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Die Warte des Tempels

Monatsschrift für freie Christen

Ausgabe 163/7+8 - Juli/August 2007


Die Wundergeschichten in den Evangelien

Wie gehen wir mit ihnen um?

Sie machen einen nicht unbeträchtlichen Teil der Bibeltexte aus, und infolgedessen erscheinen sie auch immer wieder in unserem Losungskalender (zu meiner Freude inzwischen seltener als früher). Das kann für den Sprecher, der darüber eine Predigt halten soll - aber auch für den normalen Bibelleser - ein Problem sein. Wir glauben nicht an Wunder, anders ausgedrückt: nicht daran, dass Gott seine Macht dadurch erweist, dass er die von ihm geschaffenen Naturgesetze gelegentlich wieder außer Kraft setzt. Wenn alle diese Geschichten Lügen sind, warum geben wir uns dann mit ihnen ab? Ich will versuchen, einige Gesichtspunkte aufzuzeigen, wie man sie besser verstehen kann.

Die meisten Texte berichten von Heilungswundern. Das ist schon an sich erstaunlich. Jesus sah es, nach seinen eigenen Worten, als seine eine große Aufgabe an, das Reich Gottes zu verkünden - warum verwandte er einen großen Teil seiner Zeit und seiner Kraft auf Heilungen? Ich denke, die Antwort ist einfach. Die Menschen kamen mit ihren Leiden und erwarteten von ihm Hilfe. Und er brachte es nicht fertig, sie wegzuschicken. An mehreren Stellen heißt es ausdrücklich: »Es erbarmte ihn.« Und das gilt wohl für alle Heilungen, auch wenn es meist nicht ausdrücklich gesagt wird. Nach unserer Auffassung, und sicher auch nach der seinigen, war und ist auch dies ein Stück Reich Gottes: Not lindern, helfen, wo immer man kann.

Aber warum konnte er? An mehreren Stellen sagt er zu einem, den er gerade geheilt hat: »Siehe, dein Glaube hat dir geholfen.« Nicht der Glaube an Gott oder an Jesus als Messias oder Gottessohn. »Glaube« bedeutet bei Jesus (außer im Johannes-Evangelium, aber das ist kein Bericht über den historischen Jesus, sondern eine Dichtung über Jesus als den Mensch gewordenen göttlichen Logos) immer Vertrauen; bei Heilungen: das Vertrauen des Kranken, dass Jesus ihm helfen könne. Dass ein solches Vertrauen eine enorme Heilkraft auslösen kann - das ist etwas, was heute durch eine Reihe von Placebo-Studien (Placebo = Scheinarznei ohne reale Wirkstoffe) bewiesen ist: in ca. 50 Prozent der Fälle erzielten Placebos, wenn der Patient sie für echt hielt, die gleiche Wirkung wie echte Medizin. In einer Gesellschaft, die keine wissenschaftliche Medizin kannte, dürfte die Bereitschaft zu einem solchen Vertrauen noch wesentlich höher gewesen sein als heute und so mehr und größere Erfolge möglich gemacht haben.

Wichtiger noch war etwas anderes. Es gab und es gibt auch heute noch Menschen, die mit Hilfe geistiger Kräfte heilen oder zumindest helfen, Schmerzen lindern können - ich kenne zumindest zwei und weiß von anderen durch Erzählungen. Eine wissenschaftliche Erklärung gibt es nicht - das ist nicht etwas, was sich messen und durch Experimente beweisen lässt. Eine rationale müsste wohl heißen: es gibt geistige - göttliche? - Kräfte, die wir normalerweise nicht wahrnehmen, und manche Menschen haben eine so nahe Verbindung zu ihnen, dass sie sie auch auf andere weiterleiten können.

Die Voraussetzung ist wohl eine ganz besondere Begabung und ein langes Bemühen darum, diese Fähigkeit zu intensivieren: durch Gebet, Meditation, zum Teil auch durch Schulung, die Fähigkeit zur absoluten Konzentration und Versenkung. Jesus hat offensichtlich - durch seine Nähe zu Gott und zu solchen geistigen Kräften - diese Fähigkeiten in einem ganz außergewöhnlichen Maße gehabt. Deshalb liefen ihm die Menschen in Scharen zu. Immer wieder wird berichtet, dass er sich auf einen Berg zurückziehen musste, um Ruhe für Gebet und Sammlung zu finden.

