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Die Warte des Tempels

Monatsschrift für freie Christen

Ausgabe 162/5 - Mai 2006


Die Geister, die ich rief

Zur Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl vor 20 Jahren

»O Herr, die Not ist groß!« endet Goethes Gedicht vom Zauberlehrling, »Die Geister, die ich rief, die werd' ich nun nicht wieder los.« War dieser Seufzer vielleicht auch auf den Lippen der Verantwortlichen gewesen, die am 26. April 1986 in Tschernobyl am Steuerpult des Großreaktors saßen, als ihnen die Kontrolle über den Atommeiler entglitt und der Block 4 des Kernkraftwerks explodierte und eine Wolke radioaktiver Teilchen in die Atmosphäre schleuderte!?

Nach offiziellen Angaben starben damals 200 Menschen infolge freigesetzter Radioaktivität, jedoch dürften es inoffiziell Hunderttausende gewesen sein, die infolge des radioaktiven Niederschlags in der folgenden Zeit starben oder geschädigt wurden. 135 000 Bewohner mussten aus der 30-Kilometer-Zone um den Reaktor umgesiedelt werden. Rund 25 000 Quadratkilometer des Landes waren verseucht. Weite Teile Europas (wie Finnland, Schweden, Polen und Rumänien) wurden in Mitleidenschaft gezogen. Und bis heute gibt es noch Missbildungen an Neugeborenen.

Nach dem folgenschwersten »GAU« (dem »Größten Anzunehmenden Unfall«) hätte man annehmen müssen, dass die Regierungen der hochtechnisierten Länder ein Umdenken in ihrer Energiepolitik bewirkt hätten. www.tschernobyl.deAber nur schleppend langsam kam es zu entsprechenden Entscheidungen, wie bei der rot-grünen Koalition in Berlin, die einen Ausstieg aus der Kernenergie bis 2020 beschloss. Doch in der jetzigen neuen Regierung melden sich schon wieder Stimmen, die einen »Ausstieg vom Ausstieg« in Erwägung ziehen. »Wie sollen wir sonst die steigende Nachfrage nach Energie befriedigen und unsere Abhängigkeit vom Ausland abbauen?«, fragen sie.

»Die Reaktoren der neuen Generation sind sicherer als je zuvor« lautet die Beruhigung vor weiteren Katastrophen. Doch können die hochqualifizierten Fachleute uns auch vor menschlicher Fehlbarkeit und Versagen schützen oder vor mangelnden Sicherheitsvorkehrungen neuhinzukommender Kernenergie-Produzenten? Ist das Beispiel der nur äußerst langsam abbauenden Radioaktivität von Tschernobyl nicht überzeugend genug, dass die Spaltung von Atomkernen in der Hand des Menschen nach wie vor einer »Hexenküche« gleicht wie in Goethes »Zauberlehrling«? Auch jetzt ist der Block 4 in Tschernobyl noch immer nicht »begraben«, obwohl sein Schutzmantel inzwischen »Sarkophag« genannt wird. Die Sicherheit erfordert einen weiteren »Sargdeckel«. Und in Osteuropa sind immer noch Kernkraftwerke der gleichen Bauart in Betrieb.

Peter Lange


BIBELWORTE - NÄHER BETRACHTET

Die Heilung eines Blinden

Sie brachten ihm einen Blinden und baten ihn, er möge ihn anrühren. Und er nahm die Hand des Blinden, führte ihn aus dem Dorf hinaus, tat Speichel auf seine Augen, legte ihm die Hände auf und fragte ihn: »Siehst du etwas?« Dieser blickte scharf hin und wurde wiederhergestellt und sah alles ganz deutlich. (Markus-Evangelium 8,22-26)

Das Neue Testament kennt eine ganze Anzahl von Heilungen, die Jesus an Kranken vollzieht. Dabei sind es nicht nur physische Leiden, sondern auch psychische. Bei einer ersten Gruppe geht es um die Heilung und Genesung rein körperlicher Erkrankungen, während es aber in der zweiten um viel mehr geht, sind diese Bilder von Tauben, Stummen und Blinden doch sehr doppeldeutig. Das sehen wir an der Einbettung der Heilungsgeschichten in ihren Zusammenhang: Lahme erhalten die Fähigkeit, wieder zu gehen, Stumme gewinnen ihre Sprache wieder, Taube können wieder hören und psychisch Kranke werden von ihrer »Besessenheit« befreit.

