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Die Warte des Tempels

Monatsschrift für freie Christen

Ausgabe 162/9 - September 2006


BEOBACHTUNGEN

Die überschwappende Welle

Dicht gedrängt sitzen sie in einem morschen und seeuntüchtigen Boot, mit stumpfem Gesichtsausdruck, von Hunger, Krankheit und Entbehrung gezeichnet - die Bootsflüchtlinge aus Afrika, die die größten Gefahren an Leib und Leben auf sich nehmen, um in einem europäischen Staat Asyl zu finden. Wer weiß, wie viele dieser Bootstransporte inzwischen durch Schiffbruch ihr Ende gefunden haben.Bootsflüchtlinge Die verbrecherischen Schleuserbanden versprechen den Notleidenden ein besseres Leben und nehmen ihnen ihre letzte Habe ab. Wer ein solches Wagnis eingeht und nichts besitzt als was er am Leibe trägt, der leidet wirklich existenzielle Not.

Dass inzwischen Tausende von Schwarzafrikanern diesen letzten Ausweg wählen, ist den Medien bisher nur eine Randnotiz wert gewesen. Doch es kündigt sich in den Überfahrten etwas an, was der westlichen Welt in Zukunft ungeahnte Probleme bereiten wird. Der an Menschen rapide wachsende Kontinent Afrika beginnt auf das »reiche« Europa überzuschwappen. Es sind dies erste Anzeichen einer möglichen Bevölkerungsexplosion mit fatalen Folgen.

Natürlich ist der afrikanische Kontinent unendlich groß in seiner Fläche, doch die Wüstengebiete breiten sich immer mehr aus, und die Volkswirtschaften können bei weitem nicht das Einkommen bringen, das der Bevölkerung einen einigermaßen tolerablen Lebensstandard gewährleistet. Das Nord-Süd-Gefälle zwischen Europa und Afrika ist erschreckend groß. Afrika wird weitgehend von Billigimporten aus den Industriestaaten überschwemmt und kann selbst keine vernünftige Industrie aufbauen. Die »Hilfen zur Selbsthilfe« sind im Ausmaß viel zu gering

Es wird uns hier erneut bewusst, dass die Güter der Erde ungerecht verteilt sind und Millionen von Menschen an der untersten Armutsgrenze leben, während sich bei anderen das Vermögen so anhäuft, dass sie mehr als genug zum Leben haben. Können wir es bei diesem Zustand belassen? Müssen wir Europäer nicht mit allen uns zu Gebote stehenden Möglichkeiten versuchen, zu einer Verbesserung der Lebensverhältnisse in Afrika beizutragen? Auf die Dauer können wir nämlich nicht auf Kosten von anderen leben. »Der ist wirklich ein Mensch,« sagte der Bahá'i-Gründer, »der sich heute dem Dienst am ganzen Menschengeschlecht hingibt. Denn die Erde ist nur ein Land, und alle Menschen sind seine Bürger.«

Peter Lange


Wir hätten Strauß gewählt

TGD-Gebietsleiterin zur Grundidee der Tempelgesellschaft und zur Geschichte ihrer Irrtümer und Richtungsänderungen

Wir erinnern uns in diesem Jahr an die Gemeinde auf dem Kirschenhardthof, wo im April 1856, also vor 150 Jahren, die ersten Templerfamilien einzogen. Es ist das das innere Gründungsdatum der neuen Bewegung, das äußere 1861 war nur die Reaktion auf den Ausschluss aus der evangelischen Kirche.

Jubiläumsfeiern dienen der Vergewisserung der eigenen Identität, der Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln, und insofern haben sie ihren guten Sinn, denn jede Gemeinschaft lebt auch aus ihrer Tradition. Trotzdem sind sie mir immer ein wenig suspekt, denn die Tatsache, dass man diese Tradition feiert, gibt eine Richtung vor: man erinnert an ihre guten Seiten oder an das, was man heute dafür hält, und das aus heutiger Sicht weniger Gute oder Unpassende bleibt außen vor. Ich möchte diese Feier-Tradition heute ein wenig gegen den Strich bürsten.

