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Die Warte des Tempels

Monatsschrift für freie Christen

Ausgabe 163/6 - Juni 2007


ZUM TEMPELGRÜNDUNGSTAG

Unser Name ist unser Ziel

»Christus wollte nicht eine Kirche gründen, die durch vorgeschriebene Glaubensbekenntnisse Erinnerungstafel auf dem Gedenkstein in Kirschenhardthofund gottesdienstliche Handlungen den Menschen die Anwartschaft auf ein seliges Leben nach dem Tod verschafft, sondern die Gemeinde, die er gegründet hat, beruht auf dem Glauben an das Reich Gottes auf Erden, Einweihung des Gedenksteins 1986welches er selbst in seiner Person verwirklicht hat und welches in einem Volk, und endlich in der Menschheit, zu verwirklichen die Aufgabe seiner echten Nachfolger ist.

Diese Gemeinde bezeichnen die Apostel als den Leib Christi und als den Tempel Gottes, der aus lebendigen Steinen, nämlich aus Menschen besteht, die vom Geist Christi, also von seiner Gesinnung und seiner Erkenntnis, durchdrungen sind und die folglich nicht mehr ihren eigenen Willen, sondern den Willen Christi und des Vaters, das heißt Gottes, tun.«

Christoph Hoffmann in »Wegweiser zum dauerhaften Glück«, 1877


Sorget nicht!

Worte an die Konfirmanden zum Thema der Abschlussfeier

»Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung?« (Matth. 6,25)

Ich denke, es geht nicht nur mir so: wenn wir nicht wüssten, dass Jesus das gesagt hat, würden wir diese Aufforderung ziemlich merkwürdig finden. Einen Menschen, der sie befolgte, würden wir wahrscheinlich als Schmarotzer bezeichnen. Da aller Erfahrung nach Gott kein Brot und keine Kleider vom Himmel regnen lässt, bedeutet eine solche Haltung in der Praxis: der Betreffende verlässt sich darauf, dass andere ihm schon geben werden, was er braucht.

In unserer Wohlstandsgesellschaft wird das erfreulicherweise sogar meist funktionieren. Wenn wir direkt damit konfrontiert werden, bringen weder wir als Einzelne noch der Staat es fertig, einen Menschen verhungern zu lassen. Nachahmenswert erscheint uns ein solches Verhalten trotzdem nicht. Wenn viele es praktizieren wollten, würde es nicht mehr funktionieren. Und das dürfte zu Jesu Zeit kaum anders gewesen sein.

Was also will der Text uns sagen? Und wie gehen wir damit um? Es gibt eine ziemlich plausible Erklärung für die Radikalität der Forderungen, die uns so große Schwierigkeiten machen. Der Text ist Teil der Bergpredigt, und die ist, nach dem Bericht des Matthäus, nur an die Jünger gerichtet. Das bedeutet, dass die Forderungen nur für sie gelten, oder, etwas allgemeiner, für die Berufenen, die das Reich Gottes verkünden sollen. Als Jesus die Jünger zur Verkündigung aussendet, gibt er ihnen die gleichen Anweisungen: sie sollen kein Geld, keine Nahrung, kein zweites Hemd mitnehmen - sie sollen darauf vertrauen, dass Gott sie versorgen wird; banaler ausgedrückt: dass ihre Zuhörer das tun werden, aus Dankbarkeit für die frohe Botschaft. Als die Jünger zurückkommen, fragt er sie, ob sie je Not gelitten hätten, und sie antworten »Nein«.

Wenn wir den Text so betrachten, geht er uns eigentlich nichts an. Wir sehen uns nicht als die auserwählten Boten Gottes, die selbstverständlich von den andern ernährt werden. Und trotzdem haben wir das Gefühl, dass diese Worte uns alle, uns selber ganz direkt angehen. Und die Christenheit hat seit 2000 Jahren ebenso gedacht oder empfunden. Was macht uns betroffen an diesem Text, den wir, wörtlich genommen, gar nicht akzeptieren können?

Einen guten Teil davon machen die Bilder aus der Natur aus: die Lilien auf dem Felde, die Vögel unter dem Himmel, die nicht säen, nicht ernten, nicht sammeln, »und euer himmlischer Vater ernährt sie doch«. Das ist ein wunderschönes Bild, das uns anspricht und fröhlich macht, Sinnbild eines Lebens ohne Planung und Zwänge, quasi der lebendige Beweis für die Güte Gottes.

