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Die Warte des Tempels
Monatsschrift für offenes Christentum
Ausgabe 164/3 - März 2008
Muss freies Christentum organisiert sein?
In Heft 1/2008 der Zeitschrift »Freies Christentum« macht Schriftleiter Dr. Andreas Rössler auf das 60-jährige Bestehen des Bundes für Freies Christentum in diesem Jahr aufmerksam und stellt die Frage, ob dieses Jubiläum wohl ein Grund zum Feiern sei. Zwar sei freies Christentum und freie Theologie in der evangelischen Kirche vor 60 Jahren sehr umstritten gewesen und habe dem organisierten freien Christentum deshalb eine große Mitgliederzahl eingetragen, doch habe ein offenes, freisinniges und vernunftbetontes Christentum in der Kirche inzwischen ein selbstverständliches Heimatrecht. Evangelische Akademien, evangelische Publizistik, evangelische Erwachsenenbildung, die meisten theologischen Fakultäten an den Universitäten und Hochschulen sowie Vereinigungen und Gesellschaften um das Gedankengut von Albert Schweitzer, Paul Tillich, Ernst Troeltsch, Fritz Buri, Dietrich Bonhoeffer und Martin Buber seien theologisch liberal bestimmt.
»Brauchen wir weiterhin das organisierte freie Christentum in einer Vereinigung wie dem Bund für Freies Christentum?« fragt Andreas Rössler weiter, »Reicht es nicht aus, dass sich die Gedanken eines freisinnigen Christentums in der Kirche etablieren und diese so für Zweifler und Suchende attraktiver machen? Es gibt in den Kirchen sehr viele freisinnig eingestellte Christen, auch unter den aktiven Kirchenmitgliedern, die nie von den kleinen Gruppen eines organisierten freien Christentums gehört haben. Ist das organisierte freie Christentum als solches dann aber nicht überflüssig geworden?«
Eine ähnliche Frage könnten auch wir Templer uns stellen: Da im öffentlichen und religiösen Leben der Menschen hierzulande größere Meinungsfreiheit als je zuvor herrscht, kommt es da noch auf die freiheitlich ausgerichtete Glaubensgemeinschaft der Templer an? Ich bin mir ziemlich sicher, dass eine Umfrage unter Nichtmitglieder-Freunden zum Ergebnis kommen würde, dass die Mehrheit ein freiheitliches Christentum befürworten, eine Organisation dafür aber nicht für erforderlich halten würde.
Wie aber soll freiheitliches Denken und Glauben praktiziert und gepflegt werden können, wenn nicht Institutionen mit ihren Einrichtungen und Tätigkeiten dahinter stehen? Das religiöse Leben ist doch kein »Selbstläufer«. Neue Ideen können sich doch eigentlich nur durch geistige Auseinandersetzung im Rahmen von Gesprächskreisen, Tagungen oder Seminaren entwickeln. Redner und Buchautoren sind für ihre Aussagen auf den Rückhalt eines Amtes oder Auftrags angewiesen. Kindern und Jugendlichen können religiöse Gedanken nur nahe gebracht werden, wenn sich jemand, der auf religiöses Wissen und Erfahrung zurückgreifen kann, mit ihnen beschäftigt - und das wiederum geht in der Regel von einer Gemeinde, also einer Institution, aus.
Templer sein - das gilt es immer wieder, klar und unzweideutig gesagt zu werden - kann man nur, wenn man sich auch einer Organisation, also einer Gemeinde als Mitglied anschließt. Auch in weiterer Entfernung vom Gemeindemittelpunkt kann man noch Mitglied dieser Gemeinde sein (wie wir ab und zu schon mitgeteilt haben, zählen zur TGD auch Mitglieder in Südamerika, Kanada und Russland). Sie alle tragen die Gemeinde, die ihrerseits Amtsträger beruft - um Gottesdienste, Konfirmandenstunden, Seminare zu leiten - um Versammlungsräume anzubieten, die gepflegt und instandgehalten werden müssen - um für Unterkunft älterer Alleinstehender zu sorgen - um Freizeiten und Aktivitäten für Kinder und Jugendliche zu organisieren - um Schriften religiösen Inhalts zu verfassen und herauszugeben. Solches Tun kann nur im Zusammenwirken innerhalb einer Gemeinschaft geschehen.
