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Die Warte des Tempels
Monatsschrift für freie Christen
Ausgabe 162/12 - Dezember 2006
Ist unser Tun immer sinnvoll? (Teil I)
Die Kluft zwischen ethischem Denken und ethischem Handeln
Aus Anlass der Veranstaltung über »Mikrokredite« am 27. Oktober im Gemeindesaal (siehe dazu den »Rückspiegel«-Bericht von Brigitte Hoffmann in diesem Heft) wurde ich gebeten, für die »Warte« einen Beitrag über ethisches (und ökologisches) Denken und Handeln zu verfassen. Das scheinbar harmlose Ansinnen hat mich in einige Verlegenheit gestürzt, da ich bei diesem Thema nicht zum Vorbild tauge.
Bei näherer Betrachtung habe ich außerdem gemerkt, dass ich noch viele Wissens- und Verständnislücken habe. Das beginnt bei den Begriffen und hört bei der praktischen Umsetzung nicht auf. Schon die Frage, was eigentlich unter »ethisch« zu verstehen ist, erweist sich als uferlos. Wenn wir die Zeitungen aufschlagen, dann begegnen wir auf Schritt und Tritt umstrittenen Themen, die als ethisch bezeichnet werden und die uns häufig ratlos machen, im Großen wie im Kleinen. Aktuelle übergeordnete Stichworte mögen sein: Klimaschutzkonferenz in Nairobi, Debatte um Wiederbelebung der Atomkraft, Integration von Einwanderern, Umgang mit illegalen Flüchtlingen, der (gescheiterte) Verkauf städtischer Wohnungen in Freiburg im Breisgau, die Steuerfinanzierung von Leistungen der Krankenversicherung.
Wenn wir hierzu eine Meinung abgeben sollen, dann spüren wir die tiefgreifenden Zielkonflikte, die dahinter stehen, und sind vielfach im Grunde froh, dass andere uns die Entscheidung abnehmen. Aber auch im persönlichen Bereich gibt es viele Entscheidungen, die eine ethische Dimension erreichen und uns oft genug ein schlechtes Gewissen verschaffen, weil wir das Gefühl haben, gegen unsere eigentlichen Interessen und die unserer Mitmenschen zu handeln. Der eingangs erwähnte Umgang mit dem Geld ist dafür nur ein Beispiel.
I. Annäherung an ein schwieriges Thema
»Also steht die Tugend und ebenso auch das Laster in unserer Gewalt. Denn wo das Tun in unserer Gewalt ist, da ist es auch das Lassen, und wo das Nein, auch das Ja. Wenn also das Tun des Guten in unserer Gewalt steht, dann auch das Unterlassen des Bösen; und wenn das Unterlassen des Guten in unserer Gewalt steht, dann auch das Tun des Bösen.« (Aristoteles, Nikomachische Ethik)
Die Welt ist voller Möglichkeiten, dass wir bessere Menschen werden, aber auch voller Versuchungen, dass wir es bleiben lassen. Wenn wir darüber nachdenken, wovon das abhängt und wonach wir uns richten sollen, kommen wir um ethische Fragestellungen nicht herum. Die ursprünglich auf die Sittenlehre des Aristoteles bezogene Ethik sucht also eine Antwort auf Fragen wie: Was sollen wir tun? Was sind die Maßstäbe unseres Handelns?
Bei der ethischen Frage, was zu tun sei, geht es natürlich nicht darum, ob ich morgens eine rote oder blaue oder gar keine Krawatte anziehe oder ob ich von A nach B besser über C oder über D fahre oder ob ich lieber Kaffee oder Tee zum Frühstück trinke. Aber die Überlegung, welche Kleidung ich tragen, welches Verkehrsmittel ich benutzen und wie ich mich ernähren soll, kann rasch ethische Dimensionen erreichen. Ethik hat etwas mit Gut und Böse zu tun, also mit Wertungen und Werten, die sich hinter oft trivialen Alltagsproblemen verbergen. Die spannende Frage ist dabei jeweils, wonach ich mich ausrichten und was der Maßstab meines Handelns sein soll.
