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Der besondere Beitrag

Beilage der »Warte des Tempels«

13/ 2006

BEITRÄGE ZUR TEMPLERGESCHICHTE

Klaus Peter Hoffmann

In Gedanken am Südstrand

Erinnerungen eines Palästina-Templers an ein Kindheits-Paradies

Ferien-Vergnügen der Jugend am Südstrand von Jaffa

Vorwort

Die Reihe »Beiträge zur Templergeschichte« wird im folgenden Artikel mit der stimmungsmäßigen Schilderung eines Ortes fortgesetzt, der nicht direkt zu den Siedlungen der Templer in Palästina gehörte, aber für deren Bewohner dennoch große Bedeutung besaß - der Mittelmeerstrand südlich der Altstadt von Jaffa.

Man nannte ihn einfach den »Südstrand«. Damals und auch später wusste jeder Palästina-Templer bei Nennung dieses Namens, was damit gemeint war. Ich erinnere mich, dass in den Jahren nach dem Verlust der Siedlungen ältere Templer in Unterhaltung und Rückerinnerung regelmäßig auf ihn zu sprechen kamen. Es muss wohl eine eigenartige Faszination von ihm ausgegangen sein, ein Gefühl des körperlichen Wohlbefindens, der Entspannung vom geregelten Tagesablauf, der Abgeschiedenheit vom sonstigen Gemeinde- und Weltgeschehen. Dieses Gefühl konnte von denjenigen, die diesen Erinnerungen und Erzählungen lauschten, vielleicht etwas nachempfunden werden. Wenigstens erging es mir immer so, wobei ich bei diesem Nachempfinden insofern begünstigt war, als ich im kindlichen Alter den Südstrand ebenfalls selbst erlebt hatte und mich auch heute noch an manche Eindrücke von damals erinnern kann.

So war bei mir in gewisser Weise der Nährboden dafür bereitet, dass ich eine überaus lebendige Schilderung des Südstrandes von Klaus Peter Hoffmann, Sydney, die ich vor kurzem in die Hand bekam, als veröffentlichungswürdige zeitgeschichtliche Lektüre empfand und den Entschluss fasste, sie in die Form einer gehefteten »Warte«-Beilage zu bringen. Als eine wertvolle Hilfe kam mir dabei die von Dr. Jürgen Gronau vorgenommene genaue und sachgerechte Übersetzung aus dem Englischen zustatten. Ihm gilt neben dem Autor mein herzlicher Dank.

Um dem Leser die geschilderte Gegend ein wenig vorstellbar zu machen, sind Bilder des Südstrandes aus Vergangenheit und Gegenwart in den Text eingefügt worden. Die historischen Fotos stammen aus dem Archiv der TGD, die aus neuerer Zeit von meinen australischen Templerfreunden Helmut Glenk und Manfred Häring. In der mir für die Vorbereitung der Beilage zur Verfügung stehenden Zeit war es mir leider nicht möglich, eine größere Umfrage nach alten Aufnahmen aus Privatbesitz zu veranstalten, die vermutlich interessante und eindrucksvolle Funde ergeben hätte.

Zum Schluss möchte ich die Leser noch auf den Erzählbeitrag von Heinz Wieland auf Seite 269 des Buches »Damals in Palästina - Templer erzählen vom Leben in ihren Gemeinden« hinweisen, in der ausführlich die Entstehung und der Betrieb des »Deutschen Clubs Villa Südstrand« geschildert wird, den auch Klaus Peter Hoffmann an mehreren Stellen seiner Erinnerungen erwähnt.

Peter Lange, Schriftleiter »Warte des Tempels«

Klaus Peter Hoffmann

In Gedanken am Südstrand

Ich möchte Sie, liebe Leser, in Gedanken in ein Land mitnehmen, das ich einstmals unter dem Namen »Palästina« gekannt habe und das jetzt »Israel« genannt wird, indem ich Sie an meinen Erinnerungen des Sommers 1936 teilhaben lasse. Es war dies das Jahr, in dem unsere Familie, bestehend aus meinem Vater Theodor Samuel (Sam) Hoffmann, meiner Mutter Luise geb. Hardegg, meinen Brüdern Ernst und Max und mir selbst, zum ersten Mal während des Sommers für drei Monate in ein gemietetes Haus am Südstrand zogen.

Wir wohnten damals in Sarona, der Templersiedlung nordöstlich von Tel Aviv/ Jaffa. Das Klima in Palästina während der Sommermonate Juni, Juli und August konnte sehr drückend sein und die Hitze zeitweilig unerträglich. Das blieb dann so bis ungefähr 4 Uhr in der Frühe, wenn dann eine kühle Brise Erleichterung brachte. Mein Vater pflegte ein großes Zelt auf dem Flachdach unseres Hauses aufzubauen und mit uns Kindern unter Moskitonetzen - denn die Insekten waren grausam - darin zu schlafen. Meine Mutter blieb in ihrem bequemeren Bett - und in der Hitze - im Haus.

Wegen der unzureichenden sanitären Verhältnisse damals stieg die Gefahr von Infektionskrankheiten während der Sommermonate alarmierend an. Deshalb verschrieb unser Arzt, Dr. Otto Rubitschung, uns einen Luftwechsel, zumal wir drei Kinder sehr anfällig waren für Krankheiten, die gerade herum gingen. Wir waren nie strotzend vor Gesundheit und sahen immer mager aus, als ob wir an Unterernährung leiden würden. Es war Dr. Rubitschung, der mitgeholfen hatte, uns drei auf die Welt zu bringen, einige mit Kaiserschnitt, und der auch weiterhin um unser Wohlergehen besorgt war. Wer hätte damals ahnen können, dass er in einem so merkwürdigen Kontinent wie Australien mein Schwiegervater werden würde!

Jeden Sommer pflegte unser Appetit in umgekehrtem Verhältnis zur steigenden Temperatur zu schwinden, und mit der verminderten Nahrungsaufnahme nahm gleichzeitig auch unsere Widerstandsfähigkeit gegen Krankheiten ab. Deshalb hatten wir auch in den letzten zwei Jahren die langen Sommerferien mit unserer Mutter und unserer Haushaltshilfe Gretel Messerle in Jerusalem verbracht und Zimmer im Haus von Gretels Verwandten gemietet, die dort eine Bäckerei betrieben hatten. Das war natürlich toll für uns Buben, weil wir Kuchen essen durften, wodurch wir in der Zeit, in der wir dort waren, alle etwas an Gewicht zunahmen. Außerdem war mein bester Freund und Vetter Otto Hoffmann, unser Nachbar aus Sarona, mit seiner Familie nach Jerusalem umgezogen, so konnten wir während dieser Ferientage unsere Freundschaft erneuern und auf unseren Fahrrädern Jerusalem erkunden.

