Seite ausdruckenVorherige SeiteSeitenende

Ich will mit dir teilen

Eine »templerische« Abendmahlsfeier


In jedem Jahr feiert die Tempelgemeinde Stuttgart an Gründonnerstag ein Agapemahl. Um Wesen und Inhalt dieser Feiern zu beschreiben, geben wir nachstehend den Ablauf der Agapefeier aus dem Jahr 2000 wieder. Sprecherin war damals Dr. Brigitte Hoffmann.

Musik (hier und an allen folgenden Stellen: Gesänge aus dem russisch-orthodoxen Gottesdienst vom 16. bis zum 19. Jahrhundert)

Begrüßung

Lied: »Du hast uns, Herr, gerufen, und darum sind wir hier«

Ansprache: Bedeutung

Wir haben diese Feier am Gründonnerstagabend »Agape-Feier« genannt. Sie hat in unserer Gemeinde noch keine Tradition. Dabei ist sie wohl die älteste christliche Feier überhaupt - schon Paulus gibt den Korinthern Anweisungen, wie sie sich dabei verhalten sollten. Natürlich war es für diese frühen Christengemeinden eine Feier in Erinnerung an das letzte Mahl Jesu. Aber sie nannten sie »Agape-Feier«, und das hatte seinen guten Sinn. Denn sie diente auch der Festigung der Gemeinschaft, der Liebe untereinander. Deutlich wird das z.B. am Rat des Paulus, dass diejenigen, die sich zu Hause Sattessen konnten, sich zurückhalten sollten, damit mehr bleibe für diejenigen, die das nicht konnten.

Auch in einigen der frühen Tempelgemeinden in Palästina gab es ein solches Mahl, und dort nannte man es »Versöhnungsfeier«. Vielleicht schwang bei dem Namen noch die Erinnerung an die kirchliche Abendmahlsfeier mit, die ja die Versöhnung des Menschen mit Gott symbolisiert. Und vielleicht war gerade die Angst vor dem Missverständnis ein Grund dafür, dass diese Tradition einschlief.

Wir wollen sie wiederbeleben, weil wir glauben, dass es gut ist, die Grundgedanken, aus denen sie hervorging: Gedenken, Gemeinschaft, Liebe, in einer solchen Feier immer wieder gegenwärtig zu machen.

Musik

Ansprache: Gedenken

Alle religiösen Feiern sind Feiern des Gedenkens; des Gedenkens an historische oder mythische Ereignisse und - vor allem - an ihre Bedeutung.

Das Mahl Jesu mit seinen Jüngern war ein Passah-Mahl, und Passah ist an sich schon ein Fest des Gedenkens: an den Auszug aus Ägypten, und das heißt: an eine Führung und Bewahrung durch Gott. So haben es die Israeliten erlebt, und daraus ist ihr Glaube an den einen, den persönlichen Gott gewachsen, der auch der unsrige ist. Das Gedenken daran kann uns helfen, auch in unserem eigenen Leben Führung und Bewahrung wahrzunehmen und Kraft daraus zu schöpfen.

Aber den christlichen Chronisten ging es um etwas anderes. Bei Lukas heißt es: »Jesus nahm das Brot, dankte, brach's, gab es ihnen und sprach: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird. Das tut zu meinem Gedächtnis.«

Das ist keine Sakramentseinsetzung. Das Brechen des Brots ist ein Bild für das Zerbrechen des Leibes, für den Tod. Es ist eine Mahnung zum Gedenken: jedes Mal bei dieser ganz alltäglichen Geste, die jeder mehrmals am Tag ausführte. »... zu meinem Gedächtnis«: an Jesus als Mensch, an das, was er die Jünger und uns gelehrt hat; auch an sein Leiden, an seine Bereitschaft, für seine Botschaft in den Tod zu gehen.