Jesus wird ein Blinder gebracht, den er an der Hand nimmt. Damit wird das erste Zeichen einer Führung, physisch und psychisch, ausgedrückt. Der Blinde vertraut sich Jesus an, obwohl er ihn bis dahin, wenn überhaupt, nur vom Hörensagen kennen kann. Dann beginnt der Behandlungsvorgang: Jesus berührt die Augen des Blinden, wobei er dazu Speichel als Wirkungspräparat benützt. Speichel, säurehaltige Flüssigkeit, bedeutet, dass vor einer heilenden Handlung eine Reinigung vorausgehen muss, innerlich und äußerlich. Das Besondere an diesem Bericht ist die Tatsache, dass die Behandlung zweimal vorgenommen werden muss, bevor der Blinde wirklich und deutlich sehen kann.

Mit der notwendigerweise wiederholten Handlung verdeutlicht der Bericht das eigentliche Anliegen des Evangelisten, liegt er doch zwischen dem hartnäckigen Unverständnis der Jünger - also einer Blindheit der Jünger gegenüber dem Wirken Jesu - und dem überraschenden Bekenntnis des Petrus. Der Bericht macht im Bild der Heilung von Blindheit deutlich, dass nur durch Gottes Wunder Blinde zu Sehenden werden können, Lahme zu Gehenden und Taube zu Hörenden. Das macht auch deutlich, warum am Ende Jesus zu dem Geheilten sagt, er solle gleich in sein Haus gehen und niemandem im Dorf davon erzählen. Jesus möchte nicht selbst ein Wundertäter sein und nicht als Wundertäter missverstanden werden. Ihm geht es um das rechte Hören und Verstehen seiner Botschaft.

Wolfgang Blaich


»Chronicle of a Utopia«

Eretz-Israel-Museum Tel-Aviv zeigt Ausstellung über die Templer

Kurz vor Antritt unserer Friedhofsreise erhielten wir per E-Mail eine Einladung für den 22. März zur Eröffnung der schon lange geplanten Ausstellung. Prof. Haim Goren überreichte uns dann die offizielle - mit dem originellen Bild des früheren Fahrradclubs von Sarona auf der Vorderseite -, als wir ihn in Tabgha trafen. Da wir uns vom 20. bis 25. März in Haifa aufhielten, beschloss die Gruppe, zu diesem Ereignis geschlossen nach Tel Aviv zu fahren. Helmut Glenk (links) im Gespräch mit Dr. Naftali Thalmann (Mitte) und Tamar Tuchler (rechts)Wir verbanden die Fahrt mit einem Besuch bei Dr. Naftali Thalman, der die ganze Gruppe freundlicherweise zu Kaffee und Kuchen in sein Haus eingeladen hatte. Gemeinsam ging es dann ins Eretz-Israel-Museum, wo in einem hellen, modernen Neubau die Ausstellung präsentiert wurde.

Der Besuch wurde zu einem wirklichen Ereignis. Ich weiß nicht, ob jemand dort mit einer so überwältigend großen Besucherzahl gerechnet hatte - für uns war dieses Interesse an der Ausstellung unglaublich.

Zunächst war Zeit vorhanden, die sehr ansprechend präsentierten Exponate zu betrachten, ehe dann die Eröffnungs-Ansprachen gehalten wurden. Die Räumlichkeiten füllten sich mehr und mehr mit Menschen und wurden für uns zum grandiosen Treffpunkt mit all denen, die an der Templergeschichte Interesse haben - Lorraine und Helmut Glenk mit Dr. Naftali Thalmannsei es nun als Wissenschaftler oder privat - und mit denen wir schon seit längerem bekannt oder befreundet sind. Aber auch jene lernten wir kennen, die in letzter Zeit durch ihre Arbeit der Erforschung von Aspekten der Templergeschichte oder der Vorbereitung zu dieser Ausstellung mit uns in E-Mail-Kontakt getreten waren. Das israelische Fernsehen, das an einer Produktion über die Templer arbeitet und dessen Team wir bereits auf dem Jerusalemer Friedhof kennen gelernt hatten, filmte unermüdlich. Es wurden Interviews gegeben. Das besondere Interesse galt dabei Helmut Glenk aus Australien, der sich durch sein Buch »From Desert Sands to Golden Oranges« auch in Israel bei den Interessierten an der Templergeschichte einen Namen gemacht hat. Er war zusammen mit seiner Frau Lorraine extra zur Ausstellungseröffnung nach Israel gekommen.

