Die Warte des Tempels
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Brigitte, lass dir ein herzliches Dankeschön sagen für die Dienste, die du der TGD 6 Jahre lang als Gebietsleiterin geleistet hast. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie du zögertest, als ich dich damals bat, eine Kandidatur für dieses Amt anzunehmen. Du sagtest, du seist dafür nicht geeignet, es würden dir wesentliche Voraussetzungen für diesen Posten fehlen. Ich sagte, das könnte im Grunde jeder Kandidat in irgendeiner Hinsicht feststellen. Ehe man nicht die Probe aufs Exempel gemacht hat, weiß man nicht, was man wirklich kann. Und erfahrungsgemäß wächst man mit seiner Arbeit und ihren Anforderungen.
So ist es bei dir gewesen. Du bist in deine Aufgabe hineingewachsen, auch wenn es dir sicher manchmal schwer gefallen sein dürfte. Du hast die Gebietsleitung umsichtig und auf Ausgleich bedacht geführt. Du hast bei divergierenden Auffassungen in einer Sache für eine - manchmal langwierige - Diskussion plädiert und eher zu einer demokratischen Abstimmung geneigt als zu einer Entscheidung aufgrund deiner Amtsautorität. Du hast dich bemüht, zur Entlastung der Gebietsleitung, die ja nur alle zwei Monate zusammentrat, Unterausschüsse zur Verfolgung zeitaufwändiger Fragen ins Leben zu rufen.
In die Zeit deiner Amtstätigkeit fielen eine ganze Reihe außergewöhnlicher Projekte, bei denen du nicht nach einem bereits vorhandenen Muster arbeiten konntest. Deine Amtszeit hatte begonnen mit der Fertigstellung unseres ersten Umbaus im Gemeindehaus 2001 - und zufällig hat sie geendet mit dem zweiten Umbau, der Renovierung des Gemeindesaals. Dann erfolgte die Entscheidung über den Verkauf des Wohnhauses in der Reginenstraße. Danach war die Stelle des Kassenwarts neu zu besetzen. Eine notwendig gewordene Satzungsänderung musste in zwei Etappen durch Mitgliederversammlungen bestätigt werden. Dann ist die TGD in deiner Amtszeit durch die von Jörg Struve gestalteten Seiten im Internet präsent geworden und hat sich dort der Öffentlichkeit dargestellt. Und du hast in deiner Zeit ein neues Templer-Gesangbuch herausgegeben. Es war also, wie man so sagt, in diesen Jahren »einiges los«.
Ich denke, du darfst bei deiner Amtsniederlegung die Gewissheit mitnehmen, dass du wichtige und wertvolle Arbeit geleistet hast. Wir alle danken dir für deinen selbstlosen Einsatz, auch unter manchmal schwierigen Bedingungen. Da du bereit bist, auch weiterhin den Ältestenkreis zu betreuen und der Gemeinde mit deiner gereiften religiösen Grundeinstellung zu dienen, ist das ja heute kein wirklicher Abschied. Doch ich hielt es für angebracht, deine Dienste der letzten Jahre bei dem heute stattgefunden Amtswechsel zu würdigen.
Würdigung von Dr. Brigitte Hoffmann in der Mitgliederversammlung der TGD am 6. Oktober 2007 durch Peter Lange
»Und er sprach: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und schläft und aufsteht, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst er weiß nicht, wie. Denn von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre. Wenn sie aber die Frucht gebracht hat, so schickt er alsbald die Sichel hin; denn die Ernte ist da.« (Markus 4, 26-29)
Diese Bibelstelle reiht sich ein in eine ganze Reihe von Gleichnissen, in denen Jesus vom Reich Gottes spricht und dieses mit anschaulichen Beispielen unterlegt. Für seine überwiegend bäuerlichen Zuhörer sind diese Geschichten mitten aus dem Leben gegriffen und unmittelbar verständlich. Oft geht es dabei um Saat und Ernte. Selbst wir, die wir nicht mehr von Ackerbau und Viehzucht leben und das Brot meistens aus der Bäckerei oder dem Supermarkt beziehen, verstehen das Bild vom Wachsen der Saat auf Anhieb.
