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Endgericht und Reich Gottes
Saal-Ansprache über Mt 13,47-50 am 20. April 2008 von Brigitte Hoffmann in der Tempelgemeinde Stuttgart
Dieser kurze Text ist das letzte der sieben Reich-Gottes-Gleichnisse bei Matthäus. Bis auf das erste beginnen sie alle gleich: "Das Himmelreich gleicht ..." "... und wiederum ist das Himmelreich gleich ..." usw. Sie bilden zusammen eine Reihe, die in verschiedenen Bildern das Himmelreich, das Reich Gottes, erklären soll. Aber das heute zugrunde liegende vom Fischfang fällt, bis auf diesen Anfang, aus der Reihe heraus. Um das deutlich zu machen, will ich kurz den Inhalt der sechs vorausgehenden skizzieren.
Das erste ist das vom Sämann, dessen Saat teils auf den Weg, teils in steinige Erde, teils unter die Dornen und teils in guten Boden fällt und je nachdem keine oder 30-fache, 60-fache oder 100-fache Frucht bringt. Hier gibt Jesus, quasi als Lehrbeispiel für alle folgenden, eine Deutung des Gleichnisses: die Saat ist die Botschaft vom Reich Gottes - die weitere Deutung brauche ich wohl nicht zu wiederholen.
Das zweite handelt ebenfalls von der Saat, setzt aber den Schwerpunkt anders. In der Nacht nach der Aussaat wächst Unkraut zwischen dem Weizen. Als beides aufgeht und die Knechte den Herrn fragen, ob sie das Unkraut ausjäten sollen, antwortet dieser: "Nein, damit ihr nicht den Weizen mit ausreißt. Lasst beides wachsen bis zur Erntezeit."
Das dritte und vierte Gleichnis haben den gleichen Inhalt: das Senfkorn, das aus einem winzigen Samen zum riesigen Baum wird, und der Sauerteig, der Teig von einem halben Zentner Mehl durchdringt und verwandelt - beide stehen für die ungeheure Wachstumskraft des Reiches Gottes, oder vielleicht genauer: für die Ausbreitung der Botschaft vom Reich Gottes.
Ebenso gehören das fünfte und das sechste Gleichnis eng zusammen, es sind zwei Bilder für den gleichen Inhalt: der Mensch, der in einem fremden Acker einen Schatz findet, und der Kaufmann, der eine besonders kostbare Perle entdeckt, und die beide alles verkaufen, was sie haben, um diesen wertvollsten Fund zu erwerben (übrigens: der Schatzfinder kauft den ganzen Acker, er denkt keinen Augenblick daran, den Schatz einfach auszugraben).
In diesen vier Gleichnissen geht es auch um Freude. Beim Schatzfinder wird das ausdrücklich gesagt: "in seiner Freude ging er hin", beim wachsenden Senfkorn spiegelt es sich im Bild des hohen Baums - "und die Vögel unter dem Himmel kommen und wohnen in seinen Zweigen" - und wir übertragen die Freude unwillkürlich auch auf die beiden Parallel-Gleichnisse.
Von all dem findet sich im siebten Gleichnis nichts. Da gleicht das Himmelreich einem Netz, das wahllos einen Haufen Fische fängt, und geschildert wird nur das anschließende Aussortieren samt der apokalyptischen Deutung: die Engel sammeln die Gerechten ein und werfen die Bösen in den Feuerofen, "da wird sein Heulen und Zähneklappern". Das ist für mich ein Bild, das keine Freude aufkommen lässt - sicher nicht die an einem solchen Reich Gottes.
Der Text ist in sich unlogisch: er kündigt ein Reich-Gottes-Gleichnis an und bringt stattdessen ein Bild des Endgerichts; und er passt nicht in die Gleichnis-Reihe, in der er steht. Einige Kommentatoren bezweifeln, ob er in dieser Form überhaupt von Matthäus stammt, und glauben, dass er, ganz oder teilweise, später eingefügt wurde.
Allerdings: gerade der Schlusssatz, der uns so widerstrebt - "und werfen sie in den Feuerofen; da wird sein Heulen und Zähneklappern" -, ist typisch für Matthäus. Er verwendet diese Formel an verschiedenen Stellen, insgesamt sechsmal - sonst taucht sie nur noch einmal auf, bei Lukas, an einer Stelle, wo sie ziemlich sicher nicht authentisch ist. Für Matthäus war das Endgericht wichtig.
