Die Warte des Tempels
Monatsschrift für freie Christen
Ausgabe 162/3 - März 2006
Die Faszination von Olympia
Wieder einmal ist Olympia-Zeit. Auch wenn die Winterspiele nicht denselben Umfang aufweisen wie die im Abstand von zwei Jahren zu ihnen stattfindenden Sommerspiele - eine Faszination und Anziehungskraft üben sie genauso aus wie diese. Was ist es wohl, was diese sportlichen Wettkämpfe über andere im Jahreslauf vorkommenden Meisterschaften heraushebt? Eine Olympia-Medaille scheint bei den meisten Sportlern den höheren Stellenwert zu besitzen.
Als Zuschauer der diesjährigen olympischen Eröffnungsfeier meine ich, selber etwas gespürt zu haben von dem »Besonderen«, was sich in diesem Sportereignis abspielt. Der Einmarsch der Sportler ins Stadion, das Hineintragen der olympischen Flamme, das öffentliche Sprechen des Sportler-Eides (neuerdings »Versprechen« genannt), das Flaggenzeremoniell, die Hymne - alles ist »erhebend«, auch wenn manches als »zu steif und geregelt« kritisiert werden könnte. Aber Regeln sind schließlich das A und O eines sportlichen Wettkampfes, sie sollten sich deshalb auch im Zeremoniell spiegeln, das bei Olympia eine große Bedeutung genießt.
Freilich ist bei jeder weiteren olympischen Veranstaltung zu fragen, wo der Aufwand für eine solche »Mega-Schau« noch hinführen soll. Jeder Austragungsort scheint den vorangegangenen Veranstalter übertrumpfen zu wollen. In den wenigen Wochen der Spiele werden Milliarden »verbraten«. Und dann ist das olympische Feuer bald wieder verlöscht.
Trotzdem: Baron de Coubertin hat mit seiner Wiedererweckung der antiken Wettspiele 1896 in meinen Augen etwas sehr Wertvolles geschaffen. Erstens ist es das Zusammenleben der Sportler aus so vielen verschiedenen Ländern, was dem Einander-Kennenlernen und Einander-Achten dient. Zweitens ist es das Beispiel, das ein Spitzensportler anderen jungen Menschen vermittelt. Auch wenn die Höchstplatzierten sich gegenseitig in ihren Leistungen nur minimal voneinander unterscheiden und in manchen Wettbewerben ein Vorsprung von zwei Tausendstel Sekunden Olympisches Gold bedeutet - es geht letzten Endes darum, was ein Sportler an Mühe, Zeit und Begeisterung einsetzt, um zu einem solchen Resultat zu gelangen.
Der Sport - wenn er sich nicht durch Doping und andere unlautere Mittel selbst abwertet ist Ausdruck von Lebensfreude, von Dankbarkeit für körperliche Fähigkeiten und vom Willen zu einem gesunden und bereichernden Leben - eine Motivation, die in einer Zeit zunehmender sozialer Notstände als Wegweiser dienen kann.
Peter Lange
Das große Ja im Nein
Gedanken zur Sintflutgeschichte in 1. Morse 8,13-22
Wer hätte gedacht, dass die Vorstellung einer alles vernichtenden Flut so grausame Wirklichkeit werden könnte wie in unseren Tagen im Fernen Osten oder im überschwemmten New Orleans? Doch solche Katastrophen hat es schon immer gegeben. Deswegen gibt es in vielen Kulturen Überlieferungen von einer alles vernichtenden Flut. Diejenige aus dem alten Babylon im Gilgamesch-Epos ist für die Bibel von besonderer Bedeutung geworden, denn sie war für den ältesten biblischen Erzähler die Vorlage, die er umgearbeitet und in völlig neuer Form in die Glaubensgeschichte des Volkes Israel eingebracht hat.
