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Die Warte des Tempels
Monatsschrift für freie Christen
Ausgabe 163/1 - Januar 2007
Neujahrsgruß des Schriftleiters
Zu Beginn des 163. Erscheinungsjahrs unserer Zeitschrift grüße ich alle Leser der »Warte des Tempels« und wünsche ihnen Zufriedenheit und Wohlergehen im neuen Jahr. Wie ich in der November-Ausgabe schrieb, werde ich, auch wenn meine Amtszeit als Tempelvorsteher im kommenden Oktober zu Ende geht, die Schriftleitung der »Warte« noch eine Weile weiterführen, bis auch dafür ein geeigneter Nachfolger gefunden ist. Immerhin übe ich dieses Amt jetzt schon 24 Jahre aus.
Ich schrieb, dass meine Tätigkeit in der Schriftleitung in nicht geringem Maß von der Resonanz der Leserschaft abhängen würde. Wenn nicht immer wieder Rückmeldungen der Leser an die Redaktion erfolgen, kann der Schriftleiter verständlicherweise nicht die richtige Auswahl an Schwerpunkten und Themen treffen. Wenn kein Echo der Leser - sei es mündlich oder schriftlich - erfolgt, entsteht auch leicht der Eindruck, als werde die Zeitschrift überhaupt nicht zur Notiz genommen.
Gemessen an der (bescheidenen) Auflage von monatlich 500 Exemplaren treiben wir mit der Gestaltung der »Warte« einen verhältnismäßig hohen Aufwand. Doch wir glauben, dass damit auch äußerlich der Lesewert des Heftes dokumentiert wird. Es ist eben nicht nur ein »Mitteilungsblättle«, sondern eine Schrift mit geistig-religiöser Auseinandersetzung und gemeinschaftsfördernden Anstößen.
Wie es das Wort »Warte« schon ausdrückt, soll aus dem Inhalt ein bestimmter »Standpunkt« erkennbar werden, nämlich der »Standpunkt des Tempels«. Was bedeutet dieser Begriff »Tempel«? In diesem Bild ist zweierlei enthalten: einerseits ein Ort der Begegnung mit dem Göttlichen und andererseits ein Bauwerk aus Menschen, aus den Bausteinen der Gemeinde. Als Templer wollen wir uns leiten lassen von dem Bekenntnis Christoph Hoffmanns in seinem Vierten Sendschreiben, dass »der Gegenstand unseres Glaubens die heilige, für die Menschen bestimmte und eingerichtete christliche Gemeinde« ist.
Der Ältestenkreis der TGD hat sich bei seiner letzten Zusammenkunft über die zu veröffentlichenden Themen besprochen. Wir wollen, wie das früher schon der Fall war, zukünftig wieder vermehrt Stellung zu aktuellen Fragen der Zeit nehmen, sofern in ihnen religiöse und ethische Aspekte enthalten sind.
Über die geografische Verbreitung unserer Monatsschrift dürfen wir uns weiterhin freuen. Wir haben nicht nur Leser in der ganzen Bundesrepublik, sondern auch im Ausland: in England, Kanada, Argentinien, Südafrika, am Ural in Russland und natürlich zahlreich in Australien. Doch die Leserschaft vermindert sich immer wieder durch Löschungen aus Altersgründen oder wegen Tod. Es ist meine ernste Bitte, dass jeder überlegen möge, wen er in seinem Bekannten- oder Freundeskreis zu einem Bezug der »Warte« bewegen könnte. Eine Mitgliedschaft ist damit nicht verbunden.
Im Namen der TGD-Gebietsleitung, Peter Lange, Schriftleiter
BIBELWORTE - NÄHER BETRACHTET
Warum nicht unerklärt stehen lassen?
