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Die Warte des Tempels

Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 163/10 - Oktober 2007


Wechsel im Vorsteher-Amt

Rückblick auf meine Tätigkeit als Verbindungsmann der Templer

Es sind jetzt 6 Jahre her, seit ich von Dieter Ruff das Tempelvorsteher-Amt übernommen habe. Es stimmt mich traurig, dass ich mitten in dieser Zeit - nämlich im November 2004 - vom Tod meines Vorgängers erfahren musste. Dieter war mir über viele Jahre hinweg ein treuer Freund gewesen, und ich hätte ihn so gern noch weiterhin als einen Berater für mein Amt gehabt.

Nun habe ich mich also in diesem Jahr entschlossen, einer Verlängerung meiner Amtszeit über den von den Satzungen her bestimmten 75. Geburtstag hinaus nicht zuzustimmen, denn diese Satzungsbestimmung hat ihre gute Begründung und eine Nachfolge-Entscheidung muss so oder so gefällt werden. Inzwischen ist durch die Wahl der Gebietsleitungen von TSA und TGD Dr. Rolf Beilharz zu meinem Nachfolger bestimmt worden - diese Wahl muss nur noch von den jeweiligen Mitgliederversammlungen am 6. und am 21. Oktober durch ein Mehrheitsvotum bestätigt werden. So kommt also jetzt wieder Australien mit der Ernennung eines Tempelvorstehers zum Zug, was wegen der weitaus größeren Mitgliederzahl dort durchaus seine Berechtigung hat.

Der Tempelvorsteher neuerer Zeit hat nach geltender Satzung keine Entscheidungsbefugnis in laufenden Angelegenheiten von TGD und TSA. Seine Aufgabe ist, wie es in der Satzung heißt, »die Verantwortung für die religiöse Ausrichtung und Einheit von TGD und TSA«. Nur was die gemeinsame Ausrichtung angeht, kann er in laufende Angelegenheiten eingreifen. Durch welche Aktivitäten er seine Amtsbestimmung erfüllt, ist allein seiner Entscheidung überlassen. Jeder Amtsinhaber muss sich eigene Gedanken machen, wie er sein Amt auszufüllen gedenkt.

Ich hatte mir seinerzeit die Aufgabe gestellt, für drei Ziele besonders einzutreten, die die Einheit und die religiöse Einigkeit der Templer fördern würden: 1. die Förderung des Besucher-Austausches zwischen den Ältestenkreisen, 2. die Herausgabe weiterer Tempel-Literatur, und 3. die Intensivierung geistig-religiöser Lehrveranstaltungen (z.B. Konfirmandenkurse und Seminare).

Beim Besucheraustausch von Gemeinde-Ältesten gelang es mir, in meinen Amtsjahren 4 Freunde der TSA zu mehrwöchigen Aufenthalten in Stuttgart zu bewegen. Es waren dies Mark Herrmann (2002), Helga Anderson (2004), Renate Beilharz (2005), Renate Weber (2005). Im Gegenzug besuchten Karin und Jörg Klingbeil, Brigitte Hoffmann und Otto Hammer die australischen Templer. Ich selbst flog viermal auf die andere Seite der Erdkugel - 2002, 2004, 2005 und 2007 - und versuchte, dort Kontaktgespräche zu führen und an Gemeindeveranstaltungen teilzunehmen. Ich habe dabei nicht nur die Templer im Großraum Melbourne besucht, sondern auch die Mitglieder in Sydney und in Südaustralien.

Was die Herausgabe neuer Tempel-Literatur anbetrifft, so geschah dies vor allem in Gestalt der beiden Sammelbände von Predigten und Aufsätzen Brigitte Hoffmanns »Meine Erfahrungen mit der Bibel« (2001) und »Mein Verständnis von Jesus« (2006) sowie durch das Heft »Wie es zum Tempel kam« (2003), das ein Jahr später auch in englischer Übersetzung (»Origins of the Temple Society«) erschien. Auf meine Veranlassung und Unterstützung hin wurde der Predigtband »Meine Erfahrungen mit der Bibel« ebenfalls ins Englische übersetzt wie auch das Erzählbuch »Damals in Palästina« (»Memories of Palestine«, 2005). Eine englischsprachige Version des Templer-Handbuchs unter besonderer Berücksichtigung der TSA-Geschichte ist noch in Vorbereitung. Diese Aufzählung zeigt, dass ich die Erweiterung englischsprachiger Literatur für die Einheit und religiöse Ausrichtung der Templer von größter Wichtigkeit halte.

