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Die Warte des Tempels

Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 163/9 - September 2007


Der Kern des Tempelglaubens

Über das Prinzip des behutsamen und ehrfürchtigen Umgangs mit der Transzendenz • Otto Hammer

I. Der Anfang des Tempels

Der Jahrestag der Tempelgründung ist - wie jedes Jahr - Anlass, über die Grundfragen des Tempelglaubens nachzudenken. Es geht bei diesem Vortrag nicht um das, was der Tempelglaube besagt, sondern um die Frage, warum der Tempelglaube so ist und was hinter seinen Aussagen steckt. Oder andersherum: Was sind die Maßstäbe für unseren Glauben? Was ist sein Kern?

1. Der eigentliche Anfang

Die Entwicklung zum Tempel begann lange vor dessen formaler Gründung, und zwar in der Stunde, als Christoph Hoffmann, damals Abgeordneter im Frankfurter Parlament, für eine Trennung von Kirche und Staat stimmte. Er hatte sich damit in Gegensatz gestellt

  • zu seinen Oberen, der Württembergischen Landeskirche,
  • zu seinen Wählern, den pietistischen Kreisen,
  • zu seinem Arbeitgeber, der Salon-Schule, die der Kirche unterstand.

Und so hatte er an diesem Tag seine geistige Heimat in der Kirche, seine Stellung in der pietistischen Gesellschaft und seinen Beruf riskiert, an dem das Einkommen, die Wohnung und der Familienzusammenhalt hing. Kurz: er hatte seine ganze Existenz aufs Spiel gesetzt - und verloren.

2. Die Neuorientierung

Ich weiß nicht, ob Hoffmann sich der persönlichen äußeren und inneren Tragweite der damaligen Abstimmungsentscheidung bewusst war. Aber wer so aus der Bahn geworfen wird, der muss neu anfangen. Er muss sich neu orientieren und herausfinden, wo er steht und wohin er will.

Christoph Hoffmann tastete sich zurück auf seine erste Glaubensprägung, den Korntaler Pietismus, auf den Korntaler Pfarrer Jakob Friederich und auf dessen Ausbildungspfarrer, Hoffmanns Schwiegergroßvater Philipp Matthäus Hahn. Es war der Bezug auf die separatistische Linie des württembergischen Pietismus.

Und wie dieser Pietismus besann sich auch Hoffmann zurück auf die Anfänge des Christentums, auf Jesus und seine Botschaft und auf die Urgemeinde, und er machte sich deren Anliegen zu eigen:

  • die Naherwartung des Gottesreichs als Ausdruck der Gottesvorstellung
  • und den Anspruch, so zu leben, als ob dieses Reich schon da wäre.

Wir teilen heute nicht mehr die Naherwartung des Gottesreichs. Aber das ist auch nicht von Gewicht. Solche Naherwartungen kommen und gehen. Es sind Zeiterscheinungen. Es ist das Atmen des Glaubens, das die Menschen zur religiösen Höchstleistung führen kann, die Urgemeinde, wie auch die frühen Templer.

In erster Linie wichtig für Christoph Hoffmann war die Gottesvorstellung Jesu, die sich in der positiven und hoffnungsfrohen Erwartung des Königreichs Gottes ausdrückt. Sie ist der Ausgangspunkt der jesuanischen Botschaft. Sie ist die Grundlage der jesuanischen Ethik, die für die Urgemeinde galt, die von den frühen Templern übernommen wurde und der wir uns auch heute noch verpflichtet fühlen.

II. Die Botschaft Jesu von Nazareth

1. Das Gottesbild Jesu

Jesus hat uns ein ganz spezielles Gottesbild hinterlassen. Es ist das Bild des einen Gottes, der das ganze Spannungsfeld zwischen absoluter Ferne und absoluter Nähe abdeckt. Beide Pole, die unerreichbare, respektheischende Ferne und die fürsorgliche Nähe haben ihren Ursprung in der jüdischen Glaubenskultur und in der Tradition des Alten Testaments. Im 5. Mosebuch ist dieser Bogen von Ehrfurcht und Liebe vorgezeichnet:

(6.2) ... damit du dein Leben lang den HERRN, deinen Gott, fürchtest und alle seine Rechte und Gebote hältst, die ich dir gebiete.

(6.5) Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.

