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Die Warte des Tempels
Monatsschrift für freie Christen
Ausgabe 163/3 - März 2007
BIBELWORTE - NÄHER BETRACHTET
Vom Umgang mit den Fehlern anderer
»Liebe Brüder, wenn ein Mensch etwa von einer Verfehlung ereilt wird, so helft ihm wieder zurecht mit sanftmütigem Geist, ihr, die ihr geistlich seid, und sieh auf dich selbst, dass du nicht auch versucht werdest. Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. Denn wenn jemand meint, er sei etwas, obwohl er doch nichts ist, der betrügt sich selbst. Ein jeder aber prüfe sein eigenes Werk; und dann wird er seinen Ruhm bei sich selbst haben und nicht gegenüber einem andern. Denn ein jeder wird seine eigene Last tragen.«
Brief des Apostels Paulus an die Galater, Kap. 6, V. 1-5
»Einer trage des andern Last.« Das ist eine wunderbare Konkretisierung des »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst«: wenn du siehst, dass dein Nächster eine Last trägt, so hilf ihm, sie zu tragen, so gut du kannst: wenn er nicht genug zu essen hat, dann gib ihm von dem Deinigen; wenn er traurig ist, versuche ihn zu trösten - vielleicht einfach dadurch, dass du ihn anhörst, usw.; es gibt viele verschiedene Arten von Lasten und viele Arten, sie tragen zu helfen. Sie laufen alle auf das eine hinaus: nimm seine Last so ernst wie deine eigene. Ich ergänze: das können wir nicht gegenüber allen Menschen um uns herum tun; wir sollten es dort tun, wo wir es können und wo es uns am dringendsten erscheint.
Der zweite Teil des Satzes »... so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen« meint genau die Bekräftigung, die Jesus selbst immer wieder gibt: »das ist das ganze Gesetz und die Propheten«. Der Ausdruck »das Gesetz Christi« ist bewusst gewählt, da es im ganzen Galaterbrief um die Auseinandersetzung mit dem jüdischen Gesetz geht. Dieses »Gesetz Christi« ist die eine umfassende Forderung Jesu, und für den, der sie erfüllt, sind alle Einzelforderungen des jüdischen Gesetzes irrelevant. Wenn jemand meint, sie trotzdem einhalten zu müssen, aus Angst, quasi als Rückversicherung, so ist das nicht an sich böse, aber ein Ausdruck mangelnden Vertrauens und - was Paulus hier nicht sagt - ein falsches Signal an alle Neubekehrten oder noch zu Bekehrenden.
Das ist nicht unser Problem. Aber in diesem Abschnitt geht es Paulus nicht nur um dieses Allgemeine, sondern um etwas Konkretes, das uns sehr wohl angeht: wie gehen wir um mit jemandem, von dem wir sehen oder zu sehen meinen, dass er sich falsch verhält?
»Wenn ein Mensch etwa von einer Verfehlung ereilt wird, so helft ihm wieder zurecht mit sanftmütigem Geist.« Das klingt für unsere Ohren etwas zu sanft, zu fromm, auch ein bisschen schulmeisterlich. Aber wenn man von der Wortwahl absieht, enthält dieser sanftmütige Satz zwei schwer zu erfüllende Forderungen:
1. Sag ihm, dass er etwas falsch macht. »Einer trage des andern Last« heißt auch, dass ich für den anderen mitverantwortlich bin, dass ich zumindest versuchen soll, ihn von etwas abzuhalten, was ihm selbst und anderen schadet.
2. Sag es ihm so, dass er es annehmen kann. Das kann in jeder Situation ein anderer Weg sein, und es gibt keine Regeln dafür. Ich will es mit einem Bild sagen, das ich irgendwo gelesen habe: Klatsche dem andern die Wahrheit nicht ins Gesicht wie einen nassen Lappen, sondern halte sie ihm hin wie einen Mantel, in den er hineinschlüpfen kann.