Der Tempelgründer Christoph Hoffmann hat diese Notwendigkeit einer Gemeinde in seinem »Vierten Sendschreiben über Wesen und Einrichtung der christlichen Gemeinde« wie folgt beschrieben: »Eine höhere Stufe der geistigen Entwicklung ist die, wenn ein Mensch erkennt, dass er nur in der Gemeinde und durch sie geistig gedeihen und am inneren Menschen wachsen kann. Er fühlt dann wohl, dass er sich nicht bloß den Ordnungen der Gemeinde unterwerfen, sondern für dieselbe alle Opfer bringen muss, die zum Bestand der Gemeinde nützlich oder sogar notwendig sind. Er wird durch diese Erkenntnis willig, sich Entbehrungen, Arbeiten, Anstrengungen, selbst Gefahren zu unterziehen. Er sieht, dass er da, wo es das Wohl der Menschen erfordert, keinen eigenen Willen mehr haben, sondern aus allen Kräften für diesen Zweck Jesu Christi einstehen müsse, er erkennt, dass dieser Zweck auch ein Zusammenwirken, folglich eine Organisation, folglich einen teilweisen Verzicht auf die individuelle Freiheit mit sich bringt, und er entschließt sich zu dem allem, weil für ihn sein eigenes geistiges Gedeihen, das Heil seiner Seele, davon abhängt.«
Ich denke, dass damit eine Antwort auf die eingangs gestellte Frage klar ist: So wie auch Pfarrer Dr. Rössler ein organisiertes freies Christentum nicht für überflüssig hält, sehen auch wir den Zusammenschluss von Gleichgesinnten in der Organisationsform einer Gemeinde als eine weiterhin wichtige Aufgabe an. Die Individualisierung, die Vereinzelung der Menschen - ein Merkmal der heutigen Zeit - enthält keine Zukunftsperspektive. Eine Gemeinde ist stärker als die Summe ihrer Mitglieder. Wir können nur darum bitten, dass diese Erkenntnis bei allen, die das lesen, um sich greifen möge.
Peter Lange
Das oben erwähnte 60-jährige Bestehen des Bundes für Freies Christentum wird vom 26. bis 28. September 2008 im Rahmen einer Jahrestagung in der Evang. Akademie Hofgeismar unter dem Titel »Liberales Christentum - Perspektiven für das 21. Jahrhundert« gefeiert. Es sind interessante Vortragsredner vorgesehen. Näheres über Einzelthemen und Teilnahmebedingungen beim TGD-Büro.
Frei in Gott, gebunden an den Nächsten
»Zur Freiheit hat uns Christus befreit!» Dieser Ausruf des Paulus ist zu einer Losung des Christentums geworden. Er hat die Menschen seiner Zeit aufhorchen lassen. Er öffnete ihnen durch seine Christusbotschaft einen Weg zu dem Gott Israels als dem einen Schöpfer der Welt ohne die Enge von Speisevorschriften und Zeremonialbestimmungen. Die nach Gott suchenden Menschen erfuhren: Der christliche Glaube macht frei, er bringt mich in Kontakt mit demjenigen, der mich aus den Zwängen des Lebens befreit. Nicht meine Herkunft ist wichtig, ob ich Jude oder Grieche bin, Sklave oder Freier, Mann oder Frau, sondern wichtig ist allein meine Bestimmung.
Schon zu Luthers Zeiten ist die christliche Freiheit missverstanden worden. Dieses Missverständnis beruht bezeichnenderweise auf einem falschen Enthusiasmus der Freiheit. Nicht zufällig besteht Luthers These daher aus einem Doppelsatz: »Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.«
Ich bin frei in Gott, aber gebunden an meinen Nächsten. Freiheit ist nicht maßlos, nicht lieblos. Im Glauben ist jeder Mensch frei, aber die christliche Freiheit geht eine Bindung ein. Sie findet in der Liebe ihren Halt. Die Freiheit braucht den Halt der Nächstenliebe.
Wir leben heute mehr denn jemals zuvor unter der Signatur der Freiheit. Aber wir wissen, dass die Freiheit eine Gestalt braucht. Wer heute »freigestellt« wird, ist alles andere als frei, droht abzurutschen. Flexible und unsichere Arbeitsverträge machen nicht frei. Gerade jüngere Menschen scheuen vor einer längeren Bindung oft zurück. Aber die Sehnsucht nach verlässlichen Beziehungen wird immer größer. Der Reiz des Neuen erschöpft sich mit der Zeit.