Die Auseinandersetzung zwischen Pietisten und Liberalen

Der Anstoß dafür war für mich das Thema unseres Wochenendseminars vor zwei Monaten: Christoph Hoffmann und David Friedrich Strauß. Die Beiden kandidierten im Wahlkreis Ludwigsburg gegeneinander bei der Wahl von 1848 für eine deutsche Nationalversammlung in Frankfurt, die für den neu zu schaffenden deutschen Nationalstaat eine Verfassung erarbeiten sollte. Beide waren, ohne eigenes Zutun, zu Kandidaten und Galionsfiguren einer »Partei« erhoben worden, Hoffmann für die Pietisten, Strauß für die - politisch und religiös - Liberalen. Die Ludwigsburger Bürger - Kaufleute, Beamte - wählten Strauß, die Dörfer des Umlandes - die Überzahl des Wahlvolks - Hoffmann, der damit die Wahl gewann. Bei der Beschäftigung mit der Materie bestätigte sich mein »Verdacht«, dass wir heutigen Templer Strauß gewählt hätten und nicht Hoffmann, gleich in mehrfacher Hinsicht:

  • Strauß war, seit dem Erscheinen seines Buches »Das Leben Jesu, kritisch betrachtet« 1835, der führende Vertreter einer wissenschaftlich fundierten kritischen Betrachtung der biblischen Texte und war zu dem Schluss gekommen, dass die Evangelien keine zuverlässigen historischen Berichte seien. Hoffmann hingegen geht davon aus, dass die gesamte Heilige Schrift vom Geist Gottes inspiriert und göttliche Wahrheit sei.
  • Strauß sieht klar und sagt deutlich, dass religiöser Streit irrelevant ist bei der Wahl in ein Gremium, das politische Probleme lösen soll, und er legt ein klares politisches Programm vor, was Hoffmann nicht getan hat.
  • Hoffmann trennt nicht zwischen Politik und Religion. Für ihn ist der Staat christliche Obrigkeit, die dafür verantwortlich ist und dafür sorgt, dass die gesamte Gesellschaft christlich denkt beziehungsweise glaubt und nach christlichen Grundsätzen handelt. Beispiel: er hält es für untragbar, dass Theologen und andere, die mit Hilfe der Steuergelder von Christen ausgebildet werden, nachher für unchristliche Positionen eintreten, beziehungsweise für solche, die er für unchristlich hält. Strauß hingegen plädiert für einen religiös neutralen Staat, in dem Kirchenmitglieder und Sektenanhänger, Christen und Juden und Atheisten in jeder Hinsicht die gleichen Rechte haben.

Die historische wie die theologische Entwicklung haben, in den meisten Punkten, Strauß recht gegeben.

Nun wissen wir, dass Hoffmann später seine Haltung in manchen Punkten geändert hat, keineswegs in allen. Schon in der Nationalversammlung in Frankfurt trat er für eine Trennung von Kirche und Staat ein - nachdem er erkannt hatte, dass der Staat, der hier geschaffen werden sollte, kein christlicher in seinem Sinne sein würde - keiner, dessen erste Priorität eine neue Christianisierung der Gesellschaft war.

Hoffmanns neue Zielsetzung

Daraus resultiert seine neue Zielsetzung: die Schaffung neuer, im wahren Sinne christlicher Gemeinden, in denen das verwirklicht würde, was seiner Ansicht nach der Hauptinhalt der Botschaft Jesu war und was Kirche und Staat nicht verwirklichen konnten oder wollten: Gottesherrschaft auf Erden. Und das nicht in kleinen, mehr oder weniger sich selbst genügenden Enklaven wie Korntal, sondern in Jerusalem, weil die Propheten des Alten Testaments geweissagt hatten, dass Gott von dort seine Herrschaft aufrichten werde.

Ich denke, es war letztlich dieser vermessene Anspruch, der zum Bruch führte mit dem allgemeinen Pietismus, mit der Kirche, mit vielen von Hoffmanns engsten Freunden - ein Bruch, der umso schmerzlicher war, als er oft mitten durch die Familien ging.