Ethik sucht nach dem Sinn unseres Handelns
Zur begrifflichen Abgrenzung ist hinzuzufügen, dass die Ethik - jedenfalls nach einer wissenschaftlich verbreiteten Meinung - nach den Gründen für die Normen fragt, die von der Moral vorgegeben werden. Die Ethik steht gewissermaßen hinter der Moral und liefert für sie Begründungen; sie sieht die Moral eher kritisch und verändert sie auch, wenn überlieferte Normen in einer veränderten Welt nicht mehr gerechtfertigt werden können.
Im allgemeinen Sprachgebrauch werden die Begriffe Ethik und Moral häufig deckungsgleich verwendet; ich halte die Unterscheidung in der Praxis für eher unwichtig, solange Moral nicht absolut gesetzt wird. Es ist für uns jedenfalls von existenziellem Interesse zu wissen, warum wir hoffen dürfen, dass das, was wir tun, sinnvoll ist. Die älteste Antwort hierauf geben die Religionen. Die Frage, ob (eine) Ethik auch ohne Gott, beziehungsweise ohne einen jenseitigen Halt, möglich ist, wird von den Philosophen unterschiedlich beantwortet; für beide Auffassungen gibt es prominente Vertreter.
An dieser Stelle sei ein kleiner Exkurs in die Geschichte der Philosophie (bzw. Ethik) gestattet: Aristoteles ging davon aus, dass alle Menschen im Grunde nach einem »guten Leben« streben, worunter allerdings verschiedene Menschen Unterschiedliches verstünden: die Primitiven den Genuss, die Gebildeten die Ehre usw. Das angestrebte Glück sei zudem von der momentanen Verfassung abhängig, so dass der Kranke die Gesundheit und der Arme den Reichtum als Ziel seines Lebens bezeichnen würde.
Die (vermutlich nicht nur) von Aristoteles als oberstes Ziel des Menschen verstandene Glückseligkeit führte zu der weiteren Frage, durch welche Tugend der Mensch dieses Ziel erreichen könne. Die antike Denkschule der Stoiker meinte sie in der seelischen Unerschütterlichkeit aus eigener Kraft zu finden, die Denkschule der Epikureer eher im (nicht nur leiblichen) Genuss.
Christliche Ethik
Die christliche Tugendlehre des Mittelalters (Thomas von Aquin) ging hingegen davon aus, dass nur die Gnade Gottes dem Menschen zu sinnvoller Lebensgestaltung verhelfen könne. Das Fundament der von Gott vorgegebenen sittlichen Weltordnung bildeten danach die drei »göttlichen Tugenden« (Glaube, Hoffnung, Liebe) und die vier »Kardinaltugenden« (Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Mäßigkeit). Gott habe dem Menschen zwar die Möglichkeit, gut zu handeln, ins Herz gelegt, aber der Mensch müsse auch selbst erkennen, was gut ist. Dazu diene ihm die (von Gott gegebene) Vernunft; sie erkenne, was gut ist, und leite mit ihrer »Stimme« (Gewissen) den Willen, so dass der Mensch wählen und sich entscheiden könne. Als Wegweiser dienten ihm hierbei die besagten Tugenden, wobei letzter Bezugspunkt Gott sei. Da der Mensch ein endliches Wesen sei, könne er aber auch irren. Insofern gebiete die Vernunft (als Gewissen) nur dann das Richtige, wenn sie Gottes Gesetze befolge, die dem Menschen ins Herz geschrieben seien. Die völlige Abkehr von Gott, das eigentlich »Böse«, besteht für Thomas von Aquin in den sieben »Todsünden« (Faulheit, Stolz, Zorn, Völlerei, Unzucht, Habsucht, Neid), die eine entsprechende (ewige) Strafe durch die völlige Verdammnis beim Jüngsten Gericht nach sich zögen.
Mit dem Ende des Mittelalters schwand das Vertrauen auf eine von Gott gegebene, in der Schöpfungsordnung verankerte Welt der Tugenden. Ihre Begründung wurde nun eher im Menschen selbst als in Gott gesucht. Der englische Philosoph David Hume stellte heraus, dass Moral nicht durch feste Vorschriften zu begründen sei, auch wenn diese sich auf die Vernunft beziehen. Die Vernunft könne zeigen, ob etwas richtig oder falsch sei, also zur Erkenntnis von Wahrheit und Irrtum beitragen, moralische Urteile müssten sich aber auf andere Kategorien stützen, denn sie beträfen das, was (künftig) sein soll. »Sein« und »Sollen« dürften nie verwechselt werden, außerdem könne man das »Sollen« nicht auf das »Sein« zurückführen, weil beide grundverschiedene Kategorien seien.