Oder bin ich frei, wenn ich mich stundenlang vor dem Fernsehapparat durch alle Programme zappe? Bin ich frei, wenn ich ohne Rücksicht auf die Nachbarn meine Musik in der Wohnung aufdrehe? Bin ich frei, wenn ich mich nicht entscheiden kann, nicht festlegen kann, sondern mich treiben lasse? Freiheit braucht einen Halt, um nicht abzustürzen, Freiheit wird wirklich in der Bindung, Freiheit ist nicht Enthemmung.
Befreite Freiheit heißt, mich binden zu können, mich einfühlen zu können in die Schmerzen meines Gegners. Mich aus freien Stücken dienstbar zu machen dem Wohl meines Gegenübers. Solange andere durch Armut oder Krankheit, Terror oder Ungerechtigkeit in Unfreiheit gehalten werden, ist auch meine Freiheit noch nicht befreit. Unsere Freiheit braucht Befreiung von Maßlosigkeit, vom Kampf der Selbstbehauptung, Gott befreit unsere Freiheit von ihrer Selbstverstrickung ins Böse, ins Maßlose und Selbstzerstörerische.
Christliche Freiheit ist in Gott gehaltene und in der Liebe zum Nächsten gebundene Freiheit. Das ist es, was Paulus, Luther und auch Dietrich Bonhoeffer in jeweils ihrer Zeit bezeugt haben, die Befreiung der Freiheit zur Selbstbindung an der Liebe. Freiheit findet Halt in der Freiheit Gottes. Es gibt Freiheit nur im Zeichen der Humanität, Humanität nur im Zeichen der Freiheit.
Pastor Dr. Anton Knuth, in »Freies Christentum«, Heft 5/2007 (gekürzt)
BIBELWORTE KURZ BETRACHTET
Abrahams Versuchung (1. Mose 22,1-18)
Das ist die Geschichte, die wir wohl alle kennen, nur unter einem anderen Namen: Isaaks Opferung. So »heißt« sie in den älteren Bibelausgaben - diese Überschriften über Kapitel oder Teile von Kapiteln sind in jedem Fall spätere Orientierungshilfen, sie gehören nicht zu den ursprünglichen Texten. Die heute übliche, »Versuchung Abrahams«, ist korrekter - denn Isaak wird ja nicht geopfert - aber ich denke, sie wurde auch deshalb gewählt, weil »Isaaks Opferung« für unser Empfinden anstößig ist.
Immer wieder wird dieser Text angeführt, wenn demonstriert werden soll, wie »moralisch minderwertig« das Alte Testament und seine Gottesvorstellung seien. Gott verlangt, ohne Begründung, von Abraham, dass er seinen Sohn Isaak, »den du lieb hast«, opfere, den einzigen, spätgeborenen, der keine Brüder haben würde, an dem die Zukunft des Geschlechts hing und damit die Verheißung, die Gott Abraham zuvor gegeben hatte: »Ich will dich zu einem großen Volk machen«. Und der gleiche Abraham, der lange mit Gott gerechtet hatte um die Verschonung von Sodom und Gomorrha, gehorcht ohne ein Widerwort und geht mit Isaak, wie befohlen, »in das Land Morija«, um dort das Opfer zu vollziehen (ein Land Morija ist nicht bekannt, aber der spätere Tempelberg in Jerusalem hieß Moria - er gilt den Muslimen noch heute als der Ort der Opferung Isaaks).
Was ist das für ein Gott, der das fordern kann, was für ein Vater, der so etwas bereit ist zu tun? Was tut diese Geschichte in der Bibel?
Um das zu verstehen, muss man etwas über den Ursprung des Textes sagen. Die sogenannten Erzvätergeschichten (von Abraham, Isaak, Jakob) waren ursprünglich keine zusammenhängende Erzählung, sondern, jede Geschichte für sich, Mythen verschiedener Nomadenstämme, die viel später, etwa im 8. Jahrhundert, zusammengefasst, umgestaltet und aufgeschrieben wurden als eine Ursprungsgeschichte von Volk und Staat Israel. Im Exil oder bald danach, im 6. Jahrhundert v.Chr., wurde diese Geschichte noch einmal umgestaltet, nun aus theologischer Sicht: zum Beginn des Bundes zwischen Gott und Israel, dem Heilsversprechen für die Nachkommen Abrahams, und über sie für »alle Völker«.