Vielleicht fällt uns ein ähnliches Gleichnis im Lukas-Evangelium (17,20-21) ein, das Jesus auf die Frage der Pharisäer erzählt, wann denn das Reich Gottes komme. Bei Lukas antwortet Jesus, dass man das Kommen des Reiches Gottes nicht beobachten könne und auch nicht sagen könne, hier ist es oder dort, vielmehr sei das Reich Gottes schon mitten unter ihnen. Bei Markus geht es mehr darum, was denn das Kommen des Reiches Gottes bewirkt.
Auf den ersten Blick scheint in der Geschichte alles wie von selbst zu funktionieren: Der Bauer sät die Saatkörner aus und die Erde sorgt für den Rest, so dass der Bauer schließlich nur noch ernten muss. Damit unterscheidet sich dieses Gleichnis nicht unerheblich von dem viel bekannteren Gleichnis vom Sämann kurz davor (Markus 4, 1-9). Während dort genau beschrieben wird, welche Voraussetzungen für das erfolgreiche Wachsen der Saat gegeben sein müssen (kein felsiger Boden, keine Dornen usw.), scheinen hier keine besonderen Anforderungen zu gelten. Vom Hegen und Pflegen ist nicht die Rede. Die Saat wächst gleichsam wie im Schlaf, die Erde sorgt für das Gedeihen und Reifen, der Bauer kann es sich selbst nicht erklären. Offenbar kann er den Prozess weder verzögern noch beschleunigen. Will Jesus mit diesem Gleichnis dazu ermuntern, den Dingen ihren Lauf zu lassen? Geht uns das nicht gegen den Strich? Sehen wir die Arbeit am Reich Gottes ebenso gelassen, wenn es um unsere Welt und um unsere Gemeinde geht? Können wir passiv bleiben, wo es doch so viel zu tun gibt?
Ich denke, Jesus will nicht zur Untätigkeit aufrufen. Immerhin steht am Anfang der Geschichte die Aussaat, also nicht das Nichtstun. Und es wäre auch für seine Zuhörer lebensfremd gewesen, wenn er die mühevolle Arbeit, die mit dem Getreideanbau verbunden ist, unterschlagen hätte. Für mich wollte Jesus mit diesem Gleichnis, das die Geschichte vom Sämann ergänzt, zeigen, dass es trotz aller eigenen sinnvollen Anstrengungen hin und wieder notwendig ist, einfach auf Gottes Wirken zu vertrauen, geduldig zu bleiben und nicht zu verzagen, wenn nicht alles machbar ist. Manchmal ist es eben heilsam, die eigenen Grenzen zu erkennen, weil sich Demut und Dankbarkeit dann leichter einstellen. Im Vertrauen auf Gott können wir loslassen und gerade dadurch neue Kraft schöpfen.
Die Anfänge des Islam liegen offen zu Tage. Das ist jedenfalls die Meinung der islamischen Theologie und auch der westlichen Islamwissenschaft. Da gab es den Propheten Mohammed, der von 570 bis 632 lebte, der die Offenbarungen Allahs verkündete, die von seinen Zuhörern aufgezeichnet und kurz nach seinem Tod zum heutigen Koran zusammengestellt wurden. Genauer: Der schriftliche Koran entstand unter dem dritten Kalifen Osman, 18 bis 24 Jahre nach dem Tod Mohammeds. Mit dem Koran begann sofort eine beispiellose kriegerische und religiöse Erfolgsgeschichte der jungen Religion. Sie führte unter den vier »rechtgeleiteten Kalifen« (632-661), den Omaiyaden-Herrschern mit Sitz in Damaskus (661-750) und schließlich den Abbasiden (ab 749) mit der Hauptstadt Bagdad zur Bildung islamischer Großreiche. In diesem Sinn wird immer wieder die Biografie Mohammeds, die Entstehung des Koran und die frühe islamische Geschichte in fast der gesamten Fachliteratur dargestellt.