Heutige Meinungen in Israel zur Templer-Geschichte

»Ich bin in der Klinik geboren, die einstmals Ihre Schule (in Sarona) war. Ich habe große Hochachtung vor dem Fleiß und Leistungsvermögen der Templer und bedaure es sehr, dass sie aus Palästina ausgewiesen worden sind. Sie hätten nicht hinter Stacheldraht eingesperrt werden sollen. Grüßen Sie bitte alle Saroner von mir, wo immer sie leben. Ich wünsche Ihnen eines Tages eine Rückkehrmöglichkeit und unterstütze Ihr Recht auf Rückkehr.«

(Uri I. Zackhem in einem E-Mail-Brief 2005 an Helmut Glenk, Melbourne)

»Ich bin ein Bewohner von Haifa und war immer schon begierig zu erfahren, wer die Templer waren. Nach der Lektüre eines Artikels in 'Ha'aretz' war ich überrascht, davon zu lesen, wie die jüdischen Siedlern ihren Templer-Vorgängern nacheiferten. Diesen Aspekt unserer Geschichte haben wir in der Schule nicht gelernt. Ich bin etwas traurig darüber, dass die Errungenschaften nicht fortgesetzt werden konnten.«

(Ron Cohen-Seban 2004 an die Leserseite der TSA)

Die Auswahl der Exponate bot einen anschaulichen Überblick über die Geschichte der Templersiedlungen - informativ durch eine Zeittafel, durch Karten, Pläne und vor allem Bilder, alle vergrößert und passend zusammengestellt. Die Bilder kamen aus ganz unterschiedlichen Beständen: aus der »Alex-Carmel-und-Yaron-Perry-Sammlung«, dem »Albert-Blaich-Familienarchiv«, aus dem oben genannten Sarona-Buch und aus diversen Sammlungen, die mittlerweile in Israel entstanden sind. Sie demonstrierten auf lebendige und persönliche Weise das Leben in den Kolonien und in den verschiedenen Gewerbebetrieben, die sich in den Siedlungen etabliert hatten.

Aber auch Gegenstände wurden gezeigt, so das Schönschreibheft eines Gotthilf Ruff, in dem ein Text über Haifa auf Französisch und Arabisch zu lesen war. Die Ausstellung wurde eindrucksvoll von einer Turmuhr dominiert, die samt Uhrwerk im Original aufgebaut war. Sie hatte sich am Giebel des alten Gemeinde- und Schulhauses in Sarona befunden und war im Zuge der Umsetzung aus dem Gebäude ausgebaut worden (das Gemeindehaus und vier Wohnhäuser in der Kaplanstraße sind im vergangenen Jahr um einige Meter zurückversetzt worden, um einer geplanten Straßenverbreiterung Platz zu machen). Doch bevor ich mir alles im Einzelnen anschauen konnte, versammelten sich die Besucher in der Eingangshalle, wo ein Rednerpult aufgebaut war - doch diese fasste nicht im Entferntesten die Masse der Anwesenden, bestimmt 300 Personen. Dicht gedrängt hörte man sich die teils auf Hebräisch, teils auf Englisch gehaltenen Ansprachen des Museumsdirektors, der Kuratorin, der wissenschaftlichen Mitarbeiter, des deutschen Botschafters an. Auch Helmut Glenk wurde ans Pult gebeten, würdigte die Ausstellung und übermittelte Grüße der Templer in Australien.

Auch im Anschluss daran widmeten wir uns noch einige Zeit den Exponaten, bis es Zeit zum Aufbruch wurde. Angetan von der Ausstellung, bewegt von den vielen Gesprächen und überwältigt von dem großen Interesse an der Templergeschichte, kehrten wir nach Haifa zurück. Diesen Abend werden wir alle ganz bestimmt als besonderes Ereignis in Erinnerung behalten.