Zuerst etwas Grundsätzliches über die Sintflutgeschichte und ihren Zusammenhang: Die biblische Urgeschichte in 1. Mose 1-11, die den Anfang der Welt erzählt von der Schöpfung bis zu Abrahams Berufung zum Urvater des Volkes Gottes, ist kein historischer Tatsachenbericht, sondern eine grandiose Dichtung aus verschiedenen Einzelquellen, entstanden vor rund 3000 Jahren und über fünf Jahrhunderte weitergestaltet. Wie Goethes »Faust« das urbildliche Drama des schöpferischen Menschen in gewaltigen Bildern schildert, so zeichnet die Bibel hier ein urbildliches Gemälde vom Sinn, von der Größe und von der Gefährdung und Errettung unseres Menschseins vom ersten Anfang an, und das im Licht des Glaubens an einen Schöpfer, der mit dieser Welt und ihrer Menschheit eine hoffnungsvolle Geschichte vorhat und verfolgt.
Würden wir diese Erzählungen als historische Wahrheit auffassen, kämen wir in dieselbe unhaltbare Situation wie die Kirche, die im Aufgang der Neuzeit nicht wahrhaben wollte, dass sich - entgegen der biblischen Geschichte - die Erde um die Sonne dreht. Aber die Wahrheit der Tatsachen lässt sich auf Dauer nicht unterdrücken. So wäre es auch ein Leichtes, diese Sintflutgeschichte als unhaltbares Phantasieprodukt ins Lächerliche zu ziehen. Wie sollte etwa die Arche Noahs mit 150 Metern Länge und 15 Metern Höhe ausreichen können, um all die heute bekannten Abertausende von Tierarten der Erde mit je einem Paar aufzunehmen! Zu deren Ernährung wäre ja noch ein mindestens gleich riesiges Versorgungsschiff nötig gewesen! Und wovon haben denn die Raubtiere vierzig Tage lang gelebt, wo doch von fast allen Tieren nur ein einziges Paar überleben durfte? Wie vertrug sich denn der Löwe mit dem Schaf auf diesem engen Raum? Überhaupt keine Rede ist zum Beispiel von den Zigtausenden von Insektenarten, und so fort.
Das Schwierigste aber: Was für ein Gott ist das, der genau dasselbe Argument, nämlich dass die Menschheit radikal verderbt sei, einmal als Grund für ihre Vernichtung und dann, hinterher, als Grund für ihre weitere Erhaltung gebraucht? Ist der Mensch denn nicht Gottes eigene Schöpfung? Hat denn Gott das Risiko seiner Geistbegabung nicht von vornherein durchschaut? Resigniert er jetzt? Was ist das aber für ein Gott, der selber noch einen Lernprozess durchmachen muss? Kann man solch einem zwischen Zorn und Reue schwankenden Gott denn noch trauen? Verdient er überhaupt noch den Namen »Gott«?
Gottesvorstellungen im Wandel
Solche kritischen Gedanken sind keine Unehrerbietigkeit gegenüber der Heiligen Schrift. Im Gegenteil: Unehrerbietig wäre es, wenn wir die Bibel nicht als ein Dokument ihrer Zeit aus dem Abstand von zwei- bis dreitausend Jahren ernst nehmen würden, wo die Vorstellungswelt der Menschen noch eine andere war als unsere heute von der Wissenschaft geprägte. Nein, die Bibel ist gerade deshalb heilige Schrift, weil sich in ihr die schrittweise Veränderung des menschlichen Bewusstseins unter der Anregung des Geistes Gottes spiegelt und weil sie zeigt, wie sich unser Denken über Gott, Welt und Mensch im Lauf der Geschichte entwickelt hat.
Nicht Gott ändert sich und zahlt Lehrgeld, wie in der Sintflutgeschichte geschildert, sondern unsere Vorstellungen von Gott sind es, die sich verändert und beispielhaft im Volk Israel fortgebildet haben, so dass dieses Volk zum Bahnbrecher einer neuen Art des Glaubens werden konnte, die - so sehen wir es als Christen - dann in Jesus zum Gipfelpunkt gekommen ist. Nach diesem Neuen, dieser inneren Wahrheit zu suchen ist unsere Aufgabe.
