
Seine unaufdringliche, leise und hilfsbereite Art hat ihn über viele Jahre hinweg bei uns allen zum lieben und geschätzten Mitbruder in der Gemeinde werden lassen. Für mich verkörperte er das Ideal einer Handlungsweise, die nicht viele Worte um eine Sache macht, sondern sie ausführt. Das Gefühl, für einander da zu sein, war tief in ihm eingepflanzt. Ich habe es nie erlebt, dass eine an ihn gerichtete Bitte vergeblich gewesen wäre oder er sie vergessen hätte.
Den tiefen Schmerz des Abschiednehmens haben alle Versammelten empfunden, die an der Trauerfeier und der anschließenden Zusammenkunft im Haus der Templer teilnahmen, in der Gemeinde, der Gerhard sein Leben lang so treu gedient hat. In seiner Einstellung zur Gemeinschaft wird Gerhard Struve uns immer ein Vorbild bleiben. Und wir werden ihm ein dankbares Andenken bewahren.
Peter Lange, Schriftleiter
»Gerhard hatte ein Aneurysma - eine krankhafte Erweiterung der Bauch-Arterie - und der Arzt hatte ihm die Alternative eröffnet: entweder eine riskante Operation oder das Risiko, dass das Aneurysma platzen und den sofortigen Tod verursachen könne. Gerhard entschied sich sofort gegen eine Operation, denn: "Wenn das passiert, ist es ein schöner Tod". Er hatte keine Angst. Er war einverstanden.
Auch wir müssen einverstanden sein. Nicht nur, weil uns nichts anderes übrig bleibt und weil wir wissen, dass wir alle sterben müssen, dass der Tod eine Bedingung des Lebens ist; auch, weil ihm durch diesen Tod ein langsames, quälendes Abnehmen der Kräfte und der Fähigkeiten erspart geblieben ist, das er wohl schwer ertragen hätte.
Wir können ihn nicht mehr sehen, ihm nichts Liebes mehr tun, ihn nicht mehr um Rat und Einverständnis fragen. Wir sind ein Stück ärmer geworden, und deshalb sind wir traurig. Und doch sind die Toten nicht tot. Sie leben, vor Gott, aber auch für uns. Sie leben in unserer Erinnerung; in allem, was wir, bewusst oder unbewusst, von ihnen gelernt haben; im Erinnern an alles Schöne und Schwere, was wir mit ihnen erlebt haben. Und wenn jemand, wie Gerhard, im Lauf seines Lebens vielen Menschen ein Vorbild oder eine Hilfe war, wird er in ihrem Gedächtnis weiterleben. Darum wollen wir uns jetzt noch einmal gemeinsam erinnern:
Gerhard Struve wurde am 17. Dezember 1926 geboren, als jüngstes von 8 Kindern von Johannes Struve, Besitzer der Öl- und Seifenfabrik Struve, und Hulda geb. Hoffmann, in der deutschen Tempelkolonie in Haifa. Dort genoss er eine Kindheit in einer Ungebundenheit, von der fast alle Templer, die sie erlebt haben, bis heute schwärmen. Da alle Templer sich untereinander kannten, war für die Kinder die ganze Kolonie Spielfeld, und da Mutter Hulda viel Güte und Verständnis und außerdem ein ungebrochenes Vertrauen in Gott und die Menschheit besaß, ließ sie ihren Kindern viel Freiheit.
1942 ergab sich die Möglichkeit, durch eine Austauschaktion nach Deutschland zu kommen. Der ältere Bruder Werner, inzwischen im wehrfähigen Alter, durfte nicht mit, die Eltern wollten auch bleiben. Gerhard, fast 16-jährig, entschied sich für Deutschland, teils wohl, um dem Stacheldraht zu entkommen, vor allem aber, um eine Chance für eine Ausbildung zu haben. Er kam nach Stuttgart zu seinem Onkel Jon Hoffmann, wo im gleichen Haushalt auch seine wesentlich ältere Schwester Liselotte, verheiratete Bulach, lebte - sie wurde eine Ersatzmutter für ihn.
Im Juni 1944 wurde Gerhard noch zur Wehrmacht eingezogen, kam im April 1945 in amerikanische Gefangenschaft und wurde im Dezember entlassen. Sofort, im Januar 1946, trat er wieder ins Gymnasium ein, in die 8. (Abschluss-)Klasse, und machte nach praktisch zwei Jahren ohne Unterricht wenige Monate später sein Abitur. Möglich gemacht hat das, außer Begabung und einem phänomenalen Gedächtnis, vor allem eiserne Disziplin. Er selbst sagte dazu (in seinem Lebenslauf fürs Abitur): "Es stand für mich fest, dass ich meine Ausbildung ohne Zeitverlust abschließen müsse, weil ich von meinen Eltern, die noch auf unbestimmte Zeit interniert bleiben, keine Unterstützung erwarten kann."
