Die Warte des Tempels
Monatsschrift für freie Christen
Ausgabe 162/1 - Januar 2006
Ein Leben in Abhängigkeit
Die Novemberstürme in Nordwestdeutschland haben uns wieder einmal deutlich gemacht, auf welch brüchiger Sicherheit unser modernes Leben ruht. Mag sein, dass die Gittermasten für die großen Hochspannungsleitungen im Münsterland, die der Sturm umknickte, nicht aus der besten metallurgischen Fertigung stammten, aber sie hatten immerhin bis dahin ihren Dienst gut versehen. Schwachstellen gibt es in technischen Anlagen immer wieder, und sie tragen oft auch zu einer Verbesserung oder Fortentwicklung der Technik bei. Was in den vom Starkwind heimgesuchten Gebieten jedoch bestürzt hat, waren die Folgeerscheinungen der umgeknickten Masten: für Tausende von Menschen gab es tagelang keinen Strom. Es herrschte Katastrophenstimmung in der Bevölkerung.
Für viele Einrichtungen des modernen Lebens gibt es Rettungspläne. Für eine tagelang ausbleibende Stromversorgung der Haushalte habe ich bis jetzt jedoch keinen gelesen oder gesehen. Wir, die wir vom Notstand nicht betroffen sind, führen uns überdies kaum vor Augen, welche Auswirkungen eine für längere Zeit unterbrochene Stromversorgung auf unser Leben hat und wie stark wir von einer ausreichenden Belieferung mit Elektrizität abhängig sind: In der kalten Jahreszeit würden wir zähneklappernd in unseren Wohnungen sitzen, auch die kleinen Zusatzheizer würden nicht mehr funktionieren. Morgens würden die elektrisch betriebenen Rollläden nicht mehr hochgehen und wir müssten den ganzen Tag im Dunkeln sitzen, denn unsere Lichtquellen sind ja alle elektrisch betrieben. Mit Nahrung könnten wir uns nur noch aus kleinen Vorräten versorgen, Vorräte in Kühlschränken und Kühltruhen würden bei fehlender Kühlung schnell verderben. Wir könnten niemanden außerhalb unseres Hauses benachrichtigen, weil Telefon, Fax, Computer ohne Strom nicht betrieben werden können. Eine Fahrt mit dem Auto wäre nur so lange noch möglich, wie Benzin im Tank ist, denn ein Nachtanken wäre aufgrund betriebsunfähiger Benzinpumpen der Tankstellen unmöglich. Die Aufzählung könnte beliebig fortgesetzt werden.
Wir sind in der hochtechnisierten Welt von heute in einer nicht geahnten Weise von einer gesicherten Stromversorgung abhängig. Dabei wird diese Abhängigkeit durch jede neue technische Erfindung noch weiter gesteigert.
Das Beispiel des kürzlichen Notstandes im Münsterland vermittelt uns das Gefühl, dass wir uns nicht hinreichend gegen eine solche Situation schützen können. Und selbst, wenn die Stromversorgungsunternehmen zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen ergreifen sollten, müssen wir uns im Grunde eingestehen, dass unser modernes Leben nicht nur von der Strombelieferung abhängig ist, sondern von vielen anderen Dingen ebenso: von ausreichender und qualitativ einwandfreier Lebensmittelversorgung, von gut funktionierender ärztlicher Bereitschaft, von den Diensten der öffentlichen Verkehrsmittel, der Telefongesellschaften, der Müllabfuhr, der Feuerwehr und der Post. Bewusst wird uns diese Abhängigkeit immer wieder einmal bei Streiks oder Terroranschlägen. Jüngere Zeitgenossen haben keine eigene Erfahrung darüber, was in Kriegs- und Nachkriegszeit an Entbehrungen und Mangelzuständen eintreten können.
Wer offene Augen hat, sieht auch die Anzeichen für neue Abhängigkeiten unseres Lebens: die von ausreichend sauberem Trinkwasser, von sauberer Luft, von giftfreien Nahrungsmitteln, von ausreichendem Schutz gegen übertragbare Krankheiten und Seuchen.