Unser Vater blieb wochentags wegen seiner Berufsarbeit - er war bei Gebrüder Wagner beschäftigt - über Nacht zu Hause, nur an den Wochenenden fuhr er mit seinem kleinen NSU-Pony-Motorrad zu uns nach Jerusalem herauf. Mit all seinen Sachen in einem großen Rucksack auf dem Gepäckträger verstaut und fest verzurrt, seine doppelläufige Schrotflinte in einer Lederhülle über seine Schulter gehängt, seinen arabischen Aghal und Keffiyeh um seinen Kopf gewickelt, gab er eine farbenfrohe Erscheinung ab. Einmal fiel er wegen des miserablen Straßenzustandes auf dem steilsten Stück des Karrenweges kurz vor der Stadt vom Motorrad. Unglücklicherweise hatte er nur Shorts an und der Auspuff kam in innigen Kontakt mit seinem nackten Oberschenkel. Er erlitt hässliche Verbrennungen, ehe er mit seinem anderen Fuß das Motorrad wegstoßen konnte, und brauchte medizinische Hilfe, nachdem er schließlich Jerusalem erreicht hatte. Von diesem Zeitpunkt an fuhr er nur noch mit dem Auto zu uns herauf.

Mein Bruder Ernst und ich sahen den ersten Sommerferien am Südstrand mit großer Erwartung entgegen. Max war zu der Zeit erst drei Jahre alt und wird sich wohl kaum an unseren ersten Aufenthalt dort erinnern. Wir hatten gehört, dass einige andere Familien sich in den vergangenen Jahren Häuser gemietet hatten, und hatten nicht die geringste Ahnung, dass wir das Leben am Strand südlich von Jaffa von nun an zusammen mit unseren Freunden jeden Sommer mit steigender Begeisterung genießen würden.

In jener Zeit gelangte man, wenn man mit dem Bus oder Auto durch Jaffa nach Süden fuhr und den Souk (Markt) und die Wohngebiete hinter sich gelassen hatte, schließlich ans Ende der Stadt, wo die Asphaltstraße aufhörte. Dort wendeten die Busse, und nur zwei Sandpisten führten von da aus weiter. Die eine, in gerader Verlängerung der Straße, führte einen nach ungefähr einem halben Kilometer entlang der Böschung sanft abwärts zum Strand. Hier war sie zu Ende, und man kam mit dem Auto nur noch auf dem feuchten, harten Teil des Strandes weiter, wo die Wellen den Sand spült hatten und den Reifen einen festen Untergrund boten. Nur mit dem Mercedes meines Vaters und ein paar anderen Fahrzeugen konnte man diese Strecke sicher bewältigen, ohne in Schwierigkeiten zu geraten, und natürlich mit den Allrad-getriebenen britischen Armeefahrzeugen, die allerdings nur selten Soldaten den Strand zum Schwimmen brachten. Manchmal landeten und starteten auch Leichtflugzeuge auf dem harten Streifen des Strandes.

Die Piste senkte sich durch eine natürliche Bresche in der steilen Böschung zum Strand hinunter. Im Norden und Süden dieser Bresche ragte die Böschung bis zu 20 Meter senkrecht vom Strand in die Höhe. Es war sehr schwierig, da hinauf zu klettern, nur an einzelnen Stellen war es möglich, wo das Regenwasser ein paar Rinnen ausgewaschen hatte. Da das Kliff aus einer Mischung von krümeligem Geröll und Sand bestand, bot es keine feste Trittfläche.

Oben auf dieser Erhebung, rechts der Piste, mit Blick aufs Meer, stand ein langes rechteckiges Gebäude mit Flachdach, das später, im Jahr 1937, durch junge Mitglieder der Tempelgesellschaft aus den Kolonien Sarona und Jaffa gemietet, restauriert und mit viel Einsatzfreude zum »Deutschen Club Villa Südstrand« umfunktioniert wurde.

Die zweite Piste, die vom Ende der asphaltierten Straße nach Osten landeinwärts schwenkte, verlief in einiger Entfernung der Stadtgrenze von Jaffa. Wie weit sie ins Land hinein ging, weiß ich nicht. Zuletzt bin ich 1941 eine Strecke weit mit dem Bus auf ihr gefahren, um meinen Vater zu besuchen, der zu dieser Zeit als Internierter in einem Lager saß, das die britische Verwaltung für alle wehrdienstfähigen Deutschen errichtet hatte. Dieser Besuch war das erste Wiedersehen mit meinem Vater seit dem 3. September 1939 gewesen, als alle Templer interniert worden waren. Zuerst war er in einem Gefängnis in Jerusalem, dann in einem Lager in der Nähe von Athlit an der Küste bei Haifa und schließlich inmitten der »Dübeb« (Landschaftsbezeichnung) südlich von Jaffa festgehalten worden.

In der anderen Richtung dieser Piste, nach Süden, gab es nur offenes Land, ohne Zäune und unbewohnt, wenn man von einigen nomadisierenden Beduinen absieht, die ihre Herden in dieser spärlichen Vegetation grasen ließen. Jüdische Siedler hatten einen Teil dieses Landes gekauft, von wem und wann, weiß ich nicht. Sie begannen mit dem Bau einer dreistöckigen Bierbrauerei, die aber nie fertig gestellt wurde. Ihre zementverkleideten Träger ragten in den Himmel, ein herrlicher Platz für Kinder, um dort zu spielen und die Gegend zu erkunden.

Die jüdischen Siedler hatten auch eine kleine Fabrik zur Herstellung von Zementbodenplatten errichtet, deren Eingangstor an der Piste lag. Sie war ganz umzäunt und einmal auch in Betrieb gewesen, jetzt aber stillgelegt. Da gab es ein kurzes Stück Schmalspurschienen, die vom vorderen Tor bis zu den Betonmischern führten, um die Materialien, die für den Produktionsprozess benötigt wurden, dorthin zu transportieren. Im Jahre 1936 wohnte ein Araber mit seiner Familie in einem großen schwarzen Zelt direkt am Zaun dieser Fabrik. Ich nehme an, dass er vom Eigentümer als eine Art Wächter für die Fabrik angestellt worden war. Doch in späteren Jahren war er verschwunden, was bedeutete, dass es uns ermöglicht wurde, »einzubrechen« und mit den vorhandenen Maschinen zu spielen, die kleinen Schienenloren den Schienenstrang entlang zu schieben und sie dann gegeneinander prallen zu lassen. Wir klauten auch einige der breiten Bodenbretter, um damit unsere kurzen Wellenbretter herzustellen.