Der Bericht von der Frau, die er vom Blutfluss heilte (Mk 5,24-34; Lk 8,40-48), macht dieses Heilen zum Teil anschaulich. Sie hatte sich durch die Menge, die Jesus umdrängte, durchgekämpft und berührte sein Gewand, und der Blutfluss hörte auf. Jesus fragte: »Wer hat mich angerührt?« Seine Jünger hielten das für eine sinnlose Frage, da sie von allen Seiten geschubst und geschoben wurden. Aber Jesus sagte: »Es ist Kraft von mir ausgegangen.«

Zusammengenommen bedeutet das, dass ein gar nicht so kleiner Teil der »Wunderheilungen«, die uns unglaubhaft erscheinen, sich so oder so ähnlich zugetragen haben können, wie sie erzählt werden. Natürlich gilt das nicht für alle. Die Evangelien als die frühesten uns erhaltenen Zeugnisse vom Leben und Wirken Jesu wurden ein bis zwei Generationen nach Jesu Tod geschrieben, bis dahin waren diese Geschichten mündlich weitergegeben worden. Und die sie weitererzählten, waren keine objektiven Zeugen, sondern Anhänger Jesu, überzeugt von seinen übernatürlichen Kräften und erfüllt von dem Bestreben, diese Überzeugung an andere weiterzugeben. Die Freude der Orientalen – und bis zu einem gewissen Grad fast jedes Erzählers - um Ausschmücken und Übertreiben kann man dazu rechnen. Da werden schnell aus kleinen Begebenheiten eindrucksvolle Wunder.

Ein typisches Beispiel ist für mich die so genannte Brotvermehrung (Mt 14,15-21; 15,32-38; Mk 6,35-44; 8,1-9; Lk 9,10-17; Joh 6,1-13): 4000, nach einem zweiten Bericht 5000 Menschen (wer hat sie gezählt?) waren Jesus gefolgt in eine einsame Gegend. Als sie hungrig wurden vom langen Zuhören, ließ Jesus von den Jüngern die fünf Brote und zwei Fische, die sie bei sich hatten, unter das Volk verteilen, »und alle wurden satt«. Das ist schlicht unmöglich. Trotzdem glaube ich, dass diese Geschichte einen wahren Kern hat.

Man muss die Phantasiezahlen reduzieren auf eine überschaubare Menge, so viele wie überhaupt einem Menschen, der ohne Mikrofon im offenen Gelände spricht, noch zuhören können - und trotzdem noch viel mehr, als von fünf Broten und zwei Fischen satt werden können. Wahrscheinlich hatten einige, wie die Jünger, etwas zu essen dabei. So wurde alles, was da war, unter alle verteilt. Und es geschah etwas, was wahrscheinlich alle von uns schon einmal als Gast oder Gastgeber beobachtet haben: wenn wenig auf dem Tisch steht, nehmen alle weniger - und es bleibt noch etwas übrig.

Normalerweise funktioniert das nur in einem kleinen Kreis von Freunden. Aber die, die dort lagerten, hatten vorher, über Stunden, Jesus predigen gehört, vielleicht über eines seiner wichtigsten Themen: wer hat, der teile mit dem, der nicht hat. Und so funktionierte es, und alle empfanden es als ein Wunder, dass jeder etwas bekam. Das ist ein viel schönerer »Beweis« für das, was Jesus bewirken wollte und bewirken konnte, als das übernatürliche Wunder, das später daraus gemacht wurde.

Natürlich gibt es auch Wundererzählungen, die so übertrieben, wenn nicht gar frei erfunden sind, dass wir sie beim besten Willen nicht glauben können. Das herausragende Beispiel ist für mich die Auferweckung des Lazarus (Joh 11,1-45). Lazarus war todkrank, und Maria und Martha, seine Schwestern, schickten zu Jesus und baten ihn um Hilfe. Als Jesus die Botschaft erhielt, blieb er noch zwei ganze Tage am Jordan, wo er sich gerade aufhielt, und ging dann nach Bethanien hinauf, wo die Geschwister lebten. Unterwegs sagte er zu den Jüngern: »Lazarus ist gestorben, und ich bin froh um euretwillen, dass ich nicht dagewesen bin, damit ihr glaubt.« Das legt die Vermutung nahe, dass er absichtlich nicht rechtzeitig kam.

Als sie in Bethanien ankamen und die Schwestern und andere Anwesende ihm sagten, dass Lazarus schon vier Tage tot war, und um ihn klagten, war Jesus betrübt und zornig über ihren mangelnden Glauben, ging zum Grab, einer Höhle, und betete: »Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast. Ich weiß, dass du mich allezeit hörst; aber um des Volkes willen, das umher steht, sage ich's, damit sie glauben, dass du mich gesandt hast.« Dann ruft er den Lazarus heraus, und der »Tote« kommt.

Modern ausgedrückt: das ist ein gut inszenierter Schaueffekt. Und es ist genau das, was Jesus (nach den zuverlässigeren Berichten der Synoptiker) abgelehnt hat: sich durch »Zeichen«, Wunder, auszuweisen. Diese Geschichte ist nicht nur deshalb unmöglich, weil ein Leichnam, der schon zu verwesen beginnt - »Herr, er stinkt schon« -, nicht wieder lebendig werden kann, sie ist auch ganz un-jesuanisch (ich persönlich finde sie widerlich).

