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Die Warte des Tempels

Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 164/2 - Februar 2008


Unsere Aufgabe mit der Jugend

In der »Warte« kommen diesmal auf mehreren Seiten junge Nachwachsende aus der Tempelgesellschaft zu Wort. Der Schriftleiter wünscht sich, dass sich auch auf dieser Ebene eine Verbindung zwischen Jung und Alt entwickeln möge. Da ist zuerst von zwei Angehörigen der Stuttgarter Gemeinde zu lesen, die sich Gedanken zum »Kritischen Umgang mit den Medien« machen und auf die Wahrheit in der biblischen Überlieferung zu sprechen kommen. Dann geben wir einige Meinungsbeiträge letztjähriger Konfirmanden der TSA wieder, die zum Thema »Vielfalt und Gemeinsamkeit» entstanden sind. Abschließend berichten wir dann noch über die jetzt 25 Jahre bestehende Einrichtung der »Play Group« der Zwei- bis Vierjährigen im Gemeindezentrum in Bayswater.

Jugendbildung und -erziehung ist in der Tempelgeschichte schon immer als eine der dringlichsten Aufgaben der Gemeinschaft angesehen worden. So wurde bei Tempelgründungsfeiern der letzten Jahre hin und wieder auf die intensive Schularbeit der ersten Gemeinde der Templer auf dem Kirschenhardthof hingewiesen. Die Schüler sind damals aus weit entfernten Orten des Landes dort zur Schule gegangen. Ein Bewohner hat später in seinen Erinnerungen geschrieben, dass diese Erziehungsanstalten die »höchsten Werte fürs Leben« vermittelt hätten.

Die sozialen Verhältnisse um die Mitte des 19. Jahrhunderts waren nämlich alles andere als geordnet. Viele Kinder und Jugendliche lebten vernachlässigt und zogen als Banden durch die Straßen. Wenn wir gegenwärtig so entsetzt sind über gewalttätige Jugendliche, die zu Kriminellen werden, sollten wir daran denken, dass es solche Verhältnisse auch schon früher bei uns gegeben hat.

Viele Menschen sind verwundert, dass sich in unserer von steigendem Wohlstand geprägten Gesellschaft mehr und mehr Gewaltbereitschaft bei jungen Menschen zeigt und Straftaten von ihnen begangen werden. Vielleicht müssen wir erkennen lernen, dass Wohlstand allein und Erleichterung des Lebens für Heranwachsende nicht die Erfüllung sind. Die Anziehungskraft von Jugendsekten zeigt, dass Verständnis, menschliche Wärme und Pflege seelischer Harmonie fundamentale Voraussetzungen für ein Gleichgewicht im Leben sind.

Christoph Hoffmann hat in seinem Buch »Occident und Orient« vielerlei Überlegungen angestellt, wie Erzieher und Lehrer helfend und begleitend in die Entwicklung Jugendlicher eingreifen können. Das Elternhaus muss dabei den Anfang machen, doch Schule und Gemeinde sind aufgerufen, diese Bemühungen zu unterstützen. Es ist auch für den Tempel eine bleibende Aufgabe, jungen Menschen Anlaufstelle und Stützpunkt in ihren Fragen und Nöten zu sein.

Peter Lange


BIBELWORTE - KURZ BETRACHTET

Ihr seid das Salz der Erde

»Ihr seid das Salz der Erde. Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen?« (Matth. 5,13)

»Nichts ist nützlicher als Salz und Sonne« (Plinius)

Ihr seid das Salz der Erde, ihr seid das Licht der Welt. Damit erklärte Jesus seine Zuhörer unumwunden für bedeutungsvoll, für nützlich und lebenswichtig. Es ist ein Wort, das den Angesprochenen viel zutraut. Es ist ein Wort der Ermutigung und der Ermächtigung. Ihr seid das Salz der Erde, ihr seid das Licht der Welt. Jesus sagt nicht: Ihr sollt es sein oder: Ihr könntet es sein. Er sagt: Es ist so.

An wen richtet sich Jesus mit diesen Worten? Sind das besondere Menschen, Auserwählte? Bringen sie besondere Voraussetzungen mit, um als das Salz der Erde bezeichnet zu werden?

Seine Worte sind an Menschen in Galiläa gerichtet, Menschen, die einfachen Tätigkeiten nachgehen – Fischer, Handwerker, Bauern. Nicht an die Gelehrten in Jerusalem. Es ist das eine erstaunliche Situation - nicht besondere Voraussetzungen bei den Menschen führen dazu, dass etwas Besonderes entsteht. Das Besondere ist nicht abhängig von den Begabten, den Gelehrten, den Mächtigen. Hinter Jesu Worten steht ermächtigendes Zutrauen für jeden.