Und es kommt noch etwas Drittes dazu, das Paulus so wichtig ist, dass er in dem kurzen Abschnitt dreimal darauf zu sprechen kommt, banal zusammengefasst:
3. Tu es nicht überheblich. »Sieh auf dich selbst, dass du nicht auch versucht werdest«, - dass du dich vom falschen Denken und Handeln des andern nicht anstecken lässt. »Denn wenn jemand meint, er sei etwas, obwohl er doch nichts ist, der betrügt sich selbst.«
Und am wichtigsten: »Ein jeder prüfe sein eigenes Werk; und dann wird er seinen Ruhm bei sich selbst haben und nicht gegenüber einem anderen. Denn ein jeder wird seine eigene Last tragen.« Prüfe, ob dein eigenes Handeln den Ansprüchen genügt, die du an den andern stellst. Mach dir zum Maßstab nicht, dass du besser sein willst als der andere - und ihm das vorhalten kannst -, sondern dass du selbst deine Ansprüche erfüllst.
Auf den ersten Blick scheint der letzte Satz der Kernaussage »Einer trage des andern Last« zu widersprechen. Ich denke, auf den zweiten Blick macht er deutlich, dass dieser Kernsatz noch mehr bedeuten kann als gegenseitiges Helfen. Ich denke, jeder oder fast jeder von uns hat schon die Erfahrung gemacht, dass uns - manchmal oder öfter - der andere selbst eine Last sein kann, auch wenn er nichts Böses tut und uns nichts Böses will: weil er zu viel oder zu laut redet, weil er unlogisch argumentiert oder zu oft etwas vergisst und, und, und - er geht uns auf die Nerven, meist mit Dingen, die ihm selbst nicht bewusst sind und die er, auch wenn wir ihn darauf hinweisen, nicht oder fast nicht ändern kann.
Dann heißt »ihn tragen«: ihn annehmen als ganzen Menschen, sich an seinen Stärken freuen und seine Schwächen nicht wichtig nehmen. Und vor allem sich klar machen: wenn ein anderer mir auf die Nerven gehen kann, obwohl er guten Willens ist, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass auch ich, trotz meines guten Willens, ihm oder anderen auf die Nerven gehe. Ich kann mich bemühen, gegen meine Schwächen anzugehen, meinen Charakter ändern kann ich so wenig wie er den seinen. Ich denke, das ist die eigene Last, die jeder selber tragen muss.
Wir leben alle davon, dass wir uns gegenseitig annehmen, so wie wir sind - wenigstens ein bisschen so, wie wir hoffen und glauben, dass Gott uns annimmt.
Brigitte Hoffmann
Jugendgewalt - Gewalt an Schulen
Erfahrungen eines Lehrers
Während meiner 40-jährigen Dienstzeit als Lehrer hat das Thema Gewalt an der Schule, Gewalt unter Jugendlichen einen immer größeren Raum eingenommen. Es haben sich die Häufigkeiten und die Formen der Gewalt sehr verändert. Die Schlägereien unter Jungs in der Pause auf dem Schulhof gab es schon immer; vermutlich ist es eine Form der Auseinandersetzung im Prozess des Heranwachsens, die nie ganz verschwinden wird. Was sich aber deutlich verändert hat, ist die Form, die Häufigkeit und die Brutalität, in welcher Gewalt ausgeübt wird. Und es ist inzwischen keine Frage mehr der Geschlechter. Mädchen lösen zunehmend ihre Konflikte genauso brutal mit körperlicher Gewalt, wie man es sonst nur Jungs zugeschrieben hat.