So schreibt der namhafte Islam-Forscher Rudi Paret in der Einleitung zu seiner Koranübersetzung: »Wir haben keinen Grund anzunehmen, dass auch nur ein einziger Vers im ganzen Koran nicht von Mohammed stammen würde.« Aber wieso eigentlich? Woher weiß Paret das? Auf welche Quellen stützt er sich? Dabei sind doch die vielfältigen Spannungen im Koran überdeutlich, ebenso das Nebeneinander unterschiedlicher, sich teilweise widersprechender Traditionen und die offensichtlichen redaktionellen Überarbeitungen. Es ist beinahe unglaublich, wie über alle literarkritischen Probleme hinweggegangen wird.
Bei einer historisch-kritischen Untersuchung der Quellenlage wird dagegen verblüffend deutlich: Alle diese »Informationen« der klassischen Islamwissenschaft entstammen erst Schriftzeugnissen aus dem 9. Jahrhundert, also einer Zeit rund 200 Jahre nach dem Tod Mohammeds. Es legt sich die Schlussfolgerung nahe, dass die Gestalt des arabischen Propheten historisch völlig im Dunkel bleibt. Härter formuliert: Mohammed steht als historische Gestalt in Frage. »Mohammed ist keine historische Gestalt, seine offizielle Biografie ist das Produkt der Zeit, in der sie geschrieben wurde«, sagt der jüdische Islamwissenschaftler Nevo. Ebenso wird erst im 9. Jahrhundert behauptet, dass die Verkündigungen Mohammeds unter dem dritten Kalifen Osman von einer Kommission dreier Mekkaner unter der Leitung des Zaid ibn Thabit aus Medina zur heutigen Ganzschrift des Koran zusammengestellt worden seien.
»Die dunklen Anfänge - Neue Forschungen zur Entstehung und frühen Geschichte des Islam«: So heißt der Sammelband zu diesem brisanten Thema, den der Autor in Zusammenarbeit mit Gerd-Rüdiger Puin herausgegeben hat. Der Generalnenner der darin veröffentlichten Texte heißt: Der Koran fußt auf einem syrisch-arabischen Christentum, zu dem sich im 7. Jahrhundert viele Stämme im Vorderen Orient bekannten. Sie haben das Christentum angenommen in einer Zeit, als das Konzil von Nizäa im syrischen Raum noch nicht bekannt war. Deswegen verstanden sie Jesus als »Knecht Gottes«, »Gesandten« oder »Propheten«.
Anhand datierbarer Münzen aus dem 7. und 8. Jhdt. und auch mittels einer Inschrift im Inneren des Jerusalemer Felsendoms, einer christlichen Grabeskirche aus dem Jahr 692, ist erkannbar: Hier wird eine syrisch-arabische christliche Theologie dokumentiert, deren zentrales Bekenntnis lautet: Gott ist ein einziger; und gepriesen (muhammad) sei sein Gesandter, Jesus. Bis gegen Ende des 8. Jhdts. waren die Regionen des Vorderen Orients und Nordafrikas offensichtlich beherrscht von arabisch-christlichen Stammesfürsten. Die Omaiyaden-Herrscher in Damaskus und selbst noch die frühen Abbasiden in Bagdad waren Christen.
Spätestens seit Günter Lüling findet sich die Vermutung, dass es schon vor Mohammed eine Art von Ur-Koran mit Hymnen aus einem durch den Christen Arius geprägten Milieu gegeben habe. Arius hatte es 325 auf dem Konzil von Nizäa abgelehnt, von Jesus als Gott zu sprechen. Er unterlag seinem Gegenspieler Athanasius und wurde verfolgt. Nach Lüling ist der arianisch geprägte Ur-Koran später von Mohammed und frühen muslimischen Gemeinden bearbeitet worden.
Jedenfalls ist der Koran sehr stark von einer syrisch-christlichen Theologie geprägt, wie sie in der Zeit vor dem Konzil von Nizäa verbreitet war. Diese Theologie wurde bekanntlich auf dem Konzil verurteilt. Da aber das Konzil in Ostsyrien erst im Jahr 410 auf einer Synode anerkannt wurde und es wohl noch Jahrzehnte dauerte, bis sich diese Anerkennung durchsetzte, müssen arabische Stämme das Christentum schon recht früh angenommen haben. Und diesen Glauben ihrer Anfangszeit behielten sie bei.
Karl-Heinz Ohlig in: »Publik-Forum«, Dossier »Der Islam und die Freiheit«, 2006