Die Warte des Tempels
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Die Bibel
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Das ist auch der Grund dafür, warum Jesus nie mit seinem Familiennamen genannt wird: Joschua ben Josef, Sohn des Josef. Dabei wäre der leibliche Vater dem himmlischen in die Quere gekommen. Das durfte nicht sein, deswegen führt Josef in den Evangelien eine »unnatürlich« anmutende Randexistenz. Nur so konnte die »Gottessohnschaft Jesu« plausibel gehalten werden.
Heute ist klar: Jesus hat keinen dieser Titel für sich selbst benutzt oder akzeptiert. Er hat sich vor allem nicht für Gottes »eingeborenen Sohn« gehalten noch in irgendeiner anderen Weise für göttlich. Wie Jesus sich selbst verstanden hat, darüber können wir nur spekulieren. Das Wort vom »Menschensohn« hat sich schon auf dem Boden des Neuen Testaments überlebt - wenn Jesus es denn überhaupt auf sich bezogen hat. Jedenfalls greift es kein Autor auf. Bei Jesus stand denn auch einzig Gott selbst im Mittelpunkt des Lebens. Der Jude aus Nazareth muss in einem selten intensiven Kontakt mit Gott gelebt haben. Er traute Gott zu, gesetzesfern lebende Huren oder Steuereintreiber »mehr« zu lieben als Gesetzesfromme. »Er überwand das Gehorsamsverhältnis zu Gott in ein Liebesverhältnis hinein« (H. Pawlowski). Darin hat er das zeitgenössische Jüdischsein letztlich überschritten, obgleich dieses auch zentral von Gott als dem barmherzigen und liebenden Gegenüber des Menschen sprach (und spricht). Jesus aber betonte, Gottes Liebe sei an absolut keine Voraussetzung gebunden, weder an einen »Bundesschluss« noch an irgendein hersagbares Bekenntnis. Das ist zwar nur ein Strang unter mehreren in der Überlieferung. Aber genau dieser Strang erweist sich in der historisch-kritischen Analyse der Evangelien als authentisch. Er leuchtet zum Beispiel auf im Gleichnis vom »Zöllner und Pharisäer« (Matth. 18,10). Die Bedingungslosigkeit des Angenommenseins bei Gott macht wohl auch heute noch den Reiz aus, diesem Jesus nachzuspüren.
Die Veränderung des Berichts von der Taufe Jesu durch Johannes
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Das Problem dabei: Die kritische Textforschung kann nachweisen, dass keiner der vier Evangelisten Jesus noch persönlich gekannt hatte. Sie stützten sich auf mündliche Überlieferung, auf wenige schriftliche Quellen und auf viel eigenes theologisches Nachdenken. Vor allem im Blick auf die Nöte und Fragen ihrer Gemeinden. Und Paulus? Er hat seine sieben, heute als authentisch anerkannten Briefe noch vor den Evangelisten geschrieben, zwischen den Jahren 50 bis 64. Aber auch er hat über den geschichtlichen Jesus nur aus einem Gespräch mit Petrus erfahren. Das war, wie er schreibt, drei Jahre nach seinem »Damaskus-Erlebnis«. Und es hat ihn offenbar nicht sonderlich beeindruckt (2. Brief an die Korinther, Kap. 5,16). Jesus »nach dem Fleisch«, das heißt als Mensch, interessierte ihn nicht. »Damaskus« war ihm ungleich wichtiger, seine visionäre Begegnung mit dem »auferstandenen Christus«. Unter den übrigen Autoren des Neuen Testaments ist ebenfalls niemand, der persönliche Erinnerungen an Jesus hatte.
Es ist somit kein Wunder, dass viele Texte im Neuen Testament die Person Jesu mit Vorstellungen belegen, die dieser nicht geteilt hätte. Diese Vorstellungen, Deutungen des Lebens und der Gestalt Jesu, müssen deshalb nicht »unwahr« sein. Aber Jesus selbst hätte ihre mögliche Wahrheit zumindest in seinem Denkhorizont nicht verstanden. Zu diesen Vorstellungen zählt das paulinische Konstrukt des »für uns gestorben«, später zum »Sühnetod Jesu« hochdogmatisiert, nach dem Gott es für nötig hielt, dass Jesus für die Sünden der Menschen am Kreuz sterben musste. Zu ihnen zählt aber auch das Bild des am Ende der Zeit wiederkommenden Christus, der die Menschen für ihre Taten richten wird. Historisch-kritische Bibelforschung liefert nachvollziehbare Begründungen dafür, dass diese Vorstellungen den geschichtlichen Jesus befremdet hätten.