Das war zuerst der bildlose und unkörperliche Gott vom Sinai, dem man sich nicht nähern durfte und den man nicht sehen konnte, weil das Überschreiten der Grenze den Tod nach sich zog. Aber es war auch der fürsorgliche Gott, der sein Volk aus der Knechtschaft führte, der es in der Schutzlosigkeit der Wüste beschützte, der ihm zu essen und zu trinken gab, als es hungerte und dürstete, und der es schließlich in eine Heimat führte.

Das jesuanische Gottesbild hat diesen Bogen zwischen den beiden Polen, Distanz und Nähe, nicht verringert, sondern eher verstärkt. Gott bleibt groß und unnahbar, wie am Sinai. Er ist eine transzendente Größe, außerhalb von Zeit und Raum, unerforschlich und unerfahrbar und nicht einmal in seiner übergroßen Liebe als Vater nachvollziehbar.

Jesus zeigt uns jedoch auch das Bild eines Gottes, der in seiner unendlichen Größe die Welt erschaffen hat und in seiner unendlichen Liebe jedes Einzelne seiner Geschöpfe liebt. Es ist das Bild vom Vatergott. Aber diesem Bild liegt die jüdische Vorstellung vom Vater zugrunde. Das ist kein Schmusevater, der mit seinem Kind Fußball spielt. Es ist die Vorstellung des Verehrung und Gehorsam fordernden Patriarchen, der Liebe und Hingabe erwartet, weil er sich seinen Kindern in Liebe und Güte zuwendet.

Diese Welt verdankt sich Gott, aber der ist nicht von dieser Welt. Er hat die Welt, also Zeit und Raum, geschaffen, aber er steht außerhalb von Zeit und Raum. Und deshalb sagt Jesus zu der Samariterin am Jakobsbrunnen im Johannesevangelium:

(4.24) Gott ist Geist, und die ihn anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.

2. Jesu Konsequenzen

Gott steht außerhalb von Raum und Zeit. Wir Menschen aber sind mit unserem ganzen Sein auf das Raumzeitliche beschränkt. Wir haben kein Organ, um das, was außerhalb ist, wahrzunehmen. Wir haben auch nicht die Fähigkeit, es zu begreifen, und nicht die Sprache, es zu sagen. Lediglich das Gefühl der »schlecht-hinnigen Abhängigkeit« erweckt in uns die Sehnsucht des Glaubens. Das Bewusstsein der Unzulänglichkeit des eigenen Seins erweckt im Menschen das Sehnen nach dem Absoluten und Vollkommenen.

Diese Sehnsucht berechtigt uns zur Verehrung Gottes, aber nicht zum Einreißen der Distanz. Sie berechtigt uns nicht, Gott sehen zu wollen, und schon gar nicht dazu, so zu tun, als hätten wir ihn gesehen oder sonstwie wahrgenommen. Sie berechtigt uns auch nicht, Gott beeinflussen zu wollen oder gar zu beschwören. Selbst unser Gebet sollte der Verehrung dienen, aber nicht der Manipulation. Deshalb lehrte Jesus seine Jünger, richtig zu beten mit den Lobpreisungen des Vaterunsers.

Und so setzt sich Jesus auseinander mit den Pharisäern. Nicht, weil sie sich bemühen, gut zu leben und die Gebote einzuhalten. Was er ihnen vorhält, ist, dass sie vorgeben, den Willen Gottes genau zu kennen und erfüllen zu können. Was er ihnen vorwirft, ist, dass sie versuchen, den Willen Gottes in Formeln zu zwängen und diesen Formeln Absolutheit zuzusprechen.

So relativiert er die Sabbatformel, indem er am Sabbat den Lahmen am Teich Bethesda heilt und seine Jünger am Sabbat Ähren raufen lässt. Und so relativiert er ihre Einheitsformeln, indem er mit den Unreinen, den Zöllnern und Sündern, Tischgemeinschaft pflegt.

Jesus setzt sich auch mit den Schriftgelehrten auseinander. Nicht, weil sie ihr ganzes Leben der Erforschung der Schrift widmen und weil sie über Gott und seinen Willen nachdenken. Was er ihnen vorhält, ist, dass sie die Schrift verabsolutieren und den Buchstaben der Schrift zum »unabdingbaren Wort Gottes«, zur »ewigen Wahrheit« hochstilisieren. Und er machte diese Vorbehalte deutlich, als er in der Synagoge von Nazareth seine Schriftlesung abbrach und die Schriftrolle dem Synagogendiener zurückgab, weil er den nachfolgenden Text nicht für gut fand. Er riskierte damit, wegen Gotteslästerung vom Absturzberg zu Tode gestürzt zu werden.