Und gleichzeitig war es wohl gerade dieser vermessene Glaube, der der Bewegung der Jerusalemsfreunde - der für uns befremdliche Name war Programm - in dem Jahrzehnt bis zur Auswanderung gegen 10 000 Mitglieder einbrachte. Hier war für diejenigen, die ihren Glauben ernst nahmen, eine Möglichkeit, ihn nicht nur zu hören und zu verinnerlichen, sondern ihn zu leben, nicht nur in einem Alltag, der sich von dem der Nachbarn nur wenig unterschied, sondern in einer großen Tat, an die man seine ganze Existenz setzte, einer Tat für das höchste aller Ziele: dem großen Heilsplan Gottes für die Menschheit zum Durchbruch zu verhelfen.

Darum war die Gemeinde auf dem Kirschenhardthof so wichtig. Sie sollte der Anstoß sein für die Sammlung der Mitstreiter und die Basis für die Organisation der Auswanderung, aber sie war mehr als das: das Symbol und das konkrete Beispiel für die Unbedingtheit der eigenen Überzeugung und der eigenen Einsatzbereitschaft für diese Überzeugung. Einer der Siedler sagte damals: »Ich danke meinem Gott, dass er mich hierher geführt hat, in eine Gemeinde, in der die höchsten und schönsten Ziele der Menschheit angestrebt werden.«

Eine Kette von Irrtümern

Die Geschichte des Siedlungswerks in Palästina wird im Allgemeinen betrachtet als eine Geschichte der Glaubensgewissheit, die Berge versetzt. Das ist sie auch. Aber sie ist auch eine Geschichte der Unduldsamkeit, wie sie sich leicht mit der Glaubensgewissheit verbindet. Und sie ist die Geschichte einer Kette von Irrtümern.

Ein Irrtum war schon die Grundlage der Unternehmung: Hoffmanns unbeirrbarer Glaube an die direkte göttliche Inspiration der Bibel, vor allem des Neuen Testaments und der Reich-Gottes-Visionen der Propheten, die er wörtlich und als Handlungsanweisung verstand: als einen Aufruf zur Sammlung des Volkes Gottes und zur Aufrichtung des Reiches Gottes auf Erden. Das war seine Wahrheit, und alle, die sie nicht akzeptierten, waren für ihn Feinde Christi, Diener des Bösen, die es zu bekämpfen galt.

Irrtümer waren die neuen - auf der Johannes-Offenbarung fußenden - Interpretationen des Weltgeschehens als Zeichen des nahenden Weltendes (»die siebte Posaune«, »das Tier aus dem Abgrund«, »die Hure Babylon«). Die Welt bestand weiter und war nicht wesentlich besser oder schlechter als zuvor.

Wichtiger war etwas anderes. Grundlegend für das Unternehmen war Hoffmanns Annahme, dass, wenn man diejenigen, die an das Reich Gottes glaubten, das Volk Gottes, zusammenbrächte, damit wahre christliche Gemeinden entstehen würden, Keimzellen für ein wachsendes Reich Gottes. Die Gemeinde auf dem Kirschenhardthof sollte das konkrete Beispiel dafür sein.

Nüchtern betrachtet, erwies sie sich eher als Gegenbeispiel. Nicht wegen der harten Lebensbedingungen - die wurden als notwendige göttliche Prüfung willig getragen -, sondern weil die sechziger Jahre erfüllt waren von Spannungen und Auseinandersetzungen, die zum Teil mit unschönen Mitteln ausgetragen wurden. Die schwerwiegendste war der Streit um die Geistesgaben - Prophetie, Geistheilung, Dämonenaustreibung. Hardegg hielt sie quasi für das Eintrittsbillett in das Reich Gottes und wollte alle Mittel auf ihren Erwerb konzentrieren. Mitglieder, die sich dem widersetzten, wurden angegriffen und herabgewürdigt. Als Hoffmann einen Betrug auf diesem Gebiet aufdeckte, war das Thema für den Moment erledigt. Der Grund war wohl, dass gleichzeitig der Beginn der Auswanderung anstand und man sich einen Streit unter den Führern nicht leisten konnte, sondern alle Kräfte auf das große Ziel konzentrieren wollte. Dass beide Seiten die Selbstüberwindung, die dazu gehörte, aufgebracht haben, zeigt, wie ernst sie ihr großes Ziel nahmen.