Jesus verkündigte Gott. Seine Verehrer im Neuen Testament verkündigten Christus. Seit den Anfängen der historischen Bibelforschung vor zweihundert Jahren steht nun die Frage im Raum: Wie ist aus dem Verkündiger Jesus der verkündigte Christus geworden? Gibt es eine Brücke von Jesus zu Christus? Brauchen wir heute überhaupt solch eine Brücke? Wenn ja, müssen wir nicht eine ganz neue Brücke bauen, die Bedeutung Jesu in ganz andere Bilder fassen als die Evangelisten?
Jesus
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Jesus faszinierte die Menschen. Von ihm sprachen die Leute auch noch nach seinem Tod und den Erzählungen über seine Auferstehung. Aber diese Überlieferung wurde mehr und mehr ausgeschmückt. Jesus wurde dabei von Mal zu Mal mehr verklärt. Das ist geradezu ein inneres Gesetz allen Weiter- und Neuerzählens. Literaturwissenschaftler haben es längst erkannt und untersucht.
Aber die Überlieferung wurde nicht nur ausgeschmückt. Sie wurde auch ins griechische Denken hinein übertragen, in einen Kulturraum, der dem Juden Jesus lebenslang fremd geblieben war.
Was wir heute in den Evangelien an Jesus-Überlieferung haben, ist somit nicht die persönliche Geschichte des Nazareners, sondern die Wirkungsgeschichte seiner Person. Die Evangelisten sind Jesus-Erzähler, die selbst nur Überlieferungen von Jesus kannten und verarbeiteten. Darin liegt der Reiz, in ihren Geschichten dem geschichtlichen Jesus auf die Spur zu kommen.
Wie aktuell dieses Unterfangen ist, hat der Religionspädagoge Hubertus Halbfas in einem Vortrag unterstrichen: »Es geht letztlich darum, erneut bei dem Juden Jesus von Nazareth anzuknüpfen, von dem wir nach zweihundert Jahren historisch-kritischer Forschung mehr wissen, als Paulus von ihm wusste. Nötig ist die Rückkehr vor die Übersetzung des Christentums in hellenistische (griechische) Denkkategorien. Das kann die Ausgangsbasis einer neuen Freiheit christlicher Selbstauslegung werden. Um dies anzugehen, hätten die Kirchen zunächst das nachzuholen, was sie seit hundert und mehr Jahren - um den Preis ihrer eigenen Wahrhaftigkeit - verdrängen: die Resultate der historisch-kritischen Exegese und deren Konsequenzen für die Systematische Theologie in die Breite der Gemeinden zu vermitteln. Die herrschende Kluft zwischen gesicherten theologischen Forschungsergebnissen und heutigem Glaubensverständnis ist riesig.«
Peter Rosien in »Publik-Forum - Zeitung kritischer Christen« Nr. 2/2006
»Es begab sich, dass Jesus am Sabbat durch ein Kornfeld ging, und seine Jünger fingen an, während sie gingen, Ähren auszuraufen. Und die Pharisäer sprachen zu ihm: Sieh doch! Warum tun deine Jünger am Sabbat, was nicht erlaubt ist? Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen.« (Markus-Evangelium 2,23-28)
Die hier geschilderte Situation taucht in allen Evangelien mehrfach auf: Jesus hält sich nicht an die strikten Sabbatregelungen, und die Pharisäer greifen ihn deshalb an. Meist geht es dabei um Heilungen am Sabbat, und da war es für Jesus relativ leicht zu argumentieren: »Soll man am Sabbat Gutes tun oder Böses?« Es ist erlaubt, am Sabbat einen Ochsen zur Tränke zu führen - soll es dann nicht erlaubt sein, einen Menschen zu heilen?
