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Die Warte des Tempels
Monatsschrift für freie Christen
Ausgabe 162/2 - Februar 2006
Die fünfte Plage
Mit der Vogelgrippe, die vor allem durch Zugvögel verbreitet wird, bedroht wieder einmal eine Seuche unsere Welt. Und die betroffenen Menschen können keine andere Gegenwehr ergreifen, als ihre Hühner, Enten und Gänse in Ställe einzusperren oder, bei bereits erfolgter Infektion, ihren ganzen Bestand an Geflügel zu töten. Das ist nicht nur ein immenser wirtschaftlicher Schaden, sondern in meinen Augen auch ein Vergehen an der uns anvertrauten Kreatur!
Seuchen und Epidemien hat es schon seit Menschengedenken gegeben, doch haben sie sich in der Vergangenheit geographisch noch nie so verbreitet wie in unserer Gegenwart. Die weltweite Ausbreitung von Infektionskrankheiten ist eine unmittelbare Folge der »Globalisierung«, der wirtschaftlichen und verkehrstechnischen Vernetzung der Staaten dieser Erde.
Zwar hat es die weltweite Gesundheitsvorsorge geschafft, einige Seuchen, wie die Pest, auszurotten, doch sie hat es nicht verhindern können, dass neue lebensbedrohliche Infektionskrankheiten, wie die Immunschwächekrankheit Aids, aufgetreten sind. Es ist dies wohl ein Kampf, den der Mensch nie restlos gewinnen wird. Immer wird das menschliche Tun und Handeln in Gleichgewichtszustände der Natur eingreifen und den Kleinstlebewesen den Boden für eine massenhafte Vermehrung bereiten.
Die Bilder aus Ostanatolien zeigen es jeden Tag in den Nachrichten: die Menschen klagen zu Gott, dass er ihnen solche Plagen schickt und ihnen ihre lieben Angehörigen nimmt. Können sie es wirklich so sehen? Etwa so wie in der Moses-Sage, in der der Gott der Hebräer den Ägyptern sieben Plagen auf den Hals schickte? Wahrscheinlich wird es auch jetzt wieder Sektenprediger geben, die die gegenwärtige Seuche als ein Strafgericht bezeichnen. Doch unsere Kenntnisse der Natur sind seit den Zeiten von Moses gewachsen. Wir wissen heute, dass die Kleinstlebewesen, die Mikroben, einen Teil dieser großartigen Schöpfung sind und dass sie im Naturgeschehen eine wichtige Funktion ausüben, die wir bis jetzt nur in kleinen Ausschnitten verstehen. Ohne sie könnten wir im Grunde nicht existieren.
Eine Welt, in der alle Staaten »in Quarantäne« lebten, wäre unter Berücksichtigung unseres heutigen Lebensstandards nicht vorstellbar. Das Rad der Geschichte der Menschen lässt sich nicht zurück drehen. Müssen wir also mit der Bedrohung immer neuer Krankheitserreger auch zukünftig leben? Ich fürchte, ja. Wobei die zivilisierte Menschheit immerhin in dem Maß, in dem sie Vorkehrungen gegen Verkehrsunfälle und Umweltgefahren trifft, auch Abwehrsysteme gegen Epidemien schaffen kann.
Vermutlich haben unsere Templervorfahren das von Epidemien verursachte persönliche Leid besser bewältigt, als wir dies heute können. Als Beispiele dienen uns die Epidemien der Ruhr auf dem Kirschenhardthof und der Malaria in Sarona. Christoph Hoffmann schreibt in seiner Biographie zwar, der Himmel schiene nach dem Tod mehrerer seiner Kinder »verschlossen gewesen zu sein«, doch auf deren Grab brachte er den Vertrauensspruch an: »Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt, der spricht zu dem Herrn: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe.« (Psalm 91,1-2)
Peter Lange
Der Aufbruch im Kleinen
Was kann uns der Auszug der Templervorfahren heute noch sagen?