Das Wort vom Salz der Erde greift über den historischen Ort und die Zeit hinaus. Mit »Ihr seid ...« sind alle Menschen angesprochen, die sich seinen Worten öffnen. Das Anliegen Jesu wird aus der Situation klar - er bezieht Menschen ein in eine Aufgabe, in ein Beteiligtsein.

Natürlich wird das Wort bisweilen missverstanden, in der Form, dass manche Menschen sich dieses Wort zuschreiben und sich damit über andere stellen wollen, als Auserwählte mit besonderer Aufgabe und somit auch größerer Wichtigkeit. Dabei wird übersehen, dass Salz die Eigenschaft hat, zwar sehr kostbar zu sein (Salzstädte wie Salzburg oder Halle gründeten ihren Reichtum darauf), aber auch sehr alltäglich.

Wir wissen, wie lebensnotwendig Salz ist. Salz bewahrt Speise vor Fäulnis, vor dem Verderb, es gibt den Speisen erst ihre Würze. So ist Salz erhaltend, konservierend. Das Salz der Welt hat diese schützende und bewahrende Funktion. Salz durchdringt und wirkt schon in kleinen Mengen. Mit Salz verbindet sich die Vorstellung lebenserhaltender und bewahrender Kraft. Mit seinem Wort an seine Jünger und Anhänger - und durch das überlieferte Wort indirekt an uns - stellt uns Jesus in die Aufgabe, Salz der Erde zu sein und so durch unser Dasein und Wirken die Erde zu bewahren im Angesicht einer göttlichen Schöpfung.

Salz wirkt schon in kleinen Mengen. Einige Körner genügen, um ihre Umgebung zu verändern. Entscheidend ist in diesem Jesuswort aber das »Ihr«. Nicht ein Einzelner ist hier angesprochen. Die Stärke der Wirkung liegt in der Vielfalt in der Gemeinschaft. Ein Einzelner wäre mit dem Anspruch der zu bewältigenden Aufgabe überfordert. Es müssen viele Salzkörner sein, damit die Wirkung spürbar und sichtbar wird.

Wolfgang Blaich

Ihr seid das Salz der Erde,
vielleicht nur ein Korn,
aber das Korn, man wird es schmecken.
Ihr seid das Licht der Welt,
vielleicht nur ein Funke,
aber der Funke fällt hell auf den Weg.

(Verfasser unbekannt)


Ist Jahwe, Allah und Gottvater derselbe?

Weiß das Christentum mehr über ihn?

Keine Religion, mit der wir es heute zu tun haben, ist an einem geschichtlichen Punkt »Null« entstanden, auch wenn die Zeitrechnungen der Religionen einen solchen Gedanken nahelegen könnten. Neue Religionen entstehen vielmehr aus großen kulturellen Umbrüchen, in denen sich ein verändertes Gottes-, Welt- und Selbstverständnis ausdrückt, das die Religionsgründer und ihre Protagonisten repräsentieren. Das Neue aber macht das, was davor war, zum Alten. Es knüpft an das Vorhergegangene an, glaubt es aber in ganz bestimmter Weise weiterzuführen oder gar zu überbieten. Ohne das geläufige »Alte« wäre das »Neue« weder zu vermitteln noch zu verstehen.

Bestes Beispiel dafür ist die Bibel. Denn in ihr verbinden sich - jedenfalls aus christlicher Perspektive - Schriften aus dem Bund Gottes mit den Juden (»Altes Testament«) und Schriften, die von einem »neuen Bund« Gottes mit allen Menschen durch Jesus Christus (»Neues Testament«) sprechen.

Die Juden erkennen diese Zuordnung freilich nicht an, weil sie in ihrer Bibel, dem Tenach, keinen veralteten, sondern den weiter gültigen einzigen Bund Gottes sehen. Neues wird von ihnen erst mit dem Kommen des Messias erwartet - einem Ereignis, das sie im Unterschied zu den Christen im Leben Jesu nicht sehen. Sofern die Christen aber das Neue Testament als Fortführung und Transformation des jüdischen (nun »alt« genannten) Bundes verstehen, interpretieren sie die jüdischen Schriften von dem zentralen christlichen Ereignis des Lebens, Sterbens und Auferstehens Jesu Christi her - und um. Das Ergebnis ist, dass vieles, was Christen als Offenbarung verstehen, von den Juden nicht anerkannt wird. Sie sehen die Aneignung der jüdischen Verheißungen – vor allem derjenigen, von Gott exklusiv erwählt zu sein - durch die Christen als Enteignung von etwas an, was nur zu ihnen gehört. Später haben Mohammed und seine Theologen dann zentrale biblische Überlieferungen aus ihrer arabischen Perspektive heraus noch einmal neu interpretiert und in den Mittelpunkt einer wiederum neuen Offenbarungsreligion gestellt.