Bezüglich der religiösen Erziehung junger Menschen gab es für mich keine Notwendigkeit, eigene Initiativen zu ergreifen. Sowohl bei der TGD, wo trotz geringer Konfirmandenzahlen immer wieder Unterrichtskurse stattfinden, wie auch bei der TSA, wo inzwischen klare Unterrichtspläne vorliegen und neue Zusatzangebote erprobt werden, haben wir gute Lehrkräfte zur Verfügung. Ausbaufähig ist dagegen noch die Erwachsenen-Bildung, die den Gemeinde-Ältesten anstelle eines Theologie-Studiums das notwendige Rüstzeug für die religiöse Arbeit vermitteln soll. Bei den jährlich stattfindenden Wochenend-Seminaren der TGD (neuerdings über eine Dauer von 4-5 Tagen) habe ich in der Vorbereitung und Durchführung mitgewirkt, während sich meine Hilfe in der TSA durch die begrenzte Zeit meiner Australien-Aufenthalte auf einzelne Gesprächsabende beschränken musste.

Außer diesen Tätigkeiten arbeitete ich noch an einer Sammlung genealogischer Daten aller Templerfamilien zur Vervollständigung unserer Archivunterlagen, was einen beträchtlichen Zeitaufwand bedeutet hat, der natürlich neben meinen Aufgaben als Gemeinde-Ältester und Schriftleiter der TGD einhergehen musste.

Es war mir in Ausführung meines Amtes ein Bedürfnis, mit möglichst vielen Mitgliedern und Freunden der Templer in Verbindung zu treten und Gedanken mit ihnen auszutauschen, sei es beim persönlichen Zusammentreffen oder auf telefonischem oder schriftlichem Weg. Dies bezog sich auch auf Angehörige des Bundes für Freies Christentum, dem die TGD korporativ angeschlossen ist.

Es ist mir bewusst, dass ich nicht zu einer Steigerung der Mitgliederzahlen von TGD und TSA beitragen konnte. Unsere gegenüber anderen Kirchen und Glaubensgemeinschaften geringe Zahl bedeutet aber nicht, dass ein freiheitlich verstandenes Christentum templerischer Prägung keine Bedeutung mehr hätte. Wir sollten selbstbewusst weiterhin in die Zukunft schauen und - in den Worten eines unserer Freunde aus dem Freien Christentum - »daran glauben, dass es wichtig ist, dass es uns gibt«.

Peter Lange


Wer war Jesus wirklich?

Sein Menschsein als Fundament liberaler Christologie

Es wird immer wieder gefragt, worin denn das von anderen Kirchen und Gemeinschaften abweichende Glaubensverständnis der Templer bestehe. Hier dürfen wir hauptsächlich auf unser Verständnis Jesu verweisen, der für uns gottbegnadeter Mensch und Leitbild ist. Doch dieses Verständnis ist nicht auf Templer begrenzt, wie die folgenden Aussagen von Prof. Dr. Werner Zager, dem Präsidenten des Bundes für Freies Christentum, zeigen.

Von Jesu Lebensweg sind nur einige wenige Stationen historisch zu sichern: Herkunft aus dem galiläischen Nazareth als Sohn des Bauhandwerkers Joseph und dessen Frau Maria (Markus 6,3), geboren wohl noch unter der Regierung des jüdischen Königs Herodes des Großen ca. 4 vor Christus (Matthäus 2,1), Umkehr-Taufe durch den Gerichtspropheten Johannes im Jordan (Markus 1,9-11), prophetische Wirksamkeit als Wanderprediger der anbrechenden endzeitlichen Gottesherrschaft, verbunden mit der Sammlung eines Jüngerkreises, Zug nach Jerusalem, Gefangennahme auf Veranlassung der jüdischen Tempelaristokratie (Markus 14,43-52) wegen seiner Zeichenhandlung im Jerusalemer Tempel, die die bevorstehende endzeitliche Ablösung des Tempelkults signalisierte (Markus 11,15-17) und Kreuzigung als politischer Rebell (»König der Juden« - so der Kreuzestitulus nach Markus 15,26 parr.) auf Befehl des römischen Präfekten Pontius Pilatus wahrscheinlich am 14. Nisan (also im April) des Jahres 30.

Wie für jeden frommen Juden, so war auch für Jesus die Thora, d.h. die fünf Bücher Mose bzw. die darin enthaltenen Gebote und Verbote, Kundgabe des Willens Gottes. Zugleich setzte er aber besondere Akzente.