Inzwischen war Ernst Bulach, der Mann seiner Schwester Liselotte, aus der Gefangenschaft zurückgekehrt und hatte, als gelernter Apotheker, die Chance bekommen, eine halb zerstörte Apotheke im Stuttgarter Westen zu pachten und wieder in Schwung zu bringen. Er bot Gerhard an, die zwei Jahre Praktikum mit Unterricht, die damals der erste Teil eines Pharmaziestudiums waren, bei ihm zu absolvieren - gleichzeitig eine Chance, ein bisschen Geld zu verdienen - und später als Apotheker bei ihm zu arbeiten. Gerhard nahm an.
Gleichzeitig mit ihm machte in der Apotheke Sigrid Gronbach, seine spätere Frau, ihr Praktikum. Sie lernten zusammen, studierten auf langen Spaziergängen die berufsrelevante Botanik am lebenden Objekt, entdeckten ihre gemeinsame Freude am Wandern und an der Natur und lernten, quasi als Nebenprodukt, einander kennen und liebhaben.
Nach der gemeinsamen Vorprüfung konnte Gerhard studieren. Sigrid nicht - die knappen Studienplätze wurden vorrangig an Kriegsheimkehrer vergeben. Er ging nach Tübingen, machte dort nach gut 3 Jahren - auch das scheint mir Rekordzeit zu sein - sein Apothekerexamen, und ein halbes Jahr später heirateten die beiden. Sie gingen zunächst nach Heidelberg, wo Gerhard noch seinen Doktor machte, kamen dann nach Stuttgart zurück, und Gerhard trat seine Stelle als approbierter Apotheker bei seinem Schwager an. Als Ernst Bulach 1964 unerwartet starb, übernahm er die Apotheke.
Er hat später immer wieder einmal gesagt, Apotheker sei nicht sein Traumberuf. Trotzdem hat er ihn nicht nur mit Gewissenhaftigkeit, sondern zum Teil auch mit Freude ausgeübt, vor allem in den ersten 10-15 Jahren, als viele Arzneien noch in der Apotheke selbst und auch nach dem Ermessen des Apothekers hergestellt wurden. Er hatte sich ein beträchtliches medizinisches Wissen angeeignet und war für seine Kunden ein Berater, zu dem sie Vertrauen hatten, manchmal mehr als zum Arzt. Wie wichtig das war, zeigte sich daran, dass, nach der Aufhebung der Zulassungsbeschränkung für Apotheken, die seine sich problemlos gegen die viele neue Konkurrenz behauptete, und später daran, dass mit seinem Ausscheiden der Umsatz zurückging. Denn als mit der Zeit immer mehr Medikamente industriell gefertigt und streng nach ärztlichem Rezept verteilt wurden, stellte er fest, dass ihm das Verkaufen von Schachteln keinen Spaß mache. 1984, mit 58 Jahren, übergab er die Apotheke einem Nachfolger und freute sich darauf, mehr Zeit für seine Familie und für seine vielfältigen Interessen zu haben.
Kaum hatte er die Apotheke aufgegeben, erwuchs Gerhard eine neue Fast-Vollbeschäftigung: die Tempelgesellschaft. Was er für uns geleistet hat, lässt sich hier kaum aufzählen, geschweige denn voll würdigen. Schon seit 1980 war er Mitglied der Gebietsleitung, bis Oktober letzten Jahres. In den Sitzungen redete er wenig, aber wenn er etwas sagte, hatte es Hand und Fuß: er hatte ein klares Urteil, was er für richtig und vernünftig hielt, und das sagte er notfalls auch gegen eine Mehrheitsmeinung. Er organisierte viele der damals monatlichen Wandertage, und er half still und ohne Aufhebens überall, wo Not am Mann war. 1985 sollte er Gemeindeleiter werden - und dieser Vorgang ist typisch für ihn. Er wehrte sich lange, weil er alles öffentliche Auftreten hasste und fand, er eigne sich nicht zum Animateur. Aber als klar war, dass kein anderer willens und in der Lage war, das Amt zu übernehmen, sagte er zu - für 2 Jahre, bis ein anderer zur Verfügung stand. Eine Rede hat er nie gehalten, aber er hat alle Gemeindeveranstaltungen bestens organisiert, und niemand vermisste etwas. Die Gemeinde fühlte sich mindestens so gut betreut wie davor oder danach.
