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Die Warte des Tempels
Monatsschrift für freie Christen
Ausgabe 162/6 - Juni 2006
Wo die höchsten Ziele angestrebt wurden
Viele Zeitschriften werden ihre Leitartikel in diesem Monat der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland widmen. Für die »Warte« bietet sich dagegen ein anderes denkwürdiges Ereignis für eine Kurzbetrachtung im Juni an: die Gründung der ersten Tempelgemeinde auf dem Kirschenhardthof vor fast genau 150 Jahren.
Dem Namen nach war es allerdings noch keine »Tempelgemeinde«, sondern eine Probegemeinde der »Jerusalemsfreunde«, die in Schule und öffentlichem Leben Reformen angestrebt hatten. Erst als die Gegnerschaft gegen diese Reformen zu groß und feindselig wurde, entschloss man sich 1861 zur Bildung einer eigenen Glaubensgemeinschaft, dem »Tempel«. Als jedoch im April 1856 neun Familien auf den Kirschenhardthof gezogen kamen, war man noch hoffnungsfroh, dass dieser Gemeindeversuch weite Bevölkerungskreise von der Notwendigkeit einer Neuordnung des sozialen Lebens auf christlicher Grundlage überzeugen würde.
Es wirft ein besonderes Schlaglicht auf das Grundanliegen der Jerusalemsfreunde, wenn sie schon am 2. Juli jenes Jahres in feierlicher Weise den Grundstein zum Bau ihres Gemeindehauses legten (hier eine Aufnahme zwei Jahre später). Am 28. August fand dann die erste größere Versammlung statt, zu der auch Freunde von auswärts kamen, so dass der Saal nicht genügend Platz für alle bieten konnte und die Veranstaltung ins Freie verlegt werden musste. Und bereits im Herbst desselben Jahres wurden drei Schulen eröffnet, eine Grundschule und je eine weiterführende Schule für Knaben und für Mädchen. Daran sehen wir, welchen Nachdruck die Verantwortlichen auf Fragen der Erziehung legten.
17 Jahre hat diese erste Probegemeinde Bestand gehabt, und diese Zeit wird auch bei den jetzigen Bewohnern als ein Meilenstein in der Geschichte ihres Dorfes angesehen. Nicht dass die Gemeinde dann Schiffbruch erlitten hätte, nein, doch die schon lange vorhandene Idee einer von Jerusalem ausgehenden Sammlungsbewegung hatte nach und nach zur Auswanderung der Siedlerfamilien geführt. An uns, den inzwischen »Zurückgekehrten« wird es liegen, immer wieder neu nach den Grundwerten dieser ersten Gemeinde zu fragen. I.C. Breisch, einer der Siedler, hat damals ausgesagt: »Ich danke meinem Gott, dass er mich hierher geführt hat, in eine Gemeinde, in der die höchsten und schönsten Ziele der Menschheit angestrebt werden.« Ich denke, wir sollten diese 17 Jahre nicht vergessen.
Peter Lange
Es ging ein Sämann aus zu säen
Anschaulich beschreibt Jesus in diesem Gleichnis (Mk 4,3-9), wie ein Bauer sein Feld bestellt und Getreide aussät. Dabei geht ein nicht unerheblicher Teil der Saat verloren, weil sie auf falschen Boden fällt. Die wenigen Körner jedoch, die in fruchtbare Erde fallen, gehen auf und bringen reiche Ernte.
Jesus liefert uns in den nachfolgenden Versen (13-20) eine Deutung seines Gleichnisses. Er erklärt, dass die Saat für das Wort, also die Lehre, steht und der Sämann für den Prediger. Die unterschiedlichen Böden stehen für unterschiedliche Typen von Menschen. Die einen hören zwar das Wort, nehmen es aber nicht auf; sie werden durch den Weg symbolisiert. Bei den anderen kann das Wort nicht wurzeln, das sind die »Wetterwendischen«, wie Jesus sie bezeichnet; also die, die gleich bei jeder kleinen Widrigkeit aufgeben und immer den Weg des geringsten Widerstandes gehen. Bei den Dritten handelt es sich um Menschen, die zwar das Wort hören und danach leben möchten, aber denen die Alltagssorgen über den Kopf wachsen oder denen Reichtum und Begierde die Sicht auf das Wesentliche verstellen. Das sind die Dornen. Als Letztes bleibt noch der fruchtbare Boden, das sind die Menschen, die wirklich zuhören und nach der Lehre leben; das sind die für die Gemeinde wertvollen.