Als wir eines Nachmittags diese arabische Familie besuchten, musste ich zu meinem Entsetzen mit ansehen, wie der Mann den Flügel eines lebenden Spatzen mit seinen Daumen brach, so dass er nicht mehr fliegen konnte, und ihn seinem kleinen Sohn zum Spielen gab. Der Junge hatte große Freude daran, ihn zu fangen und wieder frei zu lassen und dasselbe Spiel zu wiederholen. Es erschien mir dies als der absolute Gipfel an Grausamkeit, hatte mich doch mein Vater so erzogen, dass man die Leidenszeit einer lebenden Kreatur, selbst bei der Jagd, auf ein absolutes Minimum beschränken müsse.

Direkt neben der Fabrik stand ein zweistöckiges Ziegelhaus, das einem Araber gehörte und in den Jahren 1933/34 von Familie Faber gemietet wurde. Soweit ich weiß, waren die Fabers die erste deutsche Familie, die am Südstrand wohnte. Sie lebten dort, bis die bürgerkriegsähnlichen Unruhen ausbrachen und arabische Widerstandskämpfer jede Nacht auf die von Juden bewohnten Häuser zu schießen pflegten, um die Bewohner zu vertreiben. Nachdem die Fabers so in die Schusslinie zwischen den Parteien gekommen waren, zogen sie aus und mieteten ein Haus im alten Viertel von Jaffa und wohnten dort, bis die zunehmenden Gewalttätigkeiten sie kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs nach Sarona brachten. So stand jetzt dieses Haus leer und bot sich uns zum Spielen und Erkunden an. Es war mutwillig zerstört worden und in keinem vermietungsfähigen Zustand und auch nicht verschlossen.

Dann gab es da noch sechs Häuser, die von Juden erbaut worden waren, aber wegen der Furcht vor Angriffen der Araber leer blieben. Dies waren die Häuser, die von Templerfamilien während der Sommermonate zu vernünftigen Preisen gemietet werden konnten. Die Beziehungen der Araber zu den Templern waren sehr gut, sie sahen in uns keine Bedrohung in ständig ansteigenden Einwandererzahlen, die ihnen ihr Land wegnehmen würden. Darum hörten ihre Angriffe auf, als sie erfuhren, dass nur Templer, und das auch nur für kurze Zeit im Jahr, in diesen Häusern wohnen würden. So fühlten wir uns dort sehr sicher.

Soweit ich mich erinnern kann, haben folgende Familien von 1936 bis 1939 jedes Jahr die sechs Häuser gemietet: Gotthilf Wagner (sie hatten ihre Neffen Siegfried und Erich Hahn mit dabei), Georg und Elsa Wagner, Walter und Malle Wagner, Otto und Rosa Rubitschung, Gotthold und Emilie Steller, Sam und Luise Hoffmann. Wenn ich nun im Lauf dieser Schilderung »wir« oder »wir Kinder« sage, so sind damit nicht nur die drei Hoffmanns-Buben gemeint. »Wir« kann auch die folgenden Kinder mit einschließen: die Brüder Sieger und Erich Hahn, Lilo, Margrit, Theo, Gerhard und Irene Wagner, Paul, Gisela, Walter und Magdalene Rubitschung, Lies, Gretel und Renate Steller. Lilo und Margrit waren älter und verantwortungsvoller und behielten uns stets im Auge, der Rest war eine Horde von Lausejungens und -mädchen. Zu diesem harten Kern stießen dann und wann noch Besucher der Familien.

Die Häuser waren verschieden groß, wobei die größeren Familien die größeren Häuser mieteten. Es waren einfache Gebäude, aber gut genug, um darin im Sommer wohnen zu können. Sie hatten Wasser- und Stromanschluss und Sickergruben für das Abwasser. Sie waren nicht an einer Schotterstraße oder einer ähnlichen festen Fläche erbaut, sondern eher willkürlich irgendwohin gesetzt worden: eines dahin, das andere dorthin, auf eine große Fläche verteilt. Verschiedene Reifenspuren führten vom Hauptweg zu den einzelnen Häusern. Man tat gut daran, sich mit den Rädern in den Spuren zu halten, denn der festgefahrene Sand bot mehr Griffigkeit, leicht konnte man im lockeren Sand stecken bleiben, wenn man die Spuren verließ. Wenn man als Besucher kam, lief man einfach querfeldein durch den Sand zum gewünschten Haus. Es gab keine Zäune, Gärten oder Fußwege in dieser kleinen Siedlung.

Eines Morgens wurde uns klar, dass die nomadisierenden Beduinenstämme ihr Recht, diesen Landstrich zu nutzen, noch nicht aufgegeben hatten. Eine Gruppe von uns war gerade dabei, ein Auto aus dem Sand zu graben, wo es sich festgefahren hatte, als plötzlich fünf Beduinenmädchen erschienen und in ihren lose wallenden braunen und bis zum Boden reichenden Gewändern barfuss über den Sand gingen. Sie trugen Schals über ihrem Haar, wie es bei den Moslems so Sitte ist, aber ihre Gesichter waren unverhüllt, sie trugen keine schwarzen Schleier, die das ganze Gesicht, bis auf die Augen, verhüllen, wie es die Frauen taten, die in Jaffa wohnten, wenn sie sich außerhalb ihres Hauses begaben.

Die Mädchen baten um Wasser, und weil unser Haus am nächsten lag, ging ich hinein und holte unsere Wasserkrüge. Die Krüge bestanden aus billiger Terrakotta, oben mit einer großen Öffnung und einem Deckel, der Insekten abhielt. An der Rückseite hatten sie einen Henkel und vorne eine kleine Schnauze mit Loch, die gegenüber dem Henkel hervorragte. Das darin enthaltene Wasser konnte durch die unglasierten Wände des Krugs verdunsten, an einer schattigen Stelle abgestellt und von einer Brise umweht, konnte eine solcher Krug seinen Inhalt schön kühl halten. Um aus einer dieser komischen Gefäße zu trinken, musste man mit einer Hand den Henkel fassen und mit der anderen den Boden des Krugs anpacken, das Ganze in die Höhe des Mundes halten, aber noch in etwas Abstand, und dann die kleine Auslauftülle nach vorne neigen, so dass der Wasserstrahl in den Mund floss, ohne dass der Mund die Tülle berührte. Der Trick bestand darin, mit offenem Mund und nach hinten geneigtem Kopf zu schlucken. Damit ersparte man sich das Abwaschen von Gläsern oder Tassen, wenn man nur einen Schluck Wasser zu sich nehmen wollte.