Kants oberstes Sittengesetz
Damit wurde er zu einem Wegbereiter Immanuel Kants, dessen »Kategorischer Imperativ« etwa so lautete: »Handle so, dass die Maxime deines Willens zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten kann«. Er besagt im Kern, dass menschliches Verhalten so beschaffen sein soll, dass seine Grundsätze von allen Menschen befolgt werden können und dass dabei der Mensch nie als Mittel, sondern als Selbstzweck gesehen wird. Für Kant ist dieser kategorische Imperativ das oberste Sittengesetz, jedoch von den Naturgesetzen (die man mit der Erfahrung begreifen kann) zu unterscheiden, weil der Mensch die Freiheit habe, bei jeder Entscheidung zu überlegen, welche Konsequenzen sein Handeln hat und ob es Grundlage einer allgemeinen Gesetzgebung werden kann. Ohne diese Freiheit wäre der Mensch ein bloßes Naturwesen und könne für das, was er tut, nicht verantwortlich gemacht werden. Für Kant ist der Mensch im Zusammenhang mit der Natur unfrei, jedoch nicht im Zusammenhang mit dem Sittlichen. Wenn es daher Gesetze im Bereich des Moralischen gebe, so müssten es Gesetze sein, die sich die Freiheit selbst auferlegt.
Dem kategorischen Imperativ unbedingt zu folgen, bezeichnet Kant als Pflicht. Das ist für Kant nicht mit dem Befolgen unsinniger Befehle gleichzusetzen, sondern mit dem Befolgen des sittlichen Gesetzes in uns. Wenn der Mensch aufgrund äußerer Umstände scheitert, so kommt es nach Kant für die Beurteilung des Handelns auf den guten Willen an. Wenn zwischen der Welt der Natur und der sittlichen Welt kein Widerspruch entstehen soll, muss man mit Kant fordern, dass Gott die Welt in einer Form geschaffen hat, die das Moralische möglich macht.
Die Denkschule des Utilitarismus
Der Wirtschaftsphilosoph Jeremy Bentham führte den Begriff der »Nützlichkeit« ein und gab der Denkschule damit ihren Namen (Utilitarismus). Glücklich wird, wer möglichst viel Freude und möglichst wenig Leid erfährt. Anders als bei den Epikureern ging es Bentham aber nicht nur um das Glück des Einzelmenschen, sondern um das der ganzen Gemeinschaft.
Die Denkschule des Utilitarismus ist aus meiner Sicht einer der Gründe, warum in den angelsächsischen Ländern bis in die Neuzeit manche Probleme pragmatischer angegangen werden (zum Beispiel beim Einsatz militärischer Gewalt oder bei Umweltfragen). Sie ist heute noch eine wichtige Strömung der praktischen Philosophie und spielt eine große Rolle bei moralischen Fragen wie Abtreibung oder Tötung auf Verlangen; brisant wird die Ausrichtung an der Nützlichkeit offenkundig beim Umgang mit der Technik. Viele sehen die Grenzen des Nützlichkeitsdenkens dort, wo die Würde des Menschen auf dem Spiel steht. In der Menschenwürde liegt insbesondere für die Vertreter einer religiös fundierten Philosophie der Zentralbegriff jeder Ethik.
Jörg Klingbeil - Beitrag wird in der nächsten Ausgabe fortgesetzt
BIBELWORTE - NÄHER BETRACHTET
War Jesus der Retter der Welt?
Der Täufer Johannes hatte von den Heilungen und Wundern gehört, die Jesus in der Gegend von Nain vollbracht hatte, und zwei seiner Anhänger als Boten zu Jesus gesandt und ihn fragen lassen: »Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?« Lukas erzählt an dieser Stelle (7,19), dass Jesus viele Menschen von ihren Krankheiten und Leiden heilte, dass er vielen Blinden das Augenlicht schenkte. Jesu Antwort auf die an ihn gestellte Frage lautet nach Lukas: Geht und berichtet Johannes, was ihr gesehen und gehört habt (Lk 7,22-23).