Aber wenn wir das schöne Bild genauer betrachten, stimmt es nur bedingt. Vögel planen und sorgen vor, genauer als die meisten von uns. Sie arbeiten tage- oder wochenlang an dem Nest für die künftige Brut, und sie tun es genau in dem schmalen Zeitkorridor, der dafür zur Verfügung steht: spät genug, dass für die Brutzeit und danach schon ein reichliches Nahrungsangebot zur Verfügung steht, weil dann der eine Partner Nahrung für beide beschaffen muss und nach dem Schlüpfen auch noch die Jungen versorgt werden müssen; und früh genug, dass bis zum Herbst die Jungvögel stark genug sind, um entweder den harten Winter hier oder den anstrengenden Flug in den Süden zu überstehen.

Das eine Beispiel steht für Millionen andere. Das ganze wunderbare, hochkomplexe System der Natur - so komplex, dass wir es nur in Ansätzen verstehen können - funktioniert auf der Grundlage, dass alle Lebewesen, Tiere und Pflanzen, ein instinktives Wissen haben für die Dinge, die sie zum Überleben brauchen, und sich danach richten. Auf dieser Basis planen sie verlässlicher als wir. Aber natürlich ist der Ausdruck »planen« falsch. Sie planen nicht bewusst, sie handeln so, wie ihr Instinkt es ihnen vorgibt. Sie haben keine Wahl.

Wir, die Menschen, haben die Wahl. Das macht unsere Würde als Menschen aus, dass wir - innerhalb gewisser Grenzen - frei entscheiden können. Wir haben auch Instinkte, aber sie sind schwächer und viel unsicherer als die der Tiere. Wir haben einen Instinkt, der uns sagt, wenn wir Hunger haben, aber wir haben keinen, der uns sagt, was wir tun müssen, damit wir oder unsere Nachkommen in drei Monaten oder in drei Jahren genug zu essen haben. Deshalb müssen wir planen.

Was bedeutet dann die Mahnung für uns: Sorgt nicht, was ihr essen und trinken werdet, auch nicht, was ihr anziehen werdet? Vielleicht dies: ihr müsst euch zwar darum kümmern, aber bedenkt, dass das nicht das Wichtigste im Leben ist, verwendet nicht all eure Zeit und Gedanken und all euer Geld darauf.

Und auch das ist relativ. Wir, die wir in den meisten Fällen mit einem geregelten Einkommen (und im Notfall mit Sozialhilfe) rechnen und uns darauf verlassen können, dass wir im Supermarkt immer etwas zu essen finden, brauchen uns darauf nicht zu konzentrieren. Für uns müsste man die Liste wohl ergänzen um all die Dinge, die uns wichtig sind, obwohl - oder vielleicht gerade weil - wir sie nicht brauchen: Kosmetika und Wellness-Angebote, multifunktionale Handys und moderne Computerspiele, schicke Autos und beste Fahrräder, Oper und Videos und und und.. Es müsste dann heißen: ihr dürft euch daran freuen, aber lasst euch nicht von der Sorge darum, beziehungsweise der Gier danach, beherrschen; denkt daran, dass es Wichtigeres gibt.

Denkt zum Beispiel daran, dass es auch in unserer Wohlstandsgesellschaft viele gibt, die jeden Pfennig umdrehen und sich am Anfang des Monats sehr wohl überlegen müssen, wie sie ihr Geld einteilen, damit es auch am Monatsende noch zum Essen reicht. Oder daran, dass in vielen Gegenden der Welt die Frauen viele Stunden am Tag gehen müssen, nur um Wasser und Brennholz zum Kochen zu finden und mühsam nach Hause zu schleppen. Ihnen bleibt gar nichts anderes übrig, als all ihre Zeit und Kraft auf die Ernährung ihrer Familie zu verwenden. Für uns kann das heißen: da ist etwas von dem, was wichtiger ist; setzt ein bisschen von eurem Geld und euren Gedanken statt für euer Vergnügen dafür ein, dass wenigstens einigen von diesen Menschen geholfen werden kann.

Aber der Schwerpunkt des Textes und seiner Bedeutung für uns liegt für mich anderswo. Ich zitiere die Stelle, die das ausdrückt, worauf es mir ankommt: »Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.« Dass auch das nicht wörtlich zu nehmen und von Jesus sicher auch nicht wörtlich gemeint ist, liegt auf der Hand. Das Sorgen für den morgigen Tag steht für die Zukunft und unsere Haltung dazu.