Die Mädchen kannten dies genau und verschütteten keinen einzigen Tropfen, als sie nacheinander reichlich Wasser tranken. Dann hockten sie sich in einem kleinen Kreis in den Sand und beobachteten, wie wir weiterhin den losen Sand vor den Reifen wegschaufelten, das Fahrzeug ein Stück vorwärts fuhren und dann den ganzen Vorgang wiederholten. Sie kicherten heftig untereinander über unsere Bemühungen, waren überhaupt nicht scheu und schienen sich unserer Gesellschaft zu erfreuen. Als wir dann schließlich das Auto wieder auf festem Boden hatten, standen sie auf, bedankten sich nochmals für das Wasser und gingen einfach weiter. Wir haben sie nie wieder gesehen. Dass sie unter ihren Gewändern nichts weiter anhatten, wurde uns durch ein paar feuchte Stellen im Sand klar, wo sie sich hingehockt hatten.

Wenn man zum Strand hinunter wollte, stapfte man einfach durch den Sand. Ich sage »hinunter«, weil es tatsächlich bergab durch die schon erwähnte Kluft in der steilen Böschung ging. So konnte man auf die Nord-Süd-Strecke unterhalb der Villa Südstrand gelangen und ihr bis zum Strand hinunter folgen oder sie überqueren und den verbleibenden steilen Hang bis auf den Strand hinunter krabbeln. Die verlassene Bierfabrik stand da viel tiefer und näher als die Häuser am Strand. Niedrige Feigenbüsche und Kakteen waren zwischen den Trägern hervor gewachsen, und wir konnten manchmal ein paar wilde Feigen zum Essen pflücken.

Nach dem Mittagessen gab es die Mutprobe, mit nackten Füßen durch den Sand zu laufen, weil er dann so heiß war, dass er die Fußsohlen zu verbrennen drohte. Man musste so lange gehen oder laufen, bis man es nicht länger aushalten konnte und zur Erleichterung die oberste Schicht des Sandes wegscharrte, um in den kühleren Schichten darunter eine Pause einzulegen. Dann ging es auf die gleiche Art weiter. Man trug am besten billige Tennisschuhe, selbst wenn sie sich mit heißem Sand füllten und man sich auch dann noch die Füße verbrannte.

Ich habe wohl damals ein Gebiet von vielleicht zwei Quadratkilometern durchstreift, im Süden entlang der Küste und etwa einen halben Kilometer landeinwärts, und dabei die Rinne erforscht, die der Regen im Winter auf seinem Weg zum Meer in die Dünen gewaschen hatte, oder aber Arme voll Strandlilien gepflückt, eine Lilienart, die in den Dünen wächst. Diese Lilien hatten einen betäubend süßen Geruch. Wenn man über Nacht einen Strauß davon in seinem Schlafzimmer hatte, wachte man am nächsten Morgen mit stechenden Kopfschmerzen auf, deshalb stellte man die Blumen am Abend immer nach draußen. Trotzdem pflückten wir gern diese wundervollen Blumen.

Entlang des Küstenstreifens gab es unseres Wissens in Richtung Süden bis nach Ashkalon keine dauerhaften Bewohner. Wenn man weiter nach Süden wanderte, hörten die steilen Böschungen mehr und mehr auf und machten Dünen Platz, damit bot sich einem ein viel einfacherer Zugang zum Hinterland. In den Rinnen musste man vorsichtig sein, da sie voller Skorpione waren, von denen man sich einen sehr hässlichen Stich holen konnte. Und als ob das nicht genug wäre, gab es da auch noch massenhaft Tausendfüßler. Wir nannten sie Vierzigfüßler, weil sie weniger als fünfzig Füße hatten. Sie konnten einem einen schmerzhaften giftigen Biss beibringen, der nachher auch noch anschwoll. Einige von ihnen fanden ihren Weg auch in die Häuser, was bei den weiblichen Bewohnern große Aufregung verursachte.

Man konnte in der Gegend auch Springmäuse sehen und beobachten, die nicht vor uns flüchteten, da keiner von uns ihnen etwas zu Leide tat. Sie kamen nie bis in die Häuser, wie es normale Mäuse tun. Sie hüpften auf ihren dünnen, langen Hinterbeinen daher, ihre langen Schwänze mit einem Haarbüschel an der Spitze erlaubten ihnen, ihr Gleichgewicht zu halten.

Dann brachte ich Stunden damit zu, das Insektenleben um mich herum zu beobachten, beginnend mit Mistkäfern, die ihre Mistkugel mit ihren Hinterbeinen durch den Sand schoben, so dass sie immer rückwärts liefen und wieder und wieder stoppen mussten, um zu kontrollieren, welche Richtung sie jetzt einschlagen sollten. Ich habe nie ergründen können, wohin sie eigentlich wanderten, denn sie schienen den ganzen Tag ihre Mistkugeln, in die sie ihre Eier gelegt hatten, herum zu schieben, ohne jemals an ein Ziel zu gelangen.

Dann gab es da eine variantenreiche Art fliegender Heuschrecken mit bunten Flügeln. Wir haben nie eine Heuschreckenplage erlebt, aber meine Mutter hatte es erlebt und uns schreckliche Geschichten darüber erzählt. Offenbar hatten damals die Hühner so viele Heuschrecken gefressen, dass sich das Eigelb ihrer Eier ins Grünliche verfärbte und scheußlich schmeckte. Oder ich konnte einen dicken, fetten Skorpion mit einem Stock dazu anspornen, dass er mit dem Stachel an seinem Schwanz den Stock angriff. Manchmal fingen wir winzige Baby-Skorpione, noch nicht lange ausgeschlüpft waren und noch kein Gift im Stachel hatten, um uns zu verletzen, oder bei denen der Stachel noch nicht hart genug war, um unsere Haut zu durchdringen.

Dann schauten wir nach verschiedenen Vogelarten, Flussuferläufern und Bienenfressern. Letztere waren hübsche, vielfarbige Vögel, die ihre Nester in die senkrechten Wände der Klippen in Form langer Tunnels gruben, groß genug, um es uns zu ermöglichen, mit dem Arm hinein zu langen, aber zu tief, als dass wir am Ende das Nest hätten erreichen können. Zunächst musste man sie eine längere Zeit beobachten, bis man sicher war, dass ein Pärchen seine Jungen in der Röhre fütterte. Dazu musste man Stufen in die steile Klippenwand bis unterhalb der Röhre kratzen, mit Hilfe eines kleinen Werkzeugs, genannt Gaddum, einem Schreinerutensil der Araber, mit dem sie Orangenkisten machten. Dann musste man noch etwas von der Klippenwand abkratzen, so dass man mit dem Arm bis ans Ende der Röhre reichen konnte. Am Abend, wenn dann die Vogeleltern im Nest waren, konnte man alles heraus holen. Es war nicht einfach, sie zu halten, aber die arabischen Händler kauften uns jede Menge ab, die wir ihnen brachten. Die ganze Sache war aber mit erheblichen Gefahren verbunden, und unsere Eltern verboten uns diese Tätigkeit, als sie heraus fanden, was wir machten.