Johannes ließ nach dem fragen, der die Welt entscheidend heilen und retten konnte. Er hat nach dem wirklich Großen gefragt. Wenn der gekommen war, brauchte man auf keinen anderen mehr zu warten, der es besser machen würde. Denn kein anderer würde die Welt verändern können so wie er.
Ist er gekommen? Was Jesus von sich selbst gehalten hat, geht aus dieser Situation nicht hervor. Nach Lukas lässt sich aus Jesu Worten nicht erkennen, dass er derjenige ist, auf den die Juden als den Messias gewartet haben. Was wir hören, ist eher eine große Bescheidenheit in seiner Aussage: Ihr seht, was geschieht. Urteilt selbst, ihr kennt die Prophezeiungen. Was können wir sagen, 2000 Jahre später? War er der Retter der Welt? Hat sich etwas geändert, entscheidend gebessert?
Es sind zweifellos einzelne Menschen, deren Leben durch die Lehre Jesu entscheidend geprägt worden ist. Unzählige Menschen haben in der Sorge für Kranke und Schwache, in ihrer Verantwortung für ihre Umwelt Gutes getan und Beispiel gegeben für ein Leben in Mitmenschlichkeit und Frieden. Aber wir dürfen nicht nur diese positiven Veränderungen sehen. Wir müssen erkennen, dass die Welt immer noch vom Egoismus des Einzelnen und der Gesellschaftsordnungen bestimmt wird, Egoismus, der sich in Ungerechtigkeit, Unterdrückung, Profitgier und Aggression ausdrückt. Was Jesus vor 2000 Jahren aufgezeigt hat, ist immer noch da.
Aber Jesus hat uns Möglichkeiten zu einer radikalen Erneuerung gezeigt. In dem, was er gelebt und gesagt hat, liegt alles drin, was es braucht, um die Welt in Ordnung, in ein Gleichgewicht, in eine Harmonie zu bringen, um in Frieden zu leben.
Die Frage ist somit nicht, ob wir auf den warten sollen, der uns Rettung oder Besserung bringt. Sondern es geht um die Tatsache, dass wir durch Jesus alles bekommen haben, um Veränderungen herbeizuführen. Wir müssen von der Haltung wegkommen zu warten, dass irgendeiner das für uns tut, was wir selbst tun können. Wir können nicht so tun, als ob er nicht gekommen wäre, sondern es liegt an uns, ernst zu machen mit dem, was er uns gegeben hat. Ob sich in der Gegenwart oder in der Zukunft etwas verändert durch ihn, das liegt an uns.
Wolfgang Blaich
Buchgeschenke zu Weihnachten
Die Weihnachtszeit rückt näher, und da macht sich so manch einer Gedanken, wie er seinen Angehörigen, Freunden und Bekannten zum Fest eine kleine Aufmerksamkeit zukommen lassen kann. Es muss ja nicht unbedingt ein Geschenk von großem materiellen Wert sein. Es gibt so viele kleine Dinge von ideeller Art, mit denen man anderen eine Freude bereiten kann. Zum Beispiel mit einem der beiden Bändchen religiöser Betrachtungen von Brigitte Hoffmann: »Meine Erfahrungen mit der Bibel« (erschienen 2001) und »Mein Verständnis von Jesus« (soeben neu herausgegeben). Sie sind in gut lesbarer Schriftgröße und einem Umfang von etwa 100 Seiten zum Preis von nur jeweils 5 Euro zuzüglich Versandkosten bei der TGD-Verwaltung erhältlich. Bitte rechtzeitig daran denken, dass der Versandweg noch Zeit in Anspruch nimmt!
Hier einige der Themen aus dem neu erschienenen Bändchen: »Ein Bild für verloren gegangenes Vertrauen«, »Alles hinter uns lassen?«, »Reich Gottes anders denken - Zur Bedeutung des Leitworts der Templer«, »Die Vorrangigkeit der Versöhnung«, »Unser Leben - Schicksal oder göttliche Führung?«, »Gibt es einen Maßstab für Gerechtigkeit?«, »Die Welt jenseits unserer Sinneswahrnehmung«. Die Betrachtungen sind fürwahr eine Fundgrube guter Gedanken über unser Mensch- und Christ-Sein. Mit dem Lesen würdigen wir gleichzeitig die langjährige tiefgehende Ältesten-Tätigkeit unserer Gebietsleiterin.