»Und der Herr sprach zu Abraham: Gehe aus deinem Vaterlande und von deiner Freundschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.« (1. Mose 12,1-3)
Dies ist kein historischer Bericht. Die Geschichten von den Erzvätern Abraham, Isaak und Jakob sind Sagen einzelner kleiner Nomadenstämme aus der Zeit der Landnahme, also etwa um 1300 v.Chr. Sie wurden mündlich überliefert und erst zur Zeit Salomos niedergeschrieben, zu einer Vorgeschichte Israels zusammengestellt und eingeordnet in den großen religiösen Bedeutungszusammenhang, in dem Israel von nun an seine Geschichte sah: die Erwählung durch Jahwe und die Verheißung Jahwes. Genau das spiegelt unsere Geschichte, sie ist das fiktive Gründungsdokument der israelitischen Geschichtsdeutung: Gott erwählt einen Mann, der der Stammvater Israels werden soll, und er gibt ihm die großartigste Verheißung, die man sich vorstellen kann.
Es spricht hier nicht Gott höchstpersönlich, es ist der Glaube des Geschichtsschreibers, der sich in diesen Worten ausdrückt. Aber dieser Glaube hat Berge versetzt. Er hat Israel erst zu einem Volk gemacht und seine Geschichte bestimmt, und zu einem großen Teil auch die des Christentums, das ihn übernommen hat - auch wenn die Christen nun statt Israels sich selbst als das erwählte Volk Gottes sahen. Wir Heutigen - zumindest wir heutigen Templer - glauben nicht mehr an die göttliche Erwählung eines bestimmten Volkes oder einer bestimmten Glaubensgemeinschaft, und wir sehen auch die Verheißung, die Heilsversprechung, die sich bis heute nicht erfüllt hat, skeptischer und differenzierter, als es einst gemeint war. Aber unsere eigene, die templerische, Geschichte ist in besonderem Maße von diesen beiden Vorstellungen bestimmt, und damit auch unser Denken bis heute - auch dann, wenn wir sie ablehnen oder anders deuten: wir müssen uns immer noch damit auseinandersetzen. Dieser Glaube hat 3 000 Jahre Geschichte gemacht.
Zugleich ist aber die Geschichte von Abrahams Auszug schon längst zu einer Symbolgeschichte geworden; zum Symbol dafür, dass da einer, nur im Vertrauen auf einen göttlichen Auftrag, den großen Aufbruch wagte, seine ganze Existenz aufs Spiel setzte. Zwar gehörte Aufbruch und Auszug schon immer zum Leben der Nomaden. Aber dies war etwas anderes: »Geh von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Haus in ein Land, das ich dir zeigen werde.« Das hieß zum einen: Verlasse den Sippenverband, der allein Schutz und Sicherheit bot in vielen Gebieten waren Fremde rechtlos. Und es hieß: geh in unbekanntes Land, wo man nicht wusste, ob und wo man Wasser und Nahrung für Mensch und Tier finden würde.
Abraham ließ sich ein auf diese völlige Ungewissheit, nur im Vertrauen auf Gott - und genau das ist es, was ihn für den Geschichtsschreiber zur Identifikationsgestalt für Israel macht, was auch immer wieder betont wird: »Abraham glaubte dem Herrn, und das rechnete er ihm zur Gerechtigkeit.«
Ich denke, ich muss nicht mehr erklären, warum ich für heute diesen Text gewählt habe. Was Christoph Hoffmann vor 150 Jahren anstieß, war im Kern durchaus mit dem Auszug Abrahams vergleichbar auch wenn das erst in den folgenden Jahren deutlich wurde. Wenn man die »Sammlung des Volkes Gottes in Jerusalem« nicht nur propagieren, sondern in die Tat umsetzen wollte, dann bedeutete das den Bruch mit der bisherigen Existenz, und das schon lange vor dem eigentlichen Auszug, der Auswanderung.
Hoffmann war sich schon 1854 im Klaren, dass das den Streit in manchen Fällen den Bruch bedeutete mit seinen bisherigen Freunden und Mitkämpfern, mit der Kirche, mit dem Pietismus, dessen Vorkämpfer er gewesen war. Es bedeutete auch den Verzicht auf jede wirtschaftliche Sicherheit. Er gab schon wenige Monate später seine Stellung bei der Basler Mission auf, weil er dort nicht für sein Ziel wirken konnte, und hielt sich knapp mit Vortragsreihen über Wasser. Und als die erfolgreich waren und er weitere Einladungen bekam, lehnte er ab, weil das nicht seinem Ziel diente.