Von außen gesehen grenzen sich die drei Religionen derartig gegeneinander ab, dass der Eindruck entstand, Jahwe, Allah und der Gott, den Jesus bezeugt, seien unterschiedliche Götter. Doch längst hat die Erforschung der biblischen Schriften ergeben, dass sowohl die jüdischen als auch die christlichen Schriften in wichtigen Erzählstoffen und Glaubensvorstellungen auf ältere Überlieferungen zurückgehen, die aus Mesopotamien und vor allem dem Alten Ägypten, aber auch aus der griechisch-hellenistischen Welt stammen. Zu nennen sind im Blick auf Ägypten der Monotheismus, der Glaube, von Gott erwählt und mit ihm in einem Bund zu sein, das trinitarische Ensemble von Götterpersonen mit einem göttlichen Kind, die Rolle eines menschlichen Gottessohnes als Mittler zwischen Gott (bzw. Göttern) und Menschen und der Glaube an die Auferstehung der Toten.

Auf mesopotamische Quellen gehen viele der biblischen Großerzählungen von Schöpfung, Turmbau und Sintflut und von der Suche nach ewigem Leben zurück, in die das Wissen um die Sterblichkeit uns Menschen führt. Hinzu kommt die Vorstellung, die das Christentum vom griechisch-hellenistischen Asklepioskult übernommen und die uns den Soter, das Urbild des Heilandes, beschert hat. In ihm sind Heilslehre, Heil und Heilung miteinander verbunden.

Schließlich haben die frühchristlichen Theologen bei unterschiedlichen kultischen und nichtkultischen Praxen der hellenistischen Zeit Anleihen gemacht, um die furchtbare Hinrichtung Jesu am Kreuz positiv - also als ein Heilsgeschehen - deuten und jedermann verständlich machen zu können. Es war Theologenarbeit, die uns das Dogma beschert hat, sein Tod sei nicht nur die Konsequenz seiner neuen Gottesverkündigung gewesen, sondern ein Sühnetod- oder Loskaufgeschehen, das Vergebung der Sünden bewirke und Zugang zum ewigen Leben eröffne. Ebenso führten theologische Einsichten und Streit später dazu, dass sich katholische, orthodoxe und dann auch protestantische Kirchen verselbständigten und eigene Lehren entwickelten.

Will man in diesen Zusammenhängen von Offenbarung reden, so muss man von einer stufenweise sich vollziehenden Offenbarung reden. Solche stufenweise sich vollziehende »Offenbarung« ereignet sich - und das ist entscheidend - quer durch die verschiedenen Religionen hindurch. Es hat keinen Sinn mehr, Offenbarung nur im Blick auf bestimmte Modifikationsstufen des (Gottes-)Glaubens zu verwenden. Denn wenn wir glauben, dass Gott Einer/Eine ist, müssen wir auch davon ausgehen, dass Gott mit den anderen Religionen vor, neben und nach Judentum und Christentum zu tun hat, und zwar in einem positiven Sinn. Positiv heißt: dass Gott die Religionen gewollt und sich von ihnen und in ihnen hat wahrnehmen lassen.

Damit solcher Glaube zu einem Dogma werden kann, bedarf es allerdings noch vieler Jahrzehnte theologischer Arbeit - und dabei vieler Sprünge über lange Schatten. Bisher darf man bei uns davon offiziell noch gar nicht reden. Sieht man sich die christliche Dogmatik (und auch das Jesus-Buch des Papstes) an, gewinnt man den fatalen Eindruck: Gott, wie wir ihn glauben, hat es mit Juden und natürlich Christen ernst gemeint, aber nicht mit den Gläubigen anderer Religionen; diese hat er eher beiläufig behandelt, ja, oft genug als lästig und als seinen Vorlieben offenbar im Wege stehend empfunden. Geliebt hat er sie nicht. Segen und Heil erhalten sie jedenfalls nicht unmittelbar von Gott, sondern nur mittelbar, nämlich gebunden an das segensreiche Handeln von Juden und Christen.