Der Besessene von Gerasa (Markus 5, 1-20)
In dieser Geschichte wird berichtet, wie Jesus einen Mann heilte, der »von einem bösen Geist besessen« war, wie man es damals formulierte. Das Negative, Krankhafte stellte man sich in der Gestalt von bösen Geistern vor, die man »austreiben« musste. Offensichtlich traute man Jesus zu, Macht über solche bösen Geister zu haben. Doch man wusste auch, dass man das Böse nicht einfach aus der Welt schaffen konnte, deshalb verfiel der Erzähler auf die Idee, dass den Geistern eine andere »Behausung« zugewiesen werden müsste, was Jesus folglich auch tat, indem er ihnen erlaubte, in eine Herde Schweine zu fahren: »Die Herde raste daraufhin das steile Ufer hinab in den See und ertrank. Es waren etwa zweitausend Tiere.«
Hier tritt uns - wie so oft - ein neutestamentlicher Text entgegen, bei dem wir uns vielleicht fragen, ob er uns bei der Klärung unseres Strebens und unserer Ziele wirklich von Nutzen ist. Wie in vielen anderen Fällen enthält er überholte Vorstellungen; sie scheinen für die Entfaltung der Evangeliumsgeschichte von wenig Belang zu sein; viele sind rätselhaft. Mit Recht fragen wir, ob sie wirklich wichtig sind zum Verständnis des Lebens und Handelns von Jesus. Müssen wir uns wirklich mit ihnen befassen? Ich kann hierauf nicht mit Bestimmtheit antworten. Aber ich habe eine Vermutung.
Die Evangelien sind kurzgefasste Schriften, sie sind so präzise formuliert, dass die Verfasser über die Anordnung jedes Absatzes lange gebrütet haben müssen. Die Evangelienschreiber haben offensichtlich jedes Wort sorgfältig abgewogen und Unnötiges weggelassen. Ich denke, dass sie nur dasjenige in ihre Schrift aufgenommen haben, wovon sie glaubten, dass es zum Verständnis ihrer Botschaft wesentlich sei. Wenn sie der Ansicht waren, dass etwas wichtig war, dann war es folglich auch wichtig, und wir müssen sehen, wie wir damit zurecht kommen.
Wie behandeln wir solche Texte wie den über den Besessenen von Gerasa? Was bedeutet er uns im Hinblick auf seine Botschaft und ihre Übertragung auf unser Leben? Manche Leute begnügen sich mit der Erklärung, die in den Evangelien beschriebenen Wunder seien der orientalischen Vorliebe für eine blumige Ausdrucksweise und der Neigung zur Übertreibung zuzuschreiben, einfach um etwas »Dichtung« zwischen die »Wahrheit« zu streuen. Ich selbst bin nicht dieser Meinung, denn sie vermittelt uns nicht etwa eine Erklärung, sondern erklärt nur etwas weg. Es bleibt bei ihr nichts übrig, was Jesu Botschaft deutlich machen würde. Vielmehr nimmt diese Betrachtensweise der Botschaft dadurch ihre Durchschlagskraft, dass dem Leser suggeriert wird, einiges von dem, was er liest, sei nicht wahr oder zumindest übertrieben.
Andere Menschen begnügen sich mit einer rein symbolischen Erklärung der Wunder. Der Lahme und der Blinde seien symbolisch von Jesus geheilt worden. Der Lahme sei dazu ermutigt worden, Jesus nachzufolgen, und dem Blinden seien seine Augen symbolisch geöffnet worden - um ihm innere Einsicht zu vermitteln. Oberflächlich betrachtet hat diese Erklärung viel für sich. Ich habe jedoch damit in zweierlei Hinsicht meine Schwierigkeiten. Erstens steht die Wirkung der Heilungen auf die »umstehende Menschenmenge« in keinem Verhältnis zum Heilungserfolg. Warum sollten denn Hunderte von Menschen von Ehrfurcht über einen gewöhnlichen Zeitgenossen ergriffen worden sein, der innere Einsicht erlangt hat? Warum sollte soviel Aufhebens davon gemacht worden sein?
Meine zweite Schwierigkeit betrifft die Begleitumstände der Geschichte. Warum braucht ein symbolisch lahmer Mensch ein Bett, warum muss ein metaphorisch Geheilter - ein neu Ermutigter - sein Bett nehmen und es mit sich herumtragen? Warum muss Jesus einer Person »ins Auge spucken«, die nur symbolisch blind ist? In unserem Text würde der Besessene jemanden darstellen, der verführt, also auf dem falschen Gleis, war und auf den richtigen Weg gebracht worden ist. Seine Gesinnung ist verändert worden. Doch: um einen Menschen zu verändern, braucht man doch nicht zweitausend Schweine den Abhang hinunter zu jagen! Viele Einzelheiten der Geschichte werden bei der symbolischen Erklärensweise einfach ignoriert. Es muss mehr in dieser Begebenheit stecken, und wir lassen das damit aus.