Das Neue an Israels Glaube war ja, dass die Welt der vielen antiken Götter dem Glauben an einen Gott, dem Schöpfer von allem, Platz machen musste. In ihm hat die Welt und das Leben einen Sinn, denn sein Wesen ist ein liebendes Ja zu seiner Schöpfung. Deshalb gehen ja auch von ihm Gebote für eine Lebensordnung aus, durch die das menschliche Leben gelingen soll. Eine Religion geprägt vom grundsätzlichen Ja zum Leben, geboren aus dem Vertrauensverhältnis zu diesem einen Gott und Liebhaber des Lebens, das ist das erste große Geschenk Israels an die Welt.
Negative Daseinserfahrungen
Damit aber stellt sich die Frage: Wie verhält sich dieses Ja Gottes zu seiner Schöpfung zu all den negativen Erfahrungen unseres Daseins, zu Leiden und Tod? Wie soll man da mit den kleinen und erst recht mit den großen Katastrophen der Natur und der menschlichen Geschichte zurecht kommen? Das sind Fragen, die uns angesichts der Zerstörungswut der Elemente heute noch genauso umtreiben.
Die Antwort, die man in Israel darauf fand, war überaus wirksam, wenn auch höchst problematisch: In diesen negativen Erfahrungen des Daseins sah man die gerechten Strafgerichte Gottes über unsere Sünde. Damit war einerseits Gott vom Vorwurf der Ungerechtigkeit entlastet, andererseits war der Mensch umso mehr in Pflicht genommen, die Gebote einzuhalten und von den verkehrten Wegen umzukehren. Denn das war die zweite Entdeckung Israels als Konsequenz aus der ersten: die Selbsterkenntnis des Menschen als eines Geschöpfs, das dem guten Willen Gottes zuwider lebt.
Die Sündenfallgeschichte (1. Mose 3) will uns zeigen: Adam und Eva war die Erde gegeben, um sie zu bebauen - also Gottes Schöpfungswerk kultivierend fortzusetzen - und dabei sinnvoll zu bewahren. Gut und böse ist daran zu messen, ob menschliches Handeln dem Willen Gottes entspricht, nämlich dem weiteren Aufbau des Lebens. Deshalb war den Bewohnern des Paradieses nur eine Frucht verboten: die vom »Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen«. Diese »Erkenntnis« meint nicht etwa einen bloß theoretischen Einsichtsgewinn, sondern etwas ganz Praktisches: Der Mensch entscheidet selber, was gut und böse für ihn ist, indem er sich selber zum Maßstab dafür setzt und damit das menschliche Einzel- und Gruppen-Ego, aber nicht mehr - wie es Gottes Wille ist - das Ganze der Schöpfung. In diesem Augenblick war das Paradies verloren und der Mensch des Menschen Wolf geworden, was die Bibel mit der Geschichte belegt, dass der erste Tote der Menschheit bereits ein Ermordeter gewesen sei, Opfer des Brudermords.
Die nüchterne Erkenntnis über unser ichbezogenes gottwidriges Wesen, mit dem wir letztlich uns selbst und die ganze Schöpfung zugrunde richten und unsere Sintfluten selber besorgen, ist ein zweites großes religiöses Geschenk Israels an die Menschheit in der Entwicklung unserer Religiosität.
Der Mensch eine Fehlkonstruktion?
Damit freilich stellt sich eine weitere heikle Frage: Ist dieser Mensch, von Gott begabt mit seinem eigenen schöpferischen Geist, nicht eine Fehlkonstruktion, ein Widerspruch zur ganzen Schöpfung? Muss der Schöpfer nicht zu diesem selbständig gewordenen kleinen Götzen ein radikales Nein sagen?