Obwohl die religionspsychologische Forschung vieles dazu sagen kann, wo und zu welchem Zweck Ausschließlichkeitsaussagen in den Religionen entstanden sind, hat sich die christliche Dogmatik oft genug an diese Aussagen gebunden, weil sie in der Bibel benutzt worden sind und der eigenen Religion einen Sonderstatus zu verleihen schienen. Das ist die schwierige Erbschaft aller Schriftreligionen. Denn das heißt für uns: Die kirchliche Lehre schaltet das religionsgeschichtliche Bewusstsein aus und vergrößert die in biblischen Überlieferungen geäußerten Gottes-, Menschheits- und Weltvorstellungen in die theologische Totale. Und da warten in der Regel - wie die Geschichte zeigt - schon die unseligen Kinder der Totalitätsvorstellungen: der Ethnozentrismus (»Wir sind erwählt, sind die wahre Religion, haben den wahren Glauben«) und der Anthropozentrismus (»Der Mensch ist die Krone der Schöpfung«). Noch gefährlicher sind die anderen Ableger der Absolutheitsansprüche: der Rassismus und die Bereitschaft zur Gewaltanwendung beim Durchsetzen der eigenen Vorstellungen.

Aus dieser Sackgasse herausführen kann nur die Einsicht, dass alle Religionen ihre Vorläuferinnen in Wichtigem beerbt und aufgrund von neuer Glaubenserfahrung und Gotteserkenntnis modifiziert haben. Denn Gotteserfahrung und -erkenntnis verlaufen prozesshaft innerhalb der Kulturgeschichte und enden niemals. Was dogmatisiert »Offenbarung« genannt worden ist, meint den von Religionsgemeinschaften oder Konfessionen geglaubten Kern von Glaubensvorstellungen und ihren theologischen Zusammenhang - ist also das Produkt theologischer Arbeit. Ihr voraus gehen immer die aus der Begegnung mit Gott entstehende Erfahrung und ihre interpretierende Einordnung in überlieferte Glaubensvorstellungen. Auch sie werden nie enden, solange Gott und Menschen miteinander zu tun haben.

Klaus-Peter Jörns (aus »Publik-Forum«)


Kritischer Umgang auch mit der Bibel?

Junge Templer beschäftigen sich mit der Frage nach Wahrheit

Im Folgenden geben wir zwei Stellungnahmen wieder, die bei einem »Jugendsaal« am 4. November in der Stuttgarter Tempelgemeinde von jungen Templern zum Thema »Kritischer Umgang mit den Medien« speziell im Hinblick auf die Bibel geäußert wurden. Über die Veranstaltung berichteten wir in der Dezember-»Warte«.

»Glaubt nicht alles, was in der Zeitung steht!« Als ich diesen Satz das letzte Mal hörte, machte ich gerade ein Schulpraktikum. Der Lehrer der Klasse gab ein Beispiel: Als die Schule einen neuen größeren Ofen für ihre Schulküche bekam und deswegen ein kleines Fest gefeiert wurde, sollte auch in der Zeitung darüber berichtet werden. Der Bericht erschien auch. Aber es gab ein Problem mit diesem Artikel: viele Einzelheiten stimmten nicht, sie waren hinzugedichtet worden. Warum? Der Reporter war gar nicht selbst bei der Feierlichkeit dabei gewesen. Er hatte von etwas berichtet, das er nicht selbst erlebt hatte.

Was macht man eigentlich mit Texten, von denen man weiß, dass der Verfasser das Beschriebene nicht selbst erlebt hat? Wo es keine Zeitzeugen des Geschehens mehr gibt, die man fragen könnte? Zum Beispiel zu den Berichten der Bibel?

Die Bibel ist im Verlauf von etwa 1200 Jahren entstanden. Verschiedene Texte in ihr wurden lange Zeit nach dem berichteten Geschehen aufgeschrieben. Unser Religionslehrer hat uns klar zu machen versucht, dass die Geschichten so aufgeschrieben worden sind, wie sie bis dahin mündlich überliefert worden waren. Die Menschen damals hätten Geschichten viel besser in Erinnerung behalten können als wir heute.

Aber kann man diese Geschichten deshalb wirklich glauben? Mir persönlich fällt es sehr schwer zu glauben, dass alles tatsächlich so stattgefunden hat, wie es in der Bibel zu lesen ist. Aber: ist es nötig, dass man alles wortwörtlich glaubt? Kann man einen Text eindeutig zu einem wahren oder einem falschen erklären? Muss man nicht in jedem Text erst nach der Wahrheit suchen?

Um die Wahrheit zu erkennen, ist ein kritischer Umgang mit der Bibel unumgänglich. Wenn in der heutigen Zeit gepredigt wird, man solle doch mit den Medien kritisch umgehen – sollte man dann nicht auch kritisch mit den Medien von früher umgehen, zum Beispiel mit der Bibel? Kritisch heißt, etwas von verschiedenen Seiten aus zu betrachten, gegebenenfalls verschiedene Meinungen dazu einzuholen.