Weiterhin gibt es die Auffassung, dass wir die Wunderberichte als unerklärbare Begebenheiten stehen lassen sollten. Es handelt sich danach um Episoden, die aus irgendeinem Grund als bedeutsame Geschehnisse in die Evangelien aufgenommen wurden. Ich denke, dass die Verfasser damit - durch Hinweis auf die alttestamentlichen Prophezeiungen - die Bedeutung Jesu und seiner Mission beweisen und unterstreichen wollten. Ich war selbst immer dafür, dass im Zweifelsfall die Wunder als unerklärbare Vorgänge stehen gelassen werden. Ich bin nicht gewillt, kategorisch festzustellen, dass dieses oder jenes unmöglich sei, nur weil es außerhalb meiner Erfahrung ist. Ich glaube nicht, dass es in dieser Frage jemals Gewissheit geben kann. Gewissheit wäre für mich eine Form von Arroganz, die gefährlich werden kann, so wie auch Intoleranz.
Dr. Peter Uhlherr, Mount Waverley
Gehört die Zukunft den Superhirnen?
Ende November setzte sich der weltbeste Schachspieler, der 31-jährige Russe Wladimir Kramnik, in einem über mehrere Partien gehenden Wettkampf in der Kunsthalle in Bonn mit einem außergewöhnlichen Gegner an den Spieltisch - dem bisher leistungsstärksten Schachcomputer »Deep Fritz 10«.
1997 hatte es schon einmal einen solchen Wettkampf zwischen dem früheren Weltmeister Garri Kasparow und dem damals schnellsten Elektronenhirn der Welt, dem Ungetüm »Deep Blue«, gegeben, den Kasparow verlor. Die Entwicklung der Schachrechner ging trotz des Erfolges weiter und brachte »Deep Fritz« hervor, der die besten Hirne der Menschheit herausforderte. Der seit 2000 an der Weltspitze stehende Kramnik nahm die Herausforderung an und rettete 2002 in Bahrain mit einem Unentschieden gegen »Fritz 7« die »Ehre der Menschheit«. Seither galt: nur er würde auch die neue Maschine bezwingen können. Doch der Computer erwies sich als stärker. Er gewann in Bonn mit 4:2.
Die Entwicklung zu hochleistungsfähigen Superhirnen lässt sich auf vielen Gebieten menschlicher Aktivitäten beobachten. Wenn einen hinsichtlich der »Denkschnelligkeit« des Schachcomputers vielleicht ein leiser Schauer über den Rücken läuft, so leben wir doch schon längst mit dieser künstlichen Intelligenz ganz einvernehmlich zusammen und merken ihre Hilfe womöglich gar nicht so richtig.
Erst wenn uns durch Spezialisten erklärt wird, was für Möglichkeiten in den Entwicklungen des mikroskopisch Kleinen, der »Nanowelt«, stecken, werden wir wach. Kann es etwa dazu kommen, dass die künstlichen Denker irgendwann einmal ihre dienende Funktion aufgeben und die Menschen komplett ersetzen werden? Dieses Szenarium ist in futuristischen Büchern und Filmen inzwischen hinlänglich ausgemalt worden.
Ich denke jedoch, dass in diesen Medien in nicht rechtfertigender Weise mit der Angst der Menschen gespielt wird. Zwar können die Errungenschaften der Datentechnik auch zu zerstörerischen Zwecken missbraucht werden, aber die Computer und Roboter werden immer abhängig sein von den Programmen, die der Mensch ihnen eingibt. Der Mensch wird nie in der Lage sein, ihnen diejenigen Qualitäten einzupflanzen, die ihm selber in jahrmillionenlanger Entwicklung von einem Weltengeist eingepflanzt wurden. Das Leben wird es immer mit den Blech-und-Schrauben-Wesen aufnehmen können, auch wenn es beim Schachspiel unterlegen ist.