Diesen Gedanken hat der Dichter der Sintflutgeschichte tatsächlich bis zum bitteren Ende verfolgt: Diese jetzt vom Menschen in Regie genommene Schöpfung darf eigentlich nicht weiter existieren. So darf es nicht weitergehen. Dieser Theologe interpretiert die babylonische Sintflutgeschichte ganz neu als konsequentes Strafgericht Gottes über den hochstaplerischen Menschen und seine ganze Welt.
Gott als Richter und die Schicksalsschläge des Lebens als göttliche Strafgerichte: diese Vorstellung ist im Lauf der Religionsgeschichte und der Kirchengeschichte entsetzlich missbraucht worden. Mit Strafängsten wurden Menschen erpresst und manipuliert. Zu welcher Hölle wird das Leben, wenn jedes Unglück als eine Strafe Gottes und damit als letztlich selbstverschuldet verstanden wird! Nein, das sind allzu menschliche Phantasien, um die Lasten des Daseins auf verkorkste Weise verstehen zu wollen. Aber eine Wahrheit steckt freilich in diesem Gedanken: Aller ergomanische (krankhaft selbstbezogene) Hochmut des Menschen findet seine Grenze an der Übermacht der Natur und an der unüberwindlichen Stoppstelle des Todes. Gott sei Dank darf kein Tyrann ewig herrschen, kein Turm zu Babel ewig bestehen! Wenn wir auch die Grenzen unserer Negativitäten immer weiter hinausschieben, sind uns letztlich doch unüberwindliche Schranken gesetzt, die uns bescheiden und demütig machen müssten.
Von daher lässt sich sehr wohl ein Ja finden zu all dem Unbegreiflichen in unserem Dasein: als Erinnerung daran, dass wir mit all unserem Können und Wollen doch immer nur Geschöpfe der großen Natur und vor allem der Zeit sind, wodurch all unsere Selbstherrlichkeit zum Ende verurteilt ist. Aber letztlich steht das Nein Gottes doch unter seinem umfassenden Ja. Wer im Nein Gottes dieses Ja begriffen und akzeptiert hat, erfährt in diesem Vertrauen die königliche Freiheit der Kinder Gottes in allen Dunkelheiten unseres Daseins.
Dieses große Ja Gottes im Nein bringt die Sintflutgeschichte auf zweierlei Weise zum Ausdruck: einmal dadurch, dass Gottes Strafgericht in der Gestalt des Noah der Schöpfung doch noch die Chance eines neuen Anfangs übrig lässt: Die Arche als Symbol von Gottes Ja in den Fluten seines Neins. Dann aber noch zum Schluss in 1. Mose 8,21-22: »Ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe. Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.«
Auch wenn wir abstreichen, dass der Verfasser dieses Textes Gott damit einen Lernprozess zumutet und ihn damit allzu menschlich schildert: die bleibende Wahrheit dieses Wortes besteht darin, dass Gottes Schöpfergüte dieser so problematischen Menschheit dennoch die naturhaften Lebensgrundlagen garantiert, wie auch Jesus sagt: »Gott lässt seine Sonne scheinen über Böse und Gute«. Über alle menschliche Torheit und Selbstherrlichkeit hinaus bleibt als Zeichen von Gottes Ja zu uns der Wechsel von Tages- und Jahreszeiten bestehen, dem wir in gewisser Hinsicht unser Dasein verdanken, denn würde sich die Erde nicht um sich selbst drehen, wäre kein Leben auf ihr möglich, da auf ihrer einen Seite die dauernde Sonnenglut, auf ihrer anderen die Nacht und Kälte des Weltalls kein Leben erlauben würde. Wie Noah nach der Flut sollte auch uns immer neu der tiefe Dank für die Lebensgrundlagen der Schöpfung bewegen, die wir selber nie schaffen, sehr wohl aber stören und zerstören können.