War es das auch für Jesus? Wir würden gerne sagen: nein. Es passt, für unser Empfinden, nicht zu dem Gottesbild, das er uns vermittelt hat: dem vom Vater, der auch die Sünder annimmt.
Unbestreitbar ist wohl, dass Jesus an ein baldiges Ende der bestehenden Welt geglaubt hat - es ist seine sogenannte Naherwartung. An einigen Stellen sagt er das deutlich: "Ihr werdet mit den Städten Israels nicht zu Ende kommen, ehe dieses alles geschehen wird". Andere Aussagen sind ohne diese Erwartung kaum verständlich: "Ihr sollt nicht sorgen, was werden wir essen, was werden wir trinken ...". Und in allen drei synoptischen Evangelien gibt es eine sogenannte apokalyptische Rede, die dieses Ende ausführlich schildert, als die Zeit "der großen Bedrängnis", mit Kriege aller gegen alle, Verrat selbst der Nächsten untereinander und, vor allem, Verfolgung der "Gerechten" - derer, die an Jesu Botschaft festhalten: "Wer aber beharret bis ans Ende, der wird selig". Die Zeit der Bedrängnis ist also zugleich die zeit der Prüfung, der Bewährung - die Zeit des Gerichts. Und dann bricht das Reich Gottes an: die Bösen sind vernichtet, und die Guten werden belohnt.
Das alles klingt für uns gar nicht nach Jesus. Es widerspricht seinen zahlreichen Aussagen, dass Reich Gottes dort ist und dort wächst, wo Menschen ihre Haltung daran ausrichten. Und überall dort, wo von realen Begegnungen Jesu mit vielerlei Menschen berichtet wird, macht er das Heil nicht vom Annehmen seiner Botschaft abhängig, sondern von ihrem eigenen Verhalten. Und er sagt immer wieder, dass er eine Botschaft der Freude bringe (Evangelium).
Ich füge eines der schönsten Beispiele an, weil es den Unterschied deutlich macht: das vom reichen Zöllner Zachäus. Der stieg, als Jesus durch Jericho zog, auf einen Baum, um den umjubelten Rabbi zu sehen, wahrscheinlich aus Neugier. Jesus rief ihn herunter und lud sich selbst zu ihm ein. Und Zachäus nahm ihn nicht nur mit Freuden auf, sondern trat vor ihn und sprach: "Siehe, Herr, die Hälfte meines Besitzes gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück." Und Jesus antwortete: "Heute ist diesem Haus Heil widerfahren. Denn des Menschen Sohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist."
Wie passt das alles zusammen? Es passt nicht. Vielleicht wird es verständlicher, wenn man sich einige historische Zusammenhänge klar macht. Der Glaube an ein Weltende und ein Weltgericht war im Judentum der Zeitenwende weit verbreitet, wenn nicht allgemein anerkannt. Er stammt aus der persischen Zarathustra-Religion, der die Juden im Exil und danach begegnet waren, und durch Propheten wie Daniel und Joel war er Teil der jüdischen Tradition geworden.
Jesus bleibt in dieser Tradition. Aber er setzt die Akzente anders. Bei den Propheten - und in ihrer Nachfolge bei den Evangelisten - liegt der Schwerpunkt auf dem Strafgericht Gottes - als Drohung für die Bösen und Mahnung zur Umkehr für die Schwachen. Auch Jesus glaubt an eine von Gott bewirkte grundlegende Verwandlung der Welt, aber sie ist für ihn nicht eine Drohung, sondern eine Verheißung: das Kommen des Gottesreiches. Ob die Verheißung für alle gilt, bleibt offen, aber: "ich bin gekommen zu suchen und selig zu machen, was verloren ist".
Das würde bedeuten, dass all die Unheilsdrohungen der apokalyptischen Rede - sie findet sich, kürzer, aber an vielen Stellen wortgleich, auch bei Markus und Lukas - nicht von Jesus selbst stammen.
