Die Warte des Tempels
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Wenn jeder eine Blume pflanzte, / jeder Mensch auf dieser Welt, Peter Härtling |
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Lasset uns am Alten, so es gut ist, halten, aber auf dem alten Grunde Neues bauen jede Stunde.
Zum Start eines neuen »Warte«-Jahrgangs wünsche ich allen unseren Lesern ein gutes und gesegnetes Neues Jahr. Möge unser Glaube fest bleiben und unsere Kraft nicht erlahmen, »auf das Wort zu hören« und in die Tat umzusetzen, wie es in dem Beitrag von Otto Hammer in dieser Ausgabe beschrieben ist.
In diesem Jahr stehen neugewählte Personen an der Spitze unserer beiden Gemeinschaften in Deutschland und Australien.
Zufällig kommen beide aus dem Lehrerberuf. Vielleicht trägt dieser Umstand dazu bei, dass immer wieder neu auf die Grundlagen unseres Glaubens zurückgegriffen und darauf hingewiesen wird, welchen Wert er für unser Leben besitzt.
Lehrer haben es mit jungen Menschen zu tun, mit Nachwachsenden, die oft schon eine eigene Lebenseinstellung mitbringen, denen aber das schon Bewährte, das auf die Lebenserfahrung der Älteren Gestützte vor Augen geführt werden muss. Dass dies mitunter nicht ohne Spannung und Reibung verläuft, ist eine altbekannte Tatsache.
Der eingangs zitierte Sinnspruch drückt für mich den Weg aus, wie das Miteinander von Alt und Jung gelingen kann: Bewahrung dessen, was sich im Zusammenleben als wertvoll erwiesen hat, aber auch Offenheit für neue Initiativen und Lebensweisen. Bildlich gesprochen: Bereitschaft, am Haus der Gemeinde immer wieder einmal Umbauten und Abänderungen vorzunehmen, ohne dabei das Fundament des Gebäudes zu gefährden.
Lasst uns so ins Jahr 2008 eintreten und »am Ball bleiben«, nicht nur im Hinblick auf die Fußball-EM in der Schweiz und in Österreich.
Dieser Ausspruch Jesu ist die Jahreslosung der EKD für das neue Jahr 2008. Er stammt aus dem Johannesevangelium (Joh 14,19), aus den sogenannten Abschiedsreden Jesu, die er vor seiner Passion an seine Jünger richtete. Es sind also keine Zitate des Auferstandenen, sondern Reden, wie es sie auch in den drei synoptischen Evangelien gibt, aus denen hervorgeht, dass Jesus das Ende seines irdischen Lebens vorhersieht. Ob das Zitat tatsächlich auf Jesus zurückgeht, ist ebenso schwer zu sagen, wie bei manchen anderen Texten; offenbar - laut Kommentar - hat der Evangelist Johannes an dieser Stelle (Verse18 und 19) auf traditionelles Spruchgut zurückgegriffen.
Wie bei anderen Texten auch, ist für mich die Frage: Sagt uns diese Verheißung etwas? Was kann dieser kurze Ausspruch für uns bedeuten?
Vordergründig betrachtet, könnte er als Versprechen des ewigen Lebens aufgefasst werden, denn natürlich betrachten wir ihn nicht wie die Jünger, die den Leidensankündigungen ihres Meisters keinen Glauben schenkten, weil sie ihn ja noch lebendig bei sich hatten, sondern wir hören ihn im Wissen um den Tod Jesu und vor dem Hintergrund der Berichte von seiner Auferstehung. Also: Auferstehung auch für uns - aber: geht es "nur" darum? Was bedeutet es, wenn es heißt: Jesus lebt!?
Für mich bedeutet es vor allem, dass das, wofür Jesus bei uns steht, auch heute volle Gültigkeit hat. Es ist etwa vergleichbar mit Erfahrungen, die jeder von uns schon mit geliebten oder verehrten Menschen gemacht hat, die uns in unserem Leben weitergeholfen haben. Diese Erfahrungen von Liebe, Geborgenheit, Freundschaft, Hilfe, Anerkennung und vielem mehr bleiben uns, sind oft sogar weiterhin ein Motor in unserem Leben. Wenn die Person, mit der wir diese Erfahrungen verbinden, bereits gestorben ist, so ist und bleibt dennoch die Erinnerung lebendig.