Ich denke, wir müssen begreifen, dass ein Leben ohne Abhängigkeiten für uns nicht möglich ist. Je komplexer und vielfältiger die menschliche Gesellschaft strukturiert ist, je mehr nimmt gegenseitige Abhängigkeit zu. Es ist der Preis dafür, dass unser Leben Qualität und Entfaltungsmöglichkeiten gewinnt. Darauf wird ja wohl niemand verzichten wollen.
Bleibt uns nur die Selbstverpflichtung, dasjenige in unserer Macht Stehende zu tun und so zu handeln, dass den Mitmenschen durch uns kein Schaden entsteht und gegenseitige Abhängigkeit nicht zu einer Gefahr wird. Wenn sich jeder diese Verpflichtung auferlegt, wird das Leben in Abhängigkeit dem Abhängigen zum Segen gereichen.
Peter Lange
... und wurde ein Baum
In der letzten »Warte«-Ausgabe teilten wir unter »Persönliche Nachrichten« mit, dass Theo Richter, Bentleigh, vor kurzem zum Leiter des Ältestenkreises der TSA berufen wurde. Über ihn brachte die »Warte« schon vor ein paar Jahren ein »Templerprofil« (»Theo Richter - ein talentierter Ältester«, Warte Februar 2002). Deshalb seien hier nur noch ein paar zusammenfassende Anmerkungen gegeben.
Theo ist der Sohn des aus Wilhelma stammenden Karl Richter und seiner Ehefrau Eleonore geb. Ehnis. Sein jüngerer Bruder Ralph ist ebenso wie er aktives Mitglied der TSA. Theo ist verheiratet mit Heidi geb. Herrmann. Richters haben zwei Töchter, Tanja und Monika, von denen die Erstgenannte vor nicht allzulanger Zeit im Jugendaustausch in Stuttgart war.
Theo Richter wurde schon vor 25 Jahren von Felix Haar und Dieter Ruff in den Ältestendienst der Tempelgesellschaft berufen. Wenn er auf seinen ersten »Saal« zurückblickt, sagt Theo: »Es war ein sehr naiver Versuch, in Worte zu fassen, was nach meinem Gefühl das Wesentliche in meiner Suche nach Gottes Reich auf Erden ist.« Er findet zwar Widersprüchliches in der Bibel, aber er sieht im Neuen Testament einen wertvollen Leitfaden, um das Gottesreich in seinem Leben zu verwirklichen.
Sein persönlicher Glaube gründet sich auf die Textstelle Joh 8,31-32, in der Jesus sagt: »Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.« Für Theo Richter ist entscheidend, die Wahrheit in Gottes Wort zu finden und sein Reden und Handeln an dieser Wahrheit auszurichten.
Um sein religiöses Denken anschaulich werden zu lassen, geben wir nachstehend Ausschnitte aus seiner Predigt zum Tempelgründungstag 2005 wieder.
Auf der Umschlagseite unserer Monatsschriften »Warte des Tempels« und »Templer Record« steht unser Leitwort aus dem Matthäus-Evangelium (6,33): »Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch zufallen, wessen ihr bedürft.« Damit bekennen wir, dass die Verwirklichung von Gottes Reich auf dieser Erde für uns an vorderster Stelle steht. Was aber bedeutet dieses Bekenntnis für uns? Wie soll es sich auswirken auf unseren Umgang mit anderen Menschen?
Ich habe mich oft gefragt, was es denn ist, was uns von anderen religiösen Gemeinschaften unterscheidet. Unsere Suche nach der Liebe Gottes ist sicher nicht einmalig. Unser Streben nach Verwirklichung seines Reiches auf Erden dürfte uns auch nicht über andere erheben. Aber ich denke, dass es unsere Toleranz ist, in der wir uns von anderen Glaubensrichtungen unterscheiden. Wir nehmen bereitwillig Menschen in unsere Gemeinschaft auf, deren Lebenswege einen unterschiedlichen Verlauf genommen haben und deren Gottesglaube andere Schattierungen aufweist. Die einzige Bedingung, die wir an sie stellen, ist treffend so zusammengefasst:
»Denjenigen nennen wir einen Christen und heißen ihn in der Tempelgesellschaft willkommen, der als das Hauptziel seines Lebens die Verwirklichung der Botschaft Jesu vom Gottesreich der Liebe ansieht. Glaubenslehren und kultische Formen allein reichen nicht aus. Christliches Streben muss sich vielmehr in dem Jesuswort spiegeln: "Wer den Willen Gottes tut, der ist mein Bruder, meine Schwester und meine Mutter".«
Unser Standpunkt hat seine Grundlage in Gottes Gebot: »Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen. Dies ist das höchste Gebot, das andere aber ist ihm gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.« Die Ausführung dieses Gebots verlangt viel Opferbereitschaft.