Das ist an sich noch nichts Einmaliges. Es hat vor und nach Jesus viele Tausende gegeben, die für ihre Botschaft oder für andere gelitten haben und in den Tod gegangen sind. Aber dadurch, dass er, der Gottgesandte, unser Meister und Vorbild, das getan hat - freiwillig getan hat insofern, als er sich dem auch hätte entziehen können, z.B. indem er nicht zum Passahfest nach Jerusalem gegangen wäre -, dadurch hat das Leiden eine neue Würde erhalten, zunächst für seine Anhänger, und über sie für die Welt. Leiden ist seither nicht mehr, wie bis dahin so oft, ein göttlicher Fluch, und es ist nicht gleichgültig. Jesus hat uns gelehrt, mitzuleiden mit den Leidenden; aber er hat es nicht nur gelehrt, er hat es vorgelebt. Insofern ist er für uns gestorben, nicht als Sühnopfer für unsere Sünden, sondern als ein Vorbild der Hingabe. So ist Gedenken an Jesus immer auch Gedenken an alle, die leiden, an die Kranken, die Trauernden, die Verzweifelten.

Musik

Ansprache: Liebe, Versöhnung

So ist die Feier des Gedenkens zugleich die Feier der Liebe, und die frühen Christen waren sich dessen bewusst, als sie sie »Agape-Feier« nannten.

Die frühen Templer nannten sie Versöhnungsmahl. Versöhnung mit wem? Traditionell denkt man an die Versöhnung mit Gott, und das passt eigentlich nicht zu unserem - oder zu meinem - Gottesverständnis. Gott ist Liebe, er nimmt uns an, immer, in unserer Schwäche, mit unseren Fehlern, auch mit unserer Schuld - dann scheint es überflüssig, dass wir uns eigens mit ihm versöhnen, oder er sich mit uns.

Aber vielleicht haben manche schon dasselbe erlebt wie ich: wenn ich einem Menschen unrecht getan habe, wenn Streit oder Bitternis ist zwischen mir und einem Menschen, der mir nahe steht, dann betrifft das nicht nur mein Verhältnis zu diesem Menschen, sondern mein ganzes Leben, mein Verhältnis zu meiner Arbeit, zu meiner Freude, zu anderen Menschen - anders ausgedrückt: es betrifft mein Verhältnis zu Gott.

Das schönste Bild dafür stammt von Jesus und steht in der Bergpredigt: »Wenn du deine Gabe auf dem Altar opferst, und dort kommt dir in den Sinn, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass dort vor dem Altar deine Gabe und geh zuerst hin und versöhne dich mit deinem Bruder; und dann komm und opfere deine Gabe.« Die Bedeutung ist klar: erst die Versöhnung mit dem Nächsten macht unsere Beziehung zu Gott wieder offen, Nächstenliebe und Gottesliebe sind untrennbar miteinander verbunden.

Textlesung

Jedes Mal, wenn Liebe von dir auf einen anderen übergeht, dann strömt dein Segen auf ihn. In sich Liebe zu tragen, ist der größte Segen. Diese Liebe an alle Geschöpfe Gottes weiterzugeben, heißt Segen aussenden, Licht in die Finsternis bringen ... Wie eine Blume, die ihren Duft an den Wind verschenkt, schöpfen wir aus der unversiegbaren Quelle der Liebe und erfüllen so, wozu Gott uns bestimmte. Es ist Liebe und Liebe allein, die alles im Leben zusammenhält. Es ist die Liebe Gottes, die durch alles Geschaffene hindurch lebt und die Welt davor bewahrt, auseinanderzubrechen. Wo immer der Strom der Liebe fließt, erleben wir den lebendigen Gott. (S. Jesudian)

Lied: »Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer«

Ansprache: Gemeinschaft

Die Agapefeier hat noch einen Aspekt, den der Gemeinschaft. Er drückt sich nicht in einer Bezeichnung aus, wohl aber in dem Wort Jesu, das bei Lukas überliefert ist: »Mich hat herzlich verlangt, dies Passahlamm mit euch zu essen, ehe ich leide.« Jesus wollte ein letztes Mal die Gemeinschaft mit seinen Jüngern erleben, und er wollte das Gefühl dieser Gemeinschaft - untereinander und mit ihm - in ihnen stärken, auch und gerade für die Zeit, da er nicht mehr körperlich bei ihnen sein würde.