Pfarrer Wolfram Zoller (Bund für Freies Christentum) in einer Predigt in der Christuskirche in Korntal am 9. Oktober 2005; wiedergegeben in »Freies Christentum« 2006, Nr. 1; etwas gekürzt
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Mag dein Denken endlos schweifen -
letzter Sinn wird dir nicht kund.
Nur im Bild kannst du begreifen
aller Welten tiefsten Grund.
Georg Pick
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BIBELWORTE - NÄHER BETRACHTET
Unter allen Umständen dem Nächsten helfen
»Es war dort ein Mensch, der hatte eine verdorrte Hand. Und sie lauerten darauf, ob Jesus auch am Sabbat heilen würde, damit sie ihn verklagen könnten... Und er sprach zu ihnen: Soll man am Sabbat Gutes tun oder Böses, Leben erhalten oder töten?« (Markus-Evangelium 3,1-6)
Der Bericht über Jesu Heilung der »verdorrten Hand« ist einer von mehreren in den Evangelien, in denen es um die Frage geht, was am Sabbat erlaubt ist und was nicht. Während es ursprünglich Tage gab, an denen man gewisse Arbeiten oder Tätigkeiten nicht verrichten sollte, weil sie als ungünstig dafür galten, erhielt der Ruhetag der Israeliten eine ganz andere Bedeutung. Die Arbeit sollte ruhen, damit der Mensch sich Gott widmen konnte.
Zu Jesu Zeiten hatten die Schriftgelehrten bis ins Detail festgelegt, was am Sabbat erlaubt und was verboten war - vom Abreißen von Ähren, was als Erntearbeit galt, bis hin zu der Regelung, dass sich ein Jude am Sabbat nicht weit von zuhause entfernen durfte. Die einzige Ausnahme von diesen Vorschriften waren und sind lebensrettende Maßnahmen.
Jesus stellt sich selbst grundsätzlich unter das Gesetz und hält auch den Sabbat ein. In Situationen aber, in denen ein Mensch leidet, stellt er die Hilfe für diesen Menschen über jedes Sabbatgebot. Dabei ist er sich sicher, dass er das Gesetz nicht übertritt, denn »der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht, nicht der Mensch um des Sabbats willen«. Immer wieder wird er von Pharisäern wegen seiner Gesetzesübertretungen zur Rede gestellt, aber in seiner Reaktion darauf wirft er ihnen vor, dass sie ihrerseits unter all ihren Vorschriften das Gebot Gottes zuschütteten. Albert Schweitzer hat dazu einmal gesagt: »Das geltende Gesetz verhielt sich zum Gesetz Moses ungefähr so, wie die christlichen Dogmen zur Lehre Jesu.«
Die Spanne im obigen Zitat, ob man am Sabbat Gutes oder Böses tun soll, ist weit gefasst und es tut nicht automatisch Böses, wer etwas Gutes zu tun unterlässt. Aber das Kriterium ist klar: einem Menschen, ja, einer Kreatur, die leidet, muss geholfen werden. Nicht nur ganz konkret und direkt, sondern auch in Bezug auf andere Handlungen, die aus der Ehrfurcht und der Ehrerbietung Gott gegenüber erfolgen: bevor du Gott opferst, geh und begrabe den Streit mit deinem Bruder. Immer ist unsere Beziehung zum anderen Menschen vorrangig, wenn wir die Beziehung zu Gott ernst nehmen. Über allen religiösen Regeln, die unser Leben im Sinne Gottes ausrichten sollen, steht die der direkten Zuwendung zu unserem Nächsten.
Karin Klingbeil
KLEINE GESCHICHTEN AUS DER GESCHICHTE
Hurra, der Zeppelin ist da!