Karin Klingbeil


WOHER TEMPLERFAMILIEN STAMMEN

Der erste Arzt der Templer

Erinnerung an den Templer-Pionier Dr. Gottlob Sandel

Das Ziel unseres sonntäglichen Gemeindeausflugs war die idyllisch über den Rebhängen des Sulmtals liegende Evangelische Tagungsstätte Löwenstein unweit von Weinsberg. Wir wollten dort die Ausstellung »Deutsch gesungen und gebetet - Zur religiösen Kultur der Auslandsdeutschen« besuchen und Näheres über die Siebenbürger Sachsen, die Bessarabiendeutschen und die Amischen von Nordamerika erfahren. Eine etwas längere Warte-Pause bot mir die Gelegenheit, unseren Ausflugsteilnehmern ein kurzes Lebensbild des Löwensteiner Arztes Dr. Gottlob Sandel, einer bedeutenden Persönlichkeit der Templergeschichte, zu zeichnen.

Sandel hatte in dem kleinen Städtchen Löwenstein in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts eine psychiatrische Praxis betrieben. Von den heute lebenden Sandels erfuhr ich, dass er auch im Besitz der Burg Hornberg bei Gundelsheim gewesen war, die er zu einem psychiatrischen Sanatorium umbauen wollte. Dazu ist es aber wohl nicht gekommen. Über sein Studium in Tübingen und Halle sowie über seinen beruflichen Werdegang bis zur Tätigkeit in Löwenstein ist wenig bekannt. Wir besitzen im TGD-Archiv allerdings ein Dokument, in dem der Vorstand der Königlichen Hebammenschule und Entbindungsanstalt in Würzburg unter dem 12. Mai 1843 bestätigt, »dass Herr Gottlob Sandel aus Schwäb. Hall, Doktor der Medizin, Chirurgie und Geburtshilfe ein Collegium privatissimum in Geburtshilfe mit ausgezeichnetem Fleiße, Eifer und Ernste besucht, sich eine vorzügliche Übung in den geburtshilflichen Operationen und Untersuchungen erworben und während mehrerer Monate in der hiesigen Gebäranstalt zu meiner vollkommenen Zufriedenheit praktiziert hat«.

Gottlob Sandel stammte aus einer alteingesessenen Apotheker-Familie des Salzsiederstädtchens Schwäbisch Hall. Schon sein Urgroßvater ist in den Kirchenbuch-Einträgen mit der Berufsbezeichnung eines Apothekers gekennzeichnet. In der Löwen-Apotheke in Schwäbisch Hall befindet sich noch heute ein großer Mörser mit dem Namenszug von Johann Peter Sandel, Gottlobs Großvater. Das Emblem der Löwen-Apotheke, der Löwenkopf, hat Gottlobs Sohn, der berühmt gewordenen Baumeister von Jerusalem und Bürgermeister der dortigen Tempelkolonie Theodor Sandel, durch den Bildhauer Christoph Paulus jun. in Granitstein über dem Eingang seines Hauses (heute: Emek Rephaim Nr. 9) anbringen lassen.

Dr. Gottlob Sandel war schon früh den Jerusalemsfreunden beigetreten, hatte weitere berufliche Entwicklungsmöglichkeiten zurückgestellt und war 1857 auf den Kirschenhardthof, der ersten Probegemeinde der Templer, übersiedelt, da dort ein Arzt dringend gebraucht wurde. Als Nachweis seiner damaligen Tätigkeit dient uns eine Anzeige in der »Süddeutschen Warte«, in der es heißt: »Für die hiesige Krankenanstalt suchen wir einen nach Leib und Seele festen und aufopferungswilligen ledigen Mann als Knecht und Wärter. Kirschenhardthof, 19. Nov. 1861. Dr. Sandel, A Graeter«.