Der kritische Bibelforscher und Theologe Gerd Lüdemann geht davon aus, dass diese Erklärung nicht von Jesus selber stammt, sondern erst später, in der Urkirche, zu den Erzählungen hinzugefügt wurde. Wenn dem so wäre, so würde sie auf die Problematik hinweisen, mit der sich die ersten Christen, und insbesondere die predigenden Apostel, auseinandersetzen mussten. Auch wenn sie die Worte Jesu lehrten und von seinen Taten erzählten, so gab es nicht viele, die sich das zu Herzen nahmen und die nach dieser Lehre ihr Leben ausrichteten und Christen wurden.
So war dieses Gleichnis sicher nicht nur eine Aufforderung an die Gläubigen, den rechten Weg zu beschreiten und standhaft im Glauben zu sein, sondern auch eine Ermutigung an die Prediger selber, weiterzumachen, selbst wenn nur Wenige sich zu ihnen bekannten oder sie verfolgt wurden.
So geht es uns doch auch heute wieder. Nicht, dass wir uns vor Verfolgung fürchten müssten, aber wie oft wachsen uns die eigenen Alltagssorgen so über den Kopf, dass wir weder nach rechts noch nach links schauen! Oder wie oft ist die Begierde nach der neuesten technischen Errungenschaft unserer Zeit um so vieles größer als die Hilfsbereitschaft unseren Mitmenschen gegenüber!
Stefan Klingbeil
WOHER TEMPLERFAMILIEN STAMMEN
Zacher, der erste Lehrer von Wilhelma
Es war vor einigen Monaten, als eine Frau Erika Zacher sich am Telefon bei mir meldete. Sie wollte sich erkundigen, ob ich in unserem Archiv etwas über den Lebenslauf ihres Großvaters Christian Zacher herausfinden könnte. Er sei einmal Lehrer in Wilhelma gewesen.
Ich versprach, ihr zu helfen. Ich hatte den Namen Zacher zwar noch nie gehört und war deshalb skeptisch, ob es sich überhaupt um einen Templernamen handelte. Doch dann fand ich in einem Album mit Bildern aus der Gründungszeit der Templersiedlung Wilhelma eine Aufnahme der ersten Schulklasse dort. Neben den Schülern stand ihr Lehrer. Das musste Christian Zacher gewesen sein!
Um weiter zu forschen, blätterte ich in alten »Warte«-Heften und fand heraus, dass Christian Zacher tatsächlich ein Templer war. Er stammte aus den Kreisen der russlanddeutschen Templer, vermutlich derjenigen aus Württemberg ausgewanderten, und war von 1883 bis 1887 Schüler des Progymnasiums der ersten Templersiedlung am Kaukasus, Tempelhof, unter dem damals weithin bekannten mennonitischen Pädagogen Jakob Prinz (dem Großvater unseres verstorbenen Mitglieds Lieselotte Fast).
Er wurde anschließend zum Volksschullehrer ausgebildet und erhielt Anstellung an der Schule der Templersiedlung Orbeljanowka und nach der Aufgabe dieser Siedlung im Jahr 1897 an der Schule der Nachfolgekolonie Romanowka. Einige Jahre danach erhielt er eine Berufung an die Schule der neu gegründeten Templersiedlung Wilhelma. Am 16. September 1903, also im ersten Jahr der Koloniegründung, übersiedelte er mit Ehefrau Elisabeth und fünf kleinen Kindern vom Nordkaukasus nach Palästina. Das sechste Kind, Oskar, erblickte schon in Wilhelma das Licht der Welt.