Dafür gibt es einige weitere Hinweise: Als wohl schlimmstes Zeichen der Bedrängnis wird genannt der "Gräuel der Verwüstung der heiligen Stätten". Das sind Jerusalem und der Tempel; andere heilige Stätten gab es seit dem 6. Jahrhundert v.Chr. in Juda nicht mehr. Diese Verwüstung hat tatsächlich stattgefunden, 70 n.Chr., durch den römischen Kaiser Titus. Nach drei Jahren eines von beiden Seiten mit äußerster Grausamkeit geführten Kampfes ließ er Stadt und Tempel dem Erdboden gleichmachen. Ein Großteil der Bewohner nicht nur Jerusalems, sondern Judas war umgekommen, der Rest geflohen (das gilt auch für die christliche Jerusalemer Urgemeinde, die damals zu bestehen aufhörte). Wenige Jahre später schrieben die Synoptiker ihre Evangelien sie legten Jesus als Prophezeiung in den Mund, was sie erlebt hatten. Ein Detail macht das noch deutlicher. Auf das Bild der Verwüstung folgt der Rat: wer in der Stadt ist, fliehe in die Berge, wer auf dem Feld ist, gehe nicht zurück zum Haus (sondern fliehe) und Ähnliches. Für eine apokalyptische Katastrophe ergibt das keinen Sinn, für das Verhalten in umkämpftem Gebiet aber sehr wohl.
Und noch eines: Ausführlich wird gewarnt vor falschen Propheten und falschen Christussen, denen man nicht folgen solle. Das passt in die Zeit der Evangelisten, als in den jungen Gemeinden verschiedene Gruppen um die richtige Deutung von Jesu Lehre stritten. Zu Jesus selbst passt es nicht. Er fragte nach dem Tun der Menschen, nicht nach der Lehre, der sie anhingen.
Diese Schreckensbilder vom Weltende, in denen die Bösen haufenweise vernichtet werden, auf dass für die Guten das Gottesreich anbreche, können nicht auf Jesus selbst zurückgehen, zumindest meiner Meinung nach nicht. Und genau das Gleiche gilt für unseren Text, das siebte Reich-Gottes-Gleichnis, das trotz der Einleitung nichts zeigt als das Endgericht mit der Vernichtung der Bösen.
Ich möchte noch einmal auf das Gleichnis vom Unkraut im Weizen eingehen. Dem ist eine lapidare Deu-tung beigegeben von der ich auch nicht glaube, dass sie in dieser Form auf Jesus selbst zurückgeht. Da sind die guten Samen die Kinder des Reichs, die Unkrautsamen die Kinder des Bösen, vom Satan gesät, und am Ende wird der Menschensohn - also Jesus, nicht Gott - die Engel anweisen, "alles, was zum Abfall verführt, und die da Unrecht tun" zu vernichten. Da bleibt kein Raum für ein Wachsen, für eine Entscheidung oder Entwicklung wie sonst bei Jesus, die Kinder des Bösen sind und bleiben Unkraut und werden verbrannt. Und um das auch recht anschaulich zu machen, folgt auch hier das grausige Bild vom Feuerofen mit Heulen und Zähneklappern. Darauf liegt der Schwerpunkt, die Frage nach dem Ausreißen des Unkrauts kommt gar nicht mehr vor.
Im Gleichnis selbst klingt der gleiche Vorgang anders. Auf die Frage nach der Herkunft des Unkrauts - der Herkunft des Bösen - antwortet der Herr: "Das hat ein Feind getan". Das ist vieldeutig, und vor allem ist es kurz. Offenbar ist es nicht wichtig. Wichtig ist, wie man, jetzt, konkret, mit dem Unkraut umgeht. Und da ist die Weisung eindeutig und ausführlich und begründet: Reißt es nicht aus, damit ihr nicht den Weizen mit ausreißt! Lasst alles zusammen wachsen bis zur Ernte! Gedeutet heißt das: Gut und Böse sind so eng ineinander verschlungen, dass man sie nicht reinlich trennen kann. Und, als Folge daraus: Nicht ihr seid die Richter, die das entscheiden und danach handeln sollen, das steht nur dem Herrn der Ernte zu - Gott.