Und dann gibt es noch einige Wundergeschichten, die wohl nie etwas Reales erzählen wollten, sondern ein symbolisches Bild sind für einen geistigen Vorgang oder Zusammenhang. Die schönste ist für mich der Gang des Petrus über das Wasser (Mt 14,25-32; Mk 6,45-56; Joh 6,15-21). Real ist das nicht möglich. Es soll im Symbol ausdrücken, dass der Glaube Unmögliches möglich macht. Das stimmt, für jeden starken Glauben - manchmal, nicht immer. Aber die Geschichte symbolisiert, vielleicht ungewollt, noch etwas anderes, was ich nachvollziehen kann: wir bewegen uns im Allgemeinen, in der Familie, im Freundeskreis, in der Gemeinde, auf einem Gewebe des selbstverständlichen Vertrauens: die anderen akzeptieren uns so, wie wir sind, mit unseren Schwächen, und dieses Vertrauen trägt uns: es ist dann nicht schlimm, wenn wir auch Fehler machen. Wenn dieses Gewebe des Vertrauens reißt, aus welchen Gründen auch immer, dann wird alles ungewiss, wir trauen uns nichts mehr zu, wir haben das Gefühl, zu versinken – wie Petrus auf dem See.

Die Beschreibung des Vorgangs ist bezeichnend: Jesus sagt »Komm!«, und Petrus geht auf dem Wasser. Und dann heißt es: »Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken«. Der Wind war schon vorher da, aber solange Petrus in »blindem« Vertrauen ging, konnte er ihm nichts anhaben. »Und Jesus streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn«: auch in der Situation der Verzweiflung kann das Vertrauen zu Gott noch ein Halt sein, der uns vor dem Versinken bewahrt. Das ist eine sehr persönliche Interpretation aufgrund einer persönlichen Erfahrung. Es muss nicht immer so sein, aber wir haben die Hoffnung, dass es so sein kann.

Zusammenfassend gesagt: Es gibt ganz verschiedene Arten von Wundererzählungen in den Evangelien, und sie tragen keine Überschriften: real, erfunden, übertrieben, symbolisch gemeint. Wenn wir uns damit befassen wollen, müssen wir jede für sich prüfen, und unser Maßstab kann eigentlich nur sein: sagen sie mir etwas? oder, beim Saal-Vortrag: sagen sie der Gemeinde etwas?

Die vielen »Wunder«-Heilungen, auch wenn ein Teil von ihnen »wahr« sein kann, zeigen uns zunächst nicht viel mehr als Jesu Erbarmen mit den Leidenden und seine außerordentlichen Heilungskräfte. Aber viele von ihnen werfen zwischen den Zeilen durchaus Fragen auf, die uns angehen: nach dem Vertrauen, nach der Dankbarkeit, nach dem Verhältnis von Schuld und Krankheit, nach Jesu Einstellung zu Nichtjuden. Es lohnt sich, sie genau zu lesen, ehe man sie als irrelevant abtut.

Brigitte Hoffmann


BIBELWORTE - NÄHER BETRACHTET

Wer nicht gegen euch ist, ist für euch

Diesen Ausspruch Jesu berichten Lukas und Markus im Zusammenhang mit den Heilungen eines »fremden« Wundertäters, d.h. einem, der nicht zur Gruppe um Jesus gehört. Dieser habe, berichtet namentlich der Jünger Johannes seinem Meister, in Jesu Namen böse Geister ausgetrieben – und sie, die Jünger hätten versucht, ihn daran zu hindern, weil er nicht Jesus nachfolge.

Dieses Verhalten der Jünger ist durchaus verständlich, ist es doch darauf ausgerichtet, die Gruppe um Jesus zu stärken, ihre Mitglieder zu vermehren. Doch Jesu Reaktion ist anders, als die Jünger erwartet haben. Mit seiner Antwort: »Wer nicht gegen euch ist, ist für euch!« beweist er eine große Offenheit und sein unbegrenztes Gottvertrauen. Während die Jünger unmittelbar vor dieser Szene darüber gestritten hatten, welcher von ihnen wohl in der Rangfolge der Größte, d.h. in der Nachfolge Jesu der »Beste« sei, erklärt Jesus ihnen jetzt, dass es darauf gar nicht ankomme. Er will sein »Programm« nicht durch ein Copyright geschützt haben, im Gegenteil, jeder, der sich auch nur im Kleinsten danach richtet und - vor allem! - handelt, ist ihm willkommen, den bezieht er in die Gruppe mit ein, die ihm nachfolgt: Wer nicht gegen euch ist, ist für euch!