Doch nur vier Jahre pädagogischer Arbeit in Wilhelma waren ihm beschieden. Auf der Rückfahrt von einer Besuchsreise in seine Heimatkolonie starb er 1907 auf ungeklärte Weise, vermutlich durch Ansteckung an einer lebensbedrohlichen Krankheit, an Bord des Schiffes, das ihn wieder nach Palästina bringen sollte. Sein Lehrer Prinz, mit dem er vor der Rückreise in Pjatigorsk noch einmal zusammengekommen war, widmete ihm in der »Warte« folgenden Nachruf:
»Der Verstorbene hat mir als Schüler, Freund und Gesinnungsgenosse besonders nahe gestanden, und ich darf ihm wohl hier einige Worte des Gedenkens nachrufen. Zuerst begegnete mir Zacher unter den Schülern, mit denen der Unterricht im Progymnasium zu Tempelhof im Herbst 1883 eröffnet wurde. Er besuchte die Anstalt vier Jahre lang mit seinem einzigen Bruder Ephraim von der Nachbarkolonie Orbeljanowka aus. Durch die ernsten und sympathischen Knaben knüpfte sich mir auch bald eine enge und dauernde Freundschaft mit den Eltern an. Der Vater betrieb Landwirtschaft und das Schmiedehandwerk und genoss einen hervorragenden Einfluss in der bürgerlichen und religiösen Leitung der Gemeinde; er war ein Freund des Progymnasiums und unterhielt mit uns Lehrern stets gute Freundschaft und regen Verkehr. So wurde denn auch der Verstorbene von Pflug und Amboss weg zu geistigen Interessen und zum Lehrerberuf geführt und er folgte willig und mit eigener Neigung. Das ernste geistige Leben des Knaben und angehenden Jünglings dokumentierte sich unter anderem auch in religiösen Anfechtungen, mit denen er im Stillen schwer zu kämpfen hatte.
Nach Absolvierung des Progymnasiums machte der Verstorbene das russische Staatsexamen für Volkslehrer und übernahm nun als blutjunger Lehrer selbständig die Schule in seiner Muttergemeinde Orbeljanowka. Nach einigen Jahren verheiratete er sich mit Elisabeth Messerle, der Tochter des dortigen Ältesten Chr. Messerle. Über ein Jahrzehnt hat er der Gemeinde bei den bescheidensten Ansprüchen als Lehrer gedient. Er hat dabei die schwere Zeit der Übersiedlung und die Anlage der Kolonie Romanowka mitgemacht, hat neben der Schule noch die verschiedenen Vereine geleitet und am sonntäglichen Lehrdienst mitgearbeitet. Ich habe oft die Arbeitskraft bewundert, mit der er den schweren Dienst bewältigte. Seine bedachte und geordnete Arbeitsweise halfen ihm durch.
Und noch eins hat seine Arbeitskraft und Ausdauer unterstützt, das ich am besten als Tempelgesinnung bezeichne, dass er nämlich seine Arbeit gerade an dieser Gemeinde als Mission auffasste, als eine Gewissenspflicht, die ihm aus seinem Glauben an den Tempel floss. Das Andenken an seinen selbstlosen und tüchtigen Dienst wird nicht so bald in der Gemeinde erlöschen. Besonders aber in jungen Herzen, in die er in seiner stillen Art guten Samen streute, wird sein Andenken wie ein Kranz aus lebendigem Vergissmeinnicht fortblühen, und mancher stumme Gruß ist ihm wohl bei der Todesnachricht hinübergesandt worden an sein einsames Grab in der Ferne.