Kurz: Jesus lehrte uns, den respektvollen Abstand zum Göttlichen einzuhalten, er lehrte uns den ehrfürchtigen, behutsamen Umgang mit dem Übersinnlichen. Aber er lehrte uns auch, uns geborgen zu fühlen in der Liebe Gottes, der seiner Schöpfung ein gutes Ziel gesetzt hat und sie in Liebe begleitet. Und dafür ist er schließlich in den Tod gegangen.

III. Der neue Glaube

1. Das erste Kriterium des Glaubens

Und nun die Frage: Was hat der Tempel, was hat Christoph Hoffmann mit dieser Erkenntnis der Botschaft Jesu gemacht? Wie hat er diesen Bogen von Ferne und Nähe Gottes, von demütiger Ehrfurcht und liebevoller Geborgenheit umgesetzt? Und das in der Umwelt des 19. Jahrhunderts, in der sich enorme geistige Umwälzungen vollzogen hatten? Hoffmann hielt sich an das Jeuswort:

(Joh 4,24) Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.

Er übersetzte dieses Wort - ohne viele Worte daraus zu machen - mit der Forderung zum ehrfürchtigen und behutsamen Umgang mit der Transzendenz, dem Göttlichen. Der Mensch muss die Kraft aufbringen, die Ungewissheit Gottes, die Ferne Gottes, zu ertragen. Er darf sich keine falsche Gewissheit anmaßen oder erschleichen. Gott ist nicht verfügbar.

Christoph Hoffmann sah sich aufgerufen, seinen Glauben, und damit auch den Glauben und die Glaubenspraxis der Kirche, auf dieses erste religiöse Kriterium hin zu hinterfragen. Das war übrigens keine hoffmannsche Erfindung. Dieses Anliegen durchzieht die Kirchengeschichte. Das Mittelalter führte heiße Diskussionen darüber, was man über Gott aussagen könne und dürfe. Für Luther war diese Frage der Auslöser und das besondere Anliegen der Reformation.

Es war für Hoffmann auch persönlich nichts Abwegiges oder Revolutionäres. Er folgte dabei der separatistisch-pietistischen Tradition und dem Vorbild seines verehrten Schwiegergroßvaters Philipp Matthäus Hahn. Auch der hatte sich in erster Linie am irdischen Jesus orientiert, weshalb er gelegentlich in der Literatur als »Jesuloge« bezeichnet wird.

2. Schrift und Tradition

Der Glaube der Kirche fußt auf der heiligen Schrift und der Tradition der Kirche. Schon Martin Luther hatte Teile der kirchlichen Tradition in Frage gestellt, und nur das als rechtmäßigen Glauben akzeptiert, was durch die Übereinstimmung mit der Schrift abgedeckt ist.

Hoffmann sah allerdings viel bewusster, dass auch die Schrift auf Überlieferung fußt. Das Neue Testament hatte in den Generationen zwischen Jesu Tod und der Niederschrift Elemente aufgenommen, die Jesus noch nicht gesehen hatte. Wesentliche Teile des Neuen Testaments sind zudem Deutungsversuche zu seiner Person, die ihrerseits, von heute aus gesehen, in hohem Maße der Deutung bedürfen.

Christoph Hoffmann hatte zwar die christliche Überlieferung in Frage gestellt, aber nie die Schrift selbst. Er wandte sich gegen die Verabsolutierung der Schrift, aber er wehrte sich andererseits dagegen, dass sie in Bausch und Bogen in Frage gestellt wurde. Er wollte die Schrift richtig und gewissenhaft gedeutet und ausgewertet wissen. In seinen letzten Lebensjahren hatte er begonnen, Texte des Neuen Testaments zu übersetzen und zu kommentieren, um so die Botschaft Jesu und den Glauben der Urgemeinde zu erkennen und seiner Gemeinde zugänglich zu machen.