Das ist ein krasser Gegensatz zum Verhalten all jener Gruppierungen, Vereine, Kirchen, die genauestens geregelt und festgeschrieben haben wollen - und in unserem komplexen Leben wohl auch müssen -, was ihr Wesen ausmacht. Regelwerke bedeuten Sicherheit, etwas, an das man sich konkret halten kann, aber sie bedeuten automatisch auch Ab- und Ausgrenzung, und, damit verbunden, eben auch Auseinandersetzung und Streit. Auch Jesus hat mit Schriftgelehrten und Pharisäern Streitgespräche geführt, aber dass gerade seine Person und seine Aussagen innerhalb der christlichen Kirche dazu geführt haben, dass beispielsweise ein gemeinsames Abendmahl - in seinem Namen! - nicht möglich erscheint, ist ganz bestimmt nicht im Sinne Jesu. Ihm kam es darauf an, den Geist hinter den Buchstaben zu erfassen; ihm war es wichtig, das zu tun, was Menschen hilft und Helligkeit und Freude in ihr Leben bringt, und sei die Tat auch so gering, wie wenn man jemandem, der Durst hat, einen Schluck Wasser reicht.

Dass sich Jesus dem fremden Wundertäter gegenüber nicht abgrenzen muss, deutet außerdem auf die überlegene Gelassenheit von jemandem hin, der keine Angst zu haben braucht. Keine Angst um seine Sache, weil es Gottes Sache ist und er das unbedingte Vertrauen hat, dass sich das, was wirklich gemeint ist, einmal durchsetzen wird – auch ohne dass er kontrolliert, ob es auf die »richtige Art und Weise« geschieht! Denn dieser »Sache« wohnt eine solch starke Überzeugungskraft inne, dass sie jenen, die seinen Auftrag verstehen wollen, den Weg zum richtigen Handeln weisen wird.

Karin Klingbeil


BÜCHERSCHAU

Die Sünden der Heiligen Schrift

Innerhalb von drei Jahren hat der Patmos-Verlag ein drittes Buch des anglikanischen Bischofs Spong herausgebracht (nach »Was sich im Christentum ändern muss«, 2004, und »Warum der alte Glaube neu geboren werden muss«, 2006). In »Die Sünden der Heiligen Schrift« ist der anglikanische Theologe als Bibelwissenschaftler auf seinem ureigenen Terrain, was sich in dem das Buch durchziehenden kundigen Überblick über die Geschichte der biblischen Schriften zeigt.

Spong ist im Blick auf die Bibel ein Bilderstürmer, indem er in den biblischen Texten sehr viel Gewaltsames und Unmenschliches findet, was sich im Verhalten der Kirche gegenüber Andersdenkenden und Anderslebenden verhängnisvoll ausgewirkt hat. Seine Anschauungsfelder Ökologie, Frauen, Homosexualität, Kinder und Antisemitismus sind ihm Beispiele für Tendenzen zu Machtstreben, Selbstbehauptung und Gewalt, die er in der Bibel wahrnimmt. So warnt er vor verhängnisvollen Texten in der Bibel (ein besonders krasses Beispiel auf S. 29: 5. Mose 21,18-21).

Theologisches Ergebnis dieser Destruktion ist, dass die Gleichsetzung von Bibel und »Wort Gottes« nicht stimmt, da sich in der Bibel sehr viel Allzumenschliches finde, was nichts vom Geist Gottes atme: »Ich musste dazu kommen zu erkennen, dass die Bibel oft selbst ihr eigener Feind war. Ich entdeckte, dass die Bibel sich immer wieder mit ihren eigenen Worten verdammte« (S. 21).

Doch bleibt es nicht beim Abbau. Spong findet in der Bibel sehr viele Zeugnisse unmittelbarer Gotteserfahrung, die es festzuhalten gilt, die Tendenz der Universalisierung, der Öffnung zu allen Menschen und Lebewesen, der Überwindung von Schranken und Grenzen. Maßstab ist ihm dabei die von Jesus gelebte und verkörperte Liebe, mit allen Konsequenzen für eine glaubwürdige christliche Lebensführung: »Wir sollen eine neue Welt aufbauen, in der jede Person vollkommener leben, verschwenderischer lieben und all das sein kann, wofür Gott jede Person bestimmt hat. In dieser Berufung werden wir allem entgegentreten, was auch nur das Leben eines einzigen menschlichen Wesens aufgrund seiner Hautfarbe, seiner Stammes- oder Volkszugehörigkeit, seines Geschlechts, seiner sexuellen Orientierung oder gar der Religion selbst einschränkt. Dies sehe ich in den Taten Jesu verwirklicht, und weil er genau das tat, sind Menschen dazu in der Lage, Gott in einer vollkommen neuen Weise zu erfahren« (S. 37).