Nach seiner Übersiedlung nach Romanowka konnte er mich nur durch regelmäßige Briefe an Leid und Freud seines Lebens teilnehmen lassen. Zum Leid gehörte auch das Grab, in das sein Bruder Ephraim hinabgesunken war nach langem Siechtum an einer schweren Krankheit, die er sich aus dem Militärdienst geholt hatte. Zur Freude wurde dem Verstorbenen der Ruf nach Wilhelma in Palästina. Er empfand denselben als Auszeichnung für seinen bisherigen treuen Dienst an einer Tempelgemeinde und folgte demselben in gehobener Stimmung. Er musste zwar nach seiner Ankunft in Palästina im ersten Augenblick sein mitgebrachtes idealistisch schimmerndes Bild vom Heiligen Land der Bibel etwas nach der Wirklichkeit korrigieren, aber bald ließen seine Briefe vollste Befriedigung und Schaffensfreude erkennen. War er doch wieder in seinem Element: Arbeit in der Schule und zum zweiten Mal Mitarbeit an der Ansiedlung einer Kolonie und dem Aufbau einer Gemeinde. Rasch lebte er sich in die neue Welt und Arbeit ein und fühlte sich in derselben erfrischt, gehoben und gefördert.
Auch als er vor 6 Wochen auf seiner Rückreise nach Palästina zu kurzem Besuch in Pjatigorsk einkehrte und wir ungeahnt das letzte Mal beisammen saßen, erzählte er heiter und aufgeräumt, wie er sich in jeder Beziehung wohl fühle in seiner neuen Heimat, wie ihm die Entwicklung seiner Söhne Freude mache, und wie er voll Hoffnung an ihre Zukunft denke, wie ihm die Arbeit und der Verkehr mit der Gemeinde und mit Freunden Anregung und Förderung bringe, für die er nur dankbar sein müsse. Er erzählte, dass er an einem Buch schreibe, das dem Abschluss nahe sei, und in dem er die Resultate seines Nachdenkens über den Zweck des Lebens und die Bestimmung des Menschen darzulegen suche.
Und nun dieser jähe und grausame Abschluss! Womit sollen die betagten Eltern, Frau und Kinder und die Freunde sich trösten? Wir werden zunächst die unerträglichen Bilder nicht los, wie er verlassen auf dem Meer mit einem grausamen Tode ringt, wie seine Leiche von fremden Menschen an Land geschleppt und fremder Erde übergeben wird. Aber wir müssen mit Gewalt unsern Blick von denselben losreißen und ihn dem geistigen Lebensbild des Verstorbenen zuwenden, und aus demselben fließt uns versöhnender Trost zu. Es ist ein schlichtes Bild und doch reich und schön, ein Bild echten Menschenglücks: reich an rastloser angemessener Arbeit, schön durch den verklärenden Zug der Hingabe an eine einmal erfasste Idee. Der Tempelglaube ist das Leitmotiv, das durch alles Menschliche im Leben des Dahingerafften hindurchtönt.
Dass er neben seinen Berufsarbeiten noch an einem Buch schrieb, ist ein Beweis, dass seine Seele unablässig gearbeitet und gesucht hat. Und wenn das ewige Leben durch Suchen und Ringen nach Gott gewonnen wird, so hat er's auch errungen, denn wer da anklopft, dem wird aufgetan. Jakob Prinz«
Dem Lehrer Zacher ist in keiner unserer geschichtlichen Abhandlungen bisher ein Denkmal gesetzt worden. Der Name geriet in Vergessenheit, nachdem seine leidgeprüfte Ehefrau mit den sechs kleinen Kindern von den in Russland verbliebenen Verwandten aus Wilhelma zurückgeholt worden war. Doch das Bild und der Nachruf von Jakob Prinz wollen den heutigen Templern diesen aufrichtigen und gewissenhaften Mann wieder in die Erinnerung rufen.