Wir spielten in den Rinnen auch gern und oft unsere Kriegsspiele, wobei wir diese Rinnen als natürliche Schützengräben nutzten und die feindlichen Stellungen mit feuchten Sandkugeln als Handgranaten bombardierten. Wenn sie trafen, zerplatzten sie einfach, aber verletzten niemanden. Es war eine viel bessere und sicherere Munition, als wenn wir Steine genommen hätten.

Aber der Hauptgrund, warum man sich im Sommer in Richtung Strand bewegte, war natürlich das Schwimmen im Meer, das Braten in der Sonne im weißen Sand und das Wellenreiten. Entspannen, sich quasi verjüngen - wir taten ein bisschen von allem. Wir wollten ein angenehmes, sorgenfreies und unkompliziertes Sommerleben am Meer genießen, deshalb nahmen wir in jenem Sommer 1936 nicht allzu viel Haushaltsgerät mit zum Haus am Strand. Ich will damit sagen, dass ich mich an keinen Möbelwagen erinnern kann, der eine Menge Möbel heran gekarrt hätte. Nur unsere Kleider, Bettzeug, Nahrungsmittel und Kochutensilien wurden zusammengepackt, aufeinander geschichtet und hinten auf unserem Mercedes Pkw festgezurrt. Mein Vater machte die Tour zwei oder drei Mal, um uns und unsere Sachen zu holen und alles in unserer neuen Umgebung abzuladen.

Ehe wir uns umsahen, waren wir nach dem Umzug auch schon da und fühlten uns wie zuhause. Die strengen Regeln der Haushaltsführung in Sarona wurden ein wenig gelockert, was die Zeiten des Zubettgehens und des Morgensaufstehens anbetraf, aber wir Jungens mussten nach wie vor beim Geschirrspülen und Abtrocknen helfen. In den ersten paar Wochen mussten wir auch in die Schule gehen, denn unser Umzug zum Strand fand statt, ehe die Schulferien begonnen hatten, damit man die Mietzeit voll ausnutzen konnte. Weil Gotthilf Wagner später zur Arbeit fuhr und auch früher zurück kam als die anderen Berufstätigen, fuhren wir normalerweise mit ihm in seinem Wagen nach Walhalla, wo wir den Schulbus nahmen, der die Kinder aus Jaffa und Walhalla in die Volksschule nach Sarona brachte. Nach der Schule erfolgte die gleiche Prozedur in umgekehrter Reihenfolge. Die Kinder von Georg und Elsa Wagner fuhren mit ihrem Vater.

Manchmal wurde Herr Wagner auch im Büro aufgehalten, dann mussten wir auf ihn warten, bis er uns nach Hause bringen konnte. Das erschien uns immer endlos, da wir natürlich so schnell wie möglich wieder an den Strand wollten. Er hatte einen großen Wagen, ein amerikanisches Fabrikat, ich glaube, es war ein Dodge, und wir Kinder, schmächtig wie wir alle waren, hatten keine Schwierigkeit, uns auf der rückwärtigen Bank sowie drei auf dem Beifahrersitz zusammenzuquetschen. Sobald wir zuhause angekommen waren, warfen wir die Schultaschen in eine Ecke, rissen uns die Kleider vom Leib, schlüpften in unsere Badeanzüge und rannten hinunter zum Strand.

Nach Sonnenuntergang stapften wir dann heißhungrig zum Abendessen den Hang hinauf. Es gibt nichts Besseres, um den Appetit anzuregen, als sich zwei, drei Stunden im Meer zu tummeln. Inzwischen war dann auch unser Vater nach Hause gekommen, und wir verbrachten eine wunderschöne Zeit im Kreis der Familie, in einer viel entspannteren Atmosphäre als in Sarona, wo dann immer Gretel Messerle uns direkt nach dem Abendessen in die Betten gesteckt hatte, damit sie noch mit Freundinnen treffen konnte. Wir kamen dann in unsere Betten im Erdgeschoss, während unsere Eltern im Obergeschoss noch aufblieben.

Während der Ferien ging meine Mutter am Nachmittag gern mit uns zum Strand, um gemeinsam mit uns zu schwimmen. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie sie in ihrem altmodischen schwarzen Badeanzug mit dem Sittsamkeitsröckchen ins Wasser schritt, wobei sich das Röckchen um sie herum aufbauschte, was wie eine fette Ente wirkte, an die sich drei ihrer kleinen Entchen klammerten. Sie schwamm leidenschaftlich gern und watete deshalb so rasch wie möglich durch die Brandung, um mit der hereinkommenden Dünung federleicht nach oben und unten zu schweben. Sie hielt dann Klein-Max in ihren Armen, Ernie, mit einem aufblasbaren Gummiring unter seinen Achseln, hängte sich an ihre Schultern, und ich vervollkommnete die Familiengruppe, indem ich um sie herum schwamm. Ich nahm mir immer etwas Zeit neben dem Treiben mit meinen Freunden, um dieses Familienidyll zu genießen. Nach einer Weile wurde ich aber stets neugierig, was meine Freunde wohl jetzt anstellen würden, und ich passte eine Welle ab, die mich zum Strand zurück trug. Meine Mutter versuchte nie, mich daran zu hindern.

Selbst wenn wir nicht in dem Haus am Strand wohnten, fuhren einige von uns manchmal mit den Rädern von der Kolonie aus an den Strand, um schwimmen zu gehen. Es war ganz einfach, dorthin zu gelangen, obwohl man dann durch ganz Tel-Aviv, Walhalla und den alten Teil von Jaffa mit dem Fahrrad, dem Auto oder dem Bus fahren musste. Bule (Siegfried) Hasenpflug ist sogar einmal den ganzen Weg im Dauerlauf hinter uns her gelaufen (etwa fünf Kilometer), weil er nicht allein zuhause bleiben wollte und noch zu klein war, um ein Fahrrad zu fahren.

Der Strand lag außerhalb der Stadtgrenze. Autos konnten - und das geschah oft - sich leicht auf den sandigen Wegen festfahren, wenn der Fahrer nicht besonders vorsichtig war. Man konnte auch über abgebrochene Sabra-Blätter (der Birnen- oder Opuntien-Kakteen) fahren, die auf dem Boden lagen und deren lange Stacheln die Fahrradreifen durchbohren konnten. Autos konnte man oben auf der Böschung vor der Villa Südstrand parken, oder man ging von der letzten Bushaltestelle an der Stadtgrenze die letzte Strecke zu Fuß. Palästina ist ein kleines Land und die Entfernungen sind nicht sehr groß. Die Fahrspur führte einen in mäßigem Gefälle, vorbei an Sabre-Hecken seitlich der Böschung, hinunter ans Meer und an den weißen Sandstrand.