Peter Lange
Ist unser Tun immer sinnvoll? (Teil II)
Die Kluft zwischen ethischem Denken und ethischem Handeln
Ethik der Neuzeit
Der im ersten Teil gegebene Überblick über die Geschichte der philosophischen Ethik (nach Aristoteles: »Lehre vom guten Leben«) ist noch kurz zu ergänzen: Nach Kant und den englischen Utilitaristen (Jeremy Bentham, John Stuart Mill) hat es eigentlich nur noch einen groß angelegten Versuch gegeben, die Ethik von einem philosophischen Prinzip her zu erklären. Der Ansatz von Arthur Schopenhauer (»Alles menschliche Dasein ist Leiden«) führte zu seiner Überzeugung, dass das »Mitleid« die »wirkliche Basis aller freien Gerechtigkeit und aller echten Menschenliebe« ausmache. Im Unterschied zu den Moralphilosophen vor ihm bezog Schopenhauer auch die Tierwelt in seine Ethik ein (»Wer gegen Tiere grausam ist, kann kein guter Mensch sein«), was ihm noch heute eine gewisse Aktualität verleiht.
Aus der Zeit danach möchte ich vor allem Albert Schweitzer und Hans Jonas erwähnen. Albert Schweitzer verlangte bei allem menschlichen Handeln »Ehrfurcht vor dem Leben« und erklärte dies damit, dass die wahre Philosophie von der »unmittelbarsten und umfassendsten Tatsache des Bewusstseins« ausgehen müsse, die da laute: »Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will. ... Gut ist, Leben erhalten und Leben fördern, böse ist, Leben vernichten und Leben hemmen«. Kein Wunder, dass insbesondere Schweitzer mit dieser Aussage immer wieder für die ethischen Ansprüche an den Umgang des Menschen mit der Natur bemüht wird.
Schweitzer war damit auch Vorläufer der Idee einer weltweit geltenden Ethik, wie sie später Hans Küng mit seinem »Projekt Weltethos« - im Sinne von die ganze Menschheit verbindenden Grundwerten - zum Ausdruck brachte.
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat es kaum noch Versuche gegeben, grundsätzliche Ethiksysteme zu entwickeln. Dies mag damit zusammenhängen, dass nach den menschlichen Katastrophen der beiden Weltkriege und des Holocaust eine individuelle Ethik ad absurdum geführt schien. Dennoch hörte das Nachdenken über ethische Fragen nicht auf, das sich zunehmend in einzelne Gebiete wie Bio-, Medizin- oder Wirtschaftsethik auffächerte. Vielfach wurde die Auffassung vertreten, dass die gewachsenen technischen Möglichkeiten des Menschen dazu führen müssten, die Grundlagen der Ethik neu zu definieren und zu erweitern.
Hans Jonas (»Das Prinzip Verantwortung«) wies darauf hin, dass alle Gebote überlieferter Ethik (z.B.: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst«, »Tue andern, wie du wünschst, dass sie dir tun« oder »Ordne dein persönliches Wohl dem Gemeinwohl unter«) auf einen zeitlich wie räumlich begrenzten Nahhorizont abzielten; dies reiche angesichts der globalen und dauerhaften Folgen menschlichen Handelns nicht mehr aus. Deshalb werde das Wissen über die - durch Technik ermöglichten - Folgen des menschlichen Handelns zu einer vordringlichen Pflicht zeitgemäßer Ethik. Als neuen »kategorischen Imperativ« formulierte er: »Handle so, dass die Wirkungen deines Handelns nicht zerstörerisch sind für die künftige Möglichkeit solchen Lebens«.
Damit hat Jonas eine Handlungsmaxime aufgezeigt, die auch für die Friedens- und Umweltbewegungen unserer Tage prägend war. Nicht verschwiegen werden soll, dass bereits Jonas Zweifel hatte, ob die heutigen Regierungen in der Lage sind, dieser Maxime zu folgen, da sie allgemein »nur die gegenwärtigen Interessen zu Gehör bringen und Berücksichtigung erzwingen«. Die »Zukunft« aber sei in keinem Gremium vertreten. Die ihr geschuldete Rechenschaft habe vorerst noch keine politische Realität im Entscheidungsprozess hinter sich, und wenn sie die einfordern könne, seien »wir, die Schuldigen,« nicht mehr da.