Peter Lange
Ein neues Buch über die Templer
Noch einmal: Templer-Ausstellung in Tel-Aviv
Es ist ein solider und geschmackvoll gestalteter Begleitband, der vom Eretz-Israel-Museum für die derzeit laufende Ausstellung über die Templersiedlungen in Palästina herausgegeben worden ist. Ich hatte Gelegenheit, in einem ersten Exemplar zu blättern und stichprobenweise zu lesen, und darf gleich vorwegnehmen, dass ich vom ausführlichen und sachlich ausgewogenen Inhalt beeindruckt war. Der Band zeigt, dass ein Wissen um die Templer nicht mehr nur bei einigen wenigen israelischen Historikern zu finden ist, sondern inzwischen über erstaunlich weite Kreise ausgeweitet werden konnte. Das zeigt schon die Liste derjenigen, die an der Vorbereitung und Gestaltung der Ausstellung sowie des Begleitbandes beteiligt waren, wie zum Beispiel:
- Dr. Yaron Perry, ehemaliger Mitarbeiter von Professor Carmel und Dozent an der Universität Haifa,
- Prof. Benjamin Kedar von der Hebräischen Universität Jerusalem, von dem wir den Bildband mit vergleichenden Luftaufnahmen Palästinas aus dem Ersten Weltkrieg besitzen,
- Prof. Yossi Ben-Artzi, dem jetzigen Rektor der Universität Haifa,
- Ruth Danon aus Bnei Atarot (früher: Wilhelma), die die Idee zu dieser Ausstellung hatte,
- Yoel Amir, der in mühevoller Kleinarbeit Bildpostkarten und Postwertzeichen der Templer sammelt,
- Shay Farkash, Architekt, der die Schablonen-Bemalung an den Innenwänden der Templerhäuser studiert und dokumentiert,
- Kobi Fleischman, der in Betlehem eine Sammlung von Gegenständen aus Templerhäusern unterhält,
- Dr. Dan Goldman, Architekt, Verfasser einer Dissertation über Templer-Architektur in Palästina,
- Prof. Haim Goren vom Tel-Hai-College, der viele europäische Erforscher Palästinas beschrieben hat,
- Paula Nachshoni, Witwe des Mannes, der die Geschichte der Templeransiedlung bei Beisan erforschte,
- Tamar Tuchler vom Denkmalschutzamt, die in der Restaurierung alter Templerhäuser in Sarona tätig ist,
- Arieh Dressler aus Betlehem, der sich oft den Templer-Reisegruppen widmete (ist vor kurzem verstorben),
- Dr. Naftali Thalmann aus Hadera, Privatgelehrter, dem wir Arbeiten über Neuerungen verdanken, die von Templern in Palästina eingeführt wurden,
- Nitza Szmok, Architektin aus Tel-Aviv, die die Turmuhr des alten Gemeindehauses von Sarona zur Ausstellung brachte,
- David Kroyanker, Architekt aus Jerusalem, bekannt durch seine Skizzen und Zeichnungen christlicher Bauten außerhalb der Altstadt Jerusalems.
Sehr bedauerlich ist, dass nicht auch Dr. Jakob Eisler in dieser Liste der Beteiligten erscheint. Natürlich - wie wäre es auch anders denkbar - ist die gesamte Ausstellung dem Gedenken an Professor Alex Carmel gewidmet, dem herausragenden »Entdecker der Templer« (Perry), der 2002 verstorben ist.
Die Liste liest sich wie ein »Who is who?« derjenigen, die sich heute mit Geschichte und Schicksal der Templer in Palästina von 1868 bis 1948 befassen, weshalb die Ausstellung diese Jahreszahlen auch in ihrem Untertitel führt. Mit dem Haupttitel »Chronik einer Utopie« haben wir vielleicht so unsere Schwierigkeiten, halten wir den damaligen ernsten Versuch von Gemeindegründungen doch nicht für eine Utopie, ein Wunschdenken, sondern für eine Verwirklichung von Glaubenszielen, wenn er auch nicht das einstmals geplante Ausmaß erreicht hat. So ist im Begriff des »Utopischen« ja auch »das rational als möglich Vorstellbare« enthalten. Und wenn die »Utopie« auch noch eine »Chronik« aufweisen kann, ist damit doch schon gesagt, dass es sich um eine Umsetzung des Vorstellbaren ins Machbare gehandelt hat.