Es gab am Südstrand keine Läden und modernen Komfort und auch keine arabischen Händler. Damals verkaufte dort niemand etwas, nicht einmal Wasser. Es war eben kein Strand wie die heute in Australien so populären, mit gepflasterten Straßen bis in die nächste Nähe und gepflasterten Parkplätzen überall. Nein, alles war recht primitiv, naturbelassen, ohne Menschengedränge, halt nur von uns Deutschen zum Baden genutzt. Wir Kinder waren richtig begeistert davon.

Wir konnten zum Beispiel über ein felsiges Gebiet bis zu einem tiefen Felsbecken mit sandigem Untergrund waten. Dort konnte man Papageienfische und Felsenkrebse sehen, rote Seeanemonen mit ihren langen Fangarmen, die sich in der Strömung wiegten und sich manchmal um die Finger wickelten, wenn man in ihre Nähe kam, und andere Lebewesen des Meeres, wie Napfschnecken, Krebse und Seetang. Wenn man an den Rand der Felsen in das tiefere Wasser kam, konnte man bis zum »Insele« schwimmen, einer kleinen Felseninsel, die in einiger Entfernung lag. Bei Flut wurde das Insele von den Wellen überspült; wenn man die richtige Welle erwischte, trug sie einen auf die Spitze der Insel, was viel einfacher war, als zu versuchen, hinauf zu klettern. Wir fanden schnell heraus, dass es einen umwarf und auf die Seite rollte, wenn man bei einer großen Welle mit beiden Beinen auf der Kante der Felsen oder auf der kleinen Insel stand. Wenn man aber nur auf einem Bein stand und das andere über die Welle hob, konnten die Wellen einen nicht hochheben und untertauchen.

Wenn man an dieser kleinen Insel hinab tauchte, die auf ihrer Oberfläche kaum mehr als fünf Quadratmeter maß, konnte man sehen, dass sie unter Wasser wie ein Pilz geformt war, der im Sand verankert war und nur einen Umfang von zwei Metern hatte. Die Oberseite des Pilzes, die bei Ebbe der Luft ausgesetzt war, war durch Generationen von Austern, Napfschnecken und anderen Meeresbewohnern so angewachsen, dass sie in Jahrhunderten die jetzige Form angenommen hatte.

An der südlichen Kante des Felsengebiets, da wo der Sandboden unserer kleinen Surfbucht begann, ragte eine Felsplatte aus dem Wasser, nach Süden geneigt. Das war ein Gebiet, vor dem ich mich immer fürchtete, weil ich glaubte, dass die häufigen Wellen, die über diese Platte mit großer Wucht und Intensität schlugen, mich nach unten ziehen und ertränken könnten. Aber eines Tages, als die See ganz ruhig war, nahm ich allen meinen Mut zusammen und schwamm hinaus, um sie zu erkunden. Ich fand, dass ich ganz sicher abtauchen konnte und dass es darunter keine Höhlen gab, in denen man ertrinken konnte. Seitdem war ich meine Furcht los.

Wir schwammen und surften an dem sandigen Teil der Küste und ritten auf der Brandung mit unseren selbstgebauten Wellenbrettern, die aus nichts anderem als aus breiten Brettern bestanden, die wir vorne spitz zugesägt hatten. Man konnte auf den Wellen aber auch mit den breiten und sehr flachen Paddelbooten reiten, die unser Kunstlehrer Eugen Faber, unterstützt von den älteren Jungens, gebaut hatte. Sie bestanden aus einem Holzrahmen, auf beiden Enden spitz und mit starker Leinwand überzogen, die sorgfältig mit Leinöl getränkt war, um sie wasserdicht zu machen. Trotzdem mussten sie nach jeder Fahrt geleert werden, weil sie leckten. Hierzu waren besondere Drainagelöcher vorgesehen, die mit Stöpseln verschlossen waren. Man konnte mit diesen Booten entweder im Sitzen oder im Stehen Wellen reiten und mit einem Paddel steuern, einem langen Besenstiel mit runden Scheiben, wie Pingpongschläger, an beiden Enden, und so eine Kollision mit anderen Wellenreitern vermeiden.

Als 1938 der Deutsche Club Villa Südstrand eröffnet wurde, konnte man dort Erfrischungen kaufen, allerdings nur zu gewissen Zeiten, wenn der Verkauf mit freiwilligen Helfern besetzt war. Nachdem ein Herr Zimmermann als Manager eingestellt worden war und in dem Gebäude wohnte, konnte man gegen eine geringe Gebühr dort auch duschen und sich umziehen. Davor mussten sich die Jungens verstohlen hinter den am Strand liegenden Kähnen umziehen, während die Mädchen hinter einem großen Badetuch verschwanden, das von ihren Freundinnen gehalten wurde. Ab 1938 wurde in den Sommermonaten auf dem Sandstrand auch eine »Arische« errichtet, die aus vier Holzpfählen bestand, die mit Seilen am Boden verspannt waren und, mit einem Segeltuch abgedeckt, Schatten spendeten. Sobald die Sonne weiterwanderte, mussten wir uns ebenfalls weiterbewegen, um im Schatten zu bleiben.

Unser arabischer Bademeister Sliman war während des Tages dort anwesend und benutzte eines der wenigen Paddelboote, um Schwimmer, die in Schwierigkeiten geraten waren, aus der Strömung zu retten, die zeitweilig ziemlich stark war. Ich hatte mich bald an die Strömung gewöhnt und fand, dass man sich nicht davor fürchten müsse. Hauptsache war, dass man nicht in Panik ausbrach und sich einfach ins Meer hinaus tragen ließ. Die Strömung trug einen nie zu weit hinaus. Schließlich kam man an einen Punkt, wo sie alle Kraft verloren hatte und man dann leicht zum Strand weiter südlich zurück schwimmen konnte in die Nähe einer Felsenformation, die da aus dem Wasser ragte und die »Adamsfelsen« genannt wurde. Dann konnte man dem Strand entlang wieder nach Norden zurück gehen, wo es einen zuvor weggefegt hatte. Obwohl Sliman ein sehr guter und starker Schwimmer war, zog er ein Boot vor, um rasch zu einer Rettung an Ort und Stelle zu sein. Man konnte auch sein Boot ausleihen, wenn er der Ansicht war, dass man damit umgehen konnte.