Hinsichtlich der Ethik verschärfte Jesus die Bestimmungen der Thora, wenn er etwa das alttestamentliche Verbot des Ehebruchs überbot: »Ich aber sage euch: Jeder, der eine Ehefrau ansieht, um sie zu begehren, hat schon mit ihr in seinem Herzen die Ehe gebrochen« (Matthäus 5,28).

Dagegen ist in Bezug auf Kultus und Ritus eine Lockerung der Normen zu beobachten. Denken wir nur an Jesu Heilungen am Sabbat, die er rechtfertigte mit Aussprüchen wie: »Der Sabbat ist um des Menschen willen geworden, und nicht der Mensch um des Sabbats willen« (Markus 2,27) oder »Ist es erlaubt, am Sabbat Gutes zu tun oder Böses zu tun, Leben zu retten oder zu töten?« (Markus 3,4).

Jesus verstand sich nicht nur selbst als einen Propheten, sondern wurde auch so von seinen Zeitgenossen wahrgenommen. Den Mittelpunkt seines prophetischen Verkündigens und Wirkens bildete das Kommen der endzeitlichen Gottesherrschaft. Damit befand er sich in der Nachfolge Johannes des Täufers, dessen Botschaft und Umkehr-Taufe durchdrungen waren einerseits von der akuten Naherwartung des für Israel unmitttelbar bevorstehenden Endgerichts, andererseits zugleich von der Hoffnung auf die endgültige irdische Durchsetzung der Herrschermacht Gottes.

Charakteristisch für Jesus war, dass er verkündigte, Gottes endzeitliche Herrschaft setze sich bereits gegenwärtig durch. Mit dem Satanssturz aus dem Himmel, den Jesus schaute (Luk. 10,18), hat aus seiner Sicht bereits das Endgericht begonnen, und die Überwindung des Satansreiches vollzieht sich sowohl in seinem eigenen exorzistischen Handeln als auch in dem seiner Jünger (vgl. Lukas 11,20). Gottes Herrschaft verwirklicht sich Jesu Botschaft zufolge in einem Prozess, der in naher Zukunft zum Abschluss kommen wird.

Ein wahrhaftiges Verständnis Jesu kann meines Erachtens seinen Ausgang nicht bei den altkirchlichen Glaubensbekenntnissen nehmen, sondern muss bei der geschichtlichen Person Jesu einsetzen, dem jüdischen Propheten der Gottesherrschaft.

Zum einen entspricht dies Jesu Antwort auf die Frage des reichen Mannes, was er tun müsse, um das ewige Leben zu gewinnen (Markus 10,17-22). Jesus weist nämlich gleich zu Beginn die Anrede mit »guter Meister« zurück und stellt heraus, dass nur Gott allein gut sei.

Diese Reaktion Jesu »Was nennst du mich gut? Niemand ist gut außer Gott allein« ist schwerlich erst christlicherseits ausgedacht und Jesus in den Mund gelegt worden, bereitete sie doch schon dem Evangelisten Matthäus Probleme. Deshalb änderte er hier die Markusvorlage ab und formulierte viel weniger verfänglich: »Warum fragst du mich über das Gute?« (Matthäus 19,17). Bis heute ist es so, dass dieses Wort Jesu »Was nennst du mich gut? Niemand ist gut außer Gott allein« zum einen für jede traditionelle Christologie (= Jesus ist »wahrer Gott und wahrer Mensch«) ein Ärgernis bleibt, zum andern aber zum Fundament einer liberalen Christologie gehört, die mit dem Menschsein Jesu Ernst macht.

Zum anderen müssen wir eingestehen, dass Jesu Hoffnung auf das Kommen des endzeitlichen Gottesreiches sich nicht so erfüllte, wie es seiner Erwartung entsprach. In dieser Hinsicht vermag Jesus - um eine Wendung Albert Schweitzers aufzugreifen - »für uns nicht eine Autorität der Erkenntnis, sondern nur eine des Willens zu sein«. Gottes Reich gilt es von uns im Alltag dieser Welt zu verwirklichen und nicht lediglich einfach zu erhoffen. Maßgeblich ist dabei Jesu Ethik, die uns insbesondere in der Bergpredigt (Matthäus 5-7) begegnet.

Von Jesu Person und Wort ging und geht auch heute eine geistige Strömung aus, die - befreit von vergangenen Vorstellungsformen - Menschen ergreift, deren Denken, Glauben, Hoffen und Lieben vertieft und neues geistiges und ethisches Wachstum hervorbringt.