Was in diesem Zusammenhang für mich noch wesentlich ist, liegt in der Gültigkeit der Aussagen Jesu, die er zum Verhältnis von Gott zu uns Menschen gemacht hat: als seine Geschöpfe sind wir von ihm angenommen und als solche dürfen wir unser Leben im Vertrauen auf ihn führen. Das bedeutet für mich, dass wir, wenn wir es wollen, eine Kraftquelle zur Verfügung haben, aus der wir immer schöpfen können und die uns hilft, Schwierigkeiten in unserem Leben zu bestehen. So verstehe ich auch die Zusage: »...und ihr sollt auch leben!« als Zusage für ein Leben, das uns nie in Einsamkeit zurück lässt, sondern in dem sich immer wieder Wege auftun, die wir gehen können - selbst wenn uns Situationen als auswegslos erscheinen. Möge uns diese Glaubensgewissheit nicht nur im Jahr 2008 begleiten!
Wir danken am Dankfest für die Ernte des Jahres im weitesten Sinne und bitten für eine gute Ernte im nächsten Jahr. Die Arbeit des alten Jahres ist getan, die des neuen Jahres steht bevor.
Das Dankfest steht genau zwischen diesen Zeitabschnitten: dem, was gewesen ist, und dem, was auf uns zukommt. Und dieser Moment zwischen den Zeiten ist von der Arbeit auf dem Felde befreit. Er ist der Besinnung geweiht. Er ist nicht dem Tun zugewendet, sondern dem Hören und dem Nachdenken. Er gilt nicht der Arbeit, sondern dem Wort und der geistigen Beschäftigung.
Besinnung - das ist das Nachdenken über die Grundfragen des Lebens. Die erste davon ist die Brechtsche Frage: »Denn wovon lebt der Mensch?« (1). Aber die eigentlich wichtige Frage des Menschen ist eine ganz andere, nämlich: Wozu sind wir da auf dieser Welt? Diese Frage bestimmt unser Leben, unser Denken und unser Handeln. Die Antwort darauf entscheidet, ob wir unsere Existenz als sinnvoll ansehen, oder als vertane Chance; ob diese Erde schön für uns ist oder ein Jammertal.
Diese Frage beantwortet sich aus dem Glauben. Glaube aber fußt auf dem Wort, auf dem Hören und Lernen. Und so sind das Thema dieses Vortrags die Kontrastpaare »Hören und Lernen« einerseits und »Tun und Sein« andererseits.
Wir hören zu diesem Thema einen Text aus dem Lukasevangelium. Es ist die kurze Geschichte von Marta und Maria:
»Als sie aber weiterzogen, kam er in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf. Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu. Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihm zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll. Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist Not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden« (Lk 10,38-42).
Lukas erzählt uns hier eine Einkehrgeschichte. Jesus ist auf der Wanderung, wahrscheinlich von Galiläa nach Jerusalem. Und auf dem Wege kommt er in ein Dorf und dort kehrt er ein, im Hause der Marta. Sie hat im Haus das Sagen und ist verantwortlich, dass die Regeln der Gastfreundschaft eingehalten werden.
Mit im Hause wohnt die Schwester Maria. Sie unterstützt ihre Schwester nicht bei der Arbeit für das Wohl des Gastes, sondern sie hört dem Gast zu. Im Text heißt es: »Sie setzte sich zu Jesu Füßen, um zu hören«. Hören heißt nach jüdischem Verständnis »das Wort hören und lernen«. Hören und Lernen aber bedeuten, mitdenkend und prüfend das Gehörte in sich aufzunehmen.
Marta empört sich, dass die Pflichten des Hauses ihr allein zufielen und Maria sich aus dem Dienst ausklinkte. Sie drängte Jesus, Maria zurechtzuweisen: »Sag ihr doch, dass sie mir helfen soll«.
Für Lukas und seine Gemeinde ist es eine grundsätzliche und aktuelle Frage, die sich da Jesus stellt. Jesus kann deshalb eine Entscheidung zwischen den Alternativen »hören und dienen« nicht umgehen und der Maria sagen: »Hilf der Marta doch einmal, ihr könnt ja nachher zusammen zuhören«.
Jesu Antwort ist für die damalige Gemeinde des Lukas so wichtig, weil es um die Gewichtung der Gemeindefunktionen geht. Es geht um die Relation zwischen den Gemeindeausrichtungen:
und
Wie stehen die beiden Ausrichtungen zueinander. Was ist zuerst wichtig: hören oder tun, lernen oder dienen? Die Antworten auf die Frage aus der Geschichte von Marta und Maria finden wir auf drei Ebenen:
Die erste Ebene beinhaltet zwei Provokationen. Diese beschäftigen sich noch gar nicht mit der eigentlichen Frage unseres Textes, sondern klären das Umfeld, aus dem heraus die Frage beantwortet werden soll.
