Spuren des Tempels
Die württembergischen Templer im Heiligen Land
Das Wirken der Templer
»Als die Templer 1869 mit dem Aufbau ihrer Siedlungen begannen, war Palästina nur eine vernachlässigte ottomanische Provinz. Das Land hatte keinen einzigen ordentlichen Hafen, seine Wälder waren abgeholzt, seine Landwirtschaft war primitiv, und es hatte mehr verfallene Ortschaften als bewohnbare. Es war ein Land, in dem sich keine Wagen bewegten, in dem es kein Hotel gab und keinen studierten Arzt«. - So schreibt der israelische Historiker an der Universität Haifa, Prof. Alex Carmel, in seinem Buch »Die Siedlungen der württembergischen Templer in Palästina«.
Die ersten Siedlungen der Templer entstanden nach langjähriger und sorgfältiger Planung in Haifa, in Jaffa und in Jerusalem. Die Neuankömmlinge konzentrierten sich anfangs auf die Anlage landwirtschaftlicher Betriebe. Sie legten Felder, Weinberge und Obstplantagen an und setzten erfolgreich moderne Anbaumethoden ein. Ihre mit Dampf betriebenen Öl- und Getreidemühlen standen auch der ortsansässigen Bevölkerung zur Verfügung. Fachleute gründeten Handwerksbetriebe jeglicher Art, Fabriken entstanden, die u.a. Seife, Maschinen, Bier und Zement erzeugten; Kaufhäuser, Banken und Hotels wurden eröffnet. Schon 1870 ließ sich ein Arzt in Haifa und einer in Jaffa nieder, und europäisch geführte Apotheken und Krankenstationen nahmen in beiden Städten den Betrieb auf.
»Durch Begabung und Fleiß gewannen sie bald Ansehen. Sie bauten mustergültige Kolonien, hübsche Häuschen, von Blumengärten umgeben - ein Stück Heimat im Herzen Palästinas« (Carmel).
Die großzügig angelegte Templersiedlung in Haifa wurde zum Herzstück der heutigen Stadt. Jerusalem bestand seinerzeit nur aus der ummauerten Altstadt, wie wir sie noch heute vorfinden. Erst nachdem die Templer ihre Siedlung im Rephaimtal gegründet hatten, wuchs die Stadt aus ihren alten Mauern heraus.
Der eigentlich entscheidende Beitrag dieser ersten Jahre für das Land war der Bau neuer Straßen und der Ausbau neuer Transportwege, da es vorher eine einzige für den Wagenverkehr geeignete Verbindung gab, nämlich den Weg von Jaffa nach Jerusalem.
Architekten und Ingenieure verwirklichten zusammen mit den Baufirmen (z.B. Gebr. Beilharz) diese ehrgeizigen Pläne, darunter der wohl bekannteste Templer der 2. Generation, Gottlieb Schumacher (1857-1925). Neben seinen planerischen Tätigkeiten, seinen kartographischen Arbeiten und wissenschaftlichen Veröffentlichungen führte er von 1903-05 erste archäologische Grabungen in Megiddo durch. Das Institut an der Universität Haifa zu Erforschung des christlichen Beitrags am Wiederaufbau Palästinas im 19. Jahrhundert trägt seinen Namen.
Als erste wurde die Straße von Haifa nach Nazareth gebaut. Die Baukosten wurden hauptsächlich von den Mitgliedern der Tempelgemeinde in Haifa getragen. Durch die neue Straße wurden relativ bequeme und ungefährliche Pilgerreisen nach Galiläa möglich. Templerfamilien bauten und betrieben Hotels, z.B. in Haifa, Tiberias und Nazareth. Regelmäßige Kutschdienste verkehrten zwischen Haifa und Akko und zwischen Jaffa und Jerusalem. Das Bild des Landes, in dem vorher das Reisen und der Warentransport nur mit Reit- und Tragtieren oder entlang der Mittelmeerküste mit Booten möglich war, wandelte sich. Die Grundstruktur für die Entwicklung einer modernen Wirtschaft war geschaffen.
Auch die im späten 19. Jahrhundert einsetzende jüdische Einwanderung konnte auf die Erfahrungen und Kenntnisse der Templer zurückgreifen, die nicht nur mit Bauarbeiten in Zikhron-Ya'aqov und Bath Schlomoh beauftragt wurden, sondern auch den jüdischen Siedlern laufend Lebensmittel und Haushaltsgeräte lieferten.
Durch den vergrößerten Markt im Inland und den Ausbau von Handelsbeziehungen mit Europa und den USA wuchsen die Handwerksbetriebe und Dienstleistungsunternehmen der Templer zum Teil zu ansehnlichen Unternehmen heran.
Neue landwirtschaftliche Siedlungen (Sarona, Wilhelma, Betlehem und Waldheim) wurden gegründet und weitere Projekte vorbereitet. Obwohl die Tempelgesellschaft eine kleine Gemeinschaft von weniger als 1500 Menschen blieb, trug ihr Beitrag zum Aufbau des Landes vielfältige Früchte.
Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges 1939 beendete abrupt das Siedlungswerk der Templer in Palästina. Sie wurden interniert und die meisten von ihnen nach Australien deportiert. Die letzten mussten 1950 das Land verlassen.
|