In den zweideutigen Glaubensurkunden des Judentums und des Christentums (wie natürlich auch der anderen Religionen) offenbart sich für Spong »überdeutlich, was die Gläubigen ungern zugeben - dass nämlich Religion primär keine Suche nach Wahrheit ist. Sie ist vor allem Suche nach Sicherheit« (S. 241). Daher kommt der Bereitschaft vieler Frommer, sich Autoritäten zu unterstellen, die Sicherheit anzubieten scheinen. Im ganzen Buch zeigt Spong, dass diese Suche nach Sicherheit nur eine Beschreibung des Sachverhalts und nicht etwa die erstrebenswerte Norm ist, denn »es gibt eine letzte Wahrheit jenseits aller religiösen Traditionen. Diese Realität nennen wir Gott, und auf diese religiöse Realität hin müssen sich alle religiöse Systeme bewegen«.

Grundlage einer wahrhaftigen und glaubwürdigen Religion ist für Spong die Klärung des Gottesverständnisses. Wieder lehnt er den »Theismus« ab, der Gott als eine außerweltliche, von Zeit zu Zeit wunderhaft in die Welt eingreifende Überperson versteht. Gerade dieser »Theismus« bediene das menschliche Sicherheitsbedürfnis (so S. 75-76; 78). Der Theismus aber scheitert für Spong an der Frage der Übel und des Bösen in der Welt, wo Gott nämlich doch nicht eingreife (S. 75-77). Gott wird stattdessen pantheistisch oder panentheistisch beschrieben: nicht als »von außen wirkende, befehlende Gottheit«, sondern als »die Kraft, die in jedem Leben hervortritt« (S. 79). Gott ist »die Lebenskraft, die durch alles fließt, was es gibt« (S. 78). Gott ist »eine heilige Dimension in allem Leben« (S. 81). Er ist »die Macht des Lebens, die Stärke des Universums« (S. 199). Jesus ist in dieser Sicht Spongs »ein mit göttlichem Geist erfüllter Mensch« und »kein göttlicher Besucher, der vom Himmel kam« (S. 75). Aus diesem Ansatz nimmt Spong die Forderung, sorgsam mit der Erde umzugehen, weil wir Menschen selbst Teil der Erde und der Lebewesen sind und Gott die Tiefe unserer einen Welt ist.

Einen besonderen Akzent setzt Spong durch die These, die biblische Geschichte vom Sündenfall sei auch symbolisch nicht angemessen. Man müsse sich »von der Vorstellung des Bösen im Menschen befreien« (S. 194). Wir seien »keine gefallenen, sündigen Menschen, die bestraft werden müssen« (S. 191). Das Böse, das freilich erfahren wird, komme »aus der Unvollkommenheit des evolutionären Prozesses« (S. 198). Wir seien zur Vervollkommnung, zur Entfaltung unserer Kräfte, zu einem neuen Menschsein zu ermutigen und zu befähigen. So sei dann sogar der Kampf ums Überleben eine »Quelle des Segens« (S. 191). Spong fordert dementsprechend »eine neue Christologie«, die »nicht auf Sünde und Erlösung oder Schuld und Vergebung fußt, sondern auf dem Ruf zur Vollkommenheit, der Macht der Liebe und der Bereicherung des Seins« (S. 199). Aber schließt das eine das andere aus? Man wird mit Paul Tillich den »natürlichen« Menschen nicht als total böse verstehen müssen, wohl aber als »zweideutig«, als aus gut und böse gemischt. Ferner ist es eine religiöse Grunderfahrung, sich des eigenen Versagens, der eigenen Schuld bewusst zu werden und sich der Gnade Gottes zu öffnen, durch die wir dann allerdings dazu befreit werden, an »der Macht der Liebe und der Bereicherung des Seins« teilzuhaben.

Andreas Rössler (in: »Freies Christentum«, Heft 3/2007)

Nachbemerkung des Schriftleiters: Dass Bischof Spong in seinem Ruf zur Vervollkommnung ganz auf der Linie templerischer Glaubensweise liegt, wird in Christoph Hoffmanns Worten in seinem Buch »Occident und Orient« (1875) deutlich: »Die geistige und leibliche Vervollkommnung des Menschen ist das Ziel und die Aufgabe jeder Religion, sie ist auch das Ziel und die Aufgabe des Tempels. Der Glaube an einen vollkommeneren Zustand des menschlichen Geschlechts, als der jetzige ist, und die Bereitwilligkeit, an den gemeinsamen Schritten, die zur Herbeiführung dieses besseren Zustandes unternommen werden, nach Kräften mitzuwirken, ist der Glaube des Tempels.«