Den Kern unseres Glaubens bilden die Worte und Taten von Jesus. Er wollte den Menschen Gottes Liebe und Führung zeigen und ihnen sagen, dass sie in Frieden und Eintracht leben könnten, wenn sie auf Gott hörten.
Wenn wir fest daran glauben, dass wir »lebendige Bausteine von Gottes Tempel« (1. Petr. 2,5) sind, wird unser Glaube und unser Vertrauen auch die Menschen in unserer Umgebung erfassen können. Eine Gemeinschaft mit dieser Zielsetzung führt zu einem Bewusstsein der Zusammengehörigkeit. Die Liebe, das Vertrauen und der Glaube des Einzelnen in der Gemeinschaft wird andere von außerhalb anziehen. Das Bewusstsein, Bausteine von Gottes Tempel zu sein, soll uns ja nicht von anderen Menschen absondern, sondern uns dazu verhelfen, dass unsere Liebe zu Gott und zu unseren Mitmenschen frei und ohne Schranken ist. Dies ist einer der Gründe, weshalb wir auch Menschen anderer Glaubensrichtungen in unsere Gemeinschaft aufnehmen. Es ist für uns ein wahrhaftes Zeichen christlicher Nächstenliebe, wenn wir Toleranz und Achtung für andere Anschauungen zeigen.
Wenn wir das tun, wandeln wir in den Fußstapfen von Jesus. Er ging zu den Menschen, um sie zur Aufgabe ihrer Gleichgültigkeit gegenüber Schmerz und Leid ihrer Zeitgenossen zu bewegen. Er sah seine Aufgabe darin, die Verbindung von Mensch zu Gott zu erneuern, die durch die festgelegten Rituale des Religionsbetriebs im Lauf der Zeit behindert worden war. In vielerlei Weise müssen auch wir diese Verbindung zu Gott wiederherstellen.
Jesus erzählte seinen Zuhörern einmal ein schönes Gleichnis: »Das Gottesreich gleicht einem kleinen Senfkorn, das ein Mensch nahm und in seinen Garten säte; und es wuchs und wurde ein Baum, und die Vögel des Himmels wohnten in seinen Zweigen« (Lk 13,19). Es drückt aus, wie aus einem winzigkleinen Samenkorn eine große Pflanze wird. Jesus verwendete diesen Vergleich als Beispiel dafür, welche vielfältigen Möglichkeiten im Menschsein vorhanden sind, wenn der Weg zu Gott eingeschlagen wird. Er wollte seinen Zuhörern begreiflich machen, dass sie, wenn sie den Weg zur Wahrheit einschlagen würden, wachsen und reiche Früchte ernten könnten.
Gott will, dass wir Vertrauen zu ihm haben, das führt uns zu seinem Reich. Dazu müssen wir aber die Angst vor einem Versagen ablegen wie auch den Zwang, uns anzupassen und uns mit anderen zu vergleichen. Jesus lehrte, dass unser Herz sich Gott öffnet durch die Liebe. Und die Liebe befähigt uns, Vertrauen in Gottes Führung zu haben.
Wir sind eine Gemeinschaft von Menschen mit ähnlichen Zielvorstellungen. Um diese zu verwirklichen, müssen wir Schritte unternehmen, die auf dem bisher Erreichten aufbauen und die uns mutig in eine Zukunft führen. Was wir dazu brauchen, ist großes Selbstvertrauen, innere Glaubensstärke und das Streben nach dem Gemeinschaftsgeist, der stärker ist als die Kraft des Einzelnen.
Ausschnitte aus einer Predigt von Theo Richter in Bentleigh zum Tempelgründungstag am 26. Juni 2005; frei übersetzt vonPeter Lange
BIBELWORTE - NÄHER BETRACHTET
Geh hin und tu desgleichen!