Der kritische Umgang mit einer Sache ist etwas sehr Persönliches. Jeder besitzt nämlich selbst die Freiheit, Informationen, die er erhält, gegeneinander abzuwägen und daraus Schlüsse zu ziehen. Die Wahrheit, die man dann selbst zu erkennen meint, ist dann die ganz persönlich verantwortete Wahrheit.

Nehmen wir als Beispiel die Bergpredigt. Die Bibelforscher neigen zu der Ansicht, dass der Verfasser des Evangeliums das eine oder andere zu den überlieferten Berichten hinzugefügt hat, um alle Informationen über die Reden Jesu in eine zusammenhängende Geschichte zu kleiden. Wäre es ein Unglück, wenn die Einzelheiten nicht so stattgefunden hätten, wie sie dann aufgeschrieben worden sind? Es war doch eine ganz gute Idee, dass der Evangelienverfasser aus den einzelnen Aussprüchen eine zusammenhängende Geschichte gemacht hat, denn dann konnten sich die Leser vielleicht alles besser einprägen.

Wenn ein Text gut geschrieben ist, man sich damit auseinandergesetzt hat und zum Schluss kommt, dass dessen Inhalt einen selber weiterbringt, ist es dann noch wichtig, ob eine Geschichte genau so stattgefunden hat oder nicht? Wenn die Geschichte einem selbst Trost spendet und einem weiterhilft im Leben, ist es nicht das, was dann zählt?

Nochmals zurück zur These, dass ein kritischer Umgang mit Medien unumgänglich ist, um die Wahrheit zu erkennen. Ich finde es wichtig, kritisch mit Medien umzugehen, und damit auch mit der Bibel. Ich glaube nicht wortwörtlich an die Bibel. Bei den Medien der Gegenwart ist es noch verhältnismäßig einfach, verschiedene Quellen miteinander zu vergleichen, um herauszufinden, ob etwas wahr oder falsch ist. Bei der Bibel sieht das schon etwas anders aus, und deshalb wird es mit der Wahrheitsfindung schon etwas schwieriger.

Aber ich denke, dass jeder auch die Möglichkeit hat, selbst eine Wahrheit zu entdecken, die ihm weiterhilft, das für ihn Richtige und Wichtige zu tun. Das bedeutet allerdings, dass diese Wahrheit eine ganz persönliche Wahrheit ist, die sich nicht unbedingt mit der Wahrheit decken muss, die andere für sich erkannt haben.

Inga Reck


Inga hat ausgeführt, dass es ihr auf eine kritische Betrachtung ankomme, die zu einer persönlichen Wahrheit führt. Aber ist es nicht so, dass Wahrheit genau das beschreibt, was unabhängig vom Subjektiven ist und dadurch objektiv nachprüfbar wird? Also, dass Wahrheit unabhängig von Gefühl, Wahrnehmung, Wünschen und Träumen existiert? Wie kann eine solche Wahrheit dann persönlich sein und von Mensch zu Mensch unterschiedlich?

In den Naturwissenschaften mag es so sein, dass Ergebnisse anhand von (unumstößlichen) Naturgesetzen objektiv nachprüfbar sind. Wie aber verhält sich das bei der Bibel? Geht es hier nur um wissenschaftlich belegbare Ereignisse? Ist es nicht vielmehr so, dass wir es im Glauben mit einer ganz anderen Wirklichkeit zu tun haben, die nur persönlich erfahrbar ist?

Um biblische Texte zu analysieren, gibt es mehrere Methoden. Eine weithin anerkannte ist die historisch-kritische Methode. Diese wird von Wissenschaftlern dazu verwendet, historische Texte - und zwar nicht nur biblische - anhand von objektiv nachprüfbaren Regeln zu hinterfragen. Hierbei wird davon ausgegangen, dass der Text, so wie er uns heute vorliegt, nicht ursprünglich ist, also selber eine Geschichte durchlebt hat. So mag eine Begebenheit ursprünglich viele Male erst mündlich überliefert worden sein, bis sie das erste Mal aufgeschrieben worden ist. Dann wurde der Text mehrmals abgeschrieben und des Öfteren übersetzt. Selbst heutzutage werden in manchen Auflagen noch Kleinigkeiten verändert, zum Beispiel, um Texte dem heutigen Sprachgebrauch anzupassen. Der Text selbst hat also eine Historie.

Historisch-kritisch bedeutet hier nicht, dass diese Methode den Inhalt kritisieren will, sondern dass man davon ausgeht, dass es allgemein einsichtige Kriterien gibt, nach denen ein historischer Text untersucht werden kann. Ziel dieser Methode ist es, den Sinn eines Textes herauszuarbeiten, den der Verfasser in seinem damaligen Umfeld zum Ausdruck bringen wollte, ehe der Text weiter interpretiert wurde.