Dasselbe gilt für seine Anhänger. Auch sie wurden schon bald von Nachbarn, Freunden, Pfarrern angefeindet, auch sie gaben, spätestens mit der Auswanderung, ihre Existenzgrundlage auf. Es war ein Auszug ins Unbekannte, Ungesicherte wie bei Abraham. Und nach ihrer Auffassung war es ein Auszug im Auftrag Gottes.
Hoffmann hat sich nicht auf eine direkte Eingebung Gottes berufen, sondern auf seine neue Interpretation der prophetischen Weissagungen vom Gottesreich. Das hatte für ihn den Charakter einer Bekehrung, auch wenn er es nicht so nennt. Er schreibt: »Wie ein Blitz durchdrang mich die Überzeugung: nicht die herkömmlich kirchliche, sondern diejenige Auslegung ist die wahre, welche den Bedürfnissen der Menschheit entspricht.« Was er meinte, war die wörtliche Auslegung: wenn die Propheten von der Gottesherrschaft in Kanaan sprachen (sie sprachen zwar eher von Zion), dann meinten sie auch Kanaan und eine reale neue Gesellschaftsordnung und nicht, wie die Kirche lehrte, einen idealen Zustand im Jenseits. Und dann musste man sein Streben an diesem Ziel ausrichten.
Darin geben wir ihm auch heute Recht. Allerdings würden wir hinzufügen: wenn sie vom Volk Gottes sprachen, dann meinten sie Israel, und wenn sie dieses Volk sammeln wollten, dann meinten sie die Juden der Diaspora und nicht eine zukünftige Christenheit.
Diesen nächsten Schritt ging Hoffmann nicht. Vielleicht, weil er, trotz der beginnenden Ablösung, noch zu sehr den Vorstellungen der kirchlichen Theologie verhaftet war in einem anderen Zusammenhang sagt er das selbst. Wichtiger war wohl etwas anderes: das hätte nicht »den Bedürfnissen der Menschheit entsprochen, wie er sie sah.
Für einen bibelgläubigen Pietisten, der Hoffmann in mancher Hinsicht bis an sein Lebensende war, ist diese Erklärung bemerkenswert rational. Hoffmann war seit 1848 auf der Suche nach einem Weg, wie man Kirche und Gesellschaft re-christianisieren könnte, um zu bewirken, dass Christentum nicht nur gelehrt und geglaubt, sondern gelebt würde. Dadurch, so glaubte er, würden sich alle Übel der Zeit die soziale Not, der konfessionelle und der politische Streit von der Wurzel her lösen lassen. Dem hatten die »Warte«, der Evangelische Verein und die Evangelistenschule auf dem Salon dienen sollen. Aber es hatte sich gezeigt, dass sie nichts Entscheidendes bewirkt hatten.
Nun, mit seiner neuen Erkenntnis, sah er plötzlich den Weg, seinen Weg, vor sich, eine konkrete Aufgabe, die den Einsatz aller Kräfte, die volle Hingabe erforderte, die eindeutig und heilsnotwendig war. Das hatte er gesucht. Und da er diese Erkenntnis aus der Bibel gewonnen hatte, war es für ihn klar, dass das ein göttlicher Auftrag war, und da ihn kein Anderer übernehmen wollte, ein Auftrag an ihn. Daraus schöpfte er sein Gottvertrauen, seine zu Beginn wohl unerschütterliche Überzeugung, dass Gott das Werk gelingen lassen würde. Er, der von sich selbst sagte, dass er in vielem unsicher und leicht zu beeinflussen sei, blieb in dieser Grundüberzeugung unerschütterlich, trotz vieler vernünftiger Gegenargumente auch Wohlmeinender, trotz immer neuer scheinbar unüberwindlicher Schwierigkeiten.
Das gilt auch für seine Anhänger. Sie, die als Pietisten gewohnt waren, äußere Umstände als Zeichen göttlicher Absicht zu deuten, sahen nicht nur in der wirtschaftlichen Not, sondern auch in dem großen Sterben der Anfangsjahre in Palästina nur eine göttliche Prüfung, die es mit Opferbereitschaft und Zuversicht zu bestehen gelte.