AUS DER TEMPLERGESCHICHTE

Templer-Außenposten Nazareth (Teil II)

Wir setzen im Nachfolgenden die Schilderung der letzten »Warte«-Ausgabe über die Templer von Nazareth fort, die Lore Decker geb. Wagner im April einem interessierten Zuhörerkreis im Frauenverein in Bentleigh gegeben hat. Ursprünglich war wohl eine Tempelsiedlung in Nazareth geplant gewesen, doch kam es nicht mehr dazu, und die dort lebenden Mitglieder bildeten dann einen so genannten »Außenposten«. Die Familie des Müllers Melchior Wagner spielte in dieser Gruppe eine wichtige Rolle.

Vor dem Ersten Weltkrieg lebte in Nazareth ein arabischer Lehrer mit seiner französischen Frau. Er reiste 1914, wohl zu einem Lehrgang, nach Frankreich. Die Schwiegermutter aus Paris war während seiner Abwesenheit bei seiner jungen Frau und den zwei kleinen Buben. Der Krieg kam, und der Mann konnte nicht mehr zurück zu seiner Familie. Die junge Frau starb an Tuberkulose. So musste Madame Lafontaine, die Mutter, ohne Einkommen und ohne arabische Sprachkenntnisse für die Enkelsöhne sorgen. Sie musste die Wohnung aufgeben und hauste dann in einem Zimmer nicht weit von Wagners.

Als Tante Maria von diesem Schicksal erfuhr, ging sie an Weihnachten mit einem großen Korb voll Lebensmittel und einem geschmückten Christbäumchen zu der Familie:Familie Wagner einer notleidenden, weinenden Frau mit zwei kleinen Buben in einem dunklen Zimmer. Von da an halfen Wagners oft, und es entstand eine Freundschaft zwischen den Frauen, der Französin und der Deutschen.

Viele Jahre später schicke Madame Lafontaine Tante Maria eine Pariser Zeitung, in der ein junger Mann die bittere Not seiner Kindheit schilderte: kein Geld und nichts zu essen, eine verzweifelte Großmutter in einem armseligen Zimmer in Nazareth. Da sei eine Frau gekommen mit Licht und Essen und mit einem Christbäumchen. Es sei ein Wunder gewesen, für ihn das eindrucksvollste Weihnachten überhaupt. Die Frau, die ihnen geholfen habe, sei eine Deutsche gewesen.

Wie angesehen Wagners bei der arabischen Bevölkerung waren, zeigte sich bei Großvaters Beerdigung auf dem Deutschen Soldaten-Friedhof. Die Beteiligung war sehr groß, Pfadfinder standen Spalier, und der Sarg wurde das letzte Stück von Arabern auf Fingerspitzen getragen - eine ganz besondere Ehre. Nach seinem Tod hörte man, wie vielen aus der Bevölkerung er geholfen habe, ohne dass er darüber sprach.

Als Prinz Eitel Friedrich, der Sohn Kaiser Wilhelms, zur Einweihung der Auguste-Victoria-Stiftung auf dem Ölberg in Palästina war, kam er mit der Prinzessin und dem Gefolge auch nach Nazareth. Sie waren in Heselschwerdts Hotel abgestiegen. Mein Vater, damals ein junger Mann, wollte nach Feierabend die hohen Herrschaften auch sehen. Zu diesem Zweck ging er ins Hotel. An der Hintertür stieß er auf zwei Damen, die er für Hofdamen hielt. Sie kamen ins Gespräch, und er machte einen kleinen Spaziergang mit ihnen. Als er sie ins Hotel zurückbrachte, erfuhr er, dass die eine der Damen die Prinzessin war.

Als er heim kam, wollte seine kleine Nichte genau wissen, wie die Prinzessin ausgesehen habe und wie ihr Kleid gewesen sei. Sie erinnert sich noch heute, dass er dann sagte, sie habe zerrissene Schuhbändel gehabt, und sehr gescheit sei sie auch nicht.

Die Wagners hatten ein sehr gastfreies Haus. Viele Bekannte, aber auch Touristen stiegen bei ihnen ab. Gertrud erinnert sich daran, wie sie als kleines Kind neben dem schwedischen Asienforscher, Autor und Nobelpreisträger Sven Hedin auf dem Teppich saß und ihm zusah, wie er Araberinnen in ihrer Tracht zeichnete, die ihr Vater ihm auf seinen Wunsch hin ins Haus geholt hatte.

Die Nazarener Templer vermissten sehr ein Gemeindeleben, das es in den anderen Kolonien gegeben hat. Sie pflegten stattdessen aber engere Verbindungen mit Menschen anderer Nationalität und Religion, als das im Allgemeinen in den Kolonien der Fall war.