Peter Lange
Leserecho
»Wir hätten Strauß gewählt« - verkündet die TGD-Gebietsleiterin in ihrem September-Artikel der »Warte«. Sie erklärt sehr anschaulich, wie überlegen Strauß gegenüber Hoffmann war. Meine Bekannten und ich staunten über diese plötzliche Richtungsänderung. Seit Ende des Krieges wird die einzigartige Fortschrittlichkeit der hoffmannschen Lehre gepredigt.
Plötzlich erscheint nun der in der TG geflissentlich ignorierte Strauß, der Autor des »Leben Jesu«, des Werkes, das Hoffmann »ärmliches Blendwerk« nannte, in unserer Literatur als ein Mann, der Hoffmann in den Schatten stellte. Wer zum Beispiel Albert Schweitzers »Geschichte der Leben-Jesu-Forschung« gelesen hat, der weiß von der Größe des Mannes. Schweitzer sagt auch, dass Bultmann auf Strauß' Spuren folgte. Die von den jüngeren Templern in Australien vielgelesenen Theologen Funk und Spong huldigen Strauß als großes Vorbild.
Ich kritisierte schon oft, dass seit Kriegsende Ungenauigkeiten in unserer Literatur auftauchen. So steht auf Seite 119 des genannten »Warte«-Artikels: »... der der Bewegung der Jerusalemsfreunde in dem Jahrzehnt bis zur Auswanderung gegen 10 000 Mitglieder einbrachte«, wogegen Carmel in seinem Buch »Die württembergischen Templer« auf Seite 15/16 schreibt, dass zu Beginn der sechziger Jahre durch die besondere Anstrengung der TG die Mitgliederzahl, einschließlich Frauen und Kinder, einen Höchststand von 3 000 erreichte, was beträchtlich unter der Zahl von 10 000 der Jerusalemsfreunde von 1854 gelegen habe, einer Zahl, die keinen Bestand hatte. Es ist ja allgemein bekannt, dass nach dem ungünstigen Bericht der Untersuchungskommission von 1858 die Begeisterung für eine Auswanderung einschlief und die Mehrzahl der Anhänger die Bewegung verließen.
Auf Seite 121 der »Warte« steht: »Der Gründer (W.E.: Dieter Ruff und Hulda Wagner reden ehrlicherweise vom »Mitbegründer« der TG; unsere israelischen Freunde meinen, dass ohne Hardegg die TG nicht zustande gekommen wäre) schreibt in »Occident und Orient« 1875 deutlich bescheidener ...« Ich denke, es wäre hier am Platz, einige Beispiele von Hoffmanns »Bescheidenheit« zu geben: In Fr. Langes »Geschichte des Tempels« auf Seite 558 (Rundschreiben von Chr. Hoffmann vom 16. September 1874 an alle Mitglieder der Tempelgesellschaft): »Es bleibt jedem Mitglied vollkommen freigestellt, ob er sich meiner Leitung unterwerfen will oder nicht. Wer sich ihr unterwirft, von dem nehme ich an, dass er mich als von Gott berufen erkenne.« Und im selben Rundschreiben heißt es: »Ich habe also mein neues Amt mit der Überzeugung angetreten, dass ich hierin nicht einer menschlichen Willkür, sondern dem Willen und Befehl Gottes gehorche, und dass auch diejenige, über welche ich eine Leitung ausüben muss, mich in diesem Geschäft für einen Diener Christi und Haushalter über Gottes Geheimnisse ansehen.« Selbst Sauer sagt in seiner Lobrede (»Uns rief das Heilige Land«, Seite 76): »Mit seinem unduldsamen, rechthaberischen Wesen hatte er viele abgestoßen oder gar zu seinen Feinden gemacht.« Bescheidenheit? Religiöse Freiheit?