Gewalt hat heute viele Gesichter. Das beginnt bei kleinen Sticheleien, beleidigenden, verbalen Attacken mit meist vulgären Ausdrücken, und geht weiter zu Mobbing, Erpressung bis zur Androhung und Ausübung von körperlicher Gewalt. Meistens verläuft das Geschehen ausgehend von verbaler Aggression über Rangeleien bis zur handfesten Schlägerei. Aber es gibt genauso das unvermittelte, überraschende Schlagen und Treten nach einem völlig ahnungslosen Schulkameraden - »im Spaß« wie dann beteuert wird -, was ein ratloses Opfer zurücklässt. Auch zunächst harmlos erscheinende Neckereien verwandeln sich immer wieder in vehemente Prügeleien.
Die Schule war schon immer ein Ort, wo es fast zwangsläufig zu Auseinandersetzungen kommen musste, wenn so viele verschiedene Charaktere zu einer Zwangsgemeinschaft zusammengesteckt werden. Ich erinnere mich an meine eigene Schulzeit, die nicht ohne Hänselei, Stichelei, Streit und Kampf war. Da gab es schon auch den Kampf zwischen Jungs, von einer johlenden Menge auf dem Schulhof umringt. Da gab es das Auflauern auf dem Heimweg, um einen anstehenden Konflikt noch auszutragen. Aber es gab und gibt Unterschiede: gewaltsame Auseinandersetzungen waren eher die Ausnahme - weil man Konfliktlösung durch Aussprache noch gelernt hatte und damit auch kannte. Die heutige Brutalität fehlte. Man hätte einem am Boden liegenden »Feind« nicht noch ins Gesicht getreten. Gewaltsame Auseinandersetzungen sind heutzutage leider eher zu einer »Normalität« im Schulgeschehen geworden.
Zum Glück haben wir an der Schule, an welcher ich zuletzt 14 Jahre tätig war, kein Erfurt und kein Emsdetten erlebt. Aber der Schulalltag ist für manchen Schüler zum Albtraum geworden, weil er sich von Einzelnen und von Gangs angegriffen und gemobbt fühlt. Meine Tätigkeit als Konrektor wurde immer mehr zur Klärung von Vorkommnissen, zum Aufklären von Auseinandersetzungen und Schadensbehebung benötigt. Schlichtungsgespräche mit Schülern, Kollegen, Eltern und Kriminalpolizei nahmen oft einen großen Umfang meiner Arbeitszeit ein. Wir mussten reagieren, um Schadensbegrenzung zu erreichen. Ich erinnere mich an einen jüngsten Fall, wo Mädchen einer 7. Klasse Schulkameradinnen auf dem Heimweg bedrohten, zu erpressen versuchten und sie verprügelten. Da ihre Drohungen so weit gingen, dass sie jemanden »totschlagen« würden und das Geschehen außerhalb des Schulgeländes sich abspielte, musste umgehend die Polizei eingesetzt werden. Der Tatvorgang konnte geklärt werden, die Hauptbeschuldigten überführt werden. Nachdem in weiteren Gesprächen mit den Schülerinnen und deren Eltern keine Einsicht erzielt werden konnte, blieb nur der Verweis von unserer Schule übrig. Wobei das Problem, wie in vielen ähnlichen Fällen, nicht beseitigt, sondern nur verlagert wird.
Was ist der Hintergrund dieses entsetzlichen Verhaltens? Warum haben wir an den Schulen mit so viel Gewalt zu tun? Zwei Gesichtspunkte seien zuerst genannt: 1. die Gewaltbereitschaft hat stark zugenommen, und 2. die Einstellung zum Umgang mit sich selbst und mit anderen hat sich sehr verändert. Wenn früher ein Schüler sich fehl verhalten hat, sei es, dass er sich im Ton vergriffen, einen Mitschüler beleidigt hatte oder auch tätlich geworden war, so konnte man die Sache im Gespräch bearbeiten, d.h. ihm im Gespräch ins Gewissen reden, so dass er einsichtig wurde, seine Untat bereute und auch eine Entschuldigung bzw. eine Wiedergutmachung möglich war.