Werner Zager, Ausschnitt aus einem Beitrag in »Freies Christentum« Heft 4/2007


Weitere freichristliche Aussagen über Jesus

Jesus von Nazareth hat in besonders starker Weise den Willen Gottes empfunden und ihm zum Durchbruch verhelfen wollen. Er war sich wohl bewusst, dass er dabei sein Leben riskiert. Seinen Tod als stellvertretendes Sühneopfer halte ich jedoch für eine nachträgliche Interpretation. Auch stehen die Mythen um seine Person nicht im Zentrum meines Glaubens.

Das Entscheidende ist vielmehr seine Botschaft. Deren ursprüngliche Konturen werden heute durch die Methoden der historisch-kritischen Forschung wieder deutlich. So gehen wahrscheinlich weder die Annahme eines Jüngsten Gerichts noch der Wiederkunft des Heilands auf Jesus selbst zurück. Auch ist für ihn die Endzeit nicht gleichbedeutend mit übernatürlich oder jenseitig. Im Mittelpunkt seiner Botschaft steht das Reich Gottes hier und jetzt auf der Erde.

Im Judentum der Zeit Jesu galt der Begriff des Reiches Gottes als heile Welt, in der Gottes Wille in allem und von allen beachtet wird. Die Verwirklichung dieses idealen Zustands wurde als bevorstehendes Heilswerk Gottes in der Endzeit erwartet.

Jesus rückt diese Erwartung von der Zukunft in die Gegenwart. Er verkündet die Endzeit als angebrochen und das Reich Gottes als schon »mitten unter euch«. In seinen Gleichnissen spricht er vom Samen, der ausgebracht ist und nun wachsen wird, oder vom Gastmahl, das jetzt schon bereitet ist. Und so lädt er seine Zeitgenossen zur Umkehr ein. Indem ihr Handeln von Liebe bestimmt ist, keimt das Reich Gottes immer mehr auf. Machtstreben und Unterdrückung stehen dem ebenso entgegen wie Anhäufung von Reichtum. Jesus wirbt um Vertrauen, die hier und heute gegebenen Möglichkeiten ohne Zögern zu nutzen. Er beschreibt die Züge einer neuen Gesellschaft und lebt sie mit seinen Anhängern vor: in einer freudvollen Gemeinschaft, die Hierarchie nicht kennt, sondern auf Vertrauen und Nächstenliebe gründet.

Wir heute werden unter dem Reich Gottes kein Königreich mehr verstehen. Ebensowenig können wir die endzeitlichen Vorstellungen der Zeitenwende teilen. Doch auch unter heutigen Einsichten gilt die Jesus-Botschaft, dass sich eine bessere Welt wie von selbst einstellen wird, sobald wir das zulassen und fördern. Wir müssen das Reich Gottes weder erwarten noch herbeiführen. Es ist längst da. Not und Elend in der Welt sind nicht Zeichen seines Ausbleibens, sondern Ergebnis menschlichen Verhaltens, welches das Wachsen des Gottesreiches behindert. Diese Erde ist eine überaus freundliche Heimat. Die ungeahnt positiven Möglichkeiten weiterer Entwicklung werden sich in dem Maße für uns auftun, wie wir den Mut zu liebevollem Verständnis für Mitmenschen und Umwelt aufbringen - das ist in heutigen Worten die Botschaft vom Reich Gottes.

Klaus Simon von der »Ökumenischen Initiative Reich Gottes - jetzt!«


»Wie im Himmel - Von der Schönheit des Reiches Gottes«

So lautete das Motto einer Studientagung in Stein bei Nürnberg am ersten Juli-Wochenende. Peter, Jörg und ich hatten uns von der Einladung der »Ökumenischen Initiative Reich Gottes Jetzt!« ansprechen lassen und waren am Freitagnachmittag gestartet. Gerade rechtzeitig zum Abendessen trafen wir im Tagungs- und Gästehaus des Frauenwerks Stein ein und konnten bei Tisch erste Bekanntschaften machen.