Trotz dieser doppelten Umdeutung spiegeln manche der Erzählungen noch Umstände oder Entwicklungen ihrer Entstehungszeit wieder. Im Fall der Isaak-Geschichte: die Erinnerung an die Zeit ritueller Menschenopfer. Es gab sie im Orient häufig, in Karthago noch bis zur römischen Eroberung im 2. Jahrhundert v.Chr. Die israelischen Stämme müssen sie schon viel früher aufgegeben haben, sie taucht im Alten Testament sonst nirgends auf. Und die »Opferung Isaaks« zeigt im Bild genau diesen Übergang: der Gott, der (bisher) das Opfer befohlen hatte, will es (nun) nicht mehr: er verbietet es und stellt den Widder als Ersatz bereit. Aus dem Menschenopfer ist ein Tieropfer geworden. Im griechischen Mythos gibt es eine ganz ähnliche Szene, die (Nicht-)Opferung der Iphigenie, die ursprünglich wohl die gleiche Bedeutung hatte.
Nachdem es viele Jahrhunderte lang keine Menschenopfer mehr gegeben hatte, war diese Bedeutung der Geschichte vergessen, als die letzte und entscheidende Neubearbeitung der alten Erzählungen erfolgte. Geschichten bleiben oft länger im Gedächtnis der Völker als die ihnen zugrundeliegende oder ihnen übergestülpte Ideologie.
Die Isaakgeschichte wurde nun eingebunden in die Bundestheologie. Mit Abraham, als dem Stammvater Israels, war der Bund zuerst geschlossen worden, gleich bei seiner Berufung, dem Aufbruch nach Kanaan. Gott verspricht Schutz und Heil und fordert dafür uneingeschränkten Gehorsam. Beides gilt nicht nur für Abraham selbst, sondern auch für seine Nachkommen, für das Volk Israel. Damit erhält die Opfererzählung eine neue, völlig andere Bedeutung: Gott hatte nie vor, Isaak sterben zu lassen, sondern er wollte den Gehorsam Abrahams prüfen, indem er von ihm das äußerste denkbare Opfer forderte. Das wird am Ende der Erzählung unzweideutig gesagt und verknüpft mit einer Erneuerung der Verheißung: »Weil du solches getan hast und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont« (genau diese Formel wird später von den Christen auf Jesus bezogen), »will ich dein Geschlecht segnen und mehren wie die Sterne am Himmel und wie den Sand am Ufer des Mee¬res, und deine Nachkommen sollen die Tore ihrer Feinde besitzen, und durch dein Geschlecht sollen alle Völker auf Erden gesegnet werden, weil du meiner Stimme gehorcht hast«.
Die Aussage des Textes ist eindeutig: Gott fordert absoluten Gehorsam. Und das bedeutet in dieser Geschichte: Gehorsam selbst im Widerspruch zur Ethik - Menschenopfer galten auch im Juda des 6. Jhdts. als unmenschlich; Gehorsam selbst im Widerspruch zur Vernunft - eine Opferung Isaaks hätte ja das Heilsversprechen zunichte gemacht.
Eine solche Forderung können und dürfen wir nicht akzeptieren. Sie kann nicht göttlichen Ursprungs sein. Göttliche Eingebungen sind eine heikle Sache. Auch wenn der, der sie verkündet, ehrlich glaubt, sie von Gott empfangen zu haben, sind sie gefärbt von der eigenen Meinung und den eigenen Zielen des Verkünders; oder der Verkünder benützt die Autorität Gottes, um seine eigenen Ziele zu propagieren. Genau das demonstriert der Text. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass diejenigen, die im 6. oder 5. Jahrhundert v.Chr. den Text umgeschrieben haben, durch direkte Eingebung hörten, was Gott in grauer Vorzeit zu Abraham gesagt habe. Sie glaubten, dass Gott das Heil vom absoluten Gehorsam abhängig mache, also benützten sie die alte Erzählung, um das zu »beweisen«.
Wir müssen das, was uns als Gottes Wort oder Gottes Wille präsentiert wird, prüfen - auch wenn es in der Bibel steht. Und die Maßstäbe, die wir dafür haben, sind genau diejenigen, die der Text aushebeln will: Menschlichkeit - Jesus sagt: Liebe - und Vernunft.