Wenn ich heute einen Schüler auf sein Verhalten anspreche - nach ähnlichen Vorfällen wie oben genannt -, dann kann mir in vielen Fällen passieren, dass er mich anschaut, als würde er gar nicht verstehen, was ich ihm sagen möchte. Und er versteht tatsächlich auch meine Sprache und mein Anliegen nicht. Er sieht nicht, was an seinem Verhalten falsch gewesen sein soll, er hat dann immer eine Palette von Rechtfertigungen parat. Ich kann ihm nicht ins Gewissen reden, weil er kein Unrechtsbewusstsein hat. Er versteht mich tatsächlich nicht, weil er diese Sprache von zuhause nicht kennt, also auch kein gemeinsames Fundament zwischen uns besteht, was als Gewissen oder Rechtsbewusstsein gelten könnte. Ich erreiche diesen Schüler nicht, er bleibt auf seiner Position stehen und wird unter Umständen im nächsten Augenblick genauso weitermachen. (Im Übrigen: ca. ein Drittel der Unterrichtszeit wird durch solche Erziehungsmaßnahmen aufgefressen.)
Der Kriminologe und Gewaltforscher Prof. Dr. Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsens und früherer Justizminister in Niedersachsen, befasst sich seit Jahren mit den Themen Jugendkriminalität, Jugendgewalt und Gewalt an Schulen. Für ihn gibt es drei wesentliche Faktoren, die zur Jugendgewalt führen:
- die Familien kümmern sich zu wenig darum, was die Kinder in ihrem Kinderzimmer treiben,
- in den Schulen werden zu viele Verlierer erzeugt,
- wir haben keinen effektiven Jugendmedienschutz.
Pfeiffer warnt vor einer Medienverwahrlosung unserer Kinder, und appelliert an die Eltern, ihre Erziehungsaufgabe stärker wahrzunehmen und nicht bereits ihren jüngeren Kindern alle Gerätschaften ins Zimmer zu stellen und zu hoffen, dass schon alles gut geht. Wenn inzwischen bei jedem vierten Sechsjährigen ein eigener Fernseher im Zimmer stehe, habe der Jugendschutz kaum mehr Bedeutung - die Eltern selbst würden die Richtlinien ja unterlaufen. Zu früh und unbeaufsichtigt hätten die Kinder Zugang zu Fernsehen, Internet und Videospielen.
Durch seine Erhebungen und Forschungen hat Pfeiffer festgestellt, dass unkontrolliertes Fernsehen das Verhalten und das Bewusstsein stark beeinflusst. Er stellt überspitzt fest:
»Wer viel vor der Glotze sitzt, wird dumm, und ist von einer kriminellen Karriere nicht mehr weit entfernt.« Das ist bestimmt zu weit gegriffen, aber er will wachrütteln, er will den Einfluss der Medien ins Bewusstsein bringen. Seine Forschungsergebnisse zeigen einen inneren Zusammenhang von Fernsehkonsum und Gewaltbereitschaft. Er hat das Fernsehverhalten von Tausenden von Jugendlichen erforscht und über Zeiträume von mehreren Jahren verfolgt. Seine Erkenntnisse müssen uns aufrütteln.
Wie Pfeiffer betont, haben 56 Prozent der 12- bis 17-jährigen Jungen bei einer aktuellen Befragung angegeben, Filme, die wegen ihres jugendgefährdenden Inhalts erst nach 23 Uhr ausgestrahlt werden, häufig anzuschauen. Unter den Mädchen gaben dies nur 25 Prozent an. Zwei Drittel der Jungen gaben in der Umfrage an, Computerspiele regelmäßig zu nutzen. Ob ein Zusammenhang zwischen Delinquenz und exzessivem Medienkonsum besteht, ist noch nicht wissenschaftlich bewiesen. Pfeiffer seinerseits verweist auf seine Schulstatistiken der vergangenen Jahre, denen zu Folge die Schulleistungen der Jungen immer schlechter werden. Damit werden die Schüler erzeugt, die er als Verlierer bezeichnet.