Ich habe schon darauf hingewiesen, dass wir in vieler Hinsicht sehr wohl auch für unsere Zukunft sorgen, vorsorgen müssen. Wenn wir ein Ziel, zum Beispiel einen bestimmten Beruf, anstreben, müssen wir dafür den entsprechenden Schulabschluss und die entsprechende Ausbildung machen. »Sorgen« kann aber zwei verschiedene Bedeutungen haben. Für die eine steht mein Beispiel: planen, vorsorgen für etwas, was wir erreichen wollen oder müssen. Diese Art des Sorgens ist notwendig, sie ist Teil unserer Verantwortung vor uns selbst, vor anderen, vor Gott.

Sorgen kann aber auch heißen: sich Sorgen machen um etwas Ungewisses, etwas, was eintreten könnte oder auch nicht, übermorgen oder in 50 Jahren, etwas, worauf wir keinen Einfluss haben. Dann ist Sorgen ein anderes Wort für Angst - Angst vor der Zukunft. Es ist dieses Sorgen, das Jesus meint. Mit dem Satz »Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage habe« grenzt er es ab von dem guten, notwendigen Sorgen für die konkreten Erfordernisse des Lebens. Seine Mahnung heißt: macht euch keine Angst um die Zukunft, um das Ungewisse, das auf euch zukommt.

Das können wir nur bedingt. Wir haben Angst: vor einer Prüfung, vor einer neuen Aufgabe, manchmal vor anderen Menschen - und eben vor allem Ungewissen. Wir können die Angst nicht abschalten, und sie kann uns lähmen, so weit, dass wir nicht mehr richtig reagieren, nicht mehr klar denken können, dass wir für die einfachsten Dinge keine Kraft mehr haben. Aber wir können, wenigstens ein bisschen, lernen, anders mit der Angst umzugehen. Ich denke, dazu will Jesus seinen Zuhörern - und damit auch uns - Mut machen. Er tut es mit dem Wort, das wir alle kennen, unserem Losungswort: »Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, dann wird euch das Übrige alles zufallen.«

Wenn wir darüber sprechen oder predigen, beziehen wir uns meistens auf den ersten Teil, den zweiten lassen wir vorsichtshalber weg, weil er, oberflächlich betrachtet, so offenbar nicht stimmt. Vielleicht hatte Jesus tatsächlich primär die Situation der Jünger im Blick. Aber ich glaube, dass viel mehr gemeint ist.

»... dann wird euch das übrige alles zufallen«: das heißt natürlich nicht, dass der liebe Gott alles schon so einrichten wird, wie ich es gerne hätte. Es bedeutet das Vertrauen, dass mein Schicksal mir von Gott zukommt, das Gute, aber auch das Schwere, und dass es deshalb einen Sinn hat, auch wenn ich ihn zunächst nicht verstehe. Manchmal, nicht immer, verstehe ich ihn später - aber wohl nur dann, wenn ich das, was geschehen ist, annehme und nicht verzweifelt herumjammere: »Warum musste gerade mir das passieren?« Das ist eine verbotene Frage, nicht weil sie an sich böse wäre, sondern weil sie in eine Sackgasse führt. Es gibt keine Antwort darauf. Wenn man an dieser Frage festhält, verbeißt man sich in sein Unglück und verschließt sich die Wege, die herausführen.

Ich kenne ein Ehepaar aus den USA, sie werden jetzt um die fünfzig sein. Er leidet an Muskelschwund, einer Erbkrankheit, die langsam, aber unaufhaltsam sämtliche Muskeln lähmt, zuerst die des Bewegungsapparats, dann die des Rumpfes, dann die der inneren Organe - dann führt sie zum allmählichen Tod. Als die Beiden heirateten - er konnte noch gehen -, wussten sie über seine Krankheit Bescheid. Sie hatten trotzdem den Mut dazu, und auch den, ein Kind zu bekommen, obwohl die Gefahr bestand, dass die Krankheit sich vererben würde. Das Kind ist gesund, als ich es zum letzten Mal sah, war es etwa 12, ein reizendes, fröhliches Mädchen mit einem für ein Kind erstaunlichen Einfühlungsvermögen für den behinderten Vater.