Die erste Provokation ist, dass Lukas mit seiner Formulierung »Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu« auf die Abschiedsrede des Mose in 5Mo anspielt. Dort heißt es: »Alle Heiligen sind in deiner Hand. Sie werden sich setzen zu deinen Füßen und sie werden lernen von deinen Worten« (2).
Im Alten Testament sind es »alle Heiligen«, also das ganze Volk, die das Wort hören und lernen. Bei Lukas ist es ein einzelner Mensch, eben die Maria. Da ist offensichtlich eine gewaltige Verschiebung eingetreten. Nicht mehr die Glaubensgemeinschaft, das Volk, hört das Wort und steht damit in der Beziehung zu Gott, sondern der einzelne Mensch.
Die zweite Provokation für die damalige Zeit ist, dass das Kontrastprogramm von Hören und Tun, von Wort und Dienst hier am Beispiel von zwei Frauen abgehandelt wird. Generell in der Antike, und speziell im Judentum, war es normal und üblich, dass Männer hören und lernen und sich mit religiösen Themen auseinandersetzen. Frauen dagegen arbeiteten und dienten und sorgten für die Bedürfnisse des täglichen Lebens.
Frauen wurden bei den Juden nicht in der Tora unterrichtet. Die Tora war Sache der Männer. Und deshalb ist das Hören der Maria in dieser Geschichte so provokativ und so wider die Norm. Schon die Namen der beiden Frauen deuten daraufhin, dass diese Provokation gewollt ist:
Dadurch, dass die Gegenüberstellung der beiden Gemeindeausrichtungen zwischen zwei Frauen ausgetragen wird, stellt Lukas von vorneherein klar, dass die konventionelle Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen in der jesuanischen Lehre aufgehoben ist. Beide sind in der Gemeinde in gleicher Weise zu Wort und Diakonie berechtigt und auch verpflichtet. Die Aufgabenverteilung geschieht nach den jeweiligen Bedürfnissen und Fähigkeiten und nach dem, was nottut.
Auf der zweiten Ebene stehen Hören und Tun, Glaube und Nächstenliebe zunächst gleichberechtigt nebeneinander. Wir kennen dieses Nebeneinander aus der Bergpredigt des Matthäus. Dort heißt es: »Wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute« (3).
Beides, Hören und Tun, muss sein. Beides ist für die Gemeinde und den Einzelnen notwendig. Der Unterschied liegt in der Reihenfolge. Das Wort ist die Voraussetzung des guten Tuns, weil es den Glauben des Einzelnen und der Gemeinde formt und gestaltet. Der gute Glaube aber ist der Ausgang für das gute Tun.
Beide, Wort und Arbeit, stehen gleichberechtigt nebeneinander, aber der Glaube, die Gottesliebe, bestimmt die Nächstenliebe. Sie gibt ihr Richtung und Ziel und begrenzt sie auch. Unser Verhalten muss angemessen sein. Das angemessene Verhalten ist, das zu tun, was Gott dem Menschen als Ziel seines Lebens vorgegeben hat. Gottesliebe und Nächstenliebe sind nicht zwei von¬einander getrennte Gebote, sondern bedingen einander.
Der Mensch ist auf Gott bezogen. Wenn wir diese Welt und ihren Schöpfer positiv sehen, dann müssen wir notgedrungen diese positive Sicht auch auf unseren Nächsten übertragen. Wenn wir glauben, dass Gott es gut mit uns meint, dann sind wir verpflichtet, es auch gut mit unseren Mitmenschen zu meinen.
Die dritte Ebene im Text von Marta und Maria ist die Bedeutung des Hörens für unser Sein. Das Hören geht weit über die Ausrichtung unseres Tuns hinaus. Es prägt unser Wesen, unsere Person.
Der aus dem Hören und Lernen resultierende Glaube soll in die Nächstenliebe eingehen, aber er darf nicht in der Nächstenliebe aufgehen. Der Glaube soll die Nächstenliebe ausrichten, aber er darf sich nicht in ihr erschöpfen. Die Gottesliebe, das Wort, das Hören hat einen durchaus eigenständigen Wert für den Menschen. Der Mensch braucht das Wort für sich selbst.
Denn das Wort, also das Hören und Lernen, ist die Auseinandersetzung mit den Grundfragen des Lebens. Es ist ein Wesensmerkmal des Menschen, dass er so fragen kann. Fragen und Antwortsuchen das ist Hören und Lernen.
Die erste und höchste Frage ist die Frage nach dem Sinn meines Seins: Warum und wozu bin ich? Die Antwort darauf formt unsere Haltung zum Leben. Sie bestimmt, wie ich in der Welt stehe. Sie entscheidet, wie ich lebe und bin und ob ich der Zukunft mit Angst oder mit erwartungsvoller Freude entgegengehe.