Einmal kam eine Abteilung britischer Truppen - vielleicht war es auch ein Teil des australischen Kontingents, ich bin mir nicht sicher - an den Strand, um zu schwimmen. Sie parkten ihre Fahrzeuge ordentlich, stellten ihre Gewehre in Pyramidenform jeweils zu sechs Stück in geraden Reihen in der Nähe der Boote auf, ihre Koppel, Bajonettscheiden und Patronengurte über die aufgepflanzten Bajonette gehängt, um sie so vor dem Sand zu schützen. Sie zogen in den überdachten Lkws ihre Uniformen aus und ihre Badehosen an, und auf ging's zum Wellenbaden - alle zusammen mit Ausnahme von zwei Posten zur Bewachung von Lkws, Waffen und Munition.

Ein Offizier hatte mit unserem Sliman, für einen Bakschisch, verabredet, dass er ein besonders scharfes Auge auf sie halten sollte, weil einige der Soldaten Nichtschwimmer waren. Wir Jungen beobachteten diese Aktivitäten natürlich mit Faszination, da sie in militärischer Disziplin und unter lauten Kommandos des Sergeanten abliefen. Eine Gruppe Araber hatte sich auch eingefunden, und sie und Sliman redeten und gestikulierten mit den Posten, dann verschwanden sie, während die Soldaten noch schwammen und dann langsam ihre Uniformen wieder anzogen. Langer Rede kurzer Sinn: als die Soldaten sich bei ihren Waffen und dem übrigen Zeug aufstellen sollten, entdeckte man, dass eines der Gewehre und ein Patronengurt fehlte. So etwas passiert natürlich nur, wenn man Soldaten in voller Ausrüstung zum Schwimmen ans Meer bringt!

Da brach die Hölle los, mit ungeheurem Gebrüll, Fluchen und Suchen in und unter den Booten und überall. Sliman wurde befragt, aber er sagte, dass er die ganze Zeit auf die Schwimmer hätte aufpassen müssen und er weder etwas gesehen noch gehört habe. Die Hütte, in der er schlief, wurde gründlich untersucht, aber Gewehr und Munition blieben verschwunden. Schließlich, es dämmerte schon, fuhren die Soldaten ab. In dieser Nacht, nachdem wir schon zu Bett gegangen waren, hörten wir aus Richtung der Bierfabrik, wie ungefähr zehn Schüsse in die Luft gefeuert wurden. Ich hörte erstmals das Wimmern eines Querschlägers - eine Kugel war unzweifelhaft von einem Stahlträger abgeprallt. Es war auf jeden Fall das erste Mal, dass irgendwelche Schüsse fielen, während wir am Südstrand wohnten.

Am Strand wuchsen Kakteenbüsche am Fuß der Böschung, und große Holzboote (Maonen) lagen da, entweder zur Reparatur oder aufgegeben und vor sich hinrottend. Jaffa hatte nur einen sehr kleinen Hafen, geschützt durch eine felsige Einfahrt. Dampfer ankerten so nahe am Ufer, wie es nur ging. Die erwähnten Leichter-Boote wurden dazu benutzt, Passagiere und Frachten zum und vom Schiff zu transportieren. Das war bei schwerer See ein recht riskantes Unterfangen, um an den beiden Felssäulen vorbei in die Sicherheit des kleinen Hafens zu gelangen. Wenn die Holzplanken der Bootsrümpfe während der Sommerhitze - wenn von Mai bis August (den Monaten ohne »r«) kein Tropfen Regen gefallen war - völlig ausgetrocknet waren, mussten sie neu kalfatert, repariert und, wo nötig, mit neuen Planken bestückt und Ende Sommer frisch gestrichen werden.

Um diese Boote aus dem Wasser zu holen und sie wieder ins Wasser zurück zu bringen, zogen etwa 50 Araber sie an langen Seilen über eingeseiften Bohlen über den Sand, so dass der Kiel gut gleiten konnte. Einige Männer stabilisierten die Seiten des Bootes, damit es nicht umkippte, andere trugen die Bohlen von hinten nach vorne. Ein Sänger gab den Takt an, damit alle jeweils gleichzeitig das Boot ein Stück weiter zogen, Ich höre immer noch seine Singsang-Stimme rufen: »Hey heyouhi shütt ya aulad!« (He, alle Mann zugleich ziehen!). Auf das Wort »shütt« zog jeder mit aller Kraft und rannte weiter und stolperte, wenn das Boot etwas leichter lief. Leider »erleichterten« sich diese Arbeiter und auch andere, wie die Kameltreiber, hinter den Booten am Strand. Die Gegend stank deshalb immer zum Himmel, und man musste sehr vorsichtig sein, um nicht in die vielen Fäkalien im Sand zu treten.

Ich schaute auch gern den Fischern beim Fischfang zu, wie sie einen Schwarm in der Nähe der Küste entdeckten und dann ihre runden Netze in hohem Bogen über eine recht große Fläche auswarfen. Sie mussten ein sehr scharfes Auge gehabt haben, denn ich sah nie einen Fisch, als sie ihr Netz warfen. Sie gingen dann weiter und folgten den Fischen, bis sie dachten, dass sie welche fangen könnten. Ihr Netz hatte ringsherum Hunderte von Bleigewichten, die es rasch nach unten spannten. Wenn das Wasser aber zu tief war, konnten die Fische unter dem Blei wegschwimmen. Durch Ziehen einer Schnur durch die Netzmitte konnten die Fischer die Gewichte zusammenziehen und das mit Fischen, Algen und Krebsen gefüllte Netz an Land bringen, den Fang aussortieren, das Netz trocknen und zum nächsten Wurf fertig machen. Ich sah es nicht gern, wenn sie die schmalen Blätter des Dünengrases durch Kiemen und Mäuler der Fische zogen, sie zu fünft oder sechst bündelten und zum Markt trugen, während diese sich noch bewegten.

Zu gewissen Jahreszeiten mussten wir uns das Wasser mit Quallen teilen. Ich weiß nicht, warum manchmal so große Mengen dieser Kreaturen an unseren Strand kamen. Es waren nicht dieselben Arten, wie wir sie in Australien kennen, sondern die »Portugiesischen Kriegsschiffe« in allen Größen vom Baby bis zum Erwachsenen, die Glocken bis zu 40 cm Durchmesser hatten. Wenn wir sahen, dass eine Menge verrottender toter Quallen am Spülrand unserer Bucht angetrieben worden war, gingen wir an einem solchen Tag überhaupt nicht ins Wasser, denn es war keine Freude, von ihren bläulichen Fangarmen, die sie hinter sich her zogen, berührt zu werden. Sie bewegten sich vorwärts oder nach oben und unten durch pulsierendes Zusammenziehen ihrer Glocke und düsenähnlichem Ausstoßen des Wassers. Sie waren manchmal nur schwer zu entdecken, bis es dann zu spät war. Selbst wenn man am Strand mit nackten Füßen über sie lief, konnte man sich daran »verbrennen«.