Er ist inzwischen längst an den Rollstuhl gebunden, hat - er ist Lehrer - noch jahrelang vom Rollstuhl aus unterrichtet. Beide, er und seine Frau, strahlen einen Lebensmut und eine Lebensfreude und eine Fröhlichkeit aus, die ansteckend sind. Sie sind tief gläubig, viel mehr als ich, und sie sehen ihr Leben nicht als ein schweres Schicksal, sondern als den Weg, den Gott sie führt und der deshalb gut und richtig ist. Sie wissen, was auf sie zukommt - Leiden und Tod -, und sie sorgen sich nicht.

Mir sind sie ein Beispiel, was das »so wird euch das Übrige alles zufallen« bedeutet. Von außen zugefallen ist ihnen nichts, sie haben beide schwer gearbeitet, er so lange er es noch konnte, sie bis heute: sie hat, neben der Pflege, in ihrem Städtchen eine Hilfsorganisation für suchtkranke und suchtgefährdete Jugendliche aufgebaut. Aber geschenkt wurde ihnen etwas ungeheuer Wertvolles: Freude am Leben und die Fähigkeit, Freude weiterzugeben.

Ich weiß, dass man ein solches Beispiel nicht verallgemeinern kann. Es gehört wohl auch ein bisschen Veranlagung dazu, eine solche Haltung ist eben ein Geschenk, das man sich nicht selber machen kann. Ich selber weiß keineswegs, ob ich ein so großes und vor allem so fröhliches Gottvertrauen aufbringen könnte. Aber ich denke, wenn wir offen dafür sind, kann auch uns etwas von einem solchen Geschenk zufallen.

Das Beispiel zeigt für mich noch etwas anderes: den Zusammenhang zwischen dem »Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes« und dem »dann wird euch das Übrige alles zufallen«, um den wir meist einen kleingläubigen Bogen machen. Das Trachten nach dem Reich Gottes bedeutet für uns konkret, dass wir uns bemühen, an dem Ort, an dem wir stehen, mit unseren geringen Mitteln für andere und für uns selbst die Welt ein bisschen heller, fröhlicher, liebevoller zu machen. Das heißt nicht, dass wir uns bei jeder einzelnen Handlung überlegen sollen, ob sie nun Reich-Gottes-gemäß sei oder nicht. Aber wenn wir dieses Streben für das Wesentliche in unserem Leben halten, dann fällt es leichter, auf manches zu verzichten, was wir nicht bekommen oder nicht mehr tun können. Dann gibt es keine, oder fast keine, ganz hoffnungslose Situation. Denn es gibt fast immer noch etwas, was wir dazu beitragen können, sei es durch unser Handeln, sei es auch nur durch ein Lächeln. Ich bin sicher, dass der Mann aus meinem Beispiel, auch wenn er vollständig gelähmt sein wird, noch anderen wird Trost und Hoffnung geben können.

Gebietsleiterin Dr. Brigitte Hoffmann in ihrer Ansprache bei der diesjährigen Konfirmationsfeier in der Tempelgemeinde Stuttgart am 22. April


ZUM THEMA »JUGEND UND ERZIEHUNG«

Gewaltfreier Widerstand im Kinderzimmer

Jugendschutz beginnt daheim

Natürlich wäre es das Einfachste, es würde den ganzen Schrott nicht geben. Keine Egoshooter-Computerspiele, bei denen es darum geht, möglichst brutal möglichst viele Menschen zu massakrieren. Keine Gewalt- und Pornovideos. Keine Modestrecken mit magersüchtigen Mädchen. Keine geistlosen Fernsehserien, in denen Konflikte auf dem geistigen Niveau von Groschenromanen abgehandelt werden und jeder jung, schön und auch ohne Arbeit reich ist.

Aber solange dies gibt, müssen Eltern, die der alltägliche Horror im Kinderzimmer stört, selbst aktiv werden. Und vielleicht ist das sogar gut so. Woher sollen Jugendliche Werte lernen, wenn nicht in der intensiven Auseinandersetzung mit Erwachsenen, die bereit sind, Zeit, Kraft und Nervenstärke zu investieren? Ein Vater oder eine Mutter, die bereit sind, mit einem Halbwüchsigen in den Clinch zu treten und zu begründen, wieso sie nicht wollen, dass der Bildschirm ununterbrochen flimmert, und die nicht bereit sind, sich mit jeglicher Art von Berieselung willenlos abzufinden, leisten wahrscheinlich mehr Wertevermittlung als eine noch so gut gemeinte Religions- oder Ethikstunde, in der abstrakt und unverbindlich über die Würde des Menschen debattiert wird.