Als zweites Resultat führt Pfeiffer aus: »Je brutaler die Spiele sind und je häufiger man sie spielt, desto schlechter sind die Noten. ... Je mehr man Ego-Shooter spielt, desto höher ist die eigene Gewaltbereitschaft.« Man wirft Pfeiffer vor, dass er manchmal zu sehr polemisiere. Aber dagegen möchte ich eins seiner nachweislichen Forschungsexperimente halten: er ließ Versuchsschüler Vokabeln lernen. Eine Gruppe durfte nach dem Lernen nach eigener Wahl fernsehen, die andere verzichtete auf Fernsehkonsum. Bei den Schülern, die leichte Filme gesehen hatten, war der Lerneffekt am nächsten Tag etwas minimiert, bei Schülern, die Gewaltszenen gesehen hatten, waren die Vokabeln fast wie ausradiert!
Ich bin der Ansicht, dass Killerspiele verboten gehören, allgemein vom Markt genommen werden müssen - wer hat schon einen Gewinn dadurch außer der Unterhaltungsindustrie? Mir ist bewusst, dass ein Verbot immer eine zweischneidige Sache ist, weil ich auch weiß, dass es nicht konsequent durchzusetzen ist. Aber es muss ein Signal gesetzt werden, indem Politik, Öffentlichkeit und Kirchen klar Stellung nehmen! Wollen wir weiterhin in Kauf nehmen, dass unsere Kinder seelisch verrohen? Wer ständig Figuren foltert, erschießt und umbringt, der läuft Gefahr, die Grenzen zwischen digitaler und echter Wirklichkeit zu verwischen. Für Kinder bis zu 6 Jahren verwischen sich diese Grenzen ohnehin, für sie ist das Fernsehbild Realität.
Und warum werden Brutalitäten auf dem Schulhof mit Handys aufgezeichnet? Das Opfer wird in der Aufzeichnung digitalisiert, und damit entmenschlicht. Es wird zu einer Figur wie im Spiel, ohne Schmerzen ohne erkennbare Angst. Diese Figur geht mich nichts mehr an, sie berührt mich nicht mehr.
Nach meiner Auffassung können Videospiele zu einer Verharmlosung einer Tat führen, was heißen will, dass die Jugendlichen die realen Situationen von ihrem Empfinden und ihrer Wahrnehmung her in die technisierte, digitale Welt und damit emotionslose Welt übertragen. Menschliches Leiden und Mitfühlen ist damit nicht mehr erfassbar.
Der Täter von Emsdetten war besessen von Waffen. Er fühlte sich als Verlierer. Er gab anderen die Schuld an seinem Hass auf die Welt. Und er reagierte diesen Hass auf alle und alles in der virtuellen Welt ab, in der er sich stark fühlte - in der Welt der Killercomputerspiele. Ähnlich lagen die Sachverhalte beim Täter von Erfurt. Beide zogen sich aus dem Leben zurück in die virtuelle Welt.
Beide Täter haben sich als Verlierer an der Schule gefühlt, haben sich abgesondert, wurden Außenseiter. Sie wurden verhaltensauffällig auf einer niedrigen Stufe. Im Klassenzimmer von 30 Schülern ist nicht der ruhige, zurückgezogene Schüler der Auffälligste. Für mich als Lehrer sind es immer die auffallend lauten, den Unterricht störenden Schüler, welche meine Aufmerksamkeit binden. Und bei insgesamt zwischen 4 bis 8 Klassen zu je 30 Schülern, mit denen ich täglich arbeite, ist beim besten Willen der direkte, persönliche und aufmerksame Kontakt nicht möglich. Folglich entgehen mir u.U. die Schüler in den Klassen, die psychisch labil sind, die potenziell zu Gewaltbereitschaft neigen, weil ihre Probleme durch eine Zurückgezogenheit verdeckt werden.