Ich weiß, dass ich ein zu negatives Bild gezeichnet habe, indem ich Irrtümer und negative Aspekte herausgestellt habe. Man müsste daneben die großartigen Leistungen stellen, die die gleichen Menschen auf dem Kirschenhardthof und später in Palästina vollbracht haben. Aber das haben wir schon oft getan, und wir verfälschen das Bild, wenn wir immer nur das Positive herausstellen. Wenn wir auch die Schattenseiten sehen, wird es lebendiger und sagt uns mehr.

Richtungsänderungen

Auch wenn die Gruppe der ersten Templer von teilweise falschen Voraussetzungen ausgegangen ist: sie haben etwas Gutes geschaffen, etwas, das außer ihnen niemand für möglich gehalten hatte. Dass es möglich wurde, hat viel mit ihrer Glaubensgewissheit zu tun, die ihnen den Mut gab zum Einsatz ihrer ganzen Existenz und die Kraft, alle Schwierigkeiten zu überwinden, aber auch damit, dass sie und ihre Nachfolger immer wieder die Nüchternheit aufbrachten, Haltungen, die sich als falsch erwiesen, aufzugeben - manchmal stillschweigend, manchmal in offener Wende.

Das war so, als die Hardegg'sche Konzeption der Verfolgung der Geistesgaben verworfen wurde, was - neben anderem - zum Austritt Hardeggs und eines Drittels der Haifaner Templer führte; ebenso, als Hoffmann 1877 fast das ganze kirchliche Dogma verwarf (das er in der Gründungszeit noch voll akzeptiert hatte), weil es nicht biblisch sei, dem gesunden Menschenverstand und dem Gottesverständnis Jesu widerspreche und dem Trachten nach dem Reich Gottes eher hinderlich sei, was den Austritt weiterer Mitglieder zur Folge hatte; oder als 1893 Christoph Hoffmann II aus seiner Erkenntnis, dass die bisherige Finanzierung nur aus freiwilligen Spenden nicht ausreichte und eine vernünftige Finanzplanung unmöglich machte, die Konsequenz zog, eine Tempelsteuer zu erheben. Das trug ihm den Vorwurf mangelnden Gottvertrauens ein, und eine weitere Gruppe spaltete sich ab - machte allerdings diesen Schritt einige Jahre später wieder rückgängig.

Schon der Gründer selbst war von der selbstherrlichen Gewissheit seiner Anfangsjahre abgerückt, dass er den Heilsplan Gottes mit der Menschheit richtig deuten und in Ausführung bringen könne. In »Okzident und Orient« 1875 heißt es deutlich bescheidener: »Da wir nicht in die Ratschlüsse des Allmächtigen zu blicken vermögen, so sind wir auf den Fall gefasst, dass unsere Kräfte und Mittel sich erschöpfen und dass also unsere Unternehmung scheitern sollte. Wir würden auch dann unsere Schritte nicht zu bereuen haben, weil sie in Richtung auf das, was Gott will, getan sind und dass alsdann auch das, was wir getan und gelitten haben, wie klein es auch im Verhältnis zu den Geschicken der ganzen Menschheit sein mag, dennoch nicht wirkungslos und nicht verloren sein wird.«

Das können wir auch heute noch unterschreiben - auch wenn wir heute vieles anders sehen als die Gründer. Ihre Unternehmung war nicht die große Heilstat, als die sie selbst sie sahen. Ihre Geschichte ist eine durchwachsene, in der Gutes und - aus unserer Sicht - Negatives eng ineinander verwoben sind. Trotzdem, oder gerade deshalb, können sie uns auch heute noch Vorbild sein. Nicht in ihrer Glaubensgewissheit. Die haben wir nicht mehr, die kann man nicht lernen, und es ist fraglich, ob man danach streben sollte. Aber in ihrer unbedingten Einsatzbereitschaft und in ihrer Bereitschaft, Irrtümer zu erkennen, zuzugeben und zu korrigieren und dabei doch festzuhalten an dem einen großen Ziel: dem Trachten nach dem Reich Gottes.