Zu viele Eltern geben viel zu schnell auf und finden sich damit ab, dass die stundenlange Ballerei »normal« sei, dass andere Jugendliche sich angeblich genau so verhielten und Eltern ab einem gewissen Alter der Kinder ohnehin keinen Einfluss mehr hätten.

Der Mythos von der »notwendigen Abnabelung« geht dabei eine unselige Allianz ein mit der Neigung vieler Erwachsener, den bequemsten Weg zu gehen. Dazu kommt die Angst vor Konflikten. Darf ich meinem Kind etwas verbieten? Redet er oder sie dann überhaupt noch mit mir? Geht dann nicht das letzte bisschen Liebe, das uns verbindet, flöten?

Viele Pädagogen und Psychologen halten diese Furcht für unbegründet. Der kanadische Psychologe Gordon Neufeld, der israelische Erziehungsberater Haim Omer oder der Münchner Schulpsychologe Rudolf Hänsel machen ganz deutlich: Kinder und Jugendliche schätzen es, wenn Eltern eindeutig Position beziehen, wenn sie notfalls auch Widerstand leisten. Die scheinbare Toleranz von Erwachsenen legen Jugendliche dagegen als Gleichgültigkeit aus.

Wie dieser Widerstand konkret aussehen kann, hat sehr fantasievoll Haim Omer beschrieben, der ein eigenes Konzept für den Umgang mit schwierigen, aufsässigen und aggressiven Jugendlichen entwickelt hat. Seiner Auffassung nach müssen Eltern gerade in Konflikten Präsenz zeigen und ihren Kindern mit der Botschaft begegnen: »Ich kann dein Verhalten nicht akzeptieren und werde alles tun, es zu stoppen, außer dich zu schlagen oder zu attackieren.«

Beim gewaltfreien Widerstand geht es nicht ums Rechthaben oder um Unterwerfung, sondern um Kommunikation und letztlich um Versöhnung. Die Eltern zeigen ganz greifbar ihre Sorge und Liebe. Natürlich ist Widerstand anstrengend. Doch wer sagt, dass Erziehung bequem sei? Und Eltern, die es probiert haben, berichten: es lohnt sich. Sobald sie handeln können, statt nur zu reagieren, zu schimpfen und zu strafen, fühlen sie sich nicht mehr so ohnmächtig.

Gewaltfreier Widerstand ist kein Machtkampf. Gandhi hat nicht erwartet, dass die Engländer ihn lieben. So müssen auch Eltern es aushalten können, dass ihre Kinder wütend auf sie sind. Zu lieben ist nicht dasselbe wie geliebt werden zu wollen.

Andrea Teupke


AUS DER TEMPLERGESCHICHTE

Templer-Außenposten Nazareth (Teil I)

Über die Tempelsiedlungen in Palästina ist schon viel geschrieben worden, weniger bekannt sind dabei die so genannten »Außenposten« der Templer. Sie wurden aus wirtschaftlichen Gründen errichtet, als etliche Siedler andere Verdienstmöglichkeiten als in der Landwirtschaft und im Weinbau suchten.

Einer dieser Templer-Außenposten befand sich in Nazareth. Ursprünglich gab es Pläne zur Gründung einer Tempelsiedlung dort, und mein Großvater Melchior Wagner sollte sich in der Stadt als Mühlenbetreiber niederlassen. Zur damaligen Zeit wurde in Palästina Getreide noch von Hand gemahlen.

Melchior Wagner stammte aus den deutschen Dörfern in Bessarabien, einer Gegend nahe der Schwarzmeerküste von Russland. Die protestantischen Siedler in Bessarabien erfuhren von den württembergischen Templern durch Mennoniten in Südrussland. Als junger Mann reiste Melchior Wagner nach Deutschland, um mit Christoph Hoffmann zusammenzutreffen und mehr über die Tempelidee zu erfahren. Er trat der Tempelgesellschaft bei und wanderte um 1870 von Russland nach Palästina aus.