Zudem haben wir in den Schulen im Vordergrund den Bildungsauftrag zu erfüllen. Das bedeutet, dass die Wissensvermittlung voran steht, soziales Lernen im günstigsten Fall dort integriert werden kann. Es fehlen den Schulen die Mittel und Ressourcen - in einem der reichsten Länder der Welt! - für ausgleichende und fördernde Nachmittagsangebote wie mehr Sport, Musik, Theater, kreative Werkstatt u.ä. Wir entlassen unsere Schüler in den Nachmittag mit einem Päckchen Hausaufgaben, viele von ihnen aber verbringen die meiste Zeit in ihrem Zimmer am Fernseher, im Internet und mit Computerspielen. Die Schule hat keinen Einblick und keinen Einfluss; der ist nur mit Hilfe der Eltern möglich, sofern diese den Bedarf sehen und den Wunsch haben. Wenn wir uns früher im Garten, auf der Straße, im Wald austoben konnten, so tun sich unsere Kinder schwer, eine solche Möglichkeit zu finden. (Man bedenke, wie oft es Einsprüche von Anliegern gibt bei der Einrichtung sogenannter Bolzplätze!)
Jugendgewalt ist kein Einzelproblem eines Individuums, es ist ein Problem unserer Gesellschaft. Unsere Kinder sind der Spiegel unserer Gesellschaft. Wo Vorbilder aus der Politik, aus der Wirtschaft skrupellos ihre Macht, ihren Egoismus ausleben, wo Gerichte nicht zu einer ethisch fundierten Bewertung bereit sind (siehe Fall Ackermann, Esser, Kohl): woher sollen dann Jugendliche ein anderes Bild, nämlich ein Vor-Bild erhalten, das ihnen Orientierung in einer schwierig gewordenen Welt sein kann. Eine Wertevorstellung kann man nur von demjenigen erwarten, der in einer Welt gültiger Werte aufgewachsen ist.
Wo das Fernsehen zu den Hauptsendezeiten die Massen mit überwiegend inhaltlosen, auf niedrigstem Niveau agierenden Sendungen - dazu manchmal in vulgärer Sprache - vor den Fernseher locken: woher sollen dann Kinder und Jugendliche ein anderes Weltbild erhalten, als das, was ihnen in diesen Sendungen vorgetäuscht wird. »Cool«- Sein ist die Devise. Roman Herzog bemängelte früher schon: »Je banaler, desto bessere Sendezeiten, desto mehr Quote.«
Wenn Eltern, die müde von der Arbeit kommen, nicht noch den Nerv haben, sich mit Schul- und Erziehungsaufgaben abzugeben, die froh sind, wenn ihre Kinder im Nebenzimmer ihre eigene Fernsehwahl treffen, wie soll dann Erziehung stattfinden im Austausch über Recht und Unrecht, Gut und Böse, wirkliche und Scheinwelt? Wer hilft den Kindern, das Gesehene zu verstehen und zu verarbeiten, es in ein Weltbild einzuordnen?
Und die Schule? Sie kann ihrem Erziehungsauftrag nicht gerecht werden, da es ihr an den Möglichkeiten und der notwendigen Unterstützung - Nachmittagsbetreuung, Sozialarbeiter usw. - fehlt. Zudem ist die Schule nur ein Teil des Erziehungsweges, den ein Kind durchläuft. Wir wissen, dass ein Großteil der charakterlichen Prägung und der Verhaltensweisen verankert sind, bevor das Kind in die Schule eintritt. Wenn Schule dann noch das Problem der Integration von Migranten-Kindern bewältigen soll, steht sie vor unlösbaren Problemen. Eine Schule kann z.B. von sich aus eine Volksgruppe nicht davon überzeugen, dass ein Sich-Einleben in die Gesellschaft, Kultur und Sprache unseres Landes von Vorteil für den schulischen und beruflichen Werdegang ihrer Kinder ist. Wer am Gedanken festhält, eine abgegrenzte Gemeinschaft in der Gesellschaft bleiben zu wollen, der schafft Konflikte, die sich im Klassenzimmer und auf dem Schulhof austragen. Kinder tragen die Gedanken und Einstellungen ihrer Eltern in die Schule und leben sie aus! Wo keine Toleranz oder ein Verständnis für die anderen zuhause ist, fehlt sie auch außerhalb. (Ein Beispiel, wie weitreichend das Problem sein kann: ich wurde Anfang der 50-er Jahre in Australien(!) von australischen und holländischen Schülern mit Naziparolen gehetzt.)
