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Die Warte des Tempels

Monatsschrift für freie Christen

Ausgabe 162/11 - November 2006


Tag des Friedhofs


Wenn ein Liebes dir der Tod aus den Augen fortgewinkt,
such es nicht im Morgenrot, nicht im Stern, der abends blinkt.
Such es nirgends früh und spät, als im Herzen immerfort.
Was man so geliebet, geht nimmermehr aus diesem Ort.

Justinus Kerner

Solche Gedanken mag manch einer in sich tragen, der von einem lieben Angehörigen letzten Abschied nehmen muss. Es gibt auch nicht wenige Menschen, die für sich selber kein Begräbnis der herkömmlichen Art wünschen. Ihre Asche wollen sie in alle Winde verstreut wissen. Nicht unter einem Häufchen Erde, sondern im Herzen der Zurückbleibenden wollen sie bewahrt bleiben.

Trotzdem: auch wenn wir die Toten nicht unter dem kühlen Rasen suchen, so ist eine Grabstätte doch der Punkt, an dem wir Verbindung zu ihnen und ihrem Leben aufnehmen. Das Grab ist zwar eine Äußerlichkeit, aber wir brauchen diese für den Eintritt in die geistige Welt.

Insofern hat es sicher etwas für sich, wennErhaltungsarbeiten an einer historischen Grabstätte in Israel durch eine Templer-Angehörige - wie jetzt im Oktober - ein »Tag des Friedhofs« angesetzt wird, um den Blick der Lebenden auf den Ort zu lenken, an dem Vergängliches und Ewiges gespürt werden kann, auf den Ort, der in früherer Zeit oft »Gottesacker« genannt worden ist.

Vielleicht sollten wir ab und zu, auch wenn wir keinen unmittelbaren Anlass dazu haben, über einen Friedhof gehen. Es wird uns dabei bewusst, wie die Welt aus einer langen Kette von Generationen und deren Schicksalen besteht.

In manch einem Friedhof können wir wie in einem Geschichtsbuch lesen. Das trifft in ganz besonderem Maß auf die beiden historischen Templer-Friedhöfe in Haifa und Jerusalem zu. Allein die auf den Grabsteinen zu lesenden Herkunftsorte und Spruch-Widmungen lassen uns etwas von der Vergangenheit erahnen.

Die Tempelgesellschaft hat in den 60-er Jahren hart darum gerungen, wenigstens zwei der alten Kolonie-Friedhöfe behalten zu können. Die Aufgabe der Pflege und Erhaltung hat sie gern auf sich genommen, wie Karin Klingbeil am Dankfest an Hand von Bildern anschaulich demonstrieren konnte.

Im Monat des Totengedenkens wollen wir diese Arbeit an der Vergangenheit und ihrer Geschichte in Dankbarkeit würdigen.

Peter Lange


BIBELWORTE - NÄHER BETRACHTET

Was bedeutet Nachfolge Jesu?

»Aber Jesus sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!« (Lukas-Evangelium 9,60)

Bei diesem Vers ist der Zusammenhang wichtig, bei dem es um die Nachfolge Jesu geht. Zwei Personen drücken von sich aus Jesus gegenüber den Wunsch aus, ihm nachzufolgen. Dem ersten antwortet er mit dem Hinweis darauf, dass selbst jedes Tier einen Ort hat, an dem es zuhause ist - nicht aber er, und damit auch nicht die, die mit ihm unterwegs sind. Dem anderen, der sich nur noch von seiner Familie verabschieden will, antwortet er sehr deutlich mit: »Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes«. Und die oben stehende Antwort gibt er demjenigen, den er selber auf seine Nachfolge angesprochen hat und der vorher seinen soeben verstorbenen Vater begraben will.

Eigentlich hat gerade im Judentum das Begräbnis der Toten Vorrang sogar noch vor Bibelstudium und Gebet - also muss diese Antwort damals noch mehr provoziert haben als heute. Denn wer einen Menschen, der ihm etwas bedeutet, den er geliebt hat, durch den Tod verloren hat, trauert, und die Beerdigung, ein würdiger Abschied, ist ein wichtiger Teil der Trauerarbeit. Daher glaube ich auch nicht, dass Jesus gegen diesen Sachverhalt etwas sagen wollte.