Hier geht es um etwas Banaleres - und damit wird das Grundsätzliche deutlicher; denn für Notfälle waren auch nach den strengen Regeln der Pharisäer Ausnahmen erlaubt. Hier handelt es sich nicht um einen Notfall. Die Jünger rauften Ähren aus, um die Körner zu kauen. Sicher waren sie hungrig, aber das wird nicht einmal gesagt. Sie wären nicht verhungert, wenn sie gewartet hätten, bis sie irgendwo etwas zu essen bekommen hätten.
Es geht also um die Frage, ob die Sabbatregeln auch um eines einfachen menschlichen Bedürfnisses willen - des Bedürfnisses nach Nahrung - durchbrochen werden dürfen? Jesu Antwort ist eindeutig: »Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen...«
Bedeutet das die Aufhebung des Sabbats? Ganz sicher nicht. Wenn Jesus das gepredigt und praktiziert hätte, wäre ein Sturm der Entrüstung losgebrochen, weit über die Anfragen einiger Pharisäer hinaus. Es ging ihm um das, worum es ihm immer wieder ging: dass es nicht auf den Buchstaben eines göttlichen Gesetzes ankommt, sondern auf dessen Sinn.
Was ist der Sinn der Sabbatruhe? Oder, anders ausgedrückt, was bedeutet dieses Gebot für uns heute? Die Thora (die übrigens zum Sabbat keine Einzelvorschriften kennt, die kamen erst später dazu) nennt zwei Gründe: Erstens: Gott ruhte am siebten Tag von der Arbeit der Schöpfung, darum heiligte er diesen Tag. Und zweitens: Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling (das heißt der Nichtjude, der für dich arbeitet).
Daran, dass auch das Vieh und der Fremdling einbezogen sind, wird deutlich, dass es um den sozialen Aspekt geht: es tut allen arbeitenden Geschöpfen - selbst dem Vieh - gut, wenn sie an einem Tag der Woche (der Begriff der Woche ist erst aus dem Sabbatgebot entstanden) ausruhen und sich erholen können, sich mit anderem als ihrer täglichen Arbeit beschäftigen.
Diese Idee verdankt die Menschheit dem Judentum - sie ist so einleuchtend, dass sie meines Wissens inzwischen von allen Staaten der Erde, ob christlich oder moslemisch oder atheistisch - übernommen wurde. »Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht.«
Das gilt wohl auch für den ersten, den Hauptaspekt des Sabbatgebots: dass dieser Tag Gott geheiligt werden solle. Es werden dafür keine bestimmten Rituale genannt, nicht in der Thora und nicht bei Jesus. Aber ich denke, die meisten von uns würden in der Theorie dem Grundgedanken auch zustimmen, dass es dem Menschen gut täte, sich an einem Tag der Woche mehr als im Alltag auf Gott zu besinnen.
In der Theorie. In der Praxis spielt die Sabbat- beziehungsweise Sonntagsheiligung wohl für die meisten von uns kaum eine Rolle. Wir nützen den Sonntag für Ausflüge oder Besuche, für Sport oder Kino, zum Lesen oder zum Aufarbeiten von Liegengebliebenem. Und wir können uns dabei durchaus auf Jesus berufen, der immer wieder betont hat, dass die Zuwendung zum Nächsten wichtiger ist als Rituale. Ein Besuch bei jemandem, der einsam ist, ist tatsächlich oft wichtiger als ein Besuch im Gemeindesaal.
Und doch liegt in dieser Großzügigkeit, in der Freiheit, selbst zu bestimmen, was wichtig ist, auch eine Gefahr. Rituale, wie der sonntägliche »Saal«, sind nicht in sich selbst wichtig. Sie können auch leer sein. Aber zugleich sind sie eine Art Hilfskonstruktion, eine Chance der Besinnung auf das Wesentliche. Nicht jeder »Saal« kann jedem Teilnehmer ein Erlebnis oder eine neue Erkenntnis bringen. Aber sicher kann fast jeder für manche oder viele ein Anstoß zum Nachdenken sein.
Und noch etwas ist wichtig: Rituale schaffen Gemeinschaft. Wenn wir gemeinsam singen, beten oder auch nur gemeinsam zuhören, fühlen wir uns zusammengehörig, in den Gesprächen vorher und nachher kommen wir einander näher.
»Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht« - das heißt einerseits, dass wir uns um wichtigerer Dinge willen auch einmal darüber hinwegsetzen dürfen, es heißt aber auch, dass er gut für den Menschen ist - auch für uns, für uns Templer. Konkret und banal: Es würde uns gut tun, häufiger in den »Saal« zu gehen.
Ein ganzes Forscherleben hat er ihr gewidmet. Der katholische Neutestamentler Paul Hoffmann ist Anfang der 1970er Jahre mit einer Arbeit über die Spruchquelle Q Professor geworden. Seither hat ihn das Thema nicht mehr losgelassen. 2002 gab er zusammen mit Christoph Heil in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft eine Studienausgabe heraus, die neben dem rekonstruierten griechischen Urtext von Q jeweils die deutsche Übersetzung bietet. Erarbeitet haben die Rekonstruktion in den Jahren 1989 bis 1996 über 40 Forscher aus Europa und Nordamerika. Mittlerweile gilt die »Studienausgabe« als Standardwerk der Q-Forschung.
Was aber steht in Q, und wie ist diese Überlieferungsquelle zu bewerten, die Matthäus und Lukas unabhängig voneinander in ihren Evangelien verarbeitet haben? Hubertus Halbfas zitiert dazu in seinem Buch »Das Christentum« (Patmos, 2004) ein Resümee von Paul Hoffmann und dessen Mitarbeiter Christoph Heil:
»Die Spruchquelle Q wird auch Redenquelle oder Logienquelle genannt. Die dem Material zu Grunde liegende Überlieferung wurde zuerst von Wanderpredigern in Galiläa weitergetragen. Sie vertraten das radikale Ethos Jesu: Heimatlosigkeit, Familiendistanz, Besitzkritik und Gewaltlosigkeit. Eine planvolle Heidenmission ist nicht zu erkennen; Q richtet sich also an Juden.
Die Jesustradition der Spruchquelle kennt weder eine Passions- noch eine Auferstehungserzählung. Beides bleibt in seiner Bedeutung für das menschliche Heil ausgeklammert. Als letzter endzeitlicher Bote erfüllt Jesus die prophetischen Weissagungen.
Q hat viele Traditionen bewahrt, die auf den historischen Jesus zurückgehen, doch ist zu beachten, dass diese Worte im Gang der Überlieferung und im Zuge der Endredaktion überarbeitet und aufgefüllt worden sind.
In Q liegt ein sehr frühes Zeugnis des Judenchristentums vor. Dieser Aspekt gewinnt zunehmende Bedeutung, da das Judenchristentum wachsendes wissenschaftliches Interesse genießt, ohne dass Q dafür bisher ausreichend ausgewertet wurde.«
Peter Rosien in »Publik-Forum« Nr. 2/2006
Als die schwäbischen Templer in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihre Heimat verließen und das Wagnis einer Neuansiedlung in Haifa, Jaffa und Jerusalem eingingen, stand in ihren Pässen unter »Staatsangehörigkeit« nicht »deutsch«, sondern »württembergisch«. Auch in Palästina waren sie noch Untertanen des Königs von Württemberg. Wenn in diesem Jahr das 200. Jubiläum der Erhebung Württembergs zum Königreich begangen wird, dürfte es von Interesse sein, welches Verhältnis unsere Vorfahren zu ihrem König hatten und wann sie ihm begegnet sind.
Auf Schloss Altshausen, dem Wohnsitz des Nachkommen aus dem Königshaus Herzog Carl von Württemberg, hängt in einem Büroflur die Ansichtskarte eines Seemanns: »Freundliche Grüße von einem württembergischen Royalisten«. Diese Widmung ist bemerkenswert, vor allem aus dem einen Grund, weil es heutzutage im Land so gut wie keine »Royalisten«, Königstreue, mehr gibt. In Württemberg starb der letzte König 1921, vertrieben ins 30 Kilometer entfernte Exil nach Bebenhausen. Seitdem haben die Menschen zwischen Main und Mainau genug an ihren Staats- und Ministerpräsidenten. Der Ruf nach einem Monarchen wurde nicht mehr laut.