Brigitte Hoffmann
Das zweite Bethlehem
Archäologische Ausgrabungen unterstützen die These von einer Geburt Jesu in Galiläa
In der Februar-»Warte« hatten wir von der umfangreichen Abhandlung des »Evangelischen Gemeindeblattes für Württemberg« über die Siedlungen der Templer in Palästina berichtet. Die Abhandlung war überschrieben mit dem packenden Titel: »Kommt Jesus aus einem schwäbischen Dorf?« Dahinter verbirgt sich die Frage, weshalb die frühen Templer ihre 1906 entstandene Siedlung im galiläischen Hügelland »Betlehem« nannten. Das »zweite Bethlehem« ist in den letzten Jahren durch archäologische Grabungen ins Licht der Geschichtsforscher getreten, wie der folgende Bericht von Bodo Bost in »Globus« 4/2007 zeigt.
1906/07 gründeten Mitglieder der Tempelgesellschaft aus Württemberg in Galiläa, der damaligen osmanischen Provinz Palästina, ihre zwei letzten landwirtschaftlichen Siedlungen. Die Siedlungen hießen Betlehem und Waldheim (Waldheim wurde gegründet von Templern, die zur evangelischen Kirche zurückgekehrt waren. Anm.d.Red.). Während der Name »Waldheim« gewählt wurde wegen der Eichenwälder, die sich in der Nähe der Siedlung, auf halbem Weg zwischen Haifa und Nazareth gelegen, befanden, hat die Namenswahl »Betlehem« einen biblischen Hintergrund. Dieser Ortsname war bei der Gründung der Siedlung bei den Einheimischen schon bekannt (in der »Warte« vom 4. April 1907 wird der Ankauf eines Landgutes »Bet-Lahem« bei Scheif-Amr durch die Templer mitgeteilt; nach A. Carmel wird deshalb die Schreibweise »Betlehem«, ohne »h«, bevorzugt. Anm.d.Red.). Könnte es also sein, dass Jesus hier, und nicht in Judäa, geboren wurde?
Der erste namhafte Theologe, der die These von der Geburt Jesu in Betlehem/Galiläa vertrat, war der bekannte jüdische Talmud- und Midrasch-Spezialist Joseph Klausner (1874-1958) in seinem Buch »Jesus von Nazareth«. Klausner war auf Betlehem in Galiläa aufmerksam geworden, weil dieser Ort im Talmud und in der jüdischen Midrasch-Literatur vorkommt. Auch im Alten Testament bei Josua 19,15 wird ein »Bethlehem« als eine Stadt im Gebiet des Stammes Sebulon erwähnt, und später wieder in Richter 12,8-10. Dieses Bethlehem in Sebulon wird im Jerusalemer Talmud als »Beth Lehem Zoria« bezeichnet (das Stammesgebiet Sebulon befand sich nördlich der Jesreelebene, also in Galiläa. Anm.d.Red.). Es war eine bedeutende jüdische Siedlung zur Zeit der Zerstörung des zweiten Tempels im Jahre 70. n.Chr. durch die Römer.
Nach christlichem Verständnis ist Jesus in Bethlehem, der Stadt Davids, in Judäa geboren. Allerdings berichten nur das Matthäus- und das Lukas-Evangelium von der Geburt in der Stadt Davids. Das älteste Evangelium, das des Markus, kennt diese Überlieferung nicht und spricht nur von seiner Heimat Nazareth. Wenn man nun die Erzählungen im Matthäus- und Lukas-Evangelium als Glaubensaussagen über die Davidsohnschaft und Messianität Jesu versteht, weil König David in Bethlehem (Judäa) geboren wurde, wie es heute viele moderne Theologen tun, steht auch einem Geburtsort Jesu in Galiläa nicht viel im Wege.
Seit 1992 hat der israelische Archäologe Aviram Oshri Ausgrabungen im galiläischen Betlehem durchgeführt. Er hat weitere Indizien für die mögliche Richtigkeit der These vom anderen Geburtsort Jesu geliefert. Aus diesen Grabungen geht hervor, dass zur Zeit Jesu Betlehem in Galiläa eine bedeutende Stadt war, während es gerade aus dieser Zeit keine archäologischen Befunde gibt, die für Bethlehem in Judäa als Geburtsort Jesu sprechen. Grabungen, die während der britischen Mandatszeit zwischen 1920 und 1948 in der Nähe der Geburtskirche in Bethlehem (Judäa) durchgeführt wurden, haben zwar viele Fundstücke aus der Eisenzeit und aus der byzantinischen Zeit zu Tage gebracht, aber keine Fundstücke aus der herodianischen Zeit, in der Jesus geboren wurde. Die Geburtskirche in Bethlehem wurde ja bereits unter der Herrschaft Kaiser Konstantins im 4. Jahrhundert erbaut und gilt heute als die älteste noch stehende Kirche der Welt.