Wenn ich das heute lese, bin ich voller Bewunderung, voller Sehnsucht nach einer solchen Glaubensgewissheit und zugleich voller Skepsis, und voller Beunruhigung. Es ist die Geschichte eines großen Aufbruchs und eines großen Gottvertrauens, genau wie der Auszug Abrahams, der in den Bibelkommentaren und sicher auch in den Gemeinden bis heute gedeutet wird als Vorbild und als Zeichen, dass das Vertrauen in Gott Segen bringt und Unmögliches möglich macht.
Was bedeutet das für uns? Ein Vorbild, eine Verpflichtung zu einem ähnlichen großen Aufbruch? Auf die Gefahr hin, dass er scheitert oder sich als Irrtum erweist? Immer wieder einmal kann man von einem Templer hören: »Wir müssten uns ein großes Ziel setzen, dann könnten wir die Mitglieder und Andere begeistern und mitreißen« - so wie damals Christoph Hoffmann. Und dann stehe ich da und fühle mich schuldig und unzulänglich, weil ich ein solches großes Ziel und den Weg dazu nicht sehe.
Eines ist sicher: auch Jesus hat, immer wieder, den großen, kompromisslosen Aufbruch gefordert, manchmal mit erschreckenden Worten: »Wer die Hand an den Pflug legt und schaut zurück, der ist nicht geschickt zum Reich Gottes« oder: »Lasst die Toten ihre Toten begraben« - ein ungeheuerlicher Affront im damaligen Judentum, wo, wie in fast allen alten Gesellschaften, die Ehrfurcht vor den Toten und der Dienst an ihnen als geheiligte religiöse Pflicht galt.
Schaut man sich die betreffenden Stellen näher an, so zeigt sich, dass keiner dieser Aufrufe an die Gesamtheit von Jesu Zuhörern, an alle, gerichtet ist. Sie gelten den Jüngern, denen, die er berufen hat oder berufen wollte, und denen, die von sich aus Jünger, Mitstreiter, werden wollten. Wenn ihm alle hätten folgen sollen, wäre das das Ende jeglicher Ordnung gewesen. Denn das, was wir dann hinter uns lassen, sind ja nicht nur unsere anderweitigen Freuden und Ziele, sondern auch unsere anderweitigen Verpflichtungen - wie das Beispiel von der Beerdigung der Toten erschreckend deutlich macht.
In der Bibel ist es Gott, der die einen beruft und die anderen nicht, für eine von ihm, von Gott selbst gesetzte Aufgabe. So direkt können wir uns heute Gottes Eingreifen in die Geschichte und in unser Leben nicht mehr vorstellen. Und doch kommen wir nicht darum herum, dass zum Verfolgen und Erreichen eines großen Ziels auch ein Stück Berufung gehört, das Ergriffensein von einer Aufgabe, einer neuen Erkenntnis, von etwas, was größer und wesentlicher ist als das eigene Leben und das eigene Wohlergehen. Wenn wir uns große Ziele nur rational zu machen versuchen, werden wir kaum die Kraft haben, sie hinauszuführen. Dazu braucht es den Glauben, der Berge versetzt auch dann, wenn es kein religiöser Glaube ist.
Aber religiöse Berufung ist kein Beweis für einen direkten göttlichen Auftrag. Viele, die in ehrlicher Begeisterung in Gottes Auftrag zu handeln glaubten, haben für Dinge gekämpft, die wir heute nicht, oder nur bedingt, für Gottes Willen halten können. Wir können Gottes Willen nicht deuten. Vielleicht will Gott ja gerade, dass verschiedene Menschen für verschiedene Dinge sich mühen, und dass dadurch mehr Vielfalt, neue Ideen und neue Lebensformen entstehen. Das ist das Prinzip der Evolution könnte es nicht auch das der menschlichen Entwicklung sein?
Damit verwischt sich der (anstößige) Gegensatz zwischen den Berufenen und uns, die wir uns nicht berufen fühlen und nicht den Glauben haben, der Berge versetzt. Vielleicht geht es manchen so wie mir: wir bekennen uns zu unserem Losungswort »Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes« und wenn wir unser eigenes Leben betrachten, dann stellen wir fest, dass wir uns um hundert verschiedene Dinge kümmern und dabei keineswegs immer an das Reich Gottes denken.