Es hatte 1806 begonnen, als Napoleon I., Kaiser von Frankreich, die Zugeständnisse des Herzogs von Württemberg und seinen Beitrag zur Stärkung des napoleonischen Heeres mit Gebietsschenkungen und der Erhebung Württembergs zum Königreich belohnte. König Friedrich I. wurde am 1. Januar jenes Jahres feierlich inthronisiert. Er ist in die Geschichte eingegangen als ein Regent harter Regierungsmaßnahmen. Er wurde in der Bevölkerung durchaus als despotisch wahrgenommen. »Der Polizeistaat modernen Zuschnitts« (Paul Sauer) brachte zwar ein bis dahin unbekanntes Maß an Sicherheit mit sich, unterwarf die Bürger jedoch einer strengen Überwachung. Kontrolle, Zensur und Verbote umfassten bald sämtliche Lebensbereiche. Jede verdächtig erscheinende Gesellschaft wurde aufgelöst, die Auswanderung ab 1807 verboten (sein Nachfolger Wilhelm I. hob sie 1816 wieder auf) und die Presse- und Bücherzensur immer penibler gehandhabt. Wer sich seinen Verboten widersetzte und aufrührerische Aktivitäten entfaltete wie etwa der junge Georg David Hardegg aus Ludwigsburg , wurde auf der Festung Hohenasperg inhaftiert.
Drei weitere Monarchen folgten Friedrich I. nach: sein Sohn Wilhelm I. (1816-1864), sein Enkel Karl I. (1864-1891) und Wilhelm II. (1891-1918). Der zuletzt Genannte war unmonarchisch wie kein anderer und hob sich von dem wegen seiner Leibesfülle »dicker Friedrich« genannten Vorgänger erheblich ab. Wilhelm II. trat vornehmlich im Straßenanzug mit seinen Spitzhunden in der Öffentlichkeit auf und scheute sich nicht vor einem direkten Kontakt mit der Bevölkerung. Wenn er durch die Weinberge spazierte, konnte es vorkommen, dass ihn die Leute beim Vorbeigehen mit »Grüß Gott, Herr König« grüßten.
Ursprünglich hatten die ersten Templer große Hoffnungen gehegt, dass der König ihre Reformbestrebungen tatkräftig unterstützen würde. So ließen sie ihm 1860 bei einer Audienz durch eine Abordnung, bestehend aus Christoph Hoffmann, Georg David Hardegg, Christoph Paulus und Matthäus Frank, eine Bittschrift überreichen, in der es hieß: »Eure Königliche Majestät möge allergnädigst Maßregeln zur Verbesserung der gesellschaftlichen Zustände und insbesondere der Kirche und Schule im Sinne des geistlichen Tempels anordnen.«
Der Zufall wollte es, dass die Abordnung im Vorzimmer vom damaligen Kultusminister, Staatsrat von Rümelin, einem ausgesprochenen Gegner der Tempelbewegung, empfangen wurde. Dementsprechend verlief auch diese templerische Initiative im Sand. Der König versprach zwar Untersuchung der Bittschrift und eine Antwort darauf. Eine solche ist jedoch nie erfolgt.
Um einiges anders verlief eine Unterredung, die Christoph Hoffmann II, Dr. Jonathan Hoffmann und Hugo Wieland im Sommer 1899 in Stuttgart sowohl mit dem deutschen Kaiser, der gerade dort weilte, als auch mit dem allseits beliebten König Wilhelm II. hatten. Es ging dabei um die Staatsangehörigkeits-Frage der Templer, um finanzielle Hilfe zum Aufbau der Siedlungen und um die Eintragung des Finanzinstituts der Templer als juristische Person.
Der Empfang der Delegation durch den König muss sehr herzlich verlaufen sein: »Mit herzgewinnender Freundlichkeit nahm Se. Majestät den Ausdruck des Dankes seitens der Vertretung der Kolonien für alles, das Se. Majestät für die Kolonien in Palästina getan hat, entgegen.« Das Interesse des Königs am Geschehen in Palästina kannte keine Grenzen, und er bedauerte nur, dass er seines Alters wegen nicht selbst das Land besuchen könne.
Eine wichtige Unterstützung erfuhren die Templer durch die 1899 in Stuttgart erfolgte Gründung einer »Gesellschaft zur Förderung der deutschen Ansiedlungen in Palästina«, die Darlehen für neu zu gründende Siedlungen zur Verfügung stellte, mit deren Hilfe Wilhelma und Betlehem errichtet wurden.