»Genauso wie der menschliche Leib ohne den Lebensgeist tot ist, so ist auch der Glaube ohne entsprechende Taten tot.« (Jakobusbrief 2,26)
Die Bedeutung des Tuns hat bei Jesus von Nazareth einen hohen Stellenwert. Immer wieder hält er seine Zeitgenossen zum Tun an, etwa wenn er dem Schriftgelehrten die Geschichte vom barmherzigen Samariter erzählt und mit den Worten schließt: »Geh hin und tu desgleichen!« Die Gesinnung der Nächstenliebe muss für ihn im Handeln zum Ausdruck kommen.
Ganz in diesem Sinne hält der Verfasser des Jakobusbriefes die Christen an, »Täter des Wortes und nicht Hörer allein« zu sein. »Wenn aus dem Glauben keine Taten hervorgehen, dann ist er tot.«
Es ist im Grunde eine Selbstverständlichkeit: Wie kann ich wissen, wie es mein Gegenüber, mein Nachbar, mein Nächster mit mir meint, wenn es sich nicht in seinen Handlungen äußert, wenn es nicht seinem Gesichtsausdruck, seinen Gesten, seinen Worten zu entnehmen ist? Das »Tun« muss nicht ein großes »Werk« bedeuten, es kann ein aufmunterndes Lächeln sein, ein tröstender Händedruck, ein klärender Brief, ein unerwarteter Anruf, ein freundlicher Blumengruß, eine bereitwillige Hilfe, eine mitfühlende Berührung.
Solche Handlungen können, wenn sie häufig erfolgen, allerdings auch zu einer Gewohnheit werden und dadurch ihre Ursprünglichkeit verlieren. Sie können abgenützt und inhaltsleer wirken. Vielleicht ist es dann besser, sie zu unterlassen und sich auf spontane Reaktionen zu beschränken.
Im Jakobus-Text geht es um unseren Glauben, um das Vertrauen, das wir der über und um uns wirkenden höheren Macht entgegenbringen und das unserem Leben Halt und Tiefe verleiht. Worin zeigt sich aber dieser Halt und diese Tiefe, wenn nicht darin, wie ich lebe, wie ich mit Schicksalsschlägen umgehe, wie ich mich in den Wechselfällen des Lebens meinen Mitmenschen gegenüber zeige?! Unser Glaube muss sichtbar werden, sonst ist er tot.
Ich sehe ein entscheidendes »Tun« auch in unseren Worten, in dem, was wir sagen, aber auch, wie wir etwas sagen. Unser Sprechen ist ein Spiegelbild unseres Denkens. Der Glaube an Gott, das Vertrauen, das wir zu der allgegenwärtigen Schöpfungswirklichkeit empfinden, ist nur dann echt, wenn es unserem Reden zu entnehmen ist.
In Jesus erkennen wir den Menschen, der es nicht bei der Lehre belässt. Was er von Gott erkennt, das drückt sich immer auch in seinem Tun aus.
Peter Lange
Der Wortführer gegen den Tempel
Vor 200 Jahren wurde der Prälat Sixt Karl Kapff geboren
Wir halten den zu seiner Zeit hoch angesehenen Theologen Sixt Karl Kapff in der »Warte« vor allem deshalb für erwähnenswert, weil er in der entscheidenden Entwicklungsphase der Tempelgesellschaft das Heer der Tempelkritiker angeführt hatte. Dabei hätte es auch durchaus anders sein können, denn Sixt Kapff und Christoph Hoffmann waren durch den Pietismus, durch die Brüdergemeinde und durch ein gleichartiges Theologiestudium am Tübinger Stift (Kapff ab 1823, Hoffmann ab 1832) eng miteinander verbunden. Beide waren sie vereint in ihrer Gegnerschaft zum Rationalismus und Liberalismus der »Tübinger Schule«.
Kapff, am 22. Oktober 1805 in Güglingen bei Brackenheim als Sohn eines Geistlichen geboren, war 1833 vom Korntal-Gründer Gottlieb Wilhelm Hoffmann als Nachfolger von Pfarrer Friederich in die Brüdergemeinde geholt worden, in der er 10 Jahre lang blieb. Offenbar war Kapff dieser Schritt nicht leicht gefallen. Es bewegten ihn andere Gedanken als die Korntaler Brüder, und sein Vater hatte ihm einstens empfohlen gehabt, »nie ein Pietist zu werden«.