Christoph Hoffmann hat Reich Gottes definiert als »die Vervollkommnung der Welt und des Menschen«. Wenn das stimmt, und wenn es stimmt, dass Gott Vielfalt und Fülle will - für mich stimmt es -, dann ist nicht nur jeder Einzelne von uns vor Gott wichtig, dann sind auch die vielen kleinen Dinge, um die wir uns kümmern, wichtig: das Kind, mit dem ich spiele, der Garten, den ich pflege, das Buch, das ich lese, die Arbeit, die ich möglichst gut erledige dann ist alles, was anderen und auch mir selbst Freude macht, ein winziger Baustein zur Fülle und Schönheit der Welt. Trotzdem: nicht alles, was wir tun wollen, ist ein gleichwertiger Baustein, und da unsere Zeit und Kraft beschränkt sind, müssen wir uns immer wieder entscheiden. Der wichtigste Maßstab dabei sollte derjenige von Jesus sein: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.
Der kompromisslose Aufbruch im absoluten Gottvertrauen wird wohl selten von uns gefordert werden, aber im Kleinen ist wohl jeder von uns schon einmal vor einer entsprechenden Situation gestanden: eine Aufgabe zu übernehmen, die notwendig ist und von der wir doch nicht wissen, ob wir sie bewältigen können, eine Entscheidung zu treffen, die uns Verzicht abverlangt, vielleicht auf Dinge, die uns wichtig sind, vielleicht auch nur auf die Bequemlichkeit des Gewohnten.
In diesem Punkt, vielleicht mehr als in anderen, kann uns Hoffmann ein Vorbild sein. Im Jahre 1878, nach dem Bruch mit Hardegg und angesichts großer finanzieller Probleme, schien ein Scheitern des Unternehmens wahrscheinlicher als ein Gelingen. Er sagt das offen in »Okzident und Orient« und fährt fort: »Wir würden auch dann unsere Schritte nicht zu bereuen haben, weil sie in der Richtung auf das, was Gott will, getan sind« und deshalb auch bei einem Scheitern weiterwirken und nicht verloren sein würden.
Wir sind uns nicht so sicher wie er, dass unsere kleinen Schritte in Richtung auf das, was Gott will, getan sind, aber ich denke, wenn wir uns darum bemühen, dürfen wir dieses Vertrauen haben.
Brigitte Hoffmann zur Tempelgründungsfeier in Stuttgart am 19. Juni 2005
AUS UNSEREM ARCHIV
Interesse an Templergeschichte wächst
Es fällt auf, dass das Interesse an der Geschichte der Tempelgesellschaft zunehmend wächst. Jährlich ergeht an das Archiv mindestens ein Ansuchen um Mithilfe bei der Abfassung einer Zulassungs-, Diplom- oder Magisterarbeit. Natürlich ist diese Begleitung zuweilen eine Herausforderung für uns, der wir uns gerne stellen, bekommt doch unsere Archivbibliothek durch die fertige Arbeit jedesmal einen oft unschätzbaren Zuwachs.
- Im letzten Jahr begleiteten wir sehr intensiv den Karl-May-Forscher Hans-Dieter Steinmetz aus Dresden bei seinen Recherchen über den berühmten Literaten und dessen Kurzbesuch in Jaffa und Sarona. Sobald Band V der vielseitigen Chronik herausgekommen ist, werde ich darüber berichten.
- Kurz vor Weihnachten hat mir Frau Rauthgundis Kurrer ihre Magisterarbeit zugeschickt. Die wissenschaftliche Arbeit, vorgelegt am Institut für Kunstgeschichte an der Ludwig-Maximilian Universität, hat sie dem Thema »Die Siedlungen der württembergischen Templer in Palästina im Werk Gustav Bauernfeinds« gewidmet.
Oft wissen die Studierenden - durch ihre Professoren beauftragt, einen Aspekt aus der Geschichte der Tempelgesellschaft zu erforschen - meist nur schemenhaft über die Tempelgesellschaft Bescheid, die religiösen Inhalte haben sich ihnen gewöhnlich nicht erschlossen. Mit Zeit und Aufwand bewältigen wir dann zusammen diesen ersten Schritt. Auch Frau Kurrer bedurfte dieser intensiven Zuwendung.