An Tagen, an denen wir, wegen der Quallen oder weil das Meer zu wild und gefährlich war, nicht schwimmen gingen, trafen wir uns abwechselnd in unseren Häusern zu Brettspielen, zum Lesen, Schwatzen oder Faulenzen, was auch Spaß machte. Wir sammelten auch öfters Muscheln, wenn wir in südlicher Richtung am Wasser entlang wanderten. Ich glaube, jeder von uns hatte so seine eigene Sammlung. Wenn es auch keine exotischen Muschelarten waren, wie man sie an den tropischen Stränden von Nordaustralien findet, waren wir doch glücklich und stolz, wenn wir eine farbige in perfektem Zustand gefunden hatten. Diejenigen Muscheln, die wir »Mäusle« nannten, waren hoch geschätzt und wurden eifrig getauscht.

Ich sollte auch die Hunderte von Sandkrabben erwähnen, die unsere Bucht bevölkerten. Weiß und nahezu transparent lebten sie in Löchern im Sand auf dem harten Teil des Strandes. Wenn eine Welle über ihre Löcher hinweg rollte, mussten sie sich selber wieder ausgraben. Zum Fressen liefen sie mit ablaufender Welle hinunter, um sich dann noch vor einer auflaufenden Welle zu drehen und wieder den Strand hoch zu hasten. Manchmal schien es, als ob der ganze Strand lebendig geworden wäre, aber manchmal sah man auch gar keine. Ich weiß nicht, wovon sie leben, höchstwahrscheinlich von so winzigen Teilchen des durch den Wellenschaum herangetragenen Meeresgetiers, das wir gar nicht sehen können. Sie waren mit Scheren bewehrt, benutzten diese aber nicht gegen uns, sondern rannten nur weg.

Mitte März 1939 verließ ich Palästina als Zwölfeinhalbjähriger, zum ersten Mal fort von zuhause und von Familie und Freunden getrennt, und saß in einem Auswahlprüfungskurs in Tübingen. Nachdem ich akzeptiert worden war, kam ich in die Schule Landstuhl auf der Ordensburg Crössinsee in der Nähe von Falkenburg in Pommern. Ich kam in den Sommerferien Ende Juli zurück nach Palästina. Meine Familie holte mich vom Hafen in Jaffa ab, und ich fuhr mit ihnen für einen Monat an den Südstrand, ehe ich dann am 3. September von Jaffa aus mit dem Dampfer Galileo Galilei« in die Schule nach Deutschland zurückkehren musste. Ich habe diesen wunderschönen Monat am Strand sehr genossen und habe jede Minute ausgekostet, da ich wusste, wie ich den Südstrand und meine Freunde vermissen würde, wenn ich wieder weg war.

Eines Abends blieb ich ganz allein am Strand. Es war schon recht dunkel geworden, und der Mond sandte nur ein ganz blasses Licht zur Erde. Ich dachte über meine einsame Zukunft nach und saugte die mich umgebende Atmosphäre in mich ein, um sie in meinem Gedächtnis zu speichern als einen Verteidigungswall gegen das Heimweh, von dem ich wusste, dass es auf mich wartete. So nahm ich eines der Paddelboote und paddelte hinaus zum Horizont, stand aufrecht im Boot, bis ich die Lichter von Land fast nicht mehr sehen konnte. Es war eine der stillen, mit Duft erfüllten Nächte, wenn die Algen auf See erblühen und wie feurige Tropfen vom Ende des Paddels zu fallen scheinen. Ich fühlte einen vollkommenen Frieden und mich eins mit meiner Umgebung. Ich legte das Paddel der Länge nach ins Boot, sprang ins Wasser und kühlte mich mit einem langen Unterwasserzug ab.

Als ich nicht mehr genügend Luft hatte und an die Wasseroberfläche zurück kam, um meine Lungen erneut zu füllen, fuhr ein entsetzlicher Schreck durch meine Glieder: das Boot war durch meinen Kopfsprung abgetrieben worden und nirgendwo mehr zu sehen. Mit dem Kopf gerade noch über der Wasseroberfläche, konnte ich keinerlei Lichter an Land sehen. Ich wusste also nicht einmal, wo sich das Land befand!

Eine unbeschreibliche Panik ergriff mein Herz, ich dachte, mein Ende sei gekommen. Dann aber versuchte ich, vernünftig zu denken: was soll's, du bist doch noch nicht tot, reiß dich also zusammen, die Wellen gehen doch landwärts, also schwimm einfach mit ihnen, und du wirst schon ankommen. Aber kann ich wirklich so weit schwimmen? Die Zweifel kamen wieder hoch. Nun ja, sagte ich zu mir selbst: wenn ich es nicht schaffe, gibt es wohl eine schönere Art zu sterben als hier, in dieser Umgebung, in der ich mich so zuhause gefühlt hatte und die ich so sehr liebte?

Ein wundervoller, feierlicher Friede breitete sich in allen Fasern meines Wesens aus, und als ich auf einer Welle weiter schwamm und diese mich ein wenig höher hob, sah ich plötzlich das Boot auf einem anderen Wellenberg als Silhouette gegen das Mondlicht ganz in meiner Nähe. Es bedurfte keiner besonderen Anstrengung, um zu ihm zu schwimmen und zur Küste zurück zu paddeln, wo ich voller Dankbarkeit meiner wunderbaren Rettung bewusst wurde.

Dies sind nun meine Erinnerungen an ein kleines Fleckchen Paradies, in dem wir von 1936 bis 1939 jeden Sommer wohnten. Es machte aus uns gute Schwimmer und erhielt uns gesund in einem ungesunden Klima. Ich fühlte mich dort immer sehr glücklich und zufrieden.

Aber warum entwickelten wir wohl eine solch sentimentale Liebe zu diesem Ort? Ich glaube, es war mehr als nur die physische Lebenslust am Strand, es war die emotionale Freude an der Kameradschaft in der Gruppe, zu der wir gehörten; an den Spielen, die wir spielten; am gegenseitigen Austausch; an den Büchern, die wir in der Ruhepause nach dem Mittagessen lasen; an den Liedern, die wir im Sand sitzend sangen, wenn wir uns nach dem Abendessen in der Dunkelheit trafen; und was alles zusammenschweißte: eine bleibende Liebe und das Verlangen, den Zauber des Ortes für immer erhalten zu können.

Persönlich bin ich für alle Zeiten dankbar, dass ich diese Erfahrung des Dazugehörens machen durfte.

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