Die völlig verschiedenen Antworten, die er denen gibt, die ihm nachfolgen wollen oder sollen, bedeuten für mich das Eingehen Jesu auf die ganz besondere Persönlichkeit und Lebenssituation der einzelnen Personen. Auch wird nicht jeder dieselbe Aufgabe erhalten - Reich Gottes zu verwirklichen hat so viele Facetten, wie es Menschen gibt, die daran arbeiten wollen. Wichtig für jeden einzelnen von uns ist zu erkennen, welches unsere Aufgabe ist, was unserem persönlichen Leben seinen Sinn gibt. Damit hängt auch zusammen, dass wir erkennen, woran unser Herz noch hängt und uns von dieser Aufgabe ablenkt. Denn: wer eine gerade Furche ziehen will, darf nicht dauernd nach hinten schauen, weil sie sonst krumm wird. Jeder, der schon einmal körperlich gearbeitet hat, weiß, dass man gern auf das schaut, was man schon fertig bearbeitet hat - auch, um sich zum Weitermachen zu motivieren. Aber wenn dieses Zurückschauen zu einem Sich-auf-seinen-Lorbeeren-Ausruhen ausartet, wird dadurch die Weiterarbeit behindert.

Zu Jesu Zeiten war seine Nachfolge von schwer wiegenden Veränderungen des Lebens gekennzeichnet: seine Jünger verließen Familie, Haus und Hof und zogen in einem ungewissen, unsteten Leben durchs Land. Wie sähe unsere Gesellschaft aus, wenn alle ihr Hab und Gut verschenkten und als Wanderprediger durchs Land zögen? Hinzu kommt, dass auch Jesus von einem nahen Ende der Welt ausging. Fast 2000 Jahre später kann sich jeder von uns an der Stelle, an die ihn das Leben gestellt hat, im Sinne der Lehre Jesu von Liebe und Barmherzigkeit einsetzen.

Karin Klingbeil


Vom Pflanzen eines Johannesbrotbaums

Gedanken zu Saat und Ernte

Unsere Dankfestfeier am 8. Oktober stand unter dem Zeichen von Saat und Ernte. Eingangsverse hatten darauf hingewiesen, dass wir im Allgemeinen das ernten, was wir selbst gesät haben, das Gute, aber auch das Schlechte. Doch darüber hinaus sollten wir nicht vergessen, dass wir vieles ernten, was wir nicht selbst gesät haben, unendlich vieles, was uns von einer geheimnisvollen höheren Kraft zufließt.

Das Thema von Saat und Ernte ist ein Thema auch der einander ablösenden Generationen der Menschen. Dies kann mit einer kleinen Geschichte wunderschön illustriert werden, die anschaulich und gleichzeitig sehr tiefsinnig ist:

Ein Gelehrter ging einmal über Land und sah einen Mann, der einen Johannesbrotbaum pflanzte. Er blieb bei ihm stehen, sah ihm eine Weile zu und fragte: »Wann wird dieses Bäumchen wohl Früchte tragen?« Der Mann erwiderte: »In siebzig Jahren.« Da sprach der Gelehrte: »Du Tor! Denkst du in siebzig Jahren noch zu leben und die Früchte deiner Arbeit zu genießen? Pflanze lieber einen Baum, der früher Früchte trägt, damit du dich ihrer erfreust in deinem Leben.« Der Mann aber hatte sein Werk vollendet und sah freudig darauf, und er antwortete: »Rabbi, als ich zur Welt kam, da fand ich Johannesbrotbäume vor und aß von ihnen, ohne dass ich sie gepflanzt hatte, denn das hatten meine Väter getan. Habe ich nun genossen, wo ich nicht gearbeitet habe, so will ich einen Baum pflanzen für meine Kinder oder Enkel, dass sie davon genießen. Wir Menschen mögen nur bestehen, wenn einer dem andern die Hand reicht.«

Sicher kann jeder von uns Ähnliches sagen wie der Mann, der den Johannesbrotbaum pflanzte. Wir haben bei unserer Geburt zwar nicht gerade Johannesbrotbäume vorgefunden, aber dieser Baum steht ja nur als Symbol für alle Lebensgrundlagen, die wir vorfinden, ohne etwas dafür getan zu haben. Das haben Eltern, Verwandte, Gemeindeverantwortliche für uns getan. Wie viel haben wir doch in jungen Jahren geerntet, ohne dass wir gesät haben! Wir ernteten ein Zuhause, das uns Schutz und Wärme bot. Wir ernteten Nahrung und Kleidung, die wir nicht selbst geschaffen hatten. Wir ernteten Liebe, ohne etwas dazu beigetragen zu haben. Die Liste ließe sich noch beliebig verlängern.