Aber absolut unersetzlich für uns wurde Gerhard, als das Computer-Zeitalter anbrach. 1981 war er einer der Ersten im Land, der einen Computer für seine Apotheke einrichtete. Das nötige Wissen hatte er sich selbst beigebracht. Er war ein begnadeter Tüftler und an der neuen Technik brennend interessiert. Ende der 80er Jahre stellte er uns den ersten Computer ins Büro, kostenlos, aus seinem eigenen Bestand - wie auch später noch oft. Er lernte die Mitarbeiter an und installierte die Programme für Buchhaltung und Datenbanken, und als später ein neuer Computer angeschafft und auf das Windows-System umgestellt wurde, war er es, der die Programme auf das neue System einstellte. Wann immer etwas nicht funktionierte - und in den ersten Jahren war das sehr oft - rief man Gerhard an, und er kam sofort und arbeitete eine Stunde oder 4 Stunden oder zwei Tage, bis alles wieder lief. In einer Zeit, in der es noch kaum professionellen Computer-Service gab, wäre ohne ihn die Verwaltung mehrmals zusammengebrochen - ganz abgesehen davon, dass er uns das alles umsonst machte.
Gleichzeitig verhalf er uns bei unserer Zeitschrift, der "Warte", zu einer rationelleren Satzherstellung und einem kostengünstigeren Druckverfahren und organisierte den Versand, auch mit Hilfe der Dateien, so um, dass er in einem Zehntel der Zeit bewältigt werden konnte. Er brachte die Blätter zum Druck und holte die Hefte von dort zurück, er machte das Layout und, zusammen mit Hans Peter Hoffmann, die Endredaktion des Gemeindeteils.
Er regte schon früh die Einrichtung von Internet-Seiten für die TGD an und betreute und aktualisierte sie jahrelang, bis sein Sohn Jörg das übernahm. Wir verdanken ihm unendlich viel.
Gerhard hat, nach Aussagen seiner Kinder, sich immer wieder einmal als Glückspilz bezeichnet. Das hat mich zunächst verwundert. Er hat viel erreicht, aber das hat er sich alles durch Klugheit, Zielstrebigkeit, Fleiß selbst aufgebaut. Gemeint hat er wohl eine Reihe von glücklichen Zufällen wie den, dass er nach dem schriftlichen Abitur wegen eines Scharlachfalls in der Familie nicht zur Schule gehen konnte und ihm deshalb das Mündliche erlassen wurde. Da hätte er reden müssen, und Reden war etwas von dem ganz Wenigen, wovor er Angst hatte. Wichtig waren solche Zufälle eigentlich nicht, aber dass er sie so wichtig nahm, zeigt etwas Wesentliches über ihn: seine Fähigkeit, in allem das Gute zu sehen, aus allem das Beste zu machen und von allem das Gute zu behalten.
Aber vielleicht meinte er auch etwas Tiefgründigeres: die Tatsache, dass er fast mit allen Menschen gut auskam, mit kaum einem Streit hatte. Aber das war nicht ein Glück, das ihm zufiel, sondern eines, das er sich selber schuf: dadurch, dass er immer sachlich und gelassen blieb, auch in anderen Menschen das Gute sah und sie in ihrer Art gelten ließ.
Über Religion hat er praktisch nie gesprochen. Nicht, weil er nicht religiös war, sondern weil sie ihm selbstverständlich war. Er war überzeugter Templer, aus Tradition, aber vor allem, weil er in der Tempelgesellschaft am ehesten seine Überzeugung verwirklicht fand, dass, in der Religion wie im Leben, jeder Mensch selbst den Weg suchen müsse, den er mit Überzeugung gehen könne. Man brauchte nicht darüber zu reden, es kam darauf an, sie zu leben.
Und das bedeutete für ihn an erster Stelle den Weg der Nächstenliebe; oder, weil er das große und allzu gängige Wort wahrscheinlich abgelehnt hätte: der steten Hilfsbereitschaft. Als ich mit der Familie über sein Leben sprach, kamen wir auf immer neue Beispiele von Menschen, denen er auf die eine oder andere Art geholfen hatte, sie auf viele, die ich nicht kannte, einmal auch auf etwas, was ich wusste und sie nicht. Denn Gerhard sprach nicht darüber. Er fand es selbstverständlich, und es war ihm eher peinlich, wenn man ihn darauf ansprach. Manchen half er finanziell, vielen durch seine rückhaltlose Einsatzbereitschaft. Er hat nicht nur uns Computer eingerichtet und ihre Bedienung beigebracht; er hat für viele Verwandte und Freunde, die das selbst nicht mehr so gut konnten, ihre geschäftlichen Dinge erledigt. Der - von den meisten nicht sehr geschätzten - Putzfrau in der Apotheke hat er ihre sicher nicht reichhaltigen Ersparnisse so gut angelegt, dass sie sich am Ende ein gutes Altersheim leisten konnte. Vielen hat er durch seinen Rat geholfen - sie vertrauten ihm und seinem Urteil. Und schließlich war er auch immer bereit für die kleinen Dienste des Alltags, vom Fahrdienst für Gebrechliche bis zum Geschirrspülen beim Paulus-Tag. Er sah, wo Hilfe gebraucht wurde und sinnvoll war, und wo immer er konnte, gab er sie.