Vielleicht war es gerade diese andersgeartete Herkunft gewesen, die ihn in seiner Korntaler Zeit zu dem machte, was ihn später kennzeichnen und für evangelische Kreise bis heute aktuell erhalten sollte: ein Verbindungsmann zwischen dem württembergischen Pietismus und der Landeskirche. Vehement hatte er sich gegen Pläne ausgesprochen, wonach sich die Pietisten von der Kirche abwenden und eine eigenständige Organisation aufbauen wollten.
Diese Vermittlertätigkeit zwischen Glaubensgemeinschaft und Kirche führte dann auch 1850 zu seiner Berufung zum Amt des Prälaten und zur Mitgliedschaft im Konsistorium (Vorläufer des heutigen Oberkirchenrates, damals unter der Oberleitung des württembergischen Königs). 1852 wurde er Stiftsprediger an der Stuttgarter Stiftskirche. Am 1. September 1879 starb er, sein Grab ist bis heute auf dem Stuttgarter Fangelsbachfriedhof erhalten geblieben.
Der Bruch zwischen den einstigen Freunden Kapff und Hoffmann hatte sich 1855 anlässlich einer Pfarrkonferenz vollzogen. Christoph Hoffmann hatte in den Jahren davor seine Ideen von einer Reform der Kirche und einer Ausrichtung des christlichen Gemeinschaftslebens auf die Leitgedanken der biblischen Propheten entwickelt und in Schriften dargelegt (z.B. »Geschichte des Volkes Gottes als Antwort auf die soziale Frage«, 1855). Es komme ihm, erklärte er, nicht so sehr auf theologische Studien über die Prophetenbücher an, sondern auf »eine Anwendung derselben in der Lebensgestaltung«, die Anwendung des prophetischen Wortes sei der Hauptpunkt beim Streben nach Sammlung des Volkes Gottes, die er und seine Freunde betreiben würden.
Man muss annehmen, dass Kapff entschlossen war, die Reformbestrebungen der Jerusalemsfreunde von vornherein abzulehnen und sich auch nicht auf eine Diskussion darüber mit Hoffmann einzulassen. Das führte dazu, dass er bei der besagten Pfarrkonferenz in Stuttgart dem Zuffenhausener Pfarrer und Hauptkritiker der Jerusalemsfreunde Ludwig Völter den Auftrag erteilte, den etwa 400 Anwesenden einen Bericht über die Bestrebungen der Hoffmannianer abzugeben. Nach erfolgtem Vortrag bat Kapff die Versammlung, durch Handheben zu signalisieren, wer für diese Bestrebungen stimmen würde, worauf sich anscheinend nur eine einzige Hand erhob.
Dies alles schilderte Kapff am nächsten Tag seinem »Bruder« Hoffmann in einem persönlichen Brief. Dabei schien ihn ein wenig das schlechte Gewissen geplagt zu haben, denn es war von den dafür Verantwortlichen versehentlich (oder absichtlich?) versäumt worden, Hoffmann selbst zu der Konferenz einzuladen. Hoffmann erfuhr von der Veranstaltung erst, nachdem sie schon vorüber war. Kapff wehrte ab: »Es ist nicht der entfernteste Grund zu glauben, die Versammlung sei als Opposition gegen die "Sammlung" beschlossen worden.« Doch in Wirklichkeit löste sie eine unüberwindliche Opposition gegen Hoffmanns Reformbewegung aus und führte letztlich auch zum Kirchenausschluss Hoffmanns und der Kirschenhardthöfer Gemeinde.
Hoffmann war über das Vorgehen seines Theologen-Freundes verständlicherweise äußerst entrüstet und gab zu bedenken, dass er jegliche Einwände gegen seine Bestrebungen immer sorgfältig auf ihre Stichhaltigkeit hin überprüfe - dies sei er sich selber, seinen Freunden und seiner Familie schuldig -, er erkenne aber nichts, was mit dem biblischen Wort nicht zu vereinbaren sei.
Sicherlich war er bei seinen Aufrufen und Reden in der Wahl seiner Worte nicht gerade zimperlich gewesen, z.B. wenn er den Geistlichen bescheinigte, sie würden »weder in Worten noch in Werken die Tiefe des vorhandenen Verderbens erkennen und den Maßstab des göttlichen Wortes nicht gebrauchen, sondern nach Gutdünken umbiegen«. Dagegen müsse gezeugt werden, und Menschengefälligkeit und Rücksichten dürften »in einer von Gott befohlenen Sache nicht in Anschlag kommen«.