Natürlich bleibt auch hier die Frage, was am Ende mit dem Unkraut geschieht. Im Text sagt der Herr zu den Schnittern: Sammelt mit den Weizen in die Scheune und bündelt das Unkraut, dass man es verbrenne! Auch hier wird verbrannt. Aber das ist, sprachlich und inhaltlich, ein Nebensatz. Und vor allem: es bleibt offen, was da verbrannt werden soll. Im unmittelbar vorausgehenden Gleichnis vom Sämann besteht die Saat - nach der sicher authentischen Deutung Jesu - nicht aus Kindern des Guten und Kindern des Bösen, sondern aus der Botschaft vom Reich Gottes, die auf guten oder schlechten Boden fallen und je nachdem viel oder wenig - oder auch einmal keine - Frucht bringen kann. Was verbrannt werden soll, sind nicht die bösen Menschen, sondern es ist das, was sie davon abgehalten hat, gute Frucht zu bringen - Wankelmut oder Trägheit oder Eigensucht, Charakter oder Umstände. Das Böse soll am ende überwunden werden - aber vielleicht auf ganz andere Art, als wir uns vorstellen können.
Im Übrigen: im holzarmen Palästina wurde sperriges Unkraut (das gebündelt werden konnte - im Text: "bindet es in Bündel") nicht weggeworfen, sondern diente als Brennmaterial. Aus dem Bild übersetzt würde das bedeuten: auch das Unkraut bringt noch eine kleine Frucht - vielleicht eine 10-fältige. Ob das gemeint ist, muss natürlich offen bleiben. Für mich bedeutet das: Jesus maßt sich nicht an und verwehrt uns, an Gottes Statt zu urteilen, nicht in dieser Welt und nicht in unseren Vorstellungen von der jenseitigen.
Wir können nicht wissen, wie Gott ist und wie er urteilt. Wir können nur in Bildern von ihm reden, von denen keines ihn erfassen kann und die sich oft widersprechen - unser Gleichnis ist ein Beispiel dafür. Sicher kommen manche ihm näher als andere, aber niemand kann wissen, ob seine Deutung die richtige ist. Trotzdem müssen wir uns um die Deutung dieser Bilder bemühen, denn das Bild, das wir uns von Gott machen, wirkt zurück auf unser Leben und Tun. Die Christenheit - Päpste, Herrscher, Völker - hat sich in 2000 Jahren - nicht immer, aber viel zu oft - an der Deutung des Matthäus orientiert: dem Gott, der die Menschen scheidet in Gute und Böse und am Ende, um seine Herrschaft aufzurichten, die Bösen verbrennt. Nach diesem Bild wurden in Spanien Juden und Mauren, in Amerika Indianer und in Europa Ketzer verfolgt, vertrieben, verbrannt. Ein Gottesbild, das solche Konsequenzen hat, kann nur falsch sein.
Und es kann nicht dasjenige Jesu sein, der uns ein ganz anderes gegeben hat: das vom Vater, der uns annimmt und auch den Schuldigen vergibt.
Und doch gibt es auch Jesusworte, in denen es um Strafe geht - und dort nehmen wir keinen Anstoß daran. Das herausragendste ist das vom verschuldeten Verwalter ("Schalksknecht") - das übrigens auch als Reich-Gottes-Gleichnis eingeführt wird. Der Mann schuldet seinem Herrn 1000 Talente (das entspricht der Steuersumme mehrere Provinzen), und da er nicht bezahlen kann, will der Herr ihn samt seiner Familie in die Sklaverei verkaufen. Auf die verzweifelten Bitten des Verwalters hin erlässt der Herr ihm die Schuld. Dann trifft der Verwalter einen Knecht, der ihm 100 Silbergroschen schuldet (ein 500 000stel dessen, was ihm gerade erlassen worden ist. Auch der Knecht bittet um Gnade, aber der Verwalter fordert die sofortige Bezahlung und droht Bestrafung an. Da wird der Herr zornig, lässt den Verwalter nun doch foltern und ins Gefängnis werfen - für immer, da er ja nie wird bezahlen können.
Das Gleichnis wird erzählt als Antwort auf die Frage des Petrus: "Wie oft muss ich meinem Bruder vergeben?" Und es endet mit dem Satz: "So wird auch mein himmlischer Vater euch tun, wenn ihr einander nicht vergebt, ein jeder seinem Bruder." Daran braucht nichts mehr erklärt zu werden. So wie Gott uns vergibt, sollen auch wir bereit sein zu vergeben, immer und ohne Einschränkung.
