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Die Warte des Tempels

Monatsschrift für freie Christen

Ausgabe 163/5 - Mai 2007


BIBELWORTE - NÄHER BETRACHTET

Wer regiert die Welt?

»Und sie sandten zu ihm einige von den Pharisäern und von den Anhängern des Herodes, dass sie ihn fingen in Worten. Und sie kamen und sprachen zu ihm: Meister, wir wissen, dass du wahrhaftig bist und fragst nach niemand; denn du achtest nicht das Ansehen der Menschen, sondern du lehrst den Weg Gottes recht. Ist's recht, dass man dem Kaiser Steuern zahlt oder nicht? Sollen wir sie zahlen oder nicht?

Er aber merkte ihre Heuchelei und sprach zu ihnen: Was versucht ihr mich? Bringt mir einen Silbergroschen, dass ich ihn sehe! Und sie brachten einen. Da sprach er: Wessen Bild und Aufschrift ist das? Sie sprachen zu ihm: Des Kaisers. Da sprach Jesus zu ihnen: So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist! Und sie wunderten sich über ihn.« (Markus 22, 13-17)

Diese Geschichte kommt bei allen drei Synoptikern vor und ist vor allem durch den Satz am Ende berühmt geworden: »Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.« Eine sehr lakonische und offenbar unerwartete Antwort Jesu an jene, die sich zusammengetan hatten, um ihn in riskante Widersprüche zu verwickeln.

Auf der einen Seite die »Frommen«, die Pharisäer, die sich nur dem »Gesetz« und zahlreichen religiösen Ge- und Verboten verpflichtet glaubten; für sie durfte ein frommer Jude die römische Besatzung eigentlich nicht anerkennen. Auf der anderen Seite die Anhänger des Vasallenkönigs Herodes, denen der Unabhängigkeitsdrang der Juden verdächtig war.

Jesus war nun zwischen diese Fronten geraten und konnte mit einer Antwort eigentlich nur falsch liegen: Entweder sprach er sich für die Steuer aus, dann war er in den Augen des jüdischen Volks ein Verräter. Oder aber er sprach sich dagegen aus, dann hätte er als Aufwiegler gegolten und mit den Römern Probleme bekommen.

Jesus entkommt dem Dilemma mit einer taktischen List und mit einer geradezu modernen, ja aufklärerischen Antwort. Er durchschaut die Heuchelei sofort, antwortet aber nicht selbst, sondern führt die Fragesteller regelrecht vor. SilbermünzeZunächst lässt er sich eine Silbermünze mit dem Abbild des Kaisers zeigen und erklären, so als ob er noch nie einen Denar gesehen hätte.

Damit bringt er zumindest die Pharisäer in Verlegenheit, denn sie werden nur ungern Geld mit dem Abbild des verhassten Herrschers der Besatzungsmacht, der sich zudem noch als Gott anbeten ließ, in der Tasche gehabt haben. Der Hohe Rat verbot den frommen Juden sogar, mit diesen Münzen die Tempelsteuer zu entrichten. Im Gegensatz zu ihnen hatte Jesus offenbar keine dieser Münzen bei sich; so zeigte er seine äußere Bedürfnislosigkeit und zugleich seine innere Unabhängigkeit.

Aber mit der folgenden Antwort machte er auch die Anhänger des Herodes nicht glücklich; bei wörtlicher Übersetzung sagte er sogar - wie Pinchas Lapide herausfand: Gebt dem Kaiser zurück, was des Kaisers ist. Damit spielte er offenbar auf den Umstand an, dass nach römischem Recht die Münzen auch im Umlauf stets Eigentum des Kaisers blieben. Soll heißen: Das Geld ist die Welt des Kaisers, es gehört ihm sowieso, aber was wir Gott zu geben haben, ist eine ganz andere Sache. Beide Bereiche hält Jesus auseinander und lässt doch keinen Zweifel darüber aufkommen, was für ihn höher steht.