Das war der eine Kern seiner Religiosität. Der andere war das unbedingte Vertrauen in einen Gott, vor dem unser Leben einen Sinn hat und der uns trägt in guten und in bösen Tagen, im Leben und im Tod und über den Tod hinaus. Auch darüber sprach Gerhard nicht. Man konnte es ablesen an seinem Leben. Es machte ihn frei von unnützer Angst, frei auch dazu, anderen Vertrauen entgegenzubringen. Seine Kinder sagten, er habe ihnen das Gefühl einer tiefen Sicherheit und Geborgenheit gegeben und gleichzeitig die Freiheit, ihren eigenen Weg zu suchen, auch wenn es einmal nicht ganz der von ihm gewünschte war, ohne die Angst, dass das das Verhältnis belasten würde. Etwas Schöneres kann man seinen Kindern nicht mitgeben. Er vertraute ihnen, so wie seine Mutter einst ihm vertraut hatte. Und wie sie hat er damit recht behalten.«
Dort wo in Jerusalem die Emek Refaim in spitzem Winkel in die Betlehem Road einmündet, steht auf einer von Kiefern umstandenen Wiese der Saal der einstigen Tempelgemeinde. Er hat alle Zeiten äußerlich unbeschadet überdauert, in jüngster Zeit sogar die drohende Überbauung durch ein riesiges Hotel.
Saal - Schulhaus - Institut, dieses einmalige Ensemble gibt es noch. Es war der Zentralsitz der Tempelgesellschaft. Allerdings bieten die Schule und das Institut zur Zeit einen traurigen Anblick.Sie sollen in einen Hotelkomplex eingegliedert werden. Wir können nur hoffen, dass dies in sensibler Weise geschehen wird.
Ein kleiner geschichtlicher Rückblick sei erlaubt, da nun endlich Gewissheit besteht, wann der Saal in Jerusalem erbaut worden ist. Wieder einmal war Friedrich Lange mit seinem Werk »Geschichte des Tempels« sehr hilfreich. Der Bau der drei Häuser wurde in nur 6 Jahren, zwischen 1877 und 1883 verwirklicht. Die Tempelgesellschaft, durch die schon in ihren Anfängen bestehenden Kolonien finanziell noch sehr belastet, war dabei auf die Spendenfreudigkeit seiner Mitglieder angewiesen, denn das Deutsche Reich unterstützte die Templerschulen erst ab 1879.
Doch der Reihe nach: Christoph Hoffmann, von Beginn der Siedlungstätigkeit an mit der Sehnsucht erfüllt, den »Schritt nach Jerusalem hinauf« zu tun, sah erst im Herbst 1877 die Möglichkeit, diesen Wunsch in die engere Planung zu nehmen. Er erteilte den »Befehl«, ein großes Gebäude zu erstellen, das die Schule, das Tempelstift und die Wohnung des Vorstehers aufnehmen sollte. Die noch kleine Jerusalemer Gemeinde war an einer Schulgründung für ihre Kinder sehr interessiert und stellte ein 2½ Morgen großes Gelände zur Verfügung. In seinem Beitrag »Die deutschen Handwerker von Jerusalem« hat Peter Lange das Werden der Kolonie nachgezeichnet, deren erstes Haus Matthäus Frank 1873 in der Ebene Rephaim gebaut hatte. 1878 lebten dort bereits 24 Familien (154 Seelen, darunter 46 Kinder), teils schon auf der Kolonie, teils noch in der Altstadt.