Es heißt aber auch, dass es bei Gott auch Strafen gibt, wenn wir dieser Anforderung - die eine Höchstforderung ist - nicht genügen. In dem Gleichnis erscheint uns das plausibel, weil der Verstoß so eklatant ist. Aber in unserem Alltag, wo das gar nicht so eindeutig ist? Den andern um Verzeihung bitten, auch wenn ich mich eigentlich im Recht fühle? Nach einem Zerwürfnis offen sein, wenn der andere wieder auf mich zukommt - das ist noch relativ einfach. Auf ihn zugehen, ohne zu wissen, wie er mich aufnimmt? Wieder hingehen, wenn er mich abgewiesen hat? Spüren, wann er zu einem Gespräch bereit ist? Das richtige Wort finden? Erkennen, wann ich etwas versäumt habe, was ich hätte tun sollen, weil ich zu träge oder nicht sensibel genug war? Auch wenn ich mir das alles vornehme, heißt das keineswegs, dass ich es auch fertigbringe.
Eigentlich hat Jesus uns ja gelehrt, darauf zu vertrauen, dass Gott uns annimmt, mit unseren Schwächen. Und hier auf einmal: Strafe? Ich denke, es gilt beides, die Höchstforderung und das Angenommensein. Petrus hatte gefragt: "Wie oft muss ich vergeben?" Salopp ausgedrückt: Wann kann ich endlich damit aufhören? Und die Antwort samt Strafandrohung bedeutet: Nie. Die Forderung gilt immer. Ich ergänze: Wenn du dich darum bemühst, ist dir verziehen, auch wenn du es nicht immer schaffst.
Es gibt auch einige Worte oder Gleichnisse Jesu, in denen es um Strafe geht, z.B. die Weisung aus der Bergpredigt (verkürzt): Versöhne dich mit deinem Gegner, solange du noch auf dem Weg zum Richter bist. Denn wenn er dich erst ins Gefängnis geworfen hat, wirst du nicht wieder herauskommen, bis du den letzten Pfennig bezahlt hast. Und es gibt viele, in denen Lohn und Strafe gegenübergestellt worden, z.B., auch in der Bergpredigt, über diejenigen, die öffentlich beten, damit sie dabei gesehen werden und damit Ansehen gewinnen: "Sie haben ihren Lohn schon gehabt"; und über den, der in seinem Kämmerlein betet: "Dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird's dir vergelten." An keinem dieser Aussprüche nehmend wir Anstoß wie an den Bildern vom Endgericht, obwohl es auch hier um Lohn und Strafe geht. Wo liegt der Unterschied?
Mir scheint, hauptsächlich in Folgendem: es geht dabei immer nicht um eine generelle Verurteilung, sondern um ein bestimmtes Fehlverhalten bestimmter Menschen, und es geht um eine bedingte Strafe. Das Fehlverhalten steht unter Strafe. Aber wenn du dein Verhalten änderst, entfällt sie. Unausgesprochen schwingt mit - siehe das Beispiel des Zachäus -: dann sind auch deine bisherigen Verfehlungen vergeben, und du darfst neu beginnen. Das denken wir mit, und ich bin sicher, so ist es auch gemeint.
Es spielt aber bei unserer Reaktion noch etwas anderes mit. Wir haben alle ein Bedürfnis nach Gerechtigkeit. Wir wissen zwar in keinem einzigen Fall sicher, was das sei, nicht einmal hier auf Erden, geschweige denn für das Jenseits. Aber wir wollen Gerechtigkeit. Und weil wir wissen, dass es auf Erden ungerecht zugeht, suchen wir sie im Jenseits. Die einen wünschen sich, dass der bestraft werde, der Unrecht getan hat. Ich will eher, dass diejenigen, die viel gelitten oder viel Unrecht erfahren haben, dafür einen Ausgleich bekommen. Wir sprechen von unserer Verantwortung vor Gott. Verantwortung heißt aber, dass man die Folgen seines Tuns auf sich nimmt. Und gleichzeitig wünschen wir, für uns und für alle, Vergebung. Wie das zusammengehen soll, wissen wir nicht.