Die enge Verbundenheit der Palästina-Templer mit ihrem deutschen Vaterland und besonders mit ihrer schwäbischen Heimat, aus der sie ausgewandert waren, ließen sie mit großem Interesse die aktuellen Geschehnisse in Deutschland verfolgen. So zum Beispiel die Erfindungen des großen Luftfahrtpioniers Ferdinand Graf von Zeppelin (1838-1917), dessen erstes Luftschiff »LZ 1« sich am 2. Juli 1900 in die Lüfte erhoben hatte.
Von einem Templer-Nachfahr wurde unserem Templer-Archiv dieser Tage ein Notizblatt seines Urgroßvaters Ernst Friedrich Fay überlassen, auf dem das tragische Unglück der »LZ 4« bei Echterdingen angesprochen war. Ernst Friedrich Fay war schon 1870, also in der allerersten Zeit der Auswanderung, mit seiner Ehefrau Agathe Rothfuß von Freudenstadt nach Haifa gezogen, wo er nach einigen Jahren einen Windmühlenbetrieb eröffnete. Dem Ehepaar Fay wurden in Haifa vier Kinder geboren. Zusammen mit anderen Heranwachsenden der Deutschen Kolonie übersandten die Kinder dem Grafen Zeppelin nach der Echterdinger Katastrophe einen Lorbeerkranz, dem folgendes Gedicht beigefügt war:
»Vom Berge Karmel, wo vor Tausenden von Jahren
Prophet Elias auf zum Himmel ist gefahren,
bringt dir die Schar der Kinder jener starren Schwaben,
die hier vor vierzig Jahren angesiedelt haben,
den wohlverdienten Lorbeer dar.
Auch du hast gegen Unverstand und Neider,
gegen Spott der Mitwelt angekämpft,
und manchmal hat das Schicksal scheinbar deinen Mut gedämpft.
Doch immer wieder hast du, starr und ungebeugt,
das Ziel verfolgt, das dir vor Augen schwebte,
und hast als unbestritt'ner Sieger dich gezeigt.
Hat Feuer auch und Sturm dein Schiff zerbrochen:
du lebst, dein Geist und deine Energie;
und Gott, der den Propheten durch die Raben speiste,
verlässt auch unsern tapfern Grafen nie.
Wir hoffen alle fest, den Tag noch zu erleben,
an welchem über Karmels Höhen
den Grafen Zeppelin wir kreuzen sehen.
Inschallah! - Der Allmächt'ge woll' es geben!«
Über diese ermutigenden Grüße aus dem fernen Orient freute sich der Graf und fühlte sich zu folgender Antwort bewegt: »Allen den treuen Schwaben, die in der Ferne meiner so treulich gedacht haben, möchte ich meinen herzlichsten Dank für den prächtigen Kranz und den freundlichen poetischen Gruß aussprechen. - Friedrichshafen, 11. September 1908«.
Der Wunsch der Haifaner Kinder, dass der Zeppelin eines Tages »über Karmels Höhen« schweben möge, erfüllte sich nicht sofort, sondern wegen der zeitaufwändigen Neukonstruktionen und des inzwischen erfolgten Todes des Grafen erst am 26. März 1929, abends um halb sechs Uhr. Auf dem Notizblatt der Fays steht darüber vermerkt: »Nach einem halbstündigen atemberaubenden Schauspiel über Haifa brachte 'D-LZ 127 Graf Zeppelin' durch seinen genialen Luftschiffführer Dr. Eckener den einst geäußerten Wunsch in Erfüllung. Beim Verlassen Haifas über das Eliaskloster auf dem Karmel hinweg erklang es aus froher Kindermund: Hurra! Hurra! Graf Zeppelin ist da!«
Auf dieser Reise der »LZ 127« befand sich unter anderen auch der württembergische Staatspräsident Eugen Bolz (1881-1945), nach dem die Bolzstraße in Stuttgart benannt ist. Ob er wohl über Haifa seinen württembergischen Landsleuten zugewinkt hat!?