Marta hat in unserer Geschichte für das gesorgt, was physisch notwendig war - für das leibliche Wohl. Jesus anerkennt das und sagt lobend zu ihr: »Marta, Marta, du hast viel Sorge und Arbeit«.
Maria dagegen hat die geistige Ansprache in den Worten Jesu gesucht. Sie hat sich selbst im Wort Jesu gesucht. Sie hat es gebraucht, es war ihr wichtig. Für sie war es die Zeit des Wortes, des Hörens und des Lernens. Und deshalb sagt Jesus: »Maria hat das gute Teil erwählt. Es soll nicht von ihr genommen werden.«
Ich habe bisher die Frage offen gelassen, wo der spezielle templerische Bezug auf unseren Bibeltext, auf die Geschichte von Marta und Maria, liegt. Die Frage ist einfach zu beantworten: Der frühe Tempel hat genau diese Gewichtung von Hören und Tun übernommen und herausgestellt.
Das erste Anliegen des frühen Tempels war es, die religiöse Bildung seiner Anhänger zu heben. In diesem Punkt waren sich, trotz aller sonstigen Unterscheidungen, Hoffmann und Hardegg einig. 1868, kurz vor der Abreise der beiden Vorsteher nach Palästina, fand eine Versammlung der Ältesten des Tempels statt, die den Tempelgemeinden, den bestehenden wie auch den in Palästina neu zu gründenden, ans Herz legte:
»Die Geschäfte (Aufgaben) des Tempels sind diejenigen Tätigkeiten, welche die Gesellschaft hat, um ihre Konfession (Glauben) zu verwirklichen.
Das erste Hauptgeschäft ist die Predigt, dass das Himmelreich nahe herbeigekommen ist. Diese Predigt schließt die Aufrichtung des Himmelreichs im Innern des Menschen sowie äußerlich auf der ganzen Erde mit ein.
Das zweite Hauptgeschäft des Tempels ist [....]die Hilfe, welche den Bedrängten und Notleidenden zu bringen ist; kurz das Geschäft der Barmherzigkeit« (4).
Beides, Wort und Tat, sind »Hauptgeschäfte« (Hauptaufgaben) des Tempels. Beide stehen gleichgewichtig nebeneinander, wenn es gilt, den Tempelglauben umzusetzen und zu verwirklichen. Nur: das Hören kommt für den Tempel zuerst, genau wie im Jesuswort unseres Textes: »Maria hat das gute Teil erwählt«.
Dabei war eine solche Einstellung in der damaligen Zeit keinesfalls selbstverständlich. Gustav Werner, der Begründer des Bruderhauses in Reutlingen, hatte in jenen Jahren sein markiges Wort geprägt: »Was nicht zur Tat wird, hat keinen Wert«. Der Tempel dagegen berief sich auf Jesus und seine Botschaft und auf die Urgemeinde, und er machte sich deren Anliegen zu eigen, wie es im Text von Marta und Maria beschrieben wird.
Die erstrangige Aufgabe des Tempels als Gemeinschaft ist also die Lehre, um so im Innern des einzelnen Menschen das Reich Gottes aufzurichten. Das bedeutet, den Menschen so zu bilden, dass er in seinem Leben einen Schritt vorwärts kommt. An erster Stelle für den Tempel steht die geistige Erbauung, der geistige Aufbau der Persönlichkeit.
Erst die zweite, aber unbedingt notwendige, Aufgabe des Tempels ist dann die soziale Ausrichtung, das Wirken in der Gesellschaft: das gute Tun, die Umsetzung des Glaubens in Nächstenliebe.
Für die Lebensführung des einzelnen Templers bedeutet das, dass Hören und Lernen für ihn an erster Stelle stehen. Sie sind die Voraussetzung für das gute Sein und damit auch für das gute Tun.
Diese Relation hat sich da und dort im Tempel gewandelt, einfach aufgrund der historischen Gegebenheiten in den Gemeinden in Palästina. Der religiöse Grund des Tempels war zur Selbstverständlichkeit und Allgemeingut in den Gemeinden geworden. Und deshalb hatte das Tun, die Umsetzung des ethischen Gehalts der Tempellehre, an Gewicht gewonnen.
Wir leben aber heute nicht mehr als Templer unter Templern. Wir leben unter Menschen, deren Glaubensspektrum vom Nichtchristen, über Neuheiden bis zum evangelikalen Fundamentalisten reicht. Der templerische Glaube ist in dieser Umwelt etwas Besonderes, etwas Seltenes geworden, das für die Außenstehenden keinesfalls selbstverständlich ist. Der Tempelglaube ist heute etwas Kostbares, das der Pflege und der Bewahrung bedarf.