Auf die Gemeinde bezogen, in der wir uns befinden, gilt dasselbe: Wir genießen - noch bis heute - die Früchte, die frühere Generationen für uns gepflanzt haben. Wir leben in der Gemeinschaft, die andere vor uns aufgebaut haben. Wir sitzen in einem Gemeindehaus, das nicht wir bezahlt haben, sondern die opferbereiten Templer früherer Zeit. Wir leben aus dem Gemeinschaftsgeist, der von anderen entfacht worden ist. Wir tragen nicht nur das biologische Erbe unserer Eltern und Voreltern in uns, sondern auch das geistige Erbe vieler vergangener Generationen.

Warum also sollten wir unsererseits nicht Johannesbrotbäumchen pflanzen, deren Früchte andere nach uns genießen können? Mit uns hört doch die Welt nicht auf. Was wir Gegenwart nennen, wird einmal Vergangenheit sein. Mit welchem Gefühl werden die nach uns Kommenden wohl auf unsere Zeit zurückschauen? Werden sie mit derselben Achtung und Bewunderung von uns sprechen wie wir von den Pionieren in Haifa oder Sarona? Diese Pioniere hatten ihr Leben unter dasselbe Motto gestellt wie der Mann, der das Johannesbrotbäumchen pflanzte: »Wir Menschen können nur bestehen, wenn einer dem andern die Hand reicht.« Diese Erkenntnis ist in unserer Zeit des zunehmenden Individualismus besonders wichtig.

Wenn es uns bei der diesjährigen Mitgliederversammlung wieder so richtig bewusst wurde, dass wir eine sehr kleine Gemeinde sind und dass sich die Nachwachsenden nur in geringem Maß an unserem Gemeindeleben beteiligen, dann hat diese Feststellung vielleicht auch etwas mit dem Thema Saat und Ernte zu tun. Haben wir vielleicht zu wenig Samenkörner ausgestreut, zu wenig gute Gedanken geäußert, zu wenig gute Beispiele gegeben?

Diese Fragen werden nicht das erste Mal gestellt. Es hat in der Tempelgeschichte schon öfters Situationen gegeben, in denen sorgenvoll in die Zukunft geschaut wurde. Dass wir uns aber heute wieder zahlreich zu dieser Dankfeier zusammengefunden haben, bedeutet für mich, dass in allen diesen Situationen der Glaube an Gottes Hilfe über die Mut- und Hoffnungslosigkeit gesiegt hat. Wenn bei den Früheren immer wieder Strahlen neuer Hoffnung sichtbar wurden, dürfen auch wir mit Mut und Zuversicht in die Zukunft blicken. Ich bin mir sicher, dass es weiterhin Wege für unsere Gemeinschaft geben wird, wenn unser Streben nur ernst genug ist.

Vor fast 60 Jahren hat der manchen noch bekannte Pfarrer Rudolf Daur zum Erntedankfest 1947 eine Radio-Andacht gehalten. Wir müssen uns einmal vergegenwärtigen, welche Zeit das damals war - 1947: der unselige Krieg verloren, die meisten deutschen Städte in Trümmern, überall Nahrungsmittelknappheit, Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot. Diese Zeit wäre in der Tat besonders geeignet gewesen, »hoffnungslos« genannt zu werden. Doch wir wissen aus der Geschichte, dass diese Hoffnungslosigkeit nicht eintrat, sondern dass die Menschen mit Mut und Entschlossenheit an die Bewältigung ihrer Probleme gingen.