Das Luftschiff besuchte Palästina noch ein zweites Mal. Am 11. April 1931 schwebte es majestätisch über der Altstadt von Jerusalem, wie es von einem Panorama-Bild in Jakob Eislers Buch »Kultureller Wandel in Palästina« veranschaulicht wird. Für die deutschen Siedler war auch diese Bekundung deutscher Ingenieurskunst ein großes Ereignis, den Schülern der deutschen Schulen wurde an diesem Tag freigegeben.
Die Luftschifffahrt gehört inzwischen der Vergangenheit an. Doch ein wenig vom Glanz vergangener Tage wird in den Älteren unter uns wach, wenn wir ein Werbeluftschiff über uns kreisen sehen. Vermutlich auch wieder zu den Fußball-Weltmeisterschaftsspielen im Sommer über dem Gottlieb-Daimler-Stadion.
Peter Lange
Ein Blick in die Vergangenheit
Geschichtliche Datenbank des TGD-Archivs stark erweitert
Die Abbildungen geben dem Leser an Hand des Beispiels von Johannes Dyck einen kleinen Einblick in die geschichtliche Datensammlung des TGD-Archivs. Im Verlauf der letzten Monate sind in dieser Datei, die mit Hilfe eines Genealogie-Programms erstellt wurde, eine ganze Reihe von Ergänzungen und Erweiterungen erfolgt. Die Sammlung enthält nunmehr Daten von annähernd 15.000 Personen, und zwar mit folgender Begrenzung:
- Familienangehörige und Vorfahren gegenwärtiger oder früherer Tempelmitglieder, sowohl in Deutschland wie in Australien oder anderswo ,
- Familienangehörige und Vorfahren anderer Palästina-Deutscher,
- durch Heirat mit diesen Familien verbundene Personen.
Jede Person ist beschrieben mit -
- ihren Verwandtschaftsbeziehungen zu anderen Personen,
- ihren Lebensdaten, ihrem Beruf und Titel, ihrer Religionszugehörigkeit,
- dem Datum ihrer Taufe, Darstellung und Konfirmation,
- (wo bekannt) einer Kurzbiographie ihres Lebens.
Bei den Palästina-Templer-Familien ist eingespeichert -
- das Jahr der Auswanderung aus Deutschland (oder Rückwanderung nach Deutschland),
- (wo noch vorhanden) die Lage der Grabstätte in Haifa oder Jerusalem,
- (wo vorhanden) die Grabstein-Inschrift.
Vorgesehen ist auch noch die Einbindung einer Fotoaufnahme aus neuerer Zeit von ihrer Grabstätte.
  
Aus dieser geschichtlichen Datensammlung können vielfältige Auswertungen in Form genealogischer Listen und Tafeln (in verschiedener grafischer Gestaltung und Farbe) gemacht werden. Interessenten dafür können sich jederzeit an unser Archiv wenden. Die Ausführung würde allerdings einige Zeit in Anspruch nehmen.
Bitte um weitere genealogische Dokumente, Berichte, Unterlagen
Eine Datensammlung dieser Art kann nie vollständig sein. Immer gibt es irgendwo Lücken, die geschlossen werden müssen. Deshalb sind wir weiterhin auf der Suche nach Unterlagen von historischem Wert, seien es Lebenserinnerungen, Geburts-, Heirats-, Sterbe-Urkunden, vorhandene Stammbäume und Ahnentafeln, Porträt-Aufnahmen oder andere.
Diese zeitaufwändige Arbeit ist nicht ohne Bedeutung. Es gehen bei der TGD regelmäßig Anfragen von Personen ein, deren Familien oder Vorfahren in irgendeiner Weise mit den Templern verbunden sind oder waren. Meist können wir ihnen mit Daten und Auskünften behilflich sein. Unser Archiv profitiert natürlich nicht unerheblich auch von unserer Verbindung zu anderen Familienforschern in Deutschland, Australien und anderen Ländern.
TGD-Archiv, Peter Lange
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