Das war die Grundidee der Tempelgesellschaft, und sie ist es geblieben, auch wenn wir sie heute anders interpretieren als die Gründer. Wir glauben nicht mehr wie sie, dass Reich Gottes sich weltweit verwirklichen lässt als ein Zustand ewiger Harmonie, und erst recht nicht, dass wir einen Weg dorthin wüssten. Wir können das Wirken Gottes in der Geschichte nicht deuten. Aber wir geben noch immer Christoph Hoffmann recht, wenn er im Streben danach einen immer neuen göttlichen Auftrag an uns und an alle Menschen sieht: das Bemühen, mit unseren begrenzten Kräften, an unserem begrenzten Platz, beizutragen zu dem, was er Vervollkommnung der Welt und des Menschen bezeichnete.

Brigitte Hoffmann bei der Tempelgründungsfeier in Stuttgart am 25. Juni 2006


Glockeneinweihung in Kirschenhardthof

So viele Menschen habe ich noch nie auf den Straßen von Kirschenhardthof gesehen. Vom ganzen Umkreis waren sie gekommen, um am 6. August den Gottesdienst zur Einweihung des neuen Glockenturms mitzuerleben. Aus einer Privatinitiative entstanden und mit Spendenmitteln hergestellt, ist dieser Turm am »Kastanienplatz« aufgestellt worden, dem Gemeindeplatz unweit des früheren Gemeindehauses der Templer. Glockenturm KirschenhardthofTische und Bänke waren um den großen Kastanienbaum aufgestellt, eine Bläserkapelle sowie ein gemischter Chor umrahmten die Feier musikalisch. Die 153 kg schwere Messingglocke soll nun vom 9 Meter hohen, aus Eichenpfosten des nahen Waldes hergestellten Ständerturm zum Abendgebet sowie zu feierlichen Ereignissen wie Taufen und Beerdigungen läuten. Besonders geehrt wurde der Initiator und Bauleiter des Glockenturms, Otto Ludwig, der auch darauf hinwies, dass die letzte Glocke der Ortschaft bis 1944 vom Dach der alten Templerschule geläutet hatte, dann jedoch zu Kriegszwecken abgenommen wurde (aus Glocken wurden damals Kanonen gegossen).

Kirschenhardthof hat immer noch sein bäuerliches Gepräge bewahrt, das konnte ich bei meinem Besuch erneut feststellen. Der Kastanienplatz ist umgeben von landwirtschaftlichen Gebäuden; Altar und Sprecherpult für den Pfarrer waren auf einem Anhänger aufgebaut worden, der ansonsten wahrscheinlich der Beförderung von Äpfeln und Rüben dient; zur Bewirtung der Gäste waren die nahen Schuppen und Scheunen ausgeräumt und sauber hergerichtet worden. Die Landfrauen übernahmen die Essen- und Getränkeausgabe. Als am Schluss des Gottesdienstes von einer vielstimmigen Menge das Vaterunser-Gebet gesprochen wurde und die neue Glocke durch ihr Geläut den Gottessegen verkündete, schoss es mir plötzlich durch den Kopf: hatte es nicht vor 150 Jahren schon einmal eine ähnliche Szene gegeben, als die Jerusalemsfreunde vom Hardthof in einer großen Versammlung die Gründung ihrer Gemeinde und den Bau ihres Gemeindehauses gefeiert hatten? Obwohl ich bezweifle, dass sie damals schon eine Glocke besaßen.