Geistliche und religiöse Bildung sind heute überlebensnotwendig für die religiöse Identität des einzelnen Templers wie auch der Gemeinde. Diese religiöse Bildung und Bindung hat in unserer Zeit wieder genau den gleichen Stellenwert wie bei den frühen Templern von 1868. Die Forderung des Hörens und Lernens bezieht sich auf alle geistigen Felder unseres Seins, die in unserer Kulturwelt eng mit der Bibel verknüpft sind und diese einschließen.
Ich fasse zusammen: Im Mittelpunkt der jesuanischen Lehre steht der Einzelmensch und seine Beziehung zum Göttlichen. Der Einzelne ist mehr als ein Teil des Ganzen; aus ihm heraus erst entsteht das Ganze, die Gemeinde. Oder, wie der zitierte Tempeltext aus dem Jahre 1868 andeutet: Das Himmelreich, das Reich Gottes auf Erden, wird zuerst im Innern des Menschen aufgerichtet und dann erst in der äußeren Welt.
Der einzelne Mensch hat also für sich selbst eine Aufgabe, nämlich sich im Leben vorwärts zu entwickeln und zu verwirklichen. Und das steckt auch hinter der Frage: wer bin ich und wozu bin ich da? Es ist eine geistliche Frage, eine Frage der Metaphysik und des Glaubens im weitesten Sinne.
Die Spannung zwischen diesen Aufgaben, zwischen Hören und Tun, bestimmt das Selbstverständnis des Tempels und der Templer. Und so gilt auch heute noch wie 1868: Das erste Anliegen des Tempels ist, eine Gemeinde von Hörenden zu sein.
Dankfest-Ansprache von Otto Hammer am 7. Oktober (gekürzt)
(1) siehe das zweite Dreigroschenfinale am Ende des 2. Akts der Dreigroschenoper (dort steht auch »Erst kommt das Fressen und dann die Moral«)
(2) siehe dazu Abschiedssegnung des Mose in Dtn 33,3ff
(3) Mt 7,24
(4) Friedrich Lange, Die Geschichte des Tempels, 1899, S. 362
Ein Templer kann wohl nicht amerikanischer Präsident werden, weniger wegen der Staatsangehörigkeit (A. Schwarzenegger ist das lebende Beispiel, dass es US-Neubürger bis in höchste Ämter bringen können), sondern eher wegen der religiösen Ausrichtung. Zu diesem Ergebnis kommt man jedenfalls, wenn man den beginnenden Wahlkampf ums Weiße Haus betrachtet.
So wurden die republikanischen Präsidentschaftsanwärter vor kurzem bei einer Fernsehdebatte von einem jungen Mann überraschend mit der Bibel und der einfachen Frage konfrontiert: »Glauben Sie jedes Wort in diesem Buch?« Mitfavorit Mitt Romney, Ex-Gouverneur von Massachusetts, geriet prompt ins Schleudern. Zuerst erklärte er in zwei Anläufen, dass die Bibel Gottes Wort und Leitfaden für Milliarden Menschen sei. Doch der Moderator hakte nach: »Glauben Sie an jedes Wort?« Romney begann zu stottern: »Wissen Sie, ich glaube an Gottes Wort, die Bibel ist Gottes Wort. Ich mag manche dieser Worte anders interpretieren als Sie. Aber ich lese die Bibel und ich glaube an sie.« Sein Rivale Mike Huckabee, einst Baptistenprediger in Arkansas, zog sich mit zwei knappen Sätzen aus der Affäre: »Ich glaube, die Bibel ist genau das, was sie ist, sie ist Gottes Offenbarung für uns.« Applaus aus dem Publikum.
Die Szene machte schlagartig deutlich: Romney, der in wichtigen Vorwahlstaaten lange vorne lag, muss plötzlich über seine Religion und sein Verständnis von der Bibel Auskunft geben. Am 6. Dezember beugte er sich dem öffentlichen Druck und hielt in Texas eine Grundsatzrede (»Glaube in Amerika«), wobei er u. a. erklärte: »Ich wünsche mir ein Amerika, in dem niemand aufgrund seiner Religion gewählt wird - und niemand abgelehnt wird aufgrund seiner Religion.« Er setzte hinzu: »Niemand sollte Sprecher nur einer Richtung sein. Wer Präsident ist, braucht die Gebete aller Glaubensrichtungen.«
Grund für die ganze Aufregung: Romney ist Mormone, wie rund 13 Mio. Menschen weltweit. Ihr Glaube unterscheidet sich in wichtigen Punkten von herkömmlichen christlichen Vorstellungen. Viele Amerikaner blicken deshalb mit Misstrauen auf sie; rund zwanzig Prozent erklärten in Umfragen, nicht für einen Mormonen als Präsident stimmen zu wollen. Unter den christlichen Konservativen ist dieser Anteil noch höher - und sie bestimmen entscheidend über die Auswahl des republikanischen Präsidentschaftsbewerbers.