Wir sehen also, dass es Methoden gibt, um die Wahrheit eines historischen Textes näher zu ergründen. So kann ein Text auf mehrere Kriterien hin untersucht werden, wobei es von Vorteil ist, ihn in seiner ursprünglichsten Form zu betrachten, also in der ältesten verfügbaren Abschrift. Anhand der Sprachform kann dann untersucht werden, ob der gesamte Text von nur einem Autor stammt oder etwa von mehreren; aufgrund des Erzählstils, ob es sich um eine Geschichte handelt, oder um mehrere, die vielleicht vermischt wurden. Insgesamt kann man solche Texte auf mehr als zehn verschiedene Kriterien hin untersuchen, die in den seltensten Fällen ein eindeutiges Ergebnis zulassen. Letztendlich kommt es auf die logische Argumentation desjenigen an, der den Text behandelt, ob er sein Publikum von dem Wahrheitsgehalt des Schriftstücks überzeugen kann.

Was die kritisch-historische Bibelforschung leistet, ist also: zu ergründen, warum der Autor zu jener Zeit genau die Worte wählte, die er verwendet hat. Außerdem sucht die Forschung Erklärungen zu finden, warum ein und dasselbe Geschehnis von unterschiedlichen Personen so abweichend voneinander dargestellt wird. Oft handelt es sich hier nur um Details oder einzelne Worte, die unterschiedlich sind, die jedoch den Sinn eines Textes ganz maßgeblich verändern können.

Ganz gut lässt sich das bei einem Vergleich der synoptischen Evangelien, also Matthäus, Markus und Lukas, erkennen. Dort wird eines deutlich: wie sehr sich nämlich Texte, die dasselbe Geschehen beschreiben, voneinander unterscheiden können, wenn die Autoren in jeweils anderen Situationen, Epochen, Orten und Erwartungen lebten und in ihrem Glauben anders verwurzelt waren.

Ich denke, uns allen ist auch bewusst, dass die persönlichen Umstände des jeweiligen Autors nicht nur zu unterschiedlichen Texten führt, sondern genauso die Persönlichkeit des Lesers zu unterschiedlichen Auslegungen von ein und demselben Text. Wahrscheinlich hat jeder schon einmal von der Auslegung biblischer Texte durch Evangelikale gehört, die der festen Überzeugung sind, dass die Bibel, so wie sie ist, das »reine Wort Gottes« darstellt, das den Autoren so und nicht anders in die Feder diktiert worden ist. Zur Bestärkung werden einzelne Textabschnitte aus dem Kontext gerissen und wörtlich zitiert. Wissenschaftlich belegte Argumente werden dabei nicht in Betracht gezogen. Beweise für ihre Thesen holen die Vertreter dieser Richtung aus der Bibel selbst.

Das andere Extrem sind Menschen, die nicht an Gott glauben und die die Bibel als ein großes Märchenbuch ansehen. Sie sehen in der historischen Forschung, die immer wieder Ungereimtheiten in biblischen Texten aufdeckt, eine Bestätigung ihrer Meinung und den Beweis für einen nicht existierenden Gott.

Was jedoch bei aller angebrachten Kritik und komplizierten Wahrheitssuche nicht vergessen werden darf, ist der Inhalt und die Geschichte, die uns diese alten Schriften erzählen wollen, und inwieweit diese für uns heute noch Bedeutung haben. Die Evangelisten haben das Leben Jesu beschrieben, und jeder etwas anders. Das geschah nur deshalb, weil sie so sehr von Jesus überzeugt waren und an ihn glaubten und weil sie ihren Glauben in ihren Gemeinden verbreiten wollten. Dazu wählten sie Bilder, die das Gefühl ansprachen, Stilmittel, die ihre Meinung untermauerten, und schrieben Texte, die die Wahrheit ihres Glaubens beweisen sollten.

Was ihnen aber allen gemein ist, ist die Beschreibung eines Christus, für den der Glaube und die Liebe zu Gott und den Mitmenschen das Einzige war, was zählte. Überhaupt hat der größte Teil des Neuen Testaments uns ein Bild von einer christlichen Gemeinschaft in festem Glauben an Gott und in Nächstenliebe hinterlassen. In meinen Augen ist das der wichtigste Aspekt der Bibel, der auch heute noch eine große Kraft besitzt.