Als dann die Auswanderung der Templer nach Palästina begann, hatte er nicht lange gezögert und war am 2. August 1869 vom Kirschenhardthof aus mit Frau und Kindern ins Ungewisse aufgebrochen (er hatte sich schon 1844 in Schwäb. Hall mit der aus Lehrensteinsfeld stammenden Karoline Kreh verheiratet; 1845 bzw. 1849 waren dem Ehepaar die Söhne Theodor und Friedrich geschenkt worden, 1851 bzw. 1862 die Töchter Maria und Elisabeth).

Nur kurze Zeit vor seinem Eintreffen war in unmittelbarer Nähe der Hafenstadt Jaffa durch Christoph Hoffmann eine Kolonie der Templer gegründet worden. Schon gleich zu Beginn erkannte man die Notwendigkeit, dort eine Krankenstation einzurichten. Europäische Ärzte gab es zu jener Zeit in Jaffa noch nicht. Mit dem Zuzug neuer Tempelmitglieder wurde der Wunsch nach einem den Verhältnissen und bescheidenen Mitteln der Auswanderer entsprechenden Krankenhaus und einem eigenen Arzt immer dringender.

Bei Gründung der Kolonie konnte man von dem deutschen Missionar Peter Martin Metzler, der von seinem Gönner Baron d'Ustinov zur Verwaltung seiner Güter nach Russland gerufen worden war, in der Altstadt von Jaffa mehrere Gebäude erwerben, darunter auch eine Krankenstation mit sechs Betten. Man beauftragte Dr. Gottlob Sandel zur Übernahme dieser Station, und er wurde zum ersten im Lande wohnhaften europäisch ausgebildeten Arzt. Die »Süddeutsche Warte« berichtete darüber: »Für die Tempelstation Jaffa ist die Tätigkeit eines Arztes ein wirkliches Bedürfnis, denn schon in den ersten Tagen zeigten sich bei Dr. Sandel über 20 kranke Personen täglich, die ärztliche Hilfe suchten.«

Schon Ende des Jahres 1869 stellte sich hoher Besuch in seinem Krankenhaus ein: der deutsche Kronprinz Friedrich Wilhelm, Sohn Kaiser Wilhelms I., erbat auf seiner Palästina-Reise von Sandel ärztlichen Rat über Verhaltensmaßregeln in dem subtropischen Klima von Jaffa. Auch war man von Seiten der Siedler auf ärztliche Hilfe dringend angewiesen, da in den Anfangsjahren, besonders bei der Gründung der Kolonie Sarona, viele Templer unter Malaria und anderen Krankheiten zu leiden hatten.

Erst rückblickend kann die epochemachende Bedeutung dieses ersten deutschen ärztlichen Pioniers richtig gewürdigt werden. Dr. Sandel war der eigentliche Gründer des Deutschen Krankenhauses in Jaffa. Er widmete der Krankenheilung und -betreuung nicht nur seine ganze Kraft und sein ganzes Können, sondern auch einen großen Teil seines ansehnlichen Vermögens. So flossen auch die Einnahmen aus seiner ärztlichen Praxis und der von ihm geschaffenen Deutschen Apotheke fast ganz dem von ihm geführten Spital zu.

Mit dem steigenden Bedarf an Krankenbetten wurde eine Verlegung des Krankenhauses in das obere Stockwerk des neu erbauten Hauses von Johann Conrad Breisch erforderlich. Im Jahre 1878 nahm Dr. Sandel dann Dr. Franz Paulus, einen Sohn des Tempelvorstehers Christoph Paulus, in die Leitung des Krankenhauses auf. Diese fähigen deutschen Ärzte versahen nun gemeinsam den ärztlichen Dienst, Sandel bis 3 Tage vor seinem am 29. Mai 1879 erfolgten Tod. Mit ihm wurde der erste Arzt in Jaffa zu Grabe getragen. Er starb schon mit 62 Jahren an der heimtückischen Typhus-Krankheit.

Im Oktober 1879 verlegte Dr. Paulus das Deutsche Spital aus der Mietswohnung des Herrn Breisch in das alte Schulgebäude, das für diesen Zweck geräumt wurde. Der Betrieb konnte darin vergrößert werden, was bei dem Anwachsen der Kolonien eine Notwendigkeit war. Ich selbst habe zu diesem Spital eine ganz persönliche Beziehung, da ich dort bei meiner Geburt das Licht der Welt erblickt habe.