Das bekannte herodianische Trinkwasser-Aquädukt, das südlich von Bethlehem in den so genannten Salomonischen Teichen bei dem arabischen Ort Arta seinen Anfang nahm, musste quer durch das judäische Bethlehem verlaufen. Gerade dies gilt jedoch eher als Beleg dafür, dass damals keine Siedlung an diesem Ort bestanden hat, denn das Aquädukt war für die alleinige Wasserversorgung der Stadt Jerusalem gebaut worden.
Aviram Oshri hat in Betlehem (Galiläa) während den mehr als zehn Jahren seiner Grabungen neben einer Synagoge auch die Fundamente einer großen byzantinischen Kirche und eines Klosters freigelegt. Deshalb vertritt er wie Joseph Klausner die Theorie, dass im Heiligen Land, zumindest in der vorkonstantinischen Zeit, zwei verschiedene Traditionen von Geburtsorten Jesu nebeneinander existiert haben.
Dies ist umso erstaunlicher, weil Galiläa in dieser Zeit, nach der Zerstörung des Tempels und der Verbannung der Juden aus Jerusalem, das Zentrum der jüdischen Welt im Heiligen Land war mit dem Sitz des Sanhedrin (oberstes jüdisches Gericht) und wichtiger jüdischer Zentren wie Zipori, Tivon, Usha, Beth-Shearim u.a. In dieser Zeit haben in Galiläa, im Gegensatz zu Judäa, kaum Christen gelebt.
Die jetzt ausgegrabene Kirche in Betlehem (Galiläa) war also wahrscheinlich keine Gemeindekirche, sondern eher eine Pilgerkirche. Im Jahre 1997 hat Oshri in Betlehem (Galiläa) auch die Ruinen einer großen Herberge ausgegraben, die als Pilgerherberge in byzantinischer Zeit gedient haben könnte. Die christliche Präsenz in Betlehem (Galiläa) ist mit der Eroberung des Heiligen Landes durch die Perser 614 und 50 Jahre später durch die Araber zu Ende gegangen. Oshri fand jedoch Belege, dass während der Kreuzfahrerzeit von 1099-1187 in Betlehem (Galiläa) wieder eine kleine Gemeinde gelebt hat.
Aviram Oshri gibt neben den archäologischen Argumenten auch medizinische Argumente an, die für eine Geburt Jesu in Galiläa sprechen könnten. Nach medizinischem Wissen hält eine hochschwangere Frau einen Fußmarsch oder einen Ritt auf einem Esel von etwa 150 Kilometer - das ist die Entfernung von Nazareth nach Bethlehem in Judäa - nicht ohne Fehlgeburt aus. Die 10 Kilometer von Nazareth ins galiläische Betlehem hätte die hochschwangere Maria aber noch bewältigen können.
Beyt-Lehem ha-Glilit in Galiläa besitzt heute keine Spuren christlicher Präsenz mehr (nachdem die ehemaligen Templer-Bewohner die Siedlung 1948 verlassen mussten und keine Rückkehrerlaubnis mehr erhielten. Anm.d.Red.). Das galiläische Betlehem wird wohl nie die Stadt gleichen Namens in den palästinensischen Autonomiegebieten im Glauben der Christen verdrängen können, aber die offenbare Diskrepanz des archäologischen Befundes zwischen den beiden Orten mit Namen Bethlehem wird jedoch immer eine Quelle für Spekulationen bezüglich des wirklichen Geburtsortes Jesu sein. Vielleicht bietet Angelus Silesius, der »schlesische Engel« in seinem »Cherubinischen Wandersmann« aus dem Jahre 1674 einen Ausweg aus diesem Dilemma des richtigen Geburtsortes Jesu, als er sagt: »Und wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren, doch nicht in dir, du wärest ewiglich verloren«?
Bodo Bost
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