Danach stellten sich die Teilnehmer der Tagung, in einem Kreis sitzend, gegenseitig vor, indem sie ihren Namen nannten und ihr »Mitbringsel zum Reich Gottes« mit einem Kommentar in die Mitte legten (jeder war im Vorfeld aufgefordert worden, etwas dafür mitzubringen) . So saßen wir schließlich um ein abwechlungsreich gestaltetes Zentrum herum, das für die Teilnehmer jeweils einen Aspekt des Reiches Gottes symbolisierte: mit einer »Regenbogenkerze«, einer Weltkugel (dem Symbol der Initiative) und einem Topf mit Lavendel hatte die Sammlung begonnen, hinzu kamen von den Teilnehmern Bilder mit besonderen Motiven aus der Natur, von Familie und gemeinsamem Essen, ein Glas mit Wasser, ein Schriftstück, dessen Inhalt einem Teilnehmer sehr am Herzen lag, das Templer-Gesangbuch, ein Wolf und eine Giraffe als Symbol für den besonderen Umgang miteinander, ein Türkisarmband als Symbol für gemeinsamen meditativen Tanz, den eine Teilnehmerin als ein besonderes Gemeinschaftserlebnis erfahren hatte, und noch manches mehr. Die Gegenstände bildeten symbolhaft das Zentrum unseres Zusammenkommens bis zum Ende der Tagung am Sonntag.

Hauptreferent sollte eigentlich Professor Klaus-Peter Jörns am Samstagvormittag sein, doch leider hatte er sein Kommen wegen einer schweren Erkrankung kurzfristig absagen müssen. Ersatzweise stellte er einen Vortrag zur Verfügung, den er auf dem diesjährigen Evangelischen Kirchentag gehalten hatte ( Thema: »Was macht den lieben Gott mächtig?«) und der vorgelesen wurde. Darin ging es um die Liebe Gottes, die allgegenwärtig ist und des Sühnopfers Jesu nicht bedarf. Die diskussionswürdigen Aspekte, die sich aus diesem Vortrag ergaben, wurden in vier Gruppen unabhängig voneinander bearbeitet: eine Gruppe beschäftigte sich mit dem zitierten Gleichnis vom verlorenen Sohn, das unter den Zuhörern sehr unterschiedlich interpretiert wurde, eine zweite Gruppe setzte sich mit den sich aus dem Vortrag ergebenden Konsequenzen für die kirchliche Liturgie auseinander, eine dritte Gruppe beleuchtete den sich ergebenden Konflikt mit Paulus und Texten des Alten Testaments, und in der vierten Gruppe ging es um Sterblichkeit und Auferweckung.

Auch am Nachmittag war wieder Gruppenarbeit angesagt, diesmal ging es in allen Gruppen um das, was die Schönheit des Reiches Gottes ausmacht. In der abschließenden großen Runde stellte sich heraus, dass alle Gruppen unter Schönheit nicht nur den ästhetischen Aspekt verstanden, sondern mehr noch eine »innere« Schönheit, die sich darin äußert, dass der Mensch sich im Umgang mit anderen Menschen und Lebewesen und der Umwelt so verhält, dass dieses Verhalten mindestens keinen Schaden anrichtet, bzw. anderen gut tut.

Trotz dieser Einigkeit wurde an konkreten Beispielen recht schnell klar, dass es doch auch verschiedene Sichtweisen gibt und beim einen eine Grenze sehr viel früher oder ganz woanders erreicht ist als beim anderen. Eines dieser konkreten Beispiele, für die ein solcher allgemein gültiger Maßstab schwer zu finden ist, war das Thema des Fleisch-Essens - sehr viele Teilnehmer der Tagung sind überzeugte Vegetarier.

Der Samstag wurde mit einem Festmahl beschlossen, das einerseits eine Art Agapefeier darstellte und mit dem andererseits das 5-jährige Bestehen der Initiative gefeiert werden sollte. Aus dem Stuhlkreis war eine Festtafel in U-Form, bedeckt mit weißen Tischtüchern, geworden, Pfarrer Kuno Hauck sprach kurze Einführungsworte:

»Auf dem Altar stehen Brot und Wein, Zeichen des Festes, das jetzt schon beginnt, Zeichen der Hoffnung, die Jesus immer wieder und noch in der letzten Nacht weitergeschenkt hat. Durch Brot und Wein empfangen wir die Kraft zu einem neuen Leben, werden befreit zur Freude, zur Einfachheit und zur Barmherzigkeit. Brot und Wein sind Zeichen der neuen Welt, in der wir Menschen im Frieden miteinander leben und im Einklang mit unserer Mitwelt, in der Lüge ein Fremdwort ist, Tränen getrocknet werden und niemand mehr lernt, Kriege zu führen, in der alle das Leben haben und es in Fülle haben. Mitten in Tod und Bedrängnis feiern wir das Reich Gottes - mitten unter uns. Seht, Gottes Reich ist schon da in unsrer Welt!«.