Was heißt überhaupt Strafe in Bezug auf das Jenseits? An eine Hölle mit Feuerofen glaubt wohl keiner von uns, und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass Jesus daran geglaubt hat. Vielleicht ist sie etwas, was wir selber immer wieder erleben können. Wenn ich, absichtlich oder nicht, etwas Schlechtes oder Falsches getan habe, dann hat das - nicht immer, aber oft - unangenehme Konsequenzen. Wenn ich einen andern verletze, kann das zu einer Entfremdung führen, die beiden weh tut; wenn ich mein Geld für etwas Sinnloses ausgebe, muss ich dann eben mit weniger auskommen. Das ist die Strafe, und meist bleibt mir gar nichts anderes übrig, als sie zu akzeptieren. Wenn ich es fertigbringe, ja dazu zu sagen, kann etwas Positives daraus werden: eine Erfahrung, die ich sonst nicht gemacht hätte und die mir hilft. Meist lernt man aus seinen Fehlern mehr als im gleichmäßigen Alltag. Vielleicht wird es das auch nach dem Tod noch geben: eine Entwicklung, die mich lehrt, meine Defizite klarer zu erkennen, und die mir hilft, sie zu überwinden. Das kann vielleicht auch dann noch wehtun, aber es ist dann nicht mehr Strafe, sondern Glück: Überwindung der Schuld - Vergebung.
Aber das ist meine eigene Vorstellung. Keiner kann wissen, was jenseits des Todes sein wird. Wir können nur vertrauen, dass es, wenn wir uns bemühen, gut sein wird, weil Gott uns annimmt.
Eines allerdings können wir wissen, weil wir es an uns und anderen immer wieder erleben. Wenn wir ein solches Vertrauen gewinnen, können wir gelassener und fröhlicher leben und haben es leichter, anderes Vertrauen entgegenzubringen.
Als "Beweis" zum Abschluss noch ein kurzer Bericht aus der Stuttgarter Zeitung. Er handelt von einem jungen Türken namens Hüseyin, der während der Pubertät an die falschen Freunde geriet, drogenabhängig geworden war und schließlich Straftaten begangen hatte. Welche, wird nicht gesagt, aber er wurde nach dem Jugendstrafrecht zu zwei Jahren Haft verurteilt, es können also nicht nur Kleinigkeiten gewesen sein. In der Haft lernte er nach eigenen Angaben nur Auto- und Automatenknacken, hatte aber das Glück, schon bald in eines der wenigen Modellprojekte für Ersttäter aufgenommen zu werden, wo die Jugendlichen mit Betreuern in einer Wohngemeinschaft leben, äußerlich frei, aber eingebunden in einen streng reglementierten Tagesablauf mit viel Arbeit, strikter Disziplin und wachsender Selbstverantwortung. Die Projekte sind erfolgreich. Flucht kommt kaum vor, obwohl sie einfach wäre. Wer nicht durchhält, muss zurück in den Normalvollzug. Die Rückfallquote liegt weit unter dem Durchschnitt.
Hüseyin hielt durch, ging nach zwei Jahren zurück zu seinen Eltern und seinem Beruf - und merkte, wie schwer es war, sich im Alltag von den alten Kumpels und den alten Versuchungen fernzuhalten. Er lernte einen Kollegen kennen, der auch drogenabhängig gewesen war, dann Christ wurde und sein Leben von Grund auf geändert hatte. Das imponierte ihm, und so begann er, sich mit dem Christentum zu befassen, ging in Gottesdienste und Hauskreise und las in der Bibel. Was ihn allmählich immer mehr überzeugte, war, "dass die Bibel von Versöhnung, Liebe und Angenommensein" handelt. Eines Abends, spontan, umarmte er sich selbst, und das war für ihn, "als ob Gott mich umarmte". Von da an war ihm sein Weg klar. Er konvertierte, gab seinen Beruf auf, machte eine Ausbildung zum Diakon und ging als Betreuer zurück in das Projekt, an dem er teilgenommen hatte.
Von den schwierigen Jugendlichen, mit denen er umzugehen hat, sagt er: "Sie kommen ohne Mut und Selbstwertgefühl. Man muss ihnen vermitteln, dass sie mündige Menschen sind, die ihr Leben ändern können." Er traut ihnen das zu, und weil sie das spüren, haben sie Vertrauen zu ihm. Er hat einen Weg gefunden, sein Vertrauen an andere weiterzugeben.
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