Besonders viele von ihnen leben in Iowa, wo am 3. Januar die ersten Abstimmungen stattfinden. Liebling dieser Wähler ist nach Umfragen mittlerweile Mike Huckabee. Er erzählt bei seinen Wahlkampfauftritten gerne von Ronald Reagan, der bei einer Rede in Texas vor 15000 Zuhörern die Bibel hochhielt und ausrief: »Alle komplexen und schrecklichen Fragen haben ihre Antwort in diesem Buch.« Eine solch einfache Botschaft kommt offensichtlich gut an.
Das Spannungsverhältnis von Religion und Politik hat Tradition in den USA. Bereits John F. Kennedy als nicht sonderlich religiöser Katholik war der protestantischen Mehrheit suspekt, aber er musste keine Auskunft über seine persönliche Haltung zum Glauben geben. Es reichte damals, dass er erklärte, er werde als amerikanischer Präsident von niemandem Weisungen akzeptieren - auch nicht aus dem Vatikan.
Romney argumentierte in der Grundsatzrede nun ähnlich: »Wenn ich Präsident werde, werde ich keiner Religion dienen - sondern nur dem Wohl der Bürger der USA!« Ob diese Aussage ihm helfen wird wie einst Kennedy, ist zu bezweifeln. Denn in den USA, deren Verfassung noch ohne das Wort »Gott« auskam, ist die Religiösität der Kandidaten immer wichtiger geworden. Ronald Reagan hat diese Wende mit eingeleitet, die von den Historikern schon als »God Revolution« (Gottesumsturz) bezeichnet wird; weit mehr als seine Vorgänger vertraute er in Reden und Auftritten auf religiöse Symbole und Metaphern. Und George W. Bush baute seine ganze Präsidentschaftskandidatur auf seiner Wiedergeburt als gläubiger Christ auf. Später gab er sogar den Einfluss seines Glaubens auf politische Entscheidungen wie die Invasion in den Irak zu (»Gott gab mir den Befehl!«).
Dies scheint den Trend nicht aufzuhalten. Denn Amerikaner sind nach Umfragen weit religiöser als die Bevölkerungen in anderen wichtigen Industrienationen und richten entsprechende Erwartungen an ihren Präsidenten. Der Fall Romney könnte eine erneute Debatte über das komplizierte Verhältnis von Glauben und Politik befördern.
Religiöse Bekenntnisse werden mittlerweile aber nicht mehr nur von den republikanischen Kandidaten erwartet, auch die demokratischen Bewerber wie Hillary Clinton, Barack Obama oder John Edward sprechen regelmäßig über ihre religiöse Überzeugung im Wahlkampf.
Nichts scheint plötzlich wichtiger zu sein als die Frage, wie christlich der nächste Präsident der Vereinigten Staaten zu sein hat. Der Glaubens(wahl)kampf ums Weiße Haus hat begonnen.
Jörg Klingbeil (unter Verwendung von Material von SPIEGEL ONLINE)
Das 2005 erschienene Buch »Beten im Oval Office« (Originaltitel »The Last Crusade«) schildert ausführlich die im obigen Bericht angeschnittene Entwicklung in den USA. Die Verfasserin Barbara Victor erzählt darin die Geschichte der evangelikalen Bewegung in Amerika und deren wachsenden Einfluss auf die Politik seit den Gründertagen bis zur Gegenwart. Sie macht deutlich, dass die von den Verfassungsvätern festgeschriebene Trennung von Staat und Kirche immer mehr aufgeweicht und Themen wie Homosexualität, Abtreibung, Evolutionslehre, Stammzellenforschung und Umweltpolitik immer mehr im Sinne der christlichen Fundamentalisten bedient würden. Mit George W. Bush hätten die Vereinigten Staaten mit breiter Unterstützung der Evangelikalen einen Präsidenten ins Amt gehievt, der nach eigener Überzeugung im Auftrag Gottes handelte.
Am Dankfest-Nachmittag konnten die Besucher des Gemeindehauses eine Vorführung der letztjährigen israelischen Filmdokumentation über die Denkmalschutzmaßnahmen in der Templerkolonie Sarona bei Tel-Aviv erleben (wir berichteten darüber im »Treffpunkt«-Teil der November-»Warte«).