Aber Hoffmann vergaß nie die Lehre aus der Lukaserzählung von der Lesung Jesu in der Nazarener Synagoge: Die Heilige Schrift ist nichts Absolutes. Sie ist Überlieferung und ihre Texte sind aus dem Gottesverständnis der jeweiligen Zeit geschrieben. Gott aber lässt sich nicht in Worte und nicht in Lehrsätze und Dogmen pressen. Schon im Mittelalter wusste man in der Kirche, dass alle Aussagen über Gott diesem »mehr unähnlich als ähnlich« sind.

3. Das neue Jesusverständnis

Die zweite Frage, worauf Christoph Hoffmann die Tradition überprüfte, war das Verständnis der Person Jesu. Es ist die alte Frage, die sich schon die Urgemeinde gestellt hatte. Wer war dieser Jesus? Wie müssen wir ihn und sein Leben und sein Ende verstehen und deuten?

a. Das Jesusverständnis des Neuen Testaments

Die damalige Zeit liebte es, sich in Bildern auszudrücken. Bilder muss man nicht nur richtig auswählen, man muss sie auch richtig verstehen. Wer sie überstrapaziert, missversteht sie.

Am nächsten lag wohl für die damalige Urgemeinde das Bild des Messias. Es ist die königliche Figur des Gesalbten, der die Gottesherrschaft durchsetzt und verwirklicht. Er handelt im Auftrag Gottes und trägt, wie die Könige im Alten Orient, den Titel »Sohn Gottes«.

Das zweite und wohl das Christentum am meisten prägende Bild verdanken wir Paulus. Es ist die Gestalt des leidenden Gottesknechts in den Gottesknechtsliedern des Propheten Jesaja. Dieses Bild deckt sich auch besser mit der Geschichte des gekreuzigten Jesus als das Bild vom königlichen Messias. Diese Lieder waren in der Zeit der babylonischen Gefangenschaft entstanden. Die Lieder besagen: Wir, die Einzelnen alle, haben gesündigt, und um unserer Sünde wegen wurde das Ganze, das Volk Israel, der Knecht Jakob, in die Gefangenschaft geführt. Aber dieser Knecht Gottes, auf griechisch auch: dieser Sohn Gottes, der da zerschlagen und voller Schwären am Bdden liegt, hat eine Aufgabe: Er ist der Zeuge des einen Gottes. Und deshalb wird er auferstehen. Er wird das sündige Israel sammeln und den neuen Monotheismus in die Welt tragen. Der Knecht wird zum Heil Israels und zum Licht der Heiden.

Das dritte Bild ist das im damaligen Judentum moderne Bild des Logos, des Wortes und der Weisheit Gottes. Der Evangelist Johannes hat dieses Bild aufgegriffen und mit dem bereits bekannten Deutemodell - Jesus als Gottesknecht, beziehungsweise Gottessohn - verbunden. Die jüdische Philosophie um die Zeitenwende versteht den aus der griechischen Metaphysik bekannten Logos als die Weisheit des Gotteswortes, wie in den Weisheitsbüchern des Alten Testaments beschrieben.

Mit diesen Bildern stellte die Urgemeinde in verehrender Weise die vor dessen Tod nicht erkannte Bedeutung Jesu dar. Sie deuteten das Was und das Wie der Person Jesu, seine Eigenschaften, aber nicht seine Existenz. Die Bilder hatten keine eigene Wirklichkeit, sondern waren Beschreibungen des Wirklichen, aber sie waren nicht deckungsgleich mit der Person Jesu. Sie waren deshalb für die Urgemeinde auch kein Ansatz für eine neue Theologie.

Christoph Hoffmann hatte keine Bedenken, diese von der Urgemeinde ausgewählten Bilder zu übernehmen. Besonders wichtig war ihm der Titel des Christus, des Messias. Für ihn war er Ausdruck der Hoffnung auf die verheißene Gottesherrschaft, auf das gute Ziel dieser Welt.

b. Das Jesusverständnis der kirchlichen Dogmatik

Erst mit dem Ausgang der Antike und dem heraufziehenden Mittelalter änderte sich das Verständnis der drei Bilder. Die junge Kirche begann die Bilder als die Wirklichkeit zu verstehen. Und so entstanden im 4. Jahrhundert im Zuge der ökumenischen Konzilien von Nicäa und Konstantinopel die Dogmen von der Göttlichkeit Jesu und der Trinität Gottes.