Manche haben die Aussage so gedeutet, als würde sich Jesus für eine politische Gleichgültigkeit des religiösen Menschen aussprechen. Zugegeben: Ihm waren der Staat und die Regierungsgeschäfte wohl nicht besonders wichtig, zumal er in der Naherwartung der Ankunft des Reichs Gottes lebte. Zudem bezog sich seine Aussage auf den heidnischen Staat der Römer. Aber was hätte Jesus dazu gesagt, dass das Christentum unter Konstantin Staatsreligion wurde und dass es mit dem Papst ein zeitweise ziemlich weltlich anmutendes Oberhaupt bekam, das sich mit dem jeweiligen Kaiser Jahrhunderte lang um die Oberhoheit über die Menschheit herumzankte? Er hätte wohl beide rasch der irdischen Kategorie zugeordnet.

Und was hätte er zu der gegenseitigen Verschränkung von Staat und Religion, zu der Verweltlichung der Kirche(n) und zu der religiös-fundamentalistischen Ideologisierung mancher Staaten, aber auch zum Umgang angeblich christlicher Staaten mit Frieden und Gerechtigkeit gesagt? Ob Jesus für die strikte Trennung von Staat und Kirche eingetreten wäre? Vermutlich, aber für ihn hatte das Reich Gottes ohnehin eine andere Dimension und sollte auch für den Menschen eine andere Wertigkeit haben als des Kaisers Denare. Seine Aussage ist für mich Ausdruck einer nüchternen Vernunft und ganz sicher hätte er - wie Albert Schweitzer meinte - gesagt: Ich will keinen christlichen Staat, ich will einen Staat von Christen.

Jörg Klingbeil


THEMA »ETHISCH HANDELN«

Das Maß des Lebens wiedergewinnen

Die Welt braucht einen spirituellen Klimawandel

Nichts wird mehr sein, wie es war. Der Klimawandel wird unsere Erde und das Leben auf ihr dauerhaft verändern. Er tut dies schon heute. Der Prozess der Erderwärmung hat begonnen, und er wird sich nicht mehr aufhalten lassen. Heute geht es vor allem darum, ihn so zu begrenzen, dass die größten Risiken abgewendet und die nicht mehr vermeidbaren Auswirkungen gelindert werden.

Wir werden dem meteorologischen Klimawandel nur begegnen können, wenn ein geistiger oder spiritueller Klimawandel mit ihm Schritt hält. Ob dies gelingen wird, ist fraglich - auch wenn Menschen überall auf der Welt mutig daran arbeiten. Denn es geht um nicht mehr und nicht weniger als ein neues Denken, Fühlen, Wahrnehmen. Es geht um ein verändertes Bewusstsein.

Der Klimawandel ist kein Schicksal. Er ist Folge eines falschen Denkens. Symptom des drohenden Scheiterns eines im Westen entwickelten Weges, der allein durch technisch-wissenschaftlichen Fortschritt und wirtschaftliches Wachstum der Menschheit Wohlstand, Sicherheit und Frieden bescheren wollte. Als maître et posseseur de la nature (Descartes) - als Herr und Meister der Natur: der eigenen leiblichen ebenso wie der natürlichen Umwelt - wollte der Mensch sich zum Maß aller Dinge erheben.

Heute lehrt uns der Klimawandel: Der Mensch ist nicht das Maß aller Dinge. Im Gegenteil zeigt die Geschichte der letzten 200 Jahre, dass Maßlosigkeit und Vermessenheit das Regiment antreten, wo er solches beansprucht. Dabei sind nicht Technik, nicht Fortschritt, nicht Wachstum an sich das Problem. Nein, es ist die Maßlosigkeit, mit denen sie betrieben werden. Nicht das außerordentliche Wissen und Können, das die Menschheit erworben hat, ist Ursache der Krise, sondern die fehlende Weisheit im Umgang damit. Die globale Maßlosigkeit ist es, die uns heute so herausfordert. Manche werden dabei mit dem Philosophen Heidegger sagen: »Nur ein Gott kann uns noch retten.«

Warum ein Gott? Die Antwort gibt ein anderer Philosoph: Platon. Er lehrte vor 2500 Jahren: »Gott ist das Maß aller Dinge.« Nur »ein Gott« kann uns retten, weil wir der globalen Maßlosigkeit, die den Klimawandel verursacht hat, nur Einhalt gebieten können durch ein verbindliches und verlässliches Maß unseres globalen Tuns und Lassens - in Politik, Wirtschaft, Kultur, Religion ... Doch woher soll dieses Maß kommen? Wer soll es benennen in einer Welt, in der unterschiedliche Kulturen, Religionen, ja Götter miteinander konkurrieren?