Pfarrer Daur erzählte in seiner Andacht die Geschichte des Propheten Elia, wie dieser auf der Flucht vor dem König des Landes war und fast verhungert und verdurstet wäre, hätten ihn nicht Raben mit Brot und Fleisch versorgt und hätte nicht der Bach noch etwas Wasser geführt. Im Glauben des Alten Testaments war es Gott, der die Raben geschickt und Elia den Weg zum Wasser geführt hatte. »Hand aufs Herz«, fragte Rudolf Daur damals seine Zuhörer, »sind die Raben des Elia noch nie zu euch gekommen? Vielleicht in Gestalt eines ganz unerwarteten Carepakets aus Amerika oder in Gestalt einer freundlichen Nachbarin, die in der Not ausgeholfen hat? Sind nicht immer wieder Zeichen von Hilfe sichtbar geworden? Vielleicht habt ihr sie als solche nicht gleich wahrgenommen, aber sie waren da

Sicher hat es unter den Radiohörern - wenn sie sich überhaupt die Mühe machten, eine Radioandacht anzuschalten - etliche gegeben, die den Worten des Pfarrers misstraut haben. »Ich merke nichts von einer Hilfe,« mag vielleicht eine Frau gesagt haben, »mein Mann sitzt im Kriegsgefangenenlager, unser Haus ist zerbombt und ich weiß nicht, wie ich meine Kinder durchbringen soll. Zu mir sind die Raben des Elia noch nie gekommen.« Der Pfarrer hätte solchen Argumenten im Grunde nichts entgegnen können. Er hätte die Hilflosigkeit dieser Frau und Mutter nicht bestreiten können. Er hätte vielleicht nur geantwortet, die Feststellung, ob eine Lage hoffnungslos ist oder nicht, sei eine Frage des Glaubens an Gott.

Im Rückblick auf die damalige Schreckenszeit können wir heute fragen: Warum sind die vielen verzweifelten Menschen am Ende doch durch Elend und Hungersnot gekommen, warum hat sich das Los der deutschen Kriegsgefangenen nach Jahren doch zum Guten gewendet? Die Antwort hat mit dem zu tun, was der Mann, der das Johannesbrotbäumchen pflanzte, zum Schluss gesagt hat: »Wir Menschen können nur bestehen, wenn einer dem andern die Hand reicht.«

Die Wahrheit der wundersam klingenden Geschichte von der Fütterung des Propheten durch die Raben muss von uns zuerst aus den Bildern herausgeschält werden - so hat es auch Pfarrer Daur getan. Diese Bilder stammen aus der Vorstellungswelt früherer Zeit und sind uns oft nicht mehr zugänglich. Was wir heute unter dem Bild verstehen, ist, dass es Menschen sind, die es ermöglichen, dass wir aus einer verzweifelten Lage auch wieder herausfinden. In religiöser Sprache: dass wir glauben, dass Gott uns durch Menschen helfen will.

Ein Geheimnis dieser Wahrheit ist allerdings, dass wir diese Hilfe erst dann erfahren, wenn wir selber bereit sind, die Not anderer lindern zu helfen. Dies haben die Menschen in der Nachkriegszeit vieltausendfach erfahren. Und die große Hilfsbereitschaft bei den Naturkatastrophen der letzten Jahre hat uns gezeigt, dass solches Denken auch heute noch vorhanden ist. Offensichtlich ist unserem Bewusstsein der Satz immer noch tief innerlich eingeprägt: »Wir Menschen können nur bestehen, wenn einer dem andern die Hand reicht.« Dies bezieht sich nicht nur auf den Umgang mit den Menschen des eigenen Landes, sondern in zunehmendem Maß auch auf die Beziehungen zu anderen Völkern.

Das Mitgefühl mit Menschen anderer Teile der Erde entspringt vor allem der Erkenntnis, dass es uns unvergleichlich besser geht als vielen von ihnen. Ohne Übertreibung können wir sagen, dass unsere Ernten jedes Jahr reichlich sind und wir nicht Hunger leiden müssen. Haben wir selbst diesen Reichtum geschaffen? Zweifellos ist es das Verdienst der Landwirte, dass wir das tägliche Brot haben. Aber sicher nicht nur. Wir leben in einer Weltgegend, die vom Klima begünstigt ist, in der die Böden fruchtbar sind, in der sich Industrie angesiedelt hat, die Landwirtschaftsmaschinen herstellt zum Bearbeiten der Äcker und zum Einbringen der Ernte, in der durch die Arbeitsteilung nicht jeder selbst aufs Feld gehen und im Schweiß seines Angesichts arbeiten muss, sondern durch die Möglichkeit anderer Berufstätigkeit Einkünfte hat, mit denen er Brot und Butter und Äpfel kaufen kann. Wir ernten vielfach also auch dort, wo wir nicht gesät haben. Wir sollten das nie vergessen. Es sollte uns jedes Jahr erneut Anlass zu großer Dankbarkeit sein und uns in unseren Ansprüchen bescheidener werden lassen und uns der großen Kraft bewusst werden, die in der Welt wirkt und unser Leben erst ermöglicht.