Christoph Hoffmann lehnte diese Dogmen ab. Zum einen aus seinem Schriftverständnis heraus. Er sah in der Behauptung, Jesus sei nicht allein Mensch, sondern Gott gleich, eine Verfälschung der Schrift. Er verteidigte die Schrift gegen die Tradition der Kirchen.

Aber in erster Linie lehnte Christoph Hoffmann die Vergöttlichung Jesu und die Darstellung als Dreiheit ab, weil es ein grober Verstoß gegen das Prinzip des behutsamen und ehrfürchtigen Umgangs mit der Transzendenz ist. Gott ist Geist, er ist nicht von dieser Welt und kann und darf von Menschen nicht detailliert und spekulativ gedeutet werden. Er ist EINER. Er lehnte diese Dogmen ab, weil sie die Grenze zwischen den Endlichkeiten Zeit und Raum und dem Unendlichen und Ewigen aufheben. Diese Aufhebung war für ihn menschliche Anmaßung.

So sagte Christoph Hoffmann: Jesus ist Mensch wie du und ich, aber er hat uns gelehrt, Gott und die Welt besser und freudvoller zu sehen; er hat uns seine Frohbotschaft gebracht: die Botschaft von der unendlichen Liebe und Barmherzigkeit Gottes und die Hoffnung auf eine gute und schöne Welt, die das Reich Gottes ist.

4. Abschluss, Fazit, Zusammenfassung

Der Kern des Tempelglaubens ist die Rückbesinnung auf den von Jesus verkündigten Respekt vor der Transzendenz, die Ehrfurcht vor dem Göttlichen und das Bewusstsein der schlechthinnigen Abhängigkeit des Menschen. Es ist die Hinnahme des Spannungsfeldes zwischen der unermesslichen Ferne des transzendenten Gottes und der Liebe des väterlichen Schöpfers, der die Welt zu seinem Reich bestimmt hat und uns zur Teilhabe und Mitarbeit einlädt.

Dieser anspruchsvolle und tiefschürfende Kern des Tempelglaubens sollte in diesem Vortrag mit Hilfe einiger Schlaglichter herausgearbeitet werden. Die Kenntnis dieses Kerns ist wichtig, weil die frühen Templer aus diesem hohen Glaubensniveau ihr religiöses Selbstverständnis ableiteten. Aber auch deshalb, weil sich unser heutiger Glaube mit all seinen Besonderheiten aus diesem Kern erklärt.

Es ist ein jesuanischer Glaube, ohne Kult und ohne Dogmen, getragen von der Ehrfurcht vor Gott.

Ansprache zur Tempelgründungsfeier der Tempelgemeinde Stuttgart am 17. Juni 2007

Die Thematik des grundlegenden Tempelglaubens wird von Otto Hammer am Dankfesttag 2007 fortgeführt.

Otto Hammer


BIBELWORTE - NÄHER BETRACHTET

Barmherzigkeit oder Selbstdarstellung?

Hütet euch, eure Gerechtigkeit vor den Menschen zur Schau zu stellen; sonst habt ihr keinen Lohn von eurem Vater im Himmel zu erwarten. Wenn du Almosen gibst, lass es also nicht vor dir herposaunen, wie es die Heuchler in den Synagogen und auf den Gassen tun, um von den Leuten gelobt zu werden. Amen, das sage ich euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten. Wenn du Almosen gibst, soll deine linke Hand nicht wissen, was deine rechte tut. Dein Almosen soll verborgen bleiben, und dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten. (Matthäus-Evang. 6,1-4)

Jesus hinterfragt in diesem Abschnitt der Bergpredigt unsere Gerechtigkeit und damit im Grunde unseren ganzen Lebensstil.

Was ist die Motivation für unser Handeln? Konkret macht das Jesus am Beispiel des Almosengebens. Das Wort »Almosen« stammt noch aus dem Griechischen, wo es so viel wie Mitleid, Barmherzigkeit bedeutet. Es geht also um Gaben der Barmherzigkeit.

Das Almosengeben spielte im Volk Gottes eine große Rolle. In der Zeit des Neuen Testaments galten Almosen als Werke der Gerechtigkeit. Das Zusammenleben der Menschen konnte nur funktionieren, wenn es auch die Gaben für die Armen gab.