Die Nazarether Spitzen

Um Nazareths Bevölkerung zu unterstützen, kaufte Großmutter Philippine Wagner von den Frauen angefertigte Spitzen.Nazarether Spitzen In einer für Palästina typischen Technik wurden die »Nadelspitzen« so hergestellt, dass man Nähnadel und weißen Baumwollfaden frei in der Hand hielt.

Der eigene Bedarf war bald gedeckt, und Wagners suchten weitere Abnehmer. Allmählich entwickelte Tante Hanna daraus eine Heimindustrie. Bis zu hundert Araberfrauen hatten dadurch ein Einkommen. Die jüngste Wagner-Tochter Lydia, künstlerisch begabt, hatte sich als junges Mädchen Tuberkulose zugezogen. Wenn es ihre Gesundheit erlaubte, zeichnete Lyde während ihrer 20-jährigen Leidenszeit (oft komplizierte) Spitzenmuster, die bald im ganzen Land kopiert wurden.

Nazarener Spitzen wurden auch nach Deutschland geschickt. Die Diakonissen in Kaiserswerth hatten die Vertretung für Deutschland, sie verkauften aber auch nach Amerika, in die Schweiz und nach Finnland. Der Stolz unserer Tanten war, dass der Komponist Richard Strauß bei einer Ausstellung eine große Tischdecke aus »ihren« Spitzen kaufte. Es gab Zeiten, als Tante Hannas »Spitzen-Geschäft« mehr einbrachte als die Mühle.

Zum Schutz der eigenen Heimindustrie war nach 1933 die Einfuhr von Palästina-Spitzen nach Deutschland nicht mehr erlaubt.

Lore Decker (Aus »Templer Record«, Juni 2007)


Zwei Beispiele für ethisches Handeln

Jenika Graze (Tochter von Theo und Susan Graze) arbeitet schon 11 Jahre mit ihrem Ehemann Mark Glover im Entwicklungsdienst in Nepal. Mark ist Ingenieur und hilft bei der Nutzung der Wasserkraftreserven des Landes zur Stromerzeugung. Er berichtet, dass die Kraftwerke in den letzten Jahren erfolgreich gearbeitet hätten - mit Gewinn für Eigentümer und Investoren. Der Mehrheit der armen Bevölkerung habe die Technisierung aber so gut wie nichts an Wohlstand gebracht. Sie seien von diesem Segen ausgeschlossen, obwohl sie daran mitarbeiten würden.

Er hat deshalb ein Konzept entwickelt, wie auch die Mittellosen an den Wasserkraft-Projekten beteiligt werden könnten. Sein Plan sieht vor, dass Teile des Lohnes der an den Projekten beteiligten Arbeiter in Aktien der Kraftwerksgesellschaft umgewandelt werden und dass für jede Aktie die Möglichkeit der Aufnahme eines Mikrokredits entsteht, mit dem eine weitere Aktie erworben werden kann. Außerdem würden durch Fördermittel (privat oder staatlich), die dem Projekt zufließen, der Aktienbesitz der Arbeiter aufgestockt. Die Testphase ist noch nicht beendet.

Vor kurzem ist ein weiteres Abenteuer von Linda Beilharz (Tochter von Dr. Rolf und Vyrna Beilharz) nach ihrer Südpol-Expedition zu Ende gegangen - eine Durchquerung der grönländischen Eiskappe von Ost nach West mit Skiern. Das Unternehmen mit zwei weiteren Personen stand unter dem Stichwort »CO2-neutral«. Damit sollte ausgedrückt werden, dass man auf Motorfahrzeuge verzichten wollte. Außerdem wurde auf möglichst geringen Verbrauch von Brennstoffen und auf die Auswahl von Ausrüstungen und Packmaterial mit geringem Energieaufwand bei der Herstellung geachtet. Das bedeutete natürlich einen größeren Kräfteverzehr.

Die trotzdem vorhandene CO2-Emissions-Bilanz (schon allein durch den Flug nach Grönland) sollte durch den Kauf von Emissionsrechten bei einer Bank ausgeglichen werden, die den Erlös in die Anpflanzung von Bäumen investiert, die in ihrem Wachstum CO2 verbrauchen. Wir hoffen, bald Weiteres von Linda zu hören.

Peter Lange


OFFENER TAG IN SARONA

Großes Interesse an Kolonie-Restaurierung

Es geht weiter voran mit der Restaurierung von Süd-Sarona und den Bemühungen der Stadtverwaltung von Tel Aviv um Entwicklung eines historischen Parks dort. Offener Tag in SaronaGärtnerische Gestaltungen sind an verschiedenen Stellen schon angelaufen. Die Bevölkerung der Stadt wurde deshalb Anfang März zu einer Besichtigung der Häuser der alten deutschen Kolonie eingeladen. Sieben mit der Geschichte der Templer vertraute Fachleute gaben an verschiedenen Punkten der Kolonie Informationen und erläuterten die Neugestaltungspläne.