Diese Frage weist ins Zentrum der Aufgabe, vor die der Klimawandel die Menschheit stellt. Denn sie macht deutlich, dass wir es uns künftig nicht mehr leisten können, konfessionelle oder religiöse Konflikte zu hegen: dass wir nicht weiterkommen, wenn es uns in spirituellen und geistigen Fragen mehr darum geht, in unserer beschränkten Identität Recht zu behalten, als uns für ein globales Bewusstsein zu öffnen.

Wir werden die Menschheitsaufgabe Klimawandel nicht bewältigen können, wenn wir weiter machen wie bisher. Nicht durch klügere Technik und noch mehr Wachstum werden wir vorankommen, sondern nur durch einen geistigen Schritt von der Maßlosigkeit zum Maßhalten. Das heißt nicht, dass wir nicht all unser Wissen und Können dafür einsetzen sollten, den Klimawandel zu bremsen. Im Gegenteil: Wir müssen dies tun. Aber wir müssen es weise und maßvoll tun.

Wir brauchen ein von Verstand und Gefühl getragenes Bewusstsein dafür, dass wir in all unserem Tun und Lassen lebendige Natur sind - dass wir uns überheben, wenn wir die großen Zeitrhythmen der Natur umgestalten. Um der globalen Maßlosigkeit Herr zu werden, müssen wir lernen, wie das Leben funktioniert: dass es eine große Symphonie ist, die darauf angelegt ist, in eine stimmige, maßvolle, harmonische Balance zu finden. Wir brauchen ein globales Rhythmusgefühl für das Leben, das Ausbeutung und Raubbau ebenso verhindert wie maßlose Gier und vermessene Macht. Die spirituelle Herausforderung heute besteht darin, das Gespür für das Maß des Lebens wiederzugewinnen - überall auf der Welt.

Dr. Christoph Quarch, in »Publik-Forum« Nr. 6/2007, leicht gekürzt


In einer Templerfamilie aufgewachsen

Was Religion und Familiengeschichte für mein Leben bedeutet

In der »Warte« haben wir in den letzten Jahren viel zu wenig Stimmen aus der jüngeren Generation zu Wort kommen lassen. Deshalb soll nun der Anfang gemacht werden mit dem Beitrag einer jungen Angehörigen aus dem Kreis der australischen Templer. Den Aufsatz hat Ingrid Lämmle-Ruff im letzten Jahr in einer australischen kulturellen Zeitschrift veröffentlicht. Er erscheint uns charakteristisch für die Sichtweise so mancher Templer-Nachkommen. Ein besonderer Schwerpunkt der Darstellung bildet die für die Verfasserin neu entstandene Beziehung zum Land, das für ihre Großeltern einstens Heimat war und über das sie jetzt mehr und mehr erfahren hat. Ingrid Lämmle-Ruff steht vor dem Abschluss ihres Medizinstudiums.

Meine mütterlichen und väterlichen Großeltern sind in Palästina geboren und Mitglieder der Tempelgesellschaft gewesen. Diese 1861 gegründete Gemeinschaft entstammt dem Pietismus, der religiösen Bewegung innerhalb der Evangelischen Kirche in Württemberg. Die Glaubensauffassung der Templer (nicht zu verwechseln mit dem mittelalterlichen Templerorden oder seinen neuzeitlichen Ausprägungen) ist die einer freichristlichen Religiosität, die zu einer engen Beziehung zwischen Mensch und Gott ermutigen will, ohne dass dies über »religiöse Dogmen, festgelegte Bekenntnisse, Sakramente oder Rituale« geschieht. Ende der sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts fingen die Templer damit an, kleine Siedlungen in Palästina zu errichten, in denen ein eng geknüpftes Gemeinschaftsleben im »Heiligen Land« als Ausdruck ihres Glaubens entstehen sollte.