Das Krankenhaus bezog seine Einkünfte außer den Beiträgen der Tempelmitglieder aus einer ärztlichen Ambulanz und einer Apotheke, die etwa ab 1877 unter der fachmännischen Leitung des Apothekers Friedrich Sandel, dem jüngeren Sohn Dr. Sandels, stand.

Verwendete Quellen

Sandel, Gottlob David, Lebensbild von Theodor Sandel, 1964, in Familienbesitz

Rubitschung, Otto, Das Deutsche Krankenhaus in Jaffa 1869-1927, Jaffa 1928, später vorgenommene handschriftliche Randbemerkung, Archiv der TGD

Zu den Nachkommen von Dr. Gottlob Sandel gehören außer Jan Peter Sandel noch unsere Mitglieder Inge Weller, Herbert und Wolfgang Struve, sowie Lore Paulus.

Peter Lange


Jerusalem im Kreis Esslingen

Die Idee einer Stiftung »Haus Abraham«

Als vor Monaten die Absicht der Evangelischen Landeskirche bekannt wurde, sich wegen finanzieller Notlage von seiner Tagungs- und Begegnungsstätte Kloster Denkendorf zu trennen, kam es zu lautstarken Protestäußerungen: so etwas könne man doch nicht machen, ein solch bedeutungsvoller historischer Ort sei unbedingt erhaltungswürdig, auch wenn er Belastungen mit sich bringe.

Inzwischen taucht für die Befürworter einer Erhaltung neue Hoffnung auf. Vor längerem schon hatten Meinhard Tenné, Ehrenvorstand der Israelitischen Gemeinde in Stuttgart, und Michael Blume sowie Murat Aslanoglu, die Vorsitzenden der Christlich-Islamischen Gesellschaft, den Entschluss gefasst, ein »Haus Abraham« ins Leben zu rufen, eine Begegnungs- und Gesprächsstätte für Christen, Juden und Moslems.

Sie waren der Ansicht, dass Vorurteile unter den Religionen abgebaut werden müssten. Die Menschen müssten erkennen, dass in ihren Religionen mehr Verbindendes als Trennendes enthalten sei und dass nicht Konfrontation, sondern Kommunikation zur Lösung der Probleme in der Welt beitragen würde. Ein Trialog, ein Dreiergespräch gleichwertiger Partner, sei doch am ehesten unter den abrahamitischen Religionen denkbar, denjenigen Religionen also, die sich auf den Urvater Abraham beziehen.

Meinhard Tenné erinnerte an die Lessingsche Ringparabel: Ein Vater besitzt einen magischen Ring und weiß nicht, welchem seiner drei Söhne, die er gleichermaßen liebt, er den Ring vererben soll. So lässt er zwei Ringe nachmachen und hinterlässt jedem einen. Die Brüder streiten nun, welcher Ring der echte sei. Ein Richter kann die Frage nicht klären und erinnert die Streithähne daran, dass der echte Ring die Eigenschaft besitzt, den Träger unter den Menschen beliebt zu machen. Wenn keiner der Ringe diese Wirkung erzielt, so müsse jeder der Söhne danach trachten, die Liebe aller seiner Mitmenschen zu verdienen. Wenn dies einem von ihnen gelänge, so sei er der Träger des echten Ringes. Das »Haus Abraham« sollte von der Idee dieser Parabel beseelt sein.

Folglich müssten wir nun auch alle miteinander Bausteine sammeln zur Errichtung dieses Hauses. Warum sollte »Klein-Jerusalem«, wie Denkendorf einst genannt wurde, nicht Beispiel werden dafür, wie Jerusalem, die heilige Stadt der drei Religionen, einstens einmal aussehen könnte. Deshalb wollen Blume, Aslanoglu und Tenné einen Initiativkreis mit dem Ziel ins Leben rufen, eine Stiftung zu gründen, aus deren Mitteln die neue Begegnungsstätte getragen werden kann. »Wer etwas für die Aussöhnung zwischen den Religionen tun möchte, dem bietet sich in Denkendorf die Gelegenheit dazu« lautet der Aufruf zur Beteiligung an diesem Projekt.

Aus »Stuttgarter Zeitung« vom 6. April 2006

Peter Lange

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