Freiheit und Verantwortung
Die von Jonas betonte Verantwortung des Menschen für die ganze Welt und die zukünftige Entwicklung lenkt den Blick auf die heutige Realität zurück. Der einzelne Mensch kann zwar schlechterdings nicht die Verantwortung für die ganze Welt und für eine allzu ferne Zukunft übernehmen, aber dies sollte nicht als Ausrede für gewissenloses Handeln dienen. Die oft gehörte Forderung, dass »die Politik« die richtigen Entscheidungen für die Zukunft treffen müsse, trifft auch nur bedingt zu, weil - siehe Jonas - in den demokratischen Staaten die Mehrheit entscheidet und diese für die Folgen ihres Tuns nicht aufkommen muss. Deshalb sind Maßnahmen des Staates, die zum Beispiel auf Nachhaltigkeit abzielen, häufig unpopulär, weil sie (unser) Geld kosten bzw. (unsere) Besitzstände in Gefahr bringen und der (mögliche) Nutzen erst nach uns realisiert wird.
Wie »begeistert« wir von allen Versuchen des Gesetzgebers sind, mit Hilfe von Steuern oder Verboten unser Verhalten in (vermeintlich oder tatsächlich) vernünftige Bahnen zu lenken, wissen wir nur allzu gut. Die Politiker, die unpopuläre Maßnahmen vertreten, müssen damit rechnen, bei den nächsten Wahlen »abgestraft« zu werden. Deshalb neigen sie zu populären Aktionen und kurzfristigem Denken, sind darin aber wohl nicht besser als wir selbst.
Im Zeichen einer weltweiten Verflechtung der Wirtschaft kommt hinzu, dass Staaten und Regierungen im Hinblick auf deren Rahmenbedingungen in einem faktischen Konkurrenzverhältnis zueinander stehen und nationale Alleingänge erschwert sind. Deshalb sind internationale Absprachen und Standards für die Lösung der Zukunftsprobleme so wichtig, die auf nationaler Ebene kaum zu lösen sind (Beispiel: Kyoto-Protokoll).
Dennoch: Wir sind nicht schuldlos an dem, was geschieht. Wir nehmen als Wähler wie als Konsumenten ständig Einfluss auf Politik und Wirtschaft. Wir sind auch nicht allein, wir können uns in Bürgerbewegungen betätigen, Nichtregierungsorganisationen (NGO) oder Projekte unterstützen, die wir für sinnvoll halten. Wir können Waren einkaufen, die langlebiger sind und ressourcenschonender hergestellt wurden oder betrieben werden können als andere, scheinbar billigere. Wir können entscheiden.
Aber sind wir wirklich - wie Aristoteles sagte - frei, das Gute zu tun und das Böse zu lassen? Es beginnt schon mit der Schwierigkeit, »das Gute« zu kennen. Darf man Kernenergie propagieren, um den Verbrauch fossiler Brennstoffe zu reduzieren? Ist der Einsatz von Gentechnik unter allen Umständen von Übel? Wie erkenne ich, woraus Lebensmittel bestehen? Viele Fragen unseres komplizierten Lebens machen uns ratlos.
Das ist aber kein Freibrief für Denkfaulheit oder Untätigkeit, denn prinzipiell stehen uns alle erforderlichen Informationen zur Verfügung. Unwissenheit ist für uns eine ziemlich schlechte Ausrede. Von einer verantwortlichen Politik dürfen wir erwarten, dass sie Probleme transparent macht, sachliche Lösungsmöglichkeiten aufzeigt, Informationen gibt und notfalls auch Anreize bzw. Sanktionen schafft, damit wir uns umwelt- und zukunftsbewusst verhalten, so dass - um mit Kant zu reden - moralisches Handeln möglich wird. Unter den Bedingungen der Mediendemokratie ist das nicht wenig.