So ist es wichtig, dass wir uns direkt von der Bibel ansprechen lassen, um somit einen ganz persönlichen Zugang zu den dort beschriebenen Glaubenserfahrungen zu finden. Jede Gotteserfahrung ist eine persönliche Erfahrung und kann keine allgemein gültige Glaubenswahrheit sein. So kann die Bibel als Medium für mich nur als eine persönliche Wahrheit erfahren werden.

Stefan Klingbeil

Wie Templer die Bibel sehen

»Als eine Urkunde des christlichen Glaubens enthält die Bibel die grundlegende Lehre des Christentums. Als Christen anerkennen und achten wir die biblischen Schriften und betrachten sie als eine reiche Quelle menschlicher Erfahrungen mit Gott. Um die wahre Bedeutung der Lehre Jesu und der ersten christlichen Überlieferung zu erkennen, halten wir es für notwendig, diese Schriften unvoreingenommen zu lesen und an sie den kritischen Maßstab anzulegen, der bei allen historischen Dokumenten üblich ist.«

Aus: »Glaube und Selbstverständnis der Templer«


Vielfalt und Gemeinsamkeit

Konfirmanden in Australien sprechen über den Sinn des Tempels

Am 16. September fand in Bayswater für 11 Mädchen und Jungen die Abschlussfeier ihres Konfirmanden-Unterrichts unter Leitung von Renate Weber und Renate Beilharz statt. Wie auch schon bei früheren Kursen wirkten auch diesmal wieder die Konfirmanden selbst bei der Gestaltung ihrer Konfirmationsfeier mit. Einige Wortbeiträge aus dieser Veranstaltung werden nachstehend wiedergegeben.

Talja Roesner - Der Text für den heutigen Tag ist dem 1. Korintherbrief entnommen (3,16-17): »Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? Der Tempel Gottes ist heilig, und der seid ihr.« Ich hatte diesen Text vorgeschlagen, denn mich spricht der Gedanke sehr an, dass jeder von uns ein Baustein für etwas Größeres ist und dass jeder seinen Beitrag in der Gemeinschaft leistet.

Unser Name Tempelgesellschaft erklärt sich aus diesem Text. Er hat zwei Bedeutungen: in den Konfirmanden-Stunden sprachen wir über die Vorstellung, dass Gott in uns lebt, dass unser Körper ein Mini-Tempel ist. Jeder von uns ist etwas Besonderes, obwohl wir alle verschieden voneinander sind.

Die andere Bedeutung der Bezeichnung »Tempel« liegt darin, dass, obwohl jeder andersartig ist, wir uns doch zu einer Gemeinschaft zusammenschließen können. Für mich ist das wichtig, denn ich möchte gern ein Teil eines größeren Ganzen sein. Eine Gemeinschaft stützt jeden Einzelnen in ihr. Sie teilt jedem eine Aufgabe zu. So wie du dich auf andere verlassen können willst, sollen sich umgekehrt andere auf dich verlassen können. Nicht nur in Zeiten der Not, sondern auch, damit man Spaß, Geselligkeit und Freude miteinander erleben kann.

Vor drei Monaten fanden sich 11 Teenager zusammen, jeder von uns andersartig, jeder aus unterschiedlichen Gründen dabei und jeder mit verschiedenen Ansichten über die Tempelgesellschaft und die Religion. Inzwischen hat sich bei uns ein Gefühl der Gemeinsamkeit entwickelt und wir mögen einander.

Wie in jeder echten Gemeinschaft haben wir in unserem Kurs einander geholfen, besonders beim Beantworten der tiefen und bedeutsamen Fragen über Gott und die Lehre Jesu. Wir hatten auch jede Menge Spaß miteinander, lachten viel und unterhielten uns mit Spielen. Unsere Konfirmanden-Gruppe ist selbst zu einer kleinen Gemeinde geworden. Als Einzelne und als Gruppe sind wir ein wesentlicher Teil der Tempelgesellschaft, wir alle sind Bausteine im Tempel Gottes.

Stefan Imberger - In unserer letzten Stunde fertigten wir ein Klebebild an, das unser Thema veranschaulichen sollte: Vielfalt und Gemeinsamkeit. Es war unsere Aufgabe, eine Collage aus verschiedenartigen und ähnlichen Bildmotiven zusammenzufügen. Die Bildmotive sollten etwas über die Art unserer Gemeinsamkeit aussagen und auch etwas über uns selbst. Die Collage erhielt die Form des Templer-Zeichens, das ein Symbol unserer Gemeinschaft ist, von der wir ein Teil sind.

Martin Beilharz - Das Leben ist wie eine Reise. Da gibt es Höhen und Tiefen, Zeiten, in denen du dich »spitze« fühlst, in denen du die Welt aus den Angeln heben und mit jedem Schicksalsschlag fertig werden könntest. Dies kann sich aber auch sehr schnell ändern: ein falscher Schritt, und du kannst zu Boden geworfen werden. Du kannst mitunter so tief fallen, dass du meinst, es könne nicht schlimmer kommen.