Einen beachtenswerten Beitrag für den Begleitband schrieb die Kuratorin der Ausstellung, Sara Turel. Die Auswanderung der Templer sei ein Streben nach einer besseren Welt durch geistige Erneuerung und harte Arbeit gewesen. Die Siedler hätten Pionierleistungen auf den Gebieten von Landwirtschaft, Industrie, Bauwesen, Straßenbau, Transport und Fremdenverkehr erreicht, und ihr Erfolg hätte bei den 12 Jahre später ins Land gekommenen jüdischen Siedlern große Bewunderung hervorgerufen. Diese richtete sich vor allem auf die Ästhetik der Deutschen, ihren Fleiß und ihre Anwendung westlicher Technologie.
Interessant sind Zitate früherer zionistischer Siedler, z.B. von Esther Raab: »Mein Vater träumte immer von einem rustikalen Dorf wie Wilhelma, einem Dorf von Farmern, Bodenbewirtschaftern, Leuten, die über Generationen hinweg mit beiden Beinen auf der Erde stehen. Ein solches Dorf wäre mit den Menschen von Petah-Tikva nicht denkbar.«
Der Sache gerecht wird auch Turels Beurteilung des Endes des Templerwerks in Palästina: »Die israelische Geschichtsforschung befindet sich beim Thema der Templergeschichte in einem Spannungsfeld zwischen der Wertschätzung der frühen Pionierleistungen und den historischen Gegebenheiten, die dem Tempelwerk im Heiligen Land ein Ende setzten.« Die religiösen Ideale, die »Vision einer reformierten (utopischen) menschlichen Gesellschaft« - so die Gesamteinschätzung der Kuratorin - wären in späterer Zeit durch materialistische Motive ersetzt worden und am Ende durch deutschnationales Denken. Wobei man ihr entgegnen könnte, dass schon die Gründergeneration deutsch ausgerichtet war, was schon aus Hoffmanns Begriff des »Deutschen Tempels« abzulesen ist, dem aber auch andere Nationalitäten hätten beitreten können.
Auf die Dominanz der Deutschen in Palästina weist Dr. Yaron Perry in seinem Beitrag hin: »Vor dem Ersten Weltkrieg war die deutsche Sprache die häufigste Fremdsprache im Heiligen Land. Der deutsche Konsul hatte einen größeren Einfluss auf die ottomanischen Herrscher des Landes als irgendein anderer ausländischer Vertreter. Die deutschen Bauten stellten die eindrücklichsten aller europäischen Bauunternehmen im Land dar. Die Hälfte der 5000 Christen, die damals im Heiligen Land wohnten, waren Deutsche, die meisten davon Templer.« Er wiederholt die frühere Feststellung Professor Carmels, dass die ursprüngliche Vision der Templer, das Heilige Land mit dem Gottesvolk zu besetzen, zum Leidwesen der Gründer nur ein bescheidenes kolonisatorisches Unterfangen geblieben ist.
Außer diesen Textbeiträgen enthält der Begleitband noch eine längere Seminararbeit von Prof. Benjamin Kedar aus dem Jahr 1965 über die geistig-religiösen Motive der Siedler, sowie kürzere Darstellungen über Templer-Währung, über eine motorbetriebene Fräsmaschine der Firma Wagner, Jaffa, und über aufgefundene Wandbemalungen in Templer-Häusern. Jeder Templersiedlung ist überdies eine individuelle Beschreibung gewidmet. Der mit der Restaurierung alter Templerhäuser in Sarona beauftragte Architekt Amnon Bar Or beschreibt die Rettung des alten Gemeindehauses vor einem Abriss, weist auf die Inschrift mit dem Erbauungsdatum hin (6. Juni 1872) und auf den Psalmspruch (Ps 99,4), der auch in Englisch und Arabisch über dem Portal angebracht ist. Ausführlich geht er auf die Verlegung dieses historischen Gebäudes (in der Kaplanstr. 34) im Dezember 2005 ein. Dort, wo die denkmalgeschützten Häuser stehen, soll nach bisheriger Planung ein städtischer Park entstehen.
Peter Lange
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