Meiner Meinung nach zeigen diese Beispiele die Schwächen, mit welchen wir Menschen leider belastet sind. Daher spreche ich abschließend meine Überzeugung aus, die ich von dem großen Unitarier Joseph Priestley gelernt habe, nämlich, dass die Menschen an und für sich das Gute wollen und dass der Fortschritt der Menschheit eine natürliche Folge von politischer und religiöser Freiheit und der Anwendung der Wissenschaft ist. Das ist meine innige Hoffnung. In diesem Sinn erzogen mich meine Eltern damals in Palästina, und in diesem Sinn erzogen wir unsere Kinder.
Werner Ehmann, Medowie, Neusüdwales, Australien
Anmerkung des Schriftleiters:
So plötzlich, wie Werner Ehmann in seiner Zuschrift meint, ist die Richtungsänderung hin zum freien Christentum und zur historisch-kritischen Betrachtensweise der Bibel in Wirklichkeit nicht erfolgt. Manches dazu ist schon durch Hoffmann selbst und seine Kritik kirchlicher Lehrinhalte angestoßen worden. Ein bedeutender Schritt stellte dann der Beitritt der TGD zum Bund für Freies Christentum vor 30 Jahren dar. Es bleibt jedoch außer Zweifel, dass - wie es der Verfasser des Nachschlagewerks »Seher, Grübler, Enthusiasten«, Kurt Hutten, vor vielen Jahren bemerkte - die TG seit ihren Anfängen einen großen Bogen in ihren religiösen Auffassungen beschrieben hat. In meinen Augen ist das ein Zeichen lebendiger Religiosität.
Ein altes Rezept für die Weihnachtsbäckerei
Ein Gemeindemitglied hat unserem Archiv im letzten Monat ein altes handgeschriebenes Kochbuch gestiftet. Das Buch war von Annchen Schumacher (1888-1937) vor ihrer Verheiratung mit dem Zahnarzt Dr. Karl Lorch angelegt worden, als sie 1904 in Stuttgart die Kochschule besucht hatte. Außer den Kochschul-Angaben sind dann später noch selbst gesammelte Rezepte hinzugekommen, wie die nebenstehende Überschrift »Pfeffernüsse« mit dem Zusatz »Haifa« und dem Ausrufezeichen zeigt. Als Ingredienzen dieser Pfeffernüsse sind angegeben: »4 3/4 Tassen Zucker in 3 3/4 Tassen Wasser auflösen, 1 Tasse Schweineschmalz, 1 Esslöffel Zimt, 1/2 Teelöffel Nelken, 2 Zitronen, 2 Messerspitzen weißen Pfeffer, 2 Messerspitzen Hirschhornsalz, Mehl so viel als nötig.«
Das Kochbuch enthält auch einen Küchenspruch. Wer von unseren Lesern kann die alte deutsche Schrift wohl noch entziffern?

Noch ein Weihnachtsrezept
Das folgende Rezept in Reimen verdanken wir Dr. Jakob Eisler, der es vor längerem unter den Templer-Dokumenten im Gottlieb-Schumacher-Institut gefunden hat:
»Wunderschön und gar nicht teuer / back' ich kleine Honigkuchen / jedes Jahr zur Weihnachtsfeier. / Wollt ihr euch auch dran versuchen? / Das Rezept sollt ihr hier haben / kurz und bündig ist's fürwahr, / könnt dran eure Freude haben / wohl an Weihnacht dieses Jahr. / Eier nimm der ganzen viere, / einen Dotter noch dazu, / zu 'ner schönen Masse rühre / damit 1 Maß Butter du. / Eine große Handvoll Mandeln / reibe dann und meng' sie fein / mit drei starken Löffeln Honig / in den schönen Teig hinein. / Etwas Zimt, ein wenig Nelken / und 5 Vierling Mehl darein. / Forme hübsche kleine Kuchen, /back' im Ofen sie alsdann. / Nicht zu heiß soll dieser Ofen / und zu kühl doch auch nicht sein. / Sind sie fertig, sperr' sie sogleich / in die Blechbüchs' dann hinein, / denn da bleiben sie fein knusprig, / wenn du sie nicht früher isst, / bringst du sie wohl nach 6 Wochen / so wie frisch auf deinen Tisch.«
Unsere Leser werden aufgerufen, ähnliche »Funde« aus früherer Zeit einzusenden.
Peter Lange
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