Prälat Kapff stellte diesen Beschuldigungen entgegen, dass seit 1848 unter den Pfarrern vieles besser geworden sei und dass er selbst schonungslos die Gebrechen und Mängel der Zustände der Gesellschaft aufdecke. »Indes«, fügte er hinzu, »alles hilft nichts, all unsere Arbeit ist nur Flickwerk; besser wird's erst, wenn der Herr kommt.« Er war eben keiner von denen, die »stürmten und drängten«: »Muss man gleich stürmen, ausreißen, umstürzen? Ist nicht eine Geduld, die sich aufs Beten und Zeugen und möglichstes Wirken legt, auch dem Sinn Christi gemäß?«
Christoph Hoffmann erhielt vier Monate nach der unglücklich verlaufenen Pfarrkonferenz doch noch Gelegenheit, in einer zweiten Versammlung vor etwa 100 Theologen seine Argumente für eine kirchliche Erneuerung vorzutragen, worauf Prälat Kapff erwiderte, die Geistlichen könnten sich zu einem solchen Weg nicht entschließen, denn »hier würde gefordert, alles ganz anders zu machen als bisher«. Die Diskussion verlor sich im Wesentlichen in Darlegungen, weshalb eine Kolonisation in Palästina praktisch ausgeschlossen sei.
Aus dem Gesagten geht klar hervor, dass Sixt Karl Kapff zu einem Hauptgegner Hoffmanns geworden war und dass er durch seine Stellung auch andere Theologen auf seine Seite zu ziehen wusste. Julius Roessle, der Verfasser des Buches »Von Bengel bis Blumhardt - Gestalten und Bilder aus der Geschichte des schwäbischen Pietismus« (1981) urteilt folgendermaßen: »Seinem Einfluss ist es zu verdanken, dass sich die pietistischen Gemeinschaften klar gegen die Kirschenhardthöfer, die sich später Templer nannten, abgrenzten.«
Weitere Literatur zu diesem Thema:
Chr. Hoffmann, »Mein Weg nach Jerusalem« Band II, 1884; Fr. Lange, »Geschichte des Tempels«, 1899; »Gott und Welt in Württemberg - Eine Kirchengeschichte«, 2000
Peter Lange
DIE BIBEL IN DER ALLTAGSSPRACHE
Der Teufel ist los
Nach einer Allensbach-Umfrage werfen 62 Prozent der Befragten nie einen Blick in die Bibel. Kommt dies daher, dass dieses Buch den meisten unzugänglich erscheint? Mit diesem und anderen Beiträgen versuchen wir, diesen Zugang zu erleichtern.
In den Visionen des Sehers Johannes (Offenbarung Kap. 20) kommt es am Ende aller Tage zu dem entscheidenden Geschehen: ein Engel kommt vom Himmel gefahren und fesselt den Teufel, der bisher Gewalt über die Menschen hatte, für tausend Jahre und wirft ihn in den Abgrund. Aber nach den tausend Jahren wird der Teufel aus seinem Gefängnis wieder losgelassen, damit er in den »Pfuhl von Feuer und Schwefel« geworfen werde und die Erde wieder ganz neu werden könne.
Diese apokalyptischen Vorstellungen haben die Menschen vergangener Tage außerordentlich bewegt. Die in der Offenbarung geschilderten Gestalten und Symbole wurden auf zeitgeschichtliche Vorgänge übertragen. Für viele Gläubige war das erwartete Tausendjährige Reich reales Geschehen. Man nannte sie »Chiliasten« oder »Millenaristen« (nach dem griech. bzw. latein. Wort für »tausend«), sie glaubten an das messianische Endreich, in dem der wiedergekommene Christus herrschen würde. Zum Chiliasmus zählt man z.B. die Sekte der Zeugen Jehovas.
Dass der Teufel wieder befreit und losgebunden wird, war für Bibelgläubige fundamentalistischer Prägung natürlich entsetzlich, und es wird nicht an Ausmalungen gemangelt haben, wie es zugeht, wenn »der Teufel los ist«.
Peter Lange
|