Meine Großeltern hatten noch lebendige Erinnerungen an ihre Jugendzeit: wie sie in den Zitrusplantagen auf die Bäume kletterten, an die heißen Tage am Mittelmeerstrand, an die Kinderlehre, die Gottesdienste und Konfirmandenstunden, an das Chorsingen, die Nähschule, die Tanzveranstaltungen oder die Schulaufführungen, an die Bearbeitung des Bodens mit Hilfe der arabischen Arbeiter oder an die Einkäufe in den jüdischen Ladengeschäften. Doch im Ersten Weltkrieg, als die Engländer die Türken als Verwalter des Landes ablösten, kam für meine Großeltern, die damals noch Kinder waren, eine drei Jahre währende Internierung in Helouan (Ägypten), zusammen mit 850 weiteren Siedlern aus den Südkolonien. 1920 durften sie wieder in ihre verlassenen und inzwischen geplünderten Häuser zurückkehren, und sie begannen, ihr Leben und ihre Heimstatt neu aufzubauen.

Der Zweite Weltkrieg brachte dann noch größere und dauerhaftere Unterbrechungen und Behinderungen mit sich. Die Eltern meines Vaters wurden 1941 zusammen mit 665 weiteren Siedlern nach Australien deportiert und in einem Lager bei Tatura interniert. Die Eltern von Mutters Seite blieben weiterhin in Palästina interniert (sie durften ihre außerhalb der Stacheldrahtzone liegenden Äcker und Felder nur unter polizeilicher Bewachung aufsuchen). 1948 wurden sie aus Anlass der immer mehr um sich greifenden Gewalttaten im Zuge des Unabhängigkeitskriegs um Israel in einer Frist von 72 Stunden nach Zypern evakuiert, wo sie ein Jahr lang in Zelten am Strand leben mussten, und dann nach Australien gebracht. Ihr Leben in Palästina war - ähnlich tragisch wie das der jetzigen Bewohner - gekennzeichnet von Verlust und Neubeginn, von Trennung und Wiedersehen, vom Kampf um Frieden, religiöser Unabhängigkeit und Selbstbestimmung.

In Australien sprachen meine Großeltern noch dauernd von Palästina und von ihrem Leben in den dortigen Tempelkolonien. Wenn wir als Kinder in ihrem Haus in Moorabbin über Nacht blieben, schliefen wir auf Kissen und unter Decken mit Gänsefedern aus Palästina, die in großen Schrankkoffern auf Schiffen wie der »Partizanka« and der »El Misr« herübergebracht worden waren. Wir genossen mit ihnen am Nachmittag Kaffee und Kuchen, Brezeln und mischmisch (arab. = Aprikosen). Ein großer stachliger Kaktus und eine Zypresse standen neben den Pinien und Rosen in ihrem Garten. Deutsche, mit palästinischen und australischen Einflüssen vermischte Bräuche waren bei ihnen offensichtlich die Regel. In vieler Hinsicht fühlte ich mich hier enger mit Palästina verwurzelt (durch die sprachlichen Ausdrücke, durch die Beschreibungen des Meeres, der Hitze, der Orangengärten) als mit Deutschland, dem Herkunftsland unserer Sprache und Kultur.

Es war mir klar, dass ihre Vergangenheit auch ihre Gegenwart durchdrungen hat. Verbunden war es für sie mit dem Gefühl eines dauerhaften Verlustes und dem Streben nach mehr Sicherheit in Australien. Die Möglichkeit weiterer Rückschläge durch einen Krieg wurde immer noch ein wenig in Betracht gezogen. Die neu entstandenen Tempelgemeinden in Australien, die ein Netzwerk von Hilfsbereitschaft, Freundschaft und Identität bildeten, waren für meine Großeltern sehr wichtig, indem sie sich so der australischen Lebensweise anpassen und Beständigkeit erfahren konnten.

Nun noch zu meiner Person: Ich bin nicht religiös. Obwohl ich an ihren Sommerferienlagern, ihrem Deutschunterricht und ihren Konfirmandenstunden teilgenommen habe, beeinflusste mich die »merkwürdige deutsche Kirche« meiner Großeltern in geistiger Hinsicht nicht wesentlich. Wenn Freunde mich danach fragten, pflegte ich etwas über eine »deutsche soziale Vereinigung« zu murmeln und war verlegen, ob ich sie wirklich als »Kirche« bezeichnen sollte.