Der schon oft beschriebene Umzug von Jaffa nach Jerusalem begann am 2. April 1878 und dauerte 14 Tage, bis die ganze Habe der Schule und der Hausrat der Lehrer auf dem als »Steinbruch« beschriebenen Weg befördert worden war. Der neue Bau, infolge der »Handreichung der württembergischen Brüder« fertiggestellt, erwies sich schnell als zu klein, da auch ein großer Saal für Schul- und Gemeindeveranstaltungen fehlte, was am ersten in Jerusalem gefeierten Tempelfest Anfang September 1878 als schmerzlich empfunden wurde. Leider ist nicht aufgeschrieben worden, wer der Baumeister des Instituts gewesen ist, doch ist anzunehmen, dass Theodor Sandel gemeinsam mit den ansässigen Handwerkern der Kolonie Jerusalem dafür die Verantwortung getragen hat.
Unter dem 25. Oktober 1882 berichtet die »Warte« vom Dankfest in Jerusalem, zu dem 200-300 Personen erwartet wurden. Da noch immer ein größerer Saal fehlte, »beschloss man daher das neue Schulgebäude zu benützen, welches zwar noch nicht fertig, aber doch so weit hergestellt war, dass es den Dienst leisten konnte. Der obere Stock hat in der Mitte einen großen, langen Saal, an welchen auf jeder Seite noch zwei Schulräume anstoßen«. In diese fünf Räume wurden Tische, Bänke und Stühle gestellt. Dichtgedrängt verfolgten die Gäste die Darbietungen der Chöre und der Redner. »Mitten in Unruhen und Ängsten gebaut (Krieg zwischen der Türkei und Russland), steht der Bau heute fast vollendet vor unseren Augen und gewährt der Gemeinde Raum für ihre Feier.«
»Der Bau des Tempelgesellschaftshauses schreitet, wenn auch langsam, vorwärts«, berichtet die »Warte« am 6. Dezember 1883. »Um die Bauerlaubnis zu erlangen, hatte man es bei der türkischen Behörde als Musiksaal bezeichnet; um nun auch dieser Bestimmung gerecht zu werden, wurde am Tage nach der Einweihung ein Klavierkonzert (Pianist Christian Rohrer) veranstaltet, zu welchem sich auch der Pascha von Jerusalem und andere Fremde einfanden.« Dass sich die Behörde durch diesen kleinen Dreh täuschen ließ, ist verwunderlich, denn nach außen weist sich der Bau schon durch die Apsis und das Glockentürmchen als sakraler Raum aus.
Anlässlich der nach Jerusalem einberufenen Generalversammlung zur Bildung eines »Vereins für Handel, Gewerbe und Ackerbau«, der allerdings nur ein Jahr tätig war, sollte die Einweihung des »Gesellschaftshauses« stattfinden. Dafür war der dritte Adventssonntag, der 16. Dezember 1883 bestimmt worden. Die Einnahmen durch das Konzert und durch die Lotterie, von den Frauen veranstaltet, erbrachten so viele Francs, dass davon nachträglich Lehnstühle, Beleuchtung und die Orgel, ein Werk der Firma Walker aus Ludwigsburg, angeschafft werden konnten.
»Alle freuten sich, dass es endlich gelungen war, ein entsprechendes Gebäude für die Beratungen über das Tempelwerk durch das einmütige Zusammenwirken der ganzen über drei Weltteile (Europa, Asien, Amerika) verbreiteten Tempelgesellschaft in einer anständigen Ausstattung zu erbauen; und ebenso fühlten sich alle angeregt, Gott für diesen Erfolg und für die glückliche Vollendung des Baus zu danken.«
Quellen:
Friedrich Lange »Geschichte des Tempels« 1899
»Warte des Tempels« 1876-1884
Peter Lange »Die deutschen Handwerker von Jerusalem«, Der besondere Beitrag 14/2008
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»Ich erinnere mich, dass es eigentlich zwei Götter in meiner Kindheit gab: den lieben Gott meiner Mutter und den der Schwester, die im Kindergarten arbeitete und immer darauf hinwies, was der liebe Gott alles sehen würde. Und diese beiden Götter waren ganz unterschiedlich. Der liebe Gott meiner Mutter war der Vater des Schutzengels. Er war ein freundlicher alter Herr, dem die Himmelsschlüssel aus der Hand gefallen waren und jetzt als Schlüsselblumen am Bach wuchsen. Er war im Sommer ein leidenschaftlicher Gärtner, der über Feld und Wiese ging und alles sprießen und gedeihen ließ. Und ab September arbeitete er in der himmlischen Bäckerei, aushilfsweise, zusammen mit vielen kleinen pausbackigen Engeln, deren Schicht mit dem Abendrot begann. Der liebe Gott meiner Mutter wäre niemals auf den Gedanken gekommen, hinter Kindern herzuspionieren, er machte lieber beide Augen zu und schickte seinen Schutzengel an die rechte Seite meines Bettes. aus: »Freies Christentum« 1/2008 |
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