Ihr Augenmerk richtet Frau Kurrer in ihrer Arbeit auf das sogenannte »Kaiseralbum«, das Kaiser Wilhelm II. am 27. Oktober 1898 durch Christoph Hoffmann II und seine kleine Delegation in Jaffa überreicht worden ist. Das Album ist mit vier wunderschönen Aquarellen Gustav Bauernfeinds ausgestattet, ledergebunden und 30 kg schwer. Wer während einer Templerreise die Gelegenheit hatte, im Hause Professor Carmels einen Blick in das kostbare Buch werfen zu dürfen, wird sich an die herrlichen Bilder erinnern, die die Tempelkolonien Haifa, Jaffa, Sarona und Jerusalem zeigen. Lange galt das Buch als verschollen. Prinz Louis Ferdinand von Preußen stellte auf Bitten Alex Carmels Nachforschungen über den Verbleib an. Es wurde schließlich im Institut für Auslandsbeziehungen in Stuttgart entdeckt. Der Prinz machte es Professor Carmel am 29. Sept. 1981 auf der Burg Hohenzollern zum persönlichen Geschenk.
- Ganz dazu passend ist ein Vortrag von Dr. Jakob Eisler, den er am 11. Juni 2005 auf der Burg Hohenzollern anlässlich des Ökumenischen Ordenstages 2005 gehalten hat. Das in Stuttgart ansässige Ökumenische Forum der geistlichen Ritterorden, dem der Johanniter/Malteser-Orden, der Deutsche Orden und der Ritterorden vom Hlg. Grab zu Jerusalem angehören, hatte zu diesem Tag eingeladen. Die Mitglieder erschienen im vorgeschriebenen vollen Ornat.
Jakob Eisler fächerte sein ganzes Wissen über »Das Haus Hohenzollern und das Heilige Land« auf, natürlich hat er auch hier, so wie wir es von ihm gewohnt sind, neueste Erkenntnisse aus eigener Forschung mit eingebracht. Das Kaiseralbum blieb auch hier nicht unerwähnt.
- Gleich zu Jahresbeginn 2006 hat sich ein Doktorand aus Hamburg gemeldet, der eine Arbeit über die »Malaria-Epidemie in Palästina (1916 und 1920) und deren Bekämpfung« schreiben möchte. Hier ist die »Warte« gefragt.
- Ganz zum Schluss möchte ich noch auf ein ganz besonderes Buch hinweisen, das Ingeborg Ronecker, die Frau des früheren Propstes Karl-Heinz Ronecker herausgegeben hat. »Sprachlos« nennt sich diese Gedichtesammlung. Die Autoren aus Jerusalem hörten einst die ersten Koseworte, die ersten Kinderlieder, die ersten Gedichte und Märchen auf deutsch und lernten sie nachzusprechen. Es war die Sprache ihrer Eltern und der Kultur, in die sie hineingeboren wurden. Als sie die Heimat verlassen mussten, nahmen sie die deutsche Sprache mit, bewahrten sie und machten sie zum Instrument, um ihre Gedanken und die leisen Töne ihrer Seele in Worte zu fassen, aber es blieb die Sprache ihrer Verfolger, schreibt Ingeborg Ronecker.
Es sind Frauen und Männer, deren Enkel ihre Muttersprache nicht kennen. 1982 haben sich die Autoren zu einer Gruppe zusammengeschlossen, die sich LYRIS (Lyrik in Israel) nennt. In ihrer aktiven Jerusalemer Zeit war Frau Ronecker einmal zu ihnen eingeladen worden und, tief bewegt durch das Erlebte und Gehörte, erbat sich die Erlaubnis zur Herausgabe der Sammlung.
Jerusalem
an dem Ort
an dem ich jetzt lebe
spaziert die Vergangenheit
Arm in Arm mit der Gegenwart
zum Verwechseln ähnlich
alle Brände haben hier Wohnrecht
alle Löschungen
und kein Gras wächst darüber
keine Zeit
und keine Antwort
kein Wort
Wilhelm Bruners
Das Buch kann über Ingeborg Ronecker, Am Reinhof 64, 79199 Kirchzarten-Burg direkt bezogen werden (Erlös für Sozialarbeit in Israel und Palästina).
Brigitte Kneher
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