Gemeinsames Essen schafft Gemeinschaft. In fast allen alten Kulturen galt die Gastfreundschaft als heilig: die miteinander gegessen hatten, durften einander nichts Böses mehr antun. Gemeinsames Essen bedeutet: ich will mit dir teilen, nicht nur mein Essen, sondern meine Zeit, meine Freude, meine Probleme.

Vielleicht war das der Grund, dass Agapefeiern vor allen anderen Festen schon in den ersten christlichen Gemeinden gehalten wurden. Die jungen Gemeinden waren isoliert, in manchen Fällen durch die Feindschaft der Umwelt, auf jeden Fall durch ihr Anderssein. Sie brauchten die Kraft, die von der Gemeinschaft ausgeht.

Aber es ging um mehr. Die Gemeinschaft war Teil ihres neuen Glaubens. Im Zusammensein feierten sie ihre Gemeinschaft mit Jesus und durch ihn mit Gott. Nicht die magische Gemeinschaft eines heidnischen Opfermahls, sondern die Gemeinschaft der Liebe, die Jesus meinte: »Wo zwei oder drei zusammen sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.«

Gebet und Stille

Sprecherin

Wir geben uns die Hände.

Du, Gott, bis Liebe. Knüpf du das Band der Liebe zwischen uns. Lass uns miteinander verbunden sein, als deine Verbündeten, im Geist des Teilens. Lass uns acht geben aufeinander, damit jeder zu Hause ist, sich geliebt weiß - hier am Tisch und wenn wir wieder voneinander getrennt sind.

Sprecherin

Wir wollen ein paar Minuten still sein und gedenken
an die, die heute nicht in unserer Runde sein können,
an die, die Kraft und Unterstützung nötig haben und unsere guten Gedanken brauchen,
an die, denen wir wehgetan haben, vielleicht ohne es zu wollen.

Austeilen von Brot und Wein

Sprecherin

Ich spreche die Gebetsworte, die nach jüdischem Brauch zum Sabbat- und zum Passah-Abend gehören und die wahrscheinlich auch Jesus selbst gesprochen hat:

Gelobt seist du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der du das Brot der Erde hervorbringst.

Musik, Austeilen des Brots

Gelobt seist du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der du die Frucht des Weinstocks geschaffen hast.

Musik, Austeilen des Weins

Tischgebet

Sprecherin

Segne, o Gott, dieses Mahl,
damit uns Kraft und Fröhlichkeit daraus erwachse.
Segne, Herr, unsere Tischgemeinschaft,
dass wir in Liebe zusammenbleiben.

Gemeinsames Essen

Friedensgebet

Herr, mache mich zum Werkzeug deines Friedens,
dass ich Liebe über, da wo man sich hasst,
dass ich verzeihe, da wo man beleidigt,
dass ich verbinde, da wo Streit ist,
dass ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält,
dass ich ein Licht anzünde, wo die Finsternis regiert,
dass ich Freude bringe, wo der Kummer wohnt.
Herr, lass du mich trachten
nicht, dass ich getröstet werde, sondern dass ich tröste,
nicht, dass ich verstanden werde, sondern dass ich verstehe,
nicht, dass ich geliebt werde, sondern dass ich liebe.
Denn wer da hingibt, der empfängt,
wer sich selbst vergisst, der findet,
wer verzeiht, dem wird verziehen,
und wer da stirbt, der erwacht zu ewigem Leben.

Lied: »Der Mond ist aufgegangen«

Schlusswort

Wir sind zum Ende unserer Agapefeier gekommen. Ich möchte noch allen danken, die ihren Teil dazu beigetragen haben. Und ich wünsche uns allen, dass wir Gemeinschaft erfahren haben und ein wenig Fröhlichkeit und Kraft daraus nach Hause nehmen können.

StartseiteE-Mail an die VerwaltungImpressumSeite ausdruckenVorherige SeiteSeitenanfang