Es steht außer Zweifel, dass wir den Menschen, denen es schlechter geht als uns, helfen, sie auch materiell unterstützen. In dem barmherzigen Samariter zeigt uns Jesus, wie ein Mensch Barmherzigkeit übt - eben indem er das Nächstliegende tut. Die Hilfe ist nicht vorgeplant, nicht berechnet. Es ist ein Reisender, der dem Notleidenden begegnet, ihn sieht und das tut, was er kann. Er erwartet dafür keinen Dank. Es kommt darauf an, dass er hilft. Das ist wesentlich. Dazu braucht es kein Gehabe, keine Schau.

Aber schon zur Zeit Jesu muss Wohltätigkeit zum Laufsteg menschlicher Eitelkeiten geworden sein - wenn ich schon etwas Gutes tue, müssen das doch die anderen sehen. Vielleicht lag es daran, dass damals Frömmigkeit wirklich ein Wert war. Mit Frömmigkeit, glaubte man, erwirbt man sich einen guten Platz im Himmel. Und Almosengeben gehörte zu den wichtigsten Werken der Frömmigkeit. Also spendete man und posaunte es aus. Wer besonders viel Spenden in der Synagoge oder bei Fastengottesdiensten öffentlich versprach, wurde geehrt und durfte z.B. neben dem Rabbi sitzen.

Die eigene gute Tat hinausposaunen und dafür geehrt werden - das ist uns auch heute nicht fremd. Man bedient sich heute nur anderer Mittel. Heute sind es Zeitungen, Radio oder Fernsehen, die die Verdienste der »guten Menschen« ins Rampenlicht stellen. »Tue Gutes und sprich darüber!«? Das Problem, das sich dabei auftut, ist die Tatsache, dass die, denen geholfen werden soll, schnell in den Hintergrund treten. Und noch schlimmer: Die Empfänger der Almosen werden Mittel zum Zweck. Und dieser Zweck heißt: Selbstdarstellung, Öffentlichkeitsarbeit für den Sponsor, die Firma. Besonders die »guten Taten« von Banken sind mir in diesem Zusammenhang ein Dorn im Auge, weil heuchlerisch.

Jesus geht unmissverständlich gegen diese Einstellung vor. Man soll seine Spenden nicht rumerzählen; man soll nicht angeben; nichts ist schlimmer als diese Gutmenschen, die ihre Wohltaten nur deshalb verbreiten, um gesehen, beachtet und bewundert zu werden. Was steht hier im Vordergrund - die Liebe zum Nächsten, das Bemerken seiner Bedürftigkeit, die Hilfe, welche den Empfänger als Menschen wahrnimmt und achtet? Oder wird das Almosen nicht eher mit Bedingungen, Erwartungen, Wünschen des Spenders verknüpft? (Beispiel: die Verknüpfung der Spende mit Bedingungen, Sicherheiten, Zweckgebundenheiten bei Mitteln für Entwicklungsprojekte). Was ist uns also wichtiger, der Empfänger oder die eigene Befriedigung? Heuchler, sagt Jesus. Und: Lass deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut.

Jesus warnt uns davor, dem Schein zu verfallen. Er ruft uns zur Achtsamkeit, dass wir nicht danach streben, vor den Menschen im rechten Licht zu stehen. »Denn Gott, der ins Verborgene sieht, wird es dir vergelten«. Gott durchschaut uns, er blickt in unser Herz. Hier ist wieder die Radikalität Jesu zu spüren, die unser Umdenken fordert. Die Quelle dafür ist und bleibt die Liebe Gottes. Die Liebe als die Kraft im Verborgenen wirkt weiter, als wir mit unserem Verstand begreifen mögen. Wenn wir in dieser Liebe bleiben und aus ihr handeln, sind wir unabhängig vom Beifall der Menschen. Ignatius von Loyola sagt in seinen geistlichen Übungen: »Jene Liebe, die mich bewegt und das Almosen geben lässt, soll von oben herabsteigen, von der Liebe zu Gott«. So bleibt das Tun der Barmherzigkeit eine Sache des Herzens.

Dazu passen die Worte eines Chorals von Justus Gesenius:

Lass mich an andern üben,

was du an mir getan;

und meinen Nächsten lieben,

gern dienen jedermann,

ohn' Eigennutz und Heuchelschein,

und, wie du mir erwiesen,

aus reiner Lieb' allein.

Wolfgang Blaich

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