In Jerusalem lernte er seine zukünftige Frau Philippine Frank kennen; sie stammte aus Neuffen in Württemberg. Ihr Vater war jung gestorben, und Witwe und Kinder schlossen sich dem Tempel an. Philippine und Melchior WagnerIhr Bruder Matthäus Frank zog als junger Mann auch nach Russland und lebte bei den Templern. Die 18-jährige Philippine folgte ihm mit ihrer Mutter. Auf der anstrengenden Reise nach Russland verstarb die Mutter. Matthäus und Philippine zogen mit anderen Templern weiter nach Palästina. Matthäus war der Erbauer des ersten Templerhauses in Jerusalem, das später als die »Alte Mühle« bekannt wurde. Philippine heiratete Melchior Wagner und ging mit ihm nach Nazareth .

In Karl Bitzers Buch »Rückschau ins Gelobte Land« (1968) lesen wir, dass die Stadt Nazareth in der Nähe einer Quelle in einem hügelumsäumten Tal liegt. Die am Hang gelegenen Häuser sind kleine würfelförmige Bauten, zu denen man über gepflasterte Stufen und Gassen hinauf gelangt. Die Mehrzahl der Einwohner sind christliche Araber, einige Moslems. Über tausend Jahre lang gab es keine Juden in Nazareth, nun (1968) befinden sich jedoch jüdische Siedlungen auf den umliegenden Höhen und jüdische Geschäfte in der Innenstadt.

Am Rande der Stadt, an der Straße nach Tiberias, steht das frühere Hospiz der österreichischen Barmherzigen Brüder. Ihm gegenüber findet man die deutschen Soldatengräber und ein Denkmal für die deutschen Soldaten, die ihr Leben im Ersten Weltkrieg an der Palästinafront lassen mussten.

Als Kind war ich oft bei meinen Verwandten in Nazareth. Es ist die Stadt der Kirchen und Klöster. Noch gut in Erinnerung habe ich an jedem Sonntagmorgen das Glockengeläut von den vielen verschiedenen Kirchen sowie den Gebetsruf des Muezzin vom Minarett.

Wir Kinder schauten gern den Vorgängen auf dem Hof der Mühle zu. Araber brachten ihr Getreide auf Kamelen, die entweder kniend oder stehend ihr Futter wiederkäuten, solange das Korn gemahlen wurde.

In Nazareth befand sich auch das Hotel der Templerfamilie Heselschwerdt, das sehr bekannt war und vielen Touristen Unterkunft bot.

Aber zurück ins 19. Jahrhundert. Gewöhnlich kamen große Scharen von Pilgern nach Nazareth, in die Heimatstadt Jesu. Hunderte von Franzosen reisten an in Pferdekutschen, in Sänften oder auf Pferden und sangen ununterbrochen »Ave, ave, ave Maria«. Hotel der Templerfamilie Hesselschwerdt in NazarethViele Zelte wurden aufgeschlagen, um sie unterzubringen. Russische Pilger wanderten zu Fuß durch das Heilige Land und kamen auch nach Nazareth. Später baute man mehrere große Herbergen, um dem Pilgerstrom Herr zu werden.

Alle neun Wagners-Kinder wurden in Nazareth geboren. Die Erziehung der Kinder der beiden Templerfamilien stellte ein nicht unerhebliches Problem dar. Der Älteste, Johannes, ging in Jerusalem zur Schule; sein Vater wollte die übrigen Kinder bei sich behalten. Es gab in Nazareth einen deutsch-englischen Missionar namens Wolters, der eine Schweizer Gouvernante für seine vier Töchter angestellt hatte. Diese gab nun den älteren Wagners-Kindern und den Heselschwerdts-Mädchen Schulunterricht. Zu den Heselschwerdts-Mädchen gehörten Mina (Wilhelmine), die Mutter von Meta Beilharz (geb. Krafft), und Hilde, die Mutter von Oskar Krockenberger. Als Mr. Wolters versetzt wurde, sprang die älteste Wagners-Tochter Maria ein und übernahm den Unterricht für ihre jüngeren Geschwister. Eine Araberin lehrte Englisch und Arabisch.

Ich erinnere mich, dass mein Vater Theophil - er starb, als ich gerade 9 war - uns erzählte, wie er, seine Klassenkameraden und der Lehrer in der Schule mit gekreuzten Beinen auf dem Boden sitzen mussten. Da es keine anderen deutschen Jungen in Nazareth gab, hatte mein Vater nur Araber zu Freunden. Man muss dabei berücksichtigen, dass die städtischen Araber sich deutlich von den Fellachen, den Farmarbeitern, unterschieden haben. Sehr bald sprach mein Vater lieber arabisch als deutsch und musste zuhause ermahnt werden, sich deutsch auszudrücken.