Eine erste Einschätzung des Films hatten wir bereits von Professor Yossi Ben-Artzi, dem Rektor der Universität Haifa, erhalten. Er schrieb uns, dass er mit dieser Darstellung im Großen und Ganzen zufrieden sei, obwohl sie einige unrichtige Angaben enthalte, die aber vermutlich nur den Kennern der Templergeschichte auffallen würden. Er bedauerte, dass der Film einen zu großen Schwerpunkt auf die Nazizeit gelegt habe, besonders auf die Ermordung des Bürgermeisters von Sarona Gotthilf Wagner im März 1946, der überdies fälschlicherweise als Naziführer charakterisiert worden sei.
Von unseren Freunden in Australien hörten wir, dass sie ebenfalls eine Vorführung des Films vorhätten und dass sie gern unsere Beurteilung des Films kennen lernen würden. Peter Lange schrieb ihnen daraufhin die folgende Einschätzung :
Wir fanden die Film-Produktion positiv und sahen in ihr den ehrlichen Versuch der Israelis, ihre Landesgeschichte vor 1948 aufzuarbeiten und sachlich darzustellen. Die Restaurierungs-Aktion in Sarona wurde in breiter Ausführlichkeit geschildert, und man muss den Aufwand würdigen, der jetzt mit der Erhaltung der alten Häuser getrieben wird. Ebenso ist aus den Filmsequenzen sichtbar, dass das Auffinden historischer Objekte, wie zum Beispiel der Gemeindehaus-Uhr, der Olivenpresse von Pflugfelder oder der Motorpumpe der Firma Deutz, einen nachhaltigen Eindruck auf Historiker und Fachleute machte.
Vom Kameramann gut eingefangen sind die Szenen mit Teilnehmern der Ausstellungseröffnung und der Templer-Gruppenreise des letzten Jahres, besonders die bewegenden Aufnahmen von Charlotte Lämmle, Manfred Häring und Helmut Glenk beim Betreten ihrer elterlichen Häuser. Auch die Feststellung von Heide Seidlitz, dass hier ihre eigentliche »Heimat« gewesen sei, dürfte für die israelische Bevölkerung sehr aussagekräftig gewesen sein. Aus diesem Motiv heraus wurde ich ja im März bei meinem Jerusalem-Besuch von der Regisseurin Ita Glicksberg anlässlich eines Interviews gefragt, ob die Templer wieder in diese »Heimat« zurückkehren wollten. Ich hatte damals geantwortet, dass sie gern nach Israel kommen würden, aber nicht, um dauerhaft dort zu wohnen, sondern um ihrer Familien- und Templergeschichte zu gedenken.
Nicht zufrieden können wir natürlich mit einigen Falschdarstellungen im Film sein, wie der Feststellung, dass die jungen Templer nach Deutschland reisten, um dort den Terrorismus zu erlernen und damit arabische Aufständische zu trainieren, oder dass Gotthilf Wagner ein früher Naziführer gewesen sei. Das sind falsche Aussagen. Sie werden, wie Ben-Artzi schrieb, vermutlich nur den Fachleuten als solche auffallen. Man hätte sich gewünscht, dass die Zeit des Dritten Reiches nicht in dieser epischen Breite im Film abgehandelt worden wäre. Immerhin ist es aber bemerkenswert, dass das Attentat auf Gotthilf Wagner so sachlich wie möglich, in Form eines Interviews mit den daran Beteiligten aufgearbeitet worden ist. Dass es ein Mordkommando der jüdischen Untergrundorganisation war, um den Bleibewillen der Templer im Land zu brechen, dürfte nun niemand mehr in Israel bestreiten.
Was den Prozentsatz von Parteimitgliedern der NSDAP unter den Templern anbetrifft, so können wir die Aussagen des Films wohl nicht bestreiten. Wir Templer müssen ehrlich zugeben, dass die Nazi-Ideologie im Lauf der Jahre großen Eingang in den Mitgliederkreis fand und auch der Druck der Auslandsorganisation ständig zunahm. Ich bedaure es, dass in der Tempelgesellschaft über diese Phase ihrer Geschichte nachträglich so wenig diskutiert worden ist. Das wird jetzt die Enkelgeneration der Damaligen für sie tun. Wir als Nachwachsende müssen beweisen, dass wir aus dieser Periode etwas gelernt haben.