Monatsspruch Oktober: »Du sorgst für das Land und tränkst es; Du überschüttest es mit Reichtum.« (Ps 65,10a)

Peter Lange


AUS UNSEREM ARCHIV

Historische Palästina-Fotos und »Fallahi«

Das TGD-Archiv hat zwei sehr wertvolle Buchgeschenke erhalten, die ich hier vorstellen möchte:

Das Buch »The First Photographs of The Holy Land« wurde mir im Mai von den Eltern des Dr. Jakob Eisler in Haifa für unser Archiv überreicht, als wir - d.h. die ganze Templerreisegruppe - zum kalten Büfett bei den Eislers eingeladen waren. Es stammte aus dem Besitz unserer liebenswürdigen Gastgeber.

Auf über 350 Seiten werden erstklassige historische Aufnahmen gezeigt, die zwischen 1862 und 1920 entstanden sind. Natürlich sind auch die ehemaligen deutschen Kolonien von Haifa (1898) und Jerusalem (1900) abgebildet. Die Aufnahme von Haifa ist besonders schön, jedes einzelne Haus ist erkennbar. Die Gärten sind liebevoll angelegt. Bäume auf den Seitenstreifen, abgegrenzt durch niedrige Steinmauern zur Straße hin, bieten Schatten. Es ist eine Idylle, die innerhalb von 20 Jahren entstanden ist. In Jerusalem ist neben dem Bahnhofsgebäude die Kolonie zu sehen, die damals schon mit vielen Bäumen zwischen den Häusern in der Rephaimebene allein dalag.

Es lohnt sich sehr, in diesem Buch auf Entdeckungsreise zu gehen. Bilder vom verwahrlosten Muristangelände in Jerusalem (1862), auf dem heute die Erlöserkirche und die Propstei stehen, vom Damaskustor (1870), zu dem noch keine Treppen hinunter führen, von der einsamen Straße von Nablus nach Jerusalem durch karges Land (1913), als man noch mit Pferdefuhrwerken unterwegs war, bis zur Verteilung von Grundstücken für Tel Aviv (1909) in den Sanddünen bei Jaffa oder Fotos von den Menschen im Lande, von den Juden, Moslems, Türken und den Pilgern, sind faszinierende Beispiele aus der damaligen Zeit. - Vergessen wir nicht, dass sich Palästina unseren Vorfahren so dargeboten hatte!

In diesem Zusammenhang möchte ich ausdrücklich auf eine Ausstellung in Mannheim im Reiss-Engelhorn-Museum »Ins Heilige Land« hinweisen. Hier werden noch nie ausgestellte Reisebilder aus einer fotografischen Sammlung gezeigt, die zwischen 1864 und 1888 entstanden sind und den Betrachter bis Mekka und Medina führen.

Dazu gibt es ein weiteres Highlight zu betrachten: »Saladin und die Kreuzfahrer«. Kostbare Leihgaben aus dem Vorderen Orient und zahlreiche bedeutende Stücke aus europäischen Sammlungen konnten hier zu einer ganz besonderen Schau zusammengefügt werden. Sie müssen sich Zeit mitbringen - es lohnt sich sehr. Die Ausstellung läuft bis 5. November.

Das zweite Buch, das wir in die Archivbücherei einreihen konnten, hat uns Dr. Klaus Eppinger mitgebracht: »Stickereien aus Palästina«. Auf 150 erstklassigen Farbtafeln werden die ganzen traditionellen Kreuzstichmuster, »Fallahi« genannt, vorgestellt, die je nach Zugehörigkeit zu den einzelnen Städten oder Ortschaften variieren. Es ist ein schönes Buch, in das man sich gerne vertieft.

Wir danken den Spendern.

Brigitte Kneher


WASSER - DAS URELEMENT DES LEBENS

Das Tote Meer und der »Friedens-Kanal«

Jahr für Jahr sinkt der Pegel des Toten Meeres um einen Meter, weshalb die Naturschutzorganisation Global Nature Fund es auch für 2006 zum »Bedrohten See des Jahres« erklärte. Um das rasante Austrocknen zu stoppen, soll es über eine Röhre von 6 Metern Durchmesser mit Wasser aus dem 399 Kilometer entfernten Roten Meer versorgt werden.