Gewalt an Schulen, Gewalt unter Jugendlichen ist ein großes und ernst zu nehmendes Problem unserer Zeit. Und es ist kein Problem, das sich einfach, schnell und dauerhaft lösen lässt, weil zu viele Faktoren und Beteiligte betroffen sind. Keine Seite kann, auch mit dem besten Willen, es alleine angehen und beheben. Es ist tatsächlich ein Problem unserer heutigen Gesellschaft. Und deshalb ist ein Weg aus der Problematik ein sehr vielschichtiger.
Ich möchte aber einige Gedanken anführen, über die es sich lohnt nachzudenken als mögliche Perspektive für positive Veränderungen. Ich habe sie in Peter Hahnes lesenswertem Buch »Schluss mit lustig - Das Ende der Spaßgesellschaft« gefunden. Dort schreibt er zum Fall Robert (Erfurt): »Robert ist das Opfer einer Zeit, in der es wichtig erscheint, sich überhaupt nicht anstrengen zu müssen, sich aber auf jeden Fall selbst verwirklichen zu können - ohne Mühe zu Karriere und Geld zu kommen. Fernsehspaß ohne Anstrengung im zappenden Unterhaltungssalon Wohnzimmer. Was bedarf es da noch der Freude an Leistung und Arbeit, wenn man das täglich vorgesetzt bekommt.« Und er zitiert Roman Herzog auf die Frage, was das Schlimmste an unserer Gesellschaft sei: »Der Verlust der Werte.« Was Kindern und Jugendlichen sträflich erspart wurde, sind Anstrengung, Grenzen, die Auseinandersetzung mit Werten und Normen. Seine Erfahrung sei, dass für viele junge Leute die Frage nach dem Sinn und Ziel ihres Lebens nicht wichtig, eher gleichgültig ist, bzw. dass sie nicht darüber reden wollten. Hahne: »Wir versündigen uns an der nachfolgenden Generation, wenn wir ihr keine Ziele mehr vorleben.«
Was wir heute brauchen, sind Menschen, die über einen Wertevorrat verfügen. Denn ohne ein Mindestmaß gemeinsamer Werte ist kein gesellschaftlicher Konsens mehr möglich. Kein Wunder, dass das Werte-Thema ein Topthema geworden ist. Trendforscher haben ein »Comeback der Werte« festgestellt. Ethik und Moral seien die zentralen Themen unseres Jahrhunderts. Werte sind die Vorstellungen, die einer Gesellschaft allgemein oder zumindest von vielen als wünschenswert anerkannt sind. Werte wollen und sollen Orientierung geben.
So kann uns die Einschätzung eines bedeutenden Trendforschers, Horst W. Opaschowski, Mut machen, wenn er feststellt: »Die Sinnfrage ist wieder wichtiger als die Spaßfrage. Auf das Vakuum einer oberflächenbetonten Weltsicht folgt die Sehnsucht nach Werten. Nach dem Zeitalter der Ideologien folgt die Rückkehr zur Religion. Religion als Lebensgefühl ist wieder gefragt - als Gegengewicht für den Verfall verbindlicher Regeln und moralischer Normen. Normlosigkeit ist auch ein Ausdruck von Gottlosigkeit.«
Wollen wir uns wünschen und hoffen, dass diese Einschätzung nicht Prognose bleibt, sondern Wirklichkeit wird.
Wolfgang Blaich
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