Aber verschiedene Vorkommnisse - die Israelreise meiner Mutter, meine Hilfestellung bei ihrer Archivarbeit, die Entdeckung von Schachteln voll alter Fotos und Briefe, ein anregender Schriftwechsel mit Israel und die eskalierende Gewalt in dieser Region - haben mich unbeabsichtigterweise dazu gebracht, dass ich die Geschichte meiner Familie und die Rolle, die der Glaube darin spielt, besser verstehen konnte. Nachdem meine Großeltern nicht mehr leben und ihre Erinnerungen mit ihnen ins Grab gesunken sind, wurde der Wunsch in mir stärker, ihren Lebensweg und seine Bedeutung für mich selbst verstehen zu lernen.

Es ist für mich kaum zu begreifen, dass ihre Heimat, ihre Wohnungen, die Plätze ihrer Jugendspiele nun zu den Austragungsorten eines schrecklichen Konflikts geworden sind, der nie aufzuhören scheint. Es ist auch schwer zu glauben, dass meine Mutter und ich, wenn wir in unserem Haus in Melbourne am Esstisch sitzen und alte Nudelhölzer und Kissenbezüge fotografieren, mit Israel und Palästina und der Nahost-Problematik so eng verbunden sein würden.

Für mich zeigt dies, in einer sehr persönlichen Weise, den Wert und die Bedeutung eines Studiums und der Erhaltung der eigenen Geschichte. Man entdeckt dabei, wie Minderheiten, Unbeteiligte, Menschen, auf die eigentlich niemand etwas abgesehen hat, trotzdem eine wichtige Rolle spielen können und ihr Leben dabei unumkehrbar verändert wird. Damit werden neue Perspektiven möglich und Gelegenheiten gegeben für neue Verbindungen zwischen Religionen, Generationen und Ländern.

Ingrid Laemmle-Ruff, Melbourne
Aus »Meanjin - New Writing in Australia«, No. 4, 2006, gekürzt, übersetzt von Peter Lange


»Deutsche in Jerusalem«

Großes Interesse an Templer-Geschichte bei Vortragstagung

Offen gesagt: Tagungen zu einem solchen Thema hätte ich wohl nur von Veranstaltern in Deutschland erwartet (wie z.B. diejenige im Landeskirchenarchiv in Stuttgart vor einigen Jahren: »Württemberg in Palästina«). Nun aber fand zu meiner Überraschung vom 13. bis 15. März im israelischen Tagungszentrum Mishkenot Sha'ananim in Jerusalem eine solche Veranstaltung unter der akademischen Leitung von Professor Haim Goren (Rosh Pinna) und Architekt David Kroyanker (Jerusalem) statt. Und ich war dazu eingeladen worden.

»Deutsche in Jerusalem« - unter diesem Titel sollte das ganze Spektrum deutscher Aktivitäten in dieser Stadt im 19. Jahrhundert in Kurzvorträgen dargestellt werden. Und tatsächlich war es ein Kaleidoskop unterschiedlichster Unternehmungen, über die die 20 Referenten (einige dafür aus Deutschland angereist) einen Beitrag lieferten: wie z.B. das preußisch-anglikanische Bistum von 1841,»Deutsche in Jerusalem« Fliedners Kaiserswerther Diakonissen-Einrichtungen, Johann Ludwig Schnellers »Syrisches Waisenhaus«, der jetzt 150 Jahre bestehende Jerusalemsverein, die Kaiserin-Auguste-Victoria-Stiftung, der Besuch Kaiser Wilhelms II. 1898 in Jerusalem, die deutschen Kirchen Jerusalems, die deutschen Forscher, Architekten und Ausgräber, die deutsch-türkischen Truppen in Jerusalem im Ersten Weltkrieg, die deutschen Hospitäler und noch vieles mehr.

Natürlich wurden in mehreren Referaten auch die Templer und ihre ab 1873 entstandene Kolonie in der Rephaim-Ebene erwähnt. Ich selbst sprach über »die ersten Handwerker unter den Templern, die im 19. Jahrhundert nach Jerusalem kamen«. Am Beispiel von Christian Eppinger, Paul Aberle, Matthäus Frank und Abraham Fast charakterisierte ich die berufliche Tätigkeit dieser nach Palästina eingewanderten Handwerker aus kleinsten Anfängen heraus und ihren Fleiß und Ideenreichtum, der im Laufe der Zeit zu größeren Unternehmungen geführt hatte und außer den Templern auch der übrigen Bevölkerung zugute kam. FAZ-Korrespondent Dr. Bremer urteilte zum Schluss der Tagung, dass man noch mehr über die Templer und ihre Siedlung vor den Toren der Stadt hätte hören sollen.