Wir dürfen mit Befriedigung feststellen, dass das Werk unserer Vorväter zwar verloren, aber nicht untergegangen ist. Die Zeugnisse des Schaffens der Vorangegangenen werden weiterhin erhalten bleiben und von der jetzigen Landesbevölkerung von Israel gewürdigt werden. Es wird kein schneller Prozess sein, die alten Vorurteile - hier wie dort -zu überwinden und neue Verbindungen zwischen uns und den jetzigen Landesbewohnern aufzunehmen. Der Film zeigt, dass es dort noch emotionale Hemmnisse zu überwinden gilt. Das Gespräch zwischen Mamlock und Frank ist dafür bezeichnend: Frank bringt unqualifizierte Urteile über die Templer vor - und Mamlock versucht, sie zu entkräften. Er hat als kleiner Junge unter den Templern gelebt und sie »erlebt«, Frank nicht - das macht den Unterschied aus.
Ich hätte nichts dagegen, den Film einem erweiterten Publikum auch in Australien vorzuführen, würde aber empfehlen, anschließend über die Eindrücke miteinander zu reden. Der Film zeigt deutlich, dass nicht nur Danny Goldman und Jakob Eisler, die den australischen Templern schon bekannt sind, als unsere Freunde bezeichnet werden können, sondern auch eine ganze Anzahl weiterer israelischer Historiker, Architekten und Denkmalpfleger. Eine überzeugendere Berichterstattung als in Form der aufgenommenen Interviews, besonders die mit Yossi Ben-Artzi, kann ich mir nicht vorstellen.
Der Film wurde nun tatsächlich in der TSA vorgeführt. In der Ankündigung wurden meine oben zitierten Beurteilungen im »Templer Record« wiedergegeben. Das bewegte den in Israel lebenden Architekten Dr. Danny Goldman, der davon hörte, mir daraufhin den folgenden persönlichen Brief zu schreiben:
»Ich habe mit großem Interesse Ihre Einschätzungen des Films gelesen. Beim Lesen begriff ich, wie glücklich die Tempelgesellschaft sein kann, jemand in ihren Reihen zu haben, der in dieser Weise den geschichtlichen Heilungsprozess unter Deutschen und Juden versteht.
Selbstverständlich gebe ich Ihnen vollkommen Recht, dass der Film nicht 100-prozentig historisch genau ist, dass im Rahmen der gesetzten Möglichkeiten nicht alles geschildert werden konnte und dass hier gezeigt wird, wie auch die jüdische Öffentlichkeit nicht frei von Vorurteilen ist und sich ›Halbwahrheiten‹ in den Film einschleichen konnten.
Um wirklich alle Ungerechtigkeit, die den Templern in Palästina widerfahren ist, darzustellen, müsste ein weiteres Buch geschrieben werden. Ich versichere Ihnen, wie ich es auch Peter Hoffmann versichert habe, als ich ihm 2004 in Australien begegnete, dass ich mich verantwortlich fühle, genau das zu tun. Soweit ich informiert bin, arbeitet auch die TSA Heritage Group an einem solchen Buch.
Zweifellos wird der Film einige Aufregung in Templerkreisen verursachen, vielleicht ungute Gefühle, doch das ist ein Prozess, den wir alle durchmachen müssen, denn am Ende wird er uns stärken. Ein solcher Film wäre vor 20 Jahren noch undenkbar gewesen, als die Gefühle und emotionalen Hemmnisse ein solches Unterfangen nicht zugelassen hätten. Jetzt sind wir ausgewogener; die Juden verstehen, dass die Templer ein konstruktives Element in der Siedlungsgeschichte des Heiligen Landes waren
und dass unsere eigene Geschichte in der Nachkriegszeit ebenfalls »schwarze Flecken«, wie den Waldheim-Überfall und das Wagner-Attentat, aufweist.
Sie und ich (und andere) sind Teil dieses historischen Prozesses. Unsere Bemühungen, die emotionalen Hürden zu überwinden, werden zweifellos einen Beitrag zu einer besseren Welt leisten, in der es weniger Hass und weniger Vorurteile gibt, sondern eine gemeinsame Basis für Verständigung und Toleranz.«
(übersetzt aus dem Englischen von Peter Lange)
Wie Tamar Tuchler, leitende Denkmalschutzbeauftragte in Israel, vor Kurzem mitteilte, ist in dem Tiefbrunnen eines früheren Templeranwesens in der Nähe von Sarona (bei Seleme) eine Radio-Sendeanlage entdeckt worden. Es wird vermutet, dass die Anlage in den 40er Jahren von der jüdischen Untergrundbewegung benützt worden ist. Im Mai 1948 soll Ben Gurion über diesen Sender den neuen Staat Israel ausgerufen haben.
Einige Templer von Sarona hatten in den späten 20er Jahren außerhalb Saronas Land erworben, um darauf Obstgärten anzulegen. Für deren Bewässerung waren Brunnen gebohrt worden.
Helmut Glenk, in »Templer Record«