Um durch solche Zeiten hindurch zu kommen, brauchst du Freunde und eine Familie, die nach dir schauen und dich wieder auf die Beine stellen kann. Eine Gemeinschaft kann dies viel besser erreichen als einer allein. In ihr kümmert man sich umeinander und bietet die Schultern, an die man sich anlehnen kann. In einer Gemeinschaft wird niemand allein gelassen, niemand ist ausgeschlossen. Sie ist der Zusammenschluss von Menschen, die sich sorgen, wenn jemand verletzt ist oder sich schlecht fühlt, und die alles tun, damit er wieder gesunden und seinen Lebensweg fortsetzen kann.

Aber Menschen sind auch verschiedenartig, jeder hat seine eigene Art, etwas zu tun und durchs Leben zu gehen. Manche unter uns strengen sich gewaltig an, das Maximale aus jedem Tag herauszuholen, und andere wiederum lassen sich mehr oder weniger durchs Leben treiben. Manche sind abenteuerlustig, andere wiederum schüchtern und zaghaft. Doch wir alle haben eines gemeinsam: wir sind Teil einer Gemeinschaft und helfen einander und freuen uns des Lebens.

Tamara Bouzo - Die Tempelgesellschaft bedeutet mir viel, weil sie meiner Familie geholfen hat, durch eine schlimme Zeit hindurch zu kommen. Als Kind litt ich an der Blutkrebs-Krankheit Leukämie. In dieser Zeit war die Gemeinschaft über Monate hinweg eine große Stütze für unsere Familie. Freunde bereiteten Essen für uns, machten Besorgungen und zeigten ihr Mitgefühl in Briefen und Telefonanrufen. Sie beteten um meine Gesundung - ich bin sicher, dass dies eine der Ursachen war, weshalb ich es dann schaffte.

In dieser schweren Zeit starb meine Großmutter, und wieder war es die Tempelgesellschaft, die zu Hilfe kam. Sie sorgten für das Begräbnis und boten uns ihre Hilfe bei diesem Verlust an. Das ist es, was die Tempelgesellschaft für mich bedeutet.

Aus »Templer Record«, November und Dezember 2007


25 Jahre Playgroup in Bayswater

Es war ein wunderschöner Gemeinde-Gottesdienst, geleitet von Christine Ruff, an dem den Besuchern nahe gebracht wurde, welchen Nutzen Kinder (und Erwachsene) in den vergangenen Jahren aus der »Playgroup« (Kinderspielgruppe der TSA) ziehen konnten. Denn man feierte das 25-jährige Jubiläum dieser Gemeinde-Einrichtung und gleichzeitig die Verabschiedung von Moni Herrmann nach 22 Jahren aufopferungsvoller Tätigkeit für die Gruppe. Sonia Glenk verschönte die Feier mit ihrem Cello und den Instrumenten ihrer beiden Söhne Lachlan (8 Jahre) und Alexander (7 Jahre). Das anschließende Gemeinde-Picknick auf der Grasfläche unter den schattenspendenden Bäumen nahe des Spielplatzes war von herrlichem Wetter begünstigt. Es gab vorzügliches Essen und genügend Kuchen »für eine ganze Armee«.

Die Playgroup war 1982 von Friedrich Sawatzky und Heinz Vollmer ins Leben gerufen worden. Man wollte mehr Leute in das Leben der Tempelgesellschaft einbeziehen. Es zeigte sich im Lauf der Zeit, dass damit auch die Beziehungen der Templer untereinander gestärkt wurden. Denise Imberger war die erste Beauftragte für die Gruppe, sie sollte Art und Weise der Zusammenkünfte und ihre Gestaltung organisieren. Drei Jahre später übernahm Moni Herrmann die Verantwortung. Seither treffen sich jeden Donnerstagvormittag Zwei- bis Vierjährige aus Bayswater, Bentleigh und Umgebung zum Spielen, Herumtollen, Malen, Ausschneiden, Kleben, Obstessen und so weiter, um dann von all den Aktivitäten auf dem Nachhauseweg im Auto erschöpft einzuschlafen.

Über 100 Familien und 211 Kinder haben in all den Jahren bei der Playgroup mitgemacht. Natürlich waren freiwillige Helfer, unterstützt durch Omas und Opas, dabei unersetzlich. Doch jeder war sich der Erkenntnis bewusst, dass »Children who play together, stay together«.

Aus »Templer Record«, Dezember 2007

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