Dieses Defizit in der Programmgestaltung wurde wettgemacht durch einen Rundgang, den Architekt Kroyanker den Referenten durch die Deutsche Kolonie anbot. An vielen der alten Häuser, die unter Denkmalschutz stehen, wurde im Lärm des Straßenverkehrs Halt gemacht, und Kroyanker erzählte über die Bewohner und deren berufliche Tätigkeiten. Der Architekt ist inzwischen zu einem in der Geschichte der Kolonie gut Bewanderter geworden, nicht zuletzt durch die zahllosen Begebenheiten und Anekdoten, Blick vom Gästehaus des Konrad-Adenauer-Konferenz-Zentrums auf die Altstadtmauer von Jerusalem (hier eine historische Aufnahme, wie man unschwer erkennen kann)die er von unserem »Jerusalem-Experten« Waldemar Fast noch zu dessen Lebzeiten erzählt bekommen hatte, wie er ehrlicherweise zugab. In spätestens einem Jahr will David Kroyanker eine fachliche Beschreibung der Kolonie mit vielen Abbildungen und Informationen herausgeben.

Noch ein Wort zum »Konrad-Adenauer-Konferenz-Zentrum«, wie sich Mishkenot Sha'ananim im Untertitel auch noch nennt: das in den Berghang unterhalb von Montefiores Windmühle harmonisch eingefügte Tagungsgebäude erlaubt einen wunderschönen Blick über das Hinnomtal hinweg auf die Dormitio-Abtei und die Südwestecke der Altstadtmauer, getrübt nur durch die in der Ferne auf den Hügeln verlaufende hohe Sicherheitsmauer. Die Veranstalter haben uns Referenten im eigenen Gästehaus hervorragend untergebracht und uns zu den Mahlzeiten in jeweils wechselnde Speiselokale Jerusalems eingeladen. Abgesehen davon, dass Reise, Unterkunft und Verpflegung für uns frei waren, wurden wir auch sehr aufmerksam und freundlich betreut - nie hatten wir Probleme, uns zurecht zu finden oder die Referate, die in Hebräisch gehalten wurden, durch Kopfhörer in der Simultan-Übersetzung ins Englische mitzuverfolgen.

Neben den 25 Einzelvorträgen, die durch eine vorbildliche Präsentationstechnik an der Großleinwand belebt wurden, boten die Pausen am Vormittag und Nachmittag reichlich Gelegenheit, mit anderen Referenten oder Zuhörern ins Gespräch zu kommen. Meist wurde ich, ohne dass ich mich darum bemüht hatte, von verschiedenen Leuten angesprochen und hatte Mühe, die Fortsetzung des Vortragsprogramms nicht zu verpassen. Viele Landesbewohner erbaten Auskünfte über die Templer (einmal musste ich einer Fernseh-Journalistin sogar ein Interview geben) oder erwähnten ihre bisherigen Kontakte mit uns. An einem Büchertisch war u.a. auch das von Yoel Amir herausgegebene Buch über das »Imberger-Album« zu erwerben. Da merkte man kaum, dass das Jerusalemer Wetter in jenen Tagen sich außerordentlich unfreundlich gestaltete: mit Sturm, Regen und Schneeschauern.

Peter Lange

Worte aus der Pionierzeit der Templer in Jerusalem

Die Einstellung der Pioniere, die die Tempelsiedlung bei Jerusalem aufbauten, fasste ein Mitbegründer (Paul Aberle, 1842-1922) wie folgt zusammen:

»In allen bisherigen Schwierigkeiten und Gefahren half uns immer unser Gott, und er wird uns auch weiterhin zur Seite stehen. Nur durch seine Güte sind wir hier - und ebenso die Juden. Die Gefahr, die uns droht, liegt nicht in äußeren Schwierigkeiten, sondern darin, dass die zweite und dritte Generation das Verständnis für die wahre Bedeutung unseres heiligen Werkes verlieren könnte.«

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