In einer klugen Entscheidung ließ Melchior eine seiner Töchter, Emma, zur Lehrerin ausbilden. Als sie aus Beirut, Deutschland und Frankreich wieder zurückkam, war sie ausreichend qualifiziert, um die nächste Generation deutscher Kinder von Nazareth und Tiberias in einer kleinen Privatschule zu unterrichten. Die aus weiterer Entfernung kommenden Schüler - ebenso wie die Lehrerin Fräulein Schmidt, die später an die Schule kam - wohnten alle bei Johannes und Maria Wagner (geb. Pross), den Eltern von Gertrud Poddey, Ilse und Elfriede Wagner. Gewöhnlich versorgte Tante Maria zusätzlich zu ihren vieren noch weitere 6 oder 7 Kinder bei sich. Die Kinder genossen alle eine ausgezeichnete Erziehung. Die kleine Schule von Nazareth war vom deutschen Kultusministerium anerkannt worden, und der Haifaner Lehrer Philipp Wurst kam hin und wieder zu Besuch, um den Unterrichtsstand zu überprüfen.

Sonntags wurde bei Heselschwerdts und Wagners abwechselnd »Saal« gehalten. Wagners und Heselschwerdts unterhielten sehr gute Beziehungen zu den Klosterbrüdern, Mönchen und Nonnen der verschiedenen Klöster von Nazareth. Ich möchte ein Beispiel dafür geben. Palästina befand sich unter ottomanischer Herrschaft. Als Nazareth im Ersten Weltkrieg durch die Briten besetzt wurde, nachdem die Türken sich zurückgezogen hatten, wurde Johannes Wagner verhaftet und der Aufstachelung zur Christenverfolgung angeklagt, eine vollkommen haltlose Beschuldigung. Der arabische Bürgermeister, die Klöster und zahlreiche Einwohner protestierten beim britischen Kommandanten gegen seine Verhaftung. Trotz ihrer Krankheit schleppte sich die Oberin eines Klosters, gestützt von zwei Nonnen, zum Kommandanten, um Wagners Freilassung zu erwirken. Sie sagte, sie sei Französin, Herr Wagner ein Deutscher (also ein Feind), sie sei Katholikin, Herr Wagner ein Protestant (also ein Andersgläubiger), trotzdem würde sie ihre Hand für diesen ehrenwerten Mann ins Feuer legen. Man mag es nicht für möglich halten: sie schaffte es, dass Onkel Johannes frei kam.

Nach dem Waffenstillstand kam er jedoch in ein Kriegsgefangenenlager nach Ägypten. So musste Großvater Melchior in seinem Alter noch einmal einspringen, um den Mühlenbetrieb in Nazareth aufrechtzuerhalten.

Um diese Zeit gab es viele Plünderungen, weil die Bewohner von Nazareth und den umgebenden Dörfern am Verhungern waren. Eines Abends wurde die Mühle von einer großen Meute bedroht; sie wussten von den Getreidesäcken der türkischen Truppen, die noch darin lagerten. Die Mühle hatte Tag und Nacht für das türkische Militär mahlen müssen, nur an einem Tag der Woche wurde erlaubt, für den zivilen Bedarf zu produzieren. Als der Abend hereinbrach, sagte Maria, die Frau von Johannes, zu den Kindern und der jungen arabischen Dienerin, sie sollten sich in der hintersten Ecke des Gartens verstecken und sich nicht bewegen und keinen Laut von sich geben - die Älteste, Gertrud, war 14, die Jüngste, Elfriede, 4. Maria kletterte über die Mauern, bis sie einen britischen Offizier traf, den sie auf Schutz der Mühle ansprach. Ihr mutiger Einsatz bewahrte die Mühle vor völliger Ausraubung.

Lore Decker geb. Wagner, Bayswater; in einem Vortrag im Frauenverein in Bentleigh im April 2007; wiedergegeben im »Templer Record« Mai 2007; übersetzt von Peter Lange

Die Verfasserin stützte sich in ihrem Bericht auf Notizen ihrer Tante Emma Wagner und auf die ihrer Kusine Gertrud Poddey geb. Wagner.

Der Bericht wird fortgesetzt - die Heritage Group der TSA sucht weitere Unterlagen und Fotos von Nazareth und Tiberias (bitte bei Karin Ruff melden)

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