Peter Lange


Planungen für Sarona-Park gehen voran

Nachdem das aufwändige Rückverschieben von fünf alten Templerhäusern wegen Verbreiterung der Kaplan-Straße in der ehemaligen Templersiedlung Sarona inzwischen abgeschlossen ist, gehen die weiteren Erhaltungsmaßnahmen an den unter Denkmalschutz gestellten Gebäuden weiter.Altersheim der Templer in Sarona (Foto: Ada Segre, 2006) Außerdem hat die mit der Konzeption eines städtischen historischen Parks beauftragte Landschaftsgärtnerin Dr. Ada V. Segre ein Gutachten über den aus der Templerzeit noch vorhandenen Baum- und Pflanzenbestand abgegeben. Mit Hilfe von Reinhold Orth, dessen Vater die allseits bekannte Gärtnerei Orth betrieben hatte, konnte sich Dr. Segre ein Bild der damaligen Blumenvielfalt in Sarona machen. Auch war es möglich, den noch vorhandenen Baumbestand zu ermitteln und zu identifizieren (Pinien, Eukalyptus, Robinien, Zypressen, Jacaranda, Pfeffer- und Maulbeerbäume). Sie hofft, dass möglichst viele der noch vorhandenen Gehölze erhalten und zusätzliche zwischen den alten Häusern gepflanzt werden können. Auf diese Weise soll ein möglichst originalgetreues Bild des früheren dörflichen Charakters vermittelt werden.

Helmut Glenk in Melbourne, der in ständiger Verbindung zu den maßgebenden Leuten in Israel steht, teilte uns mit, dass erfreulicherweise auch die frühere Kegelbahn (beim Gasthaus Kübler) restauriert werden soll. Allerdings benötigen die zuständigen Stellen dringend noch Fotos vom früheren Aussehen der Kegelbahn. Auch anderweitiges altes Bildmaterial von Gärten oder Baumbestand wären den Restauratoren sehr willkommen.

»Dieses Gutachten soll Richtlinien für den Erhaltungs- und Erschließungsplan des Parks "Sarona Süd" erarbeiten. Dieser Plan soll den langen Prozess der Stadtentwicklung abschließen, der das ehemalige Dorf mit seinen zweistöckigen Häusern und der umgebenden Landwirtschaft in einen zentralen Stadtteil von Tel-Aviv umgewandelt hat. Die Umgebung der Kolonie hat inzwischen ihren früheren Charakter völlig verloren, wo es damals Sanddünen, einen Wadi sowie ausgedehnte Orangengärten und Ackerbauflächen gegeben hatte.

Deshalb kann von einer "Erhaltung" kaum gesprochen werden. Die städtebaulichen Veränderungen sind nicht mehr rückgängig zu machen, wie z.B. die Hochhäuser, die Sarona im Halbkreis umgeben. Es kann jedoch als eine Aufgabe betrachtet werden, die noch vorhandenen Reste der deutschen Kolonie wiederinstandzusetzen und zu schützen, da sie ein wichtiges Kapitel in der vorzionistischen Besiedlung des Heiligen Landes darstellen.

Zu diesem Zweck sollte eine Bestandsaufnahme der historischen Landschaft erfolgen und ihre charakteristischen kulturellen Einrichtungen beschrieben werden. Dazu gehört eine Auflistung der vorhandenen Gehölze, die erhalten bleiben sollten, wie z.B. Grevillea robusta. Auf jeden Fall sollten die Eukalyptusbäume im Park ausreichend vertreten sein, da sie eine wichtige Rolle in der Geschichte Saronas gespielt haben. Im Baumbestand könnte ein Denkmal zur Erinnerung an die Pioniertaten der ersten Siedler und an ihre vielen Malaria-Opfer untergebracht werden. Wünschenswert wäre ein Eukalyptusgürtel, der den Park gegen die Hochhäuser abschirmt, doch muss dabei berücksichtigt werden, dass diese Bäume einen sonnigen Standort brauchen und nicht im Schatten der Gebäude gedeihen können. Statt ihrer könnte ein mehr schattenliebender Baum, wie z.B. Ficus retusa, diesen Gürtel bilden.

Weiße Maulbeerbäume sind für Sarona charakteristische Gehölze, deshalb wäre die Erhaltung vorhandener Exemplare und ihre Erweiterung sehr zu empfehlen (einen Baum in jeden Garten!). Der Pfefferbaum (Schinus molle) könnte wieder neu angepflanzt werden, da er inzwischen aus der Gegend verschwunden ist, aber in der frühen Phase von Sarona sehr wichtig war. Erhalten bleiben sollten die Säulenzypressen. Erhalten sowie neu angepflanzt auch der Jacaranda, entweder einzeln oder in Alleen.«

Inhaltliche Auszüge aus dem Gutachten von Dr. Ada V. Segre (frei übersetzt)

Peter Lange

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