Dazu verhilft das Gefälle zu dem 417 Meter unter dem Meeresspiegel liegenden Toten Meer. Die Planer wollen es nutzen, um Strom für eine Meerwasserentsalzungsanlage zu erzeugen, die im Umkehrosmose-Verfahren 850 Millionen Kubikmeter Süßwasser jährlich bereitstellen soll.

Für die Region wäre das ein großer Sieg gegen den Wassermangel, der auch Ursache des sinkenden Wasserstandes im Toten Meer ist. Denn seinem wichtigsten Zufluss Jordan wird für Trinkwasser und Landwirtschaft so viel Wasser entnommen, dass er die Verdunstung nicht mehr kompensieren kann.

Entsprechend schrumpfte die Oberfläche des Toten Meeres in den letzten 35 Jahren um ein Drittel. Für die Menschen dort resultieren enorme Probleme. Weil auch der Grundwasserspiegel sinkt, bilden sich im Erdreich tückische Hohlräume, die zuweilen einbrechen und zu schweren Schäden an Gebäuden und Straßen führen.

Letzten Sommer einigten sich die drei Anrainerstaaten nach über dreijähriger Vorbereitung auf die Durchführung einer 15 Millionen Dollar teuren Machbarkeitsstudie unter der Regie der Weltbank. Das Kanalprojekt selbst wird - sofern es realisiert wird - etwa 5 Milliarden Dollar verschlingen.

Der deutsche Projekt-Ingenieur Herbert Wendt bezeichnet schon die Machbarkeitsstudie als pure Geldverschwendung. In den 70-er Jahren hatte er sich in die Probleme des Toten Meeres eingearbeitet und erkannt, dass eine Zuleitung aus dem Roten Meer kaum Sinn macht. Er favorisierte seinerzeit eine Zuleitung aus dem nur 70 Kilometer entfernten Mittelmeer, die durch sicheres Terrain führt.

Ein Kanal, auf welcher Route auch immer, würde frühestens 2015 Wasser führen. Doch die Wasserprobleme drängen, gerade in den Palästinensergebieten.

Aus VDI-Nachrichten vom 6. Oktober 2006

Wilhelma-Schüler identifiziert

In der Juni-Ausgabe der »Warte« veröffentlichten wir die Fotografie einer Schulklasse aus der Gründungszeit Wilhelmas (ab 1903). Gleich im ersten Jahr der Gründung war der russlanddeutsche Lehrer Christian Zacher an die Schule in Wilhelma gekommen. Das Bild ist also inzwischen über 100 Jahre alt. Trotzdem kamen spontane Rückmeldungen aus unserem Leserkreis hinsichtlich der darauf abgebildeten Schüler.

Werner Löbert aus Sindelfingen gab uns den Hinweis, dass der Junge in der vorderen Reihe mit dem Hut auf dem Schoß sein Vater Gottlob Löbert gewesen sei, gleich links daneben der Bruder seines Vaters Ernst Löbert. Von Martin Higgins, Cheltenham, England, erfuhren wir, dass der mittlere Schüler in der hinteren Reihe Ephraim Zacher sei, einer der Lehrerssöhne, der zweite von links in der vorderen Reihe sein Bruder David.

Martin Higgins fügt noch hinzu, dass die Familie Zacher aus Murrhardt stamme, seine eigenen mütterlichen Vorfahren Wächter aus dem nicht weit davon entfernten Altersberg. Beide Familien hatten sich an den Wanderzügen nach Südrussland beteiligt und gehörten später zu den schwäbischen Templern von Romanowka am Nordkaukasus, von wo aus sie gemeinsam in die neu errichtete Kolonie Wilhelma übersiedelten.

Die Ehefrau des so früh verstorbenen Schullehrers, Elisabeth, war die Tochter des Tempel-Ältesten von Orbeljanowka, Christian Messerle. Messerle kam 1886 nach Jerusalem und lebte später in Jaffa. Er und seine Ehefrau hatten Gottlob Adam und Johann David Wächter (der Erstere Martins Großvater) in ihre Familie aufgenommen, nachdem diese erst 2 und 4 Jahre alt waren, als ihre Mutter, und ein Jahr später ihr Vater, starben.

Peter Lange

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