Dann reichte einer dem anderen den Korb mit Brot weiter mit den Worten: »Nimm vom Brot des Lebens«. Dann wurden Tonkelche mit Traubensaft vom einen zum anderen gereicht mit den Worten »Nimm vom Kelch des Heils«. Danach bediente man sich vom vegetarischen Fest-Buffet.

Für mich stand das Festessen ein wenig im Gegensatz zu dem formelhaften »Nimm vom ...« beim Weiterreichen von Brot und Rebensaft, weil es nicht in das Festmahl integriert war und diese so nach meinem Gefühl zu fremden Elementen beim gemeinsamen Essen wurden. Als symbolhafte und verkürzte Handlung - beispielsweise in einem Gottesdienst - könnte ich mir eine solche Vorgehensweise vorstellen; wenn man sich aber zusammensetzt, um miteinander Mahlgemeinschaft zu feiern, sollten nach meiner Ansicht Brot und Wein oder Traubensaft in dieses Essen eingebunden sein. Dann finde ich mich in der Tischgemeinschaft, wie ich sie mir bei Jesus vorstelle, wieder - ganz besonders auch, wenn wir davon ausgehen, dass Jesus die überlieferten Einsetzungsworte nie gesprochen hat, sondern dass ihm diese später in den Mund gelegt worden sind.

Der Abend klang im gemütlichen Beisammensein aus, wobei ein musikalischer Beitrag mit Gesang und Klavier nicht unerwähnt bleiben soll.

Am Sonntag begann direkt nach dem Frühstück das »Kreativcafé«, zu dem ebenfalls schon im Vorfeld alle Teilnehmer aufgefordert worden waren, einen Beitrag mitzubringen. Am Abend vorher koordinierte einer der Organisatoren, Dr. Gerhard Breidenstein, diese Beiträge, und so wechselten sich Lieder, meditativer Tanz, Musikbeiträge, Gedichte, Geschichten und Texte zum Thema Reich Gottes in vielfältiger Weise ab, so dass zwei Stunden wie im Fluge vergingen. Ohne dass es als Gottesdienst bezeichnet worden wäre, war es eine andächtige, facettenreiche und sehr persönliche Zeit der gemeinsamen Besinnung, die mir persönlich besonders gut gefallen hat.

Karin Klingbeil


»Heimkehr« eines Grabsteins

Vor längerer Zeit erhielten wir von Shay Farkash, Grabstein Heinrich BreischRestaurator in der ehemaligen Templersiedlung Sarona, die Mitteilung, man habe in einem Privatgarten im nahe gelegenen Stadtteil Ramat Gan den Grabstein von Heinrich Breisch entdeckt. Wie dieser Stein dorthin kam, ist uns noch unbekannt, vermutlich im Zuge der Umbettungsaktion nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Tempelkolonie durch den Verkauf an die Stadt Tel-Aviv aufgelöst worden war.

Unser australischer Templerfreund Horst Blaich fragte daraufhin in Israel an, ob der Grabstein eventuell auf den Templer-Friedhof nach Jerusalem gebracht werden könnte, da seit der Zeit des Kolonie-Verkaufs alle Toten Saronas auf diesem Friedhof ruhen würden. Zu unser aller Freude hat eine Gruppe israelischer Freunde, bestehend aus Shay Farkash, Dr. Danny Goldman, Tamar Tuchler (Denkmalschutz-Vereinigung) und ein paar Helfern, den Grabstein inzwischen nach Jerusalem gebracht und an der Seitenmauer aufgestellt. Wir sind diesen Freunden für ihre Hilfsbereitschaft und ihren Einsatz zutiefst dankbar.
Grabstein Heinrich Breisch

Heinrich Breisch ist 1922 in Sarona gestorben. Er war unseres Wissens zusammen mit seinem Bruder Paul in dem Handelsgechäft der Familie Breisch in Jaffa tätig, das in der Anfangszeit der Templer eine große Bedeutung hatte, da man die für den Hausbau notwendigen Baustoffe führte und sogar Dachziegel aus Marseille importierte. Dr. Jakob Eisler hat in seinem Jaffa-Buch darüber berichtet und erwähnt, dass der Ankauf der ersten Gebäude der Tempelkolonie Jaffa einstens vom Firmengründer Johann Conrad Breisch in die Wege geleitet worden war. Dieser ist einer der von Hoffmann eingesetzten Gemeinde-Ältesten der Gründerzeit gewesen.

Peter Lange

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