Selbst schuld
Unter dieser Überschrift wurde in einem Artikel in der »Zeit« auf die unbequeme Tatsache hingewiesen, dass wir zwar allen möglichen Institutionen, allen voran »den« Politikern und »den« Managern, nicht vertrauten, aber dabei uns selbst übersähen. Auch wir könnten und würden im Grunde nicht darauf vertrauen, dass wir immer das Richtige tun und das Falsche lassen. Die aktuelle Versuchung läge in den Billiganbietern aller Branchen. »Wir wollten Paulus werden und blieben doch Saulus«, schreibt der Journalist Sven Hillenkamp hierzu. »Es scheint, als täten wir nur das Gegenteil dessen, was wir eigentlich wollten: Wir buchen Flüge zu Preisen, von denen wir wissen, dass sie auf Niedriglöhnen und Stellenabbau beruhen. Wir kaufen ein in Supermärkten, deren Preise angemessene Gewinne für die Produzenten ebenso ausschließen wie eine umwelt- und tiergerechte Produktion. Wir wissen, dass Hosen und Pullover, Computer und DVD-Player, die wir zu Spottpreisen einkaufen, nicht in Deutschland, sondern in so genannten Billiglohnländern gefertigt werden. Sozialdumping, Stellenabbau, Verlagerung der Produktion ins Ausland - als Kunde fördern wir alles, was uns als Bürger empört. Wie die Manager an der Spitze der Konzerne treiben wir Globalisierung und Deregulierung voran. Wir sind selbst die globalen Heuschrecken. Volk und Elite sind sich einig in einem radikalen Ökonomismus. Als Bürger sind wir Sozialisten und verfechten die alten sozialen Errungenschaften - als Kunden sind wir Neoliberale; uns ist recht, was billig ist. Noch nie war Doppelmoral so billig.«
Der Autor weist überdies darauf hin, dass große Wirtschaftssektoren wie Industrie und Landwirtschaft seit Jahren ihren Energieverbrauch und CO2 - Ausstoß gesenkt hätten; nur ein Sektor verbrauche immer mehr Energie und stoße mehr CO2 aus: die privaten Haushalte, also wir selbst. Ein Beispiel, dass ökologisch sinnvolle Angebote der Wirtschaft vom Verbraucher nicht angenommen werden, ist das »Drei-Liter-Auto«, das vor einigen Jahren von VW und Audi unter großem technischem Aufwand und lautem Applaus der Medien entwickelt, aber nach einiger Zeit wegen zu geringer Nachfrage vom Markt genommen wurde. Es war teuer in der Anschaffung, aber unschlagbar günstig im Verbrauch. Warum der Flop? »Man kam zu diesem Auto nur über den Kopf, nicht über den Bauch«, meinte der zuständige Entwicklungsingenieur, »es ist schlecht, wenn man ein Auto erklären muss«. Ein Auto verkaufe sich wohl über Sinnlichkeit, nicht über Sinn, meinte die »Zeit« hierzu.
Das Dilemma, dass wir wider besseres Wissen gegen unsere eigenen Interessen handeln, ist mit Händen zu greifen. Woher also die Kluft zwischen (ethischem) Denken und Handeln, zwischen Anspruch und Wirklichkeit? Die Antwort und die Maßstäbe muss letztlich jeder für sich finden; auch das gehört zu verantworteter Freiheit. Wie sagte Paulus? »Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich« (Römer 7, 18-19). Was Paulus hier dem »Fleisch« und der »Sünde« zuschreibt, ist wohl Ausdruck der Erkenntnis, dass unvernünftiges Handeln Teil der menschlichen Natur, quasi eine biologische Erblast ist. Wir neigen eben oft dazu, kurzfristig und egoistisch zu denken, die Sinnlichkeit dem Sinn vorzuziehen. Wir sind es als homo oeconomicus gewohnt, Nutzen und Kosten nur so weit gegeneinander abzuwägen, wie unser Horizont reicht. Das sollte uns nicht davon abhalten, selbst immer wieder darum bemüht zu sein, in Verantwortung für andere - seien es Menschen in anderen Ländern oder Menschen, die nach uns geboren werden - zu handeln.
Konkrete Anregungen zu den behandelten Fragen kann man sich bei der Veranstaltung »Stuttgart Open Fair« am 26. Januar 2007, ab 13.00 Uhr, im Stuttgarter Rathaus holen; dieses Festival zum Weltsozialforum in Nairobi bietet unter dem Motto »Eine andere Welt ist möglich« u.a. zahlreiche Infostände lokaler Initiativen sowie Workshops zu ökologischen und ethischen Themen.
Jörg Klingbeil - Fortsetzung und Schluss in der nächsten Ausgabe
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