Veranstaltet wurde der »Offene Tag« von der israelischen »Gesellschaft zum Schutz historischer Bauwerke« in Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung von Tel Aviv. Wie wir hörten, war die Resonanz in der Bevölkerung über Erwarten groß, über 2500 Besucher wollten ihren neuen StadtteilErläuterungen von Experten vor dem Gebäude der Weingärtnergenossenschaft Sarona-Wilhelma, das noch erhalten geblieben ist, unter den Experten befand sich auch der Sohn des ehemaligen Apothekers von Sarona, Mamlock und dessen Geschichte kennen lernen. Aus den uns zugegangenen Bildern ist zu sehen, dass es ein schöner sonniger Tag war, die Jacaranda-Bäume waren in voller Blüte, die Rasenflächen zeigten frisches Grün und Blumenrabatten säumten die Straßen.

Wie zu sehen ist, wächst das Interesse der Menschen in Israel an der Vorgeschichte ihres Staates. Es wird dabei gewürdigt, was die deutschen Siedler an Pionierarbeit für die Entwicklung des Landes geleistet haben. Das ist in größerem Stil bisher schon in Haifa erfolgt und wird jetzt auch in Ha'Kirya, dem früheren Sarona, sichtbar. Wir freuen uns darüber.

Weitere Bilder sind hier zu finden.

Peter Lange


TEMPLER-PROFILE

Irene Bouzo - in vielseitigen Ämtern

Nachdem Helga Anderson (geb. Wied) viele Jahre lang in der TSA das Amt einer Sozialfürsorgerin ausgeübt hat, bat sie vor einiger Zeit darum, sie jetzt von diesem Dienst zu entlasten. In einer Gemeindeveranstaltung wurde ihr im Namen der ganzen Gemeinschaft Dank und Anerkennung für ihren Einsatz ausgesprochen. Das Amt einer Sozialfürsorgerin war seinerzeit erst mit ihr ins Leben gerufen worden, so dass sie »Neuland« betreten musste. Von allen Seiten wurde gelobt, mit welchem Ideenreichtum sie ihren Dienst daraufhin gestaltet hat.

Glücklicherweise war es vor kurzem möglich, mit Irene Bouzo (geb. Dyck) eine fähige und tatkräftige Nachfolgerin in dieses Amt zu berufen. Irenes Eltern sind Abram Dyck und Friedel geb. Heselschwerdt aus Jerusalem, die beide nicht mehr leben. Ihr Großvater ist der noch in Russland als Mennonit geborene Johannes Dyck, in seinem späteren Leben anerkannter und über viele Jahre amtierender Geschäftsführer der Zentralkasse der TG in Jerusalem, dem Vermögensverwaltungsinstitut der Templer.

Irene gehört schon zum zweiten Mal der Gebietsleitung der TSA an, diesmal als Stellvertreterin des Gebietsleiters. Irene BouzoVor kurzem wurde sie auch in den Ältestenkreis der TSA berufen. Schon viele Jahre koordiniert sie die Deutsch-Schulen der TSA in Bayswater und Bentleigh. Ihrer Initiative ist es zu verdanken, dass diese Schulen staatlich unterstützt werden und auch einen Zugang von Schülern aus Nicht-Templer-Kreisen haben.

Irene ist mit Emad Bouzo verheiratet, den sie anlässlich eines Besuchs bei Ami Fast in Damaskus kennen lernte. Das Ehepaar Bouzo war vor vielen Jahren einmal für einige Zeit in einer Wohnung unseres Gemeindehauses wohnhaft. Die Familie besteht noch aus den Kindern Jevan, der zur Zeit ein Universitätsstudium in Melbourne absolviert und auch schon in die aktive Gemeindearbeit einbezogen ist, und Tamara, die den diesjährigen Konfirmanden-Kurs der TSA besucht.

Irene ist ausgebildete Lehrerin und widmet sich besonders multi-kulturellen Erziehungsfragen. Sie arbeitete zeitweise in der Erwachsenen-Bildung des Erziehungsministeriums sowie in einem Wohlfahrtsverband. Trotz großer Behinderungen durch eine langwierige Krankheit ihrer Tochter hat sie es geschafft, vor kurzem eine Doktorarbeit über Integrationsprobleme von Einwanderern abzuschließen (Titel: »The dilemma of assimilation and adaptation; language maintenance or shift: a case study of the Temple Society Australia«). Wir wünschen ihr für diese Arbeit einen erfolgreichen Abschluss.

Peter Lange

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